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Full text of "Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen"

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21 VS 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF D£M GEBIETE DER 

INDOGERMANISCHEN SPRACHEN 

BEGRÜNDET 

VON 

A. KUHN. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

K KUHN UND J. SCHMIDT. 



BAND XXXVn. 
NEUE FOLGE BAND XVII. 



GÜTERSLOH. 

DRÜCK UND VERLAG VON C. BERTELSMANN. 
19 4. 



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Inhalt. 

S«)ts 

Beiträge mr gcachichtÄ der lateinkcheji spräche. (Vgl. 35tecbr. XXXIV, 
l f[.J 4. Der wandel von 6v in fk\ «,1. — 5. testis 'zeixge' b. 18. — 

ö. haiulwf, büia. &. 22. Vou Felii SolmBen 1 

Die griecMschen pnLsentia auf -taxui. Von Johann es Schmidt . 26 
2um keltiäichea verbum. 1. Die verbaJpartikel ro, s. ht. — 2. Zum 
depouetLä oad pasäivum mit t' s. 92. — 3. Daä ^Präteritum» e. 111. 

Von Eudolf Thuriiüyäen . 52 

Hitolniederläniy&ch mere, lateiniäch munw. Von J, Franck , , . 120 
Zur form und bedeutung von pfifgat. Von J, Franck . . . . . . 132 

Xenes und Artaxenes. Von Faul Kretschmer .,.,... 140 
Stymologischeä und grammatisches. 1. G riech, layolg. — 2. l^t tran&^ 
tnntL — 3. Lal cdnäri. — 4. Lat. adulim\ stitprum. — ß, Lat. 
lafmla, griech. aa$f(i. — 6, Lat. bacchann!, lupnnar. — 7. G riech. 

<fxv$ü4^. Von E. Sehwy^er 14G 

Zur Chronologie der gdech. lau tge setze und zur sprachfrage der alten 

Hacedonier. Von Q. N. Hatsidakis 150 

Flroitietbeas in India. Von Edwin W. Fay .,..,...* 154 

Biyergmor, Vcn Johannes S chraidt 156 

Einp wortgmppe bei V^erriua Fincciu. 1. Lat. andruare rcdandfuare. 
s^ 157. — 2, Mlat. andromi andare, s. 170. — 3. AüBaorlat. ver- 

wandte, s. 176. Von Otto LagercrantK 157 

L^teioiadie warterhlärungen. 1. bubulmm »tibakm. s. 177, — 2. cahui. 
s. 181. ^^ 3. gruftda gugyrutida. b. 1Ö2. — 4. pe^^i^ij: e. 186. Von 

Otto Lagercrantz , . 177 

In 4mi lyfcischen Inschriften. 1. Die ingchnft Ton Ameai. a. 189. — 
2, Streitfrag-en {lati^ fArjw, myeni). b, 201. — S. Die bedingnng^- 
i£Ue. Yon Holger Fe de rsen . . . . . , , . . . , < 189 

8ifv#da ni. 3a. Von Edward V. Arnold 207 

Zur lehre von den aktioufiarten. Von HolgerFederien . . . . 219 
ffibernica. [Forfeetzung von KZ. XXXVI. 273—276,] XXIV. The paa- 
Mve pres, indic. sg. 3 in 4hiar. s. 250. — XXV, Two glosses in 
the Milan codex, a. 251. — XXVL Etjmologies. s. 253. Von Whit- 

Uj Stokes . 250 

WickemagelB gesell im Slavischen, Von EIofNilason 261 

SlAritche misteilen. 1. Abg. di*! s. 264. — 2, Öech. hrbdf poln, i^rzbiet 
8. 267, — 3. Slovinz. Iqhjic. — 4< Slcvinz. Ipt^t kasch. rpift. — 
5. Slovinz. mötik s. 269. — 6. Slevinz. v*f§st&^m^ s. 273. Von 

F. lorentz . 264 

Znm lateinischen waudel ron ov in ai\ Von Faul Kretichtner . . 274 
Aukcitstadieii. Von Theodor Siebe 277 



m i c 3 



IV Inhalt. 

Slavische miscellen. 7. Za Mithoüs polabischen sprachproben. 8. 324. — 
8. Polabisches. s. 328. — 9. Die ova-verba im Slovinzischen. s. 331. 

— 10. Die endung des instr. sing. mask. und neutr. im Slovinzischen 
ond £ji8chobiBchen. s. 334. — 11. Urslav. iti im Slovinzischen und 
Kaschubischen. s. 340. — 12. Slov. höum. s. 345. — 13. Easch. 
Heist riga, s. 347. — 14. Auslautendes u im Kaschubischen und 
Slovinzischen. s. 349. Von F. Lorentz 324 

Bemerkungen über die akzentqualitfiten des Kaschubischen und Slovin- 
zischen. Von P. Lorentz 361 

Der genetiv-accusativ bei belebten wesen im Slavischen. Von Erich 

Berneker 364 

Ifiscellen. 1. Zur Ursprache, s. 387. — 2. Zur heri[unft des slavischen 
z. s. 396. — 3. Zur gutturalfrage, s. 398. — 4 Altir. anmimm. s. 404. 
5. Wortdeutungen. s. 405. Von E. Zupitza 387 

Neugriechisches und Bomanisches. I. Die synkope im Neugriechischen. 
s. 407. — 2. Wechsel von ß und fx im Neugriechischen, s. 415. 
Von Karl Dietrich 407 

Irisches. 1. Auslautendes -fU im Irischen, s. 423. — 2. Die irische prä- 

position la, s. 424. Von Kudolf Thurneysen 423 

Miscellen. Von L. v. Patrubäny 427 

The second Man^ala of the ^igveda. Von Edward V. Arnold . . 429 

Beiträge zur erklärung der altpersischen Achaemenideninschriften. Neue 
folge. Zu Hüsings „ Altiranischen Mundarten", s. 489. — Auslauts- 
gesetze, s. 500. — Schwund von intervok. h. s. 508. — Umlaut und 
epenthese. s. 513. — Vrddhi in der sekundären nominalbildung. s. 521. 

— Iran. 8, z, 88j zz im Ap. s. 525. — ak^Hmauiy adarinaui 3. sg. 
impf. s. 540. — Etymologien und verwandtes, s. 541. — Über- 
setzungen, Textkritik, s. 548. — Indices. s. 566. Von Willy Foy 486 

Slavische etymologien. 1. Gemeinslav. bürzü. s. 575. — 2. Gemeinslav. 
driataii driakati. s. 578. — 3. Poln. grot, öech. hrot — 4. Poln. 
lach lachmana, russ. löchma löchonü. s. 580. — 5. Grruss. Ijagdü. 
8. 581. — 6. Gemeinslav. minqti minovati und miUiku. s. 582. — 
7. Gemeinsl. *mini. s. 584. — 8. Buss. mlid und gemeinslav. mlinü 
blinü. 8. 587. — 9. Gemeinsl. roniti. — 10. Bobb. pdaerbu^ i^ohk.panerb 
und der name der Sa-ben und Sorben, s. 592. — 11. Gemeinslav. 
sliva. s. 598. — 12. Gemeinslav. strupü. s. 600. — 13. Poln. warch. 

s. 601. Von Felix Solmsen 575 

Ein Zusatz zu ztschr. XXXVn, 364 fi: Von G. Surmin 601 

Johannes Schmidt f 604 

Sachregister 605 

Wortregister 622 



Beiträge zur gescMclite der lateinischen 

spraclie. 

Vgl. ztschr. XXXIV 1 ff 
4. Der wandel von Öv in ^i?,*) 

Thuraeysen (ztsclir. XXVHI 154 ff) and Havel (MSL. 
VI 11 ff) haben etwa gleichzeitig, um die mitte der achtziger 
jähre, bemerkt, dass eine anzahl von lat. äv ans älteren öv 
mit o = idg. ö und v - idg. u oder g gh hervorgegangen sind: 
f^ÜDeo = gr, noitA^ cävos zu gr, x6ol thöhlungen" KofkOi; aus 
•jeo/*df>^ 'hoh]\ lävo - gr. kom , päveo = gr, ^tt^foi, um vor- 
läufig nnr ein paar sichere beispiele anzutlihreu. Über die 
iat^ache selbst kann kein streit sein, nur über den umfang 
kann man zweifeln, innerhalb dessen das lautgesetz wirksam 
gewesen ist. Denn es fehlt nicht an ausnahmen : es heisst, 
nm widerum zunächst nur allgemein anerkanntes zu nennen, 
oms neben gr. o*g aus *o/tc, bovis böves neben ßoig ßoig, und 
portng, fom^ span, cueva *höMe\ portng. covo *hohr gegenüber 
prov, mus ^hohr, rät. cava 1iölilung\ it, mvü *hohr, cava 
*gTabe' zeigen, dass zur zeit als die ronianisierung der 
Pyrenäenhalbinsel in angriff genommen wurde, also um die 
wende des 3. und 2. Jahrhunderts v. Chr.j als in Rom die 
litteratnr schon kräftig emporblühte, in der Volkssprache noch 
die fomieii ciwös mim im schwänge waren (vgL Gröber 
Archiv I 550). Der neueste bearbeiter des gegenständes, 
Lionel Horton-Smith in seiner schrift: *The establLshment and 
estension of tlie law of Thumejsen and Havet' Cambridge 
1891* (einem sonderabdruck von aufsätzen, die 1H95 und 1896 
im American Journal of pliilology erachienen sind), sucht sich 
— er steht dabei durchaus auf den schnlteni seiner vor- 



)) [In dem godanken, der in dorn tolg-enden aufsaize darchgefdJirt iät^ 
bin k'li zu meiner freudo mit Hirt /;ui»ammeng-etrofle[i , der ihn in Deinem 
iwiMsteii werke: Der indogennaniscbe abiaut (t^tmääburg 1900) s. 11 gleich- 
Eiils ai«g«0proelie]i hat. Hlrt^ bncb ist mir am 4. november xugegan^en, 
aeiotf lri>6lt war der redaktlon am K. Oktober übe>r^üit worden. Da Uirta 
hHBltlniflgfn gan^ kurz gchidten .sind, baUo ich. geglaubt die austtihrÜL-he 
fc l gjO lidiing un^ere^ stand pnnkteB nicht unterdrücken %u aoUen.] 



2 Felix Solmsen, 

gäuger — mit diesen tatsachen so abzufinden, dass er ovis 
und hcmis -es als enüehnungen aus einer italischen nachbar- 
mundart hinstellt und wegen der portugiesisch-spanischen 
formen annimmt, der lautwandel habe in der spräche der 
niederen Volksschichten erst nach beginn des 2. Jahrhunderts 
y. Chr. platz gegriffen, während ihn die höheren stände, deren 
redeweise die litteratur widerspiegle, schon im laufe des 3. 
durchgeführt hätten. Ich habe die bedenken, die diese auf- 
fassung wach ruft, in aller kürze schon in meiner anzeige 
von Horton-Smiths schrift in der Deutschen litteratui^eitung 
1899, spalte 1474 f. zum ausdruck gebracht. Ich kenne kein 
beispiel dafür, dass ein autochthoner lautwandel, wohlgemerkt 
ein autochthoner, nicht etwa ein solcher, der unter dem ein- 
fluss einer anderen mundart, vor allem eines in der ausbildung 
begriffenen oder ausgebildeten schriftdialekts, zum durchbruch 
gelangt, in der spräche der höher stehenden klassen einsetzt 
und von da aus in die tiefe des volkes hinabsteigt Alle 
beobachtungen , die wir haben (es wäre freilich zu wünschen, 
dass wir deren mehr hätten), weisen vielmehr darauf, dass 
da, wo eine soziale gliederung überhaupt in frage kommt, 
die spräche der unteren schichten der gesellschaft der eigent- 
liche herd für die lautlichen änderungen ist, die sich voll- 
ziehen, und dass die neuen sprechweisen von da aus in die 
höheren kreise emporsteigen. Den lautwandel aber ganz all- 
gemein erst in den anfang des 2. Jahrhunderts zu rücken, 
wie dies Lindsay tut (lat. spr. s. 269 f. der deutschen Über- 
setzung, nach der ich eitlere), geht deshalb nicht an, weil 
wir dann in der litteratur, deren spräche gegentLber der des 
lebens ja immer um etliches zurück ist, also beispielsweise 
bei Plautus, noch das ursprüngliche ov oder wenigstens reste 
davon zu finden erwarten müssten.^) In Wahrheit aber hat 
dieser dichter durchgehends caveo cavea lavo pwveo u. s. w., 
und nirgends, so viel mir bekannt, taucht in der Überlieferung 
eine spur des ov bei ihm auf. Wenn ferner die datierung 
Horton-Smiths oder Lindsays zuträfe, so müsste die enüehnung 



^) Man erinnere sich der treae, mit der altes vö- in vorto vorro voster 
voto, das tatsächlich im laufe des 2. Jahrhunderte, wenn aach vielleicht etwas 
später als nach Lindsay der Übergang von öv in äv fiele, den wandel zu t*^- 
durchgemacht hat, in der guten Plautusüberlieferung bewahrt ist (vgl. stud. 
z. lat. lautgesch. 19 iL). 



Beitrtte tat gtachiclite der lÄteinischen spräche. 

Ton Ovis und bovis -es erst im 3. oder gar 2. Jahrhundert 
V. Chr. stattgefnnden haben; denn wären sie frühei* über- 
Dommen. so würden sie doch der Wirksamkeit des gesetzes 
noch verfallen sein. Wer aber wird das für eine zeit glauben, 
in der vielmehr die mnndart Borns ihren siegeszug durch 
Italien und weiter antritt? Endlich ist mit den vorhin ge- 
nannteti drei fällen meiner meinung nach die liste der aus- 
nahmen, die der lantwandel aufweist, nicht erschöpft. Mit 
bestimmtbeit nehme ich idg. ü-qualität in anspruch für das ö 
von föreo 'wärme'*) aus dhöghelö = ai, dahmjümi 'mache 
brennen, lasse verbrennen' zu ddhami, lit degü 'brenne' 
(trans.). Wenn Thurnejsen a. a. o, 159 und Havet a, a. o. 19, 
denen Horton-Smith s, 9 anm. 1 folgt, ^ßvm als grundfonn 
anseilten, so lehrt t^m 'bin warm' gegenüber ai. iapäyami 
^erhitze', altbulg, topii\ hvännen' zu ai. täpümi 'erhitze', welche 
nfjtance des sinnes das lateinische verbuni dann aufweisen 
wSrde; zndero zeigen lyrt^vis und l^m^ dass vor dem aus idg. 
labiovelar erwachsenen v altes ? von dem waiidel in 6 nicht 
mehr betroffen wurde (Lindsay lat. spr. 261). Auch das o 
von vüvm *gelobe* neben ai. voghdt *der gelobende, beter' (und 
gr. mixofjtm?) wird als ur- und voritalisch gesichert durch 
umbr. vnfetes part. perf, pass., dessen gldchsetzung mit 
lat mtis aus "^vövet- nach form und bedeutung dui-chaus ein- 
laooht^d ist; dazu noch vufru 'votivum' und Vufinne 
Uüfione *deo votorum conipoles facienti' (Bücheier lex. ItaL 
XXX b, V* Planta gramm* I 449 f ), Die analogie dieser 
Tcrbä spricht schliesslich dafiir, dass auch möveo 'bewege' 
neben gr. a^t^vomi ä^nvtjua^m 'vorankommen, übertreffen', 
korinth. aamfA aus *a/4f)/-ia ^tausch, entgelt' mit ursprüng- 
lichem 6 anzusetzen und mit Ut. mänjn 'streife' zu identifizieren 



') Bie9 diese bedeuttuig' die areprüngUche , die geltang' 'he^f P^t^ge* 
ist, wird durch die alten ableitongen fnmm 'zünde r', f^^mefttum 
'zimder, warmer umschJag', föddum *geföas tum wannen' verbürgt. Ich 
Uhn» deah&lb ebenso wie Brngmann grdr. t' 319 fbisn. I die annähme von 
^eltwitz (Bezz* beitt. XXI 163 T) ab, dass fövco dem ai* bhärdynnn * bringe 
ini dflfi^in, erz^tiget belebe, fordere, hege, pftege\ dem caiisaüvam der wd. 
hk6, etite|»recho, tmd meine sogar, dass kein anlass vorliegt &n ein 7.usammeii- 
tttaveti von ^dhaghH^t un<\ *bh(n^tin in fovco zu denken, eine mögHehkeit, 
die BmgiDimi allenMlä gölten lassen wiU. Denn die bedontunpentwickltmg 
rmn *m§xmti' im *bege, pflege^ ist eine no leichte und natürliche, dasa wir 
la ülrrtii rerftAndnis ojcht die einmiBcbung ein es anderen verbums bmuchen. 

1* 



4 Felix Solmsen, 

ist, dessen atc nach dem ergebnis der Untersuchungen Bemekers 
IF. X 145 flf. viel wahrscheinlicher idg. ou als eu vertritt. 
Die drei verba reihen sich dann den in der sogenannten 
zweiten conjugation aufgegangenen causativbildungen wie döceo 
möneo torreo u. s. w. an, mit deren bedeutung sich die ihrige 
unschwer vereinigen lässt und mit deren flexionsweise die 
ihrige bestens übereinstimmt: föm vom mövi aus *fövS'vai 
*vövS'Vai *mövS'Vai (v. Planta gramm. II 354), fötxcs vötus 
mötus aus *fövS'tos *vövS'tos *mövS'tos (stud. z. lat. lautgesch. 
88 f.)^) wie döcul mönul aus *döc&'Vai *mönS-^ai, doctus 
monitus aus *döce'tos *mön^'tos. Allerdings würden föveo 
vöveo möveo als ausnahmen der uns beschäftigenden lautregel 
nicht in betracht kommen, wenn die einschränkung richtig 
wäre, unter der allein Brugmann in der neuen aufläge des 
grundrisses I* 155 ihre annähme für möglich hält: nur das- 
jenige ö soll von dem wandel ergriflFen sein, das nicht der 
?-reihe angehörte und flir die Ursprache als ä anzusetzen sei; 
dafür dass auch das mit ^ ablautende ö vor v zu a geworden 
sei, gebe es keine glaubwürdigen belege. Ich will davon ab- 
sehen, dass die lehre von dem doppelten ö der idg. Ursprache, 
einem ö und einem ä, vor der hand auf sehr schwachen 
fassen steht; über das Armenische, aus dessen lautverhältnissen 
sie in allererster reihe abstrahiert ist, sind die ansichten der 
kenner durchaus geteilt.^) Aber stellen etymologische Ver- 
knüpfungen wie die von favis(s)ae ('locum sie appellabant in 
quo erat aqua inclusa circa templa. Sunt autem qui putant 
favissas esse in Capitolio cellis cistemisque similes. ubi reponi 
erant solita ea quae in templo vetustate erant facta inutilia' 
Paul. Fest. 62, 30 ff. Th. d. P.) mit fövea 'grübe', gr. ;f€ia 
*loch, Schlupfwinkel' aus *;ff/-ta und vor allem von fävilla 
*dünne asche, besonders wenn sie noch glimmt, loderasche' 
mit föveo und gr. rifpQa 'asche' aus *dhegh'ra etwa keine 



») Die einwürfe, die von verschiedenen Seiten gegen die von mir a. a. o. 
82 ff. gegebene erklärong des wandeis von öv^ in D vorgebracht worden sind, 
habe ich gewissenhaft geprüft, bin aber durch sie nicht von der onhaltbarkeit 
meines Standpunktes überzeugt worden. Näher auf sie einzugehen würde 
hier zu weit abführen. 

*) Im übrigen verweise ich auf die kritik, der Pedersen vor kurzem, 
ztschr. XXXVI 86 ff., das idg. ä unterzogen hat, ohne sie jedoch in allem 
einzelnen unterschreiben zu wollen. 



:mr g^cfaifltte dar lateinisehen apmcbe. 



glaabwüjrligeii belege dar? Uüd geht aus ihnen nicht hervor, 

, dass das o, neben dem ablatitsformen mit ff stehen, dem 
waudBl ebenso gut unterworfen war wie dasjenige j neben 
dem wü* keine solchen nachweisen können? 

Die dargelegten einwände rechtfertigen wohl das urteil, 
da^ die bisherigen bemtihungeu die lalle zu erledigen, die 

Edem wandel von altera ou in äv zu widersprechen scheinen, 
fehlgeschlagen sind. Die folgenden Zeilen enthalten den 
versuch, dem problem auf einem anderen als den bisher be- 
txeteueu wegen beizukommen; dass es nur ein versuch ist, 
ist niemandem besser als mir selbst bewusst. 

Neben övis, das man angesichts des übereinstimmenden 
Zeugnisses von gr, ot;, ir. oi oe, got, awiMTj ahd. mi sich nicht 
leicht entschliessen wird ans *&uis herzuleiten j lag aviüus 
*agnu8 recentis partus' Paul Fest. 10, 32 Th, d. P,*) Viele 
gelehrte sind heutzutage geneigt wegen der vocaldifferenz 

i^fMlus von OVIS zu trennen und zu agmis zu stellen, also es 
auf *affU' zurücksiufnhren ; so Hcbweizer-Sidler lat gn IL 63, 
Stolz bist, granim. I 283. Brugniann grdr* P 606 u* a. Das 

l|sl im höchsten masse unwahrscheinlich: gr. ufivog aus ^aßvog^ 
lat afffim, nrkelt. ^ognos in air. mm kymr. oen körn, oin 
bret. 0/7«, urgerm. auno- aus ^aghno- oder *ogkn6', das durch 
ae. mnian engl to yean 'lammen', ndl. mundartlich oonen 

[^ttflge werfen' vorausgesetzt wii'd, altbulg, jagne stimmen, 
rohl sie hinsichtlich des vocals und consonanten der wurzel- 
nicht völlig mit einander harmonieren (s. darüber Osthoff 
W, IV 289 f, V 324 ff.)* bezüglich des ableitnngssuffisea durch- 
aus (Ibereiu und bezeugen, dass die einzelsprach en aus der 
epoclie der europäischen Urgemeinschaft eüi *äg(h}nm '^ögßi)n6s 
überkommen haben. Dafür dass neben dieser hUdnng noch 

uräie andere kürzere ohne das ?/-snffis fortgepflanzt worden 
»d, felüt jeder anhaltspunkt. Es ist also nicht abzusehen^ 
woher aviUus, das man doch wohl nicht als einen rest ans 
orearopäischer oder gar noch älterer zeit wird betrachten 
T *' ;. hätte abgeleitet werden können; auf lateinischem bezw. 
f :» m boden konnten zu agnus nur agneXlns agnimdimVi.^^ w, 

gebildet werden, die denn auch aus früherer oder späterer 

*| Die« geachlerht scheint dtirc^h die von Löwe (Prodromas 34S}) bei- 
Iffbfifliteii fenftiisf!* aujt ^1 ossären gesicbort. Überliefert ist amllm agniw 
rte^ p.f VW in sicli ebenso gut die verbeBserang: in atj^^m zulassen würde. 



6 Felix Solmsen, 

zeit belegt sind. Das naturgemässe ist und bleibt aviUus als 
deminutiv zu ovis anzusehen; damit man nicht etwa am ge- 
schlecht anstoss nehme, sei daran erinnert, dass Gellius XI 
1, 4 für die 'maiores' masculinen gebrauch von ovis bezeugt 
und mit einem citat aus Varro belegt. Hält man das primi- 
tivum und das deminutivum gegen einander, so drängt sich 
der gedanke auf, ob nicht die verschiedene färbung des vocals 
der ersten silbe durch die verschiedene läge des accents 
bedingt sei, mit anderen werten, ob nicht ö vor v erhalten 
geblieben sei, wo es den lateinischen hauptton trug, zu ä 
gewandelt, wo dieser auf der folgenden oder einer der folgen- 
den Silben ruhte. Dazu stimmen au-hubulcus *pastor ovium' 
(überliefert 'pastor bovium'; s. Löwe Prodromus 348 f.), das 
noch in der periode, als das lateinische accentuationsprinzip 
schon durchgedrungen war, aus *avi'hvhvXctis entstanden sein 
kann^ und avena 'hafer', wenn dies wirklich zusammen mit 
altbulg. o^fis^j lit. aviää gemäss der bekannten, von Jacob 
Grimm (gesch. d. d. spr. 66) herstammenden etymologie, die 
freilich nicht eben viel für sich hat, auf ovis beruhen sollte.^) 
Auf der anderen seite beweisen ableitungen wie öviaria övilis 
öviUiis (adj.) övintLs nichts dagegen; sie können ihr ö dem 
ausgleichungstriebe verdanken, der sich zwischen Substantiv 
und adjektiv, so lange ihre Zusammengehörigkeit lebendig 
empfunden wurde, mit natumotwendigkeit geltend machen 
musste. 

Sehen wir zu, ob sich die hypothese bei den anderen 
belegen des lautwandels durchfuhren lässt. Es ist auffallend, 
wie die mehr vereinzelt stehenden Wörter, die nicht ein 
umfangreicheres formensystem mit wechselndem accent aus- 
machen, sich ihr fUgen. Wir finden einerseits favis(s)ae neben 
fövea (o. s. 4), dessen ö nun unter umständen auch altes ö, 
nicht das S von gr. /^ta widergeben könnte; ßviUa und 



>) Neuerdings ist die stimmang mehr f&r die von Fick wtb. I' 502 >» 
* 12 Yorgeschlagene zusammensteUang mit ai. av€L8äm 'nahnmg' (s. z. b. 
SkatBch de nom. Ist soff, -no-ope form. b. 6 mid Schrader bei Hehn 
Knltorpfl.* 589). Ich halte auch sie für ganz unsicher, da die bedeatong 
des vedischen wertes, wenn sie überhaupt richtig bestimmt ist, erst sekundär 
ans 'fSrdenmg, labnng, erqnickung' {ävaa) entwickelt sein dürfte. Ist sie 
richtig, so wird das ä in ävena gleich idg. ä sein; vgl. das onten über äveo 
zu bemerkende. 



Beitrige Mir geichiehte der latemiänhen 



miitSf der wold am besten als dm* * wärmende, laue' ge- 
let wird, nebeü foveo, gi\ rerp^a ti. g. w. (o, s. 3, 4); 
cilPtJla -t*^ -lim 'scherz, neckerei' nebst cävilhr gegenüber 
gr* xoßmlog 'possenreisser, schalk> Spitzbube', mßnQog- yslota- 

MfjXtgjtfVfiata, ivupnv^ytjf.taTa Hes. (Havet a* a, 0, 21 *); auderer- 
a€itö iot^ iöi^e^ = /9oog ßit^. Wenn neben dem letzteren 
hm*ariu8, an dessen stelle erst ini beginn der kaiserzeit boariu^ 
tritt (stud. z, lat. lautgeseb. öO), bdvUe hovilluB bövinm stehen» 
»0 gilt für sie dasselbe, was eben zu miäria övllis u. s. w. 
aaggefhlirt worden ist. 

Audei-s steht die aache bei den formensjstemeB der in 
betracbt komntenden verba: in ihnen herrscht einheitlicher 
Tocalismns ohne rüeksicht auf die stelle des accents. Es 
heisst ebenso wie ßveo fm^emn ßve^ voveo vmeam vme^ mtveo 
wmeam move u, s. w. auch ßvemus fövebam fovelto ßvete, 
mtemtis vöv3am vöveJjo VQVete, mövemus moveham mövelio 
WUk^e u. 8, w. und demgegenüber wie cävenms cävebam cäveho 
Ctti^it€f pävemus p^Vf'lfam päveho pävete u. s. w. auch cäveo 
c&i>mm cmef pUveo p&veam pave u. B, w. löt die annähme 
kfilin, dass hier ein urspriinglicber Wechsel zwischen he- 
Diitem -dl;- und unbetontem -ilv- innerhalb der flexion durch 
Terschieden gerichtete uniformier ung beseitigt worden ist? 



*1 Die itleiche et^inolofpe liat dÄiin auch Lagercrantz ztscbr. XXXV 
2T9 ff, vürgetragen » ohne von Havets vorgange zu wiasen. Er t'aaat das ä 
?on CMrilla als altes ä auf und findet es in den glossematisch Qberiioferteö 
sii^tr^' juifffiü^tydi Fhot. Und sonst, KttuHAos ftirnjoloyög Hes.^ das für xaßnXög 
iirtehen äoH^ tind xnßßitkiia" ^ uamt jiat'fj{>ov f^y&itturtov ii^laxfia Bekk. Än^ 
190, th iiid*?r Aber Iftf ^rißa^ ist mir wahnfcheinlkher, daes es, wie Tittmann 
otid Dindorf woUten, gleich 3f«tJ«£, der nebenform von jr*?! ?r*/y£, ist, önd in 
Mi9ittA4i xf^ßiß}eskfifi kann, wenn sie niit wößako^ zniäammeiigobOreii , dos er 
der ersten silbe durch asEiniilation an daa der zweiten entstanden sein wie 
in d^Tttjtd^ neben tfürn^ird^t dotttflyuioi neben öontnxQtf^ daip€o>^j dairtif)(g 
tben iotttiih- und den anderen von J. Bchmidt ztsehr. XXXH S90 if, be- 
benen flUen. Dass umgekehrt dag o fon xdßrtXo^ durch 'dialektischen* 
Dilel ans ff hervorp'ejyaiigeQ sei. wie Lagercrantx u. B85 für möglich hält, 
iit »ellf unwahrscheinlich j sizil. ninon^^ct enthält das o von nint>p^it und 
^fllcl. Mü^n^tis «Vjcütf«t*/o*'i*, eL x<i{kd^nt (lokr //f^j-^o^d^*«*/} werden 
gegMiftber ion. att, ;fü3^it(>d«: das ursprünglichere darstellen. — Thumbs 
«fjm^logie von M^ßul^t tssn got. h^pan 'prahlen, sich brüsten' ztschr. KXXVI 
IfS t) kimi vieh neben der von Havet und Lagercrant2 gegebenen schwerlich 



g Felix Solmsen, 

Ich kann mich für sie darauf berufen, dass auch die in der 
spräche der litteratur herrschenden einheitlichen paradigmata 
phw und fluo das ergebnis einer ausgleichung zwischen pTövit 
und plüebaty flovit und flüebat sind, einer ausgleichung, die 
allerdings hier durch den einfluss der composita wie com- de- 
im- perplUo, af- con- de- efflüo mit ihren lautgesetzlichen -plüo 
'flüo — daneben fehlen freilich auch perplovere und conflovotit 
nicht — sehr erheblich begünstigt wurde (vgl. meine aus- 
ffthrungen stud. z. lat. lautgesch. 128 ff.). Wenn in föveo 
vöveo möveo im gegensatz zu cäveo päveo die o-formen zum 
siege gelangt sind, so mögen daran die zugehörigen alten 
Substantivbildungen mit -ö- aus -ovo-, fömes fömentum föcxdum, 
mömen mömentum möttis (-üs), vötum 'gelübde', das sich schon 
frühzeitig in diesem sinne vom partizipium losgelöst und ver- 
selbständigt haben wird, nicht ohne schuld sein. Neben cäveo 
päveo stand nichts dergleichen, vielmehr hatten sich bei den 
ableitungen des ersteren die formen durchgesetzt, die den 
vocal der zweiten silbe durch synkope verloren haben: *coutor 
*coutio u. s. w., die Vorstufen der historischen cautor catäio. 
Es ist begreiflich, dass bei beiden verben in der zeit, als der 
kämpf zwischen -öv- und -äv- herrschte , auch die anderen 
teile des formensystems von dem schwanken in miüeidenschaft 
gezogen wurden, dass neben *coutuin u. s. w. cautum, neben 
*cövi *pövi cävi pävi traten und mit dem durchdringen der 
-at;-formen auch ihrerseits allein das feld behaupteten, dass 
endlich zu päveo auch pävidus pävor gebildet wurden. Für 
das letztere ist dabei nicht ausser acht zu lassen, dass, wenn 
es altes *pövös fortsetzt, in allen casus ausser dem nominativ 
sing, die bedingungen gegeben waren, unter denen gemäss 
unserer Vermutung der Übergang von -öv- in -äv- erfolgte, 
vgl. widerum das eindringen von cruoris pluoris u. s. w. in 
den nom. crUor plüor an die stelle von *crövös *plövös, wenn 
man diese als die ursprünglichsten formen voraussetzen darf 
(stud. z. lat. lautgesch. 146 f.). Im übrigen müssen cautum 
und cavi pavi bei jeder theorie über den umfang, in dem -äv- 
fftr -dv- eingetreten ist, als anbildungen an die wurzelgestalt 
des praesenssystems betrachtet werden ; denn weder ein wandel 
von 'OU' zu -au- noch ein solcher von -öv- zu -av- ist er- 
wiesen oder erweislich. 

1) Man vergleiche meine bemerkongen in der rezension des baches von 



Beitrige zur gpschi«?lite d&r latemiBclien sptlSE 

Wie eäveo päveo ist auch fiiveo nebst ztibehör (fU^or 
isffi^, eventuell auch Faunus) zu beurteilen. Dass es aus 

Fälterem ßvm hervorgegangen ist, ist jetzt durch die von 
Btcbeler Rhein, mus. LH 392 veröffentlichte, wahrscheinlich 

I der xeit vor dem hannibalischeii kriege ent^tjininiende iuschrift: 

'fiwe L. Cormliai L. f\ ausser zweifei gerückt, fme entspricht 
unserer hypothese über die gesetzmässige Verteilung von öü 

,ftnd äv. Die etymologische deutung des verbuuis ist strittig. 

rBechtel Gott, gel auz. 1879 s» 272, dem Thumeysen a* a. o, 
154 beistimmt, liat es gleich ai. bhavfiyami, dem causativum 
der Wurzel hhii, 'werden lasgten" gesetzt, Havet a. a. o, 18 
an gr. ^oi^; angeknüpft, indem er *donner de la rapidit^' als 

r*gens propre' vermutet, Brugniann her. d, Sachs, ges. d. wias. 
1889 s. 47 und grdr. I- 6Ü0 altbulg. goveti ^religiöse vereri, 
venerari', obsorb. horir *günstigj dienlich sein' verglichen, 
eadlich Bücheier a, a, o. $d\ im hinblick auf die häufige ver- 
tauschung von fovere und favere in handschriften und die 

|eroti»clie Verwendung von mlere und tepere die frage auf- 

F geworfen, ob nicht die lautähnlichen verba von dem gleichen 
ttrstamm kämen und die bedeutung des zweiten aus intransi- 
tivem 'dch erwärmen' entsprungen sei. Die wähl ist, wenn 
mnxk von der zweiten, wenig ansprechenden annähme absieht, 
seil wer. und es kommt fiir unsere zwecke nicht viel darauf 

^ai. Trifft Buchelers etj^mologie zu, was sehi- möglich ist, so 

'bedarf seine auffassung der Verhältnisse im einzelnen wohl 
einer gewissen modification. Bei einer von allem anfang au 
intransitiven geltung hätten wir nach anleitung von t^eo eher 
*fpv€o zu erwarten, und das wäre unverändert geblieben 
{b. 0, 8. 3). Wir werden deshalb besser tun auch faveo als 

[spiwseu des alten eansativums *dhogheiä anzusehen. Als dies 
seine bedeutung von *wärme* über ^liege, pflege' zu 'begünstige, 
bitt wohlgeneigt' entmckelt hatte, kam in dem letztgenannten 

^fjnne an steUe der alten, dem causativum allein angemessenen 
▼erbindung mit dem accusativ nach dem muster von coitmlo 
protrptcw promim u, a. die construktion mit dem dativ auf, 
ihoUch wie das begriffliche gegenstüek ftoceOf das alt4^ causa- 
tivam zu nex neco = ai, nu^äijami *niache verschwinden, zer- 



fiioilDii*8^tb OUcb. Utterainrztf, 180U, ßjj, 1115, did mit rÜcltBieht mt' den 
mt HUT kurz gehalten sein konnten. 



10 Felix Solmsen, 

störe, richte zu gründe', diesen casus nach dem vorbilde von 
ohmm officio zu sich nahm, nachdem es seinen bedeutnngs- 
gehalt zu ^schädige' abgemildert hatte (Brugmann grdr. II 
1151 anm. 2), oder wie in späterer zeit adiüto in der Volks- 
sprache (Petron 62) vom accusativ zum dativ tiberging. Neben 
der syntaktischen doppelheit, die sich so herausgebildet hatte, 
stellte sich dank der Wirksamkeit des uns beschäftigenden 
lautgesetzes auch eine formale innerhalb des paradigmas ein: 
f6veo — fävemtis u. s. w., beide stammgestalten wurden durch- 
geführt und der überfluss schliesslich zur äusseren differenzierung 
der sinnesnüancen benutzt, indem die Verbindung mit dem 
accusativ an föveo, die mit dem dativ an ßveo haften blieb. 
Ein solches sich auswachsen eines ursprünglich einheitlichen 
formensystems zu zwei lautlich und begrifflich geschiedenen 
lässt sich ja auch sonst gerade im Lateinischen nachweisen; 
ich erinnere an detis — divos und cous — cavos (Thumeysen 
ztschr. XXVm 155 f. Verf. stud. z. lat. lautgesch. 72). In 
der zeit, als L. Cornelia ihre Inschrift auf dem goldenen vier- 
füssler, den sie der gottheit darbrachte, einritzen Hess, war 
der process noch nicht zum abschluss gediehen, und bis zu 
einem gewissen grade scheint sich bei den sprechenden ein 
gefühl der Zusammengehörigkeit von foveo und faveo immer 
behauptet zu haben (vgl. Bücheier a. a. o. und LI 326). 

Auch lävo mtisste, wenn die aufgestellte Vermutung richtig 
ist, die lautgestalt der formen mit unbetonter Wurzelsilbe 
verallgemeinert haben. Auch das ist unbedenklich. Zwar bei 
der flexionsweise nach der dritten conjugation war die zahl 
derartiger formen sehr gering, um so grösser aber bei der- 
jenigen nach der ersten, und diese ist von anbeginn unserer 
litterarischen Überlieferung durchaus die vorherrschende.^) Wie 
lebenskräftig sie schon in sehr früher zeit war, ergiebt sich 
auch daraus, dass mehrere alte nominalbildungen an sie* 
nicht an die andere anknüpfen: lavatrtna, woraus latrina, 
laväbrum, woraus labrum, lavacrum, das zwar erst bei Gellius 
und Apuleius belegt ist, aber älteren Ursprunges sein dürfte, 
lavatio (daneben lömenUim lötor und seltenes lötio). 

Ein ernstlicheres hindernis findet unsere theorie nur an 



I) Genaae daten über das hänfigkeitsyerhältnis beider flerionsarten in 
der ältesten poesie stehen mir leider nicht zu geböte. 



Beiträge zuf g«sclnf^lite der lateinischem sprtiGhe. 



11 



ro$ uthI Zubehör, cävos selbst und cävea hatteu den acceut 
chweg, ausgeEommen den gen. pL * aul" der ersten sUbe, 
auf einer folgenden ruhte er nur in cäverna uud sehr ^neleu 
formen von cUnare, Dass diese ableitungen allein auf die 
lantfortn des primären Wortes bestimmenden einfluss ausgeübt 
haben sollten, ist nicht eben wahrscheinlicb , es darf aber 
Eicht ausser betracht bleiben , dass ihre Wirksamkeit von 
anderer Seite her kräftige unterstütxung empfangen konnte* 
Za der zeit als "^ctmeo und cävea neben einander herliefen, 
konnte der Wechsel zmschen -öv- und -äv- anf grand der 
lautlichen libereinstimniung und trotz der völligen Verschieden- 
heit der bedeutung auch anf die sippe von ^cmos hinüber- 
greifen und daneben ein cUms schaffen, für das der boden 
dfirch cüvef'mi und cäi^äre einigermassen schon vorbereitet war, 
ttnd wie dm schwanken zwischen '*'ciweo und cäveo schliesslich 
m gunsten der -^i;-form entschieden wurde, so ging auch 
ۊvos alH siegreiche form aus dem ringen ums dasein hervor; 
nur auf der spanischen halbinsel behauptete sich "^cmos *cöpa}) 
Ein analogon aus dem Lateinischen selbst mag die möglicldceit 
eines solchen Vorganges bekräftigen, Wackernagel (ztschr, 
55) hat das oe von ponna und foedns 'bündnis' an 

Blle des regeh'ecbt zu erwartenden ü richtig dahin gedeutet, 
das8 die beiden der rechts- und anitssprache angehangen 
ausdrücke die form^ die im kanzleigebrauch einmal ein* 

»bürgert war, testhielten und auch in der Volkssprache durch- 
zten. In ähnlicher weise legt er die bewahrung des oe 
von foediis *scheusslich* moenia Poeimts dem liochspraehlichen, 
fast poetischen* wesen der Wörter zur last. Das hat seine 
ridiügkeit für moima — volkstümlich war^ wie die romanischen 
sprachen beweisen, mitriis — , auch wohl für Poenm, wenn- 
ich wir hier die sache vielleicht besser dahin formulieren, 
SB der name des erbfeindes sozusagen staatsrechtlichen 
ikter gewonnen hatte und die form, in der ihn die offi- 

rflen kundmachungen gaben, auch im leben beibehielt Für 

edus dagegen ist Wackernagels auflfassting unhaltbar; das 
wert war gut volkstümlich, wie sein vorkommen bei Peti'on 



>) aws cohum blieb von der äodemng unberüjirt, dA es dtirdi den ver* 
de« V tind äwrch die Einbtdjintiyjerung' und die diuiit band in hatid 
simiesTersdiiebtmg aaü der lebendigen gemeingcbaft der warttkmilie 
chiedeii wmr. 



12 Felix Solmsen, 

(95. 132. 136) und sein fortieben in den tochtersprachen (ital. 
fedo, span. hedo feo) dartun. Wenn es dennoch sein oe dem 
lautgesetz zum trotz fortpflanzte, so wird die schuld daran 
das lautgleiche foedus 'bündnis' tragen. Dessen geschicke 
haben wir uns doch wohl so vorzustellen, dass in der Volks- 
sprache mit dem durchdringen des wandeis von oe zu ü 
zunächst *füdiis eintrat, dann aus der kanzleisprache widerum 
foedus eindrang und die neu entstandene form erstickte; man 
denke an das auftauchen von divertium für divortium und 
seine widerverdrängung durch die alte wortform (stud. z. lat. 
lautgesch. 20). Das schwanken, das in der gesprochenen 
spräche längere oder kürzere zeit zwischen *füdti$ und foedtis 
'bündnis' gehen^scht haben muss, wirkte ansteckend auf *füdu8 
'scheusslich', es kam daneben foedus auf, wobei dahingestellt 
bleiben mag, ob diese wortgestalt in der betreffenden periode 
in der poesie etwa noch als antiquität fortgefilhrt wurde oder 
nicht, und wie beim Substantiv, so erlangte beim adjektiv am 
ende die oe-form die alleinherrschaft. 

Was man ausser den besprochenen fällen noch als belege 
für den Übergang von -öv- in -äv- in anspruch genommen hat, 
ist meines erachtens nicht stichhaltig. Der vergleich von ßvos 
'honigscheibe' mit gr. /oi^ und seine deutung als *une coul6e 
de miel' (Havet a. a. o. 20) besitzt nichts einleuchtendes. 
— ävis *voger hat altes ä nach ausweis des gr. aisxog aus 
*dfi'€T6g und wohl auch der anderen italischen mundarten 
(umbr. aves u. s. w.); von den griechischen Wörtern, um 
derentwillen Thurneysen a. a. o. 159 zweifelnd, Havet a. a. o. 
18 und Horton-Smith 10 ff. bestimmt herkunft aus ö behaupten, 
verdankt oitovog sein o erst der assimilation an den vocal der 
zweiten silbe (grundform *dfi-(ov6Q Joh. Schmidt ztschr. XXXn 
374 ff.) und ist oc(o olo/xai etymologisch fernzuhalten (Kretschmer 
ztschr. XXXI 455. Joh. Schmidt a. a. o.) ; övom, woraus vulgär- 
lateinisch *övxLm (ital. uox^o, span. htievo, afrz. tief^), und 
gr. ffov aus *mf-i6v wsov gehen in proethnische zeit zurück, 
geben also flir die lautform, die die benennung des vogels 



1) In der erklärung des o der vulgärlateinischen form hat Lindsay (lat. 
spr. 8. 38 and bei Horton-Sndth s. 21 f.), wie ich glaube, prinzipieU das 
richtige getroffen, wenn er es auf die regel 'vocalis ante vocalem corripitur* 
schiebt. Nur weiss ich nicht, ob wir nOtig haben eine art verschränkung 
zwischen öum und &in u. s. w. vorauszusetzen, t; zwischen gleichen vocalen 



Beitrig« mr gmchicMe Ser 



iRWfnfTJä? 



ipmche. 



ir 



auf dem boden der einzelsprachen gehabt hat, nichts aas, 
sonderii kommen nur ftir die bestimmung ursprachÜcher ablauts- 

Verhältnisse in frage. — Dass äveo causativum der in lat. 
ind- eic-iio, tiiübr, aH-ouihimUy lat. Omentum aus *öv%meHtom 
ckenden wiirzel eu- ^anziehen', also aus *övejö entstanden 

^iei, wird Darbisbire (relliquiae philologicae 63) und Horton- 
Smith (s. 8 f,) niemand glauben. Es hindert nichts das lat. ä 
in gemeinschaft mit dem d des ai, ävati Tordert, begünstigt', 
di^ü» ^gunst' auf idg. (T zurückzuführen, ja, gall. avi- 'gut' in 

^Am-canttis spricht, wenn es mit recht dazu gezogen wii'd 
(FIck wtb. I* 12. n* 23), geradezu dafllr. In gr. iv-f^^g, durch 
das sich, wie es scheint, auch Fick hat bewegen lassen der 

■wurxtl idg, ^ zuzusclireiben, kani» das ^ urgriecliisches ö (für 
ä in der compositionsf uge ?) vertreten; im alten epos, in dera 
lein das wort noch lebendig war, sind nur ev^A^ (*F 252. 
18. Hes. Theog. 651) irt^ia {P 204. 96. d- 200) *T;?f//yc 
(F 670) belegt, und deren lautverhältnisse können mit denen 
von hom. ^d^ng ^e^t gegenüber hom, «jj(> dvaa^g (Kretschmer 
wochenschr. f. klass, phil. 1895 sp, 623. Brugmann IF. IX 
154) gleichartig sein. — Endlich die angäbe bei Paul. Fest. 
52, 5: Fovi qui nunc Favi appellantur muss man sich hüten 

^fBr bare münze zu nehmen. Weder von einer gens Fovia 
noch von einer gens Favia verlautet sonst etwas, und wenn 
man dag erste capitel der Plntarchischeu vita des Fahius 
ins liest und mit dem passus bei Paulus zusammenhält, 
Ibet^eugt man sich leicht, dass die ganze notiz lediglicU ans 
dem bemühen erfiossen ist den namen der Fabii etymologisch 
mit fövm in Verbindung zu bringen. 

Somit dürfte die möglichkeit imserer hjrpothese über den 
gesetzmä^sigen umfang des wandeis von -ov- in -äv- dargetan 
iein. Die dinge würden sich also so steUen, dass in silben, 
die nach dem lateinischen accentgesetz vor dem ton standen, 
di^emge -ovv das idg. ö enthielt, zu -äv-, dagegen dasjenige 



•o »^hwficb artikuliert , dass es vielfach gsxir. anagef^Ieti ist (siud. 2. 
Ist Jao%»BclL un* ft.i. Mm war wohl »chon in Ovom »elbüt die mOgUchkeit 
iler terkürjentig gef ^beii , ährüich wit urepr. '^prtllna (aus *priimnna zu ai. 
il und ^früQr' (aua *fruroY '^ft^tgvor) kü prülna fruor wurden ^ ohne 
der tehwache Übergangs) aut ^, der se wischen dem u und ilem folgeudi^a 
RftüaUftt wurde ^ die küntuug verhindert hiltte (sttid. z. lat. lautr 
. ie5). 



14 Felix Solmsen, 

'öv-, dessen ö auf idg. & zurückging, zu ü(v) Ö geschwächt 
wurde: cloäca cluaca aus clövaca, Chatius Cluatius aus Clövatius, 
Cluentius aus Clövefiüibs , pluebaf fluebat aus plövebat flövebat 
u. s. w. Geht man die liste der beispiele für diese letztere 
Umgestaltung durch, die ich stud. z. lat. lautgesch. 141 ff. 
zusammengebracht habe, so stellt sich in der tat heraus, dass 
in ihnen allen idg. -ei^ zu gründe liegt oder liegen kann. 
Nur ein fall widerstrebt, püer, das ich in seinem unterschiede 
von pövevy der alten, durch einen inschrifüichen senar (CIL. 
ni p. 962 n. 2 = Bticheler Carm. ep. 34, 2) bezeugten form, 
aus dem einflusse des deminutivums puelhis zu erklären ver- 
sucht habe (a. a. o. 146). Das indogermanische alter des ö 
folgt aus gr. navg naig aus *naß'i(:^): mit ä konnte wohl ö, 
aber nicht s ablauten.*) Ich bin jetzt geneigt mit Skutsch 
Berl. phil. wochenschr. 1895 sp. 1334 f. die quelle der laut- 
ärmeren form vielmehr in dem unbetonten, als anrede an 
den diener häufig gebrauchten vocativ zu suchen; in ihm 
würde die Schwächung aus der epoche der indogermanischen 
oder der uritalischen (urlateinischen) betonungsweise herrühren. 
Das verschiedene Schicksal der beiden öv hat zur Voraus- 
setzung, dass in der zeit als der wandel vor sich ging, das- 
jenige 0, das idg. ö vei-trat, offener ausgesprochen wurde als 
das, welches vor v aus S entstanden war. Das klingt zu- 
nächst befremdlich, hat aber eine parallele an dem unter- 
schiede der beiden e des Mittel- und Neuhochdeutschen: das- 
jenige, welches durch umlaut aus a hervorgegangen ist, war 
und ist geschlossener als der nachfahre des idg. <?. Vermutlich 
ist im Lateinischen oder Italischen & vor v zuvörderst durch 
vorausnähme der lippenrundung zu ö und dies dann zu einem 
geschlossenen ö geworden, ähnlich wie sich in jüngerer zeit 
oe vielleicht durch die Übergangsstufen ö und geschlossenes ö 
hindurch zu n entwickelt hat. Als mit dem durchdringen des 
jüngeren lateinischen betonungsprincips das öv erster wort- 
silben des accents entblösst wurde, führte die verminderte 



1) Gr. novg ist zu unsicher beglaubigt, als dass man von ihm gebrauch 
machen könnte; s. Kretschmer vaseninschr. 189 f. 

*) pöver ist demnach ein weiterer fall von unverändertem idg. öv. Die 
gelehrten, die bisher über die ersetzung von -bv- durch -äv- gehandelt haben, 
haben sich mit ihm nicht abgefunden, bei unserer theorie konmit er zu 
seinem rechte. 



Bcürllgti zur ; 



oirTitein 



beti spraene. 



eaergie, mit der diese Silben nuumehr artikuliert wurden, bei 
demjeTiigeo Öv, dessen ö offener war, zu einem nachlassen der 
jedenfalls schon vorher selir geringen zungenspaiinung und 
eventuell auch lippenrnndung, und es ergab sich äv. Bei dem 
anderen ov aber waren Zungenspannung und eventuell auch 
lippenrnndung des vocals so stark ausgeprägt, dass sie auch 
bei flüchtigerer artiknlation nicht verloren gingen, vielmehr 
wurde hier die folge: vocal + halbvocal zu einheitlichem o 
oder u oder einem nüttellaut zmschen beiden verschmolzen 
uad verkürzt. 



Anhangsweise sei noch der Wörter gedacht, in denen 
Thonieysen (a. a, o. 160) eine ein Wirkung des v auf vorher- 
gebendea ursprüngliches ö über einen trennenden consonanten 
hinweg hat erkennen wollen; valva valvola, das neben volvo 
aas *vdut/ auf *völv-^ und mlvo.% das wegen ai. särvas^ gr. 
^ilfog (ion, ovXos, att. Sküg) auf ^sölvos zurückgehen solL Er 
hal damit ausser bei y. Planta, der sich ihm gi^amm. I 115. 
188 f. nnter vorbehält angeschlossen hat, mit recht keine 
nachlblge gefunden. Horton-Smith s. 26 ff. leitet das -al- aus 
idg. -f- her; ähnlich möchte Brugmann grdr. P 418. 477. 480 
in ^gabiuö- oder *salöuo-f wie er als italische grundform an- 
setzt, eine erschehiungsform der ^langen liquida sonans' er- 
blicken, die er dem gr- -avu- -ugu- -«Xa- vergleicht Ich 
glMbe nicht, dass ein anlass vorhanden ist zu diesen 
schwierigen lautnüancen, denen gegenüber man nicht zurück- 
haltend genug sein kann, seine Zuflucht zu nehmen, zumal da 
die Zugehörigkeit von arm. lav 'hesser' und Xüjuop besser, 
geratener* zu salvos und "tfA/og, die Brugmann annimmt, aus 
mehreren gründen wenig wahrscheinlich ist und das a von 
alban. ^ali ^lebendig, lebhaft, inutjg, kräftig, fett^ selir wohl 
dem o von *ok/og und lat, söl-idii^ sol-ox söl-eo entsprechen 
kann; überdies findet bei all jenen annahmen sälm seine 
recbnnng nicht. Osthoff (Trans, of the Am. phil. assoc. XXIV 
52) hat gesehen, dass die ^silbehildenden liquiden' vor vocal 
(idg* etwa ^r ^l) im Lateinischen lautgesetzlich als ar al 
er^heinen. Demnach kann mhos^ älter sälUos bei Flautus 
und Terenz (s. Havet de Satumio 52 anm. 1. MSL* VI 22. 
116), mnbr, sahmom salnom, osk* sal^vs aus *59J-^ös ent- 
standen »ein (Tgl. wegen der suffixstufe gr, 6Xo6g aus ^oXeßg^ 



16 Felix Solmsen, 

das YOü Suidas angeführt und durch Hesychs oXostzar vyialvst 
vorausgesetzt wird^), desgleichen salns aus *saZ-a-, während 
alüat. soUiis osk. sullus nom. pl. 'omnes' zusammen mit 
nkymr. holl 'ganz, all', nbret. holl 'alles' ursprüngliches ^sol-nos 
oder zusammen mit gr. ovAog oXoq ursprüngliches *sol'W>s^)^ 
und lat. *söl%i8, auf das söleo, sölidus und vor allem sölox hin- 
weisen (vgl. Niedermann IF. X 230), in gemeinschaft vielleicht 
mit pälign. solois (v. Planta n. 255) und alban. ^oIb ursprüng- 
liches *sdl'08 mit einfachem o-sufßx fortsetzen. Desgleichen 
kann vcUva aus *vdlu-a hervorgegangen sein; ursprünglich 
silbische geltung des zweiten v vorauszusetzen berechtigt uns 
älteres volTio für jüngeres volvo (L. Müller de re metrica* 
308 f.), und sie kann bei Pac. 214. 360. Acc. 30. 470. Pom- 
pon. 91 R.^ noch tatsächlich vorliegen ; volva *hülle' wird dem- 
gegenüber *vdua darstellen wie volvo ursprüngliches *vdtio^) 
Weitere gleichartige ßllle dürften sein calvos aus *k9l'euo8 
(vgl. osk. Kalüvieis stud. z. lat. lautgesch. 136), entsprechend 
ai. (ati-)Jculvas y woneben allerdings auch -kulvas überliefert 
ist, und vielleicht malva aus *m9lxia- oder *mdleuät entsprechend 
gr. jLiaXa/fj, das sich in seinem Verhältnis zu ^oXixri (in dem 
distichon auf einer unteritalischen amphora in Neapel Kaibel 
epigr. 1135, 1, bestätigt durch eine amphora in Paris Heyde- 



1) Stud. z. lat. lautgesch. 135 anm. 2 habe ich diese Zeugnisse leider 
übersehen. 

«) Wenn die lehre von der angleichung von l\^ zu II überhaupt zu recht 
besteht; mir ist das jetzt viel weniger sicher als vor sechs jähren, da ich 
an der richtigkeit des hauptboispiels, cxdleiis =^ hom. yovktog, das man aus 
*xolff6g herzuleiten pflegt, aus gründen, die anderwärts zur spräche kommen 
werden, irre geworden bin. 

8) e-vallerey das v. Planta gramm. I 188 und Horton-Smith s. 26 zu 
voha valva stellen, hat damit nichts zu tun, sondern gehört, wie schon bei 
Georges • s. v. richtig angegeben ist, zu valltis 'getreide-, futterschwinge \ 
Dass seine eigentlichste bedeutung nicht 'enthülsen\ sondern 'herausschwingen, 
herauswerfen' ist, ergiebt sich daraus, dass das zweifellos damit identische 
e-vaUare, das Georges inmier noch, der etjmologie der alten folgend, aus 
ex und vallum 'wall' deutet, 'hinauswerfen* von menschen besagt (Titln. 
77 E.» Varro sat. Men. 109 B.), so gut wie e-vannerc zu vamius die ursprüng- 
liche bedeutung (Varro r. r. I 52) und die scherzhaffc übertragene (Pompon. 
92 R«) in sich vereinigt. Übrigens scheint auch ct^anne^T zwischen der 
dritten und ersten conjugation gewechselt zu haben; wenigstens hat Nonins 
19, 22 bezw. sein gewährsmann evannetur bei Pomponius als coni. praes., 
nicht ind. fut. aufgefasst, wie die erklärung durch ventiletur vel moveatur 
zeigt. 



6äti:fige zur gescMchte der lateinischen spräche. 17 

ntann XII, Hallisches Wüickelmaiinsprogr. s. 90 lu 14) uud 
ft^lix^i -« (Antiphanes und Epicliarm nach Athen* H 58 D, 
kretiscli Mas* it III 723 a, 171, 8 und spätere vulgärforni) 
am bequemsten wo)il als form mit schwundstnfiger Wurzelsilbe 
begreift, wenn nicht etwa sowohl ^taXdxrj als auch fiolox*^ 
erst durch verschieden gerichtete assimilation aus ftold^f^ 
erwachsen sind; doch würde auch in diesem falla die auf- 
fiussong von malva als *rn9i- bestehen bleiben.*) 

Endlich ein paar worte über mähi^f das Breal MSL. VI 
124, 260 f. und t. Planta gramm. I 186 1 mit rücksicht anf 
das malhm malhid der tabula Bantiua und auf gr. fioXvß^o^ 



>) juojlff/*; giebt den sclüüssel flir das voratäiidnis einer iatöimschin 
ffortfoüD» der man bisher nicht gerecht ^worden ist. Der Noviuivers 71 
B,t «V B*', in dem weibliche gewaiidatQcke äufg-e^ählt werden , ist an den 
h^ ftoUen de» Koniue, wo er citici-t wird (p. 539, 22, 540, 2S. bA8, :iO), 
in fölg^ender gestalt überliefert; 

möUicinaiH cracötam chiridötum rieam ridnwn; 
tbwekbend hat nui' die Wolfenbflttler hantlschrift an der ersten and letzten 
iteUa molidfia(m)y die Bamberger an der ersten niolucinam. Kibbeck schreibt 
b den beiden letzten ansgaben mohwinm^ das er in der näboren begrüadaug- 
diwor inderon^ (Corollarinra zur zweiten auagabo b. liXXXlV) dem aus den 
nrtileo Thösniöphariazaseii des Arbtophanea angeführten fÄKhlxt^v {' yvpai- 
xit^y Mi>ts^flQioy Hee,) gleich BetKt> für das in der Überlieferung auch ftnXnxtoi* 
and ßitMxioy auftreten. Dass an der gestalt des snffiieE, wie sie die 
KoninsliandscbriftQn bieten, nichts aaezusetzon let, ergiebt sich ans molochina 
CMctLcom 138 {aus Non. 548, 14: carbasina mol4}china amplinaj wo Übrigens 
dar lUrieianiis und der Wolfenbüttler codex widernm ntoüchina halben) und 
tmio^^üTii Plaut. ÄuL 514, and das i der zweiten sUbe wird geschützt 
mu diircli die bo gut wie einhellige üborliefenmg an aUen drei stelleu^ 
mndem auch darch die etymologie, die Nonius an der zweiten giebt: molli- 
ama Testb a mollitie dicta. Zu begEem ist nur die doppele onsonanz in ein- 
ildiei l; *mdU€a ist dat» von den miterit^^chen Griechen entielmte ^oläx*^ 
, mititicina ^ßültrj^d^^ mit denselben Schwächung des ä der zweiten sübe 
die aach sonst in der ältesten Schicht der volkgtümliehen lehnwurter 
gogriffeu hat (Äffrigetitum b^dineum Caüna 7nachhm imtina tnifinä). 
wt auch mol$c(h)%na übemonunen mid endlich selbst eine ableitnng 
4er dritten wortgestaJt des Griechischen: maläcim hat wahrBeheiaiich 
trag. 4ö B,* =" 43 R' geschrieben j doch fragt sich» ob diese letzte 
ttiuig auch der volksaprache angehört hat oder auf die litteratuj* be- 
tdtiTiiikt geblieben ist — ÜumchÜich desi »uffixes glaube ich 7nalva und 
f^mläi^q oicbt ^ Wie gew^^hnllcb geschiebt t identifizieren zu solleti, sondern 
teile in dem griechiachen worte eine ursprünglicbo demiimtivbildung ; ge- 
QWieres in einer zosamnienfassenden darateHung der bildung der deminntira 
in den indogermanischen sprachen, die ich vorbereite. 

2«itit:lirlft für TCTvl. Spniolit N. F. X¥n. |, g 



18 Felix SolmBen, 

bezw. fiiXaq fioXvvtOy die sie für verwant halten, auf *molvo8 
zurückzuführen vorschlafen. Viel mehr empfiehlt sich die Zu- 
sammenstellung mit arm. mek 'sünde, vergehen, unrecht', lit 
m^las *lüge', air. meüaim 'betrüge' (Bugge ztschr. XXXTT 18. 
Strachan IF. n 369). Dann wäre auch das -al- von mahis 
und osk. malaks (bleitafel) aus -a^ abzuleiten, desgleichen das 
von mailom; da die tabula Bantina -li- vor vocal zu -Ur 
assimiliert zeigt {aUo z. 22 = lat. alia, famdo z. 22 = lat. 
familia mit graphisch vereinfachter doppelconsonanz wie in 
malud z. 11, s. V. Planta gramm. I 532), so können wir mallom 
aus *maliom erklären (dazu das MAL1E2 der münze v. Planta 
n. 223, 2?), und vor i ist ebenfalls aller Wahrscheinlichkeit 
nach 'dl- der gesetzmässige Vertreter von -dl- {sälio zu wzl. 
sei' Brugmann grdr. I* 456. 467); vulgärlat *malvax als 
Urform von frz. mauvais (E. Hofinann Archiv I 592) ist zu 
schlecht begründet, als dass es für die beurteilung der be- 
zeugten italischen wortformen ins gewicht fallen könnte. Er- 
innert man sich übrigens der bedeutungsentwicklung von 
'schlecht' aus 'klein, gering', die sich in nslov. serb. htid 
'schlecht', cech. chudy 'schlecht, schlimm', russ. chitdoj 'mager, 
schlecht' gegenüber altbulg. chvdü 'klein, gering', russ. chudo-ha 
'geringes vermögen' und in alban. Vik 'mager, böse' gegenüber 
griech. oXiyoq 'gering' beobachten lässt (Pedersen IF. V 60 f.), 
so darf man fragen, ob malus nicht mit altbulg. mdlü 'klein, 
gering' und got. smals ahd. smaL 'klein, gering' nebst den 
wohl dazu gehörigen gr. fiij'kov 'kleinvieh', air. mll 'tier' 
(keltisch l aus idg. e) zu verbinden sei. In diesem falle würde 
das ital. ä gleich dem germanischen ä und tiefstufe zu dem 
a = idg. ö des slavischen und dem ß des griechischen und 
keltischen Wortes sein und osk. mallom könnte so gut wie 
*mal'iom auch ein älteres *maJrnom in sich bergen. 

5. testis 'zeuge'. 
Durch Skutschs schöne deutung von testis 'zeuge' in 
Bezz. beitr. XXni 100 ff. ist der Schleier gelüftet, der den 
Ursprung dieses wertes so lange verhüllt hatte: osk. trstus 
nom. pl. nebst tristaamentud , lat. testis aus Herstis *tristis 
enthalten in ihrer ersten silbe die dreizahl und bezeichneten 
ursprünglich den 'dritten', der zu den zwei streitenden parteien 
hinzukam und so äugen- und ohrenzeuge dessen wurde, was 



BcitrSge zur geschiehte der lateini^clien sp räche. 



19 



rwiscbeu ilmen vorging. Wenn ich nach den darlegungen das 
genannten forschers hier noch einmal anf das wort zurück- 
komme, so geschieht es, weil mir dessen zweite hälfte durch 
sie nicht endgültig erledigt zu sein scheint. Skiitsch zerlegt 
die grundform * trist os in das 7.aliladverb tris + suffix -to- 
UBd beruft sich für die ableitung vom adverb auf die bildungen 
mit -na- trlno- terno- qitaterno-j sowie auf altirisch tress- 
'dritter' (in Zusammensetzungen), das Brugmann grdr. II 233 
gleichfalls als *tris-tö- erklärt hat*) Es ist begreiHich, dass 
Zahlwörter distributivischen sinnes von mnltipUkativadverbien 
ansgegangen sind, wie aber ein ordinale von einem derartigen 
adverbium hätte abgeleitet werden können, veiTiag ich nicht 
einzusehen. Ich meine deshalb, dass das italo-kel tische *trMo' 
nicht sowohl in *iris-to- als vielmehr in *trirdo- aufzulösen, 
d* h- als Zusammensetzung mit einem nomen von der wurzel 
da stehen' aufzufassen ist. Ich stütze mich dabei auf die 
indischen bildungen dieser art von Zahlwörtern: ska-sthä* 
^zusammenstehend , vereint; ein fach oder fehl ein nehmend; 
aUeinstehend, selbständig^ (PW. I 1083, Kleines PW. I 269); 
dm-ffini- 'an zwei orten stellend, zwei felder einnehmend; zwei- 
deutig^ (PW. m H42. KL FW. III 138); tri-Hhä-, attribut 
von rathas RV, I 34, 5, 'auf drei (unterlagen) stehend' PW. 
ni 449, 'dreisitzig' Kl, PW, III 55; nomen propr. eines 
priesters der dämonen Kl, PW, a, a, o. Als grundhedeutnng 
des italokel tischen *tri-stö- ergiebt sich somit *zu dritt, als 
dritter stehend, beftndlich'; eine solche wendung des sinnes 
fBr den stamm des cardinale anzunehmen sind wir bei dem 
sserst losen synUktischen Verhältnis, in dem die glieder 
les compositums zu einander stehen, vollauf berechtigt 
Dasä das wort von dieser ursprünglichen prägnanteren geltung 
im Keltischen zur roUe des blossen ordinale herabgesunken 
ist, ist verständlich genug; im Italischen haben wir flii^ das 
Terbltüen der bedeutung des zweiten bestandteils ein analogon 
in einem anderen juristischen aundruck, lB,t praesto *ich bürge, 
bin bürge', der, wie wir durch das quel jjro se praes stat des 
vor wenigen jähren entdeckten stÄdtrechts von Tarent Monum, 
ant* VI 1895, 411 z, 9 gelernt haben, anfiinglich praes stö 
'stehe als borge (neben der partei)' gelautet hat (Bücheler 



*) EbeiiiQ Stokes-BeÄÄenberfer in Ficks wtb. II* 137. 



20 F«lu Solmsen, 

Bhein. mus. LII 396 ff.). Demnach gesellt sich Hri-sto- zu 
den anderen ebenbfldern der indischen composita mit -^fAo-, 
die man bereits auf europäischem boden widererkannt hat: 
gr. dvarog = Sva-atog, altbulg. pro-stü 'grade, einfach, schlicht', 
lit. at-8tÜ8 'fem', ahd. etvi-st 'schafstall' u. a. bei Joh. Schmidt 
pluralbild. d. neutr. 346, der die autoren namhaft macht, 
denen die erklärungen der einzelnen Wörter verdankt werden. 
Speziell das Lateinische weist caele-stis ^ in caelo stans, 
agre-stis = in agro stans auf; da haben wir denselben fiber- 
gang in die flexion der i-stämme wie in testis gegenfiber osk. 
trstus, wobei die gründe, die ihn herbeigeffihrt haben und deren 
sich mehrere denken lassen, hier unerörtert bleiben mögen. ^) 
Italo-keltisch *tri8t0' ist in Europa vielleicht nicht der 
einzige Vertreter des bildungstypus , bei dem -sto- mit dem 
stamm eines cardinalzahlwortes verkoppelt ist; auch ai. dvi- 
HJui' kehrt möglicherweise dort wider, und zwar bei Germanen 
und Griechen. Bei den ersteren finden wir an. tvistr 'zwie- 
spältig, traurig' nebst tvistra 'zerteilen', ndd. ndl. twist^ hd. 
etvist 'streit', nhd. diaJ. zwister 'zwitter', wozu Tuisto^ der bei 
Tac. Germ. 2 von der besten Überlieferung gebotene name 
des erdgeborenen gottes, der der vater des Mannus, des 
ersten menschen, ist, — wie W. Wackemagel ztschr. f. deutsch, 
alt. VI 15 ff. (vgl. auch MüUenhoff ib. IX 259 ff.) erkannt 
hat, der repraesentant jenes zwitterhaften, männliches und 
weibliches geschlecht in sich vereinenden wesens, von dem 
nicht selten in kosmogonischen Vorstellungen der Ursprung 
des menschengeschlechtes hergeleitet wird; sodann ndl. engl. 
twist 'zweifädiger strick, geflecht', oberlaus, zimst 'doppelfeden', 
dän. tvist 'gezwirnter Stoff* und mengl. tivist 'zweig'. Das 



Diese auffiuBiing von cadestU agrestiSf die von Pott herrflhrt, hat 
neuerdings Prellwitz Bezz. beitr. XXII 122 anter Zustimmung von Nieder- 
mann IF. X 228 anm. 1 durch eine andere zu ersetzen versucht: im hinblick 
auf lit. dangt^fsia 'himmlisch', eigentlich "im Mmmel seiend' mOchte er 
caelestis offrestia als *cadei-e8ti8 ^offrei-estis, • d. h. als zusanmienrflckungen 
mit einem idg. ea-tis 'der seiende' deuten. AUein ein solches idg. nomen 
agentb — und ursprachlich müsste es sein, da im Italischen das suffiz -ti- 
in dieser fnnktion nicht mehr lebenskräftig war — hat nirgendwo einen 
anhaltspunkt; Prellwitz selbst spricht anlfisslich der etymologien, die er 
seiner erklärung des lat. snffixes -esiis vorausschickt, immer nur von einem 
idg. nomen abstractum eatis bezw. stis 'das sein'. — [Auch dome-sH-cus, 
vielleicht auch rüsticus aus *ra^e8-8H''C08 dürften das element -sto- enthalten.] 



Beiträge %qt geschieht« der IftieixiisclieD Bpiftcbe. 



n 



GriecMgche hat Sifrtüi^fxi ^zwei{le\ das wir am einfachsteii als 
ableitung von einem verlorenen adjektiv *^iarng ^rmespältig, 
zweifelhaft' mit ebenso intransitiver bedeutung verstehen, wie 
sie in yccc^oj 'jung sein*, iW^w ^gleich sein' (neben 'gleich 
machen'), Stnla^to 'doppelt sein* (neben ^verdoppeln'), ana^m 
Ti^chwerde haben, mismutig sein' (neben 'beschwerde macheiij 
plagen^) und anderen verbeu auf -aC«» ju tage tritt. Dass 
gr. iiar- und germ. tivist- mit einander identisch sind, ist 
nicht zweifelhaft. Die analyse dieses lautgebildes in stamm- 
haften nnd suffixalen bestandteil aber ist nicht so sicher wie 
bei tristo- *der dritte'. Denn die bedeutimgen, die sich im 
letatten gründe auf ^zwiefachj zwiespältig* reduzieren, gestatten 
e§ m das multiplikativadverb *duu + suffix -to- zu zerlegen, 
wie Brugmann grdr. 11 507 tut; vgl. ahd, ewis-k ^wis-ki 
'zwiefach, je zwei', das in seinem sufBx mit ai* dvi-ka- *auß 
zwei bestehend^ gr. iiaoog ans *S/i-x-i6Q 'zwiefach' überein- 
stimmt, aber nicht vom reinen stamm des zaU wertes, sondern 
vom atlverb gebildet ist, und mhd. ewinij ndl. ttvijnj ae» hdn 
'an^^eidrähüger faden' ans ^hmz-nä-, das dieselbe büdungsweise 
aceigt wie lat. bino- trino- terno-. Auf der anderen seite aber 
lehren formationen wie gr. it/o-ajardm 'streite, hadere*, in 
jüngerer zeit auch *zweifle\ ii^o-aTaaia 'streit, Uneinigkeit* 
and got* twiS'Stass ^zwiespalt^ hader' (neben tn7k-stündan *sich 
trennen'), dass wir ebenso gut das recht haben in idg, *duistö' 
^zwiespältig' das eleraent -sto- zn suchen, mag dies nun an 
den stamm dui' oder an das adverb duis angetreten sein* 

Ich benutze die gelegenheit, ein russisches seitenstück zu 
der spezifisch juridischen bedeutungsentwieklung, die Hrwtos 
im Italischen genommen hat, mitzuteilen, auf das mich Po- 
krowskij alsbald nach dem ei'scheinen von Skutschs aufsatz 
aufmerksam gemacht hat iretij *der diütte' bezeichnet nach 
den angaben Dal's s. v. auch den richter, zumal den Schieds- 
richter, Schiedsmann, der Streitigkeiten zweier parteien bei- 
legt, femer den zeugen, und zwar sowohl denjenigen, der 
einfach einen Vorgang mit ansieht und anhört^ als auch den* 
fen, der einen rechtlichen akt durch seine Unterschrift 
^laubigt. Für die erstgenannte bedeutung giebt Dal' an 
belegen ans alten Urkunden: a o (?mnU sja sopriitU, ino imU 
btdej müropoliiü 'worüber sie streiten werden, da wird ihnen 
■eHedsrichter der metropolit sein' ; i my sehe ne stavja sudejj 



22 Felix Solmsen, 

poljicbili esmja sehe oboi isci tretiichü . . . poloHlisja esmja ^m 
techü tretiichü, kdkU namü vkazutü mezu, ta Jiamü meza 
Ijuba. I tretie stavü na zemlju molvili u. s. w. 'und ohne 
uns (wirkliche, formelle) richter zu setzen, zogen wir beide 
uns die klage vor schiedsrichtern vor . . . wir vertrauten auf 
diese Schiedsrichter, wie sie uns die grenze anzeigen werden, 
die grenze wird uns genehm sein. Und die Schiedsrichter 
traten auf das land und sprachen u. s. w.'. Für 'zeuge' f&hrt 
er z. b. an: pieati vu zapisechü svoi imena i tretiichü 'in die 
Urkunden die eigenen namen und die der zeugen eintragen'; 
tretiichü nebylo 'zeugen waren nicht zugegen'; vsjatl tretiichü 
'zeugen zuziehen'; vyemku delajtitü sü tretlimi, pri tretiichü 
'man nimmt eine Verhaftung, confiskation vor zeugen vor*. 
Auch substantivische Weiterbildungen von tretij haben die 
gleichen, der rechtssphäre angehörigen farbungen des Sinnes 
erfahren: Dal' weiss aus alten akten tretdikü für 'Schieds- 
richter' und aus sibirischen mundarten, die sich durch be- 
Wahrung vieles altertümlichen in wortgebrauch und Wort- 
bedeutung auszeichnen, tretljäkü im sinne von 'Schiedsrichter' 
und 'zeuge, der mit seiner Unterschrift eintritt oder bei einem 
vertrage die bände derer, die ihn schliessen, auseinander- 
nimmt' beizubringen. 

6. baitdtis. boia. 
Seit Osthoff Bezz. beitr. XIX 322 bringt man haiulus 
Lastträger' vielfach mit gr. ßaaral^to 'trage' in Zusammenhang 
und leitet es aus Had-io-los her wie peior^ aus *pedriös, caia 
aus caid-jfl.^) Gegen die möglichkeit dieser etymologie habe 
ich nichts einzuwenden, es bietet sich aber noch eine andere, 
bei der wir innerhalb des Lateinischen selbst, genauer des 
Vulgärlateinischen bleiben und die deshalb den vorzug ver- 
dienen dürfte, haiulus kann aus *bag-io-lo8 entstanden und 
von der 'wurzeP bag- abgeleitet sein, die in span. baga 'last, 
die dem maultier aufgelegt wird', prov. afrz. bagua bague 
'bünder, nordit. baga 'schlauch, dicker bauch'. Maul, baghe 
'schlauch' nebst den Weiterbildungen it. bagaglio, frz. bagage 
'gepäck', span. bagatela, fi*z. bagateUe, it. bagatella 'kleiner 

Ceci Gontribati aUa fonistoria del Latino (Eoma 1894), wo s. 14, wie 
ich ans Stolz bist, granim. I 689 ersehe, eine andere erklSnmg von haiulus 
vorgeschlagen wird, ist mir hier nicht zugänglich. 



B«I6j^ mr gescldcltte 4«r IiSemiBcIieii sprocfaer. 



packen, kleinigkeit, luinperei' erscheint. ^GruüdbedeutuDg von 
jra; sagt Gustav Meyer IF, VI 115 f., der mit diesem öub- 
mtiviim auch das verbuni mman. batf ^stecke hinein, führe 
i', südrmuän. bagii lag ^setze, lege, stelle^ verbinden möchte, 
die dem tiere aufgelegte last, speciell der grosse gefüllte 
'ureinschlauch** Damit vereinigt sich baiulm ohne weiteres; 
Id formeller hinsiclit setzt es ein verbum *baio aus *hag4o 
voraus, zu dem es sich verhält wie gendxis leguhis hibtdiis 
zu gero lego bibo (Osthoff a. a* o.). Die weite Verbreitung 
von haga über das romanische Sprachgebiet hin zeigt, dass 
wir m mit einem alten worte zu tun haben, das nnr durch 
Zufall oder weil es lediglich nicht litteraturfahigen kreisen 
eignete, in der lateinischen litteratur nicht zum Vorschein 
konunt; man darf deshalb keinen einwand daraus ableiten, 
lass baitilare schon in ältester zeit, bei Plautus, belegt ist, 
^Was schliesslich die lautliche seite unserer deutung betrifft, 
so w^ird der wandel von gi im wortinuem zwischen vocal zu 
ij richtiger ii, dni*ch folgende belege gesichert (vgL Brugmann 
rdr. P 672): maior aus *mag'i>ös neben mag-is mag-nusj 
Bine analysB, die nie hätte bezweifelt werden sollen und 
wegen deren ich jetzt auf die klaren und umsichtigen dar- 
legungen Sommers IF. XI 83 ff. venveisen kann, mit denen 
r meine eigene auffassang sich vollkommen deckt ; aio aus ^ag-iö 
neben ad^ag-mm prod-ig4um m-g-^; wenn Brugmann a. a. o. 
bemerkt, über den ursprünglichen auslaut der wurzel stehe 
nichts fest, so wird rnii* g als solcher nicht nur durch die 
genannten lateinischen bildungen, sondern auch durch griech. 
iv-^3»y-a erwiesen, in dem ich — die nähere begi'ündung folgt 
anderem orte — das alte perfektum dieser wurzel erblicke ; 
iitm neben und aus pulegiiim ; endlich vielleicht Irma *sau\ 
das erst spät^ in glossen und durch die romanischen sprachen, 
Bugt ist, aber sehr w^ohl, wie nach unserer annähme baga, 
Eiltes sprachgTit sein kann, wenn wii' es mit gr. Tgdfog 'bock' 
verbinden und auf *trög-ia zurückführten dürfen.^) 

Über die herkunft von haga 4ast' u, s. w. weiss ich nichts 
'ta sagen; der versuch Gustav Meyers a_ a. o* es mit ai. bhd- 
jati *t€Üt 2n', bhägas *gut' und deren europäischen verwanten 
zu vermitteln ist nicht überzeugend. 

■) Diese r ombloAlnoD , die ich mir vor jähren angemerkt hfttte^ ift j@t£t 
sttcb tan BomMcr a. &. o. ^l verüffentlicht worden. 



24 Foiu SolmBen, 

Im anschluss an diese bemerkungen sei noch einer frage 
betrefSs eines anderen wertes mit intervocalischem -i- räum 
gegeben, nämlich boia. boiae, heisst es Paul, ^est 25, 30 
Th. d. F., id est genas vincnlomm, tam ligneae quam ferreae 
dicuntur. Sommer a. a. o. 79 f., der die von den lexicis 
befürwortete herleitung aus gr. ßoBia mit recht ablehnt, geht 
seinerseits von einer grundform *bödhia aus und verbindet 
diese mit ai. bädhatB 'bedrängen', als dessen älteste bedeutung 
er 'einzwängen, klemmen' annimmt. Allein das b des indischen 
wertes wird der entstehung aus bh überführt, wenn auch 
nicht durch das desiderativum bibhatsate 'abneigung, ekel 
empfinden', gegen dessen Zugehörigkeit zu bädhate Sommer 
sich mit gutem gründe ungläubig verhält, so doch durch aus- 
wärtige verwante: got. (ga-)baidjan, ahd. (gi-Jbeiten 'drängen, 
nötigen, zwingen' nebst altbulg. beda 'necessitas, periculum', 
bediti 'zwingen', po-bediti Tjesiegen' und o-bida 'unrecht, be- 
leidigung'.^) Eine der wenigen stellen in der litteratur, wo 
boia vorkommt, ist Plaut. Capt. 888, in folgendem Zusammen- 
hang: 

Erg. 8ed Stalagmxis quoius erat tunc tiationis quom hinc abit? 
He. Sicülm, Erg. At nunc SiciUus non est: Bolus est, boiam terit: 

Liberorum quaerundorum causa ei credo uxor datast. 
Das ist ein witz, und zwar ein recht derber. Aber könnte 
er uns nicht doch vielleicht den weg zum Ursprung der be- 
nennung weisen? Könnten nicht die Bömer von den in Ober- 
italien sitzenden Bojem in den jahrzehntelangen kriegen, die 
sie bis 191 v. Chi*, mit ihnen zu führen hatten, eine besondere 
art der fesselung kennen gelernt und sie mit dem namen des 
Volkes, von dem sie sie übernahmen, bezeichnet haben, ähnlich 
wie wir eine bestimmte sorte von stocken Ziegenhainer nach 
dem orte nennen, wo sie zuerst in gebrauch waren, oder wie 
die Bömer selbst gaUica (sc. solea) für eine fussbekleidung. 



1) Warum Uhlenbeck etym. wtb. d. aind. spr. 189 diese etymologie yer- 
wirft, verstehe ich nicht: die bedeutnngen stimmen, und der vocalismas 
bereitet nns heute, wo wir das recht haben ai. ä vor consonant auf idg. ei 
zurQckzuführen, keine Schwierigkeiten mehr. Die unhaltbarkeit von Uhlenbecks 
eigenen vorschlagen fOr ai. bädhate dagegen liegt auf der band. lit. baidyti 
'scheuchen', das Uhlenbeck mit altbulg. biditi, got. baidjan in einem atem 
nennt, ist fernzuhalten; es ist faktitivum zu b\i-aü8 bij-ötis 'sich ftLrchten' 
(s. die Übersicht der sippe bei Leskien ablant d. wzlsilben 271). 



Beiträge zur geseMchte der Isiemischen spräche. 



25 



die sie bei den GaUiern sahen, persmtm (mit oder otme 
mahmt) für eine fruclit, die sie den Perseni verdankten, 
sagten?^) Es ist freilich die frage^ ob boia adjektiv zu Boucs 
9em kann. Caee. b. G, VII 14, 5 ist zwar in allen hand- 
»chriften a Born *vom Bojerlande aus' überliefert, das^ wenn 
richtig, sich zu ßoitis wie etwa Venetia zu Venehis verhalten 
and zeigen wtlrdej dass ursprünglich dreisübiges Boiia zu 
zweisilbigem Boia zusammengezogen wurde* Aber die heraus- 
geber seit Nipperdey verwerfen es nicht ohne grund und 
ersetzen es jetzt nach Madvigs vorschlage durch ah via. Und 
ein adjektivisches *Boii4s aus ^Bontis würde in den Plautini- 
sehen adjektiven von länder- und rölkernamen wie Aerpjptins 
Arabitis Babyhnitis Ephesiiis Epidamn'ms Hünrius Lemnius 
Lesbius BtioMus Samuis (aufgezählt bei Skutsch de nom. lat 
snff. -no ope- form, 15 anm,) nur eine sehr schwache stütze 
finden, da diese alle sich auf die griechische Sphäre der alten 
weit beziehen j der verdacht also nicht unbegründet ist, dass 
sie sämtlich dem Griechischen entlehnt sind* Dazu kommt, 
dass das regelrecht zu erwarteude Boiais tatsächlich bei 
PaoL Fest. 26, 16 Th. d, P, belegt ist {Boiciis ager). Aber 
könnte nicht h(m einfach das femlninum des völkemamens 
sein, 'die Bojerin', mit einer durch synonyme begriffe wie catena 
mimella pediea mmpes veranlassten geschlechtsbestimmung? 
Es wäre dann ein fall wie unser deutsches der kalmucky ein 
starkes, langhariges woUenzeug, das nach den Kalmücken 
benannt ist, und vor allem wie frz. la cravate^ wonach ital* 
üfa^satta croattaf span. corhata^ engl, cmvat^ deutsch hravaÜB^ 
die ihren namen von den durch derartige halsbrnden aus- 
gezeichneten Kroaten empfangen hat, die im laufe des dreissig- 
jlbrigen krieges mit französischen Soldaten zusammengenihrt 
wurden nnd den Franzosen und durch ihre Vermittlung den 
anderen knlturvölkern die neue mode brachten (ÄKnage dict. 
ktjm. s, V.)* Wohl denkbar, dass diese merkwürdigen büdungen 
xonäehst im Jargon gewisser niederer berufsklassen aufkamen 
und erst von da ihren weg in die allgemeine spräche nahmen, 
also la cravate etwa in dem slang der soldateska, iaia in 
dem der Sklaven und Sträflinge, Das aUes sind, soweit es 

*} ^po reichhattl^ «ammlang derartiger 'eigennamen als gattoji^- 
rV die indess der siebtung and baBseren klossifizienin^ bedarf, giebt 
ESli^ Im progmmm der kgl reakchnle m Berlin yon ostem 1B91, 



26 Johannes Schmidt, 

sich um das letztgenannte wort handelt, natürlich ganz un- 
sichere Vermutungen, zu deren controle uns jedes mittel fehlt. 
Aber ich meine, wir sollten auch für die alten sprachen bei 
technischen ausdrücken aus allen gebieten des lebens diese 
art der entstehung aus eigennamen und verwante möglichkeiten 
mehr im äuge haben als gemeiniglich geschieht und nicht 
gleich, namentlich für Wörter, die innerhalb der spräche allein 
stehen, nach urindogermanischen wurzeln suchen, an die eine 
anknfipfung im bersten falle grade eben möglich ist. 

Bonn, September 1899. Felix Solmsen. 



Die griecMschen praesentia auf uhtw.') 

Das I der praesentia auf -taxa) ist bisher noch nicht be- 
friedigend erklärt worden. Curtius' herleitung aus s (Verbum 
der griech. Spr. I*, 27 f.) bedarf heute keiner Widerlegung 
mehr, und Brugmanns annähme eines 'wurzeldeterminativs* i 
(Grdr. n, 1034) ist höchstens auf das einzige dgaglaxta an- 
wendbar. Der Ursprung des i enthüllt sich aber sofort, wenn 
man die praesentia der beti*effenden verba im zusammenhange 
mit der aussei*praesentischen flexion fasst, was merkwürdiger- 
weise noch nicht geschehen ist. Dann zeigt sich bei allen 
ausser agagioxoD und dem überhaupt fraglichen xX?jiax(o, dass 
an stelle des praesentischen i ausserpraesentisches co oder 17 
erscheint. Für die beurtheilung der einzelnen fälle ist wesent- 
lich die ältesten belege jedes dieser vocale zu kennen. Ich 
nenne also in der folgenden Zusammenstellung des materials 
nur die Schriftsteller, bei welchen die betreffenden formen 
zuerst erscheinen, indem ich wegen weiterer einzelheiten auf 
Veitch verweise. 

Nur zwei verba haben w: 

aXlaxo^ai seit Piudar (thessal. /aXlaaxtjrai. 0. Hofimann, 
Dial. n, 12 nr. 5), äXSvai seit Hom., aXdaofiat Soph. Aristoph., 
iaXtoxa Aeschyl. Ebenso iväXlaxto (d. i. avafaXlaxto) seit 
Pindar, avaXtoato Eurip. , avi^Xtoaa Soph., avriXtaxa Thuk., 
avriXtoxai Eurip. BQippokr., dvtjXcidfi Eurip.; die augmentierten 



^) Gelesen in der sitznng der philos.-hist. classe der kgl. preoss. akad. 
d. w. am 14. dec. 1899. 



Die g-iiecHschen prae^entia auf -rnnw. 



27 



oder reduplicierten foinieu habea attisch mschriftlieh nur 17^ 
nicht a, B, Meisterhans- 137, Moeris p» 23. Zu dem ausser- 
praesentisehen dvalta- hat sich auch ein praes. dmkit^, dvalm 
eingestreut, iu der litteratur seit ÄeschyL, iuscliriftlich nur 
einmal avakovv CIA. I 55 c 3 (415 v. Chr.), während fifibere 
imd spätere attische Inschriften nur dvaUanofiai kennen 
(Meisterhans* 141, dessen foromlierung der thatsache leicht 
irrc f&hren kann). Da neben dem einfachen äklaxQiaai kein 
alm erscheint, werden wir avalt^ nm- als jüngere neuhildung 
betrachten dürfen. 

dfißkioicm Soph, fr. 128 N* Eurip. Plato, ufußhaKipm Poll, 
lU^ 49 (s. n, offhaitcmo), ^fxßkwaa Hippokr. PlatO, i^^fißlmKag 
and 4lfj^ßka>fthov Armtonh. mib. 137* 139» ilfjfißkdd^ri Amtoph. 
Auch hier ist ein neues praesens gebildet worden, i'^aftßkovfiiv 
^mr machen abortieren*, Eurip. Ändr* 356, dpißkoiwrm Theoplir, 
h- pL 4, 14, 6. Später durch ausgleiehnng dftßkmuKm Galen 
u. a, (s. Steph* Thesaur,). 

Nach dem vorbilde dieser beiden alten praesentia auf 
-taxm zu ansserpraesentischen ü*- stammen, stellte sich zu (nytäy, 
(nfiiaw, i^fjiytatTa, welcbcs von *giymg - laL tifjüT- ^ dem 
collectivum zu (nyni;, abgeleitet ist (PL Ntr. 142), das praes. 
•pij^fijyü> ein, woraus weiter iv^iytünmiiv {Bv^tyom Hesych) 
gebildet ist; vgl das eben genannte dfißUuKuv^ und unten 

iifikionivm. 

Zahlreicher ist ??: 

knav^ionüVTut N 733, inavfiiaxiyvui Theognis 111, Sjiav^ 
^qato^ai Z 353, ausserdem bei Hom, nur der aor. U knuv- 
^i^tv u. s. w- häufig, der später fast aUeiu gebräuchlich blieb. 
Zu in&v^riQ(^fitAi hat sich das Praes. enav^u Hes. Op. 419 
neu gebildet (vgL dvakm^ ilufißkov^uv), 

evgiüxof Hom. nur r 158, ivg^ato seit hymn. Merc. 302, 
it^^x« seit Hdt Sophokl^j ivgr^^ai seit Äeschylj aor, H iv^ov 
seit Hom. 

anatpiuxm Hom* ÜUr k 217, i'^anaipiQxmP Hes. Th. 537, 
iiumdifijaa hymu. Äp. Pyth. 198 und Q. Smym,, dnaip^irw 
AmthoL, in class. zeit ist nur der auch bei Hom. fast aus* 
idüiesslich gebrauchte aor. iJ7ia<ffOp üblich, 

0jf^iiTxc»f 'üf^mi att seit Soph., itTTiQ^ua Hdt. Eur* Plato, 

mmatifr^jta Thuk.; eaTi^fjfnm Aesch, Hdt, U. a, , iazBQi^S'rjv 

Aes^hyl. Soph, Hdt., iari^riv Enrip., urcg^aüftai seit 8opb< 



28 Johannes Schmidt, 

Daneben praes. orsgoi, aregw/nai seit Aeschyl. (vgl. oben 
inavQst), 

oqfXiaxavto seit Soph., 09X17 aco desgleichen, ätpXtjxa Aristoph.) 
aor. n äfpXov. Zu dem stamme ofpXtj- konnten verschiedene 
praesentia gebildet werden: 1. SqfUaxco, welches Herodian 
I 436. 14 anführt. 2. Nach dem vorbilde {jfiaQxov: ijfiagrfjxa: 
ifAaQTayoD u. dgl. konnte man zu wipXov und äq^Xtixa das 
praes. SgfXivm erwarten, welches Hesych überliefert. Eine 
verschränkung beider scheint 3. das in der litteratur einzig 
belegte dqtXiaxivco zu sein. Es ist das vorbild für die nur 
von lexikographen angeführten afißXiaxuvto und hqiyiaxavto 
(s. 27). Die oft (zuletzt von Danielsson Eranos ü, 8 AT.) be- 
handelte Inschrift aus Mantineia enthält die formen jotplixiai, 
[/o]qpX^aai und \j:ö\(pXioi, , deren /o Solmsen (EZ. 34, 448 f.) 
und Danielsson (aao. 14) als 'umgekehrte Schreibung' ansehen : 
zu der zeit, als /o zu geworden war, konnte man vermeint- 
lich archaisch /o für ein nie mit / gesprochenes schreiben. 
foqtXiaai ist von D. im gegensatze zu seinen Vorgängern mit 
recht als perf. gedeutet worden, zweifelhaft ist nur, ob, wie 
er will, foq>Xi^aai und nicht vielmehr /otpXiaai zu lesen sei 
wie neuion. nenovearai, ifiSfivdaro u. dgl. (bei Bredow 328, 
Merzdorf Curt. Stud. IX, 207 f., Curtius Verbum V 98, Smyth 
lonic p. 508), deren actives gegenstück fotpXiaai ist Für 
/oq>X9Joi aber, wie D. mit perfectischer deutung liest, scheint 
mir die bisherige lesung foq)Xioi und praesentische fassung 
vorzuziehen. Dann liegt hier me vierte praesensbildung vor, 
welche sich zu iqtXiaxm verhält wie inavgm, axBQfS zu inav- 
Qiaxofiaif aTegicxm. 

Dor. ifjLnXaxiaxovTi haben alle handschiiften in dem dtate 
des Pythagoreers Theages bei Stob. Flor. 1, 68 (I p. 26, 68 
Mein. = IQ p. 79, 10 Hense), dfinXaxiaxfi viermal der cod. 
Bruxellensis ebenda 1, 67 (I p. 24 Mein. = HI p. 79, 10. 13. 
15. 16 Hense) gegen dfißXaxlaxfi des Parisinus; die heraus- 
geber schreiben an allen stellen ß wie in dem citate der 
Pythagoreerin Phintys Stob. Flor. 74, 61 ifißXaxiaxBv , über 
dessen handschriftliche grundlage die angaben noch fehlen* 
Aor. ijfinXaxov bei Pindar und den tragikem, tifißXaxov 
Archil. fr. 73 B.*, perf. i^finXaxtjTai Aesch. Suppl. 916, d/znXa- 
xrifiata AeSCh. Eum. 934, dvafinXaxrjrog Soph. OB. 472; 

Trach. 120. Das n ist durch die umgebenden tönenden laute» 



Die griecMsdien praasentia auf -ttjitto. 



29 



najBentlicli den vorhergehenden nasaJ muDdartlich ib ß ge- 
wandelt wie in j^fijrga^la: 'Aftßguxia (Meisterhans * 59), xnfi- 
ßauivitat ' xopinovg Xiyn Hesych, ngifißaXov: lat* üfepare^ 
üfepikudiae. Hierdurch erledigt sich die annähme von G. Meyer 
(Gr,^ 373), dass afißkaaioHm aus 'afiXmimaj entstanden sei, 
und Bloomfields auch sonst unannehmbare Verbindung des- 
selben mit skr. mlecchati (Am, Journ. Phil. 6, 46 ff.). 

In den bisher basprochenen fällen ist das praesens anf 
'iaum ebenso fi^üh, zum theil sogar früher belegt als das 
wsserpraesentische 17. In den folgenden dagegen ist das 
ausserpraesentische 7 für uns das ältere. 

ak^laMta Hippokr. \7I p, 52 L., inaX&^ü$a^ov E, & 405, 
419, aWi^ücä und ijld'fjua erst bei Nikand. ^ akd^j^atm Galen. 
Lex, Hippokr. 

wvttfXQ^ai *werde schwanger, empfange' seit Herodot, xvtm 
*hin schwanger' seit Hom., xvrjaw Hippokr,, ixvtiaa Hdt, 
Hippokr*, Aristoph*, xixvfixa Philemon fr. II, 512 K. 

Bei diesen regt sich schon der verdacht, dass -taxca erst 
nach dem vorbilde der früher genannten neu erwachsen sei 
Nachweislich ist dies der fall bei den folgenden: 

yiympiaxm Aesch. Eui% Thuk*, yeytavijTsny Pind. Ol. % 6, 

fiftov^fita Eon Ion 696, fiytf>vijnai Aesch. Prom. 990. Die 
Ältere praesensbildung ist y^ymvia> seit Homer, auch bei Aesch. 
Prom- 187, 820, Enr. Hipp. 585, Ehes. 270, 

yafu^xind^tti *verheiiathet werden' Aristot. pol. 7, 16, KalU- 
kraüda-H bei Stob. Flor. 85, 18, Ev. Marc. 12, 25, htytxfiitixt- 
c^m Ev. Luc. 20, 34 35 {hya^ii^io^m Ev. Mattk 22, 30), 
Neubildung zu dem stamme ya/urj-f der zuerst im perf. y^yd^i^xu 
Hdt 6, 43, Aristoph. Lys. 595, yiya^rjfiai Xen. anah. 4, 5, 24, 
Dem. 36, 32 und den suhst ya/ijjXi«, ya^ijXl&, ymfi^Umv er- 
scheint 

tEXiifxta in der litteratur seit Septuag. Deut. 23, 18 und 
Nfltand. Alex. 583 belegt (s, Thesaur), inschriftlich tä t$U- 
^ni^äva ti^ ti Idtu hga Letronne Inscriptions de TEgypte I, 
no. 25, 32 {Rosette, 196 v.Chr.) und kret tqv S^xov tfXwxnt^- 
tmr 'sie sollen den schwur ausführen' Mus. Ital. I p. 144, L 23 
(ende des 3. jh. v* Chr.)* Mit rj finden sich kret. nnlfj^dva 
iß einheimischer linksläufiger schrift Mon, antichi I p. 96, 
HO. 56, Tivikrixotm; CIG* 28B5, 7 (Branchidaej röm. zeit, auf 
der Beiben inschn z. 19 r^Xiaaua)^ TsXi^aaa^m Aristides voh 



30 Johannes Schmidt, 

U p. 153, 1 Jebb {T$Xiaaa&ai Dindf.). Es genügte wobl schon 
das praes. nXoi, am nach dem verhältsiisse von inav^ä: 
inavQtaxa}, aregS : aregiaxco, xvoS : xvtaxa> U. S. W. dazu rc- 
Xiaxto nen zu bilden. 

Qvtaxo/nai. Heliodor, Eustath., iQviaxsro' eggssv, ix^t^TO 
Hesych, das von Niketas Akominatos Choniates (12. ja^h.) 
in prosa verwandelte citat ans Archilochns (fr. 142 B.^) ent- 
hält fASTaQQviaxea&ai ; G. Meyer (Gr.* 591) ist geneigt, diese 
form dem Archilochns zuzuschreiben, da aber die übrigen 
belege derselben erst so erheblich viel später anftanchen, 
wird man sie nur auf rechnung des Byzantiners setzen dürfen. 
Aor. 6QQV9J seit Od. y 455, att seit Aeschyl., epidaur. ii^cQgva 
Coli. 3340, 3, Conj. «[y](wa Kalymma Coli. 3591, 61») (vgl. 
Bechtel Nachr. v. d. Gott. Ges. 1888, 399), iggi^xa seit Soph., 
Qvi^ao/Aai BGippokr. Isokr. 

oviaxco Athenaeus n p. 35 C. Eustath z. H. p. 883, 27 f. 
ist vielleicht nur fabricat der grammatiker wie ovsttai Stob. 
Flor. 68, 36, ovovfiBva Pseudo-Lucian Philopatris 26 (byzant. 
erzeugnis des 10. jahrh., s. Erumbacher Gesch. d. byz. Lit 
188). Beide sind neubildungen zu den seit Homer üblichen 
ovijaüD (oväaw Theokr.). ävfjaa (äväaa Theokr.), anovrjro, deren 
praesens bis ins 2. jahrh. n. Chr. oviv?j/ii ist (Solmsen EZ. 32, 290). 

Jedes dieser dreizehn praesentia, selbst das allerspäteste 
ovcax(o, hat ausserpraesentische formen mit ij oder ein zu 
solchen gehöriges praesens auf -sco zur seite. Auch bei ;t^^'<~ 
axofAui, welches zweckmässig erst weiter unten erörtert werden 
kann, ist dies der fall. Das 17 ist gemeingriechisch ausser in ov^am. 

Die quantität des i ist, soviel ich weiss, nicht überliefert 
Man setzt sie allgemein ohne jeden grund als kurz an. Alles 
spricht jedoch für länge. Zunächst die lateinischen verba 
auf 'iscö, deren i nach dem Zeugnisse der romanischen sprachen 
und der Schreibung der lex Rubria erceiscunda CIL. I, 205, 
n, 55 lang ist. Ich begreife nicht, wie man (Brugmann 



>) Dort ist i[y]QVtti betont (ebenso G. Meyer Qr.' s. 81, 614 , Blass- 
Kühner I, 11 581). Diese betonung wäre gerechtfertigt nur, wenn tf im 
sonderleben des Griechischen aas zwei süben zosammengezogen wäre, (^vap 
hätte aber dor. *^vji ergeben, also ist iygvtf zu betonen. Dies steht auf 
gleicher stufe mit kret. dvyäfiai, arkad. diätoi, lesb. n^iätai, n. s. w. bei 
G. Meyer Gr.' 581, denen xa&iaxärair Ealymna CoU. 3585, 14 (hier eben- 
falls falsch xad-iaxatai betont) znzafQgen ist. 



Die grieciusdien praesentia auf -laxat. 



31 



Jrdr, n 1036 anm. mit anderen) in ansdi^ückÜehem gegen- 
satsie hierzu dem griecli. -tm^w kurzes i geben kann, da keine 
mdogermanische spräche derartige bildungen kennt. Ferner 
hat das einzige verbum auf -tuato, dessen i zur wnrzel gehört, 
dies sicher lang. Die bereits indogennanische wurzelform 2?i 
"^trinken' hat dui*chweg langen yocal: nipoi, nt^i, niaw. Einem 
langen § vor consonanten entsprach vor yocalen in der nr- 
spraclie ij (vgl. skr, dhi-s, gen, dhiy-ds)^ aus ij ward gi-iech, i 
(vgl. «Tf, Kto;), die kurzen t von i'mov und niofiai stehen 
also im besten einklange mit den längen von nivca, nt&t, nttjio. 
Ans letzteren folgt aber, dass mntüxm^ das praes, zu ntam, 
ebeniklls langes * hat. Neben nl erscheint nm in ni^^a, 
neVepxa, beide, nl und mo, ans einer wurzel urspr, fm ent- 
itandeu^ welche in skr. päy-ma-m *das tranken^ pap-äya-H 
'tiünkt' VL a, mit der vor vocalen erforderten gestalt erhalten 
vor consonanten (ausser s) ihr i verlor: skr. pä-tra-m - Ist 
fö-clumf nw-fia^ im Üefton aber zu pl ward: skr. pi-ta- *ge- 
trunken', nivw (s. W. Schulze KZ. 27, 421). Nun liegt auf 
der hand^ dass das Verhältnis von ntninma zu ntnoiüa genau 
den von aitirttoftm zu hmXwKa entspricht und, wie erstere sich 
ans einer wurzelform urspr. pöi erklären, letztei*e auf einen 
alten verbaLstamm jalwi zurückgehen. Ferner zeigt das ver* 
liiltiiiÄ von skr. vi-häy-m 'luftraum', abnlg, Bej-q *gähne', zu 
lat. hi'sco (W. Schulze KZ, 27, 425), dass -t-aicm auch praesens 
zu ^-Stämmen sein kann. Da nun allen bisher behandelten 
praesentia auf -i^xm ausserpraesentische formen mit tB oder i^ 
zur Seite stehen, so ergiebt sich, dass sie alle langes t haben 
mid die ältesten bildungen derart von verbalstämmeu auf öi 
oder Bi ausgehen* Die praesentia auf -axü), welche dii-ect 
aus der wurzel gebildet waren, tragen den hochton Ursprung- 
ücIj auf diesem wtammbildungssuffixe^ wie die tieftonige gestalt 
der wurzeln im Skr, und tiriech. (ßdaKm, 9?«rjxü>, ßoaxm^ tiaxoi^ 
Minnn^ui^ TiTvoKOfiai) uud indische betonungen wie prechämij 
kchämif ucchämi beweisen, -i-axio zeigt also die tieftonige 
sUmmgestalt an ihrem richtigen platze. Dagegen das fut. 
and die drei siugularformen des aor, II {^almp, i^^ir^jy aor. I 
(vgl- ved. ag^*ahai^am) und des perfects hatten ni'apränglich 
dai hochtoö auf dem verbalstamme, also von rechtswegen die 
starke stammgestalt. Diese erscheint überall in der gestalt 
m, % welche sie vor anderen consonanten als a gewonnen 



32 Johannes Schmidt, 

hat. Weshalb diese auch vor a steht, ikmaofiai, i'^andq>7jaa u. s. w., 
wird sich vielleicht am schlösse unserer Untersuchung erklären. 

Mit gutem bedachte habe ich gesagt, dass nur die ältesten 
praesentia auf -laxm von verbalstämmen auf öi oder ei aus- 
gehen.^) Wir haben gesehen, dass bis in späteste zeit nach 
dem so entstandenen Verhältnisse -l-axa : -fj-aa auch zu 
solchen -jj-aa, deren tj nicht Wandlung von ei ist, praesentia 
auf -ürxco neu gebildet sind. Das selbe kann schon in vor- 
historischer zeit geschehen sein, so dass vielleicht kein einziges 
der fiberlieferten praesentia auf -tax» materiell von einem 
langdiphthongischen stamme herrfihrt Wenigstens ist mir für 
kein einziges gelungen einen solchen ausserhalb des Griechischen 
zweifellos nachzuweisen. 

afißXlaxo) hat Fick (EZ. 20, 170) unter anderem mit lit 
milyju, mUyti 'verfehlen, sich irren' verbunden, aber wir 
wissen ttber dies wort zu wenig, um es für auswärtige zwecke 
benutzen zu können. Eurschat setzt es als ihm unbekannt 
in klammem, und Nesselmann (Wtb. 399) hat gleichbedeutend 
daneben milinu, so dass vielleicht zu dessen futurum mtlysiu 
(aus mUinsiu) ein praes. milyju in bekannter weise (vgl. Les- 
kien Brugmann lit. volksl. 314 f.) neu gebildet ist. J. Wacker- 
nagel meint, d/ußkom sei von a/ußkvg abgeleitet. 'Die grosse 
lautähnlichkeit z. b. zwischen afißXmom und ivaXmoto, vielleicht 
auch ein wenig die bedeutungsähnlichkeit zwischen dfißXovv 
'ertöten' und dvakovv 'vernichten' hat dann eine zweite prae- 
sensform dfißUaxm wie dvaUoxta ins leben gerufen' (EZ. 30, 
301 f.). Abgesehen von der zurückflihrung der verbalformen 
auf dfißXvq wäre dies möglich, wie svQiyiaxdvnv aus Qiym 
(oben s. 27) zeigt. 

Qvtaxofjiai ist viel ZU spät belegt, als dass sein l mit dem 
des skr. asravit JB. in Zusammenhang stehen könnte. 

Hienge dnaq)iax(o, wie Curtius (G. E.* 510) meint, mit 
anT(o 'knüpfe, verbinde, fasse', dtpdaam 'betaste', lat apere 
'comprehendere vinculo' Fest. p. 14, 2 Th., zusammen, so 
könnte dnag>ifyx(o aus *d(pag>lax(o sich an lat. wjfiscor an- 
schliessen (vgl. lit. pri-gäuti 'dran kriegen, betrügen'), doch 
macht der dann unursprfingliche Spiritus von anrio diese er- 
klärung unsicher. 

Ein verbalstamm auf äiy welcher sein praes. einst auf -iaxto bildete, 
wird sich im verfolf^ ergeben. 



Die griechischen praesentia auf -laiim. 



33 



Hamen xvi&vua ist das fem. zu ved. vUwäyat RV* VII^ 
50, 1 ^schwellend', xvt^-trtö kann zu ved. $vä-triya- (gesclm 
*irya') ^gedeihlich' gehören und beiden ein stamm mwei zu 
gründe liegen, xt/jf-axo^ticti Hdt enthält dann dessen Schwächung. 
Das Verhältnis von xvi-ov<ju, vi-sväy-at zu iev^-am, svä'iriya- 
zü xvt-ajtoftat entspricht unter dieser Voraussetzung dem von 
skr. dhay-a'H 'saugt': ved, dha-rü- *saug:eud', ^-j^Xü^, umbr* 
feHuf: ved. part. dhl-tä-f lett. di-Ie 'saugendes kalb', lat. ßUiis, 
mhd. di-en 'saugen' (vgl W. Schulze KZ, 27, 425). Freilieh 
lässt sich auch dies nicht mit Sicherheit behaupten, da xv- 
tanopim jünger belegt ist als Kviovnu. 

^Qf^iamvio bei Hdt HI, 117 seit Portus von den heraus- 
gebern mit recht in /ojy4ir*eoi^T«t verändert, da die ganze dar- 
steDung dort in praesentien verläuft, hat keine spur von 
Iterativer* bedentung, welche ihm Curüus (Verb. I^ 285) 
und Blass-Kühner (I, n, 572) geben. Die anwendung von 
)^^^müovTai T^ vd^ttTi 'sie bedürfen des wassers, verlangen 
nach Wasser*, gleichbedeutend mit /of^ovai xov viaiag, ist 
völlig unabhängig von der praesensbildung , wie die wiirzel- 
rerwaodten X9^'^^^i X9^^» xM zeigen. Auch das gewöhnliche 
praesens, wo es das befragen der götter bezeichnet {y^tid^fttvoi 

t^ $1^ Hdt, I, 47, fttxvTrfioy f rrtJ dmd'^aaP )t^ü(J&ut Hdt I, 

157 u. 3, w,), hat seine bedeutung wenigstens in der selben 
richtung entwickelt. Da unser 'brauchen* gleiclifalls den sinn 
iowohl des gebrauchens als des bedürfens hat, können \iir 
obige stelle ohne weiteres übersetzen *sie brauchen wasser\ 
Trauen wir dem überlieferten zweisilbigen r^'t, dann sind fUi' 
^^ifitjxnfim zwei erklärungen möglich: 1) ein praes, ^^ffta^mi 
wird belegt durch boeot x^^^^^^^^ Coli. 495, 8, chalked, x^*!' 
tttt^ 3052, ti, eL x^in^^W] l^-*^ (auch arkad. x^eh^ai 
zeugt für dasselbe, s. Meister Ber. d, Sachs, Ges. 1899, 148, 
und kret xit^ifuvoi Mus, Ital. I p. 144 1, 19 mii in ngr^iififpoi 
aus Xg7iiof4ipoi zu ergänzen sein). Zu diesem kann sich x(^'i' 
tamfiat verhalten wie das auch erst bei Herodot belegte xv- 

taxoßiti zu xvdw, inuv(^iaxa3 XU inav^m^ &j^{unxm ZU atfpcü U*S* W., 

ist dann also erst nach falscher analogie gebildet. 2) Es 
bietet sich aber auch das alte subst. xi^n'^> bei Homer ge- 
sdllieben x^^^^> ^^ anknüpfungspunkt, von welchem ausser 
nom. bei Homer nur noch der dat, /ynoi 57, bei 
rfon 36j 9 der gen. ;f()fioi5g belegt ist (die Umwandlung des 



34 JohanneB Schmidt, 

erstarrten nom. in XQ^^ ^^^ Wackemagel, vermischte Beitr. 
z. griech. Sprachkunde 58 f. erklärt). Diese drei casus zu- 
sammen erweisen einen alten öi-stamm (s. KZ. 27, 374 ff.). 
Dessen schwache form ist in der declination oi^ oj : XQ^^'^ ^^ 
*XQ^oj'i. In wurzeln und verbalstämmen auf lange diph- 
thonge zeigt sich aber neben der Schwächung zu kui^em 
yocale -f h j bekanntlich auch die andere wohl alterthümlichere 
zu f, wofür das Verhältnis von ved. dhay-ase : dhe-nü-f dh&y- 
a-ti : dhl'td' genannt sei. Diese Schwächung zu i findet sich 
auch in ableitungen aus nominalen äi-stämmen, wie xogwpii, 
umbr. curna-co : lat. coml-cem und fivQinfj-l : skr. valml-ka" 
lat. forml'Ca (Kritik d. Sonantentheorie 27 f.) zeigen, sie darf 
daher unbedenklich auch fSr ableitungen nominaler öi-stämme 
angenommen werden. Thut man dies, dann verhält sich 

XQfjtaxo/Liai lautlich zu X9V^ ^^ ni-nt-oxm ZU nm-fia und Stellt 

sich neben aXiaxofiai, d^ßXiaxm. Zu diesen beiden möglich- 
keiten kommt leider noch eine dritte. Wie einige alte 
grammatiker an stelle der allein berechtigten fufiv^oxm, 
^vjiaxm durch falsche theorie verleitet fitfivtjiaxm, dvtitaxm 
schrieben, z. b. &pfjiaxova Od. jn 22 cod. N statt des metrisch 
gesicherten ^axova* (s. u.), so kann ;^pi7'iaxovro dank der 
selben theorie an stelle eines alten echten xQTi^^^^^ S^' 
schrieben sein, welches dann wie ^ifivr^axto zu erklären ist. 
Also auch hier nichts sicheres. 

Aber selbst wenn fllr kein einziges der Überlieferten 
praesentia auf -laxta der langdiphthongische stamm mehr 
nachzuweisen wäre, steht die oben gegebene erklämng in 
sich so geschlossen, dass ich sie zu veröffentlichen wage. 

Sie wird weiter bestätigt durch ein par altbaktrische 
formen, auf welche ich stiess , als ich schon jahrelang Aber 
die griechischen im reinen war. Neben ab. fra-yrisamnö *er- 
wachend' liegen fra-yiatö *beim erwachen' und das causat 
fra-yrarayeiti, fra-yräyrayelti , deren Verhältnis Bartholomae 
(6rdr. d. Iran. Phil. I, 80), dem ich sie entnehme, genau so 
erklärt, wie ich das der griechischen verbalformen. Die wurzel 
ist urspr. ger in abaktr. jayaurvao7lh9m *den wachsamen', 
skr. jägarti, eyeigfo. Da in den handschriften öfter i statt f 
geschrieben wird, kann man mit B. frayrmmnö lesen. Dann 
verhält sich der praesensstamm fra-yrlsa- zu dem ausser- 
praesentischen fra-yrä- genau so wie aregtaxw zu arcpi/- 



Die ^edüscben pr&eseiiti» auf -laxm^ 



m 



{^m} VL. i. w* Der zu grimde liegende diphthougische stamm 
(yrai) ist hier ebeuso wenig nachzuweisen wie für die grie- 
chiscbeti praesentia auf -laitm, von B. aber folgerichtig er- 
schlossen. Auf jeden fall bezeugt die Übereinstimmung des 
Altbaktrischen, dass der durchgängige parallelismus yon prae- 
sentia auf -latec^ und ausserpraesentischen stammen auf -»j, -m 
älter ist als das griechische sonderleben. Die Untersuchung 
mündet hier in das problem der langdiphthongischen verbal- 
stamme, welches von Bartholomae (Stud. z, indog, Sprgesch, 
II 63 ff*) und mir (Festgruss an R. v. Roth 179) angeschnitten 
mtj hier aber nicht weiter verfolgt werden kann. 

Nur zwei worte fügen sich meiner erkläruug nicht, «^u- 
^iunm und jfijyVifXfli. 

aou^ujnm ist eigentlich nur ein einziges mal belegt: mrog 
S* mfnpi no^iamv ioFc d^u^iaxs ni^tla 5 23, denn die zweite 

stelle Theokr. 25, 102 f, alV o ^£f d/A(fi noSeGatv ivTfiJTotaiv 
ifiäoi XüiXfiTTiSiX* ägafiKTne naQaaTadov eyyvQ ufitXyEtv ist UUr 

mt nachahmung der ersten. Alle übrigen tempora enthalten 
nur die auf p auslautende wurzel Brugmann (Grdr. H, 1034) 
sucht in dgapitTHm das selbe «pi, welches Persson (Wzer- 
Weiterung und Wzvariation 102) in d^t-S-ftig^ vij^l-tog *nn- 
|ezählt\ ahd. rlm *reihe, reiheofolge, zahl*, air. do-rimu 
enamero als wurzelerweiteining von ot^ixi äg^tfvoq, d^^ovia u. a. 
betrachtet. Das keltische und deutsche wort gehören freilich 
wohl nicht, wenigstens nicht unmittelbar hierher, ihr i ist 
tieftonige form vou fdj welches sich zeigt in lit- r^j-n^ r^auj 
nl-ti *in Ordnung legen, schichtweise legen' (Wiedemann, 
lit. Praeter. 26). Auch stehen die bedeutungen von dgagiuxta 
und d^tßfio^ weit auseinander. Doch lässt das von Persson 
(aao, 232) herangezogene, von Br. nicht erwähnte Hesychische 
a^iifiat^H • dpfii^ii Brugmanns deutnng von «^«piWco als 
üicht unmöglich erscheinen. Dies wäre dann eine völlig ver- 
einzelte bildung, die einzige mit kurzem i (wie in v^^Ito^), 
hit diese annalune aber noth wendig? Mir scheint nicht. Wii* 
haben gesehen, dass nach dem vorbilde der alten -ifjum : -i^uo} 
intmer fort zu alten -^am neue i-ax^ erwachsen sind. Ein 
fientindlicher Zusammenhang zwischen -iaam und -17001 be- 
Btaüd ^hon vom beginne des griechischen sonderlebens nicht 
mekr^ €i genügte deren thatsächliches nebeneinander. Gerade 
ni gut wie mit -?itm konnte sich -inxm mit jeder beliebigen 

3* 



36 Johannes Schmidt» 

anderen ausserpraesentischen form im sprachbewusstsein ver- 
knfipfen. Nun erscheint bei Homer neben dem 7 mal belegten 
aor. ijnaipe einmal das praes. anatptaxei. Ist es unmöglich, 
dass nach diesem vorbilde zu dem 10 mal belegten ijgags das 
einmalige dga^ioxe geschaffen wurde? Beide sind die einzigen 
reduplicierten praesentia auf -taxco. Dann wäre agagtaato 
anzusetzen und dem Griechischen jedes praesens auf -laxfo 
abzusprechen. 

Auch itXfjtaxa} ^nenne' ist nur ein einziges mal belegt 
tt xkrjtaxeTai f^ev ovara Hippokr. IX p. 84 L. W. Dindorf im 
Thesaurus schlägt vor, es in xX^i'^crat zu verändern. Viel- 
leicht ist aber xXjjaxerai zu lesen, wie auch 0. Hoffinann 
(Dial. III 444) vermuthet (vgl. oben x9v'^<^^^^^o)j was sich an 
xixXijaxca schlösse. Jedesfalls ist dies wort nicht geeignet, 
die gefundene regel zu erschttttem. 



Nun fällt auch licht auf die praesentischen -^axto und 
-yaxco. Usener (Fleckeisens Jbb. 1865 (91) 245) hat fftr die 
existenz von dvrjaxoo, fiifivfioxto, &g(pax(o grammatikerzeugnisse 
und Schreibungen guter handschrifben beigebracht, nur letztere 
fUr die von xcxAj^axco. Weitere handschriftliche belege für 
dvfiax(o und fiifivfiaxoo giebt Croenert (quaestiones Hercula- 
nenses, dissert. Gotting. 1898 p. 52; die herculaneischen 
papjrri selbst haben das i schon durchweg verloren). Dazu 
kommen aus Inschriften für att. ^•j^axco drei belege seit dem 
4. jh. bei Meisterhans * 141 , denen sich noch dvelaxsig CIA. 
IV, 2 suppl. vol. II no. 4040^ 8 gesellt. Die delphische 
Labyadeninschrift Coli. 2561 D 48 schien ein hierher gehöriges 
avfingtitaxev 'zusammen verbrennen' zu bringen, wie man mit 
willkürlich angesetztem hiatus las (B. Keil. Hermes 31, 510, 
Baunack bei Coli, aao., Brugmann gr. Gr.* s. 295), doch hat 
eine genauere Untersuchung des Steines avfimniaxBv ergeben 
(Foumier BCH. 22 (1898) p. 271). Schon im alterthum wollten 
einige mit hiatus lesen dyfjiax(o, fiifivti'taxto , Sn Sia rov 

laxoj yivexui rj nagayooyij (Et. m. p. 452, 40 = Herodian 11, 
521, 10 L). Und wie Od. /n 22 statt des metrisch gesicherten 
&y]iaxova der cod. N dvfjiaxova schreibt, so ist, wie bereits 
oben (s. 34) gesagt wurde, wohl möglich, dass xgtjioxopto 
Hdt. m, 117 und xXfjiaxeTai Hippokr. IX 84 L. durch gram- 



Die griechiacfaeD prseientü auf -tüxm. 



ST 



matisclie doctrin an stelle von /pf^a^tovTo^ MljjfFxsjni gekommen 
sind. Dass in S-u^aitm und ^(/ivrftrxa* nicht zweisilbig j^i, 
sondern 5 mit 1 ivintpf^vfij^y zu lesen sei, lehrt Herodian aao, 
und erweisen die aeol. ^aifjxm und ^u^ivatanm, deren ai 
Herodian (11 p. 79, 34 L.) im gegensatze zu den mono- 
phthongen att. ^ ausdrücklich als diphthongisch angiebt»*) Aus 
diesem gegensatze folgt aber keineswegs, dass die aeolischen 
und die attischen fonneo ursprüuglich verschiedene quantität 
hatten^ wie neuere annehmen, indem sie ^^ul^iHm, fAffivaiaHüi evlb 
unmöglichen '^i^a/cü, *^i^valm herleiten (Cnrtius Verb, P 277) 
oder aus hier nicht zu rechtfertigenden *schwachen Stammesformen 
*9>a, *fivä mit dem praesenssuffix -*a?f(jj' zusammensch weissen 
(0. Hoffinann Dial. II, 421). In der attischen Volkssprache 
Ist vielleicht schon vor einfilhrung des ionischen alphabetSj 
nachweisbar seit 380 v, Chr, altes 371 zu « geworden, im 
1* jh, v. Chr. tritt dagegen eine gelehrte reaction ein, und in 
der kaiserzeit ist in allen den filllen, wo offenbar zugehörige 
formen mit 17 dem alten jj das gewicht der regelmässigkeit 
verliehen, dieses wieder hergestellt worden, z. b. nt ßovXü 
dnrch Tf; ßovXt^ ersetzt wegen 17 ß., r^g ß-M rrjv 0. (s. Dittenberger 
Hermes 17, 37 f.; Meisterhans ^ 28 ff.; Wackemagel philoL 
mz. 1886, 69 f; Blass Ausspr.^ 46; G. Meyer Gr.'* 130). 
Die gleiche Verkürzung fllr m bezeugen Schreibungen wie h 

rofdij/iöf, Tol Jiovlamt TQuymSntq CIA. IV, 2, Suppl, Vol. 

H 574^ 5. 14. 21 (mitte des 4. jh.) u. dgl. bei Meisterhans* 
52 n. 478. 479, Blass^ 45. Auch im Ionischen von Euhoea 
ist m zu m geworden 0. Hoffmann in, 440, Wenn nt für t^ 
im Attischen nur ganz vereinzelte ausnähme blieb, während 
u für ^ im dritten jh. v. Chr. die überwiegende regel bildetj 
io beruht dies wohl darauf, dass altes offenes 17 = ^ dem 
folgenden 1 sich zu geschlossenem e ^ ^ assimilierte, dagegen 
altes offenes = 0* durch folgendes i jedesfalls nicht in der 
richtung auf geschlossenes o = « hin verändert ward. Die 



*) Äaf di0 metrisch einsilbig gelttmg de« 15* yon &¥tiioit-y wie der 
Taietils A öbemll srhreibt (La Roehe Tert, Zeicbeu und ScboUen de* cod. 
Taiet. i. 10, homer. Textkritik 2^2, hom. Untei^uehnngeii I 21€), schon bei 
Bomer darf kh mich hier nicht bertifen, da die herren, welche ^^vtfiiixm, 
^r^^itm Mr eine 'neubildtuig' halten^ entgegnen würden ^ Homer habe necb 
am 'alte* praesens d^jf^xcii ohne i gebran<:htf letzteres sei erst dorcb die 
ipfitcfieD sbscbreiber in den text gebracht. 



38 Johannes Schmidt, 

genaue ausspräche eines aus offenem toi verkürzten oi mit 
offenem o war mit den zeichen des griechischen alphabets 
nicht andeutbar. Schrieb man rgayoiSot^ so bezeichnete man 
zwar die Verkürzung, aber nicht die qualität des o-lautes, 
daher blieb man meist bei der überlieferten Schreibung rga- 
ytpSotg, welche nun die qualität auf kosten der qnantität 
angab. Dagegen ist ein langes aus oo, $o oder oc entstandenes 
geschlossenes ö vor attisch t stets verkürzt und die Ver- 
kürzung durch die schrift bezeichnet, weil in oe das qualitativ 
wie quantitativ genügende schriftzeichen zu geböte stand: 
n. pl. ;^a;Lxo? z. b. CIA. ü, 61, 41. 42. 44. 53. 55, xQ^- 
aoxotg CIA. IV** 311* 9, opt. fiia^oV^sv, q>ikot/ii€V, indic. fna&otg, 
fiia^ot. Aus 'OBiq '0€i war zunächst ein diphthong mit langem 
geschlossenem ö entstanden, dem selben laute, welcher in 
^uo&ovT€, fiia&ovv durch ov bezeichnet ist. Nur ganz ver- 
einzelt findet sich dieser diphthong mit m geschrieben: Sri, 
axBtpav^ CIA. IV, 2 suppl. vol. II n. 574 • 12 (346—334), 
wo vieUeicht noch die alte qnantität auf kosten der qualität 
bezeichnet ist; gewöhnlich ist ^ zu oi verkürzt, inschrifUiche 
att. C^^or, arstpavot, 6fjXot belegt Meisterhans' 140 n. 1226 
aus dem 4. jh., dazu kommt ajsipavoV CIA IV, 2 suppl. vol. 
II n. 574 ^ 22 (mitte des 4. jh.). Wo p zu « ward, erlitt 
ursprünglich auch das erste element von offenem ^ eine Ver- 
kürzung. Das lehren einige inschriften, welche mehr oder 
weniger consequent si und oi ftir älteres ji, ^ haben, übrigens 
aber co und o richtig scheiden. Ausnahmslos ist dies der fall 
in der Inschrift von Oropos Bechtel n. 18 (Hoffinann n. 25): 
COnjunct. nagdX&si 2, d^ixit -9, ixTivei 12, aSix^^ft 14, 
cyvy;^cö()€f 20, nagtt 26. 27; dat. fem. tSisi 14, rst dvaiei 27; 
iy Tor legot 5. 9. 15. 19. 29. 42, iv uBTtigoi 42, iv Se Tor 
xoifiTjTfjgioi 43, iv tot 45. 46, «avror 28, rot 6h legst 32, rot 
ßfyvXo^ivoi 43. Ebenso in Hofimanns n. 19 xit ßovUt xai roi 
Sijfioi, 11, avTot 14. 16. Die eleusinische Inschrift CIA. IV, 2 
suppl. vol. n 574^ hat durchweg et filr g; rst J^fifirgi xai 
xbV Kogsi xai rot Jiovva^ 13, dvaygagxt 31, ara&et 32, aber 
nur theilweise ot für tf:iv rot iii/not 5, rot Jiovva^ 14, tga- 
yoiSotg 21, aber ^lovvatp 14, XQ^^V ^"^^(pdvff 18, ai^ry 24. 26, 
iv T^ JiowaUf 32. Das tg der letzteren ist hiemach, wie 
namentlich rot Jtovvatf 14 zeigt, nur als historische Schreibung 
zu betrachten. Der parallelismus zwischen h und ot lehrt 



Dt« ^pftMechcfi prmewmtia auf -«1*0** 



aber aEch^ dass jj, als es noch diphthong war, sieb zu fi ver- 
kOrzte, Hiebt wie Brugmann (Gr**53) will, zu monophthon^em 
f geworden ist, welcbes später durch £i bezeichnet ward*). Die 
Verkürzung von ip mit offenem ö" zu 0** war nur local, die 
xoiv^ hatte unverkürztes 1^ und dies in Verbindung mit der 
attischen Schreibung 1^ beseitigte die einst eingetretene Ver- 
kürzung wieder. Wie für jj und ^> werden wir auch fiir « 
im 4* jh. eine Verkürzung des ersten elementes annehmen 
dftrfen, welche hier jedoch überhaupt nicht zum schriftliehen 
ausdrucke gelangen konnte und später wie die Verkürzung 
des f wieder durch die länge ersetzt ist. Wie nun das 
inscbriftliche aeoL 'HnoiSa (0. Hoffmann Dial. II 365, der 
'H^mSa schreibt) Verkürzung von y aucb für das ÄeoÜsche 
bezeugt^ so stehen aeol. ^i'aiGxm und ^ifivaiaxm aut der selben 
stufe mit att. ^tiaxftg, in Herodians ^'^v^aiem, ^u^tvf^üKm aber 
ist nach ri^fina, fiifipfjfiai u. s. w* das Tj genau so wieder 
hergestellt wie in rjj ßovXf} der kaiserzeit gegenüber dem 
Tai ßovUi des 4. — 2. Jahrhunderts. 

Von erklärungsversuchen dieser praesentia sind mir zwei 
bdcannt, beide gleich unbeMedigeud. Curtiiis (Verb* U^ 277) 
Mst eine Vorstufe *^ya-i-mj *fiifim-i-m^ *d^gm-l-m voraus, 
Ute welcher das i in die inchoativa übergegangen ist\ Diese 
*fontnlen' wniden die sache aber viel dunkeler machen als 
m an sich ist, denn ^mm könnte nur aus -äjj^ (vgl, xa/ea) 
oder -üifjm (vgl. daio^im) entstanden sein, -mvu nur aus -mj^w 
(vgl. fip)i welche alle drei hier unbegreiflich wären. Brug- 
mann (Grdr. II| 1034) hält -r^<fxto, -tfianof für *neubildungen 
nach der aoalogie der formen auf -tanta wie tv^-£axm\ ebenso 
0, Hoffmann (Dial. ni, 444). Es wollten ja schon alte 

grammatiker dvqi'axö», fitßyrjtanai lesen^ Sri diu rov ioxtä yiv£^ 

Tm jj na^tÄyciyyjj (s. 0.), Wir haben nun zalilreiche neu- 
UUimgen nach analogie von tv^t-oxco kennen gelernt, sie 
mm aber, abgesehen von dem gansj eigenartigen d^a^wnm, 
Hilfiiies vielleicht gar kein langes t hatte, ihnen dann also 
llierilftilpt nicht beizuzählen ist, alle durch ausserpraesentische 
ttimme auf $j oder ia bedingt Stämme wie ^ä^^ ^iftvüff, 

") Di« fereinielte sf^hrdbung i$^ t'i yaXxQ^tlxi (%vti CIA H, 61, 36, auf 
ipsl^e iich Braj^aan bcmlt, beweist nichts, da aof der selben inschnft 
dr^imftl ^k rij /«Jl^^ot'^ijjfi* %, 7. 13.33 etehl Auch die von ihm angozogeaen 
n»emiiis£hnft^n habea keina beweiekraft, s, Kretochmer raaeruiiBcJir, liO« 



40 Johannes Schmidt, 

aus welchen allein nach der analogie von §vQi^oo9 zu tigiexm 
die praesentia *&vfjiaK(o, *iiAiftvtjtaxto hätten gebildet werden 
können, wird aber niemand ansetzen, geschweige denn erweisen 
wollen. Bleiben wir anf dem boden der thatsachen, dann 
hätte man nach der analogie von evQrjna: $vgtaK(o zn xidvfixa 
nnr ein *dvtaxm, kein dvi^axa}, dvulaxf» erwarten können. 
Vielmehr liegen in den praesentia auf -xi^xm, soweit sie sich 
als alt bewähren, die langen diphthonge, welche f&r -laxm 
vorausgesetzt werden mnssten, thatsächlich vor. 

Im KV. begegnet an zwei stellen ein praesensst ma/nay'O- : 
tnanayatäs 11 , 26, 2, acc. pl. part. ^anhängliche^ (d. h. 
^gedenkende^) und tat sü te manäyati tdkät m te manayati 
I, 133, 4. Letztere worte bilden die zweite hälfte einer 
annstubhstrophe, deren erstem päda eine silbe fehlt Sie 
stehen ausser allem verständlichen zusammenhange mit dem 
vorhergehenden, die bedeutung von manayati ist also an dieser 
stelle nicht zu bestimmen, nach BR. vielleicht ^beherzigen, 
gedenken'. Dazu manüy-ü- 'eifrig, anhänglich; begehrend, 
bittend'. Das als fem. a-st. flectierte mani 'anhänglichkeit, 
Überlegung, eifer, eifersucht' kann die im auslaut lautgesetz- 
liche Wandlung eines *manäi sein und verhält sich dann zn 
mauay-ä-ti wie der acc. mäntha-m zu mcUkay-ä-ti (s. Festgmss 
an R. V. Rotti 179 anm.). Diese annähme ist der bedeutung 
wegen vielleicht der lautlich ebenso möglichen herleitung aus 
^mams, collect, zu mänas (PI. Ntr. 139), vorzuziehen. Die 
tiefstufe zu manay- erscheint in mani-^ä 'nachdenken, verstand, 
bedacht'(Bartholomae, Stud. ü, 176) und in lat. mint-scittir pro 
reminisdtur antiquitus dicebatur Paul. Fest. p. 88 Th. Letzteres 
braucht nicht aus re-, com-, s-miniscüur erschlossen zu sein, 
da tonloses e auch im einfachen verbum dem folgenden I 
assimiliert (vgl. cinis : xovig u. a.) oder allein durch den 
hochton der folgenden silbe zu i geschwächt werden konnte 
(vgl. Minerva). Der wurzelvocal, welcher sich in anlautender 
silbe, wenn auch in der Ursprache reduciert, erhielt, schwand 
im inlaute (vgl. skr. manayati : amnata- ^erwähnt'). Hiemach 
verhält sich minlscor zu urgr. /Lii/Avaaxa> , abgesehen von der 
stufe der mittleren vocale, wie gnöscö zu yiyvdaxw, d. h. /^va 
ist die in zweiter silbe vor folgendem a lautgesetzliche Ver- 
tretung des skr. manäy-. Vor andern consonanten ist das i 
lautgesetzlich geschwunden, wie die inschriftlich zahllos oft 



!>i« ^«chfgeben praet^ntiii auf ^tüxm. 



41 



und stets olme t belegten faäfiM^ iago^iva^npig und namen 
wie Mptwi-hnnq aus *M»^äri- zum übeiütiBge beweisen* Aus 
diesen folgt, dass fAinväfim^ ^^tvärat schon urgriechisch ä, 
nicht m hatten. Erklärt sich also die bewahrimg des t in 
fiißptifTXü3 aus dem folgenden <t, so kam doch dem praesens von 
hanse aus der diphthong überhaupt nicht zu, sondem ist von 
anderswoher an stelle des nach €V(}taxca u. s. w. zu erwartenden 
und von lat. miniscor thatsächlich gebotenen i übertragen. 

Die einzigen formen, in welchen nach gegenwärtiger 
kenntnis dies « ursprünglich sass, sind die drei singularper- 
l^^pcmeii des i?-aorista. Nach dem Verhältnisse von ved* gr^^iay-äti 
Ittm aor< affralmi-^am würde zu manüy-äil der aor. *mnanai- 
mm lauten, welchem mutatis mutandis urgriech, *6^vana tntr 
sprach. Von diesem ans hat sich, ehe a zwischen vocalen 
Terhanchte, das « über andere tempora, aber nur solche, in 
welchen dem vocale ebenfalls *t folgte, verbreitet. Usener 
lao. belegt aus dem cod. Bodleianus des Plato ausser fttfiv^axm 

noch avifMVi^a^jiv Theaet 143c, tivu^tv^adtirt 166 e, dvafiyfi' 

üffijyut Menon 80 c, avt^n^nd-uQ Gorg. 515 c» Menon 76 b, (ha- 
uj^u^fVra Menon 81c, ^i^vf^nd^ai Phileb* IIb, Dass diese 
Schreibungen für die Sprachgeschichte berücksichtigung ver- 
diefieii, wird durch die erstrecknng des ri auf n^nfivrlajQim 
Iliwet 149 d und uQotivj^artHfiv 150a, welche zu dem ganz 
an verwandten von ßmi abgeleiteten (ivinfim 'freie' (OsthoflF 
KZ. 26, 320) gehören, keineswegs in frage gestellt. Letztere 
haben ihr 17 allerdings erst zu der zeit, als 17 und 17 bereits 
gleich gesprochen wurden, von theoretikem bekommen, welche 
die beiden von einander ui'sprünglich verschiedenen Wort- 
familien für eine einzige hielten. An dem einst wirklichen leben 
des diphthongs im praesens ^uftvpnxto aber ist angesichts des 
aeol* fii^ivaiaieia nicht ^u zweifeln. Und fit^tvfioxm verbürgt 
auch für ^vtfirT;oBriv den diphüjong. Das fortwnchem des a 
ans dem acüven aoriste wird sich auf folgende weise voll- 
sEogen haben. Wackernagels erklärung der aoriste auf -i^j^i' 
(KZ, 30, 307) gestattet die annähme, dass uvfftvafjdijg einst 
die 2. sg. med. zu dvditvafju war und erst ans ihr die übrigen 
per^ionen -J^jjVj -^/y u, s* w. erwachsen sind; dann ist das « in 
a¥§Hvna&fi¥ aus drijuvufra, WO es berechtigt war, übertragen 
irie das a von i|fT*/aV^crf«i'] CIA. II 795, f, 33 (353 v. Chr.) 
aos itii^u. Bestätigt wird diese auffassung durch den gegen- 



42 JolmmeB Schmidt, 

satz zwischen ivBfivf^^v und dem in alter zeit nie mit i; 
erscheinenden part fiptjarog. Während die att inschriften 
des 4. jh. ^poKio oder &v$laKa> mit t schreiben, findet sich 
das part. fivTjarog zn keiner zeit mit i.^) Ich fllhre nnr die 
datierbaren belege ans CIA. n an: Ilokvfivrjax og 660, 7 
(390 V. Chr.), 792»^ 12 (circa 377), 803»» 167 (342); 'AgifiPti- 
aiog 803* 105 (342), Add. 834»» H 7 (329); JUfiPfjorog 1917 
(4. Jh.), gen. Jipftv^arö 3636; Evfiv^arog 835 A* 3. 8. 45 
(320—317), gen. Evfiv^aro 1599; Ssofir^oTTj 836, 63 (ende 
des 4. Jh.); SBOfivtjarog 872, 17 (341), 870, 5 (mitte d.4. jh.), 
873, 9 (4. Jh.), 778 A 18 (2. hälfte d. 4. jh.), 944, 62 (ende 
d. 4. Jh.), 963, 65 (desgl.), 1195, 2025, 2026 (alle ende des 
3. Jh.), 985 E 6 (101 v. Chr.), 990, 10 (1. jh. v. Chr.); Xagi^ 
fivfjarog 809^ 35 (325). fivtiatoq ist erst durch falsche analogie 
ans *fAPäT6g = skr. w-mnata- umgestaltet, hat daher den vor 
r entstandenen monophthong behalten. 

Dieser gegensatz zwischen dvffivfjo&tjp und /nvrjorog weist 
die andere für ivs/Avtfadfjv von vornherein möglich scheinende 
erklämng ab. Denkbar wäre ja, dass auch das a von wt- 
fAVf\adriv erst falscher analogie sein dasein verdankte. Dimn 
könnte sein 17 nur aus /nifiPfjaxo) fibeilragen sein. Dem wider- 
spricht aber juvr^arog, Welches dann ebenfalls tj haben mttsste. 
Es folgt also, dass ifivaa&tjv bereits a hatte, als das part. 
noch ^/avarog lautete, d. h. den stamm von *€fiväaa enthält 

Als vorhistorische flexion ergiebt sich hiemach, völlig 
übereinstimmend mit evgtaxco, eSgr^a : *fjLi(ivtaxm (lat m%ni8cor\ 
^Bfivtfaa^ ifAvaa&rjv, fiifiväfxai. Nun ist eine bekannte, wohl 
aus allen indogermanischen sprachen zu belegende thatsache, 
dass ablautsdifferenzen der tempora ausgeglichen werden. 
Ich beschränke mich hier auf wenige beispiele, für welche die 
ersetzung des ursprünglichen praesensvocids durch den vocal 
des i7-aorists ui'kundlich zu erweisen ist. Das praes. xlvv- 



>) Leider sind wir aaf den vergleich mit d^yjjaxta angewiesen, da /u»- 
fiyfjaxto and ifivipü^ny auf att. inschr. überfaaapt nicht Torkommen, weder mit 
;; noch mit 9. Dies moss man für das praesens schliessen aas MeiBterhans* 
141, welcher die schreibangen ytyytjiaxüi and d^yi^axta verzeichnet, in der 
anm. aach fufiyjiaxtj , aber nur ab im Et. magn. überliefert, erwähnt; ftlr 
den aor. f/urfia&ijy ans Meisterhans' 149, wo anter den verben, welche 'ein 
a im aor. pass. and im verbaladjectiv haben' /ni^y^axtü (so!) verzeichnet, 
aber als beleg dafür nar *AQluyfiaxog angegeben wird. 



Die gTSechificben 'pnieilMiEi auf -«axv. 



43 



fitpui Euiip* Oi% 323 = skr* dnomi ist durch niai^, Sretoa zu 
kret. aTtQjftvvTw Mus, It. III 636, U, ebenso Syros Dittenb, 
Syll* 401, geworden; diitwfHj erhalten in dem kret. hexameter- 

sdllusse nl-dtxyvTi Mus. It, III 5 736 (woraus €inQ-iixPvVT€g 

Chios, Bechtel 174 B 13), durch S^i^ta, i^ula zu gemeiugr. 
iiixvvfii (mehr dgl, bei G. Mejer Gr. ^ 576). Genau so ist 
*^t^viaHm (miniscor) durch iftvixaa in fuf^paa^tw verwaudeltj 
und genau so sind im 2, jh. n. Chr. dls^^uKta und ufißkmaKmt 
an «teile von aX^hxm^ a^ßliauw getreten (s. 27, 29). fiiftv^mm 
Iteht also dem lat. mimsmr nicht viel anders gegenilber als 
nach Bartholomaes erklärung (Sttid. II) ß^v dem skr. ämt 
Fflr die inchoaüva wird solche ausgleichung noch durch das 
umbn fat II eiscurent belegt j welchem v< Planta (Gr. d, 
osk.'umbr, dialekte I, 143) rathlos gegenübersteht. Es enthält 
den praesensstanim skr. iccJui- aber mit aoristischem vocale, 
ist also ein vollkommenes gegenstück zu ^t^vfianiü. 

Unsere ganze erklärung von fufipr^anm beruht auf dem 
aor. *t^vaüa, steht und lallt mit ihm. Mancher le^er wird 
also wohl fragen^ ob diese form thatsächüch belegt sei. Dar- 
anf kann ich nur meine Unwissenheit bekennen ^ indem ich 
liinzu fSge, dass für unsere erklärung vollkommen gleichgültig 
ist, ob der aorist sich wirklich mit « oder f^ belegen lässt. 
Ein wort, welches asu der zeit, als s zwischen vocalen noch 
nicht verhaucht war, *§iivütntA lautete, hätte schon vor beginn 
aller öberUeferung erst das u, dann das i verloren ^ wäre es 
dlein den lautgeset^en unterworfen gewesen. Es ist also fiir 
den vorhistorischen ansäte völlig gleiehgiltig, ob später in 
blstoriscber zeit statt des rein lautgesetzlich zu erwartenden 
*ip^püu ein spivaaa^ efivfiau oder f^väua, l^ivf^aa ei'scheint. Das 
a ist nur unter einwirkung von foimen, welche es durch 
<*oiiHonanten gedeckt hatten, wie in^^ä'^a, von alters her be- 
wahrt oder später wiederhergestellt. Ob dann auch das t mit 
dem n am leben blieb, beziehungsweise mit ihm wieder auf* 
lebte oder endgiltig faUen gelassen wurde, Meng nur davon 
ab, ob der acüve aorist in ^regelmässigem' Verhältnisse zu 
pttfAv^ünm, i^vf}ij^v oder zu f^dfiv^ptu stehen soUte. Dachte 
Maa an tufivf^axm^ i/irijV^-^v, dann wird man «, ji wiederher- 
gntaUt haben, dachte mau an fii^ivri^iat , dann wird man das 
i bei den todten belassen haben, Jedesfalls ist die historische 
BJberiiefi^imf in jedem falle gleichgiltig, da weder i^fäcia, 



44 JohanneB Schmidt, 

Sfivffaa wie unsere texte heute haben, noch ein etwa zu tage 
tretendes i/nv^aa, sfivj^na rein lautgesetzliche fortsetzungen des 
vorhistorischen aorists sind. Diesen als *€iuvtfaa anzusetzen 
rechtfertigt von oben die vedische spräche, von unten der 
erfolg, das nur so zu erklärende /ii^ui^nxco. 

Bleiben noch die nordeuropäischen verwandten zu besprechen : 
lit. miniü (heute menü) minäj-au min^u min&i 'gedenken^ 
wie fiifivi^axa} mit dem gen. der 'gedachten sache verbunden, 
abulg. minjq mXniSi mlneti 'meinen, glauben^ po-mXneti 'ge- 
denken, sich erinnern', got. muna munaida mit folgendem ei 
und opt. oder mit dem infl 'etwas zu thun gedenken, be- 
absichtigen, im begriff sein', ahd. fir-monen despicere, con- 
demnare. Die 2. sg. got munais führt auf eine grundform 
*mgnejesi (vgl. Jfohais = lat taces u. a.), deckt sich also laut 
für laut mit dem ved. manayasi. Den ausserpraesentischen 
stamm abulg. mlwe-, lit. min^- identificieren Bmgmann (Grdr. 
n 951. 1057. 1064) und Meillet (de Indo-europaea radice 
men 16) ohne zu wissen, dass er aus urspr. m^nei vor conso- 
nanten entstanden ist, mit griech. i-fiavfj. Dem widerspricht 
erstens die bedeutung, zweitens die entstehungszeit des 
letzteren. Der verbalstamm urspr. ni,w5;-, m«we- bedeutet in 
allen indog. sprachen 'gedenken' (skr. matiäy-ärti, lat. mini' 
scitur, lit. min^'tij abulg. po-mlm-ti, got. munais). Diese 
bedeutung wird er also schon in der Ursprache gehabt haben. 
Dass sie sich im Griechischen zu 'rasen' entwickelt habe, ist 
höchst unwahrscheinlich. Zweitens wird niemand behaupten 
wollen, dass alle die zahlreichen bei Curtius (Verb.' n 351 ff.) 
verzeichneten stamme auf tj, welche als aor. n gebraucht 
werden, aus vorgriechischer zeit datieren. Vielmehr hat sich 
von einigen aus der vorzeit ererbten formen diese bildung 
im sonderleben des Griechischen auf andere verba erstreckt, 
wie auch Brugmann (Grdr. U 962) meint, und gehört die 
mehrzahl der belegten formen letzterer kategorie an, unter 
ihnen auch das erst bei Herodot und Euripides belegte 
iftavfi, da Homer statt dessen noch snffn^varo Z 160 braucht 
Nach dem schon homerischen vorbilde (palvBjai: iipivrj er- 
wuchs zu (xaivetai später i^avri. In nicht wenigen praesentia 
auf einstiges -vjo} ist schon das v suffixal: Qaivm {6QQuiaTai\ 
XQalvm, xXtv(o, xgtvto, nXvvoD, Zu ihnen gehört auch q>atv(o, 
wie n$<pi^(T$raiPlbby nitpii ' itpayrj Hesych (Mahlow EZ. 24, 295), 



Die griectdBcben prseseittia auf -lostw 



45 



^r. bhä'ti -scheint^ abulg. be-^ 'weisB\ air, hau 'weiss' 
(Curtius G, R^ 296) beweisen. Genau ebenso kann ^mvo^m 
der Wurzel mg 'geistig erregt sein' entstammen, welcher ent- 
sprossen sind ftutfiuto 'in aufregnng sein, wüthen', got* viöds 
*xoni\ abnlg, sü-me-ti Vagen', m-ine-lü 'külin'* Dann ist die 
lantlicli scheinbar vollständige Übereinstimmung von ftaivoßui 
i^ivfl mit abulg. mlnjq^ mlniii^ durch welche Brugmaim und 
Meület verleitet sind beide pare einander historisch gleich 
2n setzen, barer zufall. Auf jeden fall besteht nickt das 
mindeste recht e^Auvri^ welches erst in nachhomemcher zeit 
an stelle des älteren ift^varo auftritt, mit dem begrifflich 
mindestens sehr weit abliegenden slavolett» mine- aus einer 
schon indogermanischen grundform herzuleiten. Vielmehr ent* 
spricht dem in den nordeuropälsehen sprachen erscheinenden 
stamme urspr. m^^i^j- vor vocalen, mfUe- vor consonanten mit 
dem in zweiter silbe regelrechten schwnnde des ersten vocals 
griech. (/u)ftyä vor a, ftvä vor anderen consonanten* Die selbe 
vocaldifferenz begegnet zwischen abulg. be 'war' und lat, (fere)- 
J^'t and innerhalb des Griechischen zwischen att. f^pijy und dor, 
%^va (oben s. 30), deren & und d Barthol omae (Stud. II, 145) 
ebenfaUs auf allerdings nicht erweisliche ei und äi zurück* 
führen will VgL auch ahd. gi&n neben lat. Jnare^ tit HStL 
Erklärt ist die differeuz noch nicht, aber die erwähntau 
analoga rechtfertigen die Verbindung von ftvü^ ftpä mit der 
sie begrifflich vollständig deckenden nordeuropäischen t'-form. 

Das Verhältnis von juifipff^nifo zu lat. miniscor bestätigt in 
willkommener weise unsere erklärung der praesentia wie 
tif^fuxia und beweist, dass zu keiner zeit ^iftvätaxta oder 
ßtfiPfjttTitw gesprochen ist. 

Genau so wie das i^ von ßt^yfitrnm lässt sich das von 
jf^ffjfOKTo rechtfertigen, falls dies die thatsächliche grundlage 
des vielleicht nur durch grammatische doctrin der abschreiber 
viersilbig gemachten /(»j;;iWoyro Hdt in, 117 ist (s. 33). 
Den hierzu erforderlichen diphthong bietet ;fpM4ff^*ri', welches 
«chon we^geu seines a nicht mit Curtius (G. E,^ 6B0) aus 
j[^^otßüg hergeleitet werden kann. Es beruht auf einem 
iominalstamme j^paic^io-, der sich zu y^ft^ verhält wie 
^§nßo^ zu hi^ptu, abgesehen davon, dass der tieftonige 
Wurzel vocal von hiffin^ die qnalität des hoch tonigen von ^q^a 
aogenommen hat, während er in ^^utG^i- seine ursprüngliche 



46 Jobannet Schmidt, 

klang&rbe behielt. Johansson (BB. 15, 168) sucht in xQ'^^^' 
eine Schwächung aus ^XQVJ'^^» welches er für die grundform 
von hom. xQ^^^^f ^^^- XQ^^^ ^^^ ^^ verbietet jedoch das 
gortynische xQ^^^f dessen $ altes xQ^f^^t Jns^lA *X9VJ^^ erweist 
(Solmsen KZ. 32, 516 ff.). Das t von xQ^^^f^^^^ ^^ ^^ ^<^1^^ 
suffixal, bezeugt vielmehr, dass die bisher als xQn angesetzte 
Wurzel oder Stammform erst vor consonanten aus XQV ent- 
standen ist, welches sein i nur vor a bewahren konnte. xQi^^ 
axofiai neben xdxQ^/nai wftre hiernach ebenso berechtigt wie 
fiifivaauo} neben fiifAväfiai. Leider haben wü* kein mittel zu 
entscheiden, ob ;^(M^axo^ai oder ;i^p^Wxo/iat zu lesen sei, da 
auch letzteres, sogar auf zwei wegen, erklärbar ist (s. 33f.). 

Dagegen lässt sich gai* nicht bezweifeln, dass ^aje» 
einst wirklich mit diphthong gesprochen ist. Dafür zeugen 
nicht nur die drei belege aus attischen Inschriften seit dem 
4. jh. bei Meisterhans' 141, sondern noch mehr ^elaxBig 
CIA. IV, 2 Suppl. vol. n p. 286 no. 4040 ^ 8 und das 
aeol. dvalaxo}. Ihn durch irgend eine andere belegte form zu 
rechtfertigen vermag ich nicht. Man hält für wurzelverwandt 
ved. adhvomt RV. 'ward dunkel, schwand (der zom)', ähvan^ 
'dunkel', dhvanayati verdunkelt' (Windisch in Curt. Stud. VI, 
259; Fick I^ 76). Sollte dies richtig sein, was ich dahin- 
gestellt sein lasse, so darf das % von ädhvanit doch auf keinen 
fall benutzt werden um das rji von ^vfiaxw zu stützen, da die 
Inder, indem sie -is -It als 2. und 3. pers. zur 1. -i^am em- 
pfanden, diese endungen über ihren etymologisch berechtigten 
bereich ausgedehnt haben, dhvan-ta- erweist als hochtonige 
Stammgestalt dhvanir. Falls das indische verbum mit dem 
griechischen verwandt ist, decken sich dhväntä- mit ^värog, 
dhvani- mit &ava{Tog) (alte flexion *&€vaTog, ^avarov? vgl. 
KZ. 32, 355 ff.). Es scheint aber möglich, dass neben der 
allein belegten wurzelgestalt hochtonig &ava{Tog)^ tieftonig 
dvä(t6g) eine diphthongische erweiterung lag, so dass sich 
&ttva{Tog) : &Vtt{T6g) : dvai{axoal) verhielten wie TaXa(n(,v^g) : 
TXa(roc) : TaXal(n(ogog\ got. pulaip, gdf. telej-e-ti. Dann bleibt 
jedoch unerfindlich, von wo der diphthong ins praesens ge- 
kommen sein könnte, da zu &vaiax(o weder ein aor. auf -ca 
noch einer auf -a&tjv gehört, welche doch die einzigen quellen 
des diphthongs sein könnten und in fxi^vitaxw (ev. auch 
XQ^tüxopto) thatsächlich sind. Ich sehe also keine andere 



m gneebisebea pr«es€ii^ft Mir -i&Jtm. 



If 



mögliclikeit als die aanalime, dass zu der zeit, als das part. 
zu ^i^t^aaTtaa noch *fiväT6g = sfcr. a-mnata-^ lautete (s, 42), 
nach dem vorbilde von ftpanKm {fAv^axitm AnakreoE 94 j 4): 
'/lyäToc zu ^ärog das praes, ^daxm EE Stelle des älteren 
'5^a<rjfüi erwaclisen sei* 

xinkfiaiito belegt Usener aao. nur durch die Schreibung 
des Venet, A D. JC 300 und des Mediceus Soph, OC, 1578, 
dazu gehört vielleicht das einmal bei Hippokrates IX p, 84 L. 
gesebriebeEe xXr^iaiterat, wenn statt dessen Klfiatistat zu lesen 
ist (s. 36)* icljf<Tx<JO verhielte sich zu xtxlfinxü} wie ^vdaxto 
i^^axfjm Anakreon 94, 4) zu fuftvaanm. Der diphthong ist 
aber nirgendwo sonst nachweisbar, vielmehr erscheint die 
Wurzel hoch tonig nur als jcaX*((Tff«), tieftonig nur als xA^Crog). 
Auch fehlt der aoriststamm xlfitTj von welchem allein das jj 
m praesens gelangt sein könnte; der active aorist ist ixi- 
ki&aa^ der passive ixk^d-t^y. Also könnte der diphthong nur 
ditrch falsche analogie ins praesens übertragen sein. Aber 
woher? Ein sicheres beispiel für urgr. -fjtaxüo ist überhaupt 
nicht vorhanden, seitdem delph, avpinqfitüxiv sich als falsche 
lesuBg erwiesen hat. Sollen wir also annehmeu, dass nur 
im Attisch-ionischen Bach dem vorbilde von ^i/j^ro? : ^^nxm 
die zu xlfitüq gehörigen praesentia xX^axm^ ntxl^axm ein i 
erhalten hatten? Am wahrscheinlichsten ist mir, dass sie 
überhaupt nie mit j^t gesproclien sind* sxlt^aa^ der aor, von 
tXfiilm^ att. xkfX^, konnte zu der zeit, als ^ wie t^ gesprochen 
wurde, zu xtxl^axm gehörig empfunden und dem gemäss ein 
KrjrltJmcK^ geschrieben werden, dessen i nie gesprochen ist. Das 
gleiche gilt von xlf^tjxizm^ falls so zu lesen ist 

9^^axm^ ^eycj/i(Jg von Herodian 11 522, 17 bezeugt^ der sich 
fir ^awG^i<; noch auf die autorität des Apollonios^ sohneB des Ai'- 
chibios, beruft, uud von Usener handschriftlich belegt Der Cod, 
Venet A, der Ilias schreibt durchweg so (La Roche hom. Textkritik 
tM f s hom, Untersuchungen I 217)» Dagegen beweist s^iimaxnva^ 
BaecbyL Xu, 90 Bl. nichts, da der selbe papyrus auch L^]r«- 
mt^pt§^ ebenda 166 schreibt. Auswäils ist der diphthong nicht 
nachgewiesen, ebensowenig ein aor, auf -oa oder -n^rir^ aus 
irelchem alleiii er in das praes. und das osytonierte s^^it^i^fioq^ 
dem von reclitswegen gleichfalls tieftonige gestalt der wurzel* 
Silbe zukam (vgl, d^f^^aU, xXtftftog, Saäfjioi;)^ dringen konnte. 
BodUeb kennen wir auch kein verbum, aus welchem dei* 



48 Johannee Sehmidi^ 

diphthong anf ^gtpaxm übertragen sein könnte, wie für ^mm 
anzunehmen ist. Dagegen weisen aor. ^oQttw, fut ^ogovfiat, 
snbst. &oQa and d^agpeino, &6Qvv/nai als zweite Schwächungen 
auf eine hochtonige wurzelform &og€ wie fut att. arogw, 
epidaur. aroga Coli. 3325, 11. 33 und atigwfii auf hoch- 
toniges oTogi{aaq). Die zugehörige erste Schwächung wäre 

^gw wie aTgm(%6q) VOn otogM^aaq)^ Vgl. KZ. 32, 377—381. 

Also würde ein praes. dgdaxm ohne i im besten einklange 
mit $&ogov u. s. w. stehen, denn &og6tr, &oga verhielten sich zu 
&g(oüxo} wie ßogi ZU ßißgtiax(o, roguv ZU TtTgcoaxto, welche 
mit Ol geschrieben sind da, wo Herodian die Schreibungen 
^gtpaxa}, dvjiaxto lehrt (U Ö22, 19. 521, 1 L.). Die sprach- 
lichen thatsachen führen also sämmtlich auf ^gdaxat ohne <, 
widersprechen dem t, geradezu. Dürfen wir ihnen zum trotz 
der Vorschrift des Herodian und den ihr folgenden Schreibern 
so blind vertrauen, dass wir ^gtföxm als einst diphthongisch 
gesprochen anerkennen? Ich zweifle stark. 

Das I ist bekanntlich hinter langem vocale bereits mehrere 
Jahrhunderte vor Herodian verstummt, in den aeolischen 
Städten ende des 4. jh. (0. Hoffmann Dial. ü, 439 f.), in 
Aegypten im 3. jh. (St. Witkowski Prodromus grammaticae 
papyror. graecor., Cracoviae 1897 p. 4), in Kreta seit den 
nach 193 abgefassteut decreta Teia (Skias nsgi rij^ xgtiux^g 
iiaXixTov p. 124), in Attica im 2. jh. (Meisterhans' 53), in 
einigen asiatischen gegenden ionischer mundart verklang das 
i hinter 7 (nicht hinter co) bereits seit dem 5. jh. (s. Röhl 
zu lÖA. 382, 0. Hoffmann Dial. HI, 439). Sobald es ver- 
stummt ist, wird es gelegentlich an falscher stelle geschrieben, 
wofUr wir auch bei einem der hier in frage kommenden verben 
sichere beispiele haben. Der im 2. jh. vor Chr. geschriebene 
aegyptische papyrus des Herodas hat wie alle gleichzeitigen 
Schriftstücke das iota adscriptum mehrfach weg gelassen und 
irrig zugesetzt (s. Meister d. Mimiamben des Herodas ; Abh. d. 
kgl. Sachs. Ges. phüol.-hist. Cl. bd. 13, no. 7, s. 773 ff.). Von 
unseren verben bietet er zwei: anodvi^axsi I, 60 (ebenso ^^ax€ 
Herod. fr. 1, 2 B.* = 13 Büchel. = 12 Meister) und yivwax^p 
V, 21. Meister will beide als phonetische Schreibungen an- 
erkennen. Wir seien 'nicht berechtigt dnoSv^cxsi nach der 
neubildung dvi^iaxoi} zu ändern' ebensowenig das i von yivm^ 
ijxtv zu tilgen, 'da die möglichkeit bestehe, dass Herodas bei 



Die griechiEchen praeseritia auf -ta>eüi. 



49 



lesam verbum die üeubildüiig auf -taxm (vgL z. b, att* ^^mi- 
üxm) bevorzugte' (aao. 775). Und so fuhren auch 0. Hoff- 
mauB (Dial. III 444) und Bnigraanu (gr. Gr,' 295) auf grund 
dieser stelle yi^catdxHv gutgläubig als diplithougisebe bilduug 
auf- Nach Witkowski erlosch aber in Aegypten das i ad* 
Bcriptum schon im 3. jh., also ist dies anry^y^aKu des 2. jb. 
keineswegs älter als die seit dem 4. jh. aus attischen iii- 
schriften belegte angebliche 'neubUdung' ^t^taitü^^ sondern zu 
beortlieilen wie die 3. sg. conjunct d£^fii^y^, i^t^, kadfi, die 
2. sg. med. jiXüJujj, Ac<^^, iviv^^j usw. des selben papjrus bei 
Meigter aao., wie das erst später zu tage gekommene d]vuiTxovTtg 
BacdiyL XII, 166 (dessen papyrus Kenyon um 50 v. Chi\, 
Blaas (Praef, p, VII sq,) nach Clir. ansetzt) und wie das 
YOn Herodian II j 521, 2 L, angefochtene ^v^uxta des Didymos 
and der herculaneischen papyri, welche das t nirgend schreiben 
(Croenert quaestiones Herculanenses , disserL (jfottiiig* 1898 
P- 52). Ebenso wenig werth hat die Schreibung yiptotaxiv des 
Herodas- papyrus. In Übereins tinimung mit apers* /masätiy 
nosc^t und lat* gnöscö ist yiyvmanu} in attischen inschriften 
vom 5, jhp V, Chr, bis zum 4. jh. n, Chr. stets ohne * ge- 
schrieben (s. Meisterhans ^ 142 n. 1238, wo ein beleg aus 
(lern 5* Jh., drei aus dem 4, jh, v* Chr., je einer aus dem 2. 
und 4. jh* n. Chr. verzeichnet sind). Ebenso in Priene yivoi- 
ffxm Brit. Mus. rn, 1 no. 400 edict Alesanders d. gr* (Blass- 
Köhner I, n 589), aeol. ipn ytvdtjxriwt Coli. 304 A 39 
(319—317 V. Chr.), [d^jafipmu^ia^ai 0. Hoflinann Dial. n, 110, 
HO. 157, 14, ^ret. yn^w^jxmv Cauer^ 116, 21, tlvaytvcatTKQvtiav, 
iyfiyivmantv 119, 39* 42. In den herculaneischen papyri sind 
praesenaformen dieses verbum ungefähr tiOmal belegt, steta 
ohne * (Croenert aao, p. 50). Diesen Zeugnissen gegenüber 
hat das yivmtamv einer handschrift, deren Schreiber das t 
hinter o> überhaupt nicht mehr sprach, wie ihre dative jtifm- 
M»» ^^ijuuÄct), oTim beweisen^ gar nichts zu bedeuten. Er 
sta, dass es praesentia auf langen vocal + axm gab, in 
Icheo ein nicht mehr gesprochenes i vor dem -(jum historisch 
chrieben wurde, war aber in den einzelnen fällen nicht 
ikher, setzte daher in ytvtotuictv das i an falscher stelle zu, 
wUirand er es in diiö$y^aK€f, wo es geschrieben werden sollte, 
ebenso wie der spätere Schreiber des Baccliylides und die der 
berculaneischen papyri ausliess. Nocli später^ um 100 y. Chr., 

2«tlMtirlfl tikt ^sfgL äpTMtit K, F, XVtt. i. 4 



50 Johannes Schmidt, 

schreibt der papyros des Aristoteles ^A^. noXu. yivmiaxovai 
c. 53, xaraytvoiiaxnvai c. 54, welche Blass-Eülmer I, n 391 
f&r richtig hielt, aber s. 589 auf gmnd der oben erwähnten 
inschrift von Priene und des Schweigens der grammatiker 
mit recht verwirft. Also schon drei Jahrhunderte vor Hero- 
dian beginnt f&r ans mit dem ytvtoiaxiv des Herodas hier, 
nnd schwerlich hier allein, ein falsches i einzudringen. Fand 
nun Herodian in flbrigens guten handschriften dergleichen 
schi*eibungen, so konnte er leicht seine orthographischen 
regeln nach ihnen richten, da ihm f&r die berechtigung od^ 
nichtberechtignng des i jeder andere massstab fehlte, wie er 
n, 521, 8 L. nach vergeblichen bemühungen das ihm völlig 
gegen den strich gehende i von dytiOxcn zu rechtfertigen, 
ausdrücklich sagt: rj indvrot nagHoaig e/u ro i. Dass er 
hinsichtlich des i avBxtpwvtirov nicht unfehlbar war, lehrt seine 
vom cod. Laurent. D II. X 274 befolgte Vorschrift, igwdtog, 
gm^iog mit (p ZU schreiben, weil es von goll^m abgeleitet sei 
Et. m. 380, 30 (La Roche hom. Textkrit. 261, hom. Unter- 
sucliungen I, 215); sie hält der seit Pott (E. F. I* 213) an- 
genommenen Verwandtschaft von gmöiog mit lat. ardea nicht 
stand (vgl. xgcimov : carpo). Daher ist auch das i von 
^P^'ffxco, welches bisher nur auf Herodian und späteren von 
ihm unmittelbar oder mittelbar abhängigen grammatikem und 
Schreibern beruht, noch keineswegs gesichert. Wie er einer 
falschen etymologie zu liebe i^tpiiog schrieb, so kann ihm 
auch hier die angebliche herkunft des wertes einen streich 
gespielt haben, da er es durch ^d-Qmtaxto, *dwQlaxQj aus *^op/- 
axco ableitete (ü, 522, 22 L.). Heute sind die diphthonge 
erwiesen nur in fii^vf]ax(o und Ortjaxot), möglich in xQjiaxovrat^ 
wenig wahrscheinlich in xXriaxw und xixXfjaxto. Sicher falsch 
ist yivwaxa) und sehr verdächtig SQtpaxoty. 

Blicken wir zurück, so zeigt sich die thatsache, dass bei lang- 
diphthongischen Stämmen, welche ihr praesens mittels -orxai bilden, 
der diphthong im Griechischen spurlos verloren ist, wenn das 
praesens den alten ausgang -i-axco behielt, dagegen bewahrt blieb, 
und zwar der Überlieferung nach fast nur im praesens, wenn dies 
die ausserpraesentische Stammgestalt übernahm: -i^-axcu. Ihre 
erklärung ergiebt sich vielleicht aus der anderen thatsache, 
dass zu praesentia auf -iaxto passive aoriste auf -^i; gehören: 
avjyXwd-jy, H^fj/nßxd&fj, iffrsQi^&ii dagegen ZU praeseutia auf -^ airo». 



Dk ^echiBchen praesentia auf 'lüxm. 



51 



-jusem solche auf -a&ij: awefD^itd-ij j E^^^i^ijB'ri (faUs jfpijVxoiTöt 

ZU lesen ist). Ehe ir zwischen vocaJen schwand, hiess es z. b. 
*mx4Q7iiüa aber iürt^iq^riv^ iare^Tifiai^ mtiQpjiia. Das auf den 
*or* Äct- beschränkte rjt ward dann durch das j; aller übrigen 
aosserpraesentiBchen tempora ersetzt: iatigr^fra. Wurde in 
dnem m äectierten verbum das von den übrigen tempora 
abweichende praesens anf -whgj diesen gleich gestaltet, so 
konnte es von ihnen nur nionopbthonges rj oder to über- 
nehmen, wie es dlSj^ono^ und d^ßkmoi^tü in nachchristlicher 
zeit getban haben. Dagegen in ^a^väiau, sfAvuui^v, ßi^vu- 
^cti, fivaua stützte der sogenannte passive aorist den acüven, 
so dass auch dieser äia den lautgesetzen ^um trotze behielt 
Nim waltete in der ausserpraesentischen flexion die regel: 
m vor tr, ä vor anderen consonantenj was wunder, dass ihr 
mch das aUein widerstrebende praesens schon in vorgeschicht- 
licher zeit unterworfen, ^fitftviuxm in ^i^vaimu} verwandelt 
wurde. Hiernach beruhte die Verschiedenheit der flexion von 

ff li^iaxüit äütig^fia, iaj&gtjSf^Vf iüri^tjftat f itTjigriKa und VOn 
fUßir^Qüto, *£fi¥7iaa, i/ivt^a^v, fiiftyr^fim nur auf dem füj' uns 
lofimigen umstände, dass der sogenanta passive aorist dort 
aus dem verbalstanime ^tJtsQfii^ hier aus dem aoriststamme 
ᝁiQ erwuchs* Diese vermuthung entspricht durchaus den 
thatsaxihen, denn einerseits hat kein praesens auf -Ini^m einen 
aor, auf -a^n* andererseits haben die beiden praesentia auf 
'^mtm^ -fl^xm, deren diphthong ausserhalb des Griechischen 
oder im Griechischen ausserhalb der zugehörigen flexion 
Dacbweisbar ist, den aor» auf -adij : dvi^vji^j^ti und IxQ^^^^^ 
fiir die wir nun wohl berechtigt sind alte Schreibungen mit 
I zu fordern. Die einzige ausnähme bildet drfjfjjctu^ welches 
sm weder im Griechischen noch ausserhalb in irgend einer 
anderen wortform nachweisbares * überhaupt erst durch 
falsche analogie empfangen hat (s* 46), Ja selbst zu der s^eit, 
als das t zum av^^if^ii^r^z^w herabgesunken war^ scheint sich 
bei den Schreibern ein dunkeles gefiihl, dass ^n -(j5^ ein 
phthong -h tTiecö gehöre, erhalten und zu iyvmo^^ das 
fi^oHm gescbatfen zu haben. 

Johannes Schmidt« 



52 ^ Thomeysen, 

Zum keltischen verbum. 

1. Die verbalpartikel ro. 

Zimmer kleidet seine interessante entdeckong, dass in 
einer bestimmten periode des Irischen die präterita mit und 
ohne ro verschiedene bedentung gehabt haben, wesentlich 
in eine polemik gegen mich ein (Zs. 36, 463). Sie ist insoweit 
gewiss berechtigt, als sie einen trugschlnss aufdeckt, den ich 
1884 in der anzeige seiner Keltischen Stndien n (Rev. Celt 
VI 309) begangen habe. Weniger kann ich mich damit ein- 
verstanden erklären, dass er mir dabei überhaupt die gemein- 
samen Unterlassungssünden der damaligen keltologen (inclusive 
Zimmer) zur last legt, zumal in einer Zeitschrift, deren leser 
diese fragen vielleicht nicht völlig überblicken. In der that 
hat mich sehr befremdet, erst gegen ende seiner abband- 
lung (p. 541) das bekenntniss zu lesen: 'Uns alle trifit der 
Vorwurf (der frage nicht nahe getreten zu sein, ob die 
formalen unterschiede der praeterita sich nicht mit bedeutungs- 
unterschieden deckten), nachdem im vorhergehenden wieder- 
holt ausdrücke stehen wie: ^ashert und asrubart, die nach 
Thurneysen ja in ihrer Verwendung ganz gleichbedeutend 
sind' (p. 482). Ob die möglichkeit, dass die verschiedene 
präteritalfunctionen nur äine präteritalform besessen haben, 
'gewissermassen selbstverständlich naheliegend' war (Zimmer 
481), weiss ich zwar nicht; aber so viel glaub ich zu wissen, 
dass vor fünfzehn jähren niemand daran zweifelte. Als zeugen 
führe ich am besten Zimmer selber an, dem es damals zur 
stütze seines erklärungsversuches (Kelt. Stud. n 122) sehr 
willkommen hätte sein müssen, einen bedeutungsunterschied 
bei den praeterita mit und ohne ro zu constatieren, der aber 
keine silbe davon berichtet, vielmehr p. 124 über ähnliche 
conjunctive schreibt: 'aran Srbarat neben aran epret, condema 
neben condina mit völlig gleicher bedeutung zeigen, 
dass auch im conjunktiv ... das im indicativ eingetretene 
zusammenfallen {asbeir: asrobair, asbert: dsrübart) platz griff. 
Also diesen irrthum hat keiner von uns dem andern vor- 
zuwerfen. 

Abgesehen von der erklärung — worüber unten — 
dachten wir dagegen über den punkt verschieden, welche 
der beiden bildungen in den ältesten irischen denkmälem im 



FMWt seil 



53 



vordringen sei* Nach Zimmer suchte die spräche im praeteritum 
alte fonnen ohne ra auszumerzen und führte ro auch in 
solche formen ein, die es nicht besessen hatten (122 f.).*) 
Dem gegenüber constatierte ich (p. 322. 328), dass ro-lose 
formen wie pridchaiss neben ra pridach^ as bert neben o^ 
rubariy dö bert neben do rat unserer ältesten glosseumasse, 
den Würzburger glossen, fast ganz fremd sind; dass auch die 
sprachlich jungem Mailänder glossen, deren bandschrift man 
au£ paläographischen gründen dem achten Jahrhundert oder 
spätestens dem anfang des neunten zuschrieb, sie nur in 
sehr geringer zalü aufweisen; dass sie dagegen im buch von 
Armagh, das sicher in der ersten hälfte des neunten Jahr- 
hunderts geschrieben scheint, in grosser menge auftreteiij 
gerade wie in den sagentexten, die uns in handschriften yom 
ende des elften Jahrhunderts an äberüefert sind. Hieraus 
schloss ich, dass die formen ohne ro die jüngere bildung 
me^ die sich erst in dieser periode ausbreite. Darum nannte 
ich die spräche des buchs von Armagh absichtlich mit scharfem 
außdruck mittel irisch, um die kluft zu betonen, die sie 
nach meiner ansieht von der der genannten altirischen glossen 
trennte. Demgemäss nahm ich auch die zeitliche distanz als 
mdgUchst gross an (p. 318); da die fielen sinnlosen ver- 
idireibuDgen in ML darauf hinweisen, dass die glossen nicht 
original, sondern copie sind, datierte ich die vorläge spätestens 
in die mitte des achten Jahrhunderts und hielt mich dann für 
berechtigt, die noch älteren Würzburger glossen ins siebente 
m setzen. So haben wir damals beide falsch geschlossen, 
wd] eben die prämissen falsch waren» Unsere differenz betraf 
übrigens nur die activen formen; über die passiven wie 
lrrdha{e) äusserte sich Zimmer einige jähre später (Zs, 28, 
369 f.) ganz in meinem sinne, indem er sie als mittelirische 
nenbüdungen anfiasste. Jetzt zeigt er dagegen, dass von den 



^) Min b«a/chtet d^i «s ^eh damals auch Mr Zimmer nur um tlai 
Üttfft«, in den glaasen überlieferte IriBch handelte. Für die spätere poriede, 
üi fum MitteliriBchen hinübe dilhrt, nimmt er jet^t mit recht eine ver- 
l%eiD9tBening' der toformatien an. Eigentümlich ist auch hier wieder, 
4^ iT bei der erklimng von nenir. da für ro (p. 549 ff J K^^^^ mich 
folniisiert, der ich das f&etum ohne jede erkläruiig einfach erwähnt hattt, 
MI legen seine eigene falsche erklärung^ die er Kelt Stnd. 11 125 
Ciftbiii fatt S^onst pflegt man doch zuerst vor der eigenen thCir %vi kehren. 



54 B. ThumeyBen, 

beiden praeterita im ältesten Irischen keines im vordringen 
war, sondern beide Mediich neben einander lagen, weil sie 
eben verschiedene fnnctionen versahen, und dass sich das 
fehlen der einen klasse in den glossen daraus erklärt, dass 
sich für ein rein erzählendes tempus in ihnen nur ganz aus- 
nahmsweise ranm fand. 

Ich bedaure meinen damaligen tmgschloss nm so mehr, 
als ich eben in jener anzeige darauf gedrungen habe, bei 
altersbestimmungen gegenüber den 'inneren gründen^ die 
Zimmer zu seiner verkehrten ansieht über den Patrick-hjrmnus 
geführt hatten, viel mehr gewicht auf die sprachlichen 
beweise zu legen. So thut es mir besonders leid, gerade an 
die spitze solcher Untersuchungen ein falsches kriterium ge- 
stellt zu haben, das auch andere irre geleitet hat. Glücklicher- 
weise sind ja seitdem eine reihe anderer, besser begründeter 
hinzugetreten. Wenigstens einen theil meines irrthums, die zu 
frühe datierung der hauptglossatoren von Wb., habe ich selber 
wieder gut machen können durch die aufdeckung der sprach- 
lichen kriterien, die verbieten, sie vor das achte Jahrhundert 
zu setzen (Zs. f. celt. Phil. I 345 u. neuerdings III 47); da- 
durch verschiebt sich von selbst auch die zeit von Ml. Einen 
andern punkt, der meiner früheren annähme widerspricht, und 
der für mich bisher ein problem gebildet hat, den alter- 
thümlichen vocalismus des Irischen im buch von Armagh, 
betont Zimmer mit recht. Er ist geneigt, es nahe an Wb. 
anzuschliessen. Mir scheint der vocalismus sogar alter- 
thümlicher als der der Würzburger glossen (abgesehen 
natürlich von der Uprima manus'), und ich möchte jetzt LA an 
die spitze aller umfangreicheren Sprachdenkmäler ausser dem 
Camaracensis stellen. Zu einer absoluten datierung führt das 
aber nicht, da LA aus einer alten quelle copiert sein kann, 
wie die lateinischen texte derselben handschrift; die irischen 
namen in den letzteren scheinen zu zeigen, dass der Schreiber 
alte wortformen geschont hat. Hier kann einstweilen nur die 
vergleichung mit dem heiligenkalender des Oengus weiter 
helfen, der sicher vor 808, dem todesjahr des Leinsterkönigs 
Finsnechta, des nachfolgers von Brau Ardchenn, gedichtet ist 
(Prol. 222). Freilich muss er zuvor der mittelirischen tünche, 
in der er überliefert ist, entkleidet werden, eine arbeit, die 
Strachan mit der Untersuchung der auslautenden vocale im 



Znm keltiBchen verbnnL 



55 



reim begonEen hat (Rev. Celt. 20^ 19L 295). Schon jetzt 
aber darf maa wohl sagen, dass es nicht angeht, Wb. so 
nahe an 800 heranzurücken, wie Zimmer wüL Die strenge 
seheidaQg von nd und mit die Wb. bewahrt (Zs, t celt, PhU. 
I04t>; Pedersen, Aspuration p. 110), ist von Oengus völlig 
aii%egebea; er lässt unbedenklich altes nd mit alter doppel- 
liqoida reimeßi vgl finde: BasiUe 17. Mai, finde: BUle 8- Aug., 
cUimde: dalüe EpU. 509. Eine der nächsten chronologischen 
aufgaban scheint mir zu sein, das zeitliche verbältniss von 
Oengos zu den Mailänder glossen klarzulegen, da wir wohl 
alle den glauben an die paläographischen bestimniungen ver- 
loren haben. 

Was endlich die St, Öaller glossen betrifft, so bezeichnet 
Zimmer meine Rev. Celt. VI 318 geäusserte vermuthnng, sie 
'dürften zwischen die Würzburger und Mailänder einzureiben 
sein\ als eine ansieht, über die allgemeine überein Stimmung 
herrsche (p, 471). Zu meiner Verwunderung, da doch Pedersen 
Zs, 35, 316 scharf dagegen Stellung genommen und Sg, als 
junger denn Ml. bezeichnet hat* Freilich stärkte später Stracban 
die ältere ansieht durch daten über das auftreten der relativen 
verbalforni file, worin Wb* und Sg. gegen Ml. übereinstimmen.^) 
Aber seine Untersuchung der endvocale in Sg. (Rev. Celt 
20, 304) weist doch eher in Pedersens richtung, so dass auch 
mir jetzt nicht unwahrscheinlich dünkt, dass die spräche der 
glossen mit der zeit der handschrift (845?) harmoniert 

Doch nun zur erklärung der thatsachen. Der unterschied 
2wiscbeu deu praeteritalen parallelformen mit und ohne ro, der 
sich Zimmer beim lesen der Mongangeschichte LU. 133 a 
erschlossen hat, istj soweit man bis jetzt urteilen kann, 
wesentlich folgender* Die formen ohne ro sind rein erzählend, 
ausser nach der conjiinction 6 *seit, nachdem'. Die ro-formen 
können erstens als sog, eigentliches perfect dienen, d. h. sie 
kennen die auf einem vergangenen ereigniss beruhende läge 
bezeichnen: as rüracht 'er ist auferstanden und lebt jetzt^ 
oder, da der Ire im praeteritnm keine zeitstufen unterscheidet, 
'er war anferstanden und lebte'. Hier bat es also die function 
des urindogermanischen perfectums. Ausserdem dienen sie 
einfach zum constatieren eines vergangenen factums: 'das ist 

*) Tbe substantiTe verh in the Old In ah glosaes (PMlol Soc 1S99) 



56 S- ThumeyBen, 

(einst, damals etc.) geschehen', z. h. is do oinfiur as rohrad 
lacob 7 Israhel 'zu demselben mann hat man Jakob und 
Israel gesagt' Ml. 45 a 9, Dieser gebrauch eignete nach Del- 
brücks forschungen ursprünglich dem indogermanischen aorist 
Beide bedeutungen werden aber auch in vielen andern 
sprachen durch dieselbe form, die form der 'vollendeten 
handlung' ausgedrückt. Für die drei formell geschiedenen 
irischen praeterita möchte ich etwa die bezeichnungen praete- 
litum imperfectum^) (vom praesensstamm), praet narra- 
tivum (praeteritum ohne ro) und praet. perfectum (prae- 
teritum mit ro) vorschlagen. 

Über die grundbedeutung des ro im praeteritum indicativi 
sowohl wie in andern tempora und modi stehen sich zwei 
erklärungen gegenüber. Einerseits die alte, zuerst von Ebel 
(Kuhns Beitr. II 190 ff.) aufgestellte und von mir Rev. Celt. 
VI 321 wiederholte, dass die verschiedenen functionen von ro 
von seiner perfectivierenden kraft herrühren. Strachan hat 
sie neuerdings mit den durch seine eignen forschungen be- 
dingten modificationen ausfUirlicher vorgetragen und ver- 
theidigt.^) Sie ist schon früher von Zimmer bestritten worden 
(Kelt. Stud. n 122), und er stellt ihr auch jetzt wieder eine 
andere, von seiner eigenen früheren abweichende entgegen. 
Hilft vielleicht seine entdeckung über das ro-praeteritum die 
frage entscheiden? 

Um dieses zu prüfen, fassen wir die verba ins äuge, die 
solche parallelformen mit und ohne ro im praeteritum nicht 
besitzen ; man kann sie leicht dem abschnitt lY von Strachans 
Particle ro, theil I, entnehmen. Wir lassen zunächst die ausser 
betracht, die überhaupt kein vom perfect unterschiedenes 
narrativ entwickelt zu haben scheinen, wie z. b. die composita 
von 'iccim und von 'gninim ; hier muss der erzähler entweder 
dieselbe form verwenden, die auch als perfect fungiert (z. B. 
tänic), oder zum praesens historicum (tic) greifen. Bei andern 
begriffen wechseln verschiedene verbal wurzeln. So vertritt 
do rat' tarat-, wie schon Zimmer bemerkt hat, alle ro-formen, 



1) Praet. iterativ am wäre an sich richtiger; aber imperfect' hat sich 
schon ziemlich emgebürgert. 

') On the nse of the particle ro with preterital tenses in Old Irish 
(Philol. Soc. 1896), p. 64 des separatabzugs, und namentlich in: The snb- 
jmictive mood in Irish (ib. 1897) § 106 ff. 



Zinn ^eltisctieii yerbam. 



57 



auch die conjunctivischen, von do beir 'giebt\ ebenso ro uc- 
dieselben formen des simplex berid *trägt, gebiert^ so dass 
z. h. nebeo dem narrativ hirt^ pass, brethue das perfectum 
ra «ic. pass* ro uead steht. Immerhin enthalten hier die 
perfectformen die partihel ro. Das ist nicht der fall beim 
verbum *g^ehen' (im praes. tetj plur. tiagait)^ indem sein 
narrati? luid, pass, etha(e) (s. Zimmer Zs, 30, 75), sein perfect 
aber do coid^ -dechindj pass* do ams lautet; ebenso beim 
compositnm *hinzngehn' da luid und do dechiiid.^) 

Noch wichtiger für unser problem sind ßQIej wo eine 
andere praeposition genau die roUe von ro Übernimmt . 
So zeigt eine ganze reihe von coniposita mit der jiraep. com 
m perfectnm ad statt ro. Zu cau tuli 'schläft' gehört daß 
narrativ con tiiil ^schlief, schlief ein' Imram Brain 2 u. ö*, 
aber das perfect mu con atü biucc 'wenn sie etwas ein- 
geschlafen ist' Wh. 29 d 15 (in der späteren spräche durcli 
ro ehötaü abgelöst); zu con gaib das narrativ i:;o« ^a5 Broccans 
Hy- 15 u. ö.j dag perfect con acab 'contenuif Ml, 100 c 1; zu 
€on rifj 'bindet^ fesselt' das narrativ con reraig LU. 63 a 17, 
pass, cmi recJit Rev. Celt. XI 448, das perfect cotob ärrig Wb. 
9b 19, inti €ö}nd n-an^aig Ifl. 15c 1, pass. con arracht^) Ml. 
123 b 2; zu con dieig, con daig * verlangt* das narrativ 
vonHiacht (- con diacM) LU. 75 a 10 u. ö,, das perfect con 
aiierhi Ml, 36 b 5 u, o., plur. con aittechtatar Ml, 90 b 16. 
Letztere form lautet Wb, 8 a 14 con oitechtatarj was vielleicht 
darauf hinweist, dasB ad in einigen dieser formen älteres od 
ud verdrängt hat.^) Zu con gair ^beruft' gehört cota gart 
lt. T, I 222> 13 und cmi acrad^ con accrad (pasa.) ib. 281, 23; 
283, 13, aber in texten, die narrativ und perfect der bedeutung 
nach nicht mehr scheiden. Bei anderen verben dieser klasse 
aad mir keine belege für das narrativ zur band ; doch gehören 
hierher: con cell 'verhehlt* perf, con akelt Ml. 49c 9; con certa 



') Äsd^re composita von luid bilden aber das perfect mit roi z. b. 
tkon imnüdatar Tor 65 neben ittime lotar LA. Tir. 14. 

') Dft dr nicht zu rr wM, ist das doppelt© r aas dem artiT ferscbleppt, 
wo tu mh atia der red npÜ eierten form -ntl-ri^'fiig orkl&rt. 

*) DiB / der formen *cuinigim Wb. Uc 12, -mintea Ml. 51a 18, cuin- 
tttMH Tnr, 146 hat nntärlich mit dieser praepoiition nichts zu thmi; e« ist 
itgvlftcjit ans d vor ^ entstanden, indem das verb aus coni-di-ma^* cnnipomert 
^ l^kidian, F^rticle r<y p. &5 a. 4). 



58 B. ThiuneyBen, 

'corrigiert, bringt ins reine' perf. con aicertus Ml. 2 a 13, con 
aicert 2 a 6 ; con scara 'zerstört' perf. con ascarsat Ml. 87 b 22, 
pass. con ascrad Wb. 21b 15; cuithiud 'verspotten' perf. con 
aütibsd Ml. llOd 2; ebenso das perf. con ascriph 'er hat 
geschrieben' Hibem. min. p. 4, 99, pass. con ascribad ib. 102. 
Wieder bei andern ist das perfect durch die praeposition 
com charakterisiert; sie nimmt manchmal die gestalt coitn- 
coem- an, offenbar im anschluss an roi- roe-, das sich öfters 
im perfect aaf die Rev. Celt. VI 155. 323 besprochene weise 
aus ro entwickelt hatte. Vgl. die composita von orgid 'schlägt' : 
zu 08 oirg 'schlägt, erschlägt' gehört das narrativ pass. as 
ort^) (parallel mit bebais) F61. 23. april u. ö., aber das perfect 
as comort 'cecidi' Sg. 210 a 6, pass. o^ comart Ml. 36 b 22 u. ö.; 
zu do immuirg 'engt ein, beengt' narrativ da n-immart ML 
14 b 14, perfect dob imchomartt Wb. 3 b 21, domm imchomart 
'coartarunt me' Ml. 39 c 32, entweder mit Nigra in -imcliom' 
artatar zu ändern oder als passiv zu fassen. Ein beleg f&r 
das narrativ fehlt mir bei fris oirg 'verletzt, beleidigt' pert 
fris comart 'adflixisti' Ml. G3b 11 u. ähnl. ö.; ebenso bei 
du rig 'entblösst, beraubt' perf. do comarraig (aus *com-reraig) 
Ml. 48d 15, relat. do choimarraig 14b 1, du choimarraig 144b 1, 
plur. du coimrachtar 100 c 27; fo luing 'erträgt' perf. fo 
coemaUag sa Aug. Cr. 2, fo coimlachtar Ml. 47 c 6.*) Ähn- 



*) In Eawl. 505 darch die junge perfectform as rori ersetzt. Solche 
formen finden sich schon in Ml., wenn der ton die erste praeposition trifft, 
z. b. ho resarta 'qua caesi snnt' 84 b 13. 

') Scheinbar genau die amgekehrte bedentong zeigt con beim yerbnm 
ad ci 'sieht'. Als perfect dient die ro-lose bildung -accai (die deaterotonierte 
form wird durch ad condairc vertreten), im passiv ad cess; z. b. ni accaiar 
linn 'sie haben es nicht bei uns gesehen' Wb. 26 b 11, is hed . . ro Moss 
et ad chess 23 c 11. Aber als narrativ fungiert con accafi) ImramBrain 2 u. 
sehr hfinfig, pass. con- accas LL. 250 b 31. Doch handelt es sich hier gar nicht 
um die praeposition com con, wie das verfoum ro cluinethar *hört' zeigt 
Bei ihm lautet das perfect ro ciudc, ro cuala, aber das narrativ co cüala It. T. 
I 297, 6 u. hfiufig. Da nun die vortonige praeposition con ihr -n niemals ver- 
liert, ergiebt sich, dass wir nicht sie, sondern die conjunction con «bis 
dass, so dass' vor uns haben, die so überaus oft zur einfachen weiterführung 
der erzählung verwendet wird. Mit dem erzählenden tempus von 'sehen' und 
*hören^ ist sie so verschmolzen, dass sie auch da auftritt, wo sie in ihrer 
gewöhnUchen bedeutnng syntaktisch unmöglich wäre; sie ist einfach zum 
zeichen des narrativs herabgesunken. Decomposita von ad ci nehmen dagegen 
im perfect ro an, z. b. fris racacha sa Wl. AT a Sy do recachtar 58b 11. 



^ÄnTlröT^ 



nm ve 



liehe» mag genaue beobachtung noch in weiterem umfang 
aufdecken. 

Schon das bemerkte dürfte genügen, um Zimmers er- 
kläroBg von ?orn herein als äusserst bedenklich erscheiuen zu 
lassen. Er geht allein von ro aus und zwar zunächst von 
der bedeutuiig, die dieses im nominalcompositum zeigt. Hier 
wird 68 in den keltischen sprachen z* b. adjectiven vorgesetzt 
mit ähnlicher bedeutung wie lat, prae in praegrandis prae- 
grmiis etc.; so heisst ir. römar bret* re vraz 'tibergross, zu 
großs' (Zimmer 535). Die partikel ro^ sagt Zimmer, bringt 
also einen vergleich hinzu, der sieh auf die durch das adjectiv 
ausgedrückte eigenschaft bezieht (genauer würde man sagen, 
auf den grad dieser eigenschaft). Beim verbum habe sich 
der vergleich auf die zeitstufe der hau diu ng bezogen^ 
und darum werde durch die form mit ro eme frühere zeit- 
stute ausgedrückt als durch die reine verbalform. In der 
that eine eigenthümhche bedeutungsparallele! Sie wäre doch 
nur einleuchtend^ wenn ro carus hiesse 'ich liebte übermässig' 
statt ich habe geliebt* oder *ich habe mich verliebt'»^) Noch 
mehr in die enge gerät er aber, wenn er von dieser basis 
&ui ro beim praesens conjunctivi z. b* in Wunschsätzen erklären 
will, wo doch von einer 'früheren zeitstufe' keine rede sein 
kann. Er muss p. 527 zur vergleichung des lateinischen 
conjunctivus perfecti greifen in beispielen wie ne dixeris nebst 
dem seltenen ne ms mpernaftis, die doch auf ganz speziell 
lateinischer oder italischer entwicklung beruhen und in letzter 
Ihiie gerade auf die zeitlose Verwendung der indo- 
germanischen modi zurückgehu. 

Ist so Zimmers deutung von keiner seite aus zu halten, 
m fragt sich» ob er wenigstens mit recht vor der anderen 
*anfs ernstlichste gewarnt' hat (p. 522), oder ob sie auch auf 
die neu aufgedeckten Verhältnisse passt. Sehen wir zuerst 
zu, ob die keltische praeposition ro das zeug hatte, verba zu 
perfectivieren; sodann, ob aus perfectiver bedeutung die haupt- 
scbeinungen der verbalpartikel ro sich erklären lassen. 

Durative verba können bekanntlich durch eine hinzu- 
tretende praeposition perfectiviert werden, indem diese einen 



<) ifit der r^rjfletchtiBg von compogita mB bret peür-drmtc*ha 'achever 
dt ^itp^T^ gleitet Ziminer, ohne es in tn^rlceji, aahoti fast in die poiitioii 
•diier gegmer hiBdber, 



60 B. ThnmeyBen, 

hauptpunkt der handlung, z. b. den endpunkt, besonders 
hervorhebt (vgl. Delbrück, Vergl. Syntax II 146). Dabei kann 
das verbnm durativ bleiben (das nennt Delbrück *linear- 
perfective' oder i;erminative' verba), oder es kann über dem 
hervorgehobenen cnlminationspunkt die übrige handlung ver- 
gessen werden (*punctuell-perfective' oder 'punctuelle' verba). 
So kann lat. cotmenerunt bedeuten 'sie strömten zusunmen', 
wobei sowohl das nahen wie das schliessliche zusammentreffen 
berücksichtigt ist; aber auch punctuell 'sie trafen zusammen^ 
ohne dass an die vorhergehende bewegung gedacht wird. 
Während manche sprachen beide klassen nicht scheiden, kennt 
das Slavische, wenn man von den iterativen verben absieht» 
nur die letztere art der perfectivierung; und diese verstand 
man früher überhaupt unter diesem ausdruck. So auch Ebel 
und wir andern, die wir ihm gefolgt sind. Die eigentliche 
bedeutung der praeposition kann weiter erhalten bleiben oder 
sie kann so verblassen, dass die praeposition nur noch dazu 
dient, durative verba perfectiv, in unserem fall punctuell zu 
machen (Delbrück 147). Der ursprünglichen bedeutung 
von ro im Irischen werden wir nun am ehesten nahe kommen, 
wenn wir die verba ins äuge fassen, in denen ro nicht verbal- 
Partikel, sondern gewöhnliche praeposition ist, also durch alle 
tempora und modi bleibt. Dabei lassen wir composita, die 
sich vom simplex in der bedeutung sehr weit entfernt haben, 
oder deren simplex nicht vorkommt, besser bei seite, wie z. b. 
im ruimdethar^) 'sündigt', do rogaib 'begeht', as rochoüi 
'bestimmt'. Sehr deutlich betont ro den endpunkt, die 
Vollendung in ro saig, -roig -roich 'erreicht, reicht bis an' 
neben saigid 'er geht einer sache nach, erstrebt' (got. soJgan 
lat. sagire)] vgl. lat assequi consequi neben sequi. Ahnlich in 
ric 'erreidit, gelangt völlig hin' neben tic 'kommt, gelangt zu' 
(namentlich 'zu personen'). Öfters finden wir es mit di de 
vereint das letzte ende einer handlung bezeichnen; schön in 
do rochoini, -derchoini 'verzweifelt' zu coinid 'weint, jammert', 
also eigentlich 'er weint sich völlig aus, bis es auch mit dem 
weinen zu ende ist'. Ähnlich con dermanammar ni (di-ro-men-) 
'dass wir vergessen', subst. dermet dermat, eigentlich 'völlig 
aus den gedanken schwinden lassen' (gegensatz: for aithr 



*) Vgl. Windisch, Idg. Fo. m 78. 



Zorn kelÜBclieii verbtim. 



umneäa/r ^gedenkt'). Dieselbe Verbindung mit weniger präg- 
Bantem sinn in di roscaij -derscaigi ^zeichnet sieb aus, übertrifft* 
und -derhan 'stört, hiudert\ Man sieht» diese bedeutung der 
alten praeposition pro^ die sie auch in andern sprachen ent- 
wickelt bat (Delbrück I 719), kann sehr wohl einst dazu 
geführt haben, im Keltischen neben den erwähnten linear- 
perfectiven auch punctnelle composita mit ihr zu bilden. Dass 
dajüselbe von den praepositionen ad nnd com gilt, die noch 
bisweilen dieselbe function wie ro versehen, ergiebt sich ohne 
weiteres ans ihrer gruudbedeutuDg. 

PunctueUe verbalformen können nun nicht nnr dazu 
dienen, einen punkt einer dauernden handlang herauszuheben, 
sondern auch, wie namentlich der indogermanische aorist zeigt, 
den ausdruck der dauernden handlung dann zu vertreten, 
irenQ diese selber dem sprechenden nicht in ihi^er entwneklung 
^r äugen steht, sondern für ihn zum punkte zusammen- 
schrumpft. Das ist eben der fall^ wenn ein geschehen nicht 
erzählt, sondern nur als vergangen constatiert wird^ ein 
hauptgebrauch der irischen ro-fonuen. Das eigentliche perfect 
(und plusquamperfect) ist freilich davon verschieden; aber 
seine ähnlichkeit besteht darin, dass auch bei ihm die durch 
das verbum bezeichnete handlung nur punktuell, nämlich als 
ansgangspunkt vorgestellt wird, da das hauptgewicht auf die 
aas jener handlung resultierende läge faHt. Selbst sprachen, 
die für beide gesonderte ausdrucksweisen haben, wie das 
Griechische, scheiden sie keineswegs streng; so heissen z, b. 
auf den tafeln von Heraclea (Caner Del.^ 40) die pächter der 
landstücke abwechselnd bald toi fiefttüdtoftdvot , bald rot 
^aBmfiufiivnt. Um SO leichter begreift sich, dass in einer 
iprache, die eine besondere form flir das perfect-plusquam- 
perfect nicht besass, die coustatierende form das echte per- 
fectum mitvertxeten könnt«. Aber allerdings, punctuelles 
praeteritum dürfen wir sie von da an nicht mehr nennen* 

Diese erklärung würde sehr gestützt durch Strachans 
l>«bachtung, dass .^-conjunctive (1 h» alte aoriste) ro im 
aDgömeinen verschmähen. Doch fiihrt er selber mehrere aus- 
nahmen an (Particle ro p. 84 und Subjunctive § 86), dagegen 
nicht das beweisende positive mat^riaL Ich glaube daher nicht, 
dasB sie richtig ist. Auf beispiele wie cmtda emir Uäd oüiis co 
ro ehotlur Ir. T. I 268, 8 darf mau sich natürlich nicht berufen, 



62 B. üiiinieyBeii, 

da ^essen' (praes. ithid) ein yerbum ist, das auch im prad- 
teritüm das perfect nicht vom narrativ unterscheidet: -duaidj 
aduaidy plur. do feotar, 'daatar, adtuOar^) Ähnlich co ti n. a. 
Der conjunctiv do coi vertritt, wie zu erwarten, die ro-formen 
des conjunctivs -tei -te (s. oben p. 57). 

Die schematische entwicklung der irischen praeterita stellt 
sich mir also etwas anders dar als Zimmer (p. 546). Wir 
müssen zunächst eine periode annehmen, wo im indicatiy nur 
zwei gruppen von praeterita zugleich in form und in be- 
deutung geschieden waren. Die eine war das imperfectum, 
das ein wiederholtes oder gewohnheitsmässiges geschehen be- 
zeichnete; das andere vertrat alle anderen praeterita: er- 
zählende, constatierende, echt perfectische. Etymologisch ging 
das zweite, das ich einfach 'praeteritum' nennen will, theils 
auf das indogermanische perfectum, theils auf den aorist 
zurttck. Eine grosse ähnlichkeit dieses zustandes mit dem 
lateinischen ist nicht zu verkennen. 

Das irische praeteritum konnte also cursiv, terminativ, 
punctuell sein, ohne dass die flexion dieses unterschieden 
hätte; die besondere färbung hing nur sei es von der gmnd- 
bedeutung des verbums, sei es von den praepositionen ab, 
die mit ihm verbunden wurden. Zu cursiven verben termi- 
native und punctuelle composita zu bilden oder die betonung 
der Vollendung in perfectiven composita zu verstärken, dazu 
wurde — neben andern praepositionen wie com, ad — besonders 
gern (p)ro verwendet. Die terminative und die punktuelle 
bedeutung mögen in der regel in 6inem verbum oder com- 
positum vereint gewesen sein, wie im Lateinischen.^) Um die 

J) Bei ibid *trinkt* wird das praeteritum durch ess-ib- vertreten; s. Win- 
difich, WOrterb. s. tv. as-ifnm, at-ibimy e8(^-ibim, 

*) Eine bestätignng oder Widerlegung dieser annähme mOchte man bei 
den festen composita mit ro im historischen Irischen suchen, je nachdem sie 
im perfectum die partikel ro annehmen oder verschmähen. Leider hat sich 
das aber im Altirischen nach ganz äusserlichen gesichtspunkten geregelt: ro 
fehlt da, wo es mit der praeposition ro unmittelbar zusammenstossen 
würde; es wird gesetzt, wenn es von ihr getrennt werden kann, indon es 
sich an eine vorausgehende partikel anhängt Vgl. do rochoini, peil do 
rochünsem m Ml. 89 a 6, (2o rochoimet Ml. 46 a 17, 131 c 9, aber ni ru 
derchoin Ml. 44 a 1; oder as rochoüi, perf. as rochoüseni (hs. -thoilsem) ML 
22 c 3, 08 rochoUsid 95 c 8, as rochoüaet 95 c 2, pass. a8 rocJioiled Wb. 27 a 1 7, 
aber diand rerchoil Ml. 46 c 7, remi rerchöil (hs. rierch(Hl) Wb. 4 b 8. Man 
kann also nur sagen, die (terminativen) composita mit ro können ohne 
weitere beiffLgung von ro als perfecta dienen. • 



Zum M'öschcai T«Aiim. 



63 



spätere gestaltnng der praeterita zu verstehen, ist weiter 
an^nTiehmen, dasa bei eieigen — etwa sehr gebräuchlichen — 
composita die rein piinctnelle bedentung überwog, daeis sie 
dadurch in gegensatz zu den schildemden praeterita ohne ro 
{com, ad) traten und nun auch zum constatieren der an sich 
nicht momentanen vergangenen bandlung verwendet wurden; 
hieran schloss sich, wie bemerkt, fast von selbst ihr gebrauch 
als echtes perfectum. War einmal der unterschied zwischen 
perfect and narrativ irgendwo geschaffen, so konnte er sich 
analogisch beliebig weit ausdehnen. In der historischen periode 
giebt es thatsächlich kein simplex mehr, das ohne ro das 
perfectum bezeichnen könnte^ ausser nach 6 ^nachdem, seit', 
wo To wegen der bedentung der conjunction übei*flüssig war. ^) 
Auch im c^ampositum erseheint ro in der grossen mehrzahl der 
verba; aber die ausgleichung ist hier nicht so weit gediehen. 
Einmal haben in einzelnen filllen andere praepositionen 
{rmi^ ad) dieselbe function wie ?*o bewahrt*) Andrerseits 
giebt es verba, welche überhaupt das perfectum vom narrativ 
(und praesens) nicht unterscheiden, sondern in allen drei 
tempora die gleiche compositionsform bieten. Der schluss ist 
gewiss nicht zu kühn, dass bei ihnen seit jeher das praeteritnm 
schon an sich zur punctuellen bedeutung geneigt hatte, zumal 
d& bei zwei hauptverben dieser klasse, -iccim ^gelange* und 
-^mim ^erkenne', die besondere betonung des endpnnktes 
schon iu der grundbedeutung der wurzel liegt. ^) Dass solche 

*} Kiicli den partikeln, welche prototonierung eines fotgundßn rom- 
poiHaiiiä verlangen, giebt es zwei big dr^i ansnahnien wie nf ctialae 'bat 
iddil ^'hi^rt^ neben ro nuilar; a. darüber unten p. H8. Ähnlicher art let 
|Wf/ fuair *\tat nicht gefunden' pass. (ni) frUh neben ß funh*^ fo friüi. Doch 
k B«hr Eweifeiliall, ob dieser fall alt ist. Aus protototiiertetn 'fofuair^ plur, 
■fnftuimtar mui^te durch den achwund des f -funir fimratar entstehen^ 
icl^ijibar tmcomponierte formen -, sie kennen da8 rouäter Hlr das pasdve 'frith 
»tttt *'fofrith *'fm*ad abgegeben haben* 

*) Der nntersehied v<m simples üntl compügitmn tritt beaotiders deutlich 
M Wff* '«cliJagen^ h error (s, oben p^ 5SK Das perfectum des eimplei lautet 
^eti f« or#; aber die conipüaita haben in der alten zeit mm: em-com-ort-^ 
/nit-i"M»i-orf% t^mifti*c(im*<}ri-j UhCmH'Ori^ {zum praes. tii-fQ-org-) etc. In verben 

■it th and *isi gegangen' (üben \k 57) mag ebenfaUs die praeposition zur 

^«rff^tbedeutung beigetragen haben. 

'I In f'o-icc- betont das ro^ wie oben p. äO bemerkt, nur das völlige 

♦nwclieii einet gegenrtaiide» gegenüber tfi-icc- 'zu jemand lunge langen' ; aber 

b^Uv terba bexeicknen den endpuiikt der bandlung, wenn er auch loeal 

rt¥v tnderi» gedaciit ist. 



64 B. TburneyBen, 

verba zum theil zu alten aoristischen wurzeln gehören 
(gr. £/yo>y), darf man abe]> kaum direct mit ihrer Verwendung 
als irische perfecta in Zusammenhang bringen; beides hängt 
vielmehr mit der grundfarbe ihrer bedentung zusammen. Im 
Irischen werden sie ja auch narrativ, also wie das indo- 
germanische imperfectum, gebraucht; es liegt eben die periode 
der Vermischung der praeterita dazwischen. — Muss ein 
narratives simplex zur stütze eines pronomen inflxum eine 
vei*balpartikel vor sich nehmen, so darf diese in der alten 
spräche nicht ro^ sondern nur no sein; vgl. nos gegovn seom 
'er erschlug sie^ LU. 64 a 33 (s. Strachan, Particle ro p. 12 
anm. 5). 

Die spätere entwicklung hat Zimmer richtig skizziert 
Der unterschied zwischen narrativ und perfect verwischte sich 
wieder dadurch, dass das perfectum, wie in so vielen 
andern sprachen, die rolle des erzählenden tempus mit flber- 
nahm und so allmählich zum einzigen praeteritum ausser dem 
imperfect wurde. Nach Zimmer p. 554 war diese Verschiebung 
etwa seit dem elften Jahrhundert abgeschlossen. Wieder eine 
neue entwiddung zeigt sich endlich im Neuirischen (Zimmer, 
Zs. f. celt. Phil, in 61). Die transitiven verba, d. h. die 
verba, die ein participinm praeteriti passivi besitzen, bilden 
eigentliche perfecta (plusquamperfecta, futura exacta etc.) durch 
Verbindung dieses participiums mit dem verbum 'sein', das 
zusammen mit der praep. ag auch unser 'haben' vertritt, z. b. 
ta siad mecdlta agat 'du hast sie betrogen', nuair bheidh do 
sgeal inste agat 'weun du deine geschichte erzählt haben 
wirst' u. s. w. Bei den intransitiven dagegen wird das echte 
perfectum auch heute noch durch das allgemeine praeteritum 
mit vertreten. 



Bevor wir uns zum mannigfaltigen und problemreichen 
gebrauch von ro beim conjunctiv wenden, müssen wir sein 
— von Zimmer übergangenes — auftreten beim praesens 
indicativi ins äuge fassen. Eine Sammlung solcher formen 
hat Stokes, Kuhns Beitr. VII 3, gegeben; doch mischen sich 
dort sehr viel nicht zugehörige beispiele, namentlich praeterital- 
formen in mittelirischer gestalt unter die wirklichen prae- 
sentien. Stokes bezeichnet die bildung als 'praesens-prae- 



Zain keltificheiL verbum. 



teritimi\ Zu ilirer richtigen deutung hat namentlich Sti*achan 
den weg gewiesen (Subjunctive § 22. 23 und Substantive verb 
327, 384 u. p. 60), ohne doch völlige klarheit zu schaffen; 
seiner gütigen mittheilung verdanke ich auch einige weitere 
beispiele. 

Das praesens indicativi mit rö hat zwei ganz verschiedene 
bedeatungen* Die eine wird durch Sätze repräsentiert wie; 
tfi ntm% dö n-giiiatf ho ru maith fora naimtea 'der jubelmf, 
den (die saklateu) zu erheben pflegen^ nachdem ihre feinde 
geBchlagen sind' Ml. 51c 9; amal du n-erberar ßdboc Jd 
emn^mi fri dibircitid n-as, iarmuli ro m-M hi rigi 'wie ein 
bogan zum schiessen tu krumme stellnng gebracht wird, nach- 
dem er in gestreckter gewesen ist* Ml. 9yd 1; is and du 
amir in ftrinnij hör bi län a läm di therfochraic *dann (erst) 
pflegt (der richter) die wahiheit zu sprechen, wenn seine 
band mit einem geschenk gefüllt ist SD, 36 b 3; nad fes^ cid 
OS maüh no m olc [do] denum^ manid tarti eome dm 'dass (?) 
man nicht weiss, welches handeln gut oder böse ist^ wenn 
Gottes Weisheit es (das wissen?) nicht verliehen hat' Ml, 51 b 7. 
Nach diesem beispiel mit sicherem indicativ {iarii) nach ma 
ist es wohl gerathen, auch andere indicativisch zu fassen, wo 
der modus äusserlich unbestimmbar ist, z. b. mani ro era^ fna 
ro bmtha etc. Anc. Laws H 262; ma fris rognaither ib. 316, 
322 u- s* w* Hierher gehört auch die glosse; ma eter roscra 
ffia feTj ni (1. nä) int eo fer n-aile 'wenn (eiue fran) sich 
?on ihrem mann geschieden hat, gehe sie nicht zu einem 
andern maiin' Wh. 9d 3L 

Das praesens mit ro im nebensatze bezeichnet also ein 
PBchehen oder einen zustand, der dem im übergeordneten 
satz ausgedrückten voraus und zu gründe liegt. Aber alle 
beispiela dieser gattung haben das gemein, dass es sich nicht 
um einmalige handlungen oder lagen, soudem um gewohnheits- 
mlßsigej sich oft wiederholende handelt. So ist auch Wb. 24d 11 
(har hi) von einer sitte (besady) der amme die rede, 13 b 13 
ifm ro gaibther) von eiuer gewolmheit (Ls f/ndth); in Carm. 
S* P. II 5 (o m biam) wird eine oft eintretende läge ge- 
■chüdert und Prise» Cr. 61a 1 {ho im rordai) ein typischer 
bll Darum ist die form gerade in gesetzen ziemlich häufig. 

^) So kt rtstfe birad m hsm (Stokee bei ätra^han, Za. f. cell PMl. 

^llBsbflA flu TflrgL Bpncbf. K. F. XVlt. 1. 5 



66 ^ TbnmeyBen, 

Mit andern worten, ro mit dem praesens indicativi bezeichnet 
die relativ frühere zeitstnfe in zeitlosen satzperioden. 

Der andere gebrauch des ro-praesens kommt auch in 
hanptsätzen vor. Im 'Snbjunctiye mood' § 22. 23 hatte 
Strachan eine reihe von beispielen etwas heterogener art 
zusammengestellt, in denen er einen selbständigen 'potential 
subjunctiye' zu erkennen glaubte. Formen wie do futhtis se 
Ich möchte' sind aber nicht eigentlich das, was man einen 
Potential nennt; solche conjunctive dürften sich vielmehr an 
den Optativ (s. u.) anschliessen.O Auch für mu riis si, das 
Ml. 34 a 4 donec ueniam glossiert, darf die Übersetzung ^viel- 
leicht komme ich bald' nach dem Zusammenhang gewiss nicht 
für sicher gelten; es kann ebenso gut heissen: 'möchte ich 
bald kommen!' Sicher ein wünsch ist femer die glosse zu: 
Tu ergo . . confartare in gratia Wb. 30 a 10 (Strachan p. 104): 
ni ro heia %iaü 'möge sie dir nicht entschwinden!' Als ^cd- 
leicht'-modus dient nur der coigunctiv ohne ro mit voraus- 
gehendem hes (Strachan § 24), z. b. hes as bera m 'vielleicht 
sagst du' Aug. Cr. 78; bes nip aiU do dainib 'vielleicht ist's 
menschen nicht angenehm' F61. Ep. 417. Die übrigen bei- 
spiele in § 22. 23 sind alle derart, dass sie formell entweder 
sowohl indicativ als conjunctiv sein können {rom ferat, ni ru 
guigter, ni demat etc.) oder sicher indicativisch sind {ro 6i, 
ni ruM). Darum neigt Strachan später (Subst. verb p. 61) 
dahin, wenigstens einige als wirkliche indicative zu fassen; 
zweifellos gilt das aber von allen, was weitere beispiele 
klar bestätigen. 

Der bedeutungsunterschied dieser ro-indicative vom con- 
junctiv nach bes ist namentlich in negativen Sätzen sehr deut« 
lieh. Heisst bes nip 'vielleicht ist er nicht', 'es kann sein, 
dass er nicht ist', so bedeutet ni rubi 'er kann nicht sein'. 
Vgl. m rubcd ani sin in nominatiuo 'dieses (das reflexivpro* 
nomen) kann nicht im nominativ stehen' Sg. 209 a 3; ar is 
frecüdirc side dia mogaib; ni der not sidi ni, nad fiastar aide 
'denn er ist seinen knechten gegenwärtig; diese können nichts 
thun, das er nicht erfahre' Wb. 22 d 3; air ni ru guigter 
gnimai dce (glosse zu: omnia opera eius . . mentiri nescia)^ 

Damach hat vielleicht ein glossator Sg. 171b 1 lat. axisim durch ro 
üämar za übersetzen gewagt, faUs man die fonn mit Strachan als conjunctav 
zn fassen hat. Näher scheint mir ihre dentong als praeteritom zn liegen. 



Zmm kelMacben Terbum. 



67 



'denn gottes werke können nicht gefälscht werden' Ml, 51 c 14 ; 
ni ro chumseigther sSn beos (glosse zu: sed firmum fundu- 
mentum Dei stetit) 'es kann niemals verrückt werden' Wb. 
30 b 15. Die indicative mit ro bezeichnen also, dass jemand 
oder etwas die fähigkeit, die qnalität besitzt, etwas zu thun 
ftder zu leiden. Dasselbe gilt natürlich auch für die positiven 
Sätze; nur springt dort der gegensatz zum conjunctiv mit bes 
nicht 90 energisch in die äugen. Vgl. maM tribulationum^ 
quihus . traditm sum^ possunt mihi ad emefidatimiem uel 
tobt sufficeref glosse: cid na imneda for rodamar sa cose^ 
rom ferat dorn aithirriuch 'schon die leiden, die ich bisher 
erduldet habe, können zu meiner bessermig genügen' Ml. 22d 5; 
ro bbi tiär^ recar less . . 'es kann der fall eintreten, dass man 
liedarf 8g. 45 b 1, In der form deutlich indicativisch ist auch 
das verbnm m der glosse Sg. i98a 18 zum Prisciantext, 
welcher besagt, dass die lateinischen pronomina possessiva 
nur das geschlecht des besessenen gegenständes, aber nicht 
du des besitzers erkennen lassen: uareofi robair mnlier metis 
ßius et as rolmir uir mea fiUa a lleith possessoris *weil die 
fran *meus filins' und der mann 'mea filia* sagen kann von 
«eite des besitzers* (d. h, *als besitzer'). Ein anderes beispiel 
giebt mir Strachan an die hand; LL. 27üb 25 sagt der greise 
könig: Nert ni dernitHj rith ni rordaim (L rorthlm?), leim 
ni rohhjaim 'kraft kann ich nicht ausüben, lauf kann ich 
nicht laufen, Sprung kann ich nicht springen'. 

Wie verhält sich dieser eigenthümliche, aber durch viele 
bispieJe völlig gesicherte gebrauch des i'o-praesens zum zuerst 
besprocheaen ? Eine gewisse ähtdichkeit besteht zwischen 
amen insofern, als beide nicht einmalige, bestimmte hand- 
lu&gen bezeichnen, sondern jenes sich oft wiederholende, zeit- 
lidi tmbestimmte, dieses nur die faliigkeit zu handlnngen, die 
iim ^eicbfalls in beliebiger zeit sich effectuieren konneu. 
Aber enger ist die Verbindung nicht. Man kann wohl nicht 
äen einen aus dem andern herleiten, etwa so, dass as robair 
Eonächst 'er hat gesagt, also kann er auch fernerhin sagen' 
bedeutet hätte* Denn dann müBsten wir mindestens eine 
Wkliche praeteritalform als ausdruck der reellen vergangenen 
b&ßdlang erwarten. Der zweite gebrauch lässt sich dagegen 
ohie grosse Schwierigkeit aus einem ursprünglich punc- 
tuelleu herleiten. Ein punctuelles praesens indicativi kann 



68 ^ ThnmejBen, 

an sich als Mnram oder als praeteritttm oder zeitlos auf- 
treten ; keiner dieser functionen entspricht die irische jedoch 
genau. Eine verwandte, an die futurische nur angränzende 
bedeutung illustriert aber Delbrück (Vgl. Syntax n 338) aus 
dem Neurussischen. Das praesens eines punctueU-perfectiven 
compositums kann dort ein geschehen bezeichnen, das nach den 
gegebenen umständen sich leicht etwa ereignen kann oder 
wirklich erwartet wird, das daher fUr die vorliegende situatjon 
tjrpisch ist, zu ihrer ausmalung dient. Vgl. etwa die Schil- 
derung eines fast ganz seiner fische beraubten wassers: 'der 
fischer wirft wohl (sakinetü) die angel ins wasser, aber er 
zieht nichts heraus (ne vytasditü); zuweilen nur mag sieh ein 
kleiner sterläd einfinden (popadetsjay; oder Delbrücks letztes 
beispiel: 'auf welches pferd er auch die band legen mag 
{naloiitü\ jedes stolpert {spotykajetsja)^ keines kann es aus- 
halten (ne uderHtüy. Diese fünction steht der altirischen 
ausserordentlich nahe; nur dass hier in der regel nicht die 
Situation, sondern die qualität des subjects die grundlage f&r 
die ausgesprochene erwartung bildet: aa robair etwa 'er mag 
wohl sagen', 'er ist der mann, zu sagen', 'man kann von ihm 
erwarten, dass er gelegentlich sagt', ni erbair 'er ist nicht der 
mann, zu sagen', 'er kann nicht sagen'. Die volle ausbildung 
zum 'kann'-modus hat sich jedenfalls zunächst in den negativen 
Sätzen vollzogen. 

In den temporal- und condicionalsätzen bezeichnet ro 
dagegen sicher die frühere zeitstufe. Das verbum verhält 
sich in der bedeutung zum praesens der gewohnheit im haupt- 
satze genau wie ein wirkliches perfectum zum praesens der 
reellen, bestimmten handlung. Da wir aus andern gründen 
Zimmers ansieht, ro bezeichne an sich die frühere zeitstufe, 
nicht theilen können, müssen wir annehmen, dass sich dieser 
praesentische gebrauch des ro erst im anschluss an die ent- 
wicklung herausgebildet hat, die ro beim eigentlichen prae- 
teritum durchgemacht hatte. Die praesentische form 
drückt hier aus, dass es sich nicht um wirklich vergangenes 
handelt, sondern um etwas, das sich auch in gegenwart und 
Zukunft vor etwas anderem ereignen kann. 

Die Verwendung des ro als bezeichnung des könnens ist 
nun der einzige fall, wo die verbalpartikel auch im futurum 



Zum keltischen verbaai. 

auftritt**) Vgl ni dergenat mu bäSf cid acctiiur leu ^sie 
werden mich mcht todten können, wenn sie auch wollen' 
Ml- 80a 9; rim diimfem ni cmw farmin (glosse zu; numquid 
egemtis commendcdicis epistolis ad uosF) 'wir werden uns 
schon selber nennen können' Wb. 15 a 4 Dem entsprechend 
im praeteritum füturi (condidonÄl) : mad aill duib cid accaklam 
mich diibf da rigentBf 'selbst wenn ihr gern mit einem von 
ihnen sprächet, könntet ihr es thnn' Wb. 13b 3; dia mad 
ail lenif ro scribabaind in tractad tili amal so ^wenn ich 
wollte, könnte ich den ganzen tractat so schreiben' Harh 1802 
fo. 50 (citiert von Stokes, KB. ITI 61, der ' würde ich' über- 
setzt). Vgl Wb. Udo, Lü. 56b 3L Als eine selbständige 

ßntwicJdnng dürfen wir solche falle nicht auffassen, sondern 

müssen annehmen, dass, erst nachdem sich das praes. ind. 

mit ro zum praesentischen *kann^-modus ausgestaltet hatte, 

weitere tempora dazu gebildet worden sind. 



Zur lösung der zahlreichen fragen endlich, -die der ge^ 
braach von ro mit dem conjunctiv aufwirft, liegt uns 
die treffliehe beispielsam mUtng von Strachan vor* Während 
Zimmer auch hier alles auf das ro znrüekfiihren will^ das eine 
fr&here zeitstafe charakterisiert (p* 525. 527), gehn nach 
Strachan die haupttypen auf das p er fecti vierende ro 
zurück (vgl, namentlich Subjenctive § 111), Beide sind — der 
zweite eingestandener, der erstere uneingestaudener weise — 
ztt einer vollen erklärung nicht gelangt. Richtig ist jedenfalls 
Straehans grundsatz, dass man die eigentliche bedeutnng von 
fo leichter als in Satzarten, wo es völlig fest geworden ist, 
iß solchen finden wird, wo eonjunctive mit und ohne ro 
wechseln* 



*) Abgievehen vom verbmn subst^ntirum ro-m 6üi etc. und natürlich von 
ra fi^doTt ro cfxihUtdarf wo m balh siur jtraepositioE geworden ist (&. unton 
p- ftS), Diss ro wie im conjunctiv m aack im fotunim auftret<Jt babe ich 
B«T, Celt. VI 322 tiiclit *decreticrt\ wie sich Zimmer p. ,^32 ausdrückt; 
lQfid€fii ich sprach einfach die damals herrschend e melnung aus (a. Gramm. 
C«li* 4U^ W%digch Ir. Gramm. § '251), 8ie ist meines wiBgens zuerst ?on 
%ic2bii (Fartide ro p, 72) auf dai richtige maasi zurückgeführt worden, 
^■isiiian beichitnkDiig geht za weit, bezeichnet also einen rückschritt gegeu- 
^ StticbaiL 



70 ^ ThnmeyBen, 

Zunächst scheint mir evident, dass die bedentong des ro, 
die wir im praesens indicativi constatiert haben, anch im con- 
jnnctiy eine grosse rolle gespielt hat. Wie es dort das können 
bezeichnet, so anch im conjunctiv in Sätzen, die eben nach 
der irischen syntax den conjunctiv verlangen oder lieben, wie 
z. b. concessiv- und condicionalsätze. Vollkommen deutlich ist 
das in perioden, wo beide modi neben einander stehn; vgL 
die glosse zu : necessaria . ., sitie quibus in totum passe 9U&- 
sistere uita hominum non uidetur Ml. 20 d 4: eia ru &^ cen 
ni diib, ni rubai cenaib hvli 'obschon es ohne einiges davon 
existieren kann (conjunctiv), kann es doch nicht ohne alles 
existieren (indicaüv)'; oder die glosse zu Priscians bemerknng, 
dass man zu cursor und risar keine feminina bilde Sg. 138 a 5 : 
ro Uat ar chuit folid, ce nid rubat ar chuit suin 'materiell 
können sie vorkommen, wenn sie auch sprachlich nicht vor- 
kommen können'. Dieselbe bedeutung hat das seltene ro nach 
diis in (Strachan § 33), z. b. na scarad frisin fer, düs in ridar 
tria gnais si 'sie soll sich nicht von ihrem mann scheiden, 
(sondern sehp,) ob er durch ihre gesellschaft gerettet werden 
könne' Wb. 10 a, 3. Ähnlich im praeteritum conjunctivi; vgl. 
die glosse zu: non misit me Christus baptizare, sed euangelizare 
Wb. 8a 4: precept do som didiu . . et a descipul som don 
bathis iarom, arnach n-aurchoissed som fri nii, du ronad 
nach aile *er selbst sollte predigen und sein jünger dann 
taufen, damit er sich nicht mit etwas aufhielte, was ein 
anderer thun konnte'. Ebenso ni, do romlad 'etwas, das er 
hätte verbrauchen können' Ml. 36 a 29 und andere bei Strachan 
§ 108 ende erwähnte fälle. ^) Bei einzelnen beispielen ist es 
nicht leicht, zwischen conjunctiv und indicativ zu unterscheiden ; 
z. b. 7iem insin, nad chon ricthar 'das ist ein gift, das nicht 
geheilt werden kann' Ml. 33 d 10 fasst Strachan § 74 als 
conjunctiv; denkbar wäre wohl auch ein indicativ. 

Beachtenswerth ist, dass bei verben, die das perfectum 
indicativi nicht mit ro, sondern mit com bilden, auch im 
'kann'-conjunctiv com erscheint; vgl. ni tabir dia fom ni didu 
fochith, nad focho molsam 'gott theilt uns ja kein leiden zu, 
das wir nicht aushalten könnten' Wb. 14 b 15; ebenso fochith^ 



Hierher rechne ich anch: höi ni^ ro glante and Wb. 81c 18; bdi 
and nij ro erthe 27a 16 (Strachan § 74). 



Zqid keltiBchen verbam. 



71 



i föchomahid Hb 2; neoh fris chomarr doib som 7 da 
imchomarr Ml. 77a 12. Im indicativ finde ich im einzigen 
mir zufällig vorliegenden beispiel einevS solchen verbuffis ro 
8taU com: isind ranngahail ad rodarcar a n-dede sin ;i. gnim 
7 cesad *im participiiim {iuratm) kann man beides sehen^ 
acüv and passiv' Sg. 172a 2; aber perf» ad condarc *ich 
habe gesehen'. Doch bezweijae ieb^ dass hier ein alter 
unterschied vorliegt. 

Von diesem ro ans gelangen wir wohl am leichtesten 
zur erklänuig des conjunctivs mit ro als optativ* Er erscheint 
regelmässig in Wunschsätzen, während wenigstens im positiven 
befehlssatz der adhortative conjtinctiv, der dann im gebrauch 
etwa dem lateinischen imperativ auf -to entspricht, ro niemals 
annimmt (Strachan § 18. 20); z. b» du rolgea dm do^ *möge 
gott es ilineu verzeihen' Wb. 31 a 2 neben con oscaige du 
*admoueto' Ml. 32 a 3* Ein beispiel für den Optativ mit com 
statt ro ist: do comaTf glosse zu: tta a me aterat Ml. 23 d 5. 
Diese merkwördige bedentungsntiance dürfte sich am ehesten 
aas dem 'kann'-modns entwickelt haben; ursprünglich wäre 
also da rolgea *möge er es verzeihen können'. Spricht man 
aur das verlangen nach der mögüchkeit eines geachehens aus, 
so ist das eine müdernng gegenüber dem verlangen des wirk- 
lichen eintritts; daraus kann ein gegensatz wie Optativ und 
adhortativ sehr wohl entstehen. Unser deutsches *möge\ 
fraaz, p\m$e-t-tl smd ja gleicher art. 

Dieser selbe gegensatz scheint mir in finalsätzen auf- 
zutreten. Zimmer p. 528 f. und ähnlich Htrachan glauben 
zwar eoni^tatieren zn können, dass im abhängigen con- 
jonctiv formen mit und ohne ro ohne bedeutungsunterschied 
wechseln. Das ist nur insofern richtig, als wir im Lateinischen 
imd im Deutschen oft beide auf dieselbe weise übersetzen. 
-iber das ziel, das im flnalsatz ausgesprochen wird, kann an 
sich entweder als ein gewünschtes oder als ein gesoUtes und 
gewoUtes vorgestellt sein. Eben dieser unterschied scheint 
mb* beim abhängigen conjunctiv durch das setzen oder weg- 
lassen von TQ ausgedrückt zu werden; verwandelt man den 
inalsatz in einen hanptsatz, so würde im ersten fall ein selb- 
ständiger Optativ (conjunctiv mit rö), im zweiten ein imperativ 
öder ein adhortativer conjunctiv stehen. Man vergleiche etwa 
Wspiele wie: is he nodon nerta ni^ co fedUgmer iain frescsin 



72 S- TfanmeyBen, 

foirbthi *er (der heilige geist) stärkt nns, damit wir in voll- 
kommener hoflhnng beharren' (d. h. 'wir sollen beharren') 
Wb. 6d 11; aber mit ro: orantes simtU . ., ut aperiat Dem 
nobis ostium sermonis ad loquendum misterium Christi, glosse: 
CO ro relam runa incholnigthea et geine Orist 'anf dass wir 
die mysterien der fleischwerdnng nnd gebnrt Christi offen- 
baren' (d. h. *wir möchten offenbaren') Wb. 27 c 21. Dem 
entsprechend im praeteritum conjnnctiyi: Christus nos redemitf 
factus pro nohis maledictum . ., tU in gentibtis benedictio 
Abrachae fieret, glosse : co no conuünide, an du rairügred da A. 
*anf dass erfüllt wttrde, was Abraham versprochen worden 
war' (d. h. 'es sollte erfüllt werden') Wb. 19 b 22; aber mit 
ro: cid intain ron moitsemf m bo ar seirc moidme, act con 
robad torbe düib si triit 'anch da wir uns rühmten, geschah 
es nicht ans mhmsncht, sondern damit euch daraus fördemng 
erwüchse' (d. h. 'wir wünschten, dass erwüchse') Wb. 17 a 13. 
Überhaupt bemerkt man bei der durchmusterung der beispiele, 
dass der blosse conjunctiv sehr häufig in finalsätzen steht^ die 
den willen gottes, der mit ro dagegen in solchen, die nur 
menschenbegehr ausdrücken; consequent ist natürlich dieser 
unterschied nicht, da auch der mensch befehlen kann.^) 

Von den sicheren fällen aus müssen wir die weniger 
deutlichen beurtheilen, wo eine entscheidung an sich unmöglich 
wäre. Man vergleiche etwa folgende reihe: as bertar a 
n-anman, arna gäba nech desimrecht diib 'ihre namen werden 
genannt, damit niemand sie zum vorbild nehme' (d. h. 'niemand 
soll nehmen') Wb. 28 a 20 ; te ipsum praebe exemplum bonorum 
operum, glosse: con gaba cach desimrecht dit gnimaib 'dass 
jeder deine handlungen zum vorbild nehme' (d. h. jeder soll 
nehmen'; der cow-satz ist als befehl gedacht, wie der lateinische 
Vordersatz) Wb. 31c 8. Aber: exemplo esto fidelium, glosse: 
C071 rogba cach desimrecht diit 'dass jeder dich zum vorbild 
nehme' ('ich wünsche, dass . .') Wb. 28 d 6. Noch bescheidener, 
zaghafter wird der wünsch, wenn an die stelle des praesens 
das praeteritum conjunctivi (der Vertreter des praesen- 
tischen potentials) mit ro tritt: nunc gaudeo in passionibus 

^) (Gelegentlich bezeichnet ro auch nach con das können; vgl. qui 
consolatur nos . ., ut posaimua et ipsi consolari eoSy qui in omni pressura 
sunt, glosse: co rro nertam ni cäch hi foditin fochide 'damit wir jeden im 
ertragen von leiden stärken kOnnen' Wb. 14 b 18. 



mm Kell 



ben ve 



73 



pro uchiSf glome: con ro gahthe d desimrecht diu ni '(in der 
hofcung,) dass ihr uds zum vorbild nehmen möchtet' Wb. 26 d 7, *) 

Ausser in dieser bedeutung, die wir die modale nennen 
könnea, kommt ro im conjunctiv auch zm^ bezeichnung der 
zeitstufe vor* Unbestritten ist das für das praeter! tum 
cfjDjnnctin, besonders in dem fall, wo es die fiinction des 
potentialis (modus der vermuthung, der zweifelnden aussage) 
oder des Irrealis Übernommen hat. In dieser bedeutung ist 
äie büdung an sich zeiüos und wird gleichmässig für praesens 
und praeteritum verwendet. Durch beifögung von ro erhält 
m dieselbe färbung, die im indicaüv das ro-praeteritum von 
dem ohne ro unterscheidet; sie wird zum perfectum oder 
plnsqaamperfectum conjunctivi. Vgl die glosse zur paulinischen 
tmterschrift Sühäatio mm manu Paidi Wb. 27 d 16: co ni-had 
notire rod scrU^ad cosse ^so dass bis hierher wohl ein notarius 
geschrieben hat' (oder ^hatte'); oder: ni fil cmteel na helre 
uin biuth, dinad ricihe nech 'es giebt kein geschlecht und 
keine spräche in der weit, von denen nicht einer gerettet 
tarden wäre' (Irrealis) Wb. 28 b 1, Auch in dem beispiel: 
tmc limm fer oinsetchßj ditna rriidh(£ a^t oentuistiu ^ich 
Hinsehe einen mann mit 4iner gattin, dem nur €m kind 
faboreu worden ist', LA. Tir* 11 wird man in ro eher das 
i>erfectische als das optativische zu sehen haben. In wie 
weit in all solchen Sätzen ro obligatorisch oder statthaft ist, 
geht freilich auch aus Strachans Sammlungen noch nicht 
deutlich hervor. Niemals vorzukommen scheint es in eigent- 
lichen condicionalen perioden mit dem irreal oder potential**) 



f) Ein iofiftlHgea bckpid der v^Uig^n Tcrmißcbniig' beider aoidmcksweiB&n 
iin ML 1X9 b 1: coruleir (woU co rup teir zu leaen) du n-gri^ nfch in 
prwmpi *damit man die predigt eifrig" bttreiliö^; am so anffEUiger, ali die 
UttlttelbAr folgende parallel giosee regelrecht ro in beiden sätzen steigt: co 
rrup Uir ros mmaüatkar inti arda ttmitm 'damit der, der de b^rt, sie 
«fiig erflUle** Hat der — böchfft nachlÄBsig-e ^ copist etwa an ein adverb 
to ritdcir ^t grosBem eifer' gedacht, das eine form ahne ro im näcliEten 
Hti geetatten vrtrde ? 

^ Dia tarta siuta Trip. L. 138, 27 (Strachan § 46) ist indicativ. Eine 
nnsntdte anam^in«, wo wenigatenB der condieional des hanptsatzes ro 
*i%t) wir« ! mad ed as her ad namma . ., is ed ro gigsed . , 'wenn er nur 
^ f«uft hitte, io hätte er gewünscht, dass . J Ml, 32 d 5. So lange der 
Wio iioüert dasteht , wird ©s TorBichtigfsr sein, einen ßchreibfehler ftlr 



74 B- ThnmeyBen, 

Das dehnt sich anch auf solche hauptsätze aas, die ein 
negiertes praeteritum indicaüvi enthalten; vgl. air ni bot, 
num soirad sa . ., manim soirad cumachtae fidce 'denn es war 
niemand da, der mich befreit hätte (= niemand hätte mich 
befreit), wenn nicht gottes macht mich befreit hätte^ Ml. 74 b 13. 

Ein temporales ro nehmen Ebel nnd Zimmer (p. 525) in 
weitem nmfang auch beim praesens des conjunctivs an, das 
dadurch zum conjunctivus perfecti oder futuri exacti werde. 
Dieser gebrauch ist von Strachan § 110 direkt bestritten 
worden. Mit recht leugnet er zunächst die beweiskraft der 
Sätze mit acht in der bedeutung 'wenn nur, dummodo\ da sie 
immer ro zeigen, auch da, wo die handlung des acAf-satzes 
sicher als gleichzeitig mit der des hauptsatzes gedacht ist 
(§ 48. 94). Vgl. z.b. Wb. 23 b 24, wo Paulus davon spricht, 
dass einige durch unaufrichtige Verkündigung Christi seine 
gefangenschaft zu verschärfen suchen: Quid enim? dum omni 
modo Christus . . adnuntiatur, glosse: ni imned lim, act rop 
Crist pridches 7 imme rada cäch *ich achte das nicht für ein 
leiden, wenn nur alle Christum predigen und von ihm sprechen'. 
Oder: acht as ringha desyUabchi . ., bid airdixa *wenn (ein 
participium auf -itus) nur über zweisilbigkeit hinausgeht, wird 
(das i) lang sein' Sg. 187 a 1. Wir haben also kein recht, 
mit Zimmer act ro cretea deacht 7 doinecht Crist, hit less ind 
huili ddni Wb. 27b 15 zu übersetzen: 'wenn er an die gott- 
heit und menschlichkeit Christi geglaubt hat, dann wird 
er alle gaben besitzen'; durch die spräche ausgedrückt ist 
lediglich: 'wenn er nur glaubt'. Ich sehe keine Schwierigkeit, 
diesen gebrauch des ro aus dem optativ herzuleiten, der ja 
in manchen beispielen noch in seiner eigentlichen bedeutung 
eingesetzt werden kann: 'mögen nur alle Christum predigen!' 
'möge er nur an Christi gottheit glauben!" 

Als ungenau ergiebt sich weiter Ebels Übersetzung von 
mani ro chosca som a muntir Wb. 28 b 28 durch 'si non 
castigaverit ille familiam suam' (Gr. Celt.* 413). Die glosse 
handelt von der wähl des bischofs und gehört zu dem text: 
8i quis autem domui suae bene praeesse nescit, quomodo eccle- 
siae Dei diligentiam häbebit? Sie lautet vollständig: mani ro 
chosca som a muntir, intain biis cen gräd, ni uisse toisigecht 
sochuide da 'wenn er die eigene familie nicht im zäum halten 
kann zur zeit, da er keine kirchliche würde bekleidet, steht 



Zum kelttschen ?erbtmi. 



75 



ihm die fllhrerscliaft über viele nicht äu*** Dass hier ro nicht 
d^ perfectum bezeichnet, sondern das können, zeigt das 
pmesena bus im damit verknüpften tempoi^alsatz, ausserdem 
d&s lateinische praeesse neseit 

Die Partikel ro bei einem deutlichen praesens conjnnctivi 
m bezeichnung der früheren zeitstafe kenne ich überhaupt 
QQT in denselben fällen wie beim praesens indicativi, nämlich 
ia Perioden, die eine sitte, eine gewohnheit bezeichnen. Vgl. 
Lkad sedendum uero cmm^timni' negotio tum paratoj glosse: 
ho hu (L fu) rorbaither in gnim olc no maithy feidUgud oco 
iärum 'so oft man eine schlechte oder gute that vollbracht 
halt pflegt man sich dabei zu beruhigen' Ml. 15 a 6. So ziem- 
hch oft in gesetzen nach concessivem da; z. b. ma marathar 
mit enies flaithj cia dos roimli aes octis fognam^ . . ni obund 
fiaith a seotu *wenn das kapital (vieh), das der herr gegeben 
hat, noch vorhanden ist^ mag auch alter und dienst es mit* 
genommen haben, . . so weist der herr sein kapital nicht 
Äiirück' Anc. Laws 11 316; ebenso 262, 342 (nach Strachans 
mittbeilung). Über ähnliche sätze nach ma mit zweifelhaftem 
modus 3, oben p. 65. Ausser diesen fällen aber ist die 
abnähme praeteritaler bedeutung von ro beim praesens con- 
juBctivi durchaus abzulehnen. 

Unter den übrigen beispielen für ro beim conjunctiv 
Irommen einige gnippen vor^ bei denen es Strachan (§ 110) 
nnmdgUch war, einen unterschied von der ro-losen büdung zu 
eitdecken. Zunächst eine reihe von condicionalsätzen , die 
zum theil an temporalsätze anstreifen. Ich setze die von 
Ebel und Strachan (§ 36* 93) beigebrachten beispiele aUe 
her, da sie nicht zahlreich, aber für die ganze frage von 
grosser bedeutung sind; den ro-coujunctiv tibersetze ich, um 
nichts zu praejudizieren, mit dem farblosen deutschen praesens. 

L Pia n'Wrhalam m^ m hia nech ru n-iccm mif a dos 
'wenn wir sterben, wird niemand da sein, den Du, gott, retten 
kannst' Ml. 107 d 4, 

2* Sei eo ipso qnod interitj /feri, iti animas nmi sü^ dicoj 
fßM6%\ ni ha animtis^ äia n-Srhala *er wird nicht ein animus 
idli^ wenn er stirbt*. Voraus geht: hk a& hera m^ m n-ainm 
«fo mm anifmiSf ei at heia ^vielleicht sagst du, er heisse wnifmis^ 
ebecfaon er sterbe' Aug. Cr, 78, 79, 



76 B* ThnniejBen, 

3. Dianda dercaüher^) su, at belcU som 'wenn Du m 
anblickst, werden sie sterben' Ml. 102 b 10. 

4. Tuum Habens adiuiorium formidare nan potero^ glosse: 
dia roib to fortacht su lium Venn ich Deine hilfe habe' 
Ml. 45c 7. 

6. Hoc igitur cum consummauero (glosse: ro foirbthiger) . ., 
proficiscar in Hispaniam Wb. 7 a 9. 

6. Solis continuis cursibus pax aequabitur, si fuerü iusto 
ptincipis uigore fxindata, glosse: mani roima fora cenn, m 
mema forma buUu 'wenn ihr hanpt nicht besiegt wird, werden 
anch die glieder nicht besiegt werden' Ml. 89 c 11. 

Alle diese perioden haben das gemein, dass der hanpt- 
satz ein futumm enthält; und anch die nebensätze bezeichnen 
alle bedingongen, die sich erst in der zuknnft erfüllen können. 
Beispiel 2 ist zwar ein allgemeiner satz; aber die ganze 
Periode ist futurisch gedacht, da sich der redende auf den 
Standpunkt des lebenden animus stellt. Eine künftige band- 
lung, die vor die haupthandlung fällt, bezeichnet der ro- 
co^junctiv sicher in 1. 5., genau genommen auch in 3. Un- 
sicher ist es in 2., unwahrscheinlich in 6. Gleichzeitigkeil 
beider handlungen verlangt schon der lateinische text in 4. 
Man darf also nicht etwa sagen, der conjunctivus praesentis 
mit ro in condicionalsätzen vertrete speziell den conjunctivus 
futuri exacti. Das wäre auch in der that höchst auffallend, 
da ja der indicativ nicht den leisesten versuch macht, ein 
futurum exactum zu kennzeichnen, sondern immer das einfache 
Murum dafür gebraucht.^) Wir dtLrfen also irische Sätze nicht 

^) In einer znschrifl an Osthoff (Snppletiywesen 60) habe ich ans Tor- 
sehen diese form zur wnrzel derk- gesteUt; Strachan fasst sie richtig alfl 
ro-fonn za do ecL 

*) Höchstens dass etwa einmal im engen anschlnss an einen lateinischen 
text das passive fht. exactom dnrch die copnla mit dem partdc. praet. pass. 
ausgedrückt wird. Ein solches beispiel ist Ml. 72 d 1, wo es sich aber um 
die bezeichnong eines ereignisses handelt, das vor einem andern liegt, weichet 
gleichfalls nach dem Lateinischen im fht exactom stehen müsste: iarsindi 
be8 tuidchisse deichtrih i n-doiri dochwm dethribo 7 du n-aihfoichret iarum 
huH aain doiri siUf bieid ic du larl 'nachdem die zehnst&nmie zn den zwei- 
stfimmen in die knechtschaft geführt sein werden {bes iuidchisse) nnd wenn 
sie dann aUe ans dieser knechtschaft zurückgekehrt sein werden (gewöhnlichei 
fut., aber im lat text cum conuerterit), wird Israel heil haben'. Die werte 
qu^e adductae mnt im lateinischen text haben offenbar den glossator zu dei 
ungewöhnlichen ausdrucksweise yeranlasst. 



bam. 



mit dem lateinisdieQ maas&stabe messen. Nur so viel könneE 
wir den beispieleo entnehmenj dass dieser ro-conJEHctiv immer 
fatürisch gebrancht wird. 

Vergleichen wir damit andere perioden, deren condicional- 
SÄtz einen conjunctiv ohne ro^ der hauptsatz aber gleichwohl 
m futnrum enthält, so finden wir zunächst solche, wo auch 
das Lateinische im nebensatz das praesens setzt, wie: E^o 
dko uöbis, quoniamf S'i circitmcidamini ^ Christus uobis nihil 
proderitf glosse: uib iecfither tre chroich Cristj ma fo gneitJi 
rfö recht Ihr werdet nicht durch das kreuz Christi gerettet 
werden, wenn ihr dem gesetz dient' Wb. 20 a 11. Der con- 
junctiv ohne ro nennt hier eine bedingung, die schon gegen- 
wärtig sich erfüllen kann, nicht auf die zakunft beschränkt 
ist. Daneben finden sich aber andere beispielej die in der 
z€itstufe von den ro^sätzen kaum verschieden sind. So wenn 
ÜÄvid sagt: im folngaha amairis doib sonif $nanim soirae se 
"m wird Unglauben bei ihnen hervorrufen, wenn da mich nicht 
befreist' Ml, 142 b 3, liegt die befreiung oder nichthefreiung 
notwendig in der zukunft, wenn auch eventuell in der aller- 
nächsten. Auch eine zukünftige handlung, die deutlich vor 
die handlung des hauptsatzes fallt, kann so ausgedrückt 
werden: du roimnibetar mo popuil se a rrecht, dia^ n-uile- 
marhue siu a naimiea .L mani he nech^ fris chomarr doib som 
lueine Völker werden im gesetz vergessen, wenn du ihre 
feinde völlig vertilgst (vertilgt hast), d. h. wenn niemand 
aehr da ist, der ihnen etwas anthun kann' Mi. 77 a 12. Dass 
Wer mlemarbae einem lateinischen fut. exactum {interemeris) 
entspricht, zeigt deutlich der mit mani be beginnende par^ülelsatz. 

Deute ich aUe diese thatsachen richtig, so schafit zwar 
dag beigefügte ro aus dem praesentischen conjunctiv einen 
conjimctivus futuri, der, wie das indicativische futurum, auch 
Elr das futurum exactum verwendet wird. Aber wie in so 
nelen andern sprachen ist in condieionaJsätzen, die eine in 
der Zukunft auszuführende bedingung bezeichnen, die Setzung 
der speziellen futurform nicht nothweudig; das einfache 
pTüaens (ohne ro) kann sie vertreten, da die zeitstufe meist 
ichon ÄUB der art der bedingenden handlung ersichtlich ist.*) 

*J Eia bokpiel fllr coffi it&tt ro dürfte die abgerissene glosse du contarr 
^B5(3 3 XQ €um dttriucrif aein, daa der glo&iaator als fut. ci^tum gefasst 
itt w^a ieliehit^ oti&chDn e& dem ^usanmLeoliang na<:h eher wirklicbea per^ 



78 B. ThmneyBeii, 

Für die bedeutung von ro ist das sehr wichtig. Denn an nnd 
fOr sich kann in ro natürlich nichts fntuiisches liegen. Wohl 
aber erklärt sich die erscheinung sofort bei der annähme, dass 
ro die verbalformen einst perfecüvierte, aoristisch machte. Die 
parallele mit dem griechischen conjunctivns aoristi nach iav, al 
xi springt ja in die angen; vgl. etwa J 169: ^AkXa fiot alvov 
axog ai&$v eaasrai, ä MevekaSy ai x€ ^avfig (= ir. dia n^erboloe). 
Der gebrauch beruht natürlich darauf, dass ein pnnctneller 
conjunctiv nicht leicht rein praesentisch sein kann, also meist 
entweder ftiturisch oder praeterital geftUüt wird. Da das 
Irische für das praeteritum conjunctivi eine besondere form 
besitzt, hat sich der ursprünglich punctuelle conjunctiy zum 
conjunctiyus futnri ausgebildet. 

Steht für den einen fall ursprünglich punctuelle bedeutung 
des ro*conjunctivs fest, so dürfen wir nun unbedenklich Stra- 
chan folgen, wenn er einige Satzarten mit festem ro ebenso 
erklärt. Den conjunctiy mit ro hinter resiu 'bevor^ (§ 55) hat 
er gewiss mit recht § 106 mit dem häufigen aorist hinter 
ngiv im Griechischen verglichen; die vom Standpunkt des 
hauptsatzes aus erst folgende handlung erscheint leicht als 
einheitliches ganzes, punctuell. Für das altirische sprachgef&hl 
liegt aber in diesen fällen wohl einfach der conjunctivns 
futuri oder wenigstens ein naher verwandter desselben vor. 
Das praeteritum conjunctivi mit ro vertritt dann ein con- 
junctivisches praeteritum futuri; z. b. ar robert som ar n-iec 
ni, cid risiu ro beimmis etir 'er hat unser heil bewirkt, noch 
bevor wir überhaupt existierten' (= 'damals lag unsere existenz 
noch in der zukunft') Wb. 29 d 23. 

Gleicher natur ist der ro-conjunctiv nach co* 'bis dass', 
soweit er sich vom finalen optativ deutiich abhebt. Seinen 
gebrauch scheint mir Strachan § 5G nicht praeds definiert zu 
haben. Nach dem temporalen co"" steht er — abgesehen von 
der indirecten rede — in Sätzen, die ein vom Standpunkt des 
redenden aus in der zukunft liegendes factum einfuhren; 
z. b. biam cü sa do imdegail do chethra . ., co rasa in cü 
hlsin 'ich werde als hund dein vieh beschützen, bis dieser 
hund heranwächst (herangewachsen ist)' LU. 61a 10. Die 
bedeutung eines futurum exactum ist natürlich hier, wo es 
sich um den endpunkt der handlung des hauptsatzes handelt, 
besonders häufig. Ausserdem bezeichnet er nach negiertem 



Zum ieltisclteii ^ei^nm. 



79 



iauptäatz eine bedmguiig , ohne deren realisierung auch die 
tMtigkeit des verbums des hauptsatses nicht reell wird* 
Z. b. ni bot a corugud, co rked Conaire LU< 83 a 15 heisst 
'es gab keine Versöhnung zwischen ihnenj bis (= wenn nicht) 
Conaire dasni kaai\ Ob er kam oder nicht, bleibt ungewiss, 
lü demselben satz würde der indicativ co ränaic bedeuten^ 
dass Conaire wirklich kam und dass also dann eine vei^öhnung 
statifindeu konnte.^) 

Ein weiterer fall, der Strachan für peifectivierendes ro 
ZQ sprechen scheint, ist sein auftreten in negativen befehls* 
sitzen (§ 20. 89). Während wir in positiven aufforderungs- 
sltzen den conjnnctiv mit ro als bezeichnung des Wunsches 
Ton dem blossen conjunctiv als befehlsausdruck unterscheiden 
lü&nen, ist das bei negativen Sätzen nicht streng durch- 
zuführen. Vielmehr findet sich in unzweifelhaften befehls- 
sltaen hier und da ro; beweisend ist namentlich Strachans 
bdgpiel LU, 62 a 25: nim dersai-ge fri üathudf nom dhiaca 
mmorro fri socimide Vecke mich nicht gegen 6inen (wenn 
tm Bn feind kommt), wecke mich aber gegen viele'. Das 
aerkwtirdige bei diesen ro-formen ist, dass sie sich von den 
ro4osen so gar nicht unterscheiden, dass z. b. in den teeo^Cj 
im Sammlungen von lebensregeln, beide ganz willkürlich mit 
dnander wecliseln, anscheinend nur nach dem variations- 
bedüräuss des Verfassers. Das schwanken erstreckt sich auch 
atf die negativen finalsätze. Man vergleiche etwa die folgende 
iBBsterkaiie in vier unmittelbar auf einander folgenden Sätzen 
Ir. T» I 214: Ni bat afhhoingidf amar bat aithrech. Ni bat 
cmmrömachf arna bat mismedt, Nir bat hscj amar bat fneirk 
üir bcd roe^cidf arna bat doescair *äei nicht athbongid (?), 
iflf dass du nicht reuig seist. Sei nicht streitlustig, auf dass 
iu nicht gehässig seist. Sei nicht träge, auf dass da nicht 
kraftlos seist. Sei nicht zu rastlos, auf dass du nicht ein 
Windbeutel seist'. Strachans bemerkung, dass sich dieses ro 
imar bei der copula nur in composita finde, scheint flir die 



*) Dm feJüonde rü m co faghad Ir. T. I 2)5 würde leb tucht mit 

Bln«iuu dem jungen alter des gedkhts zuichreibeD, sondern dem anstand, 

flie ganze periode irreal ial ^Wenn €onaU krank wäre (er ist aber 

krank) ^ würde Cuchulaiiin die gan^e weit abäucheti, bis er den tirtt 

^ Beiip iiroaÜB kommt aber ro nur in anderer bedeutung vor (b. oben 



80 B. Thomeysen, 

alte zeit richtig zu sein. Später tritt es auch yor simplicia 
(Atkinson, Passions p. 821); es hat sich wohl später mit den 
optativischen ro vermengt. 

Der vergleich mit indogerm. ms vor aoristischen formen 
als Vertreter des negierten Imperativs liegt nahe (Strachai 
§ 111). Doch decken sich die bedentnngen nicht ganz. Die 
negative form des befehls ist im Irischen der imperativ mit 
na(ch)\ derselbe branch findet sich im Britannischen, ist alsc 
verhältnissmässig alt. Nnr da, wo ein befehl nicht sofort 
sondern erst bei einer gewissen gelegenheit oder, wie in 
lebensregeln, allgemein in der znkonft ansgeftthrt werden soU 
tritt, wie in positiven Sätzen der blosse conjonctiv, so in 
negativen gelegentlich ro mit dem conjonctiv auf. Das scheint 
zunächst eher darauf hinzuweisen, dass hier ro, wie in den 
oben besprochenen fällen, den conjunctivus futuri hervorhebe 
Aber warum fehlt es dann ganz in den positiven Sätzen der- 
selben gattung? Vielleicht sind beide deutungen zu vereinigen. 
Zur zeit, als na mit dem imperativ noch nicht bestand odei 
doch nicht gewöhnlich war, konnten negative befehle durch ni 
mit dem (punctuellen) ro-conjunctiv ausgedrückt werden. Ali 
die Imperativischen na-sätze fiblich wurden, und als anderseits 
ro-conjunctive in andern Satzarten sich zu conjunctiven des 
fbturums entwickelt hatten, wurden auch die verbotsätze mit 
ni-ro auf die f&lle beschränkt, wo ein verbot für die zukunfl 
oder für einen sich weiter hin erstreckenden Zeitraum erlassen 
wurde, ohne dass sie jedoch eine andere ausdrucksweise (ni 
mit dem blossen conjunctiv) ganz verdrängen konnten. Dass 
sich die ro-bildung zunächst nicht weiter ausbreitete, wai 
durch die kräftige entwicklung eines ro -optativs bedingt, 
der formell mit ihr zusammenfiel. Dass sie aber doch nidil 
ganz abstarb, dürfte etwa dem einfluss der copula zuzuschreiben 
sein. Bei ihr lauten nämlich der conjunctiv ohne ro und das 
futurum indicativi ganz gleich; mittelir. ni hat (- air. ni h(i\ 
kann sowohl heissen 'du wirst nicht sein' als 'du sollst nichl 
sein'; nir hat dagegen kann nnr eine aufforderung bedeuten, 
wenn auch zweifelhaft bleibt, ob ein befehl oder nur ein 
wünsch gemeint sei. Das mochte immerhin der spräche die 
erhaltung der form empfehlen; und so blieb auch sonst das 
verbot mit ro als nebenform am leben. 



Zmn kdlÖBCbeii vei^um. 



81 



Wmu diese hjpothese zunächst etwas künstliches an sich 

hat, so scheint sie mir doch durch einen zweiten, ähnlichen 

fall gestützt zu werden. Er betrifft die letzte gruppe, in der 

ein fo-conjnnctiv gelegentlich erscheint; sie wird durch ge- 

Demlisierende relativsätsse und durch concessivsätze, also 

flurch Sätze, die wir mit *wer auchj was auchj wie auch, 

wenn auch' etc. einleiten, gebildet (Strachan § 97. 94a y), 

Umt man die schon besprochenen sätze, in denen ro das 

eigentliche können ausdruckt, oder in denen es nach da in 

zeillosen perioden erscheint (p. 70, 75), bei seite, so findet 

sieb das praesens conjunctiyi mit tö wohl nur da, wo dar 

hauptsatz ein zukiiuftiges factum oder einen befehl oder einen 

wimsch ausdrückt. VgL Crist i ctidiu rech duine immim 

forda 'Chrisitus (sei) im herzen jedes menschen, der an mich 

denken mag' Patr, Hy* 58; nä rnaUh ro bS, bad hed do 

gmü 'was es irgend gutes giebt, das thut* Wb. 5d 30; an 

ro ehara^ da gne dim sa Vas du nur willst, magst du mir 

anthun* Täin bö Fraich p. 150; ministsritim meum honon- 

fimJhj d quomodo ad aemuhnditm jyrotioeem carnem meam, 

gl&sse: sechi chruth dond rm *wie ich es auch thun mag' 

Wk5b 18; ni chuitbe nach smt, ciar bat qöc Mn sollst keinen 

alten verspotten, w^enn du auch jung bist' LL. 344a 28, 

Aach liier steht daneben ohne recht fühlbaren unterschied 

der conjunctiv ohne ro; vgL chech irnigdej da n-gneid i tuü 

ikf bed dlif-hthech 'jedes gebet, das ihr immer gott zu willen 

Terrichtetj sei regelrecht* Wb. 5 c 20 ; qiuiqumn tiersus respexeriSf 

profanUm occurret uidefdiy glosse: sechi du de n-ecaither su i. 

ubummque req^exeris Ml* 73 e 11; da ba beo^ bid do precept 

mme Cr'ist 'wenn ich auch lebe, so wird es sein, um den 

HÄinen Christi zu predigen' Wb- 23 b 29. 

Se nahe es auch hier wieder zu liegen scheint, den ro- 
conjnnctiv, wie den in condicionalsätzen , einfach als con- 
jimctivus fiitnri zu erklären^ so würde man damit doch kaum 
genau das richtige treffen, und zwüt deshalb, weil er in einem 
Abgeleiteten gebrauch der conjuncti vischen ria-sätze ohne 
jede fnturische farbnng erscheint Die riö-sätze werden be- 
kanntlich — abgesehen von ihrer eoncessiven geltung — als 
sibjechiätze verwendet nach ausdrücken wie 'es ist passend, 
tacht' etc. (Strachan § 40. 43). Man darf wohl annehmen, 
dtss sich diese function zuerst bei negativem hanptsat^e ent- 

^•UMJirm ftr Teifl SpTuüf. IT. F. XVII. t. Q 



82 K- ThnmeTsen, 

wickelt hat; 'es ist nicht passend, wenn er es auch thut' ist 
als 'dass er es thnt' verstanden nnd diese satzform dann aaeh 
bei positivem 'es ist passend' verwendet worden. Hier finden 
sich nun beispiele wie: Melchisedech . . adsimüatus . . ßic 
Dei (Hebr. VII, 3), glosse: is huisse^ ce ru samaUar fri Orüi 
'es ist angemessen, dass er Christo gleichgestellt wird' Wb, 
34a 4, gleichfalls neben Sätzen ohne ro, z. b. deithbirf ei 
08 berthar casus nominatiuus '(es ist) natürlich, dass man 
casns nominativus sagt' Sg. 71a 10. Das völlige fehlen ^ei 
futnrischen bedeutung dürfte lehren, dass überhaupt ursprüng- 
lich mit dieser ganzen klasse von ro-conjunctiven eine be- 
ziehung auf die zukunft nicht verknüpft war. Welche 
bedeutung sie denn sonst haben mochten, lehren uns wohl 
verwandte beispiele, in denen der hanptsatz praesentiscb 
ist, der generalisierende relativsatz oder der concessivsata 
aber nicht den üblichen ro-losen conjunctivus praesentis 
enthält. Wir finden hier mehrfach an seiner stelle das prae- 
teritum conjunctivi. Ich meine hier natürlich nicht fUle, 
wo es als wirkliches praeteritum oder als Irrealis fungiert 
— hier stand gar keine andere conjnnctivform zu geböte — , 
sondern solche, wo es ausdruck der unsicheren, unbestimmten 
meinung ist, so dass es das schon im conjnnctiv liegende 
Potentiale noch verstärkt (Strachan § 72 c). Vgl. cid atob 
aich cen dilgud cech ancridi, do gnethe frib 'was bewegt 
euch, nicht alles unrecht zu verzeihen, das euch etwa an- 
gethan werden mag' Wb. 9 c 20; mulieres in ecclesiis taceant 
glosse: ar is hisce in hall do thinchos[c] neichy as berad ceivn 
'denn es ist unthnnlich, dass das glied über das belehre, was 
ein haupt etwa sprechen mag' 13 a 19; ardot tä mor n-imnid, 
cid and do beth do menma 'viel drangsal steht dir bevor, magst 
du auch dazu entschlossen sein' Täin bö Fraich p. 154. Nach 
negativen Sätzen nähert es sich dem irrealis (Strachan § 73, 
p. 92): ni .ß folad n-aill^ fora sernte in soscele issin, ad Christ 
'es giebt keinen andern grund, auf den man etwa dieses 
evangelium gründen könnte, als Christum' Wb. 18 c 8. Auch 
diese form ist in die eid-sätze nach 'es ist passend' etc. ein- 
gedrungen; z. b. ni ayiimarcidi, da is pertha di si profeiia 
'es ist nicht unpassend, dass es prophetia genannt wird' Hib. 
min. 3, 84 (sicher praesentiscb als gegensatz zum per- 
fectum conj. da do rurmithe ib. 86). Hier ist also das 



Zum kelüiiclien verbum. 



83 



praeteritum conjuactivi völlig gleichbedeuteud mit dem prae- 
»eutifiehett ro-conjuiictiv (s, oben ce m samaltur). So möchte 
ich annelimen, dass überhanpt in den concessiv- und relativ- 
«Ätzeu ein tieferer bedeutimgsunterachied zwischen ihnen nicht 
bestand, dass Bie vielmehr zunächst beide, auch der ro- 
conjatietiv, lediglich den ausdruck des unbestimmten, un- 
begrÄuzten zu verstärken dienten, wie das deutsche hilfs- 
verbum *mögen\ Ein solcher potentialer ro-conjunctiv hat 
u\ sehi' leicht aus den das können bezeichnenden formen 
entwickeln können (vgL die beispiele p. 70), wie wir ahn* 
liclies schon filr das optativische ro voraussetzen mussten» 
Das« sich der ro-potential auf sätze mit fnturischer lärbung 
beschränkt, wird aber dem einflnss derjenigen ro-conjunctive 
zuzuschreiben sein, die zu futurischen conjunctiven geworden 
waren. Man könnte also die verallgemeinernden ro-formen 
etwa als futurischen potautial bezeichnen. 

Überblicken wir all die besprochenen functionen des tö- 

coBjunctivs, so haben wir zunächst ein höchst buntes, scheinbar 

verworrenes bild vor angen. Doch lassen sich leicht drei bis 

vier hanptgruppeu nntei-scheiden. Die erste gruppe hat als 

centnim das ro^ welches das können bezeichnet (p. 70). 

Zu ihr gehurt nach unserer ansieht das optativische ro im 

wibatändigen Wunschsatz und im abhängigen finalsatz (p. 71), 

wwie das potentiale ro im generalisierenden relativsatz und 

m concessivsatz , wo es facultatiy ist (p. 81); aus dem 

optativif^chen gebriinch hat sich weiter der nach acht *wenn 

nur' entwickelt (p. 74)* Die zweite gruppe bildet das ro^ 

im praeteiitalformen 2U peifectfonnen spezialisiert (p- 73) 

und praesentien in nebensätzen zeitloser perioden die be- 

deatuug der relativ ftüheren zeitstufe verleiht (p, 75). Die 

dritte das ro* das futurische conjunctive bildet in condicional- 

Bllzen (p, 75), nach resm *bevor' (p» 78) und nach ^^o" *bis 

di88^ (p. 78); es hat auch auf den gebrauch des Potentialen 

n der ersten gruppe eingewirkt. Als vierte gruppe kann 

man endlich das tq m verbotsätzen betrachten (p. 79); doch 

steht es gleichfalls unt«r dem banne des futuriachen ro der 

dritten gruppe* So reichen wohl einzelne fliden von einer 

P^pp« zur andern liintiber. Aber der gebrauch ist doch viel 

^ Ter^chiedenartig, als dass man von einer gemeinsamen 

«ßtwiaklung sprechen dürfte; es scheint mir vielmehr ganz 



84 B. ThumejBen, 

undenkbar, dass sich alle diese fonctionen innerhalb eines and 
desselben modus neben einander hätten herausbilden können. 
Gehn wir davon aus, dass ro (com etc.) einst den con- 
junctiv perfectiviert hat, so erklärt sich daraus, wie oben 
bemerkt, leicht gruppe III und gruppe IV. Nicht so grappe L 
Denn wenn im indicativ die praesentische form punctueller 
yerba leicht eine besondere entwicklung durchmachen kann, 
weil sie ein eigentliches praesens nicht ist, so gilt das nicht 
fOr den conjunctivus praesentis. Dieser ist ja überhaupt nicht 
in dem grade ein tempus der gegenwart wie das praes. Ind., 
weil seine grundbedeutung das erwartete oder gewollte ist 
Er kann daher von punctuellen yerben ganz ebenso gut 
in seiner eigentlichen bedeutung gebildet werden wie yon 
durativen. Darum ist wahrscheinlich dieser ro-coqjuncliy 
erst nach dem muster des ro -indicativs gebildet worden, 
ebenso wie dort dasselbe ro vom praesens in's futurum aber- 
tragen worden ist (oben p. 68 f.). Ähnlich steht es mit gruppe n, 
zunächst mit dem ro des perfectums. An sich wäre vielleicht 
nicht undenkbar, dass ein punctuelles praeteritum coqjunctivi 
sich selbständig zum speziellen perfectum entwickelt hätte. 
Sehr bedenklich wird aber die annähme dadurch, dass sich 
dieselbe form zugleich zum conjunctivischen praeteritum futuri 
ausgebildet haben müsste (nach resiu und co% Es liegt daher 
viel näher, anzunehmen, dass erst das praeteritum indicativi 
mit und ohne ro den anstoss gegeben hat, ein gleiches ver- 
hältniss im conjunctiv zu schaffen (vgl. Strachan § 107). Hie- 
fUr spricht auch das junge alter der form. Das Mittelkymrische, 
das gleichfalls ein perfectum conjunctivi mit ry kennt, bildet 
es nicht aus dem praeteritum, sondern aus dem praesens 
des coDjnnctivs; es gab also keine gemeininselkeltische form, 
sondern jede der beiden sprachen hat sie selbständig gebildet. 
Daraus ergiebt sich von selbst, dass auch ir. ro mit dem 
praes. coiy. in zeitlosen Sätzen in letzter linie auf einer nach- 
ahmung des indicativs beruht. 



Ziehen wir das facit aus all diesen erörterungen, so 
erhalten wir etwa folgende Vorgeschichte des altirischen ro. 
Es gab eine zeit, wo ro die verbalform, zu der es trat, 
punctuell-perfectivisch oder aoristisch machen konnte. Im 



Zürn keltiBcben vOTbant. 



85 



praeteritnm indicativi entwickelten sich solche formen zum ans- 
dnick der coostatierten handlung uod des en-eichten zu&tandes 
(perfectum) im gegensatz mm erzählenden terapns (narrativum); 
nach diesem miister schied sich später im praeteritnm con- 
jüDctin ebenfalls ein perfectum mit ro aus, und auch im 
praesens indicativi und conjunctivi konnte in nebensätzen 
leitloser perioden eine ro-form gebildet werden als ausdruck 
eines gesehehens, das dem im hauptsat^ berichteten voraus 
and zu gründe liegt Selbständig dagegen entwickelte 
sieb das puDctuelle praesens indicativi zum ausdruek des 
köHnens; in dieser bedeutung wurde ro sowohl auf das 
futunim als auf den conjunctiv übertragen, wo sich die ro- 
form zum theil zum (futurischen) potential (nach da etc.), 
zum theil zum wunschmodus (optativ) verschob* Endlich im 
conjunctiv selbst bildeten sich die punctuellen ro-formen zum 
conjunctivus futuri aus und hielten sich ausserdem in verbot- 
Sätzen, wo aber gleichfalls ilire bedeutung futnrische filrbung 
umahm. Alle eutwicklungslinien laufen also in der punctuellen 
bedeutung zusammen; aber diese selber ist nirgends bewahrt^ 
Das hat schon Stracban § 106 richtig Consta tiert. Daneben 
^ab es verba, in denen andere praepositionen {comf ad) die- 
selben functionen wie ro versahen, und wieder andere, die 
lÜB diese unterschiede gar nicht ausbildeten, wie, ausser den 
defectiven (suppletiven), namentlich die zahlreichen composita 
Ton -icdm und -ßnimm* 

Jetzt erst^ nachdem sich uns der reiche altirische gebrauch 

von ro erschlossen hat, können wir uns zum trümmerhafteu 

britannischen wenden, sei es, um ihn selber verstehen, sei es, 

Jim von ihm über das alter der irischen bildungen aufschluss 

zu erhalten- Am lebendigsten ist liier ro bis in relativ späte 

zeit im Cornischen geblieben (Gr, Celt* 422), wo es noch 

zwei verschiedene functionen versiebt. Einmal erscheint es 

vor dem praeteritum indicativi, es als perfectum kennzeichnend, 

und ebenso vor der britannischen neubildung, dem plusquam- 

perfectnm, wo es meist gesetzt wird, aber bisweilen — so 

viel ich sehe, ohne bedeutungsunterschied — auch fehlt (Gr. 

Celt' o27). Mit unrecht glaubt es Ebel auch vor dem 

modalen plusquamperfect zu finden an der stelle Pascon 217, 2, 

wo es von Longin us (Longis) bei Christi kreuzigung heisst: 

dal 0f mf wdy Itanrta; ef re bea defi a hrys %t war blind, er 



86 



E. Thumoysen, 



sah gar iiiclits , ,\ Das folgende übenäetzt Ebel: *is fuisset 
uir magui pretii', aber Stokes: 'he was a man of worth\ 
Ohne zweifei bedeutet es einfadi: ^er war ein mann von 
werth gewesen^ (Bänilich vor seiner erblindung), — Ausserdem 
wird re dem praesens conjunctivi vorgesetzt in selbständigen 
wnnsch- und auch 'soll'-sätzen, z* b, yn ddla re ho 'so möge 
es sein^, ^so soll es seinV. 

Die gleiche Verwendung hatte einst ro im Bretonischen, 
wo die alten glossen es noch beim praeteritum zeigen; z, b, 
ro fftdipiasf glosse za oliimuit (Lax.), In der mittelbretonischen 
litteratiu' und lieute ist es aber auf die Stellung vor dem con- 
junctiv-futnnun beschränkt j als zeichen des selbständigen 
Optativs {und adhortativs): ra gmio *raöge er singen!', dazu 
praet. ra ganfe 'hätte er gesungen!' 

Umgekehrt im Kymrischen. Hier finden wir das opta- 
tiyische ry nur noch in der alten poesie, z, b. ry-m gxvares 
*mÖge er mir helfen', ry glytvawr 'möge man hören' (Key. 
Celt. VI 43. 42); später ist dieser gebrauch erloschen. Ein 
reiches leben föhrt es im Mittelk3rmrischen dagegen als perfect- 
Partikel (Gr. Celt,^ 418), Es steht nicht nur vor dem prae- 
teritum und plusqnampeifect des indicativs, sondern es ver- 
wandelt ausserdem das praesens des conjunctivs in ein per- 
fectnm; z* b, nyt oes ar y helw namyn yr unty hwnn^ 7iys 
ry dyckö iarü *sie besitzt nur dieses eine haus, das ihr der 
graf nicht genommen hätte'. Auch beim plusquamperfectum 
der indirecten rede kann es eine handhmg ausdrückeu, die 
vor der im übergeordneten satze durch ein blosses plusquam- 
perfect bezeichneten liegt, wie in dem von Ebel heraus- 
gehobenen und von Zimmer p. 536 anm, wiederholten beispiel 
Ja, es gestaltet selbst das verbalabstractum zu einem infinitivns 
perfecti um; z. b. adnabot a or\(c ry-gaffel dyrnawt 'er merkte 
das erhalten -haben eines Streiches', *er ward inne, dass er 
einen streich erhalten hatte\ Dieser allen andern dialecten 
fremde, ausgedehnte gebrauch von ry ist sieher eine kymrische 
neueruiJg, die auf die bedeutung der partikel beim praeteritum 
indicativi aufgebaut ist.*) Wenn die vorliegenden Sammlungen 
nicht trügen, werden aber aUe formen mit ry nur in einer 



^) In der bed^titang' entapiiclit das pmes. conj. mit nj nicht der gieiohen 
irischen bildon^, sotidpm dem bischen praeteritum conj. mit ro. 




Zum keltischen verbum. 



87 



'ftMiDß gebraucht, die der echt perfectls^cheu sehr nahe steht; 
ÜOandhin^ des mit nj verbundenen verbums ist immer zu 
der zeit des sprechenden oder zu den Zeitumständen des über- 
geordneten Satzes in beziehung gesetzt. Zum blossen con- 
slatieren eines vergangenen factuius dient wohl nur das ein- 
tklie praet^ritnm, das gewöhnlich erzählendes tempus ist,^) 
Ob es noch denkmäler giebt, in denen ry in gewissen fällen 
noth wendig steht, ist bis jetzt nicht untersucht Im Neu- 
kymriscben sind die r(/-formen durch Umschreibungen verdrängt» 
Die bedeutung der verbalpartikel ro in den britannischen 
fialekten zeigt, ohne weiteres, dass ihre Verwendung beim 
perfeetischen praeteritum und beim optati\ischen eonjunctiv 
ilt ist, anderseits aber , dass die ausdebnung des ro-optativs 
aof den abhängigen wünsch- oder iinalsatz als eine irische 
aeaerung betrachtet werden muss. Das optativische ro beruht 
Khv, wie wir aui" gruud des Irischen ei-schlossen haben, auf 
der entwicklung des praesens indicativi mit ro zum 'kann'- 
nrodns; dieser muss also einst auch im Britannischen e3dstiert 
iaben* Keine spur bietet dieser spi'achzweig dagegen von 
der entwicklung des ro-conjunctivs zum conjunctivus futuri; 
da aber auch im Irischen in vielen Sätzen, in denen er vor- 
kommt, der blosse eonjunctiv daneben steht, dürfen wir aus 
feinem fehlen nicht ohne weiteres scMiessen^ dass er nicht 
gemeininselkeltisch gewesen sei. Wir werden ihn vermuthlich, 
wie das deponenSf auf die Verlustliste der britannischen 
dialekie zu setzen haben. 

Ausaerdem verdanken wir diesen noch einen werthvoUen 
wini, Ebel (s. 423) bemerkt, dass com. re nicht nach den 
?erbalpartikeln yd und a vorkomme* Noch mehi^ fällt auf, 
ras ihm entgangen zu sein scheint, dass es niemals nach 
einer negation steht. Im praeteritum ki3nnta man etwa an 
zttfall denken, da hier re auch sonst oft fehlt. Entscheidend 
kt aber der wunschmodus, der es in positiven Sätzen wolil 
immer zeigt. Vgl z. b, Aarons gebet in Origo Mundi 183d: 
M &lUms caffus cJiemn the ttruthyl croikval 'mögen sie keinen 



Kor bei zwei vorbeo, gwdd 'sehen^ und dybot 'hOrcti', habe icki bemerkt. 
4am iIs namitiv stet^ daä im per fett ificelei^ dywH gebraucht wird im 
oatNidlied vom constatierenden und perfectLsclien ]>raetorituin gu:das^ tigku 
(fgL dl» itoUen in K. Meyers Glossur ztim I^eredur). &ivcias als beispiel 
■in«« p^rfectuin historieum ist also von Zimmer schlecht gewählt (p. 630). 



88 B. UmmeyBen, 

grund finden können za klagen\ Dieselbe regel scheint audi 
durchaus für das Mittel- and Neubretonische zu gelten » ob- 
schon ich sie in keiner grammatik verzeichnet finde; ygl. da 
bretusr Christen ne lazy quet 'deinen christlichen bruder sollst 
du nicht tödten*, priet du nessafu . . . na selhy ^ach dem 
weib deines nächsten sollst du nicht blicken' Middle-Breton 
Hours p. 12. 14. Das Mittelkymnsche kennt, wenigstens wie 
es im Sothen Buch von Hergest vorliegt, diese beschräpnkung 
nicht; beispiele wie ny ry-welseif na ry-wehei führt Ebel 
p. 418 an. Doch weicht es in dieser sprachperiode auch darin 
vom Irischen, Comischen und Bretonischen ab, dass an ry 
keine pronomina infixa mehr angeschlossen werden können; 
man sagt y-th ry-gereisy ny-s ry-welsei (Gr. Celt.* 419). 

Der comisch-bretonische brauch erinnert nun unmittelbar 
an ein paar altirische erscheinungen, auf die schon Strachan 
(Particle ro p. 71. 73 f.) aufmerksam gemacht hat Das prae- 
teritopraesens ro fitir 'er weiss' und 'er wusste', pass. ro fess^ 
hat gewiss das ro des echten perfects bei sich (Zimmer p. 514); 
aber es wird durch alle tempora und modi verschleppt: 
conjunctiv ra fesid Wb. 12a 1, praet conj. ma ru fessinn 
Ml. 59b 1, füt. m fiastar Ml. 111c 13 u. s. w. Auch in das 
ingressive praesens ro finnadar 'erfährt, wird inne' ist es 
übertragen (Ml. 46 c 24 u. ö.), imperf. rod finnad Sg, 209 b 
25; nur der imperativ finnad Wb. 29 a 17 entbehrt es. Da- 
nach ist man versucht, von fester composition zu reden. Allein 
ro fehlt ebenso consequent überall da, wo eine partikel oder 
conjunction vorausgeht, welche conjuncte flexion eines folgenden 
verbums oder prototonierung eines verbalcompositums ver- 
langt, wie z. b. eine negationspartikel, co* dia^ etc. Vgl. m 
ßir (häufig), nicon fitir Wb. 12c 22, }iad fess Ml. 80b 10, 
mani fessid Wb. 12d 5, ceni fesser Ml. 24d 22, dia fessar 
Ml. 24d 14, CO fesid, con fessid Wb. 27c 33. 34, con festa 
Sg. 26b 8, anuü nad finnatar Ml. 99b 10 etc.^) Hier kann 
ro nur gelegentlich vor dem conjunctiv stehen, um ihn als 
optativisch zu kennzeichnen: co rro fessid Wb. 23a 5 (wenn 
rro nicht ein versehen für ro ist). 

Ganz dieselben erscheinungen zeigt ro cluinethar 'hört' 
Wb. 12 c 22, rod chluinethar Ml. 129 c 19 neben nis cluinethar 

Aach das isolierte ma fesaed Ml. 87 d 4 ist nach dem zasammenhang 
Schreibfehler für mani fessed. 



Zum kpitifichen verbum. 



89 



2lb 2; perfecta) do neuch ro ckuale Wh. 5a 7, ram chnalae 
M. i30b 11, ro chlös Wb. 23 c 11 neben nis cmim ML 59 a 
13» mirm i mtalu Brocc. Hy. 24, in-md amlmd si Wb, 5a 21 
(ttach einer praeposition : immun cualammar 18 d 3); futurum 
mh rot che€hh(Mr 28 d 16; conjUDCÜv ro cloatar Ml. 70 a 2 
neben mcon chloor Wb. 23b 41; nur im imperativ: dimte 
MI. 136a 10. Man wird wohl ansEunehmen haben, dass auf 
iises deponeng das ro vom bedeulungsverwaiidten ro ßir^ 
ro ßmadar übertragen worden sei. 

Endlich gesellt sich noch ein drittes verbum hinzn: tq 
Immur *wage' Wb* 17a 8, ro laimethar 9g 3 neben nicon 
bimmHniar iii 17 b 8 etc. Wie dieses verb zu ro kommt, ist 
üiclit klar. Ist ro nur wegen der deponentialen flexion im 
anÄchluss an die beiden obigen eingedrungen? Alt scheinen 
die fö-formen wenigstens nicht zu sein, da audenrnt^ Wb* 15 c 
Hl 20 von der Uprima raanus' noch durch das absolute laimir 
m glossiert wird, wo der jüngere glossator ro laimemmar setzt. 

Ähnliche, wenn auch nicht genau entsprechende ver- 
liältiisse zeigt die dritte person des futurums des verbums 
%m\ absolut: hietd biedj praet. futuri no biad (Strachan, 
Sabst Verb 577. 626)* Hier erscheint ro nur vor infigierten 
pmnomina; aber es fehlt stets, wenn eine der oben erwähnten 

I Partikeln vorausgeht , an die sich das pronomen anhängen 
ffmn: rom bia, rot biuj ra m-bia, rmi biaf^) rob lia (ropiajf 
m lii-friöj praet futmi ronda biad etc., dagegen nim bia, 
monda fria, tresiwla bia (Wb, 25 d 8), mda biad. Genau 
m verhältniss von ro fiür und -fitir kehrt dagegen beim 
ftaeteritiim futuri (condicional) der copnla wieder (Strachan, 
I ib. 1370); es heisst aucli ohne pronomen stets ro-had ro-jmdj 
j plnr, ro'btis ro-ptis, aber nl-bad ni-pad (dagegen im fut* bid 
bit neben nl-ba ni-pat). Die formen sind darum so wichtig, 
weil ro sonst nie im futurum auftritt (ausser mit der he- 
dentung 'können'). Mau kann also zwar sehr wohl annehmen, 
dam es in einzelnen formen secundär unterdrückt worden sei, 
I mber nicht umgekehrt, dass sein gebrauch auf später ein- 
I lllirung beruhe* Die bildung muss alt sein. Formell ist -bia 
ein a-conjnnctiv zum praesens biid -bii darf man in seinem 
ftitnrischen gebrauch eine bestatigung der obigen annähme 

•) über dtta narrativ co cualae s. oben p. 5S a. 2. 

^ So machte ich anch W1>* I b lesen, wo rö Ha ftberlieferfc igt. 



90 B- Thumeysen, 

erblicken, dass ro den conjnnctiv fatorisch machte? Doch soll 
hier die dunkle frage nach der entstehong des irischen fhtaroms 
nicht aufgerollt werden. 

Dass gerade zwei von der gewöhnlichen bahn des ro 
abliegende, auch unter sich isolierte f&lle {ro fitir und ro-4Md 
rom biä) dieselbe auffallende gebrauchsweise zeigen wie das 
Comisch- Bretonische, weist wohl mit Sicherheit darauf hin, 
dass wir eine ursprüngliche, d. h. gemeininselkeltische er- 
scheinung vor uns haben: die perfectiyierung durch ro 
war einst unmittelbar hinter der negation nicht 
üblich.^) Das altirische ro, das ich das lebendige nenn«i 
möchte, ist also erst secundär in solche f&lle eingedrungen. 
Darauf deutet ja schon, dass ro hinter ni etc. in der regd 
nicht, wie die praepositionen alter composita, den wortton 
auf sich zieht, sondern sich unbetont zwischen partikel und 
yerbum einschiebt.') Nach dem positiven ro leic ist eben ein 
negatives ni ro leic (mittelir. nir leic) gebildet worden. Mit 
einer angeblichen irischen accentrevolution (Zimmer p. 538) 
hat das nichts zu thun. 

Wenn ich oben ^unmittelbar hinCer der negation' ge- 
sagt habe, so ist das mit rücksicht auf zwei verschiedene 
altirische thatsachen geschehen. Hängt sich an die negation 
(oder an andere ähnliche partikeln) ein pronomen infixum, so 
nimmt ein folgendes ro in der regel den wortaccent ebenso 
auf sich wie andere praepositionen: nis ragbus, nacham ralae. 
Dass hier ro schon gemeininselkeltisch gewesen sei, möchte ich 
nicht gerade behaupten; aber es dürfte hier älter sein, als wo 
es direct auf die negation folgt. Wichtiger ist ein anderer, 
schon oben p. 79 berührter fall; ich meine Strachans be- 
obachtung, dass in altirischen verbotsätzen ro nur im Innern 
von composita erscheint.^) Es ist kein zweifei, dass diese 
erscheinung mit den oben besprochenen in Verbindung steht, 
indem sie die allgemeine abneigung, ro hinter die negation 
zu setzen, bestätigt. Und doch, wenn wir dieses auf- 



1) Dass auch andere pariikeln vor verben in diesen wie in andern fUlen 
mit ähnlichen erscheinongen verknüpft sind wie die negationspartikeln, kann 
irische nenerong sein. 

*) Das einzelne s. bei Strachan, Particle ro p. 108 ff. 

*) Eine ausnähme macht einzig die copola, wo, wie wir vennntheten, 
ro zum theil zur Unterscheidung von conjnnctiv und futurum dient. 



Zum keltisehen verbum. 



treteu von ro in verbotsätzeii riclitig aus seiner ehemaligen 
perfecüvierendeii kraft erklärt haben, kann es im inoem 
irischer composita nicht auf später einfnhrung beruhen, da ro 
dmn gemeimnaelkeltisch seine panctuelle bedeutiiug verloren 
ktte. Also ist auch dieser gebrauch alt und lässt fitr eine 
be^mnite vorhistorjsclie periode die regel vermuthen, dass 
äiÄ perfectivierende ro nicht direct hinter der negaüon, woM 
aber auch im negierten sat^e im innem eines verbal- 
compositums aufti^eten konnte, Fragen wir nach der ver- 
aolsfisung eines so merkwürdigen brauches, so lässt sich. 
ttypöthetisch als Vorstufe dazu etwa aufstellen: als ro^ das 
m einigen verbalcomposita als perfectivpartikel wii^kte, in 
dieser bedeutting um sich zu gi*eifen begann, unterblieben 
lonächst solche neubildungen nach der negaüon, etwa weil 
im negierten satze, also beim ausdruck nicht effectuierter 
luudlungen, der untei^schied zwischen punctueller und dura- 
ä?er aetion relativ unwichtig war. Dagegen alte perfectiv- 
eoüpoiita konnten natürlich auch nach der negation stehen, 
ins einem solchen Verhältnis^ konnte sich das oben er- 
scMü^ene wohl entwickeln. Mehr als eine vernmthung ist 
das JreiHch nicht. 

Fassen wir zum schluss zusammen, was wir mit einiger 
Sicherheit als gemeininselkeltische entwicklung der ro-formen 
gefunden zu haben glauben* Die praeposition (p)ro, die bei 
Unchen verben den endpunkt der handlung betonte, hatte 
rieh bei einigen zur bezeichnung der punctuellen handlung 
herausgebildet. In dieser bedeutung verband sie sieh dann, 
iisaer im negierten satee, mit einer immer gi^lsseren auzahl von 
iMben* Aus dem punctuellen gebrauch entwickelte sich beim 
pMteos indicativi die bedeutung des könuens, beim conjunctiv 
die eines conjunctivus futuri , beim praeteritum indicativi die 
mm coQstatierenden tempus der Vergangenheit und die des 
imicfateii zustandes. Die punetuelle selber ging unter; doch 
Welt »ich ro in conjunctivischen verbotsätzen, 8chon in dieser 
Periode wurde aber ro auch als bezeichnung des könnens aus 
dem indicativ in den conjunctiv übertragen nnd diente hier 
ianu weiter dazu, den optativischen conjunctiv vom ^solf- 
»odns m unterscheiden. Die übrige entwicklung ist einzel- 
«ptachUch; sie besteht im Britannischen wesentlich in einem 
rtÄgang, im Irischen dagegen in einer sehr reichen und 



92 B. Thurneysen, 

mannigfaltigen ausbreitong und kreozung der verschiedenen 
gebranchstypen. 

Die höchst eigenthttmlichen und, wie mich dünkt, f&r die 
entstehung von tempus- und modusbedentungen sehr lehr- 
reichen Vorgänge in der geschichte der verbalpartikel ro mögen 
es rechtfertigen, dass dieser anfsatz, obschon er nur intern 
Keltisches bertthrt, in einer allgemeineren sprachlichen fragen 
dienenden Zeitschrift erscheint. 

2. Zum deponens und passivum mit r. 

Wenn ich zu dieser frage das wort ergreife, so geschieht 
es nicht darum, dass ich das rätsei der Sphinx gelöst zu 
haben glaubte, sondern um meinen Standpunkt gegenüber 
Zimmers aufstellungen und angriffen zu praecisieren. Zs. 36, 
52H anm. lese ich nämlich zu meiner Verwunderung von 
'Thumeysen's immer wieder vorgebrachter, aber darum nicht 
haltbarerer behauptung', dass 'Kelten und Italer gemeinsam 
auf grundlage der vereinzelten r-form in 3. pluralis eine 
passiv- und deponentialflexion ausgebildet haben'. Dass sich 
das italische und keltische passivum aus einer dritten 
person pluralis entwickelt habe, hatte ich bisher specidl 
für eine hypothese Zimmers und, wenn man will, auch 
Windischs gehalten; dass sie einen bestandtheil einer von mir 
gethanen behauptung bilden soll, ist mir durchaus neu; im 
gegentheil glaubte ich bisher nur meine zweifei geäussert zu 
haben. 

Was ich darüber wirklich 'behauptet' habe, ist kurz 
folgendes. Zunächst in betreff des deponens : Zimmers ansieht, 
nach der das irische deponens eine junge, noch fast unter 
unsern äugen erwachsende neubildung aus dem activum wäre, 
sei falsch. Denn erstens sei das altirische deponens nicht 
eine aufblühende, sondern eine absterbende bildung (Zs. 31, 
63 f.), eine thatsache, die seither durch Strachans Unter- 
suchung zur vollsten evidenz erhoben ist.^) Zweitens sei es 
nicht aus dem activum, sondern aus dem indogermanischen 
medium hervorgewachsen, wie die bildung der 11. sg. zeige 
(Idg. Fo. I 462). Drittens scheine mir die äussere ähnlichkeit 
von lat. sequor sequüur sequimur seqmntur mit altir. *-sechiur 

Contribations to the history of the deponent verb in Irbh. Fbilol. 
Soc. 1894. 



Zum keitiHchen T«rbimi. 



93 



%r 'sechemmar -sechetar sehr wahrscheinlich zu machen, 
im die deponentialflexionen beider sprachen nicht nur den 
lösgangspunkt, sondern auch einen theil der entwicklung mit 
Mander gemein hätten (Zs. 31, 65), Viertens könne das 
fehlen des depooens in den britannischen dialekten nicht be- 
weiBen, dass es niemals vcrhauden gewesen sei (ib, 63); in 
der that genügt für mich schon kymr, gmyr bret ffoar com. 
jor = air. ro ßir *er weiss* als sseugniss seiner einstigen 
eiistenz. Dass an einer dieser *behauptungen' etwas unhalt- 
■ kres sei, ist bis jetzt wenigstens nicht nachgewiesen worden. 
P In einem punkt möchte ich allerdings von einer früher 
päosserten ansieht abgehn; sie betraf die gestalt der 
depoaentialen dritten personen im Irischen (Zs* 31, 63). Ich 
kielt sie damals Ewar nicht wie Zimmer fllr eine neubildung, 
iber doch für eine durch das activum beeinflnsste nmbildung 
emer alteren form, indem ich annahm, die dritte person des 
ieponens habe einst der passiven gleich gelautet. Meine er- 
(dlnuig befriedigt mich aber selber nicht; überhaupt halte 
iäk jetzt die Voraussetzung^ von der ich damals ausging, 
ftr imbegründet. Die eigenthümlichkeit der depo nentialen dritten 
Personen im praesens indicativi und conjunctivi besteht be- 
kauntlich darin, dass sie den letzten vocal vor den endungen 
'tkar *dar und -thir -dir im Singular, -tar -ter und -tir im 
pliiral niemals ausstosseu* Es entsteht dadurch, namentlich 
im äiugular, ein charakteiistischer unterschied von der passiv- 
form, sowie von der deponentialen H, sg. auf -ther {-thar); 
ao beisst -cimnethar 'er hört', aber -eluinter (aus "^-ckiinth^*) 
entweder 'wird gehört' oder 'du hörst\ -midethur -midedar 
'er urtheül, schätzt*, aber -midtej^ -mitter entweder *wird ge- 
schätzt* oder *du schätzest', 'inefiatkar (in cps.) *er denke*, 
aber -mentar entweder *es werde gedacht, man denke' oder 
% sollst denken, du denkest', -cairigedar *er tadelt', aber 
-rnrngther entweder *wird getadelt' oder *du tadelst'; ebenso 
absolut cairigidir *er tadelt', aber cairigthir *wird getadelt^ 
Im ploral ist der unterschied nicht so durchgreifend, weil 
Wer häufig auch im passiv die synkope unterbleibt (im an- 
sdiliiss an das active -at -it?). So steht passivisch 'sertbatar 
neben -seribtarf con riecatar neben con ridar*^) Darum kann 

^) Die bekge Mr alle diese formen aaa den ältesten hss. srnd gesafflmelt 
fcii Dottiü, I*ea dväinences verbales eu -r, p. 209 iW 



94 R. Thamejsen, 

man formen wie miditir Wb. 4 c 9, midetar Ml. 128 b 2 nicht 
ansehen, ob sie deponential oder passivisch sind; erst der 
lateinische text mit aestimantur entscheidet in diesen zwei 
fällen fär das letztere. Schon das spricht gegen meine frfihere 
annähme, die spräche habe passive und deponentiale formen 
secondär zu differenzieren gesucht; denn hier hätte sie ja 
ein bequemes mittel zur band gehabt. 

Das hauptgesetz der irischen yocalsynkope, das zuerst 
von Zimmer, Deutsche Litteraturz. 1881, nr. 23, sp. 924 ge- 
nauer gefasst worden ist, lautet, dass in mehr als zweisilbigen 
Wörtern der vocal der unmittelbar auf die hauptbetonte 
folgenden silbe ausgestossen wird; ein nach dem wirken der 
auslautsgesetze dreisilbiges wort wird so in der regel zum 
zweisilbigen; *ces8atho, genitiv zu cessath leiden', wird cesto. 
Abgesehen von Wörtern, in denen umliegende consonanten die 
bewahrung oder neuentwicklung eines yocals in mittelsilben 
verursacht haben, und von solchen, in denen durch aus- 
gleichung synkopierte formen von vollsilbigen verdrängt worden 
sind, werden scheinbare ausnahmen durch eine reihe von 
Wörtern gebildet, die ei*st secundär in der schlusssilbe vor 
einer auslautenden liquida kurze vocale entwickelt haben. 
Vgl. arathar = kymr. aradr *pflug' (keltische grundform *arch 
trcyti), tarathar = kymr. taradr -bohrer', brithemon gen. *des 
richters' (aus -mnos),^) essamin = kymr. eofn 'furchüos' (aus 
-mnis 'bnis)j glenamon *das haften' (aus *gliyiamna)^ accobar 
accobur 'verlangen' (aus -vron)^ accotnol ^Vereinigung' (*ad- 
comlon) u. s. w. Die erklärung ist natürlich die, dass zur 
zeit der synkope die Wörter noch zweisilbig waren: *araihr, 
*tarathr, *brithefhn, *e8Sorfin*, *glenathn, *accobr, *a€CQM; der 
vocal der schlusssilbe wird eben nicht synkopiert (s. Brugmanns 
Grundr. I*, p. 237). Auf die deponentialformen angewendet, 
lehrt dies, dass -cluineihar -midethar midithir -menathar plur. 
'Cltdnetar sechitu' zunächst auf *-clunethr *midethr *midithf^ 
^'tnenathr plur. *'cluneddr *sechiddr* zurückgehen, dass also 
r ursprünglich unmittelbar hinter dem dental stand. Im 
passiven -cluinter -mitter -mentar etc. dagegen muss das e 
a die fortsetzung eines alten, schon zur zeit der synkope 

>) Dass solche 7t-stSmme in den obliquen casus den vocal des n-snfBxes 
aaswarfen, zeigt am deutlicbsten die fiexion von bt-u 'bauch, leib\ gen. bronrij 
dat. bruinn ans *bni9}i (*bhm8([i)y *brusno8, *brusni (vgl. deutsch brns-t). 



Zum keltäsclien Ttrbmn. 



95 



bastabendea vocals sein; desgleichen io der II* sg. dep. Da 
HOB wohl nicht damit gerechnet werden darf, dass sich eine 
eadimg -tr -tUr mit ßonsonan tisch em r seit urzeiten 
gehalten haben könnte, so tnuss einst hinter dem r im 
dfeponens ein yocal gestanden haben , der in der cojyuncten 
iftiion dunkle, in der absoluten helle färbung hatte. Somit 
k^en wir zu folgenden grandformen der deponentialen 
eidimgen: eonjnnct sg, -trö oder -trä, plur, 'ntrö oder -nträf 
ibsoltit etwa -tri und -ntrl}) War der vocal kurz, so könnte 
eventuell daliinter noch ein consonant (ausser r, l) gestanden 
b&ben. 

In derselben richtung weißt die ITI. sg. dep* des s-prae- 

teritums und des ^^-conjunctivs und faturums, die ursprünglich 

uatJieniatisch gebildet wurde: do tluchestar 'er bat', -sudigestar 

*iäite\ absolut ciehiiaigistir *striderat' und -mestar *er urtheile', 

-mkstar, absolut miastair *wird urtheilen', -fiastar -festar *er 

wird wissen, er wisse' etc. Irisch st hat sich nur inlautend 

w r unverändert bewahrt; vgl. ir. leäar = kymr* Uedr 

'gffass' bret* lestr 'schifP, gmndforra *leströn *leströmf zu 

got- Usaji deutsch leseuj also ursprünglich *sanimler'. Zwischen 

Tncalen wird dagegen st zu ss; daher lautet die n. sg. 

-mdigBer -fesiset- {-feserh Auch in passivfonnen wie -fessar 

•M£9tar kann man ss auf (t)st zurückführen; neben ihnen 

stdieu seit alter zeit gleichbedeutend -festar -mestarj deren 

dental vielleicbt aus dem asigmatischen conjunctiv und futurum 

emgedrungen ist, Wähi*end also das active -cm' *er liebte' -ge 

'er bitte' ideell auf ^-karast *'ged (aus *g€d'St) zurückgebn, 

liist das deponentiale -lahradar %t redete' auf *-läbarmtr,*^ 

-nrntar auf *'me(d)$tr.. 

Man kann kaum urohin, aus dem Italischen, wo deponens 
und pasEivum nicht getrennt sind, formen wie osk. sakarater 
»iiwtfr karaoter cömparasetistm' marrncin. ferenter paelign, 

*) Solehe gnmdfonDen dürfen wir natürlich nur ansetzen , falls die ab- 
lokU Üetion im depotienis alt ist. Sie ist aber hier nur bei den drei per- 
tCBib MEg^bildet. In denen dieser deiioiisuniersehjed lar treimung der 
ViliJiTeD ttnd der nicht-relativen verbalfonnea dient, in der ITL sg. imd plur, 
■Ulli b ier I* ptor. {-mmar und 'mmir). Sonst werden abaolut dieselben 
tämm gebraucht wie conjunct, i. b. midiur jw \Vb. 9 a 2, folkiifhcr sm 'du 
■"^liint* 10. *J2d 5; oder die absüluton formen werden activisch g-ebüdet, 
*» du achoö in den alten texten bei den ib^elerteten verben auf 4gur 
■^^ 4i« rejfel ist 



96 R. Thumeysen, 

upsaseter zam vergleich heranzuziehen; ihr e mag anaptyktischei 
vocal sein, und hinter r können sie sehr wohl einen kurzen 
Yocal, eventuell sogar noch ein -s, verloren haben; vgl. umbr. 
dger aus *agros. 

Unmittelbar, ohne zwischenvocal schloss sich einst r audi 
im deponentialen praeteritum ro fetar Hch weiss' an. Frtthei 
(Zs. 27, 174) habe ich es als ^-aorist ^mdes-ar gedeutet, 
jedoch seither diese deutung widerrufen.^) Sie ist aus 
zwei gründen unmöglich. Erstens wird intervocalisches, alsc 
leniertes (spirantisches) d durch ein folgendes h (ß) nicht zan 
explosivlaut, sondern nur zur stimmlosen spirans. Vgl. mio- 
thande (dat. miathamli) 'herrUchkeit' Wb. 23 c 18, abstractum 
zu einem adj. *iniathamail von miad 'ehre' und samaü (spätei 
zu miadamail miadamla ausgeglichen); neuir. meitheatnh 'juni' 
aus *mid'äam ^ttsommer'. So bestätigt wohl altir. suilhe 
^Weisheit' zu sui 'weiser' (dat. pl. midib)^ dass im abstract- 
suffix ir. -e bisweilen gallisch -isia steckt (Keltoroman. 17). — 
Zweitens würde sich der Wechsel des wurzelvocals — I. n. sg. 
'fetar, JH. -fitir — nicht erklären, wenn der vocal vor r alt 
wäre. Denn wenn er ein dunkler vocal gewesen wäre, mOsste 
die erste silbe überall e zeigen; wenn ein heller, überall i 
So weist 'fetar auf eine grundform wie *veddra aus *viddra 
(II. sg. -05?), -fitir auf *viddre. Was freilich dieses /tt- ^vidd- 
ist, bleibt unklar. Die form der m. sg. lautet kymr. gtuyr 
bret. goar com. gor. Damit kann man das lateinische lehn- 
wort cathedra vergleichen : akymr. (xUeir, später cadeir, nkymr. 
cadair, mittelbret. cadoer cador, com. cadar cader ^ ferner 
kymr. eirif 'zahl' = ir. dram (*ad'rtma), auch das ety- 
mologisch unklare mittelir. cretar 'reliquie', mkymr. creir, 
nkymr. crair, bret. plur. kreirio (Rhys, Rev. Celt. VI, 43). 
Ir. t (dd) kann auf altes dd oder zd zurückgehen. Das erste 
wüsste ich nicht zu erklären; Windisch (Festschrift an Stokes 
p. 48) denkt an einfluss von cretim 'glaube', das aber in der 
flexion von -fetar gar zu weit abliegt. Sollte etwa ^vizdr- 
aus *tnd-s-r- umgestellt sein, so dass sich, wie anderwärts, 
eine s-bildung ins alte perfect gemischt hätte? Vgl. homer. 
laaai l'aav, ahd. wisstoi (OsthoflF, Perfect 397). Das ist sehr 
unsicher; sicher nur, dass r einst unmittelbar auf den schluss- 
consonanten des Stammes folgte. 

>) Bnigmanns, Grundr. I«, p. 1095 zu p. 691. 



Znm leltbülüti Tex^oin. 



97 



Dagegen ist ausdriicklicli hervorzuliebeu, dasa (iie III. plur. 
4es alten perfectums im Irischeü die eigenthumlichkeit der 
deponenüaleü formeu nicht 2eig^, vielraebr den vocal vor 
der endong 4ar nicht selten ansstösst; vgl. do cotar 'sind 
gegiDgen'j -lotar *gingen\ for ru leblangtar ^snbsiluerunl', ro 
Iddar ^sind hangen geblieben', fo eoimlacJUar 4iaben ertragen', 
d& tmmnaetar *haben abgewaschen', du caimrachtar *haben 
eBtblösst'j n* frescacJäür 'haben gehofft' (Dottin p. 244), sogar 
bei deponentialen verben : do fuihractar 'wollten^ 'eomnaciar 
-^mnactar 'konnten'. Nur im deponentialen 5-praeteritum 
Stehen ansschliesslich richtige deponentiale formen mit er- 
ll&ltenem vocal wie -aiclueiar -corsatm -samlamtar -snidig- 
«tor (ib. 241 f.). 



Was weiter die erklärung des r-passivums anbelangt, 
80 habe ich zunächst gegen Windischs versuch geäussert, er 
bibe den Übergang der endung von der III, plur. auf die 
in. sg, nicht aulzuheilen vermocht (Liter, CentralbL 1887, 
ar. 52, sp. 1772). Der ansieht Zimmers, der hretonisch- 
coraische gebrauch der r-formen ausschliesslich als ausdmck 
ftiDer unbestimmten in, plur. ('man'-form) bewahre das ur- 
iprüngüche gemeinkeltische Verhältnisse habe ich entgegen- 
gehalten:^) einmal, dass in allen keltischen sprachen das 
pmeteritum 2:um r-passivum oder meinetwegen zur 'man'*form 
darch das participium oder verbaladjecüv auf -to- ausgedrückt 
werde, ähnlieh wie im Italischen. Ferner, dass bei den kym- 
rischen r-formen das pronomen der dritten person zur be- 
Zeichnung des von der haudlung betroffenen fehlen könne, 
tiso nicht object sei* Über letzteren punkt bin ich nicht mehr 
^ ganz i^icher. In der älteren spräche kann das pronomen 
nur hinter der negation deutlich zu tage treten, die dann als ny-s, 
mhs erscheint. Nun fehlen allerdings auch in Dotthas reicher 
ttomilung heispiele mit -s vor r-formen; in dem einzigen nie 
jalfetfT un p. 174 aus einer hs. von 1685 ist s, wie allgemein 
M Seakymrischen, bedeutungslos, was schon das folgende nn 
Andrerseits sind aber Überhaupt negative sätze, in 
man ein pronomen erwarten könnte, nicht sehr häufig. 



') Brngniaiiiks Omndriss IT, § lOSO, anm. L 

^MlicMII tOi TBrgL Sfirmcfaf. K. F. X7U. 1, 



98 ^ ThomeyBen, 

Ein ziemlich sicherer fedl scheint mir jedoch Mabinogion 
(ed. Bhys-Evans) p. 258, z. 3 v. u. zu stehen : Llyma vygkyghor 
% am benn y carw: na rodher, yny del Oereint 'das ist mein 
rath bezfiglich des hirschhaupts : es werde nicht gegeben, bis 
Gtereint kommt'. Wenn 'es' wirklich object wäre ('man gebe 
es nicht'), mttsste man sein fehlen als härte empfinden. Im 
Neokymrischen allerdings tritt das pronomen der dritten 
person regelmässig auf: feH dysgir 'er wird gelehrt' oder 
'man lehrt ihn', plur. f^u dysgir. Aber ein Substantiv als 
bezeichnung des betroffenen zeigt dieselbe form, die es hinter 
activen verbalformen als subject, nicht als object hat; der 
anlaut des wertes bleibt unleniert. Das zeigt, dass zur zeit, 
als dieser unterschied von subject und object sich einstellte, 
die nomina nach r-formen als subjecte gefUhlt wnrden. 
Fürs Altkymrische ist femer die 'man'-bedeutung ausgeschlossen, 
wenn meine Übersetzung der Oxforder glosse: celir nimer 
bichan gutan ir maur nimer 'eine kleine zahl verbirgt sich 
unter der grossen zahl' richtig ist (Rev. Celt. XI 205). 'Man 
verbirgt' ergäbe keinen sinn. Das passiv steht hier in seiner 
eigentlichsten bedeutung, wo das handelnde subject nicht un- 
bestimmt, sondern Überhaupt nicht ins bewusstsein des 
redenden tritt. ^ 

Anderes als das erwähnte habe ich, so weit ich mich 
erinnere, über die frage nicht publiziert; ich begreife daher 
nicht, wie Zimmer den oben herausgehobenen satz hat aus- 
sprechen können. 

Den zuletzt berührten einwürfen ist Zimmer neuerdings 
Zs. f. celt. Philol. m 87 entgegengetreten. Dass das Kelti- 
sche einst auch im passiv eine volle flexion durch alle Per- 
sonen gekannt habe wie das Lateinische, sei reine willkflr 
anzunehmen. — Dieser wohl gegen Ebel-Evans-Stokes ge- 
richtete Vorwurf trifft mich nicht. — Die angebliche keltische 
in. sg. pass. (altir. no berr, no berar) sei 'ganz klar die alte 
m. pluralis activi praesentis auf r\ — Andern kommt das 
vielleicht minder klar vor. — In der erdrückenden mehr- 
zahl der fälle (der Sperrdruck nach Zimmer) werde sie im 
sinne einer m. plur. activi construiert. — So wird sie viel- 

>) Der ansdrack 'man*-form ist nisofem nicht ganz glücklidi g«wlhtt, 
als wir in Übersetzungen damit den unterschied von lat. dicwU und dkitmr 
zn verwischen pflegen. 



Zum keltiBühtn Terbiim. 



99 



Bßlir EUr coosti^meit, wenn entweder der gprecheDde oder der 
angeredete, allem oder mit andern, von der verbalhandlmig 
ketroffen wird; nur die prouomina der I. und IL pei-sonen 
treten in objectsfonn zu passiven verben. Ist irgend ein 
tmleres ding des ganzen Weltalls, als jene zwei, objekt der 
kBiUuug, so steht seine bezeicbnnug ini uominatiy, oder 
m bleibt, wenn es schon erwähnt ist, unbezeichnet, Dass 
lielmehr diese fälle die grosse Majorität bilden, ist an sich 
Mar and lehrt ein blick in eine beliebige Sammlung von 
passivformenj z. b. bei Dottin p. 209 ff. Man wiid also eher 
frigen müssen, ob man wirklich recht thut, die ein* 
geschobenen pronominalfonnen als accusative zu erklären* 
Vergleicht man die irischen prouomina infixa in no-m charthar 
JTHn charad, no-t charthar ro-t eharad^ no-n carthar ro-n carad^ 
n(hb cartkar ro-h carad mit dem nominativ der selbständigen 
pei^nalpronomina me^ tü^ sni(-sm), si(-si) aus *^i-, so liegt 
in der äusseren gestalt wenigstens kein anlass, sie nicht ein- 
f&tfh als verkürzte subjectsformen zu fassen. Beim activen 
?erb vertreten allerdings gleiche formen das object {nö-m 
tham 'er Uebt mich') und beim verbum 'sein' den dativ {ro-m 
ha *mir wird sein). Aber da alle keltischen sprachen den 
alten stamm der obliquen casus in den nominativ übertragen 
haben, und da von einem casussuffix keine spur vorhanden 
ist, konnten sie sehr wohl gleichzeitig als nominative fungieren, 
Oder wie sollte ein nominativisches pronomen infixum 
anders lauten? Auch erscheinen sie in der gleichen gestalt in 
(^4 'du bist', ammi'H *wir sind', adi-h *ihr seid', die zum 
lindesten zeigen, dass znr zeit ihrer entstehung nichts speziell 
aecusativisches in den pronomina gefühlt wurde.*) Etwas 
anders steht es in den britannischen sprachen* Hier tritt, 
wenigstens im Comischen und Bretonischen , in der HI. sg, 
mase* neutr. beim passivum ein pronomen infixum von der 
gestalt -n (en) auf, das man als nominativisch nicht erweisen 
kann: com, ma-n gueUer 'dass man es sehen wird' (Gr. Celt,^ 
530), breton. en kaner ^man singt es (ihn)', en kanet *man 
pflegte es zu singen'. Vielmehr wird n die alte endung des 
a^^Qsativs sein> wie im irischen pron, Inf, masc, a n-. Aber 
prade bei der dritten person ist die einfttgung eines pro- 



') U i. ««It Phil, T 2. 



100 B. ThanleyBeii, 

nomens sicher etwas relativ spätes, da sie dem Irischen, wohl 
auch dem älteren Ejonrischen nnbdcannt ist^) Dass ans einem 
dem bretonischen entsprechenden zustande der inconseqnente 
irische sich entwickelt haben sollte, wäre völlig unverständ- 
lich; dagegen, dass umgekehrt in manchen dialekten, yne seit 
jeher die erste und zweite person, so schliesslich auch die 
dritte durch ein pronomen inflxum charakterisiert wurde, leicht 
begreiflich; ebenso, dass, da in jenen personen die pronomina 
infixa dieselbe gestalt zeigten wie bei activen verben, auch in 
der dritten die gewöhnliche form des infigierten pronomeos 
verwendet wurde. Gerade dieser schritt mag dann im Bre- 
tonischen dazu geführt haben, die alten passivformen als 
^man'-formen zu fUhlen, so dass man neben em karer ^on 
m'aime' ein rein passivisches kared oun je suis aim6^ stellen 
konnte. Formell hindert also nichts, ir. rom charad, rot 
charad, ro carad einem lateinischen amatus ego, amatHS t% 
amatus (== amattis est) gleichzusetzen. 

Eine Schwierigkeit bietet zunächst der plural. Die bri- 
tannischen dialekte kennen keine besondem pluralformen des 
passivs; man sagt kymr. dynion a ddysgir ^menschen werden 
gelehrt' wie dyn a ddysgir 'ein mensch wird gelehrt'; ebenso 
im praet. dysgwyd 'wurde' und 'wurden gelehrt', imperf. dysgid 
'pflegte' und 'pflegten gelehrt zu werden'. Das Irische hat 
überall für die HI. plur. eine besondere form : praes. car(%)tir, 
-car(a)tar, praet. ro cartha, imperf. no cartis. Den praesen- 
tischen plural haben Zimmer und weniger bestimmt Windisch 
als eine irische neubildung erklärt, da pluralformen mit nt 
im Britannischen sonst bewahrt geblieben sind. Und gewiss 
wird man nicht leugnen können, dass, wenn der britannische 
zustand der ältere ist, sehr leicht im Irischen die m. plur., 
die durch kein pronomen näher bestimmt war, durch formelle 
anlehnung an die active bildung mit -nt- deutlicher gekenn- 
zeichnet werden konnte (*caranLr.,). Denkbar ist aber 
immerhin auch das umgekehrte, dass der irische zustand der 
ältere war, und dass die form, die im Irischen in fünf personen 
auftritt, erst im Britannischen auch auf die sechste, die 
ni. plur., übertragen worden ist. 

Nicht als irische neubüdungen verständlich sind jedenfalls 
das imperf. -cartis und das praet. -cartha. Was der imperfect- 

>) Über ir. nondaberfhar Ml. 134 c 6 s. Zs. f. celt. Phil. I 181 anm. 



101 



'Cartke (gegenüber dem activea -carad) zu gründe liegt, 
freilich noch niemand aufgeklärt; die m. plur. -mrtü 
laatet genau wie die entsprechende active und deponentiale 
fmm. Aber daas dnrch ueuenmg einfach eine aetivische 
fem passivisch gebraucht worden wäre, ißt nicht glaublich. 
9f> muss sie wohl alt sein. 

Das praeteritnm -cartha wird man als plural des to- 
participiums anzusehen haben, wenn auch die grundform nicht 
deaüich ist* Dass sich die feminine form, bei der die 
endimg -n (ans -as) regelrecht wäre, verallgemeinert habe, 
darf man natürlich nicht annehmen. Das masctüine -ös würde 
•« ergeben wie im yoc. plur. a firu *o mannet'. ^ Die endung 
-mes = ind* -asali, an die man gedacht hat,*) ist im westen 
olmelun nicht fest gestützt und würde air. -ai {-€?) erwarten 
kss^n* So wird man in ir. -a dieselbe endung des neutralen 
plitrals zu BChen haben, die beim artikel inda inna und bei 
den adjeeti vischen o-stämmen {trena arda) völlig fest ist, und 
die m altirischer zeit auch beim Substantiv einzudringen be- 
ginnt Wie sie entstanden ist, ist freilich unklar. War an 
ilie alte endung -ä ein ä angetreten? Und warum? Als irische 
neubildang liesse sich die praeteritalform auf -tha jedenfalls 
nur dann verstehen, wenn man die andere form -carath -carad 
noch als adjectivisches participium gefühlt hätte. Da sie aber 
aaeh in den britannischen dialekten als reine verbalform er- 
scheint^ muss sie schon sehr fi-üh erstarrt sein. Vielleicht darf 
mm aus dem plural auf -tha schliessen, dass auch die singu- 
l&rische form auf das neutrnm des fo-participiums zurückgeht. 
Wie verhält sich hierzu die britannische einformigkeit? 
Beim praeteritum wäre denkbar, wenn auch nicht gerade 
watirscheinlich , dass erst durch das wirken der auslauts- 
geietze^ also erst kurz vor unserer überliefenmg die alte 
plaralform mit der singularform zusammengefallen wäre. Nicht 
so beim imperfectum. In mittelkymr. -it breton. -et corn, -ys 
kmn keine der irischen pluralendung, deren t gewiss nt ver- 
tritt, entsprechende form enthalten sein; so wird auch im 
praeteritum die einheitliche form auf veraUgemeinerung des 
alten Singulars beruhn. 



') HaMoWj Die kngM YocalB AEO p. J29. 
>) 2äiiimer, Zf. f d. Altert, n, 40 L 



102 B- ThnmeyBen, 

Wie dem sei, wenn die pronomina infixa subjectsformen 
sind, so hätten wir mindestens im irischen praeteritnm, dessen 
plnral auf -tha dnrch sein soffix keineswegs auf die dritte 
person beschränkt war, nach dem pronomen der I. und n. 
plur. die plnralform zu erwarten; esheisst aber r<hn carad, 
r(hb carad, wie im Singular. Lässt sich das als neuening 
verstehen? 

Falls im praesens die passiye r-bildung einst, wie im 
Britannischen, in allen personen gleich lautete, die irische 
m. plur. also eine relativ späte neubildung ist, so begreift 
sich sehr wohl, dass dann nach dem muster des praesens 
auch in den beiden Übrigen tempora des passivs die besondere 
pluralform sich auf die dritte person zurückgezogen hat 
Nothwendig ist diese auffassung nicht Das indische peri* 
phrastische futurum datasmi dätad, plur. dätäsmab dätägtka 
gegenüber den dritten personen data äatarah zeigt, dass auch 
ohne beeinflussung durch ein anderes tempus der ausgleich 
der ersten und zweiten personen im Singular und plural statt- 
finden kann, so dass die alte pluralform auf die dritte 
person beschränkt bleibt^) Der grund ist natfirlich, dass 
die I. und 11. Plur. schon auf andere weise charakterisiert 
sind. Aber leichter versteht sich die neuerung allerdings bei 
der annähme, dass zuerst im praesens eine besondere m. plur. 
sich von allen andern personen abgesondert hatte. 

Vom keltischen Standpunkt aus ist also die annähme nicht 
nur nicht nothwendig, sondern gar nicht wahrscheinlich, dass 
die nicht-deponentialen r-formen ursprünglich activische tean'- 
formen gewesen seien. Weisen vielleicht die italischen sprachen 
deutlicher nach dieser richtung? Bekanntlich hat man bis jetzt 
nur im Oskischen etwas dem keltischen passiv, wie es bisher 
aufgefasst wurde, ähnliches gefunden. Darf man auf die spär- 
lichen beispiele eine regel aufbauen, so scheint sich, wenn 
emf wie im Umbrischen als nominativ zu fassen ist, bei un- 
gekfinstelter Interpretation folgendes zu ergeben. Bei gewissen 
zum befehl oder zur Verordnung verwendeten verbalformen 
auf 'T, bei denen die handelnde person nicht genannt wird, 
steht der ausdruck des durch die handlung betroffenen, wenn 

Besonders nahe steht irischen formen wie -m charad die nebenform 
der I. sg. hantahamy die Wackemagel und J. Schmidt zur erkl&nmg dei 
I. sg. fttman. auf -ähe benatzen. 



Zum keltifichen ' 



103 



müm persoD ist, im nominatir , wenn es eine sache ist, im 
iccusativ* Vgl. estif cömend ktmatir *er selbst werde im 
fl&üütiiim verkaxift(?y T. Baut. 21, aber: sakrlss sakra fir, 
iTt ultiumam (seil, iüvilam) kerssnals *die JoTÜae boUbd 
itt öpferthieren geweiht werden, aber die letzte mit cerealien 
(mt scUmäuseü?)' Planta 133 , Conway 113; beides neben 
läaiider: censamur esuf in eihiam ^geschätzt soll werden er 
selber imd sein vermögen' T. Baut* 19. Bei andern passiy- 
fernen, deren dritte person durch t charakterisiert ist, kommt 
derartiges wolil nicht vor; vgl. pon iov egmo comparasctister 
k 4 mit nominativischem subject. Ob das Umbrische ähn- 
Mes kannte, ist nicht völlig sicher auszumachen. Hmiß 
?b 6 ist zur partikel erstarrt; bei dem mehrfach belegten 
p^afi pUiafei und bei ferar YTb 50 ist das betroöene im 
säte nicht genannt; doch scheint bei emantnr Va 8, das 
doch wohl plural zu einem siiigular *emar ist, ein sächliches 
nibject a£i2i]nehmen ; bei iursiandu VII b 2 sind das subjeet 
mngar ^unge k!ihe\ Der imperativ anf -mu kommt nur 
aedial vor; dass er nicht passivisch sein konnte, zeigt wohl 
der ia.t2 katel asa*ku p eis ans futu IIa 43, wenn man 
p eis ans mit recht als gerundiyum fasst; -andits esto würde 
man nicht sagen, wenn ein passiver Imperativns fiituri zur 
verfttgong stände.') Freilich fehlt dieser form auch das r 
und zwar kaum durch schwund. 

Das alter des oskischen gebrauchs lässt sich also nicht 

erweisen ; immerhin wird man geneigt sein , eine so un- 

harmomsche erscheinung für altertfaümlich zu halten. Aber 

aiich wenn man die keltischen pronomina infixa als accusative 

hsst, wird trotzdem die ahnlichkeit beider sprachstämme nicht 

poiB; denn die pronomina vertreten ja gerade persönliche 

begiife, während sächliche im Irischen (und Kymrischen) 

durch Substantive im nominativ ausgedrickt werden. Das 

kÄMi also gewiss nicht zur stütze der bisherigen auifassung 

ditneu. Vielmehr kann man nur sagen, dass es im Keltischen 

und ItaliBchen sonderbare r-formen giebt, die im Keltischen 

mit dem nominativ des betroffenen verbunden werden, aber 

sät alters keine personen durch suffixe unterscheiden, und 

die ün Oskischen sowohl den nominativ als den accusativ des 

^>eiToff6nen zu sich nehmen können. 

*) Ziil^ttt hierüber y. PUnU H SIL 



104 B. ThameyBen, 

Im Oskischen sind solche formen bisher nur in befehls- 
Sätzen belegt, was allerdings zofall sein kann. Im Irischen 
kommen diejenigen passivischen r-formen, die keine weitere 
personalendnng (t) enthalten, nnd die man daher wohl mit 
recht als besonders alterthümlich zn betrachten pflegt, ak 
imperativ und als praesens indicativi vor: canar 'es werde 
gesungen, man singe' und canir -caiiar '(es) wird gesungen', 
während der conjunctiv nur cantir -comJtar lautet Benm 
fedar dlegar, die Gr. Celt.' 474 als co^junctive angeführt 
werden, sind alle drei indicative; bei den letzteren geht das 
schon daraus hervor, dass diese verba nur den 9-coi\]unctiv 
bilden.^) Im Eymrischen dagegen tritt ausser dem indicattvischeii 
cenir und dem mittelkymr. canhawr (wohl conjunctiv) dieselbe 
form canher, später caner als imperativ und als conjunctiv 
auf. Die formen mit t(t) in der alten poesie, wie kenldttor 
canhator (kymysgetor, galwettawr), scheinen alle modal eq 
sein. Das Bretonische uud das Comische zeigen nur formen 
ohne t\ sie haben überhaupt noch viel weiter gehende aus- 
gleichungen eintreten lassen als das Eymrische. Dass man 
mkymr. canhawr mit foimen wie umbr. feraar direct verbinden 
dürfe, scheint mir aber zum mindesten sehr zweifelhaft; bei 
dem conservativismus des irischen verbums bin ich vielmehr 
geneigt, die irische Verschiedenheit überhaupt für älter zu 
halten als die britannische gleichförmigkeit. 

Die r-endung ohne t zeigen im Irischen regelmässig nur 
die einfach thematisch flectierenden praesentien und die pri- 
mären mit i-sufüx, die sich auch sonst mehrfach an jene an- 
schliessen (pass. -garar zu -gairim -gaur 'rufe'), ausserdem die 
mit -na- gebildeten (for fenar). Alle andern , deren stamm 
auf a oder i ausgeht, bilden auch den imperativ und den 
indicativ mit dem dental (carthar carthir), der ursprünglich 
von r durch einen vocal (o?) getrennt war (oben s. 94 f). 
Schwer zu bestimmen ist, ob auch vor dem einfachen r ein 
vocal gestanden hat. Auf einen dunkeln zwischenvocal scheint 
zunächst das öfter belegte dlegair 'man hat anspruch' gegen- 
über dem activen dligid -dlig zu weisen. Wenn einst gr vor 

Ob im ff-conjonctiv -messar -gesar gemr etc. (Dottin p. 225) die t- 
lose endang yorliegt, ist nicht aasznmachen, da sich ss (s) aach aus 9t 
erklären Ifisst (oben p. 95). Denkbar wäre jenes an sich wohl, da die 
bildnngen formell indicatiyisch (injanctivisch) sind. 



Zam keltiichen Terbnm. 

kllem yocal gestanden hätte, sollten wohl heide consDnantan 
p&latalmert erscheinen. Doch kann man anschlnss an die 
cemjüncte form -dlegar annehmen; vgL das fut. dep. mlastaw 
(oben p. 95), wo eicher einst i und r sich unmittelbar folgten. 
Üb äo berr oder do herar 'wird gegeben^ älter sei , lässt sich 
a priori nicht entscheiden ; der ausfall des schlusssübenvocals 
könate wohl durch die zwei r bedingt sein. Anderseits kann 
der voeal in canar etc. auf secundärer entwicklung beruhen 
(iirsp. canr*.) und sich von solchen beispielen aus weiter 
verbreitet haben. Nach dieser richtuug weist wohl, dass in 
dreisilbigen Wörtern die mittelsübe fast niemals synkope er- 
litten hat; vgi 1. b, fomm dlatjar (gl. cousternor) Sg. 146b 
14, Pmc, Cr* 57 b 5 neben fo nlgim Sg. 14t3b 14, fu falgi 
m ML 108 c 12; ähnlich in coissegar in choisechar^ do for- 
^(iTf du wragar^ arnu utangar, do udbadar, cotah uc(^ar si^ 
dufuissrnnüTf ml oparar, for congarar etc., freilich auch im 
iüenor^ i» fürbanart die doch das su£fix na enthalten (Dottin 
P» 211 ffl). Synkope finde ich nur in in folngar Ml. 31 d 10 
neben im folangar 122c 5» 145c 4, imme folangar 44a 10, 
Ilc 6> BHb 15; doch liegt dort auch in der praeposition in. 
ffir im ein Schreibfehler vor, so dass man wohl unbedenklich 
m fol{a]Hgar corrigieren darfJ) Dagegen ßlllt nicht schwer 
ini gewicht, dass man in der kymrischen imperativendung -er 
am liebsten den thematischen vocal e sähe. 

Es darf somit als höchst wahrscheinlich bezeichnet werden, 
dasa wenigstens im Irischen einst bei primären verben das 
pftsriTische r im imperativ und indicativ direct an den letzten 
eonsonanten der würze! angefügt wurde, und dass auf das r 
weht nur in der absoluten, sondern auch in der conjuncten 
fleiion noch ein vocal folgte. Dö berr^ as berr würde also 
üe ältere büdung sein gegenüber -berar^ -garar. 

Ob der indicativische oder der Imperativische gebrauch der 
J'-formen ursprünglicher ist, lässt sich aus dem Keltischen 
nicht bestimmen« Das Oskische dürfte aber für den imperativ 
entscheiden. Ursprüngliche Imperativformen konnten im Kelti- 
•cben sehr wohl ins praesens indicativi gelangen, da z. 1>. im 
Wichen, das darin wohl altes bewahrt, der gan^e plural des 
aciiven Imperativs mit den conjuncten formen des indicativs 

') äma rimf^s^^ar Wb. iQc 14 iii I sg. coöj. dep. 




im 



B. ThomeyBeo, 



gleJchlaiitet, Ist diese annähme richtig, so scheint mir 
auf eine erklärimg hinzudrängen. Der ausgangspunkt ieP 
passivischen r-form muss ein infinitiv des vieles, eines 
jener uralten gebüde gewesen sein, die im Veda zwischen 
Infinitiv und imperativ in der mitte stehen. An sich konnten 
ßie, zu transitiven verben gebildet, natürlich activisch oder 
passivisch vei*standen werden; vgl Rgv* 4, 2, 1: hotä yäß^ho 
mahnä hwädhya% havydir agnir mä7n4sa way&Ahyai *äer opfer- 
fähigste Priester soll gewaltig leuchten, Agni soll lebendig 
gemacht werden durch die opfer des menschen* (nach 
Delbrücks Übersetzung, Altind, Syntax 412). Daher kann das 
betroffene (ausser im dativ) sowohl im accusativ als im nomi- 
nativ stehen; agnini yäjadhyai 'Agni will ich verehren' (denkbar 
wäre *soll man verehren') und agnir yäjadhyai 'Agni soll 
verehrt werden'. Im Oskischen hat sich, wenn ich die that- 
sachen richtig interpretiert habe, bei persönlichem beti'offenem 
der nominativ durchgesetzt, weU persönliche begriffe besonders 
oft als grammatische subjecte dienen; bei sächlichem dagegen 
der objectscAsus, der accusativ. Im Keltischen war dagegen 
• der passive gebrauch allein üblich geblieben, so dass bd 
transitiven verben das betroffene immer im nominativ stand; 
vgh ir. canar in loid ^das lied ist zu singen, soll gesungen 
werden\ nachim benar 'ich darf nicht geschlagen werden, 
man schlage mich nicht** Daher konnte auch bei intransitiven 
nloht mehr der handelnde als subject erscheinen ; tiagar heisst 
immer nur 'man gehe\ ohne dass dem hörenden irgend ein 
Bubject angedeutet wird. Dass keine personeu unterschieden 
werden, erklärt sieb so auf die einfachste weise. j 



Zum schluss möchte ich zusammenfassen, was ich etwa 
in betreff der keltischen r-formen für wahrscheinlich halte. 
Es gab drei (vielleicht vier) gruppen von r-formen, die 
keine engere Verbindung unter sich hatten; die zwei (drei) 
ersten sind aber nur im Irischen lebendig geblieben. 

1. Endungen mit r m der I, und DI, plur, activer 
praeterita mit ausnähme des ^-praeteritums : du dechummar^ 
ro cualamfnarf III. do cotar^ ro cuahtar. Viele derselben gehn 
ihrer Stammform nach auf das indogermanische perfectum 
zurück. Sie sind, wenigstens in der dritten person, formell 
verschieden von den pluralbildungen nach der deponentialen i 





Snm kerasf n 



flexioQ (oben p* 97); der vocal zwischen t und r ist alt. 
SüT die deponentialen praeterita gleicher forraation zeigen 
eine dieser activen analoge gestalt; da sie aber sehr gering 
an zdhl sind , können sie leicht unter dem einfluss der vielen 
actiyen praeterita stehen^ wie sich der vocalismus ihrer 
Bingiilarendußgen sicher nach dem activum gerichtet hat Es 
i»t wahrscheinlich j dass die activen rendungen mit der der 
IE plur, perf, act, im Indischen (-iti^) und im litauischen 
(irest -üTB -€7^s) zusammenhängen j vielleicht auch mit 
dftr lateinischen perfectendung -Bre, 

2- Das irische deponens, das alte medium, zeigt r- 
formen im ganzen Singular und in der I, und in* plnr. des 
praesens und praeteritnm indicativi und des praesens con- 
jttnctivi (nebst dem stäts conjunctivisch flectierenden futurum). 
Die dritten personen conjuucter flexion weisen auf grund- 
formen auf 4r(ö?)*) und *utr{o?)^ die absoluter flexion auf 
ibnliehe mit hellem vocal. Hätte ein solcher auslautender 
vacal einst auch in der I. sg. auf -ttr, im ä-conjunctiv auf -ar 
gestanden, so müsste er dort -u (-ö)^ hier dunkel {-S -<?) gewesen 
sein. Schon das macht die annähme unwahrscheinlich; ausser- 
dem würden die formen von lat. seqii-or sequ-ar losgerissen. 
Hier bildete also -r sicher ursprünglich den auslaut. Das lässt 
wohl dasselbe auch für die erste person pluralis {-mmarj 
-mmir) vermutheOj wo die form selbst keine entscheidung er- 
laubt. Der vocal vor r war hier in der coujuncten flexion 
diist ö, wie noch die glosse der Uprima manus' Wb* loh 22 fris 
brudemoT zeigt« Somit weichen die ersten personen, wenigistens 
die tingularisehe , von den dritten in der bildung beträchtlich 
ib. Die n. sg. auf -ther endlich betrachte ich gegenüber dem 
imperativ auf 4he als eine relativ junge bildung. Hinter r 
kdimte an sich ein dunkler vocal gestanden haben; doch ist 



^\ Ob man du fuükdor (gL relabatar] Beda Cr. 34 e 1 als Ke^gDiss für 

illi o-fli^cmg des r geltend machen darf ^ ist mir sweifcUlaÜt , da dieselben 

|lemn sooft inmieT das gew51ilill€he -fir schreiben : hi ctiireiar 32 b H^ du 

«AtnredorSfc 10, nwladarAld l. Ebenso K^eifelhaft ist das tdte ad ncodur 

1"inDW PlJinipseet 93 v ßB, 17, 13ö), glosse in: Nottit diiminm . . . ini- 

fiB» in dimi iudkii erudtndos reseruare. Ist es UL sg-, dep. 'reseniat* 

nrni 5«rfl ad roneeatar (1. ronestar?}, gioes© m mtatenuit Wb. 4 c 851? VgL 

4« «tiven formen at noi *er vertraut ilin an' Tripart. Life 140, 3, perf. 

^Tm*m hat tm anfbewahrung^ gegeben^ Wb. 29 d 20. Doch kazm ad 

■«dir iodi als Hl. plar. passm 'resemanttir' gefaset werden. 



108 K. ThnniejBeii, 

das daram unwahrscheinlich, weil diese person keine conjoncte 
und absolute flezion unterscheidet (oben p. 95 anm. 1). 

Das deponentiale praeteritum (das alte mediale perfect) bat 
im Singular die endungen I. -ar ü. -ar in. -ir -air, in denen 
-r dieselbe färbung zeigt wie im activen Singular der schloss- 
consonant der verbalwurzel. Das verbum ro fetar, ro ftti$ 
erweist, dass einst r im Singular unmittelbar hinter den wnrzel- 
auslaut trat. Der plural ist vom activen nicht, wohl nicht 
mehr verschieden. 

Bei der erklärung der deponentialen formen denkt man 
gern an die medialen r-endungen der HI. plur., die das 
Indisch'Iranische bewahrt. Als sicher alt dürfen dort nur 
gelten: ind. -re avest. -rf im perfect und bei perfect* 
praesentien wie ind. Sere = avest. söirf 'sie liegen% und ind. 
-ram avest. -ram als unthematische secundärendnng. Aach 
mir scheint sehr wohl möglich, dass, wie man mehrfach an- 
genommen hat, durch kreuzung dieser endungen mit alten nt- 
ausgängen, wie -nto, formen etwa auf -ntro haben entstehen 
können, entsprechend den in anderer reihenfolge verschmolzenen 
indischen endungen -raiB -rata -ranta. Eine III. sg. etwa auf 
'tro statt 'to mochte sich dann leicht anschliessen. Auch ist 
wohl denkbar, dass der singular des deponentialen perfect- 
praeteritums , zunächst wieder die dritte person, in ähnlicher 
weise aus einer r-endung der m. plur. erwachsen ist, wenn 
auch die einzelnen etappen der entwicklung sich ohne äussere 
hilfe, etwa einer gallischen inschrift, kaum genau werden fest- 
stellen lassen, da gerade der ausgangspunkt, die m. plur., 
seitdem vermuthlich mehr als eine Umbildung erfahren hat 

Aber weder auf diesem noch auf einem andern der bisher 
betretenen wege kommt man, so viel ich sehe, der I. sg. aof 
'ur -ar bei; die abweichung von den dritten personen ist 
höchst befremdlich. So wird man immer wieder vor die frage 
gestellt, ob denn wirklich italokeltisch -ör eine neubildung 
sein müsse. Kann es nicht die alte oder eine alte endung 
der medialen I. sg. thematischer flezion sein? Eine völlig 
sichere andere alte form giebt es wohl nicht (s. Brugmann, 
Grundr. 11, § 1041). Dass die indisch-iranische endung -äi 
(ind. bhar-ß avest. bar-^) eigentlich nicht die thematische, 
sondern die unthematische endung war, wird allgemein an- 
genommen und ergiebt sich ohne weiteres aus ihrem auftreten 



Zum Ireläschen Terfiimi. 



109 



itn perfectam* Der auagang -äi (ind, -ai) im conjunctiv könnte 

allerdings eine alte thematische endung *-öi darstellen; aber 

er lässt sich wohl auch als secundäre dehnbildung zum indi- 

citivigchen -äi, etwa als Umbildung eines alten -är (mit der 

Deknform -a?) nach dem indicativ verstehen. Auch griech* 

-9//«( kann auf ursprttnglichkeit keinen anspruch machen.') 

Di« festeste stütze für altes -öi scheint aisL heite (run. hmte) 

'hmse* zu sein. Aber es steht gegenüber der Übereinstimmung 

Fim got. fiaitada mit angelsächs. hätte *heisse' und *hiess* 

(lüdl. mndd. kette ^hiess')^) so isoliert, dass ich kein bedenken 

tragen wtlrde, es als einen vereinzelten nachkommen der un- 

Utematischen praesensbildung zu fassen; auch an ein medio« 

pfiÄsives praeteritopraesens *uocatus sum' Hesse sich denken, 

das beim praesenüschen gebrauch die reduplication abgeworfen 

bitte.. Am einfachsten scheint mir aber die annähme, dass 

auch die nortUsche form einst doppelten dental besass, der 

Qur im anschluss an das activum vereinfaclit worden ist, wie 

ji im ahd. hetssan *heissen' das alte passiv sich völlig an das 

activ angeglichen hat. So lange fi'eüich -ör in keiner andern 

Sprache belegt ist, kann das alles nur als eine möglichkeit 

gelten, die einer gentigenden erklärung aus dem It^okeltischen 

jdbst den platz wird räumen müssen.^) 

War -ör gegeben ^ so würde sich die I sg. auf ir^ lat. 
-Qr (und lat. -a^) im conjunctiv, sowie die I, plur. auf -mör 
(ir* -mar lat. -mur) sehr leicht erklären, 

3. Das keltische passiv um mit r endlich geht nach der 
obigen annähme auf eine zur aufforderung gebrauchte italo- 
keltische infinitivforra zurück und war daher flexionslos. 
K^lich ist aber, dass schon in italokelüscher zeit, etwa bei 



') Bmgmann hält griacb, -^r(t für di« urBprüngliche tmtheniiitiache 
fmaopietDdang ; iBd.-iraiL -ät sei atia ilem perfect entlehnt. Aber auch wenn 
irtOM, m-mai Vit i^d-mS-s mit recht dem grieeh. -ju^ti gleichge^^eUt 
»ijj, lig doch di© tunbildüng von -al scu -mal nach dein actiren -mi^ da sio 
ät «ö^equeme vocalvemcbmelzung: bei vocaÜsch auilautenden iviirzeln aaf- 
^, WH nahe, d&SB lehr wohl xwei sprachstämmD selbiständig daxa gelangen 
fcnttetL 

*1 über aHe diese fonnen ztia&DimetifaBBBnd Klage, Panls Qrundn V 451. 

") Bei der Verwandtschaft der ausginge mit n und r (E. Z. äS, 5&S 
*Ba. I) leimte man an einen zuBammenhang von *ör mit iiid. avest. -atiij 
■»ditl trett. -ünf denken. 

*} Diif Plan etwa gr. if^CqQ vergleichen? 



LIO B. ThomeTBeii, 

ploralischem persönlichem subject, eine eigene form für die 
m. plor. geschaffen wurde, vielleicht indem eine mediopassire 
injunctiyform auf -nto oder ein activer imperatir auf -n<t^ 
zu rein passivischem -^tor.. oder -nUir,. umgestaltet wurde. 
Im Keltischen ist die r-form auf den indicativ und den con- 
junctiv des praesens ausgedehnt, und neben der form mit 
blossem r-sufiäx erscheint eine mit vorhergehendem t^ dia 
an sich jedoch sehr wohl erst nach dem muster einer m. plor. 
auf -ntor.. oder -ntur.. gebildet sein könnte. Im Oskisch- 
Umbrischen ist die r-endung auf conjunctivstämme übertragen 
(ferar lamatir) und hat wenigstens im Umbrischen eine plorai- 
form mit nt neben sich (emantur emantu). Als imperativ 
scheint sich die grundform nicht gehalten zu haben; im Um- 
brischen wird der passive imperativ wohl durch Umschreibung 
gebildet; das Oskische zeigt eine aus dem medialen imperativ 
erweiterte bildung (censamtfrr). Die r-bildung in ihrer ur- 
sprünglichen bedeutung als Infinitiv liegt vielleicht mit um- 
gestalteter endung im lateinischen Infinitiv auf -n (Duenos- 
inschr. pakari Zs. 35, 210) vor. 

So viel scheint mir jedenfalls sicher, dass Zimmer mit 
recht die irischen passiv- und die deponentialformen nicht erst 
durch secundäre differenzierung ihre verschiedene gestalt er- 
halten haben lässt; femer, dass das deponens nichts mit der 
m. plur. perf. act. zu schaffen hat. 

Fragen wir nun weiter nach den Verhältnissen der ita- 
lischen sprachen, so sind wir bekanntlich darum übel dran, 
weil nur die lateinischen deponential- und passivformen hin- 
reichend bekannt sind, diese aber offenbar die stärksten aus- 
gleichungen erfahren haben. Gemeinitalisch scheint zu sein, 
dass deponentiale und passivische formen meist nicht ge- 
schieden waren. Das braucht nicht auf secundärer ver- 
mengung zu beruhen, sondern das deponens mit r kann wie 
das alte medium, aus dem es hervorwuchs, von anfang an 
zugleich medial und passivisch gewesen sein. Daneben gab 
es einst rein passivische oder wenigstens nicht-mediale 
formen, die von der infinitivisch-imperativischen r-bildung aus- 
gingen. Sie haben im Keltischen bewirkt, dass das deponens 
sich ganz auf die mediale bedeutung beschränkt hat, genau 
wie das im Griechischen der mediale aorist gegenüber den 
passivischen tj- und ^-aoristen und im Indischen das ätmane- 



111 

IsdajD gegenüber der ^^a-bUdang gethan hat. Ob solche 
ptamTformeti im Oakisch-Umbrischen von den deponential- 
passiven noch streng geschieden waren ^ lässt sich wohl nicht 
«ntscheiden ; dass ambr. terkantur taf. III 9 deponentiaj, 
nicht passivisch zu fassen Bei, steht durchaus nicht fest. Im 
Lateinischen giebt es keine speziell passivischen formen; wir 
dirfen hier eine völlige vennischung beider formationen 
lomussetzeu* Ist nun oben lat. -mur licktig als italokeltische 
iedialform {-mör% aber im conjunctiv -antiir als ursprünglich 
spezielle passivform erklärt, so begieift sich, dass im Latei- 
nischen die endung -ntur -tur das übergewicht über die dem 
ade, -nter -ter enteprechende alte medialendung bekam. 

Über diesen etwas nebelhaften schattenriss möchte ich 
hm zu weiteren fanden nicht hinaasgehn. 

3. Das ^-praeteritum. 

Im Altirischen ist das i-praeteritum bis jetzt von acht- 
zehn verben belegt, deren wurzeln alle auf r^ J, m oder g 
enden: -beri 'trug, gebar' (mkymr, cymetihy alt kymirth 'nahm'), 
-fnert *verrieth\ -gart *rief (altbret. ar-uiw-art 'fascinauit') ; 
-ceÜ Verbarg', -geÜ *frass'j -nwlt 'mahlte', at ni-balt ist ge- 
storben', -alt 'nährte, erzog'; -et (mit di *verhüUte, schützte*, 
mit com *behtitete\ mit air-fo *nahui auf, nahm an')/) *-8et 
do forsatf du rosät *hat geschaffen^ -acht *fcrieb, setzte in be- 
wegung^ (kymr. aefh *ging'), {io-üid und to-eeomynacht 
Ibiitia zu', -^dü *erstrebte\ ^ -recht as reracht 4st auf- 
entaitd^* du rrracht 'hat verlassen' (hierher altkymr. äyf-reith 
tehrte zurück' Eev. Celt. VI 26?), -mmcht ^schützte', -boeht 
^brach, erntete', *-iocht ar utaeht 'erquickte, stellte wieder her', 
-Oft *schlüg* und ihre composita* Von wurzeln auf -n zeigt 
keine diese bildang; -cSt 'sang' Salt, 7533 ist eigentlich prae- 
teritnm passivi, wird aber später gelegentlich statt des alten 
-esAain -cadmin gebraucht , weil bei verben wie -et -alt 
•wt ete. passiv und activ gleich lauteten ; vgl* -det 'duldete' 
für altes -damair^ fo mirecht *sie hielt ihn auf Salt. 6041 für 
-feraig. Wenn aber akymr, guant 'verwundete, durchbohrte' 

*) Pills farmen wie ar fenia *eicipiat' richtig in air-fo-ema aufgelöst 
••"ädi. Ümn ist io ar föim (aus -foßm) die praeposition fo zweimal ent- 
Wleit M6gli<^h&^weiae kt ab«r eine besondere wnrxel fern ansusetzeiif vgL 
^^ OhMsar LXIV. 



112 B. TharnejBen, 

(zu gwanxi) alt ist, bezeugt es, dass einst auch n-wurzelD 
dieses praeteritum kannten; freilieb könnte es, wie sein ge- 
nösse cant 'sang' zeigt, durch denselben process wie ir. -cei 
ins actiy gelangt sein. Bei vocalisch auslautenden stammen 
giebt es kein ^praeteritum. ^) Dith (hs. B dith) 'sog' Broce. 
Hy. 76, das man anzuführen pflegt, steht gewiss f&r did und 
ist regelrechtes redupliciertes perfectum zu dinid -saugt', wie 
rir zu renid, lil zu lenid, Ät bath, -apad 'starb', plur. ai 
bathatar, -apthatar kann schon darum nicht hierhergehören, 
weil es keine wurzel ba- ba- (Fick-Stokes ü^ lö9) giebt; das 
reduplizierte praeteritum m. sg. -bebe 'starb' weist auf einen 
geschwundenen endconsonanten , vermuthlich s hin (Zs. 31, 
80 anm.); daneben steht eine wurzel bei- balr. Über die 
bildung von -bath s. unten. In luid 'ging' endlich und in 
seinen composita ist der schlussconsonant d, nicht th. 

Nachdem Windischs versuch (KB. VEQ 442), das t-prae- 
teritum aufeuhellen, unbefriedigend ausgefallen war, haben 
fast gleichzeitig Stiachan (BB. 13, 128) und Zimmer (Zs. 30, 
198) eine andere erklärung angestellt. Beide sehen in t die 
alte endung der IQ. sg., die erst secundär in die übrigen 
Personen übergeführt worden sei, und zwar die mediale 
endung -to; nur dass Strachan die grundformen als würzet- 
aoriste, Zimmer als «-aoriste fasst. Im piincip bin ich mit 
ihnen einverstanden ; nicht genügend begründet haben sie aber, 
weshalb das t der endung -to nicht mehr als personalendung 
gefühlt worden sein und weshalb überhaupt gerade mediale 
formen zu gründe liegen sollen. Allerdings hat schon Strachan 
p. 130 anm. darauf hingewiesen, dass formen wie -et an sich 
auch als activ gefasst werden können; aber er hat diesem 
gedanken keine folge gegeben. Mir scheinen in der that nur 
active formen als basis zu genügen. 

Bei den wurzeln mit liquidae, die noch verschiedene 
ablautsstufen erkennen lassen, unterscheidet sich das ^-prae- 
teritum vom praeteritum passivi dadurch, dass jenes starke, 
dieses schwache wurzelform hat: activ birt, do bert, as rtibartf 
passiv brethae, do breth, as robrad; activ ara rogart, passiv 
ara rograd; activ do nimalt, passiv do romlad. Die wurzeln 
mit aiüautendem vocal {ah org-) haben den ablaut aufgegeben, 



«) Vgl. Zimmer, Zs. SO, 215. 



Ztxm keltiielien Terbum. 



113 



so das3 -alt -ort sowohl acüv als passiv sind ; das mag nicht 
mi keltisch sein^ vgl. lat. altus ahd. alt Bei wurzeln mit 
oasal lässt sich urspr. etn und )ji vor t im Iiischeii nieht mehr 
dttersctieiden. Jene ablautsdifferenz macht von vornherein 
wahrscheinlich, dass die ^formen aetivisch sind, womit ja auch 
flire bedeutung durchaus übereinstimmt. Für ein altes medium 
kum nicht etwa sprechen, dass die I, und III. plur, meist 
wie im reduplizierten praeteritum (dem alten perfectnm) mit 
r-endungen gebildet werden: as mbafimaTf III. as rubartaiar^ 
4 heriar neben seltenerem ad robartat Denn abgesehen da- 
Toa, dasSj wie oben gezeigt, diese praeteritalformen nichts 
irit dem deponens zu thun haben, milsste, falls zur zeit der 
ao&ahme dieser endungen das tempus noch als medium em- 
pfanden worden wäre, r auch im singnlar auftreten. Somit 
kuante sich die ansieht nur auf die gestalt des auslauts 
stützen, indem sie bewiese, dass hinter -ri -U -cht -t (d, i. 
i oder dd aus nt) einst ein vocal (o) gestanden haben müsse. 
Von den consonantischen auslautsgesetzen ist 
folgendes bekannt Geschwunden sind einfache nasale und 
-#; femer aUe die consonantengruppeu mit 5, die im Inlaut 
iwiicben vocalen als ss oder s erscheinen, wie ks: ^sveks—sS^ 
*rito — rij fa: *kimUs — ein ^schuld'» * s^twitsstd 'weiser^ 
fiii *mms — mi *monat\ nts: ^karants — care ^freund*, st: 
^lm*mt — car 'liebte*, kst: ^siakst — sia 'er erstrebe', ist: 
*j^0kt — §e 'er bitte* u. s. w. Explosivlaute ausserhalb dieser 
gmppen sind geschwunden, wenn sie hinter vocalen standen, 
also da, wo sie, wenn sie erhalten wären, leniert (als 
Spiranten) erscheinen müssten; so i (th): *bherat—bera 'er 
tnge\ d: *töd — 16 *ja*, kfch): nach- vor pron. inf. — na fia 
(selbständige negation). Ob ein vocativ wie d ri noch direkt 
ißf altes *reg *rig zurüekgefiibrt werden darf; ist unsicher. 

Die stufe» auf der die laute unmittelbar vor ihrem 
acbwund gestanden haben, kann man bekanntlich oft im innem 
«ng zusammengehöriger wortgrappen constatieren. So schliesst 
tnan mit recht aas einem acc. sg. oder gen. pl. wie fer n-aile^ 
ÖÄ«9 ^uirofUf *uiTöm einst ihr m in n verwandelt hatten. 
Dass auslautendes -s zu. -h geworden war, zeigt sich noch auf 
%pelte weisse. Hinter vocalischem auslaut und vor betontem 
^öcdischem anlaut erscheint im Mittel- und Neuirischen an 

iiü h'Äirt aus *auio8 Artlj 



seiner stelle noch direkt ein h: 



8 



R Tlmmey&en, 

fia h-idi üom* pL fem. aus *($)iHdas öL.* Dass aber h ur- 
sprünglich auch hinter consonanten gehört wurde, zeigt der 
übergaug einer vorhergehenden (nicht spirantischen) media in 
die tenuis: air* intmm aus Hnd-b-aue, *(s}indo^ au-ios^ 

Dasselbe h erscheint auch al3 resultat der oben genaunten 
eonsonantengruppen: acc. pl, masc. mittelir. na h-apstalu 
aus ^(s)iiidö7is (-öns?) apostoL; se h-ernaile *sechs arten' 
aus *sveks e..; a h-iicht *aus dem busen' aus *eks u..; air. 
nant ß)e *dass er nicht ist' aus ^nand-h-ej wo h der letzte 
rest des verbums *est und d die partikel (i)d ist, deren 
spirantisches d hinter n zur media geworden war; ebenso im 
conj. ro-Pi ni-pf arim-pj wo -p aus *best (betont be) entstanden 
scheint, III. sg. zu beoj das ich für den alten conjunctiv *esö 
mit aus biu bä bezogenem b- ansehe. Freilich ist hier die 
tenuis auch vor consonanten verschleppt worden und sogar 
in formen wie condip neben cmidib eingedrungen, wo b 
eigentlich spirantisch ist. Umgekehrt findet sich nan(d) auch 
vor vocalen. 

Unmittelbar vor dem Schwund haben aJso die formen 
*auioh *indah *§(v)eh *eh *beh gelautet, soweit sich nicht 
der 8chlussconsonant an einen folgenden anlaut assimiliert 
hatte (aii\ 'mmimmacüii aus *(s)indas-maqqtl^)^) Stokes' tadel-) 
meiner erklärung von niittelir, ni k- *non est' aus *nih *nBst 
war also unberechtigt. 

Dieselbe entmcklung zeigen nun auch die stimmlosen 
explosivlau te nach vocalen; vgl mittelir. ?ja h-imecMg 'fürchte 
dich nicht', negation na(ch)^ mittelkymr. nac vor vocalen, lin 
vor consonanten; /H h-aithrige ^zur busse', praepos. fri^ die 
in der composition noch frith- aus *u^t lautet Somit waren 
die Spiranten x Pf ^^^ inlautend im Altirischen noch bewahrt 
sind, im anslaut zu h geworden: *nak *berah *vri}tf ein 
Schicksal^ das im FrühmitteUriscben auch das inlautende th 
ereilt hat. Spurlos und vermuthlich weit früher ist dagegen -i 
geschwunden; das zeigt sich daiin, dasB neutrale prouomina, 
die nicht die endung -n haben, den folgenden anlaut lenieren 
(pron, inf, neutr. a). 



*) Vielleicht Hegt eine solche fonn in der dten grab&chrift von lnch&- 
goiU (Christian Inscr. in tba Ir, laog", H 10) noch direct vor: Lie Lugnaedon 
mOiGei Mmu^; das leUte wort kflimte ein weibliclier name, air. Menb getL 

*) Be!E£. B«itr, 23, 05. 




Zorn kelfehen yerbum 



115 



Wenden wir uns nun zn den consouanten, die im auslaut 
nielit geschwunden sind, so ist unbestritten, dass -r und das 
aos r 4- 5 (kst tst) entstandene -rr erhalten geblieben sind : 
ähir 'vaterV, s'mr ^Schwester', midiur 'urteile', otr III. sg, 
c»BJ. aus *ürk8t (praes, orgid 'schlägt')» im compositum du 
mmrTf da comir. Dasselbe dürfen wir wohl für ü aus Is 
(Btri) annehmen; vgl. du inmail *eliceat' Ml. 50b 1 zum perf. 
iu nnmailCf warzel melg-, falls nicht etwa der Ä*conjunctiv 
FOD der schwachen wurzelform ausging wie das praes. mUgid^ 
also den stamm *mliss- *mless- hatte. 

Hossta nun ein 4 hinter r und l schwinden ? Das ist um 
so unwahrscheinlicher, als nach diesen consouanten im Insel- 
keltischen gerade eine Verschärfung (dehnung) der tenues 
eintritt; air, doh imchomarttf sercc olcc (Pedersen, Aspiration 
§ 71 ff,), 80 dass sie, besonders deutlich nach r, im Bri- 
Unnischen die entwicklung der geminaten zeigen (mittelkymr. 
cymerth). Dasselbe gilt aber auch für die Stellung nach eh 
(tir. cufnacite iedtaire), weshalb acht im Britannischen als 
ÄÜA, kymr, aeih erscheint; es ist daher nicht glaublich, dass 
alles -acht seiü t(t) im auslaut verloren haben sollte. 

Bleibt altes nt Dass auch hier t einst verschärft wurde, 
leJgt kymr. cathl aus *cantl(ön). Aber im Irischen eracheint 
diör d (geschrieben f), das ursprünglich wohl überall doppelt 
(isdehnt) war, Musste ein solches dd aus }d im auslaut ver- 
lören gehn? Ich kenne nur ein beispiel, das dafür sprechen 
küDute, das adj. tee te (plur* fem, tSit) *heis8\ das man mit 
recht, sei ea dem lat tepent- aus tepBit-j sei es dem altind, 
tapant- gleichsetzt. Sein neutraler nominativ lautet gleich dem 
g^escblechtigen : lind tee (gl feruor) Prise. Leid. 65 a, nicht 
'tert *teat* Aber als vollgültiges zeugniss kann man es nicht 
uneben , da bei allen andern adjectiven die drei gesclilechter 
m altiriscben nom* sg, gleich lauteten, eine ausgleichung also 
JM^hr nahe lag. Ilim steht ein, wie mir scheint, viel ge- 
widitigerer zeuge gegenüber, die conjuncte DI. plur. alt -tegöt^ 
i^ler -tiagat -berat Der ansieht Windischs (Paul-Braune 
Beitr. IV211 f), diese formen seien mit der activen secundär- 
endttug *nt gebildet, ist zwar Zimmer in seinem aufsatz über 
da* italokeltische passivum (Zs. 30, 224) mit einer erklärung 
*^ dem medialen -nto entgegengetreten, der Brugmann 
(önindr. n § 1024, P p. 235) den vorzug giebt. Was für 



116 B- ThnmejBai, 

sie sprechen soll, kann ich aber nicht herausfinden. Die füni 
andern personen haben ausgesprochen active endongen und 
zwar, mit ausnähme der I. sg., secundärendungen: -biur, -Ur 
'beir, -berain, -berid aus *biru *bherö, *birih *bhereSf *herd 
*bheret, *bei'omo[, *ber^ *bherete; wie sonderbar, dass ii 
der in. plur. plötzlich *bheronto Ar ^bheront eintreten soll 
Zimmer sucht es dadurch zu vermitteln, dass zunächst di< 
activen und medialen formen mit primärendungen *liheranh 
und *bher<mtai zusammengefallen seien. Das hätte aber ersi 
verhältnissmässig sehr spät geschehen können, nachdem -oi 
zu -i geworden und dieses weiter zu -l verkürzt war. Es 
hängt diese erklärung eben mit Zimmers ansieht von dei 
späten entstehung des irischen deponens ans dem activ heraus 
zusammen. Wer sie nicht theilt, fOr den giebt es gar keine 
möglichkeit, in so später zeit nachkommen der medialen 
formen auf -ntai ohne r anzusetzen. Femer ist Zimmers her- 
leitung wohl auch für die ausgeschlossen, die Stokes' erkl&mng 
der ni. sg. des imperfectums -bered aus -bhereto beistimmen 
(EB. Vn 6), einer erklärung, die mir darum wahrscheinldi 
scheint, weil die deponentialen verben dieselbe form bilden. 
Dass *bhereto imperfect, *b}ieronto praesens geworden, wflrdc 
man doch nicht annehmen wollen. Mit der lenierung, die in 
älterer zeit nur hinter formen der copula erscheint, ist, wie 
schon Windisch bemerkt, nichts anzufangen; sie tritt in den 
Würzburger glossen hinter dem eonjunctiv auf: ni bat cfcu- 
trummi 9d 27, fehlt aber hinter dem indicativ: ni tat cosmUi 
32 d 14.^) Auf den ursprünglichen auslaut erlaubt sie dahei 
keinen schluss. 

Wenn so alles andere für eine active HI. plur. auf -ni 
spricht, verlangt vielleicht die dunkle färbung des irischen 
auslauts {-berat -carat -rimet) eine endung mit dunklem vocali 
Die frage ist nicht leicht zu beantworten, da, abgesehen voi 
unsem fallen, nicht viele beispiele mit erhaltenem schluss- 
consonant, besonders doppelconsonanz bei klarer grundfom 
vorhanden sind. Auslautendes -r nach ursprünglich langen 
i, ü, a nimmt die färbung des vorhergehenden vocals an 
athir bräthair aus -fr ('^), sitir midiur aus -ür (-ör), con 
juncüv dep. labrar aus *labarar. Doppeltes r zeigt dnnkli 



Pedersen, Zs. 35, S2ö. 



Zorn keltiBchen rerbmn. 



117 



Irbung nach d: m. sg. conj. -orr -essarr. Als beispiel für 
steUxiDg nach hellem vocal kenne ich nnr conjunctiv und 
fatnmm von fa ceird *wirft, setzt-; die III* Bg. zeigt in den 
glosaen zweimal dunkeln ausgang: fo dcherr MI. 87 d 6, Ims 
d9 n-aithfoeherr 34 d 8 (fo ceirr Wb. 13 c 24 ist 11. sg.)* 
VoDlg: sicher lässt sich allerdings nicht bestimmen, ob nr- 
Bpranglich alle auslautenden doppelconsonanten auch nach 
heUea vocalen dunkel waren* 

Hieraus ergiebt sich wenigstens, dass -Ugot -Hagat aus 
*4^mt, 'Carat aus **kar&nt zweifellos regelrecht sind; -nmet 
aos ^-nmlnt (vgl altkymr. scamnhegint) kann ebenfalls regel- 
mässig entwickelt sein; doch ist das weniger sicher. Übrigens 
wllrde die annähme keine Schwierigkeit machen, dass sich 
diese eine verbalklasse in der färbnng des endconsonanten 
nach den beiden andern gerichtet hätte. 

Die Untersuchung der III, plur, hat also gezeigt, dass in 
den i-praeterita -ei ^-bü (-sat) sehr wohl der alte auslaut 
bewahrt sein kann. Auch hier ist die dunkle färbung selbst- 
refständüch bei formen wie -gart -alt und allen auf -chtf da 
diese lautgruppe in der regel überhaupt keine palatalisierung 
iimitnmt (Zs, 26, 311). Sie wird auch regelmässig sein in 
formen wie 'bert -celt -et; doch könnte hier allenfalls ein 
ao^leich mit den andern stattgefunden haben. Das oben 
anifefahrte gilt natürhcb auch fTir kymr. cymerth gitant^ 
indem aoch für diese spräche keine beispiele vorliegen, die 
den Schwund einer solchen endung (rtj nt) bewiesen* Gerade 
der zusammenfall der absoluten LH, plur* anf -nti mit der 
oonJEncten auf -nt wird ein hanptgrund gewesen sein, dass auch 
im britannischen Singular, der in der dritten person beide 
fleiionsarten in ältester zeit noch scheidet, dieser flexions- 
nnterschied später ganz aufgegeben wurde. 

Die L sg. des irischen ^praeteritums zeigt n-färbnng, die 
zweite i-farbnng: 'Comurt 'Cömairt zur III, sg. -comart Die 
eadung war also, wie im conjuncten praes. ind., in I. -u aus 
'ö, In XL -es, Dass diese fleiion alt ist, zeigt altkyrar. I. sg. 
mnt aiiB *cantt *€antü. Ebenso flectiert das s-praeteritum : 
t -rnnis -mm zur IQ, sg. -car {*-harast}. Das -ö im prae- 
toittnn erklärt sich wahrscheinlich daraus, dass im conjuncten 
praes, ind. und im nnthematisehen (5-)conjunctiv sich -ö frtlh 



118 B. TbomeyBen, 

mit der secnndärendung -es verschwistert hatte, so dass es 
dann auch in andere tempora Übertragen wurde, deren 
n. sg. auf '68 ausging. Das s-praeteritum lässt wohl auch 
verstehen, wie das t der HI. sg. in die übrigen personen ein- 
dringen konnte. Nimmt man an, dass auslautendes -st im 
Inselkeltischen frtth zu -ss oder zu -s geworden war, so 
flectierte, je nachdem das ^-praeteritum damals schon mit 88 
oder noch mit einfachem s gebildet wurde, dessen Singular: 
'TcarassU -karasses (oder -is) -Tcarass oder -hardsu 'ka,ra8e8 
-karas] die form der m. sg. erschien also gewissermassen 
als stamm der übrigen personen. So konnte nun auch zu 
einer III. sg. bert eine I. und n. *bertü *berte8 (-is) gebildet 
werden, zumal wenn die alte 11. sg. *bers oder mit ein- 
geführtem thematischen vocal *bere8 undeutliche praeterital- 
formen ergeben hatte. Weshalb man dagegen bei einer endung 
'to nur als personalendung der m. sg. gefühlt haben sollte, 
ist nicht einzusehen. Dass sich im plural das f-praeteritum 
vom s-praeteritum trennt, indem es formen mit r bildet, mag 
vielleicht auf der einsilbigkeit der stamme beruhen , die den 
anschluss an perfecta wie -räth -gdd etc. an die band gab. 

Die absolute form, die wohl nur in der HI. sg. belegt ist^ 
zeigt in ältester zeit palatale färbung: birt LA Tir. 15. Da 
diese jedoch bei der ganzen gruppe auf -cht nicht hervor- 
ti*eten kann (anacht Colm. Hy. 22 u. ö.), so ist später auch 
bei andern die absolute form aufgegeben worden: bert LL. 
97 b, 17 u. ö. Sie ist jedenfalls gleich zu erklären wie die 
entsprechende form des 8-praeteritums : carais. Und da hier 
die ni. plur. carsit auf die primärendung -nti weist, scheint 
auch der Singular carais auf *kara8ti und birt auf *berti 
zurückzuführen zu sein, obschon gall. legasit in der inschrift 
von Bourges eine andere erklärung der palatalen färbong 
näher legen würde. 

Sind nun -bert -ceU -et -acht alte wurzelaoriste, oder ge- 
hören sie der sigmatischen bildung an? Zimmer hat -bert ans 
*bers'to, -anacht aus *a7iek8'to erklärt im unterschied vom 8- 
conjunctiv -ain aus ^aneks-t Sobald man die mediale herkonft 
aufgiebt, fällt natürlich diese möglichkeit weg. Aber auch 
was Zimmer sonst dafür vorbringt, ist nicht stichhaltig* Daas 
aus *em'8'to ir. et entstehen könnte, ist mehr als zweifelhaft. 



Znm kclMechen ?erbiun. 



119 



Angeblich sollen aber die i-praeterita besondei-s eng mit s- 
cflsjuüctiven verknüpft und darum gleiche biidung wahrscheinlich 
sein. So viel ist richtig, dass die praeterita auf -cht s-coo- 
pctive neben sich haben (Zimmer p. 206), weü das über- 
kupt die gewöhnliche conjunctivhUdiing starker ^r-verba ist 
Aber das umgekehrte ist keineswegs der fall; es giebt auch 
.^-cotijnncüve 211 ^g- wurzeln ^ die andere praeterita bilden, 
i,k fo Inhfg 'erträgt' conjunctiv I. sg. fo los perf, fo eoemullag^ 
wtt fig ^bindet' conj. con rim perf. con arraig. Ein besonders 
engeff Zusammenhang zwischen beiden formationen besteht also 
nicht. Von den verben auf liqtiidae nnd nasale bildet sogar 
kein einziges einen Ä-conjunctiv: -bert conj. -bera^ -gart -gara^ 
-reß 'Celüf 'St -ema u. s- w. 

Mithin ist nicht daran zu zweifeln, dass -hert -ceü -et 
-ücht etc. nachkommen des alten activen wui^elaorists sind, 
wie ind. d-kar avest, <^or^L Das wird weiter durch ein 
ferbiim bestätigt^ das mir längst meine frühere erklarung der 
fo^losen formen verdächtig gemacht hatte, da die bÜdung ohne 
ro mch nicht aus der mit ro deuten lässt. Es ist das häufige 
nairatlv do cer ^er fiel' neben dem perf. do rochair *ist gefallen'. 
Die form steht fast ganz isoliert unter den praeterita. Zum 
alten perfect kann sie nicht gehören, da dieses in der III. sg. 
durchweg palatale schlussconsonanz zeigt, die hier aber nur 
m der r o-bildung auftritt. Das praesens wird durch eine andere 
Wurzel {4nM Tallt') vertreten. Veimuthlich sind ara chrinim 
'«erfaUe, verwittere' III. sg. ara chrin perf. ara ruichiuir Ml. 
136a 8, das subst. irchre *zerfair und das adj. crin 'verwittert, 
Ittrr* verwandt. 

In der flexion stehn do cer die praesentien mit suffli 
B- nahe, z. b* -tmn -eren aus "^'binat *-krinut (Zs. 31, 84 ff). 
P^mnach haben wir -ter auf "^-kerat zurückzuführen; d, h. es 
tet der wnrzelaorist einer zweisilbigen wurzel *kera-f wohl 
hm ind. aSarit 'zerbrach, zermalmte' (praes, ^^näti) gleich- 
ztiBetzen, nur mit intransitiver bedeutung. Die ro-bildung 
teigt biiiweOen noch entsprechende formen, z. b. an tia torehar 
K. 34 c 14; gewöhnlich hat sie sich aber, wie oben bemerkt, 
dm alten perfect in der endung angeschlossen (do rochair). 
D^rplural lautet da rocbratar ML 36 d 13, 91c 18, -torchartar 
La Tir. 12, -torchratar Ml* 48 c 28 etc. Das ady, crifif viel- 



120 J Pranck, 

leicht auch das praes. -criniin dflrften von einer andenn basis 
(krB') ausgehn. 

Von gleicher flexion erscheint sonst nur noch das prae- 
teritnm at bath 'starbt plor. (xt bathatar. Schon oben p. 112 
wnrde bemerkt, dass es weder zur wnrzel bas' 'sterben'^) 
noch zu at bail, conj. at bela, perf. at rubaU gehOren kann. 
Der stamm erscheint noch im snbst. bath 'tod' (Stokes, On the 
metrical glossaries p. 44), wovon bathach 'moribnndns' Sg. 
ö9a 14, wohl anch in aptu (gl. exitinm) Ml. 74 c 11, accns. 
apthin Wb. 32 c 16. Zimmer (Zs. 30, 148) hat at bath ans der 
prototonierten form -apad nnd anf diesem nmweg ans drai 
praeteritum passivi -bith zn bmim 'schlage* hergeleitet Doch 
ist diese erklärung fttr ein so häufiges nnd so altbezeugtes wcnrt 
zu künstlich. Sicher scheint der Zusammenhang mit kymr. bad 
'pest', möglich der mit ags. beadu aisl. bgd 'kämpf, schlacfat' 
(ahd. Batti' Patu-) und mit lat. batiiere, wenn dieses ein 
gallisches lehnwort ist. Dass wir in diesem praeteritum 
gleichfalls einen alten wurzelaorist vor uns haben, ist aber 
nicht nothwendig anzunehmen; es kann sich sehr wohl nach 
dem bedeutungsverwandten do cer gerichtet haben. 

Freiburg i. B., februar 1900. 

Rudolf Thurneysen. 



Mittelniederländisch mSre^ lateinisch murus. 

Mnl. mere bedeutet 'grenzzeichen, grenze', z. b. Rose 9022 
ende deelden tlant in allen sinnen ende selten pale ende sekere 
mere. Der reim zu sere, und der ähnliche an anderen stellen 
sprechen mit Wahrscheinlichkeit flu* langes e, desgleichen die 
häufige Schreibung mit ee. In den Eeuren ist oft die rede 
von pale(n) of meere(n) (palen ende meeren) tmtdoen oder 
selten (beispiele Mnl. Wdb. 4, 1291 und Stallaert, Glossarium 
2, 197). Kiliaen stellt meer, meere gleich mit pael ('terminns, 
meta; limes'); pael hat im Nl. neben der allgemeineren anch 
die spezielle bedeutung 'grenzpfahl, grenze^ franz. bome. 



*) Yielleicht verdankt es dieser das längezeichen, das vereinzelt (Lü. 
16 a 21, LL. 252 a 50) in (d bdth, ai bdthatar vorkommt. 



lüttelBiederländisch m^e^ lateiniscli murus. 



121 



Das Glossarium bernense hat meer yel wech j^Umes", was der 
herausgebet aufklärt mit einer stelle aus dem Teuthonista 
0^ toepat, off tmrswechf okk eyns yglicken heymoitj off 
hmtscap^ dat heyten syne limites off ondBTschetjäyngB der 
ackmmi (s. Teuth. heransgegeben von Verdam 401 unter 
ioepat). Der Teuth. hat auch bei weck u, a* die bedeutung 
*Mmes\ Ausserdem bedeutet meere aber auch einen 'pfähl 
um etwas daran festzubinden'; van eenen grendele ende twse 
b0if€fiy daer een dul man mei ghehonden was an de meere; 
an duer anderen stelle steht als vergleich vaster dan een 
meer (s* Mnl. Wdb. aao,). Eine besondere bedeutung ist 
*pfahl um schiffe daran festzulegen^ in der ich belege aller* 
dings nur fiir das compositum meerpael kenne* Dies giebt 
KB. mit der Übersetzung ^tonsilla: palus, qui navis reli- 
gandae causa in Utore figitur^ ; in einem beleg aus den Hand- 
lf«rten von Vlaar dingen findet sich maerpalen slaen. Da meere 
selbst ppfahF bedeutet, ist es deutlich, dass das compositum 
nur eine Verdeutlichung oder auffrischuug des einfachen 
Wortes ist unter dem einfluss des im folgenden zn besprechen- 
den verbnms meeren, das selbst wieder für mere *pfahl zum 
Äiüegen der schiffe' zeugt. Leider lässt sich aus den belegen 
gMQS und form des substantivums nicht sicher feststellen. 
Ell! fem. mere ist wahrscheinlich. Dazu ist ein plural mere 
mckt unmöglich. Er wäre indessen — neben meren ^ 
immerhin ungewöhnlich, so dass vielleicht noch eine andere 
form des Substantivs vorausgesetzt werden muss. Am ersten 
wto dann an ein masc. mer zu denken. 

Zweifellos gehört das uL wort aufs engste zu ags. gemme^ 
fMgre neutr., als sg. und plur, gebraucht für ^grenze, gebiet', 
tti£h in composiüs wie mwrweg *grenzweg' vorkommend; 
dazu fore-mwra 'der ausserhalb der grenzen lebt* ; engl, m^e 
"rain, grenze, grenzstein' {to mere ^begrenzen, grenzen ziehen'). 
Im An. ist dasselbe jö- neutr. nur im compos. landa-mfiri ^grenz- 
laad, l&ndesgrenze' bezeugt. Die Wörter vereinigen sich aber nur 
in einer form mit ai als wurzelvocaJ. Völlig identisch mit dem 
^.-an. neutr* mairio- ist das nl. wort wohl nicht, sondern auf 
gnmd der form und der bedeutung ist wahrscheinlich wenigstens 
d&neben eine einfachere bildung vorauszusetzen. Obwohl in 
ä«r bedeutungsentmcklung van marke bis zu einem gewissen 
ptde eine analogie dafür gefunden werden könnte, halte ich 



122 J- Fnmck, 

es nicht f&r wahrscheinlich, dass sich aus einem abstracto 
begriff 'grenze', oder aus einem begriff wie 'grenzlinie* die 
bedeutung 'grenzpfahr und dann 'pfähl Oberhaupt' entwickelt 
haben sollte. Vielmehr ist die bedeutung 'pfähl' gewiss die 
ursprünglichere, und von dem betreffenden wort ist mairio», 
ga-mairi(h eine ableitung mit der bedeutung 'yerpfählong, 
pfahlwerk, grenze'. Das einfachere germ. wort — f&r ein 
solches, ohne jo-ableitung, werden weiter unten auch formal 
des yerbums zeugen — - entspricht aber in der form genau 
dem lat. münis aus moiros 'wall, mauer'. Auf die Verwandt- 
schaft habe ich bereits in meinem Etym. Wtb. aufinerksam 
gemacht. Leider scheinen die thatsachen es nicht zu ennSg- 
lichen, das Verhältnis zwischen dem lat und dem germ. wort 
genauer zu bestimmen. War idg. moiros activ oder passiv, 
'zur befestigung dienend' oder 'befestigt'? Bei der genauen 
ftbereinstimmung in der form ist der gedanke nicht abzu- 
weisen, dass nmrus auch einmal 'pfähl' oder doch 'pfahlweik' 
bedeutet habe; vgl. vaUtis 'pfähl' : vaüum 'wall'. JedenfkSa 
kommt die bedeutung 'pfähl' in der idg. sippe, zu der murt$8 
gehört, häufig vor: vgl. neben skr. minoti 'befestigt, gründet, 
errichtet, baut', lat. munire, moenia skr. mit f. 'säule, pfosten*, 
methi^ m. 'pfeiler, pfosten', lett. mets 'pfähl' {metf maidüt 
'bepfählen') , maide 'stange', maiVi 'zaunstecken*, lit mitas 
'pfähl' (Leskien, Abi. d. Wurzelsilben im Lit. 278), an. meidr 
'balken, bäum'; sind auch ir. methos 'grenzmark' (Fick^ 
2, 205) und lat. msta (aus *m^M.^ 'spitzsäule, grenze' dazu 
zu stellen? 

Von dem subst. ist im Germ, ein schw. vb. abgeleitet, 
das in zwei formen anzusetzen sein dürfte, *mairjan und 
*mair6n (vgl. wegen solcher doppelbildungen , fftr die es 
leider an ausreichenden Zusammenstellungen noch fehlt, 
Gr. Gr. 1*, 878; Wilmanns D. Gr. 2, 65 anm. und 67 anm.) 
Im Ml. haben wir meren 'grenzpfähle setzen, die grenze be- 
stimmen', nebst einem masc. meerre und fem. meeringhe. 
Der meerre (meerer, meerder) ist eine amtsperson, der mark- 
scheider, er f scheider, der auch paelre oder paelmeester ge- 
nannt wird (beispiele bei Verd. und Stallaert). Auf die 
Schreibungen meerreti und merren brauchen wir weiter kein 
gewicht zu legen. Sie begegnen bei Kil.: meerren, merren 
'constituere limites, ponere metas', die erstere auch im Trierer 



rnttelniederläßdisch mfiref lateinisch murus. 



123 



gloss. (Hör. Belgicae 7), gehören aber gewiss nicht der 
iebendigeE spräche an. Meerren könnte von dem genannten 
masc, meetre heeiiiflusst sein* Wahrscheinlich beruhen aber 
die schreibongen nur auf volksetyniologischer oder gar schul- 
meisterlicher Vermischung mit meerrefij merren neben mere7i 
*TergTössernV Auch das vb- merren (aus marzjmi) hat Kil- 
in den formen me&rrmij werreti, marm, marrmi^ und selbst für 
mere ^ märe *nachrichf verzeichnet Verdam die Schreibung 
meerre. Es kommen wirkliche berührungen zwischen meren 
tmd merren in der bedeutung hinzu, die sich aus dem folgen- 
den ergeben, stellenweise auch lautliche berühnmg^ indem 
mmren mundartlich zu meren werden kann, 

Meret} bedeutet andererseits *an einen pfähl binden^ dann 
lesthinden überhaupt'. Ohinde7' (in der hölle) wert hi (der 
b5se) ghebonden ende ghefneert Wap. Mart 1, 192; wie heeß 
ien dorper daer ghemeert int dal dner die duvel teert (in 
der hölle)? Kerk. Claghe 176 (im reim zu i)\ auch tiber- 
trapn 'heften an, verbinden, gesellen', zb. an die godheit 
jßimeert; weitere beispiele s. bei Verdam. Die gewöhnliche 
aiiwendung des verbuma ist aber 'ein schiff (am land) fest- 
legen, mit einem tau an einem pfähl, aber auch an einem 
ring, einem haken, einem anker\ wofür das Mnl . Wtb. sehr 
viele beispiele giebt, Keins derselben giebt uns anlass statt 
mermi vielmehr m^en aus früherem mB'en anzunehmen, und 
kl habe darum entschieden unrecht gehabt, mich durch ein 
angebliches mhd. mern in meinem Etym. Wdb. verleiten zu 
lisseni für das auch im Nnl. noch bestehende zeitwort meren 
%Bßn schip) voor en achter vastleggen in de haven aan palen 
eti dukdalven' ein *marjan anzusetzen. Das nnl, wort sollte 
iif antlich meeren geschrieben werden ^ und das entsprechende 
fnkm ist auch statt mfsrn an einigen der in den mhd. wthb* 
besprochenen stellen an2unehmen* Wenn das Schweiz. Idiot. 
4,353 an-märre *ein schiff anbinden' auffuhrt, so darf uns 
i^ den übrigen Zeugnissen gegenüber nicht beirren. Man 
teante an merren (s, unten) anknüpfen, doch ist anmermi 
mdi ffir das Elsass bezeugt (s. Müller -Zamcke und DWB, 
5, 1893). Eine im Nl. öfter vorkommende nebenfonn maren 
irt all fries. anzusehen mit ä aus ai , wozu auch die belege 
wii hol), texten, den Handvesten von Viaardingen, den fries. 
8*adtrecht4än, stimmen, KU. bezeichnet ma/rren, maren 'Mgarej 



124 J- Fnmek, 

alligare^ ausdrücklich als 'holl.-friesisch\^) Das fehlen des 
Umlauts spricht für eine grundform *mair6n oder wenigstens 
fBr eine j-lose form mairo- des Substantivs. Das fries. & ist 
weiter zu 6 geworden, und mit diesem vocal ist der Schiffer 
ausdruck ins Deutsche (vermooren) und Engl. Ubei^egangen: 
engl, to moor 'ein schiff vertäuen, sich vertäuen, vor anker 
liegen' muss entweder bereits etwa im 15 jh., vor flbergang 
des engl. 6 zu u, entlehnt, oder schon mit u aus o von den 
fries. inseln gekommen sein; vgl. Siebs in Pauls Grdr.* 1, 
1228 f. Das Ags. hatte übrigens das entsprechende wort selbst 
besessen, wie die ableitung maerels, mards m. und mdbretsrif 
^nis quo navis religatur ad palum' beweist (vgl. Kluge, 
Stammbildung § 98). Wahrscheinlich gewährt auch das Afr. 
noch ein zugehöriges wort in dem gereimten privüeg Karls 
d. Gr. einer Hunsingoer Küre von 1252 (Eichthofen 352, 30) 
hia bandma dUa sere müh ene sterka mere. In der späten 
lat fibersetzung heisst es quos funüms connexos u. s. w. Bicht- 
hofen will das wort zu meria 'hemmen, hindern' (germ. marg- 
Jan) stellen, aber es gehört gewiss eher zu fries. maria (oder 
*m€raf) 'binden, fesseln', woraus es eine jüngere folgemng 
ist nach art der jo-neutra wie hend 'fessel' (vgl. v. Holten, 
Altostfr. Gr. § 160) oder der feminina wie heUe 'fessd' 
(v. Holten § 195 anm. 2), das ausser als fem. auch als neutr. 
gebraucht wird. Damach hätte man also auch die wähl, die 
Essener glosse '(labentisvite) retinacula' gimerüha (Steinm.-Siev. 
4, 291; Gall^e, As. Sprachdenkmäler s. 39) als gimerüha 
oder als gimerrüha aufzufassen.*) 

Behaghel hat durch eine sehr schöne and überzeugende coigectnT 
das compositom die skep ontmaren in den text der Eneide gebncht, tb. 
2240. Es würde zu Troidren reimen, das bei Veldeke auch TraUrm lautm 
konnte (vgl. Kern, Limburgsche sennoenen. Inleid. § 25 und Anz. der Ztachr, 
f. d. Altert XXVI 2. heffc gegen Kraus, die Sprache Veldekes, s. 120 anm. 2). 
Damit verknüpft sich eine andere frage über Veldekes spräche. Unmöglich darf 
man es wohl nicht nennen, dass sich der schifierterminus in der fries. form 
auch nach Veldekes seite und zwar so früh schon verbreitet haben könnte. 
Aber es scheint mir doch sicherer anzunehmen, dass V. ontmeren : Troiiran 
gereimt habe, wenn dies in der En. auch der einzige fall der offenbar nicht 
ganz reinen bindung von ^ aas ai mit i, umlaut des <£, ist, die der dichter 
im Servatius noch öfter zugelassen hatte. 

>) Ich frage ob afr. mar m. 'graben', das van Holten, zur Lexikologie 
des Altwestfr. (aus Yerhandelingen der Amsterd. Akad. 1896) s. 88 J0trt 
wenig wahrscheinlich aaf *inawr zurückfahren will , etwa auf germ. ^maimh 



IfittelidederläEidlgch mirCf latemiBcli murui. 



125 



In seiiiem Teuthonista gebraucht Gerh* v* d, Schuren 
statt dieses nl, meren vielmehr merrerif marren* An einen 
fehler ist nicht zu denken, denn es wiederholt sich dreimal: 
las schiff mmreHf ausserdem neben marren *zögern, warten' 
und marren *hindern^ marre^i als synom, von hechten : hechten^ 
m&rrefit vesten, toeven *firmarej sistere, Stabilire' etc. in B 
lyneleia, während er müren 'binden* nicht hat Ein solches 
narre« fBr meren 'binden' ist auch hier und da in späteren 
texten sonst einmal bezeugli. Wir dürfen dabei wohl an 
snbBtitution eines Wortes für ein anderes lautähnliches denken, 
ümsomehr, als merreti und meren sich auch sonst in der 
bedentung genähert hatten. Es wäre nicht zu verwundern, 
weua in einem lande, wo die schiflffahrt durchaus die ge- 
wöhnliche art jedes Verkehrs ist, mereti 'das schiff festlegen' 
ilie bedeutung 'sich an einem orte aufhalten' und dann auch 
allgemeiner *sich aufhalten, verzögern* angenommen hätte, 
um m einem synonym von merren geworden wäre. Ich 
glaube, wir müssen diese entwickelung wirklich annehmen 
auf gmnd dessen, was Verdam 4, 1447 beibringt, VgL auch 
Kil. neben meerren (wegen dieser schi'eibung s. oben), merretit 
marmf marren 'remorari, retardare* auch marreti, maretit 
mmmi 'tardare, retardare, morari, remorari, moram trahere, 
eispectare, manere'. Bei dieser frage ist allerdings zu be- 
uchten, was wir oben über die gegenseitige beeinflussung ver- 
icbiedener Wörter in ihrer Schreibung gesagt haben, sowie 
der stellenweise mögliche lautliche Übergang von merren, 
mmren^ sju meren ^ maren; so im Fries, (Siebs in Pauls Grdr,* 
1^ 759), im Nd. (mnd. veer 'fem', doren 'wagen', dore 'dürr', 
mworen n. s. w.) und im Limburg. (Kern aao. § 16). So 
steht in der hs. von Velthems Merlijn 12372 sander meren, 
30544 müder mwren gewiss lautlich für merren, mmreHj wo 
übrigeps Vetth, selbst wohl sonder sjmren geschrieben hatte. 
Aber mit blosser, auf lautälinlichkeit beruhender, Substitution 



tt d«r «bg^leitetoD b^deutimg 'grstis^e' bemhi Baas in FrieBlarid ein solches 
»Ost die bedeüt. 'Wassergraben' annehmen koimtet wäre ohüe weiteroB ver- 
ittodÜelt In den st^Uen, die Richthofen ftir mar nnd die eompQäita hain- 
'•^ör, hofmar^ th&rptmar anfahrt, könnte man ganz wohl noch die be- 
"•itof 'fremgiiiben, g-renze' erkennen. Molema, Wtb. der Groning. mda. 
vt Büir dem entspr. moai* 'aeitenkanal eines hauptkanala' nordfriee. mar 
*^ IHDucheiding' ak identisch aa. 



126 J* Franck, 

haben wir es doch nicht zu thun. Denn schon die Santener 
glossen des IX. jhs. bezeugen uns nierren 'mit dem schiff 
anlanden' : applicuerunt stetidun, märtun (Steinmeyer-SieTen 
I 723, 18; vgl dazu 808, 47 adplicuemnt zuo8tediäufi)\ dazu 
die glosse marstekko ^tonsilla, uncinus ad quem in littore 
defizum funes nayium alligantur' (Qraff 6, 629; Steinmeyer- 
Sievers m 164, 58 ff.; 217, 37; vgl. 369, 60 tonsü marsUfy 
Merren scheint also von der bedeutung 'aufhalten (das schiff)* 
oder von 'sich aufhalten, halten bleiben' die bedeutung ^ans 
land legen, anlanden' entwickelt zu haben. Die annähme, dass 
es jemals allgemeiner 'binden, festbinden' bedeutet habe, die 
durch die parallele von marsteccho mit meerpad nahe gelegt 
wird, ist wohl abzuweisen. Vielleicht ist merren in den 
speziellen sinn landen' auch ausserhalb des NL unter dem 
einfluss von nl. meren (oder auch der holl.-Mes. form maren) 
geraten. Ob der in einer der glossenhss. ttberlieferten iSnge- 
bezeichnung auf märsteke irgend eine bedeutung beizumessen 
ist, weiss ich nicht. Jedesfalls aber können die zuletzt be- 
sprochenen formen das sonst genttgend bezeugte mer- ans 
mair- nicht widerlegen.^) 

Grosse Schwierigkeit bereitet die lautform des bei Otfirit 
einmal bezeugten miaren^ mieren: 5, 25, If. 

Selben kristes stiuru ioh ätnera ginadu 
bin nu zi thitc gifierit zi stade hiar gimierit. 

Es folgen weitere bilder aus der Schiffahrt, und ttber die 
bedeutung des wortes 'landen' kann kein zweifei obwalten. 
Trotzdem es in zwei hss. übereinstimmend bezeugt ist, habe 
ich mich Zs. f. d. Altert. 40, 54 Holthausen angeschlossen, 
der es im Anz. der genannten Zs. 17, 186 als fehler fBr 
gimerrit erklärt. An dies vb. wird man der bedeutung und 
construction wegen zuerst denken. Aber auch gimerit k&me 
in frage, und für den reim gifiarit : gimerit wären eher 
parallelen beizubringen. Es ist natürlich leicht neben mair- 
eine ablautsbildung *meir zu construieren und daraus ahd. 
miar- herzuleiten. Doch wird man auf den einzigen beleg 



1) Fr. amarrerf sp. amarrar lassen znnfichst, wie es auch gewöhnlich 
anfgefasst wird, an marren denken. Aber sachliche erwägongen sprecheii 
viel mehr f&r das holl.-Me6. mären , nnd die schreibang des erst jung 
bezengton wortes (im 16 jh.) spricht nicht gegen diese etymologie (ygl 
Diez. Gr.» 1, 498 f.). 



BGtielniederllndisch mire^ liteiniedi mMrm. 



127 



die hypathese bauen dürfeu, dass im germ. sabst. dieser ab- 
küt neben ai erhalten gewesen und anch in das abgeleitete 
?b. iibergegaügen sei^ zumal nachdem die form meren für 
das letztere, in späterer zeit wenigstens, auch am Oberrhein 
aichgewiesen ist? Ohne die sache entscheiden zu wollen, 
bin ich doch eher geneigt, bei der annähme eines fehlers der 
flberheferung zu bleiben. Da übrigens der terminus auch in 
früher zeit schon durch Wanderung sich verbreitet haben 
küimtej wird man vielleicht auch versuchen, daraus den auf- 
Menden vocal zu erklären, indem man annimmt^ das e aus 
Ol sei irgendwie auf der Wanderung mit germ. e* zusammen- 
geü^offen. 

Hat also auch ahd. «lerren gleichfalls ^anlanden' bedeutet, 
M war es doch ein Irrtum, der teilweise durch mich selbst ver- 
schuldet ist, das vb. auch für die bedeutung 'binden' in an- 
spmch zü nehmen* Ebenso spricht keiner der mhd. belege, 
soweit die letztere bedeutung in betracht kommt, und soweit 
icli sehe, für einen inf, merren, mit ausnähme vielleicht von 
Lüieneron Hist. Volksl no. 93 (treffen bei Hembach) vs* 62 
ier netiftt der kam aiiSB Hessenland ^ der fand die schaf imd 
nari $ie ein, er meint er woU sie haben geschantf er fud ir 
noch keitis abgetan. Hart könnte man zu merren aber auch 
m merwen (worüber gleich) stellen; im ersteren fall wäre 
toikl Übertragung von ^das schiff festlegen, festbinden^ an- 
zunehmen. Aber auch an m&H äu mere^i (wie karte : kerm) 
ittrfte man denken. Das angebliche vb. mern haben wii^ 
sckon vorher glücklich beseitigt* Dagegen bleibt allerdings 
m anderes anklingendes wort sicher bestehn, das eben ge- 
lumte fnerwen ans *ma7ru{ja}h Es wirdj von der übertragenen 
Menlung eU^h ze gotes schar ^ ee di^r helle merwen abgesehen, 
W gebraucht in Verbindung mit in das jorh^ an den pftiigr 
also fir 'anspannen'. Das in gleicher bedeutung begegnende 
«am ist als entwicklung aus der gleichen grundform anzu- 
seliQ, indem das w unter irgend welchen bedingungen schwand, 
wie m garo adv* statt *ganm^ mhd, var neben varwe^ schweize- 
rilch miren *mürbe werden'. Vgl. Schweiz, idiot. 4, 429 und 
369 merwen *da9 vieh (zum ackern) einspannen'j ^ch ver- 
^rwm^ misamen menoett 'sich zusammenrotten', mit enand 
§mäfhe oder (g)mare - gmärhen oder gmaren sein, d. h, 
Meh und fuhrwerk gegenseitig und gemeinsam brauchen, be- 



128 J. Franck, 

sonders zom pflftgen'. Da die bedeutang von marwjan also, 
von der zweifelhaften stelle bei Liliencion abgesehn, eine ganz 
spezielle 'anschirren, anjochen' oder noch spezieller *an den 
pflüg anspannen^ ist, so liegt gar kein anlass vor zu einem 
versuch, das wort entweder mit marwo- 'mfirbe' (vgL mürbe 
im sinn von 'willf&hrig'), oder mit einem der bisher be- 
sprochenen Wörter oder sonst einem werte von dem begriff 
'hemmen' zu verbinden. 

Für die früher von mir befürwortete empfehlung eines 
germ., mit lat. mara urverwanten, *fnarjan mit den begriffon 
'hemmen, festlegen, festbinden' fehlen nach genauerer Unter- 
suchung also die tatsächlichen unterlagen. Nach Graff 2, 830 
würden zwei der ältesten glossen marunka, marunga Impedi- 
mentum' bieten. Aber in Ba steht nach Steinm.-Siev. 1, 222, 13 
marrunga, und auf das einzige marunka ist bei den nicht 
seltenen vorkommenden Schreibungen von einfachem statt 
doppeltem consonanten (vgl. auch Eögel, Eer. gl. s. 135; 133) 
weiter kein gewicht zu legen. Damit lasse ich auch die in 
diesen Zusammenhang gestellte etymologie von germ. maro 
m. maro fem., an. mara, ags. mara, ahd. mara 'alp, mahre' 
fallen, wie sehr auch das deutliche nomen agentis zur an- 
knttpfung an ein wort für 'hemmen, stocken' reizt Soweit 
wir sehn, ist das germ. wort immer die personification des 
aipdrucks gewesen, und gegen die Voraussetzung, dass man 
diesen in den frühesten zeiten als eine hemmung, Stockung 
erkannt habe, wäre gewiss nichts einzuwenden. Man brauchte 
dazu nicht einmal so physiologisch gebildet zu sein wie das 
mittelalter, wo Gervasius von Tilbury das auftreten der mahre 
aus den schweren träumen erklärt, die den menschen infolge 
der blutstockung befallen (Pauls Grdr.^, 3, 267) oder ein 
glossar von 1482 erklärt mare ist ein trugnusse des menschen 
und kumpt van seinem plut, lehem und lungen, wen im dag 
auf seinem herzen ligt. Eine befriedigende etymologie von mahr 
nebst asl. mora 'hexe', nslov. mora 'hexe, alp', kroat mora 'hexe*, 
czech. müra 'alp' (auch 'abendschmetterling' wird angegeben), 
klein- und weissruss. mora 'alp', russ. kiki-mora 'ein hauskobold 
(heinzelmännchen)', in sibir. mdaa. 'ein waldgeist' bleibt also 
noch zu finden. Die behauptung Woods, P. u. Br. Beitr. 
24, 531 die wz. dieser Wörter, und auch die von skr. märaU 
'stirbt', lat. morior u. s. w., sei 'identisch' mit der idg. wz. 



derlSndltcb mBre, latemi§€%~ mtcnii. 



mj- ^zenQalmen, zerdrücketi' kann ich nur als eine behauptung 
iEseba. Der hin weis auf skr» svapiti ^scliläft', svapdyati *tötet\ 
ap. swebbau ^einschläferu' und 'töten^ kann doch diese identität 
nicht beweisen. Das ags. nmmor (nicht mamor) *sopor\ das 
Wood siu der sippe von nmlir 'alp' zieht, kann mit seiner sippe, 
ags. mämrian *tief sinnen, ausbrüten^ (? he mämriap tndn and 
unriht), ^emimör^ ^e»neomör ^eingedenk', nL mijmermi nd, mU 
meren ^ef sinnen, schwermütig sein, phantasieren, duselig 
mi' schon deshalb kaum dazu gehören, well das r jedesfalls 
Ableitend ist, wie vielleicht auch an. Mimir (oder Mimir) 
kweisL Dagegen sind am ehesten als ablaat zu mar- oder 
mor- 'alp' heranzuziehen asL niara *mentis emotio, exstasis', 
pohi. mara Msio, schreekbild\ russ, nmra ^vision*, kleinruss, 
mam 'gaukelbüd', obersorb* vo-mara *halbschlaf, ohnmacht', 
kleinruss» maryty 'träumen\ Wenn mit dieser Wortfamilie die 
lippe von ags. \mmor auch nicht verwant i^t, so könnte sie 
uns aber doch vielleicht zeigen, wie die begriffe der ersteren, 
und vielleicht auch noch anderer Wörter, mit der wz. (s)mer 
die im Skr. u. s. w. *sinnen, gedenken' bedeutet verknüpft 
lem könnten. Dann würde die bedeutnng von niahr aUer- 
dingB nicht ursprünglich 'aipdruck' sein, sondern das wort 
tUgeioeiner Wahnvorstellungen bezeichnet haben, Dass man 
jetzt gern alle möglichen dämonischen Vorstellungen aus dem 
aipdruck ableitet, brauchte uns» ohne dass man den gedanken 
gniudsätzlich bestreitet, an einer solchen etyniologie nicht 
irre zu machen. Anderseits sei an die bedeutungsentwicklung 
4es zur wz, smer gehörigen gr. ^i^^u^oq ^sorgenvoll, entsetz- 
lich* erinnert Mit skr, maras Versucher, tenfer, das als 
'lodbringer' erklärt wird (Windisch, Mära und Buddha (Abh. 
der phüoL-hist. kl. der sachs. Ges, d. Wissensch. 15, s. 186 ff.) 
itrden dann die deutsch- sL mahre unmittelbar nichts zu thun 
haben. Von germ. seite steht also nichts Curtins' etjonologie 
lfm lat moTü^ wozu man auch noch altir, maraim *bleibe' 
äteUt, im wege, der es mit derselben wz. smer^ lat. memor 
ö* s* w. verbindet unter vergleichung von gr fiiXUtv 'ge- 
denken' nnd ^zaudern, zögern' (Gr etyni/ 102 t). Ein be- 
sonders deutlicher beweis für seine grundsätzliche auffassung, 
dtt abstracte wzn. wieder sinnliche kraft erlangen, ist unser 
^mm, das vielfach mit aller entschiedenheit rein sinnlich 
^gBfasst wird und in diesem sinne an dem morphologisclien 



130 J. FfMck, 

leben, das der spräche noch inne wohnt, vollen teQ nimmt. 
Ein weiterer beweis ist das germ. yb. marejan, das idi im 
anschluss hieran, soweit es nicht oben schon znr spräche 
gekommen ist, eben noch erörtern möchte. 

Wenn ein germ. st. mar hemmen' bestfinde, so wäre es 
freilich das nächste, darans einen st. mars vermittelst eines 
'wnrzeldeterminativs' s entstehen zn lassen; in flbersetznngen 
nnd glossaren trifft marzjan thats&chlich öfter mit lat. mora, 
morari zusammen. Gehn wir chronologisch vor, so steht aller- 
dings an der spitze got marejan, afm.^ gam. zur flbersetEung 
von aMvSuXi^siv, scandalizare , so an den bekannten stellen 
vom glied des körpers, das einen ärgert, nebst den Substan- 
tiven marzeins, afm., gam. f&r axaviakov, scandalum, einigemal 
auch für anurtj ^at. deceptio und error), fralijamareeina tOi 
(pQBvanaxi^, WO die vulgata das vb. seducere gebraucht, nnd 
die got. hs. als glosse udutan hat. Dieselbe bedeutnng besteht 
auch in den anderen germ. sprachen: as. merrian *durch eine 
Irrlehre, durch zweifei verwirren, irren' ahd. merren (si pes 
tuus te scandalizet) femer syn. mit daz lant girren, werran 
Otfr. 4, 20, 28), ags. (ge)merran, (gejmirran 'scandalizare, 
(im gemfit) verwirren'. Daneben aber stehn andere bedeutungen: 
as. amerrian 'hindern', formerrian 'verzögern, verstreiche 
lassen', intr. merrian 'zögern, versäumen', ahd. 'impedire, 
praepedire, retardare, frustrare, irritum facere': er ingiang 
tmgimerrit, duron so bisperrit bei Otfiit; auch fasdnare, 
durch Zauberei behindern';^) mnl., und ähnlich mnd., 'auf- 
halten, verzögern, behindern', meistens intr. 'sich aufhalten, 
zögern, still stehen, sich irgendwo aufhalten', auch mhd. merrm 



1) Die glosse tnarrisäl vel tarunga Tel 8cado 'laesio' (Steinm.-SieTen 
2, 97, 5) ist in diesem Zusammenhang wohl noch zu verstehn, aber be- 
fremdend ist eine andre: 'teritos* gamarriL förmürdrit (2, 388, 25). £■ 
handelt sich um die stelle verbum *communicaf proprie scripturarum 
estj et publica sermone non teritur. Beide deutschen Wörter passen nicht, 
degegen würde gamarrit (^ gamärrit?) dem communicatf wof&r inquikuä 
als var. vorkommt, entsprechen, vgl. Graff 2, 827. In förmürdrit ist der 
circumflex vor der consonantverbinduDg verdächtig, und rein mechanisch 
w&re, ein Schreibfehler vorausgesetzt, zunächst an formUdrit zu denken. 
Dürfte man dasselbe an die sippe von moder und nl. mooder (s. mein Etym. 
wdb. s. V.), oder an maiulerigj maudem im DWB. knüpfen? Dass der 
glossator einen so starken ansdruck wie formurdrit *tOtet, vernichtet' ge- 
wählt habe, konmit mir nicht recht wahrscheinlich vor. 



MütolniederlSndiBch märff lateiniscli murm. 



131 



intr. 'zögern*. Das Schweiz, idiot. verzeichnet die passe sind 

wegen der klatienseurhe vermert ^gesperrt', worin wohl ahd. 

firmerren fortlebt. Im Ags. begegnen ftlr das wort und seine 

eomposita die bedeutungen *impedire, obstruere, turbare; irre 

fBlireii, vereiteln, vei^euden^ verlieren, vernichten, moralisch 

verderben; dnrch einen anstass heraraen*; ähnl nengl to mar 

'hednträchtigen, stören, beschädigen, entstellen, verstllmmeln, 

2er8tdren\ VgL noch mlat. legem, bannmn vel prapcepüim 

hmniref wie im Muspilli, mit den niiatm marran da^ rehta 

sowie die roman. Wörter Die^ Etym. Wb* 2 unter marrir. 

Die ältest bezeugte bedeutung brauchte nun nicht notwendig 

auch die wirklich älteste zu sein, und wenn man nicltt zu 

sehr an unsere Übersetzung *ärgernis geben, stören^ denkte 

wire es nicht schwer jene aus einem beriff wie *hemmen' zu 

entwickeln, der sich aus den übrigen bedeutungen hervorzu- 

bdbea scheint. Als synonym neben marejan, mar^eins hat 

das got Ustujqan^ bistugq (gr, ngogteofÄita); vgl, auch unser 

mdömp fr. choqiierf engL chock sowie lat, offendere. An der 

Luc. 5, 23 ne offendas ad lapidem pedem tnam entsprechenden 

stalle hat Otfrit 2, 4, 65 thaz imo ludht ni derre^ thes iiKeges 

imh ni merre. Das wären möglichkeiten. Indessen ist, so 

lange nichts bestimmtes dagegen spricht, auf die Chronologie 

kv Zeugnisse doch nachdruck zu legen. Und diese führt als 

fetjmon auf skr. mß-yatni 'vergesse^ vernachlässige^ ertrage 

geduldig^ mßa adv. 'umsonst, fruchtlos, irrig', mar$ü-ya4i 

■sieht nach, nimmt ruhig hin, lässt gewähren', lit mirsiti 

Yergessen, ausser acht lassen', marszas *das vergessen', 

mrmis *vergesslich' (s, Brugman Grdr. 1, 43ß und 2, 1163). 

We germ, bedeutungen könnten ja an eine dem *vergessen' 

Toraofliegende noch etwas mehr sinnliche bedeutung anknüpfen ; 

tber nötig ist es nicht einmal das anzunehmen, sie können 

ÄÖe auch wohl von *im geist nnd gemüt verwirrt sein' oder 

'gciitig untätig sein' und dessen causativum ausgehn. Nach 

im ergebnis dieser Untersuchung steht flir mich die Identität 

Tön genn. mars mit dem in laut und bildung vollkommen 

^cheu skr. nmn fest* 

Bonn, Januar 1900* J. Franck. 



9* 



132 J. Franck, 

Zur form und bedeutung von pflegen. 

Der richtigen auffassung des in der äberschrift genannten 
germ. yerbums stehen zwei umstände im wege: erstens dass 
man fast allgemein ags. plesian „spielen^ hinzu zieht, und 
zweitens dass man einen unberechtigten nachdruck auf die 
bedeutung ^fovere^ von pflegen legt. An der spitze von Eluges 
artikel stehen die bedeutungen „wofür sorgen, sich mit freund- 
licher sorge annehmen; besorgen, behüten; betreiben; diesitte 
oder gewohnheit haben zu,^ die zwar nicht unrichtig genannt 
werden können, insofern sie für die gewöhnlichen des mittd- 
und althochdeutschen gelten sollen, aber doch eine nicht zu- 
treffende Vorstellung zu erwecken geeignet sind. Das selbe 
ist der fall, wenn die formen, die auf h als schlussconsonanten 
der Wurzel weisen, ganz ins hintertreffen gerückt werden, im 
hauptartikel sogar durch gänzliche abwesenheit glänzen. So 
auch noch in der 6. aufläge, obwohl ich in der besprechung der 
5., Anz. der Ztschr. f. deutsches Altert. 21, 307 nachdrflcklicbst 
auf die formen hingewiesen habe. 

Das durchweg als plejian angesetzte, mannichfach wechseln- 
den Tocalismus in der Wurzelsilbe zeigende ags. yb. wird ge- 
braucht vom fisch im wasser {(I^ornfisc plegode glad geond 
särsecs im Andreas), ähnlich vom schiff, von dem auf der 
Strasse spielenden kind, vom ausgelassen hüpfenden lamm, 
vom tanzen, vom klatschen der fluten, vom klatschen in die 
bände, vom spielen auf einem Instrument und mehr abstract 
für „sich amüsieren," sowie fftr „to play for something, strive 
after." Ohne zweifei ist es also identisch mit mnl. pleien 
„tanzen, sich fröhlich bewegen, fröhlich scherzen,*' zb. aus 
Melis Stoke die te voren ghinghen acreyen^ si ghinghen 
nu singhen ende pleyen, oder aus Maerlants Rijmbybel von 
den Cherubim bei der bundeslade hare voete hilden si of 
si pleyden wofäi* Varianten of si speeJden haben; in der 
lat. quelle heisst es pedes obliquatos quasi ad deambulandum 
elevatos. Weitere belege findet man am besten zusammen bei 
De Jager, Woordenb. der Frequentatieven in het Nederl. 2, 
428 f. Wo ist bei diesem worte nun die spur eines begriffes 
wie „liebevoll mit jemand handeln" (Kluge) ? Man hätte die 
ansieht Skeats besser beachten sollen, der die verwantschaft von 
play mit engl, pledge einerseits und unserem pflegen anderseits 



Zur form und Ijedeutung von pflegen. 



133 



der bedeEtungen weg^en für unwahrscheinlich erklärt* Auch 
sollte man doch einmal etwas bedenklicher bei dem be- 
Uebten yerfahren werden» sich über derartige Schwierigkeiten 
in der weise hinweg zu setzen» wie es hier Waitz, Modem 
Langü, Notes 7, 2181 thut »,Von der bedeatung der „hef- 
tigen bewegiing*^ war das ags» plega zu der von »,kanipf" 
flbergegangen, woraus sich weiter die bedeutnng „waffenspiel" 
und dann j,spiel im allgemeinen'^ entwickelte." Vorher war 
mit ähnlicher fixigkeit die bedeutung „für etwas verantwortlich 
sein" aus der angenommenen „für etwas kämpfen," „kämpfen** 
erklärt. „Damit ist also in wenigen Worten die Verbindung 
zwischen play uud pß&gen hergestellt*" Was kann man mit 
solchen unmerklichen Verschiebungen und einigen mittelgliedem 
nicht alles mit einander verbinden! Ehe nicht einmal eine 
wiseenschafUiche Synonymik ausgebaut ist, thäte man gut daran, 
mit der darlegung von bedeutungsentwicklungen in fUllen, in 
deoen die verwaotschaft der Wörter nicht vorher fest^^teht 
recht vorsichtig zu sein. 

Von Seite der bedeutung würde gewiss kein mensch darauf 

ferfallen sein, dies verbum mit pfiegeii in Verbindung zu setzen, 

besonders nicht, wenn man die wirklich alt bezeugten be- 

deatungen des letztern allein in rücksieht nimmt. Aber auch 

lautlich ist es unmöglich nl- pUien mit phgen zu vereinigen. 

Dwm die in dem falle zu erwartenden formen pleghen u. s. w. 

feUen für das erstere gänzlich, während formen mit ei flir eg 

iadi dem für diesen lautwandel sonst im NL vorliegenden 

Mterial (meine MuL Gramm. § 118; v. Helten, Mnl Spraak- 

tamft § 98) mindestens unwahrscheinlich sein würden. Schon 

Ui meinem Etym. wdb. habe ich darum die beiden verba von 

€biander getrennt und fiir ags. pJesian mnl, plm&n eine grund- 

foTiB plaj in frage gestellt, aber in meiner hypothese keine 

nachfolge gefunden. Zu meiner fireude bestärkt mich aber 

jetzt eine antorität auf dem gebiete der altengl grammatik 

in meiner ansieht und erklärt es für möglich, den altengl und 

mengl. formen des verbums plmj diesen stamm ^ also ein vb, 

das in ahd, form ^plaien sein würde (nicht plaUen^ sondern 

mit einer lantfolge wie in got. tvajamefjan^ ajiikdnps) zu gründe 

211 legen. Das e von ple^ian würde demnach umlaut von a 

seÜL Ich mnm es den Anglisten überlassen, die einzelnen der 

vidgeataltigen formen mit dieser hypothese in einklang zu 



134 J- Franck, 

bringen. Dass es mindestens ebenso gut geht wie mit einer 
grundform *plegen bezweifle ich nicht und möchte wenigstens 
das eine hervorheben, dass es so anch erklärlich wird, warum 
in der ältereren zeit weder bei dem vb. noch bei dem schw. 
masc. phga ein eo erscheint, das sonst doch wohl zu erwarten 
wäre. 

Nnn die bedentongen des st. verbnms plegan im Altgerm^ 
die freilich auch schon von anderer seite hervorgehoben worden 
sind, besonders scharf von Scherer, Ztschr. f. d. Altert 22» 
aber für die etymologen vergeblich! Im Heliand wäscht Pilatus 
seine bände and sagt, vs. 5478, ne uuUliu ik thes tvihtes plegan 
unü>i thesan helagan man. Darauf antworten die Juden fhat 
sia Mueldin unibi thena man plegan derauaro dadio; „fare ia 
dror obar tis^ u. s. w. uui uuiUiat is aUea plegan u/mbi thene 
siegt (tötung) aeSbon^ ef uui thar eniga sundia gidtum. Die 
bedeutung ist also „die Verantwortung auf sich nehmen.'' In 
genau demselben Zusammenhang gebraucht auch Otfrit das 
wort 4, 24, 27 : ni uuill ih, sprach Pilatus, in uuär min stne$ 
bhiates scolo ^n, noh ouh therero dato plegan boradrato. Nur 
noch einmal gebraucht Otfrit ausserdem das vb., 5, 19, 39 
giborganero dato ni pligit man hiar nu dräto, sih ougü fhär 
(beim jüngsten gericht) äfia uu4ink ther setto luzilo giÜiank^ 
wo Scherer a. a. o. s. 323 Übersetzt „fUr verborgene hand- 
lungen steht man hier auf erden nicht zur Verantwortung; 
aber beim j. g. wird der kleinste gedanke sichtbar.^ In dem- 
selben sinne wird das zeitwort auch später noch gebraucht 
So mhd. sich pflegen c. gen., auch verpflegen (mit und ohne 
sich) c. gen. „für etwas einstehen, fär die Wahrheit einstehen, 
verbürgen,** mnd. „zu etwas verpflichtet sein,** mnl. z b. in 
Maerlants Histor. v. Troyen 26534 ic wils u plegen „ich will 
mich euch dafür verbindlich machen, ich stehe fär die Wahr- 
heit ein," verpleghen „verbürgen, für etwas einstehen,^ daher 
auch „erzählen", „etwas leisten." Im Ags. bedeutet das seltene 
entsprechende pUon, plion c. gen. „der gefahr aussetzen.'' 
Auch in den ableitungen tritt der grundbegriff des verbums 
deutlich hervor: ahd. phligido (dat. fem.) „periculo proprio," 
ags. pliht, ebenso pleoh und afries. pU, pU (pU and plikt auch 
verbunden) „risico, Verantwortlichkeit, Verschuldung, schuld, 
Schädlichkeit." Der gemeinsame begriff der flir p flicht (ahd* 
pfliht, mhd. auch pflihte) sonst vorkommenden bedeutungen ist 



Zm form and bedeutang von pflegen. 



Vdb 



etwa „das rechtliche oder sittliche verkniipftsein mit einem 
oder einer sache," daher ^berechtigiing, Verschuldung, schuldj 
die Gemeinsamkeit mit jemand, die gewalt über etwas, besor- 
gUDg.^ Die bisher genannten bedeutiingeu des verbums sind, 
wie aasdrtlcklich hervorgehoben werden soll, im. Äs, und Ägs. 
die einzig he^seugten. Im Älid. übersetzt es ausserdem comnl- 
farß, praeessBy cttrarßj regere^ administrare {pklegan der wache, 
eines landes^ einer pfrimde, des werches^ minm dinges). Diese 
aawendung erklärt sich leicht aus den früher erörterten be- 
deutungen, und es ist deutlich, dass der begriö\mit freund* 
lieber sorge sich einer sache oder einer person annehmen'^ 
Zunächst nur occasionell hinzugetreten, und weiter auch der 
^die gewohnheit haben etwas zu thun,^ der nicht nur auch 
int Ähd« noch unbezeugt ist sondern selbst ^im Mhd. nur erst 
aasuahms weise vorkommt*^ (Müller-Zarncke 2, 497*), erst 
jünger entwickelt ist. Das abstractura pp-ege fem. ist walu'- 
icheinlich keine ganz alte bildimg, es ist im Ahd. (neben iMetja 
fem, als notnen agentis) und im Äs* noch nicht bezeugt — 
womit nicht gesagt sein soll, dass es damals noch nicht be* 
staoden haben könne — und zeigt durchweg nur die jüngeren 
Meutungen des verbums. Das davon abgeleitete schw* vb. 
tritt in der litteratur noch mehr zurück; mhd, ist es verhältnis- 
Miasig selten (vgl dazu Ztschr. f, d. Altert 35, 419), im Mnd. 
kommt es erst sehr spät vor, auch im MuL selten und spät; 
iagegen ist plegia^ pligia (neben dem abstr, plega^ pliga) im 
Afries. die einzige form. Dass das schw. vb. sich wirklich 
em ^o spät entwickelt habe, ist gewiss nicht anzunehmen. 
Wir haben w^ohl vielmehr hier einen fall, dass ein lebendiges 
wort schwer in die litteratur eingang findet; man zog dort 
das alte st vb. vor. Neben dem abstr, plege hat das Md, und 
Nd» ein gleichbedeutendes ablautendes plage^ das wohl überall 
täi langem ä anzusetzen ist Doch hat das spätaltnord. pluga 
„pflegen" (auch phg neutr. „mos**), das für entlehnt gilt und 
worüber ich nicht zu urteilen weiss. 

Als weiteren beweis für die altgerni. bedeutung düifen 
wir mit grosser Wahrscheinlichkeit das afranz.pieüir „versichern, 
verbürgen, gut sagen" und seine sippe (pleige^ engl, pledge^ 
nikt> plegium „bürgschaft^, mlat. plegiare^ plegire verb,, plegiiLs 
lifld plegia masc. nom* agentis) in anspruch nehmen« Die be- 
deQtaag stimmt ganz genau, und weil zudem ein anderes 



136 J. Frmck, 

überzeugendes etymon fehlt, sind die romanisten geneigt, an 
dem germ. yb. fest zu halten, obwohl es noch nicht hat ge- 
lingen wollen die lautliche entwicklung zu erklären. Mackel 
spricht ausführlich Aber den fall Korn. Studien 6, 78 f. Sdne 
bedenken, soweit sie eine form plehan betreffen, sind niebt 
begründet. Aber auch mit dieser form ist die Schwierigkeit 
nicht gelöst. Für ein *pleiijany wie es Mod. Langu. Notes 7» 
343 f. construiert wird, ist im Germ, nicht der Schimmer eines 
beweises vorhanden, und die form ist in sich nidit wahr- 
scheinlich. Soweit ich sehe, darf man überhaupt von keiner 
anderen form als plegan oder plehan oder aber plefoan^ aus- 
gehen. Wir würden sonst wohl das altniederfränk. plehan 
eher auf ein got. *plaihan zurückführen als auf ^plaihxm für 
das weiter nichts spricht. Vielleicht aber führt uns grade 
das Rom. auf diese form, d. h. auf ein altwestgerm. oder got 
plehan. Meines Wissens liegt anderes material zur beurteünng 
der entwicklung von germ. 1v im Rom. nicht vor. Dass es aber 
zu V geworden sei, kommt mir nicht unwahrscheinlich yor. 
Man darf dabei yielleicht auch an f&Ue yon v aus gv erinnern, 
wie antive, eval Der wohl auf der 2. 3. sing, praes. ind. 
beruhende Übergang zur tr-conjugat. hätte analogien z. b. an 
jehir aus jeJian, tehir aus peihan. 

Auch bei plegan muss man also, wenn man die ganz 
deutliche historische entwicklung im äuge behält, fragen, wo 
steckt da ein grundbegriff wie „liebeyoU für jemanden handeln," 
der zudem yiel zu wenig einfach und anschaulich ist, um 
etymologisch verwertbar zu sein? Der begriff, von dem die 
etymologie zunächst auszugehen hätte, wäre vielmehr ein 
solcher wie „mit rechtlicher Verantwortung für etwas einstehen, 
für etwas aufzukommen haben^ oder „unter Verantwortlichkeit 
mit etwas verknüpft sein, sich für etwas verbindlich machen.'' 
Das wort war offenbar fürs Altgerm, ein rechtlicher terminos. 

Was die form betrifft, so haben wir auszugehen von pleh 
und pleg. Das erstere ist vollständig gesichert durch ags. 
pleon, plion aus plehan^ durch ags. pleoh (flectiert mit h, gen. 
pleos), fries. ple, pli aus *plehar, sowie durch mnl. plien neben 
pleglmi. So lautet es im ganzen praesens, und auch im plor. 
und ptcp. praet. stehen ploen, gheploen (aus pltih- oder plohr) 
neben den formen mit g. Von md. phlen (prolog des Sachsen- 
spiegels phlen : sen) will ich absehen, da hier die möglichkeit 






Zur form und bedentang von pflegen, 



137 



einer analogiebildung — pUn nach der 3. pers, pHt (aas pligü) 
&ttf grand des inusters yon sm : sit ™ nicht zu bestreiten ist 
Fürs NL ist diese und jede andere Möglichkeit aber ausge- 
schlossen. Tau HelteB hatte (Tijdschr. v, nl taal- en letter- 
kuude 3, 122) uiul pliet aus *plijit für pligid erklärt. Durch 
den einflus^ des j sei der sonst ausnahmslos erfolgende 
Übergang von % zu e in offener silbe verhindert worden. Es 
i^t mir unerfindlichj warum er Tijdschr, 14, 30 1 die möglich* 
keit dieser erklärung neben der meinigen, die auf formen 
mit organischem h zurückgeht , noch aufrecht erhalten will. 
Er beruft sich auf nnl hiecM „beichte" aus hijihti Hier ™ 
im Mnl. steht noch dreisilbiges biechte, auch biachte (wohl aus 
'bipelit^) daneben — handelt es sich aber um germ. -iji- mit 
;, während nicht das mindeste anzeichen dafür vorhanden ist^ 
das8 germ. -i^- im Nl. je zu -iß- geworden sei. Wir haben 
doch Wörter genug, die uns die entwicklnng von genn. -igi- 
njgen: sigi^ Jdgi (nl. ter ä^e\ ligid^ igilf krigilf rtjil, sigih 
digiJJa und wohl noch andere ; überall ergiebt die lautentwick* 
lirag unentwegt -egB-. Die gtundform von mnl, plien ist 
natfirtich das selbe *pWmn wie von ags. pUon^ entsprechend 
den grundfonnen von muh wrim „ fragen**, iwie ags, hmS 
„Zweifel** (as* twelm ahd, Etmlw)^ mnl. simi^ gkescieti^ ghien^ 
q>ien^ vie. Es heisst die Skepsis zu weit treiben, wenn van 
Selten auch für das genannte, deutlich sprechende vrieti an- 
^eridits des fürs Germ* anzusetzenden frehnan, freh, fregtim, 
^Ihgon (oder frogau% das im Ags. auch die formen praet plur* 
/^|m, ptcp. s^fr^en^ sefri^miy ^efnt^en wahrt, und angesichts 
ta nihd- wegen ein praes. *frehan (oder vielleicht ein schw. 
'/VlÄöii) beanstandet. Mit einem gleichfalls constrnierteu 
friggjan ^ ags. fric^ean ist nichts geholfen, da es die form 
mm nicht erklärt. Die vorausgesetzte ungewöhnliche be- 
hmdlnng des grammatischen Wechsels kann nicht gegen den 
aniatE von pleh : pkg geltend gemacht werden, da auch sonst 
fareinzelt der normale typus gestört erscheint; vgl. ahd. stvelgan, 
m&ahaHf as, farswelgan^ ags. swelgan; ahd. ags. dgan; got 
tfatülaii, ags. sceddan gegen as, skedarij ahd. skeidan ; ahd, jetan 
ö. $Mm ; gr, ^rinTv, Die frage, ob dem nl.-ags. *pWian im 
Got ^phtJmn oder ^plaiwan entsprochen haben würde, ist 
weiter oben berührt worden. 

Ist die germ, sippe in regelrechter vererbung aus dem 



138 J. Fimnck. 

Vorg. auf uns gekommen, so haben wir also nacdi einer wnrsel 
hlek zu fahnden (die genauere nator der tenuis k bleibt un- 
bestimmt). Welche bedentong für sie zu erwarten wftre, lässt 
sich ohne weiteres nicht erraten. Da die mannichfiachsten 
mOglichkeiten bestehen, sei wenigstens auf ein pliga in der 
bedeutung „fingergelenk^ in den afries. gesetzen (Bichthofen, 
Wtb. s. 979) aufinerksam gemacht Man sieht, dass die alte 
vergleichung mit gr. ßXitpagov „augenlid^, ßUnsir „sehn^, die 
Kluge auch in der 6. aufläge seines Wtbs. zu wiederhden Ar 
gut findet, nach keiner richtung auch nur die spur einer be- 
rechtigung f&r sich hat. Scherer hat a. a. o. zuerst ahd. mhd. 
sptdgen zugezogen. Lautlich ginge das ja nach dem bekannten 
Wechsel von conson. und s + cons. im anlaut; ausserdem hat 
Kluge, Pauls Grundr.* 1, 390 ein *W'pulgjan construiert Das 
in der älteren spräche ziemlich geläufige vb. (auch spetgen? 
s. Lezer) hat die feste bedeut „gewohnheitsgemftss oder der 
Sitte gemäss etwas gebrauchen oder thun;^ aus neuerer zeit 
führt Beinwald aus einigen Hennebergischen Ortschaften sich 
ipulgen „sich pfiegen, sich gütlich thun^ an. Das wort deckt 
sich also in der that mit pflegen in seinen jüngeren beden- 
tungen. Da aber jede spur einer anderen bedeutung fehlte 
ist die Zugehörigkeit doch mindestens recht fraglich. Die Ver- 
knüpfung von germ. plegan mit lat. btdcus in bt(rbulcu8, «u- 
htUctis (Sütterlin, B. B. 17, 166) wäre, was den wurzelauslout 
betrifft, ja möglich. Aber aus anderen lautlichen gründen 
widerspricht man ihr (Zupitza, Gutturale s. 25), und auch von 
selten der bedeutung wird sie nicht grade sonderlich empfohlen. 
Jedesfalls ist die etjonologie auch an keine dieser gleichungen 
irgendwie gebunden. 

Zuletzt hat Johansson die frage der etymologie von plegan 
berührt, in dieser ztschr. 36, 343 mit anm. 1, im Zusammen- 
hang mit einer grossen reihe anderer Wörter, in denen anl. 
germ. p als echter abkömmling von anl. idg. b verteidigt wird. 
Ich möchte ein wort einlegen gegen die art und weise, wie 
J. bei der gelegenheit mein Etym. wdb. des Nl. citiert. Er 
erwähnt in einigen fällen meine ansieht, zustimmend oder ab- 
lehnend,^) aber in den meisten lässt er es unerkannt, dass ich 

So bei pinnCf wo ich J. recht gebe. GrewOhnlich wird übrigens über- 
sehen, dass das wort schon ahd. im compositum citarpfin (Graff 8, 889) be» 
zeugt ist 



Zur foon imd bedeatung ?on pflegen. 



139 



bereits dieselben etyraologien, die er verteidigt, aufgestellt hatte. 
Damit soll nicht im mindesten yerkannt werden^ dass er auch 
in diesen einzelfallen das material heträehtUch vermehrt und 
die Sache wesentlich gefördert habe. Auch in einigen grund- 
sätzlichen punkten hätte ich meine übereiustimmung gerne 
hervorgehoben gesehen. Bei der jetzt öfter erörterten frage 
über anl. germ. p hätte man wohl rücksieht darauf nehmen 
dürfen^ dass ich bereits nicht nm* das material in gleichem 
dune, wie ihn später Uhlenbeck vertrat, behandelt, sondern 
auch mehr oder weniger ausdriicklieb, (z. b, bei pak und bei 
plo^) diese ansieht mit bestimmtheit vertreten habe. Im 
einzelnen habe ich, ohne dass ich genannt bin, ähnlich geurteüt 
wie J. Aber piiit^ poöt fem», pid (pfütBe; allerdings ohne das 
wichtige westfäl. ^3^^ auf grund dessen übrigens auch schon 
Kluge seit der 5. aufläge die mdglichkeit germ. Ursprungs 
offen läBSt), pimteni ahd. phoso u. a. (unter poe^el}^ pfauchen^ 
pocte (vgl. Eluge), pattke (weiteres s. in meinem Notgedrnngene 
Beitr. zur Etym, s, 23 anm.), bauch (inleiding meines Wdb, 
8. XIV n, Notgedr Beitr. a. a. o. ; indem J. die wurzel bhmk 
^biegen** herbeiziehtj macht er die sache nicht klarer), schliess* 
Bct über ppücken (pfiocJc), wo es also nicht ganz richtig ist, 
wenn J, sagt, dass er sich mit seiner etymologie in gegensatz 
m der „aUgemeinen^ annähme, dass die genannte sippe ein 
lehn wort aus dem Rom. sei, stelle. In betreff von pfote halte 
ich meine vergleiehungen, soweit sie von J. abweichen, auf- 
recht; ebenso in betreff von pochen (Wdb. und Notgedr, Beitr.), 
Bber das ich ganz anderer ansieht bin als J. s. 359 anm. 2. 
Bei den erörternngen auf s. 374 und am schluss des artikelfl 
wlre es mir erfreulich gewesen, wenn auf das hingewiesen 
worden wäre, was ich Wdb., inleid, s. XIV ff. und Anz. £ d* 
Ali^. 21, 311 ff, gesagt habe. Es kann heute nicht genug 
Iwtont werden, dass man sich auf einem Irrwege befindetj 
wenn man alle möglichen Wörter aus dem Idg., die nur einige 
Ümlichkeit miteinander aufweisen^ blindlings auf lautgesetzlichem 
w^e untereinander zu vereinigen sucht. Im Zusammenhang 
mit den in J.s arbeit zu tage tretenden auslebten mochte ich 
dann hier auch noch einmal einen gedanken wiederholen, den 
ich Wdb., inleid. s. XX ausgesprochen habe. Wie wir die 
iBflglichkeit sehn, dass lautübergänge nicht an sprachgrenzeti 
gebunden bleiben (vgl- ü ans ü im Franz., Nl. und Elsässischen)? 



140 Pral Kretschmer, 

SO müssen wir wohl auch die mOglichkeit einräumen, dass 
solche Sprachelemente die wir als wurzeln bezeichnen bei ein- 
ander benachbarten Völkern, trotzdem sie ganz verschiedene 
sprachen reden, vereinzelt gemeinsam in aufiiahme kommm. 
Mir scheint, dass die nordeuropäischen Völker, oder einzelne 
derselben, mancherlei gemeinsames besitzen, was weder durch 
urverwantschaft noch als lehngut im gewöhnlichen sinne des 
Wortes zu erklären sein dürfte. 

Bonn, december 1899. J. Franck. 



Xerxes und Artaxerxes, 

Wiewohl diese beiden persischen königsnamen in letzter 
zeit wiederholt zur spräche gekommen sind, bleibt doch nament- 
lich über ihre griechische und lateinische form noch 
einiges zu sagen, was bisher übersehen worden zu sein 
scheint. Die merkwürdige entstellung, die der zweite teil von 
Ärta/Sad^a im munde der Hellenen erfahren hat, wird von 
W. Schulze, Zeitschrift 33, 219 mit hilfe eines inschriftlichen 
jigral^icceto erklärt, das wie Tiaaafpigvriq neben Ti^Qav^ 
CTfjg auf eine dialektische iranische form, in der ^ zu 
einem Zischlaut geworden war, zurückgehn und nach dem 
muster von Siglff^ umgebildet worden sein soll. Es ist nun 
aber Schulze wie Hüsing (Die iran. eigennamen in den Achae- 
menideninschriften 1897 s. 20, der von einer Inschrift von 
Halikarnass redet!), Httbschmann Zeitschrift 36, 178 u. a. 
entgangen, dass die Urkunde von Tralles CIG. 2919 - Le Bas- 
Waddington n. 1651, auf der !^pra|^(r(T€(o steht, von Fröhner 
bei Bechtel, Ion. Inschriften s. 148, fttr eine moderne fälschnng 
erklärt worden ist: „Der falscher hat sie nicht eingemeisselt, 
sondern eingeritzt, ohne das mindeste Verständnis grie- 
chischer paläographie und mit zitternder, unsicherer hand.*^ 
Verdächtig war die Inschrift auch schon Waddington, aber er 
hielt sie ftlr eine in Tiberius' zeit angefertigte Urkunde oder 
kopie eines echten Originals. Was nun aber Nöldeke GGA. 
1884 s. 297 zu ersterer ansieht bemerkt hat, gilt auch 
gegenüber Fröhners urteil. Da man sich schwer denken kann, 
dass ein falscher von selbst auf eine form ^j^gjaliaatj^ ge- 
kommen sei, so ist zu vermuten, dass er eine echte inschriffc 



Xerxes nnd Ärfeaxenes. 



141 



ror aagen gehabt oder nach der modernen handschriftüclien 
kopia einer originalmselirift gearbeitet habe. Nimmt man dies 
an, so darf ^AgTa^döaijg nach wie vor als (wenn anch nor 
ädirekt) bezeugt gelten. 

Die anlehnung dieses namens an Sii^ln^ wird aber nodi 
kgreiflicher^ wenn wir ein älteres *SBe<j^Q voraussetzen, 
durch dessen einfluss L^pxaSfVajjc zu *lti^Tal£^C}jg um- 
geformt wurde* Nach ^A^aa^^g = Ärsäma^ jigoataiq = Ärsa- 
hf 'Yütmtjntjg = Vistäspüf Kcn^tativ^ Strab* = mittelpers. 
Komis (Hübschmann , Armen. Gramm- Ij 1, s. 46), ^AuTvayrigj 
*ActtfiyriQ Ktes, = IstuvBgu^ ^afto-autUf ^ji^außi-auja ^ 
pera, -M (Hübschmann a. a, o* 27, 211) u. a. erwartet man 
ja für apers* Xsayarsa gr. *Sigof^g nnd dem entsprechend 
luch *!^^ ra|f ^ai^^. Sollte nun eine spur dieser form wirklich 
vorliegen in dem lykischen 

Lia/ssiratahä der gtele von Xanthos, ostseite z. 59;60.? 
Da^s darin der gen. des namens Artaserxes zu erkennen ist, 
kann nicht zweifeOiaft sein, weil der name des Darius, nur 
dnrch säj „und*" getrennt, voraufgeht. Imbert, Bab- Or, Rec, 
n 212, nnd Arkwiight, Jahreshefte des Oest. arch. Inst, 11 56, 
führen die lyk, form auf ägypt Ärtakshairsha zurück, Aber 
erstens ist ein einfluss des Ägyptischen auf das Lyklsche in 
der lantUchen form eines pers* namens nicht glaublich (vgl, 
lazu Einleit s. 296) und zweitens — wo steht dieses ägyptische 
Jbrtakshairsha? Nach nütteilung von E. Sethe lautet die 
l|5yptische form des namens in Lepsius Königsbuch nr. 658: 
iteOTint« d. i ^rthsss^ eiomal auch: DfflfflnriH d. i. Irthsss, 
Ut entspricht elam. Irtakictssa^ babyl. Ärtaks€issu. Auch die 
Igypt form für Xerxes, im Königsbuch nr. 657 und auf der 
i&ichrift von Ptolemaeus I: ffi^T^uin HSjrs (einmal ist das j 
Irrig zwischen -ff und § gestellt) schliesst sich an die iranische, 
licht die griechische namensform an. 

Aber auch die andere möglichkeit, dass die lyk. form auf 
p' *'A^Tali^afig beruhe, hat ihre Schwierigkeiten. Zunächst 
l>eichte man, dass andere persische namen ms Lykische nicht 
Jiirch griechische Vermittlung gekommen sein können, weil 
sie lauüich den iranischen formen näher stelm als den grie- 
diiiclien. Vgl. lyk. Vidrnna stele v. Xanthos N 11 ^ apers. 
^ienta - gr, "Ydi^vifg; lyk. ViMtasppa ebd. N 49 = apers. 



142 ^^ EretBohmer, 

ViStOipa « gr. yardaTttj^: hier ist iran. ä dnrch lyk. z = 5, 
iran. s dordi ^ ^ s wiedergegeben^), im Griechischen beide 
laute unterschiedslos durch a; lyk. Vataprddatahä » apers. 
*Vatafradata9 (Hübschmann a. a. o. 46) ^ gr. AvTotppaiaTnjg 
neben X)aTa[fpgaiarfi^?] (Head, Coins of lonia s. 327); lyk. 
fUarijäusähä stele v. Xanth. 59 » apers. Durayofoavi s 
Jagetog; lyk. Kissaprflna = apers. *i)id^afrana = gr. riacj«- 
(pigv fjg Oyk. Je für ^; Einleit s. 320); lyk. Fwreza = ap^«. 
BiTsa » gr. nigatjg u. s. w. Immerhin ist eine ausnähme 
denkbar. Es kommt jedoch hinzu, dass lyk. Ärtayssiraga auch 
lautlich nicht genau zu dem vorausgesetzten gr. ^jigTu^igctig 
stimmt: man wttrde dafür etwa -jpsrzea erwarten. Ich weisB 
fOr diese lautliche entstellung keine befiriedigende erklfirung, 
sehe aber auch nicht, wie die lykische form unmittelbar auf 
eine iranische zurückgeführt werden könnte: apers. -j^ad^a 
müsste durch lyk. -x^sadra (vgl. Midrapata - pers. *]liRd^apata, 
MixQoßitfiq) oder -;fssadra (vgl. lyk. x^sadrapähi, pers. x^^^^" 
pavath) vertreten sein; wäre aber der name Artaxerxes im 
Lykischen wie im Griechischen an Xerxes selbständig ange- 
glichen worden, so wäre etwa lyk. -x^^J^'^^^ ^^^^ -x^säjäreta 
zu erwarten.*) 

Eine andere — jedoch, wie wir sehen werden, auch nicht 
sichere — spur des postuliei1;en ^EdQfffjg und *\iQTal^dQaijg 
hat schon vor mehr als 40 jähren Crecelius (Augustini de 
dialectica, Gjninn.-progr. von Elberfeld 1857 s. 12) in den in 
lateinischen handschriften nicht seltenen Schreibungen Arta- 
xerses und Xerses erkennen wollen. Da es auch heute noch 
wenig bekannt scheint, dass diese namen im Lateinischen in 
der grossen masse der fälle, ja wohl überwiegend mit -rs- 
statt -rx- überliefert sind, so folge hier eine (übrigens keines- 
wegs vollständige) Zusammenstellung von belegen für diese 
Schreibung.*) 

Wie C. P. W. Müller (Cic. Opusc. IV 2, annot crit. p. 



1) Doch s. Einleit. 8. 314. 

<) Mit dem spätpersisehen (sassaiiidiBcheii) ArtaHr (Noldeke Bezz. Beitr. 
IV 85), HgraalQ/ig, '.^raoiJQ kann natQrlich lyk. Ärtaxssiraza nicht yer- 
glichen werden (vgl. Schulze Ztschr. SS, 214, der aber die lyk. form übersehen 
hat). Auch bliebe dabei das lyk. -z- unerklärt. 

*) Eine reihe von fSUen hat Georges im WOrterb. mid im Lexikon der 
lat wortformen s. y. zasammengestellt. 



Xerx08 und Artaienes. 



143 



VII) bemerkt, haben alle guten Cieero-liandschriften, ausser 
ToBc V 7» 20, xerses (oder exersesy So De rep* HI 14: 
xerm. — De off DI 48: xerseni Non-, xersen c, xerxmn rell, 
et ei (Müller; Xersem). De leg. II 26: xerses A, von Vahton 
p. 103 aufgenomman* 

Com, Nepos Tbemist 2, 4: xerses P. 

VelL Pat, n 33, 4: xersen ed. pr, et Anierb. 

Pomp. Mela II 28, p. 39 Parthey: xerses marg. G, xersem 
Blil, xerhen A, xerseni Vind. {xerxem CD Tz). 

Bei Seneca Suas. sdireiben Bursian (1857) und KiessEng 
(1H72) xerses. 

Lucanns n 672: xersem xersen (sersem) boni codd,, 
tersm^) V. 

Curtius X 6, 14: xersm LV, 

Plinias Epist ed* Keil, HI 7, 13: xersen F, Xersem 
pr* {xerxen MVD). 

Gellius ed. Hertz XVH 21, 12: xerses QZXOJI, xerxis T, 

Flor US ed. Jalm p, 43, 15: xersen B; p. 44, 21 xersen B; 
p. 111, 2 dgl. 

Soli aus ed, Mommaeu p* 68, 18: xerds LX, xersys A, 
xersi CS (xerxi EKM, xi^rxi^ GP-); p. 77, 16: xerses C% 
ww H^ serxes M; p* 166, 8: ocerxes RN, irera^Ls LMG, xerses 
r^ui; p. 166, 9: xerxis EG, arer^pi NM, a^r^is H, xersi reliqtii. 

Seryius Comm. in Verg. Aen- ed» Thilo u* v. d. Hagen 
Vn 681: xerses C; VIII 728: xerses AS, serxes X, 

Entropins ed* Droysen VIH 23: xersen k. 

Sulpicins Severus Chron. ed, Halm II 14, 4: Arta- 

Arnobins ed. Reifferscheid p. 7, 21: Xerses. 

Martianus Capeila ed* Eyssenhardt p. 223, 17: erser 
(serjie BR, xerxe b); p. 226, 18: xerses r, 24 xersis r. 

Itinerarinm Aleiandri ed. Müller c» 67: xersiL 

AngilstiBus de dialect. rec. Crecelius p. 12: artax&rsen 
B 1, tartaxersen B 2< 

Ampel ins ed. Woelfflin p, 12, 12. 14, 1 Xerses in apogr* 
Sälmas, 

Cledonius, Keil GL, V 27, 32: xerses. — GL. SuppL- 
Bd, S. 325, 21 : xersis. 



>) Vgl. Frommmii zu HerboH von Fntil&r v, 4054, 



144 Paul KietBchmer, 

Lactantins Placidus Gomm. in Stat Theb. ed. Jahnke 
(Lpz. 1898) p. 481, 4: xeraes L Pb. 

VegetiuB r. milit ed. Lang m 1, 4: xems M VPA, 
xerxis iTD, aerxis G, serxes A. 

Orosins ed. Zangemeister n 9, 1: xersesljipDerxesYD)^ 
10, 1: oaersis LB {pcerxia R); 10, 3: xersi D; VII 18, 7: ocersen 
D {xerxen PK); 11 18, 1: artaocerses P; arthaxerses S ^ofro- 
xerxesD); ni 1, 1: artaxerses LP (^artoa^era^R); 1, 6: arta- 
xersis PED (-a:w L); 1, 7: artaxersen PR {-xen LD); 1, 25: 
artoeer^e» PR {-xes L). 

Passio S. Thomae ed. Bonnet p. 159, 12: Xerses. 

Anthologia latina ed. Riese 239: Xerais; 442: Xerses. 

Aach im mittelalter war die schreibang mit -s- die ge- 
wöhidiche. Leo, Historia de preliis ed. Landgraf (1885) 
B. 93, 14: Xersen. — Distinctio mnndi secandom Assaph 
hebreum (Or. a. Occ. n 671): Xersses. — Chronica minora 
ed. Mommsen (MGH., Anct. ant Xm 3), register s. 631 Xerses 
Beda, Liber generationis (neben Xerxes)^ s. 571 Artaxeraes 
(neben Ärtaxerxes). 

Jacobas de Cessolis (bei Eanr. v. Ammenh. ed. Vetter 
8. 43): Xerses HK {Hyerses GAE: verwechslang von x nnd 
y\)] Eanrat v. Ammenhaasen v. 995: Xerses H, ierses 
BZ; Pfarrer za dem Hechte (1355) ed. Sievers (Z. f. 
d. A. 17 8. 263): Yerses. 

Sächsische Weltchronik, MGH., Deatsche Chron. n 1 
s. 77, 38: Xerses. 

Anf dieser schreibang beniht aach der scherz bei Herb ort 
von Fritslar, anf den mich Edward Schröder aofinerksam 
machte, ed. Frommann v. 4049 ff. : 

Da was der kuziic vö moriftt 

Als ich ez gescribe fant 

Nent ich in daz were schände 

Auch hie in disen lande. 

Die frauwS verdechtö mich des. 

Ob ich in nente Xerses? 

War nmb solt ich in nicht n6n6? 

Mä mochte in harte wol erk€n6 

An siner manheit. 

Xerses wnrde von Herbort Zerses gesprochen nnd klang 
ihm daher an mhd. zers 'mentula' an. 



XenoB niid Aitaxerx^ 



145 



Seit der humanistischeü zeit wird, offenbar durch eiiifluss 
der griechischen Mio^i^g, 'A^Tati^lrjg^ die Schreibung mit 
*rx' die Übliche z. B. Hans Sachs ed. Goetze XXIII s, 188: 
Artea^erxeB (vgl. Herodots ltfpro|e|igi^c); Heinrich von Beringen 
(um 1300) (ed, Zimmermann BibL Litt. Ver, 166) hat durch- 
weg Xerxes, Kirchhof, Wendtimnuth II 18, IV 15 - 17: Xerxes. 
Es fragt sich nuE, ob mr ams der lateinischea Schreibung 
mit Crecelius auf ein verlorenes griechiBches *S£^of^g und 
**A^Tat,4QQ^g Bcbhessen diMen oder ob wir sie mit Birt (Sprach 
mm avTum oder aurnm s, 113) aus rein lateinischen laut- 
Terbältnissen erklären müssen. Das Lateinische vereinfachte 
nr, Ix zu TS, h: ursus aus ^urcsoi^ = skr. fksas^ torsi < *iorxi, 
fam, parsi zu farcio^ parco^ mulsi zu. mukeo und midgeo^ fidsi^ 
iibi zu fulgeOf algeo. In arx^ merx^ mlx^ fabc ist x nach der 
liqtiida geduldet oder der guttural wiederhergestellt durch 
dsfloss der casus obliqui. Das lautgesetzliche met^s findet sich 
ia Plautus-handschriften (Eitschl, Opusc. II 656). Nach dem 
^ammatiker Caper, Keils GL, VII 98, 10: cals dicendum nbi 
maceria est per ^, at cum pedis est mix per x (vgl Winter- 
fdd Hermes 33, 506 f*)* Dass die ausstossung des gutturals 
luch in fremdwörtem nicht vermieden wurde, lehrt das von 
Büi zitirte hehine Plin. N. H. VIII 101 ^ iklhtj. Es können 
lis^ allerdings Xerses^ ArtaxerseH im Lateinischen sekundär 
fliese ihre gestalt erhalten haben, die wir als die ursprllngtiche 
griechische zu vermuten haben. 

Anf griechische herkunft zu weisen scheint das proüie- 

tiscbe € der nebenform Exerses^ auf die Lachmann im commen> 

tar zu Lucrez p. 232 zuerst aufmerksam gemacht hat. Vgl. 

ferner Haupt Opuscula II 324. Vahlen zu Cic* de leg. p. 103. 

Varro L 1. VII p. 307: ^cerses cod. Flor* Cicero de. nat 

de. I 115; \d exerses A (e expuncta), ut ex^erses C. de fin. 

n 112; 81 exerses BE; de leg* II 26: exerses B (sed e primum 

erasum), exerses H. — Corn. Nepos Them. 4, 1: exm'ses V. 

Pomp. Mela II 28 p, 39 Parthey: exersm P, exerxmn G. — 

Servios Comm, in Verg. Aen. VI 68 1: e^ xerses M, exerses 

F; Vni 728: exerses L, — Solin us ed. Mommsen p, 166, 8: 

ut ei XffTBeB A aus ut exm%?es'/ vgl. Haupt a. a. o. — Clau- 

dianus ed, Birt V 120 p. 38: exej'se P, xersen V* f. In Meister 

Süphans (1346—73) mittelniederdeutscher Übertragung von 

Jacobns de Cessolis Schachbuch Excerses. Diese form erinnert 



Z«1«kM^ für wrgt. Spfmchf. N. F. K\ril. 1. 



10 



146 £• Schwyzer, 

lebhaft an Theopomps ilavguntjg für pers. ;^&i^apeitian-y 
l^arganfjq (G. Meyer' s. 339) und das dreimalige iiai9ganev~ 
ovTOQ der psephismen von Mylasa (360 — 55 v. Chr., Bechtel 
Ion. L n. 248) zn avest. söidrapaitL Nach der älteren ansieht 
(von Lobeck, Benfey, G. Cortias, Smyth n. a.) handelt es sidi 
hier um lautlichen vortritt eines e, während Weise Bezz. bdtr. 
y 90 volksetymologische anl^ong an die präposition ^ an- 
nimmt: hier^ konnte die schreibang Siaargancvwrog der 
unechten, aber (wie anfangs bemerkt) vermuüich auf einem 
echten original beruhenden Inschrift von Tralles geltend ge- 
macht werden^) — Trotz dieser parallele lässt sich indessen 
auch die möglichkeit nicht ausschliessen, dass Exenes sein 
überschüssiges e erst im Lateinischen erhalten hat, dem der 
anlaut x bekanntlich fremd ist: Lachmann verglich eoceram- 
pelvnas in den schol. zu Juvenal VI 519.') 

Marburg i. H., Juli 1899. Paul Eretschmer. 



Etymologisches und grammatisches. 

1. griech. Xaydg, 
Attisch Xaymg ist aus der volleren, noch in den homerischen 
epen erscheinenden form kaymog entstanden. Eine allseitig 
befriedigende deutung des wortes fehlt. Denn auch die jüngst 
von Prellwitz, et. Wb. d. gr. Spr. 173 gegebene kann daftlr 
kaum gelten. Prellwitz konstruiert mit hilfe von Xayeiog — 
einer bildung, die nicht vor der hellenistischen zeit erscheint, 
ausgehend von der vom dat sg. kaytf, gen. pL Xayäy aus 
analogisch umgebildeten form Xayog — ein mithin auf recht 
schwachen füssen stehendes ablautsverhältnis *Xay(o/oq: Xays/tog. 
Auch hinsichtlich der bedeutung befriedigt die von Prellwitz 
vorgeschlagene erklärung nicht recht: Xaymoq wäre doch zu- 

i) 0. Hofimanns erkl&ning yon i^ajqdnttg, i^tti&gtinas als lydisch- 
karischer formen (Qr. Dial. in 270) ist nur eine hjrpothese: im benachbarten 
Lykien sagt man x^saS-rapa. Man kann sich alienfidls auf die kleinasiatiache 
protheae vor anlautendem a + konsonant berufen, wie pamphyl. 'Eaikt- 
yiivs — Z^lytog, 'JarQttTtoy n. s. w. (Wochenschr. f. klass. Philol. 1899 
sp. 4 f.). Erinnert sei femer an das von HOsing, Die iran. EN. 85, be- 
sprochene elam. IkSerSa 'Xerxes'. 

*) Ahnlich eptolomeus Gesta Romanomm ed. Oeeterley n. lOS s. 286. 
Sonst wird das dem Lateinischen unbequeme pt- zu t- verein&cht. 



14T 

Eichst nur ein tier „mit weichen^, nicht ^mit ßchniäehtigeü 

ireichen^j wie Prell witz will. So mag der versuch einer 

anderen herleitung berechtigt erscheinen* Mit Prellwitz möchte 

kh die erste sühe in Eusammenh&ng bringen mit ki^yat, XmyuQog, 

Den zweiten teil des wortea verbliide ich dagegen mit attisch 

fäc dorisch cäf u. s. w.: Xayoaig wftrde also stehen fUr (sJlagmmoB 

^flftcds sarihua instructiia." Trifft diese deutnng das richtige, 

so ist ein name der tierfabel zum allgemeinen namen des 

lissen geworden, ähnlich wie der hahn den hahnenkämpfen 

der griechischen ritterzeit seinen namen verdankt (nach 

Kretßchmer, ZeitÄchrift 33, 569 ff.) und der äffe nach seiner 

k&iipteigenschaft, der hässlichkeitj benannt worden ißt {ni^riKo<; 

?tt laL foediis nach Solmsen» rh. M. 53, 137 ff.). 

2, lat* transenna. 

Bei behandlnng von lat, antemna, antenua nehmen die 
handbücher sonderbarer weise keine rücksicht auf das gegen- 
Stück tramemmj wodurch die herleitnng von antefina ans ante- 

I t^mi, die noch Lindsay, the Latin language 578 vertritt, zu. 

^kimsten der Verbindung mit wurzel ap vemnmöglicht \^ird. 

^^Der auf einen bestimmten, local oder social begrenzten ver- 
kelirskreis Wndeutende wandel von mn zu nn in den beiden 
Wörtern ist bezeichnend, wenn man ihre technische bedentung 
m aoge fasst. 

3. lat* cmmri. 
Wörter mit den bedeutangen „tun, machen, unternehmen" 
iaXbm gemeiniglich nicht ursprünglich einen so weiten he- 
deitungsumfang: derselbe ist vielmehr von einem engen be- 
friSskreis aus durch erweiternng und Übertragung auf andere 
Verhältnisse entstanden: als schi^nstes und zugleich am ein- 
dringendsten und anregendsten behandeltes beispiel mag auf 
die entwickluTtg von lat, (urbare zu rom, trovare hingewiesen 
werden, wie eben Schuchardt sie dargestellt hat (Wiener 
Shmiigsber. 1899, romanische Etyinologien U, bes* 54 ff,)* Die 
HTSprflngliche bedeutung ist oft aus der Überlieferung nicht 
metü" zu erkennen. Manchmal hat sie sich nur noch in formel- 
haften Verbindungen wie redensarten und Sprichwörtern ge- 
halten. Es kommt dabei wenig darauf an, ob eine solche 
formel schon frühzeitig oder erst in einem späteren Zeitalter 
der spräche tiberliefert sei. Auch in letzterem falle kann sie 

10* 



148 B- Schwyxer, 

doch bedeutend älter sein: ist doch gerade auf diesem felde 
die Überlieferung lückenhaft, während auf der andern seite 
das formelhafte in der spräche ein sehr zähes leben hat So 
mag denn die redensart contra fluminis tradum conari, obwohl 
sie nach den wOrterbüchem erst bei Augustin erscheint^ doch 
in eine recht alte zeit zurückgehen. Innere gründe sprechen 
ebenfalls dafür: mit der gewöhnlichen schulübersetzung von 
conari ist nicht durchzukommen; von der allgemeinen bedentong 
von cmari aus kann die redensart nicht gebildet sein. Matt 
braucht dagegen nur die deutsche Übersetzung der ganzen 
redensart zu geben, um die etymologie des wortes mit händen 
zu greifen: contra fluminis tracttim conari heisst i,gegen den 
Strom schwimmen,^ conari steht für cö-snari, zu (8)naref 
umbr. snata „umecta^, wie cöntMum für cö-snubium, zu abg. 
mubiti (nach Eretschmer), bedeutet also eigentlich „mit an- 
strengung schwimmen.^ Die mediale flexion kann sekundär 
sein, veranlasst durch Wörter verwandter bedeutung wie fnoUr% 
nitl In der redensart erstarrt hat sich die alte bedeutung 
gehalten : wollte man den eigentlichen wortverstand ausdrücken, 
sagte man schon in livianiscber zeit contra fluminis ictum eniti' 
Auf den hübschen kulturgeschichtlichen ausblick, den die vor- 
geschlagene ableitung gewährt, sei eben nur hingewiesen. 

4. lat. adidter, stuprum. 
Br^al's Vermutung (m6m. de la soc. de linguistique 4, 182), 
aduUer sei eine rückbildung von adüUerare, eigentlich „etwas, 
ein wenig verändern" (vgl. zur bedeutung von ad adunibrare) 
wie, um innerhalb des lateinischen zu bleiben, piiffna von 
ptignare, hat wenig anklang gefunden: wenigstens fehlt in 
den handbüchem adultero aus äd'(a)Uero als beispiel für 
dieselbe erscheinung, wie sie in facultas aus fdceüats vorliegt 
Die deutung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man sich 
erinnert, dass in stuprum, einem wort derselben begrif^phäre, 
das nämliche, für das sittenstrenge Alt-Rom bezeichnende 
bestreben uns entgegentritt, etwas den sittlichen anschaunngen 
widersprechendes nicht mit dem rechten namen zu nennen, 
sondern nur verhüllend anzudeuten: stuprum, zu stupere, ist 
von haus aus lediglich die „Überraschung, betäubung." In 
beiden fällen hat aber schon zu beginn unserer Überlieferang 
die nackte Wirklichkeit die schonende hülle durchbrochen. 



E^rmdogisrhefi und gnunTnaMRcheg. 



t49 



5, lat tahulü^ griecli. navi^, 

Lat tahula stimmt in der griindbedeutiing j,brett" und 

teilweise auch in der weiteren bedeutnngsentwicklung' („bretter- 

gortit") mit ^ech, nuviq übereinp Der Verbindung der beiden 

Wolter, die begrifflich ansprechend ist, steht lautlich kein 

hindemis im weg, Lat. tuhida lässt sich auf iwU-dhlü zurück* 

fikireu — tunbr. tafle erhebt dagegen wenigstens keinen ein* 

wand — ebenso Qavl^ auf t/uviq. Innerhalb des lateinischen 

stehen die sufflie -dhlö- und -ni- neben einander in pahubim 

neben püms. Freilich scheint taherna^ eine bildung wie cavei'na 

m c&miSj auf eine wurzel tab- zu weisen. Taberna ist jedoch 

in Terhältnismässig junger zeit von tabuh aus gebildet 

worden, wobei das Sprachgefühl das ursprangÜch suffixale b 

lur Wurzel zog. 

6. latp hacchanalj ltq>anc^. 
Es genagt die proportion baccha: bac€^baiml=lupa: bipatmr 
anfzustellen, um zu wissen, was obige zusammeustellung meint: 
xm\ Litpm'ciis wird Lupercal, von calx cakar gebildet: wo 
dagegen auch im abgeleiteten wort das weibliche gesclilecht 
notwendiger weise zur geltung kommen muss, legt man eine 
dorch ein *^sufifix erweiterte Stammform zu gründe. Die Ver- 
wendung eines «-suffixes als stütze der femininbildung kehrt 
in andern indogermanischen sprachen wieder: es sei hingewiesen 
auf ai. am neben ^-stammen, worüber E. Leumaun, Ztschr: 32, 
294 ff, gehandelt hat, und griech. Xvuaiva neben Xv^og, got. 
Saurini neben SaÜTf aisL as-ynja neben as-s^ abg. bogtfnß 
ireben boffii bei Brugmann, grdr, 2, 315 f. Stehen diese er* 
schein ungen auch nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit 
einander, weisen sie doch dieselbe cntwicklungsricUtung auf. 

7. griecL anv^Qni;. 
Das wort schliesst sich der bedeutung nach eng an ^yti^o^itai 
m\ eine etwas andere richtung hat die bedeutungsentwicklung 
m mi^at (T3ei;?aa> genommen. Nach der lautlichen seite ergiebt 
kHcfa eine kleine schwaerigkeit, die jedoch nur erkannt zu 
^^hxden braucht^ um auch gleich die lösuug erkennen zu 
I lassen. In nnvdfir^g wird man eine bildung mit -^(7og zu finden 
erwarten, wie lilfi^{m^^ i^^i^^^ ^^ ^i ^- s- ^- Geht man von 
(TittiJ- auSf kommt man auf *G^vad^^o<;^ nach dem bekannten 
laotgeaet^. Und daraus ist mv^qig hervorgegangen, infolge 



150 0. N. HstzidskiB, 

ferndissimilation des säbenanlautenden Spiranten. Dass dieselbe 
progressiv verlief, eiilärt sich ans dem einflnss der verwandten 
Wörter oxvl^a, axvl^ofAai. Man braucht somit nicht mit Prell- 
witz, et. Wb. d. griech. Spr. 291 eine wnrzel auf dh neben 
der auf d anzunehmen. Der bedeutung nach wttrden sich 
ansprechend angliedern lassen axi/dvog und axiXal^, als Junge, 
leicht reizbare tiere:^) zur beurteüung der lautverhältnisse 
scheinen jedoch sichere analogien zu fehlen. Doch mag ich 
folgende Vermutung nicht unterdrficken. axvfivog könnte ans 
"^axvSfivog hervorgegangen sein, also dem jo-präsens axvSfiahw 
am nächsten stehen. Ähnliche lautverhUtnisse liegen vor in 
XaifioQ (das wegen x^'*^^^ neben x^^f^^^ ^* ^« ^- lucht mit 
Prellwitz a. a. 0. 173 aus *kafijog hergeleitet werden kann) 
neben Xattfia: in letzterer form ist vor ,nasalis sonans^ wie 
in axvS/xalva die gruppe dental -h f^ erhalten geblieben, in 
*XaiTfiv6g ist zunächst wie in axi/Ävog vor -/ävo- der dental 
geschwunden, dann aber noch ^y vor dem betonten vocal zu 
fi vereinfacht worden (s. J. Schmidt, Kritik 120). Um von 
axvS aus zu axvXal ZU gelangen, muss man einen unter ge- 
wissen betonungsverhältnissen leicht denkbaren voi^eschicht- 
liehen Wegfall des dentals vor der sufiBixalen silbe Xax annehmen. 
Ein zweites beispiel dafür därfbe sein (pvXal^ aus bhudh-U^ zu 
ntvdofiai u. s. w., also eigentlich der ausspäher wie nBvdi^r.^ 
Zürich. E. Schwyzer. 



Zur Chronologie der gr. lautgesetze und zur 
sprachfrage der alten Macedonier. 

Es ist allgemein bekannt, dass die lautgesetze sowohl 
örtlich als zeitlich beschränkt sind. Daraus resultiert aber 
notwendig, dass einige davon älter als andere sein und dass 
die älteren oft die grundlage der jüngeren bilden müssen. 

Die baltisch-slavisch-germanischen wOiter, mit denen Prellwitx a. a. o. 
und andere axvlit^ verbinden, gehen alle vom begriff „bellen* aus, der in 
den griechischen wOrtem nicht zom Vorschein kommt. Auch bezeichnen diese 
nicht nar einen jnngen hnnd, sondern ein jnnges tier überhaupt 

>) Die reiche bedeatnngsentwicklnng von wnrzel bhudh in den idg. 
sprachen erklärt sich wohl am besten, wenn man als vermittlang naofgerichtst, 
d. i. gebietend oder wachsam, spähend dastehen" annimmt. 



2iir ebronologie der gr. lau^ 



m etc. 



tßl 



So ist z. b. das latitgesetz des Schwundes von s, j^ / die grund* 
li^e der contractionsgesetze im Gr. In bezug auf dieses Ver- 
hältnis erlaube ich mir, hier ein paar lautgesetze näher in's 
mgB zu fassen und daraus einen scbluss auf den charactar 
deg Macedonischen zu ziehen. 

Dia Umwandlung der tönenden aspiratae in die tonlosen 
(bhf dh^ gh in nM^ ^H^ nH^ <p ^ x) ^^^ iu einer sehr alten 
fit stattgefunden, und das lautgesetz, wonach diese umwand- 
hng geschehen ist, bildet die basis für eine reihe von laut- 
pseAzen des Gr* Ich will es deshalb das gesell yl nennen. 

Das lautgesetz nun^ wonach x, x^ t» ^ ndt folgendem i 
m CO {trX y and 6 aber mit % zu ^ (Sä) zusammengeschmolzen 
and, ist jüngeren datums als A, deswegen haben wir ^iaani; 
tftB ig, medhios mittelst methioSf B^aaam aus ig, dhraghiö 
mittelst thrak^iiö, ^utTtrow aus ig, dliangkiön mittelst 
ihankJiion u. s. w. Der hauch der aspiratae scheint gerade 
so bei ihrer Verschmelzung mit j als bei ihrem zusammentreffen 
tBit IT zu I v/ verloren gegangen zu sein; also wie ^p/|, ^(><l^, 
^^i^t *5t*> U* ß, W. so auch ftitjaüg, d^paüamj ilafTümi% däGuov 
IL s, w* Dieses lautgesetz nenne ich B. 

Jttnger noch als die beiden ^ und B ist das lautgesetz 
der labiaUsierting und dentalisierueg (F) ; denn nur so lassen 
sich begreifen pbänomena wie vi^m neben vi^pm yiQvtßa, neaom 
ß^ben jii}f/ta nintiiVf oaoB neben onmna üina, üotra neben /snog, 
ki&amfiiv ' iiomtiv neben Xtintü u. s. w. Und ebenfalls jünger 
all yf und ^ ist auch das lautgesetz der disaimilation im Gr. 
(J), wie man sich leicht aus der betrachtung von erschelnungen 
wie ^guaaca aus dhraghiö^ ^aoaor aus dhanghion und dg). 
Ikrzeugen kann. Denn wäre das lautgesetz J älter als B 
»a würden wie notwendig TQuanm rmnanv, aus thrakkiö tra- 
ttiö T^ia^^f und thmik}do7i tankion *TäfT(jov vor uns haben; 
oder wäre es älter als ^, so hätte sogar «^(^a^tD Sä^ov aus 
ikmghiö draghion gesagt werden müssen. 

Die daner dieser lautproeesse können wir natürlich auch 
oieht approximativ bestimmen; wir wissen also nicht, ob sie 

aui' Jatirhunderte oder sogar auf Jahrtausende ausgedehnt 

sn. So riel scheint mir aber doch sicher zu sein, dass 
TOT dem eintreten des lautgesetzes B^ und natürlich auch vor 
dem des A. die gr. spräche noch den i-laut in voller aus- 
delmung besass; also immer noch älios^ methios, pedios^ thß- 



1Ö2 Gl' N. Hateidakis, 

lankhiß, glokhia, /oquia, oquie, prakiö, Kretia, phüeiö, phareio, 
antaio, niguiö, pewiö, quotios u. s. w. u. s. w. gesagt wurde. 
Und zieht man ferner in betracht, dass der i-hiatos mit dem 
«-hiatas stets band in band gebt, so darf man mit grosser 
sicberbeit scbliessen, dass man damals ancb 8eq%€9ai, genesos 
genesa, dttsgenesos, elegeso, vesar, ntisos, müsos^ pesas, pOsos 
u. s. w. gesprochen bat. Natürlich ward damals ancb thiüiemi, 
thetheka, phakhüs, phäkhus, khephälä, thrikha, threpho n. s. w. 
gesprochen; also mit Plato (Eratyl. 421 d) zu sagen oviip 
d'avfxaajov av ii9j, ii i) naXaia qxavij ngog t^v wvi ßagßaQiX^g 

fxtjdh diatfign, d. b. wir bekommen auf diese weise ein sprach- 
bild, das yiele Jahrhunderte, ja Jahrtausende älter als Homer 
gewesen sein muss.^) 

Nun lassen sich aber alle diese lautgesetze und mitbin 
auch dies höchst altertümliche gepräge auch in echt make- 
donischen Wörtern nachweisen. Vgl. ghebhalä und ghebhlä, 
woraus nach dem lantgesetz A khephälä khephlA und nach J 
kephalä kephlä »itpaXd '^»sqfka, woraus später im Makedo- 
nischen »ißaXa KißaXi:voq »eß'ka geworden ist. Hätte das Laut- 
gesetz A in diesen Wörtern nicht stattgefunden, sondern nur 
das J, so würden wir notwendig, nach dem wandel der asp. 
ff), & in b,d im Makedonischen, ysßaXa ysßXa yBßaXivog haben 
(über die form yaßaXu^ die ohne ethnikon bei Hesycb über* 
Uefert worden ist, vgl. A. Fick B. B. XXIV 298). Dieselbe 
bewandtnis wie mit xeßXu hat es auch mit anderen maked. 
Wörtern wie xaXt&og, ndx^Qh XaXxag St. KaX^ct^' 

Femer beweisen makedonische Wörter wie 'Aigonog, Jbv- 
Qionog oder /JfovQionoq, EvQionog, IdXfiöinig, Ilvdva, inr^ßoXoq 



Diese betrachtungeD, die sich, wie ich denke, auf feste spracherschei - 
nungen stützen, erlauben uns nicht, mit Kretschmer, einleitong s. ]56> 
anzunehmen, „dass nichts im wege steht, ihn (sc. den flbergang der 
tonenden aspiratae in tonlose asp.) für verh&ltnissmässig jung anzusehen. 
Denn er ist bis in die historische zeit noch in geltnng: das zeigt der Über- 
gang von d + A in ^ ("" th) in den inschriftlichen oOd^ ol (IV jh. v. C!hr.) 
für 0^^ olf ovd^iii ftijd^ds = oödli^f fjui^Us, in Jt^vgufiqiog, Buf^tid^idiig, 
BuiQod^fos auf vasen (verf. griech. vaseninschr. 152) aus Jid^vQaft^os, Tv^u- 
JiJ/jg, JiüQÖ&fog durch vulgärdialektische Übertragung des hauches." Es ist 
mir undenkbar, wie ein so alter lautprocess, wie der wandel der tonenden 
asp. in tonlose asp. gewesen ist> nach einem so gewaltigen Zwischenräume 
wieder im IV. jh. v. Chr. hätte auftauchen können und wie er sich dann «of 
ein so kleines gebiet beschränken dürfte. 



Zur Chronologie der gr. lacLtg^satx^ $to. 



153 



fe), Kongia (Kaibel, Epigr. S13) und in einer Inschrift 
aus Thessalonike (et Ad-^yä XII s. 92), KoTtQvlog aus Edessa 
ebd. s. 86 und Kon^ia^ (o) aus Thessalonike ebd. s. 92, alles aus 
Makedonien; nh^a^ Tlij^nilanQ^ Tifiamiitiag, Delph, üisdirifteni 
Baunack 2502, 74, TifuonlBr ebd. 2763 (vgl verf, in U&^pa 
XI 250)j dass auch das lautgesetz F ini Makedonischen ein- 
gewirkt hat. 

Endlich beweisen diese Wörter, die eine labiale oder den- 
tile stÄtt einer gutturalen haben, wie auch andere, die einen 
verschlusslaut statt eines Zischlautes in den satem-sprachen 
aufweisen, z* b. Atful^ ingia^ ingowoi^ "Aü^tovoQj Bauuack 

a. a. 0* 2504, J?£iXu)f|)0^j agftG7iov<;^ ^A^yuto^f xaSagoyf xalt^og^ 
Ku^aßt^g^ Kttpavog, Ki^ütvvoq^ KXmvd^oQ C. I. A. I 42, Kon^ia, 
Ki^gafog^ KoQ^atogj Koagdragj Aüfüq^ Aiaygog C. L A. I 42 j 
Mumitui, Mai<£66v€Q, MLtjymv C, I, A. a. a, 0,, H^Xvnigxtov^ 
^i^mv, dass der makedonische dialekt zu den centum-sprachen 
geJiörte und demnach schon in proethnischen Zeiten mit dem 
Gr, übereinstimmte, dagegen vom lUyrischen, Thrakischen, 
Phrygischent Slavischen u. s. w* stark abwich (vgl veif. in 
A^vä XI s. 143 «.y 

Man verbinde nun diese sprachlichen beweise mit der 
Eacbrieht Herodots I 56 „*Eni Jdgov xai '^Eklt^vog (olxfi to 

H '^hriatttiTty ' in 6^ rrjg ^IfiTtaicottdog mg i^uvEarf^ vno KaSptfi- 
mtf üini$ iv TlivStü Mtiitiiyoy nakiofiivoy ^ und VUi 4B (oi 
Aaxi^atfiiviOi j KogiyS^tfitj ^ixvdytoi^ ^mSavgtmj Tgot^tjViOt 
iaT^etjivovTo) iomg ouTot ääm^ixov Tf xai Maxsiyoy id^og, 

md ziehe fenier in betracht das, was Ulr. Köhler in den 
sitEungsberichten der Berl Akad. 1897 s. 270 gesagt hat: 
„dass in dem mittleren tiussthal des xArios, welches im be- 
ginn der geschichtlichen künde päonisch ist, eine anzahl von 
fttädten, Atalante, Eidomene, Gortynia, Europos altgiiechische 
naanen tiihien. An die stadtnamen am Axios reiht sich süd- 
wirts im binnenlande der Bottiais Ichnai, weiterhin in Pierien 
an der thessalischen grenze Dion, in der zeit der makedonischen 
herrschaft ein berühmter sitz des Zeuskultus, an. Bei einer 
nnbefangenen betraehtung ist der schluss unabweisbar, dass 
die gebiete zwischen Thessalien und dem Asios einstmals 
griechisch^ d. h. von den hewohnem der halbinsel im süden 
n^e verwandten stammen bewohnt gewesen, und in einer 



154 Edwin W. Fay, Prometbeiu in India. 

jüngeren periode von thrakischen, von norden her vordringenden 
Stämmen Überschwemmt worden sind, während die vorfahren 
der Makedonier, der späteren herren dieser länder, in ihren 
sitzen im gebirgslande von der inyasion verschont blieben.^ 
Und weiter noch die recht alte (schon im 3. jahrtaosende v. 
Chr. erfolgte) auswandemng der Phryger nach Kleinasien (vgl. 
Eretschmer, einleit. 181 : „Wir können demnach mit ziemlicher 
Sicherheit erschliessen, dass die wandernng europäischer stamme 
nach Eleinasien bereits im 3. vorchristlichen Jahrtausend ihren 
anfang genommen hat . , .^). Wenn nun die aus ihren sitzen in 
Makedonien und Thrakien verdrängten Völker, statt nach Süden 
in die ihnen zunächst liegende fruchtbare thessalische ebene 
auszuweichen, sich nach osten längs der ganzen küste des 
thrakischen meeres bis nach Eleinasien geschoben haben, dann 
müssen sie im Süden bereits ein volk vorgefunden haben, 
welches ihnen eine einwanderung unmöglich machte. Nun ist 
es ja an sich glaublich, dass die in historischer zeit südlich 
von den phrygisch-thrakischen stammen sitzenden Griechen 
vor jenen hergegangen, nicht ihnen gefolgt sind. 

Zieht man alles dies in betracht, so begreife ich wirklieh 
nicht, mit welchem rechte man sich immer skeptisch gegenüber 
dem griechischen Charakter des makedonischen dialekts und 
mithin der griechischen abstammung der Makedonier selbst 
verhalten darf. 

Athen. G. N. Hatzidakis. 



Prometheus in India. 

It is now more than four decades since A. Euhn's essa;^ 
„Die Herabkunft des Feuers etc.,^ was published at Berli::a 
and the gratified acceptance scholars gave to the suggestä^ 
that the Greek fire-bringing god, Prometheus, was a persoiM 
fication of the fire chuming-stick of the Hindus, pramant^^ 
has gradually yielded to a verdict of „possible" firom mjf^^^ 
logists of the naturalistic school; while even this verdict JBr 
fallen into disrepute with almost all other scholars. 

Inasmuch as the form pramantha is not cited save Iml 
a commentator to a Qräuta Sütra, tho manffianam, of ^^ 
drilling out of fire, is a good Sütra word, it is very opeB- 



Jolmmtee Sclnmdt, E^ergt^caf. 

qnestioii whether anj explielt connection should be assumed 
|0 eiiÄl between tlie ^vords ander discussiou, It is further 
to be Qoted that the Sanskrit root manth' in composition with 
pffh seems not to liave beea nsed to describe the proeess 
rf flre-drUling, tbo both the simple verb and other of its 
compoimds ara so nsed. 

I am unfortunately unable to consult a copy of Kühnes 
I88ay, bat he seems, judging by the refereuces to bis essay 
at my eoraniaiid, not to have noted the following, 

In the Qatapatha Brähina^a legend of the spread of fire 
aoil civilisadon (i, 4, 1, 10 seq.), the Are for-aU-men, Agtn 
Yüi^anara, is said to ha%^e been carried along in the month 
of one Mathavaj king of Yideffha. It is very cnrions, surely, 
^hi in tbis legend the name of the bringer of fire to man 
('orresponds so nearly to the name of the Greek flre-bringer, 
Prümetbeus; -nmthavas to -jLtfjd^evg^ if I may discard the pre- 

8itpposing the name *MTj^ivg to have existed in primitive 

Öreek as the name of a beneflcent being who had cleverly 

Stolen fire frora the gods for men, its connection in the Greek 

^nd with ifia&i *knowa' in the sense of "the knower** was 

^ mDst natural association of ideas, nay almost inevitable 

'ipijD the disuse of the kindling-sticks, and the disappearance 

^f any cognate verb with a clear sense of "drills fire." The 

stilgequent expansion of *Mi^^*i'f to lipo- and "Entfu^^evg rests 

^Mx ilie simplest of psychological processes. 

Edwin W. Fay, 

I Austin^ University of Texas, 
Feh. n*^, 1900. 

EspergUcor (expergisceret Pompon, 5 Ribb. com.) verbindet 
^^in mit pergo. Diese Verbindung hat zwar schon das römische 
'^olk selbst hergestellt, indem es ea^errectu^ oflenbar nach dem 
"Vorbilde von pen'ecttis schuf, dennoch kann sie wegen der 
^Meatnngen nicht nrsprünglich sein. Lassen wir die glosse 
P^gerr dicebant expergefacere Paul Fest. p. 265 Th. einst- 
weilen bei Seite, In der litteratur bezeichnet pergo die fort- 



Expergiscor, 



156 Johannes Schmidt, Erpergiaoor. 

dauer einer und der selben handlang oder des selben zostandes, 
dagegen experglscor gerade den Wechsel zwischen den gegen- 
aätzen des Schlafens und wachens. Letzteres kann aus 
*eX'per'gri8cor entstanden sein, indem das zweite r wegen 
das r der vorhergehenden silbe unterdrückt ward, wie in 
praestigiae, inaehdU pera'ehuit u. dgl. (s. Bücheier Fleckeis. 
jbb. 105 (1872), 109 ff., Loewe prodrom. 92, Lindsay lat. spr. 
s. 109). Wenn sich neben diesen dissimilierten formen die 
älteren praestrigiae, iyici'ehndi u. dgl. noch in der flberliefenmg 
erhalten haben, so beruht dies auf einwirkung der yerwandten 
stringere, praestringere {praestrigias praestrinxit Caecil. 209 
Kibb. com.), er eher, während expergiscor^ von aller Verwandt- 
schaft entblösst, schutzlos der dissimilation endgiltig verfiel, 
welche hier sogar von zwei selten, dem r der praeposition 
und dem der passivendungen, zugleich bewirkt ward. Machen 
wir diese annähme, dann deckt sich der angesetzte stamm 
*'grl8Co- lautlich und begrifflich mit dem oben (s. 34) be- 
handelten abaktr. -yrisa- in fra-yrisamnö 'erwachend' und 
findet so anschluss an skr. ja-gär-ti *wacht', gr. eyngw. Wie 
zu ohllvlscor das part oblivittis, ohlitus (Solmsen stud. 118), 
so gehört zu experglsc&r das part. expergXtus, bei Lucil. Lucret. 
und in später latinität belegt (Neue IIP 571, Corp. glossar. 
VI, 417). Das von Paul. Fest, überlieferte pergere mit der 
bedeutung ^expergefacere' kann aus diesem partidpium er- 
wachsen sein oder auf einer alten transitiven nebenform *pergro 
oder *pergreo (vgl. abaktr. fra-yratö *beim ei-wachen', oben 
s. 34) beruhen. Nach dem vorbilde von pergo 'fahre fort' : 
peyrechis und eocporgo Paul. Fest. p. 56 Th. : edcporrectus 
ward endlich zu pergere 'erwecken' und expergiscor das ge- 
wöhnliche part. experrectiis geschaffen. Die i)raeposition per 
bezeichnet die Vollständigkeit wie in perarescere u. a. Nach- 
dem sie in *pergiscor verdunkelt war, trat noch ex davor; 
vgl. einerseits ex-porgo, ex-mrgo, andererseits Italien, s-vegliare, 
frz. e-veiUer, i^-eysioto. Johannes Schmidt. 



Studien ziu* GeHcUiclitt» 

Griecliisclien Alphabets. 

'V*MI' 

A. KlrcUliun'. 



fluM' illf Kii1sfi»liinmsziif 

fleriHlotisclieii (iescliiclitswerkes. 

Kwi^l iilr4ideaiitM«'bü AVitiautUnii&f^fii 

rrti* 

A. Elrcliliiilt 



Ulythologisclie Studien. 

Vau 

Afliilhert Kiiliii. 

Brstor Biiid: Die Hirabkimtl d^ fmm und dat G < ^i 

1 y»*TfM, s^iJtüi-;. i \i 



Itdtriige Kur Pali-diraniniatik. 

KrtiM IV. A. Kuhti. 




I ^ijti t I n tif lU'H 



Die Christenverfolgungen der Cäsan 

ins mm X XnhrhmuleH 



Oltci Ilarrnjisifitvitje In lirl|tyj|ir. 

SpeehlhurhtutmiliiHii für fMfffmsM\ 






Aftkaiif tjanzer Bibliotiieken 



Eine wortgnippe bei Verrins Flaccus. 

1. lat. andruare redandraaj^e, 
M. Verrius Flaccus, der berühmte lehrer der eiikel- 
kinder des Augustus, veifasste ein umfangi'eicbes lexikou, 
das den titel de significatu uerborum trug. Hier sollten die 
gesammten ergebnisse, zu welclien die damal^e pbilologie 
auf dem sprachlichen und antiquarischen gebifte gekommen 
war, au einem orte und in übersiclitlicher form zusammen- 
gestellt geboten werden. Für dieses gi'ossartige werk sind 
wir leider nur auf eine trümmerhafte und indirekte über- 
liefemng angewiesen. Der vermutlich im 2. jh. lebende 
grammatiker S. Pom peius Festus machte einen auszug 
in 20 büchern, dessen letztere hälfte, von der mitte des 
bachstabens M bis etwa zur mitte des buchstabens V reichend, 
sich in einem einzigen codex, dem Farnesianus, mit einigen 
Unterbrechungen erhiüten hat. Aus dem werke des Festus 
fertigte später Paulus Pontifex, wie er sich selbst in 
seiner Widmung an Karl den Grossen nennt, einen weiteren, 
sehr ärmlichen auszug an, den wir vollständig und in mehreren 
handschriften besitzen. 

Diese kurzen notizen dürften zur Orientierung genügen, 
wenn ich daran gehe, die in je einem der genannten auszüge 
stehenden glossen andruare-antroare und redantruare 
hier etwas ausfiihrlicher zu erörteni. Im hinblick auf die l)e- 
Mdiaffenheit der Überlieferung empüehlt es sich mit der 
letzteren glosse zu beginnen. 

Festus 270, 32 redantruare dicitur in Saliorum exul- 
tationibus: cum praesul amptruauit (cod. praesulam piruauit), 
quod est motus edidit, ei referuntur inuicem idem motus. 
Lucilius: praesul ut amptruet (cod. ampiruet) inde uulgus 
redamptruet (cod. redamplauit)^). At Pacuuius: pro merenda 

*) Üio herstcUung dieses fragmentes ist noch nicht sicher gelun^fcn. 
Locian Müller bietet: praesal ut aniptraot hliic, ut uulgus re(lam]itruet inde, 
Lachmann: praesul ut amptruet inde. ut uulgus redamptruet inde. Für den 
Mhlass Icami wegen des von Nonius gebotenen und unten anzuführenden 
textes kein zweifei obwalten. "Welches woii aber nach anijjtruet gestanden 
hat, i«t eben die frage. tJber die ansieht Otfried MüUer's, dass das citat 
mit oliixn endigte, wird gleich zu sprechen sein. 

ZirttMhrlft fUr T«rgl. Spncbf. N. F. XYU. 2. H 



158 0^ Lagercrtntz, 

(cod. proaerenda) gratia simal cum uideam Graios nihil medi- 
ocriter redamptraare opibosqae summis persequi. 

Laut Festus hat mithin antniare die bedeutong 'motns 
edere' d. h. 'tanzen' und redantruare die bedentung 'motos 
referre' d. h. 'wieder tanzen, tanzbewegungen wiederholen'. 
Ferner erfahren wir, dass die verba speciell in den tänzra 
der Salier Verwendung fanden. Dies wird gleich durch ein 
citat aus Lucilius belegt, wo eben von den Saliern die rede« 
ist Darauf folgt nun ein citat aus Pacuyius. Dass sicha 
redantruare durch motus refen'e hier nicht wiedergeben lässt^ 
liegt ja auf der band. Obgleich man es aus dem angeführten: 
texte des Festus nicht erraten kann , ist doch ffir eben dieam 
stelle im altertume eine andere bedentung aufgestellt wordec 
Den beweis liefern die folgenden glossen: C6L V 478, 5^ 
redantruare gratiam referre gl. aa und CGL V 609, L-i 
redandruare gratiam referre gl. Scaligeri. Bei der aurj 
legung gratiam refeiTe 'vergelten^ wörüich 'gunst zurflcCi; 
erstatten' wurde offenbar redantruare mit den vorausgehende. 
Worten pro merenda gratia *fllr die erfahrung von gunsf 
enge Verbindung gebracht. Gegen diese Übersetzung ist k: 
haltlich, auch von unserem Standpunkte aus, gar nichts ec^-s 
zuwenden. Um so grösseren grund dürfte man dann hab^» 
sich auf das urteil der antiken erklärer zu verlassen, ^ 
doch die stelle in dem gehörigen zusammenhange lasen. Nf^= 

Lucian Müller De Pacuuii fabulis 21 ist die mutmasslic ; 

Situation diese: Chryses zaudert, ob er die griechisctiaK 
flüchtlinge ihrem Verfolger ausliefern soll, besinnt sich SiWtDe 
darauf, wie die Griechen eine Verletzung der gastfreundsciB. ^ 
durch den trojanischen krieg rächten. Unter dieser vonLWfl 
Setzung ist natürlich gratia ironisch gemeint. Gilt es rmai 
die bedentung gratiam referre mit den übrigen bedeutungr^- 
dieser sippe, die teils schon begegnet sind, teils unten 1>^ 
gegnen werden, begrifflich in einklang zu bringen, so dftnl^ 
mich die annähme am wahrscheinlichsten, dass Pacuvi'«^ 
redantruare in einem von den tanzen der Salier übertragen^ 
sinne gebraucht hat. Der gedankengang liesse sich in dies^^ 
falle etwa so ausdrücken: wenn jemand in der bezeugu^' 
von gunst bezw. feindseligkeit den praesul macht, so betrafiT^ 
sich die Griechen auf dieselbe weise wie der häufe ^^ 
tanzenden Salier, die die bewegungen des praesul naclimacl«^^ 



Eine wortgnippe bM Verrius Flaccus. 



nad iini auf den fersen folgen* Dass die ilbertragiing, zumal 
ia diesem zusammenhange, einer gewissen kühnheit nicht ent- 
behrt^ muss vielleiclit eingeräumt werden. Aber daraus er- 
wachsen nus keine seliwierigkeiten , weil Pacuvius wegen 
Sonderbarkeiten in der diktion bekannt ist Die auf die 
fragliche stelle und der eigenartigen Verwendung wegen nur 
Mif sie bezügUche erklärung gratiam referre ist indessen dem 
Verrios nicht fremd geblieben. Denn unter dem lemma 
Äiiiroare findet man bei Paulus giatias referre. Wie eine 
erklärung des kompositums unter dem lemma des simples zu 
iiehen gekommen ist, wird unten des näheren besprochen 
werden. In der that fehlt es nicht an einem äusseren au- 
reichen dafllr, dass Verrius dem citate aus Pacuvius die 
criclärung gratias referre vorausschickte» Denn dieses wird 
ja durch die worte At Pacuuius eingeleitet. Für die var- 
bindmig des at mit dem folgenden sind Corssen Krit Beitr, 
145 und Lucian Müller zu Nonius eingetreten* Dagegen ' er- 
blickte Otfried Müller in dem at die verschreibung oder Ver- 
stümmelung eines am ende des citates aus LucUius stehenden 
oUiia, was aber höchst unwahrscheinlich ist^). Ferner be- 
obachten wir, dass Paulus gratias refeire, dagegen die glosse 
aa und die Sealigerglosse gratiam referre bieten» An und für 
sich würde der unterschied von sehr geringem Interesse sein, 
Wtil beide ausdrücke thatsachlich in gebrauch waren. Nun 
b^egnet aber in dem zu erklärenden texte der sg. gratia 
fpro merenda (jraüa). Dann dürfte die Vermutung ziemlich 
^ahe liegen, dass Vemus gratiam referre, den Wortlaut der 
^ten kommentare zu Pacuvius, in gi^atias refen^e auf grund 
^^r vorausgehenden und gewissermassen parallelen ausdrücke 
*>i€(tiis edere, motus refeiTe verändert hat. Die frage, ob das 
^fehlen der auf das at folgenden worte gratias referre auf die 
^^huuug des Festus selbst oder nur auf die nachlässiger 
^Iflclireiber gesetzt werden darf, sehe ich keine möglichkeit 
^Ti entscheiden* 

Eine sehr gewichtige quelle, um den einstigen inhalt des 
Artikels bei Verrius zu ermitteln, ist Nonius 165, 16 redan* 
^ruare redire. Lucilius üb, VHH: ut uulgus redandruet 
^äe. Pacuuius Chryse: Graios (codd. Graecos) nihil medio- 

') Attf d«£) yoratiagiehende scheineu auch Lachmaau zu Lacll. und 
■W^ck tn P«:uv. d«ä at beziehen lu wöUen. 



160 Otto Lagercrantz, 

criter redandruare. Festus und Nonius stimmen insofen 
überein, als dieselben dichtercitate und zwar in der gleichei 
reihenfolge herangezogen sind. Und diese fibereinstunmunj 
erweist sich bei näherem zusehen als gar nicht zufallig. Pau 
Schmidt De Nonii Marcelli auctoribus grammaticis 41 ff. 67 i 
78 f. 93 ff. 114 ff. 130 ff 140 f. und bes. 144 ff. verzeichne 
eine ganze menge von glossen, in welchen Nonius mit FesUu 
bezw. Paulus hinsichtlich der lemmata, interpretamente unc 
autorenbelege zusammengeht. Aus diesem Verhältnisse ha 
Schmidt. mit vollem recht die folgerung gezogen, das Nonim 
oder genauer seine vorläge von dem werke des Verrius ab 
häugig ist. Schon deswegen würde man vielleicht kein be 
denken hegen, auch diese von Schmidt nicht erwähnte glossi 
des Nonius auf denselben Ursprung zurückzuführen. Aber das 
beste beweisstück steckt doch in dem interpretamente redire 
Hierzu passt augenscheinlich keines der angefülirten citate 
Infolge dessen hat man zu Verbesserungen seine Zuflucht ge 
noiiimen. Merula versuchte mit resilire. Dies weicht abö 
von dem überlieferten redire ziemlich \iel ab und dürft 
ausserdem schwerlich geeignet sein, das wort bei Lucilin 
wiederzugeben. Am rande in der ausgäbe des Nonius vo 
Junius hat femer ein anonymer gelehrter reddere vorgm 
schlagen. Wenn Quicherat zu Nonius reddere mit refer« 
inuicem bei Festus vergleicht, so lässt er das dort liinz^ 
gefügte niotus ganz eigenmächtig aus dem spiel. Gegenüb ^ 
der bestimmten Versicherung von Luciau Müller De Pacu«. 
fabulis 21 , dass redandruare bei Pacuvius den sinn redd^ 
hat, begnüge ich mich auf die obige darstellung zu verweise 
Diese jetzt so beliebte Verbesserung wüsste ich nur durch c3 
annähme zu rechtfertigen, dass Nonius aus motus referre ii-i 
gratias referre die allgemeine bedeutung referre oder, ^^^ 
damit eins wäre, reddere herausgeklügelt hätte. Aber ci 
verfahren des Nonius im übrigen bietet hierzu meines wiss^ 
keine parallele. Alle änderungen des von sämmtlichen hax^i 
Schriften gebotenen redire müssen jedoch entscliieden zurtt^^ 
gewiesen werden. Denn redire lässt sich mit einer v^^ 
Verrius vorgetragenen erklärung in schönen einklang bring"^ 
Unter dem lemma andruare begegnet nämlich bei Paii-1 
recurrere. Das Verhältnis ist hier dasselbe wie oben t 
gratias referre. Ich brauche wohl kaum daran zu erinn^^ 



Eine wortfrappc hm Vtrrius Flaccns. 



161 



cl^i^ss dei' unterschied zwiechen rpcurrere *ziirticklaufen' und 
, jTt^ire ^zniückkehren^ unerheblich ist und von dem lateinisclien 
' »praeJjgeb rauch sehr oft nicht beobachtet wird. Mt einem 
»elilage fällt dann licht auf die Sachlage. Nonius geht auf einen 
Artikel des Verrinn znriiek, dessen verlauf man folgen derraasseu 
skizzieren kann : I . redire, 2. motus referre, 3, gratias referre. 
Koniös begnügte sich mit der gleich im ein gange stehenden 
1. beilentung, liess aber die 2. und die 3. ohne weiteres weg* 
Die titt^ratnrbelege schienen ilim jedoch so wertvoll, dass er 
sie. ob&chon in stark verkürzter gestalt, herftbernabm, Dass 
der znsamnienhang hierdurch geschädigt wurde, hatte fiir 
einen mann wie Nonius selir wenig zu besagen. Sein haupt- 
ziel war ja kiirze um jeden preis* Bei Festus findet sich 
dagegen von der L bedeutung keine spur. Aber auch in 
einer anderen hinsieht erweist sich Nonius trot^ seiner dürftig- 
keit als vollständiger denn Festus. Bei jenem wird nämlich 
ftir Lucilias das buch, för Pacuvius das stück erwähnt» 
'^^'^ührend dergleichen angaben bei jenem fehlen. In seiner aus- 
R^he von Nonius II (Äduersaria) s. 248 behauptet nun Lucian 
Ätiiller, dass Nonius von Festus abhängig ist. Für seine an- 
^cht föhrt er aber kein einziges argument ins feld, gerade 
•1« ob t^ie selbstverständlich wäre. Um so mehr muss dies 
^^^^fhmden, als er s, 249 Paul Scbniidt's mit anerkennung ge* 
^«ßkt, ober dessen Standpunkt ich oben berichtete. Das hier 
"^^«irgeföhrte lieispiel mgt indessen so klar, wie man es nur 
^^^^ üngchen kann, dass das werk des Verrius ohne vermittelung 
^'^trcii Festus in der vorläge des Nonius benutzt worden ist. 

In dem auszuge des Paulus 9, 11 — 12 finden sich neben 
^^TiaJider die folgenden glossen: 

andruare id est recurrere a graeco uerbo ävuS^a^Btr 
*«ttit; hinc et drua uocata est. 

antroare gratias referre. truant mouentur. truam 
^"^wiue uocant, quo permonent coquentes exta. 

Nach dem, was ich oben auseinandergesetzt habe, kann 

^^^ keinem zweifei unterliegen , dass sich die bedeutungen 

*''^5enrrere und gratias referre nicht auf das einfache verbum, 

^^^^dern aOein auf das mit reth zusammengesetzte beziehen. 

^ö «lern buchstaben R hat keine venmiachung stattgefunden. 

^«i Festus wurde ja antntare durcli motus edere erWRrt. 

^iml ^^ii' imji berechtigt, den hier erscheinenden mangel an 



162 CHto Lagercranti, 

Übereinstimmung dem Verrius zuzuschreiben? Wie man \h 
Beitzenstein Yerrianische Forsch. 32 ff. ersieht, giebt es in de 
auszflgen von Festus und Paulus eine sehr grosse zahl yo 
fällen, wo bei der erklärung zusammengesetzter Wörter gan 
das gleiche, oft mit ausdrücklichen Verweisungen sowohl untc 
dem Simplex als unter dem compositum vorgetragen win 
Auch fdr anders geartete reihen weist Beitzenstein einen ern 
sprechenden einklang nach, und er schliesst s. 40 hierat 
auf *^ein bewusstes bestreben des Verrius, innerhalb de 
einzelnen buchstaben die möglichste Vollständigkeit zu ei 
reichen und lieber dieselben angaben an verschiedenen stelle 
zu wiederholen, als den nachschlagenden leser auf eine 
andern band zu verweisen — ein bestreben, welches in dei 
buchwesen der alten seine erklärung findet''. Dass die widei 
sprechende gestalt, in der die beiden glossen jetzt vorliegei 
von Verrius selbst heiTÜhrt, bleibt somit völlig ausgeschlossei 
Aber aus der einrichtung seines werkes folgt, dass das con 
positum redandniare unter dem simplex midruare aufgeffihi 
und erklärt wurde. Das reicht zum begreifen der thatsach 
nicht aus, dass ihre bedeutungen vertauscht worden ginc 
Von einem blossen versehen kann deswegen keine rede seil 
weil die beiden glossen dasselbe Schicksal erlitten haben. E 
handelt sich hier offenbar um eine absichtlich vorgenommen 
Veränderung, die auf die rechnung der epitomatoren geseti 
werden muss. Nun sehen wir, dass andruare aus gr. rivadga 
/netv hergeleitet wird. Aber avaSgafiftv bedeutet im Gr. va 
der ältesten zeit an nicht nur 'emporlaufen, auflaufen', sonder 
auch 'zurücklaufen'. Das lat. wort, bei welchem die flbei 
Setzung durch motus edere sicher steht, lässt sich nur unte 
der Voraussetzung mit dem gr. zusammenstellen, dass da 
letztere den sinn 'emporlaufen, auflaufen' hat. Wenn abc 
avadgafxBtv als 'zurücklaufen' aufgefasst wurde, so war di 
möglichkeit gegeben, die dem kompositum gehörigen intei 
pretamente auf das simplex zu beziehen. 

Bei truant mouentur könnte man anfangs fast glanbei 
dass ein mit dem folgenden trua eng verwandtes verbum hie 
vorläge. Das bleibt aber wegen der passiven form in mouento 
ausgeschlossen. Lindemann und andere schrieben freilic 
mouent. aber mouentur bieten, wie Otfiried Müller sagt, 'bei 
Codices et editiones ueteres'. Nun bedeutet moueri sowot 



E^e wortf mppe bei Yetiius Flaccue. 



163 



im aUgemeineD *sich bewegen' als msbesoudere tanzen' vgl» 
i. b. Hör. A. P. 232. Für die litteratnrstelle , der U^ant 
nach ausweis der form entnomnieu ist, lässt sich die art des 
mooeri natürlich nicht des näheren bestimmen. So viel kann 
man aber getrost behaupten ; antnmre ^motus edere' ist eine 
msammensetzung und das letztere glied ist mit tnmre 'moueri' 
identi^h. 

Wenn die bedeutung von trtia *kelle, rührkelle' Pompon* 
Tjtin, (vgl, tridla 'kelle' Cat. Cic- Hör* etc. *kellenföriDige 
pfaime' Liv* 'nachtbecken* Juven. irnllmtm *becken, wasch- 
fecken' Cat, Vait. etc) in erwägnng gezogen wird, so sieht 
sau ohne schmerigkeit ein, dass die Vereinigung mit den 
aadibarlichen Wörtern nur auf künstliche weise zu stände ge- 
hacht worden ist Dass sie dem antiken spraehbewnsstsein 
gar nicht selbstverständlich schien, erhellt ja übrigens aus 
der gewundenen bedentungsangabe: quo permouent coquentes 
€ita, wo permouent das vermittelnde glied in Verhältnis zu 
tnuuii 'mouentur' büden soU. Wir haben es hier offenbar mit 
einer antiken etymologie zu thun, Dass diese von unserem 
Standpunkte aus schon wegen der weit auseinandergebenden 
Meatiingen abgelehnt werden nmss, brauche ich wohl kaum 
hervorzuheben. Was die äussere gestalt von trua irul}^ 
^n^mxtn anlangt, so ist bekanntlich t einstimmig überliefert. 
Zu Tergleichen ist auch gr. tqv^Uq *kelle' Luc* etc. 

Unter andruare erwähnt Paulus ein dma , giebt aber 
lädir keine bedeutung an. Weil das wort auch im übrigen 
ttßbekannt ist, kann hinsichtlicli des bezuges zu andnmre keine 
sichere entscheidung getroffen werden. Dass hier wie in trua 
«ine antike etymologie vorliegt, dürfte in anbetracht des un* 
Jnittdbar vorausgehenden apad gtA^iuy wenig wahrscheinlich sein, 

Hiernach wende ich mich zu den in anderen glossaren 
TOrtojnnienden belegen. Verhältnismässig am besten über- 
Mert ist CGL V 439, 42 amtorbato quibus exultato gl, aa- 
LSwe Gl, nom. 172 f, ändert dies in amtruato pedibus 
etnltato. Bei dem zu erklärenden wort begnüge ich mich mit 
tiöer amst^llujig der buchstabenfolge -or- zu -ro- und ziehe 
^libws Mit t\i dem texte, welchem die glosse entnommen ist 
Alüo amtrouato quiuis esultato. Hierdurch bekommen 
^1^ eine erwünschte stütze für das oben genannte antrönrej 
äcisen -o- in seiner Vereinzelung leicht den verdacht eines 



164 Otto Lagercraaiai, 

Schreibfehlers erregen könnte. Wegen des Wegfalles von -u- 
in der letzteren form vgl. cloaca Noember noicia etc. Solmsen 
Stud. 144 flf. Von rechtswegen gehört -ot«- nur dem simplez, 
'U'y das daraus in urit. nachtoniger silbe entstanden ist, nur 
dem compositum mit an- am- zu. Diese Verteilung ist in 
amtrouato truant gleichwie z. b. in perploiiere pluere durch 
das wirken der analogie umgekehrt worden. In CGL V 440, 
22 antruare nondare gl. aa — hieraus vgl. Götz CGL IV 
praef. p. XVni ist V 561, 17 antruare non dare co4 
Cassinensis 90 geflossen — verbessert Ott NJfPh. 117, 424 
das interpretament mit grosser Wahrscheinlichkeit in motmn 
dare. Endlich CGL II 17, 38 andruare av^git^fad-m und 
21, 20 antruare ontUvae gU. Philoxeni. Statt avS^i^ea&ut 
wird von Ott a. a. o. dvTog/eta&ai, von Dammann Comm. Jen. 

V 37 avadiSgaaxBiv , Statt aniXevoe VOn Otftied MUller ZU 
Paulus 9, 12 aaXevaai, VOn Ott a. a. 0. iUaoeiv (elXiaacip] 
vorgeschlagen. Löwe Prodr. 334 will in der letzteren glosac 
nichts weiter als antrum anijkaiov erblicken, was aber ent- 
schieden zu kühn ist. Ohne grössere änderungen der inter- 
pretamente schreibe ich andruare avaggoi^sadai.^); antru- 
are [t] inoXevas, Ferner vermute ich, dass diese glossen wie 
so viele andere bei Ps.-Philoxenus einst rein lat. gewesen 
sind und zu der zeit andruare exsilire oder exsultare; 
antruaret moueretur lauteten. — Wie Löwe Prodr. 12 ff. 
durch eine gegenüberstellung darthut, ist das glossar aa von 
dem werke des Verrius völlig unabhängig. Das lemma am- 
trouato bekundet ja dies schon durch seine imperativische 
form. Der auszug des Festus ist dagegen bei Ps.-Philoxenus 
mit Sicherheit benutzt worden. Denn bei dem letzteren steht 

CGL n 8, 21 adoriosUS svdo^og aono/unäog a^ogvixtja; 
n&fxmoqy VOn Scaliger in adorioSUS evdoloq mq JIo/Linfjioq 

ador vlxij wg nofinriioq verbessert. Aus dem von Dammann 
Comm. Jen. V 26 ff. zusammengebrachten material einsieht 
man, dass diese benutzung sehr weit geht. Es bleiben in- 
dessen sehr viele wertvolle glossen übrig, die bei Festus keine 
entsprechung haben, also anderen quellen entnommen sein 
müssen vgl. Löwe Prodr. 194. Nun fahrt Dammann andru- 

*) Belegt ist im Gr. freilich nur liya^Qoi^eiy «V(t(Jöoi^fia//ffi, für aV«(J- 
Qoiifi-a&ai dürfte man sich aber auf (lol^fo&at Jambl. Myst. 103 Parthey und 
ijt it}^o£^(tp' ^ntal^fty imaevety ineyxfXfveiy Hesych berufen können. 



ne wort^ropjw bei V«rrins Maccus, 



are unter den aiif Festus beriilieiideD fällen auf Hierfür 
DiK^s offenbar vorausgesetzt werden, nicht nur, dass seine 
Menmg dvaMoaGxstv dm richtige trifft, sondern auch dass 
Festns gleichwie Paulas andruare dmTh recnrrere wieder- 
gab. Das letztere bleibt aber, wie wir unten sehen werden, 
mm mujdessteü unwahrscheinlich, wenn nicht ganz ausge- 
adikseen. Bei der von mir vorgeschlagenen lesnng und be- 
nrleilung der interpretamente kann für andruare gleich 
w^enig wie für antruare[t] von herkunft aua Festus die 
rede sein. 

Wenn wir nun antroare bei Paulus mit redantruare 
bei Festus vergleichen, so ergiebt sich eine unverkennbare 
tberemstimmnng. Erstens sind die bedentuugen wesentlich 
dieselben: Ider moueri, gratias referre — dort motus edere, 
mim referre und das zu gratias referre gehöiige citat aus 
Paciuius. Zweitens wird an beiden stellen ausschliesslich t 
geschriebeB : hier antroare tmmit — dort 7'edantruare mnpiru- 
«Kif ete. Was dagegen andruare bei Paulus betrifft, so 
findet gich hierzu kein gegenstück bei Festus, Die glosse 
redaudruare bei Nonius führte oben auf einen arükel des 
VerriuK zurück, dessen unmsse man durch L redire 2, motus 
i«ferre 3* gi^atias referre kennzeichnen kann. Davon abgesehen, 
dass motus referre weggelassen worden ist, begegnen wir hei 
Paulus denselben bedeutungen, recnrrere und gratias refeire^ 
and 2wai* in derselben reihenfolge. Aber sie erscheinen bei 
ihm unter zwei verscliiedenen , jedoch ganz neben einander 
st^knden lemmata. Diese an Ordnung kann offenliar nicht von 
Itnius herrühren. Mit hilfe des Nonius lässt sich die nr- 
Prüngliche gestalt in dieser bezieh ung dadurch wiederlier- 
fitelleii, dass antroare als selbständiges lenima entfernt und 
«s selbst nebst zubehör unmittelbar an das vorausgehende 
«ngescldossen wird. Verrius bot also im buchstaben A nach 
»ftsweis des Paulus das lemma andruare, im buchstaben E 
^Ii ausweis des Nonius das lemma redandruare. 

Hinsichtlich der form, welche die uns beschäftigenden 
ön^r üi den beiden artikelu des Verrius hatten, findet ein 

ntümliehes verljältnis statt. Für die ersten hälften sind 

Zeugnisse gan^ einmfilig: d sowohl bei Paulus (= Festus) 
^ bei Nonius. gehen aber für die zweiten Ijältten ebenso 

off auseinander: i bei Festus - Paulus gegenüber d bei 



166 Otto Lagercranli, 

Nonius. Dieser widersprach scheint auf den ersten blicl 
unlösbar, ist es aber in der that nicht. In den ersten hälftei 
stehen keine belege ans der litterator, und es giebt auch keim 
anzeichen dafür, dass solche dort jemals gestanden haben. Ii 
den zweiten hälften finden sich vier litteratnrstellen : LucOina 
Pacuvius, trtm^it und antroare. Auf grund des abweichendei 
vocalismus dttrfte wohl antroare auf die eine oder anden 
weise ein selbständiges citat repräsentieren. Die glosse at 
redantnuire und die Scaligerglosse redandrtutre sind voi 
Verrius unabhängig und beziehen sich, wie oben dai^ethan 
beide auf die genannte stelle bei Pacuvius. Die hier vor 
handene differenz lässt gar keine andere deutung zu als die 
dass die antiken handschriften zu Pacuvius in der schreibmif 
des Wortes schwankten. Den zweiten h&Uten entsprechet 
femer der bedeutung nach andmare antruarep] im gloss« 
des Philoxenus, antruare amtrouato im glossar aa. Die dra 
ersteren glossen natürlich unter der Voraussetzung, dass mai 
ihre interpretamente so verbessern und beurteilen darf, wie 
oben geschehen ist. Das redantruare des Festus und das re- 
dandruare des Nonius stellen sich bei dem citat aus Pacuvius. 
also wahrscheinlich auch bei dem aus Lucilius, als ver- 
schiedene, von Verrius dem plane seines werkes gemäss er- 
wähnte lesarten dar. Bei Paulus allein sind antroare und trtuMi 
überliefert. Ob auch ihnen lesarten mit d zur seite standen. 
lässt sich infolge dessen nicht wissen, ist aber in diesem Zu- 
sammenhang ziemlich gleichgiltig. Wenn Verrius andruan 
und redaudniare als lemmata ansetzte, so möchte ich hierin 
ein anzeichen dafOr erblicken, dass er die formen mit d fb 
die richtigen hielt. Auf allen punkten bewährt sich mithii 
Nonius als guter föhrer, während Festus gegenüber seinei 
vorläge willkürlicher verfahren ist. Bei den bedeutungen, di< 
in dem eingange jedes artikels standen, bieten die fraglichei 
Wörter keine nebenformen mit t dar. Hier liegt also ein ge 
brauch vor, von dem aus Verrius die schwankende Schreibung 
in den litterarischen belegen beurteilt wissen wollte. 

Oben begegneten wir bei Paulus der herleitung dei 
andrtiare aus avaigafislv. Hierbei wird offenbar angenommen 
dass lat. an- und gr. dva identisch sind. Festus bietet zwai 
in dem lemma redantruare, aber in dem dazu gehörigen text< 
amptruaiiit amptmet redamptruet redamptriiare. Nun könnte 



Eint wörtfinppe bei Venhift Flsceiw, 



167 



man freilich meinen, -mpt- sei nicbts niehr als eine blasse 
Mireibyariante für -nt- vgL ttolumptas für nohmtm Schucliardt 
Vok. I 4 f. nnd hierbei den gegensat^ sowohl zu dem lemma 
als m den Ctbrigen, bei Panlus nnd Nonius erscheinenden 
formen geltend machen» Diese auffassung miiss aber schon 
didareh an glanbwürdigkeit verlieren, dass ausserhalb der 
auf Verrins beruhenden auszüge in amtrmmto ein weiterer 
fall auftritt. Am einfachsten erklären sich an- und am- als 
ajakopierte formen der präp. amhi. VgL Paulns 4, 14 am 
praepositio loquelaris significat circum» unde supra seruus 
ambactas, id est circumactus dicitur; 17, 8 am t er mini, qui 
dita tenninos manent — ; 21, 4 amsegetes dicuntur, quorum 
Iger niam tangit; 20, 3 ancaesa dicta sunt ab antiquis uasa, 
qtua caelata appeUamus, quod circumcaedendo talia Sunt — ; 
22, 7 anquirere est circum quaerere. Vor dentalen ist an- 
die lautlich regelmässige, am- die analogisch wiederhergestellte 
form vgl, septendecim : septemdecim^ septentrio : s^tetnirio 
9^kmptrio. Ob das Lat. ein dem gr. avd entsprechendes an- 
ftberhaupt besass, kaan mit gutem fug in zweifei gebogen 
werden. Von den bei Lindsay Lat. Spr, 605 angeführten 
'>eiÄpielen ist, wie er selbst bemerkt, keines völlig einwandfrei, 
^H Daniber w^ie andruare in den ersten artikelbälften einst 
^wß Verrius interpretiert wurde, geben die auszüge von Paulus 
^Hld Nonius leider keine direkte ausknnft. Auf grund von 
^^fdaHflnmre ^recurrere, redire' dürfte man aber mulruare 
^ctirrere, ire' getrost ansetzen können. Das wort werden wir 
wuten — ich nehme dies vorweg, um die Verhältnisse bei 
Verrinn klarer beurteilen zu können — im Italien, etc, mit 
der bedeutung ^gehen', im Sard. und Span, aber mit der be- 
deutuag *mDhersehweifen' wiedei-fiuden. Die Übereinstimmung 
»tischen dem Sard. und dem Span, verbürgt die existenz des 
ftflJmsre 'circamcurrere' in der römischen Volkssprache des 
3' nud 2. jh* V, Chr. Bezüglich der Identität des an- am- 
oit ümhi bleibt somit jeder zweifei ausgeschlossen. Die zu- 
wtnmenstellung von andruüre und (Äva6Qa^uv zeigt, wie sehr 
dag m* in Italien um das ende des 1. jh. v. Clin seine inhalt- 
liche funktion eingebüsst hatte. Hierfür muss aber voraus- 
itt^t werden, dass das einfache verbum schon früher aus 
ten gebrauche geschwnnfien war. Und die ersten artikel- 
^»Wfteti bieten in der that kein drouare drttare. Ganz anders 



168 Otto LagercrantE, 

verhält es sich z. b. mit dem soeben genannten anquirere, 
denn diesem standen ja quaerere acqtdrere conquirere etc. zur 
Seite. Im hinblick darauf, dass Festus formen mit -mpt- und 
Paulus klare beispiele von am- an- *circum' hat, wäre es 
vielleicht nicht unmöglich, dass Verrius die erklärung als an- 
^circum' daneben vorgetragen habe. Denn er lässt nicht so 
selten verschiedene meinungen und verschiedene alternativen 
zur spräche kommen. 

Die Wörter in den zweiten artikelhälften weisen auf die 
ältere periode hin, in der die bedeutung des an- noch un- 
geschwächt war. Denn wir sind nunmehr bei dem salischen 
gebrauch berechtigt, 'circumcurrere' an die stelle von ^motus 
edere, exsultare' und Inuicem circumcurrere' an die stelle von 
'motus referre' zu setzen. Bei truant dürfte auch nichts 
dagegen sprechen, dass das moueri ein currere war. Die zeit 
dieses beleges bestimmt sich daraus, dass andrtiare ^currere, 
ire' den Schwund des einfachen verbum voraussetzt. 

Verrius identificierte die salischen bezw. litterarischen 
Wörter mit den volkstümlichen und trat deswegen filr die 
Schreibung mit d ein. Hält man nun truare 'moueri' antniare 
*motus edere' redantntare *motus referre' mit trtia 'quo per- 
mouent coquentes exta' zusammen, so dürfte die folgerung 
ziemlich nahe liegen, dass das t der antiken handschiifben 
auf der vermeintlichen Verwandtschaft mit tma beruht. Die 
von Verrius verworfene Schreibung mit t hat Festus wieder 
aufgenommen und dies wohl, obgleich Paulus sein gewöhn- 
liches schweigen beobachtet, unter andruare ausdrücklicl 
hervorgehoben. Bei dem in dem buchstaben R begegnender 
artilcel konnte er dann ohne weiteres nach seinem eigener 
köpfe verfahren. 

Damit die obige rekonstruktion der ursprünglichen artike 
den rechten hintergrund bekomme, dürfte es vielleicht nötij 
sein, eine parallele vorzuführen. Festus 214, 18 percon 
tatio pro interrogatione dicta uidetur ex nautico usu, quw 
conto pertentant cognoscuntque nauigantes aquae altitudinem 
ob quam causam ait Verrius etiam secundam syllabam per ( 
solere scribi. mihi id falsum uidetur: nam est illa percunc 
tatio, quod is, qui curiose quid interrogat, per cunctas rei 
it, ut recte per u litteram scribatur. Verrius führte die beidei 
formen, percantatio und percmwtatio, an. gab aber der ersterei 



Eine wortgrappe bei Verrius Flaccua. 



aiTer gebräuchüclikeit halber den voraug. Dergleichen rück- 
airihten waren dem Festiis augenscheinlich fi^emd* Wenn er 
ßr jmeitnclatio eintrat, so lag es ihm wohl am meisten 
dÄniQi durch eine abweichende meinung seine pei-son hervor- 
treten 7Ä\ lassen. Die entsprechentle stelle lautet hei Paulus: 
l^ercontatio uidt^tur dicta ex usu nautico, quia aquae alti- 
tüdinem conto pertentant alii uolunt percunctationem diei 
quod scÜicet is, qui curiosus est, per cuncta luten'oget. Die 
formen stehen gewissermassen als gleichberechtigt neben ein- 
ander- Das bedeutsame solere des Yerrius ist nämlich ge- 
schwunden. Jedoch hat sich — das verdient hervorgehoheii 
KU werden — das urspriiugliche lemma unversehrt erhalten. 
Üas8 Festus hier einen einwand vorgebracht hat, wiii-de man aus 
dem texte des Paulus schwerlich erraten könneu. Zum schluss 
Mciie ich aufmerksam airf Festus 242^ 12 percunctatum 
pilris familiae nomen ne quis seruum mitteret, lege sanctum 
füisse ait Cato in ea, qua legem Orchiam dissuadet. Weil sich 
Festus tXlr peramctatiö vorher entschieden hat, dürfte es 
kann auf einem zufall beruhen, dass dieses lemma zu seiner 
Ansicht stimmt. 

Mit dem Standpunkte des Festus waren andruare ^currere, 
ire* und redatidnmre *recaiTere, redire' natürlich nicht ver- 
eüibaL Da sie unter redantrnare einfach weggelassen 
aj)d, Paulos aber andruare *recurrere' bietet , wird es wahr- 
peinlich sein, dass Festus unter dem letztgenannten lemma 
^t darstellung des Verrins bemängelt hat und zwar der art, 
fes§ er dadurch Paidns zu der bedeutungsvertanschnng 
Sl^ischen andrttare und redandrnare hat verleiten können* 
^8«iü einwand lautete vieUeicht: andruare sollte, wenn es mit 
^^^u^Qafiiip identisch wäre, nicht currere, sondern recurrere 
^tt. h. dasselbe wie redandrnare bedeuten^). Dass Festus 



'} Daas dcb Festus in fnigcE nach <ler bedontim^ griechischer worter 
^ besonder» kompetent hielt, erheUt z- \k aas 157. 17 iniliunt qnidam 
potiot cepiäs« uomen a maxima iiumnionim Bumma, quae est miUi^, qaod 
•fö gfiecao stiri^iii iuilieant ease, cum id ilÜ ;?*;7«öi' üocent tarn hercules 
■Ptt ptnictui) lifÄ/i'j^r. Mit cum knüpft er einen ftieht eben g-elungonen 
^ß3w»nä &it g^gCR ilie zusammensteUun^ des miliitm mit gr. ttflift-. Und 
*^»?^r »oll darin he&teheti, dasa miliiim dem gi\ xfj^yo^. dikgCfgea ^'umt^nm 
^wo gr, fitlivq der hedeutung nach entspreche. Über diese steUe luid di© 
,mn Pestae eigentümliche wendung tarn horctiles quam e. ßeitEenst^in 
IVprriaii Forsch, lOiJ f. 



170 ^^ La^rcrants, 

selbst das an- nicht als ^re-' auffasste, geht daraus hervor, 
dass er bei dem salischen gebrauche die betreffenden yerba 
genau auseinanderhält. 

Die Verteilung des ursprünglichen artikels auf zwei 
lemmata (andruare antroare) dürfte mit ziemlicher gewissheit 
von Paulus herrühren. Vgl. Festus 325, 17 sas Verrins 
putat significare eas teste Ennio, qui dicat in 1. I: "oirgines 
nam sibi quisque Romanus habet sas'' cum suas magis aide- 
atur significare. sicuti eiusdem 1. im fatendum est eam 
significari cum ait: ^'nec etc.'' item cum ait sapsam pro 
ipsa nee alia ponit in 1. XIII: ^'quo etc." et Pacuoias in 
Teucro: ''nam etc.'' = Paulus 324, 1 sas suas. Ennius: 
"uirgines etc." -f 324, 2 sam eam. idem Ennius: "nee etc.** 
+ 324, 3 sapsa ipsa. idem Ennius: "quo etc." — Vgl. femer 
F. 133, 18 manticularum usus = P. manticnlari -f 
manticularia; F. 165, 7 nepos = P. nepotes -f- nepos; 
F. 166, 26 nare = P. nare + natare; F. 189, 24 ob- 
scum = P. obscum + opicum; F. 257, 24 qaerqnera = 
P. querqueram + quercus. 

2. mlat. androna andare. 
Es scheint die ansieht ziemlich verbreitet zu sein, dass 
lat. andrmi durch entlehnung auf gr. aväqmv -dSvo^ m. 'wohn- 
und Speisezimmer der männer' zurückgehe vgl. Georges Hwb.^, 
Weise Gr. Wörter 53, Saalfeld Tens. 71. Mit welchem recht 
man diesen Ursprung annimmt, wird hier untersucht werden. 
Das wort kommt nur an zwei stellen der römischen litteratnr 
vor. Vitruvius VI, 7 Inter duo autem peristyla ad hospitalia 
itinera sunt, quae mesauloe dicuntur, quod inter duas anlas 
media sunt interposita, nostri autem eas andronas appol- 
lant. sed hoc ualde est mirandum, nee enim graece nee latine 
potest conuenire. Graeci enim drSgcovag appellant oecos, 
quod eo mulieres non accedunt. Plinius Ep. n 17, 22 er- 
zählt, die stille seines schlaMmmers beruhe darauf, dass inter- 
iacens andren parietem cubiculi hortique distingoit atqne 
ita omnem sonum media inanitate consumit. Also lat andran 
'gang zwischen zwei peristyla oder zwei mauern*. Das wort 
lebt in späterer zeit, ja bis auf den heutigen tag noch fort: 
mlat. androna 'angiportus', wofür belege bei Du Gange, Italien« 
androne (andarone) androna langer gang, schmale gasse*. 



Eüifi woit^rappe bei YemuB FlaccDi. 



171 



TAI ?0E VitruTius heiTorgehobene bedeutungsdiffereuz zwischen 
dem Or, und dem Lat. lässt sich nicht ans der weit bringen. 
Mit ins feld fuhren, wie es Georges, Forcellini-de Vit u. a» 
thüB, darf man Panlns 22, 8 audron locns domicilii appel- 
iatnr anguatior longitudine, in quo uiri pliirinü niorabantuv, ut 
gynaeceum a mulieribus. Eine treuere Überlieferung findet 
Hich, was unbekannt zu sein scheint, bei Johannes de Jan na: 
iitdrona est spatiuni iiiter duas domos; androneuni est 
locus domidlii, nbi multi niri habitant, sicut gynaeceum 
didtur locus, nbi multae miüieres conueninnt. Ob die letztere 
gloBse auf Festus oder Verrius oder eine von Verrius benutzte 
liielle zurückgeht, wage ich, da das liierfür nötige inaterial 
liidit vorhanden ist, nicht zu entscheiden. Bei Paulus liegt 
jedenfalls eine vemiisohung zweier verschiedener Wörter vor, 
die wahrscheinlich durch gedankenloses kürzen entstanden ist. 
lü echt lat bildungen kommt die endnng -ona ziemlich selten, 
die endung -on aber gar nicht vor. Dies wäre immerhin 
eiße nicht verächtliche stiitxe für die annähme von entlehnung. 
Es giebt mdessen eine form, vor w^elcher sogar dieses argu- 
nieat verstummen muss: CGL V 6, 23 and r am andronam 
V 47, 15 andram andronam de gL {- de glossis) Placidus; 
andra androna, niarum concursus, angiportus Papias. Weil 
amlra weder der bedeutung noch der form nach m gi% 
if^^tif stimmt, hege ich kein bedenken , liierin ein echt lat. 
wort 2E erblicken. Und es ist, wie ich vermeine, mit dem 
«bea behandelten andmare aufs engste verwandt. In der 
VOlkispräcbe ging das vorauszusetzende "^andrua in andra 
Aber vgL App. Probi 127 bot r uns non butro 208 febru* 
Äfias non fehrarius; femer iana ohri constrat (^ ianmi obrui 
cmdruat) etc, bei Schnchardt Vok. II 467 ff Das Lat. hatte 
*iiro?iefi»j andronitis 'mannen? ohnung' vgl. gynaeceum gynae- 
conili^ *weiberwohnung'. Freilich wäre es nun möglich, dasg 
gr. i^^gmy ebenfaUs entlehnt und dem lat, andra infolge der 
lautlichen ähnlichkeit untergeschoben worden sei. Für viel 
itihredieinlicher möchte ich es jedoch halten, dass man zu 
ondm die nebenformen andröua anäron nach aulmxa aulon 
\c fr. avlmv *hohlweg, engpass, graben') geschaffen hat. Wegen 
äei Vorkommens von atdona atümi im Volkslat. vgl. Rönsch 
IWa 250. 

Das zweite glied von *an-dnia ist der äusseren gestalt 



172 Otto LagercrantE, 

nach mit dem von Paulas ohne Übersetzung gebotenen drm 
identisch. Diese Übereinstimmung dürfte kaum zufällig sein 
Auf grund von amtrouato antroare wissen wir nun, dass dai 
u in unserer sippe aus ou entstanden ist. Folglich stehi 
driia für "^droua und hat sein u aus den composita oder den 
nach diesen umgebildeten driiare bezogen. Hierbei muss abei 
für drua eine derartige bedeutung vorausgesetzt werden, dast 
dem sprachbewusstseiu der Zusammenhang mit drivare gana 
klar erscheinen konnte. Hinsichtlich der bildung betrachte 
ich *andriia als ein postverbale zu ayidrxiare vgl. pugna 
piufHare etc. bei Br6al M6m. 4, 82 flF. Sehr schön würden 
jetzt alle thatsachen stimmen, wenn das paar ^andrua 'iter' ; 
andriiare 'currere, ire' an die stelle des älteren paares drtia : 
druare getreten wäre. 

Das lat. andniare starb indessen nicht aus, sondern wird, 
wie ich glaube, durch mlat. andare 'gehen' Italien, andare 
span. ptg. a7idar fortgesetzt. Ich nehme nämlich an, dass 
das dem stamme gehörige r vor suffixen (und nach präfixen), 
die selbst ein r enthielten, im Volkslat. durch dissimilation 
verloren ging. Auf diese weise entstanden dann inf. and(u)are^ 
konj. impf. and{u)arem, pf. and(ti)ariin , ind. fut. and(u)aro, 
pqpf. and(ii)aram etc. Eine gute parallele bietet das Afrz. 
in penre (= lat. prendere) penroient penrez (La Cume de 
St.-Palaye Dict.) vgl. Grammont Dissim. 48 f. Während im 
Frz. die dissimilierten formen von den nicht dissimilierten 
verdrängt wurden, ist bei dem uns beschäftigenden verbum, 
das auch mehr dissimilierte formen als das afrz. verbum 
hatte, die ausgleichung nach der entgegengesetzten richtung 
hin erfolgt. Dafiir dass die dissimilation im Volkslat eine 
gewichtige rolle gespielt hat, giebt es mehrere anzeichen. Ich 
erinnere an den Übergang von au in a, wenn der vokal u 
in der nächsten silbe vorkam: inschr. ar/tisUis Italien, agosto 
(= angustus) etc. vgl. Lindsay Lat. Spr. 43. 47. Ferner 
ohsetrix (= obstetrix) in glossen Löwe Prodr. 423, Gl. nom. 145 
und in App. Probi 166. Ob der wegfall des u, von dem ich 
soeben sprach, früher oder später als die dissimilation ge- 
schehen ist, entscheide ich nicht. — Was nun die bedeutung 
anlangt, so muss span. andante ando^ro 'umherschweifend^ 
cahalle^'o andante 'irrender ritter' sard. andareddu ^umher* 
schweifend' eine besondere aufmerksamkeit gewidmet werden. 



nppe hm Venitis Flaccns. 



173 



Wenn m dem verbum selbst die präp. hier auch nicht so 
U&r hervortritt, so hat sie doch eine gewisse bedeutungs- 
MKMe hinterlassen* Während z. b. ini Span, die fortsetzungen 
nn tmdere und vre zunächst von der bewegung von eineni 
orte nach dem anderen gebraucht werden , bezeichnet mular 
riekiehr die bewegnng an und für sich oder die bewegungsait 
1^ if ül mercado *anf den markt gehen' : mtdar mucho *viel 
gehen' a, ä cahallo *reiten\ In Italien war die der präp, zu- 
konmende bedeutung schon um das ende des L jh, v. Chr. 
verwischt worden. Man beachte, dass redandruare *redire^ 
W Nonins inhaltlich um nichts von Italien, riandare ver- 
BcMeden ist. Im Italien, füllt andare nicht, wie im Snrd., 
Span, und Ptg., das ganze paradigma aus, sondern mischt 
sich m der art mit uadere^ dass jenes die endungsbetonten, 
dieses die stammbetonten formen hergiebt. Diese Vermischung 
ist indessen ziemlich späten datums* Denn im Mlat. z. b* in 
den langobardischen gesetzen vgl. Thomsen Mindeskrift 205 f. 
wechseln auf ganz gleiche weise ambulare und tmäere. Wir 
sehen also, wie im laufe der zeit andare den einstigen platz 
des ambulare eingenommen hat. Das alte amhulare lebt noch 
fort m rnmän. uviblä imbldj das sich von merge, obschon 
vielleicht nicht ganz so scharf, wie im Span, andar von ir 
Biiterscheidet Dass der dem amh- anhaftende sinn in der 
ttm^angssprache von Rom sehr früh zu erbleichen begann, 
?^k aus mehreren Wendungen bei Plautus hervor vgl. z. b. 
Trin. 1108 cito amhula : aviutum redi Capt. 900 hene ambula 
et ffidambula. — In dem antiken Italien waren mithin sowohl 
txfidruare bezw. and.(u)are als mnhiüare in volkstümlichem ge- 
hmuch* Hinsichtlich der bedeutung haben sie hier — jenes, 
wie es scheint, später als dieses ^ dieselben Schicksale 
Jii ruhgemacht. 

Wie wenig die älteren j fUr andare vorgebrachten er- 
klümugen befriedigen, setzt Thomsen Mindeskiift 197 ff. licht- 
Vüli aaseinander. Sein eigenes besti'eben läuft darauf hinaus, 
die heitunft ans amhulare wahrscheinlich zu machen, Dass 
lutTbei von einem regelmässigen wandel keine rede sein kann, 
^nmi er selbst ein* Unter hervorhebung der von den lauten 
KesleUten fordemngen legt Thumeysen Keltorom, 31 ff. ein 
plL ^and-aff' (ir. ina^id *geht hin') oder da intervokaliaches 
5 itti GalL durch spirantische mittelstufe schwindet, *anda' 



174 ^^^ La^ercrantz, 

ZU gründe. Die kelt. elemente; die sich im Boman. sicher nach- 
weisen lassen, sind jedoch nicht im entferntesten der art^ 
dass die entlehnung eines so gebräuchlichen wortes wie 
andare glaublich erscheinen könnte. Johansson IF 3, 201 ff. 
8, 180ff. vergleicht ai. adhva m. *weg' adhvaräs m. *opferfest' gr. 
av'i^vod^ *schoss auf en'sv-'ijvo&s *war darauf hd^tv ^kommen' 
isl. gnäurr andre m. *eine art Schneeschuh' und will dem 
umstände, dass andare in der älteren lat. litteratur nicht yor- 
kommt, keine bedeutung beimessen. 

Im Prov. ergänzt sich das unvollständige iiadere mit cniar 
auf dieselbe weise wie im Italien, mit andare. Ein unter- 
schied liegt nur insofern vor, als das fut. und kond. im Prov. 
von ire aus gebildet werden. Alle sind darüber einig, dass 
aiiur nicht im Prov. aus andare entstanden sein kann. Unter 
hinweisung darauf, dass die lautgruppe nd in den gallischen 
dialekten teils zu nn assimiliert wurde {arepennis ^gall. feld- 
mass' bei Columella), teils unversehrt blieb (aspan. ofrapende 
frz. arpent), flihrt Thumeysen a'nar auf gall. *aw/u»-, also auf 
einen andern dialekt als andare zurück. Zu gunsten der ent- 
lehnung spricht jedoch die prov. form nicht, da sie sich gleich 
gut aus dem Lat. erklären lässt. Im Osk.-Umbr. assimilierte 
sich jedes 7id zu nn z. b. osk. üpsannam 'operandam' nmbr. 
pihaner 'piandi'. Im Lat. findet man Plaut. Mil. 1407 dw- 
pennite distennite Ter. Ph. 330. 331 tmyiitur nach Donatns, 
App. Probi 214 grundio non grunnio etc. Schuchardt Vok. 
I 14G. Es lässt sich vermuten, dass dieser wandel auf ge- 
wisse, dem Osk.-Umbr. vielleicht nachbarliche gegenden des 
Volkslat. beschränkt war. Lat. amiare braucht indessen nicht 
erst konstruiert zu werden. Denn in adnare adnatare 
uenire Papias sind meines erachtens zwei verschiedene verba 
zusammengeworfen worden: 1. annure oder mit etymologischer 
Schreibung adnare 'adnatare' 2. ayinare 'uenire', die assimilierte 
nebenform von andare. In der vorliegenden frage hat diese 
glosse des Papias schon früher eine rolle gespielt. In dem 
glauben, dass eine bedeutungsentwicklung von 'adnatare^ zn 
'uenire' hier stattgefimden hätte, leiteten Muratori, lattrö u. a. 
andare anar etc. aus lat. adnare 'heranschwimmen' her. 

Frz. aller nimmt in dem paradigma dieselbe Stellung wie 
prov. anar ein. Bezüglich der herkunft steht die erkenntnii» 
ganz sicher, dass frz. alier weder aus ambulare noch 



TSue wört^mppe bei Verrins Flaccus. 



175 



andate noch aus amiare auf regelmäsaigem wege hervor- 
gegangen sein kann. Auch in diesem faüe ist Thnrneysen 
bereit, entlehnuug aus dem Kelt. zu statuieren. Aber es 
handelt sich nicht mehr um eine im Kelt. aus "^andag- ent- 
standene form, sondern um ein ganz anderes wort, nämlich 
gaU, ^tm-lä- (ir. €ön*ö*la- ^weggehen' specieU 'sterben' intan 
eonhualai Patraic *als P. von hinnen gingO* Dieses *aulä- 
aoll dann in dem Koman. in ^al^i- übergegangen sein wie 
augiistus in agjistns^ augttrmm in *aguriumf ausctiUare in m- 
euUare. Wie sich aber Thnrneysen auf diese beispiele berufen 
kann, ist mir nicht klar geworden. Denn der wandel au zu 
a ist ja, wie wir oben sahen , von der bedingnng abhängig, 
dass die nächste silbe ein u enthält* Doch, wie schon gesagt, 
mit dem grundgedanken Thumeysen^s^ so genial er auch ist, 
kann ich mich nicht befreunden und möchte lieber einen 
anderen weg einschlagen. Im Beichenauer glossar,') das 
zwecks erklärung gewisser, im texte der vulgata vorkommender 
Worte und ausdrücke ende des 8. jh., wahrscheinlich in Is'ord- 
frankreich, verfasst ist, bieten die interpretamente tmdere und 
amlmlare in dem mehrerwähnten Wechsel dar: I 584 trans- 
gradiuntur transmiduntf 760 abe&m uadumj 82G abio 
uttdOf 1138 transmigrat de loco in locum uaditf anh. 2, 16 
eo uado : I 61 proficiseimini pergite ambitlate 133 isiet 
ambulmset S89 incedebant ambulabani 507 secessit abiit 
ambiilaidL Während die lemmata dieses glossai'S bereits 2u 
der zeit aus dem gebrauche geschwunden oder im ^«chwinden 
begiiäen waren — darauf deutet ja der bedarf einer er- 
klärung — , setzen sich die interpretamente der regel nach 
im Frz. fort (s. Nyrop Gr. fr^. I 15 f.) z. k I 101 uescentes 
nmndumntes frz. manger^ 149 IJberos infantss frz, enfanU, 
Hieraus ziehe ich keine andere folgerung als die, dass in dem 
romanisierten Gallien das aus tuidere und amhuktre beatebende 
ßaradigma ebemaJs voUcBtümlich war. Nun giebt es auch im 
Frz. einzelne spuren von annare : aitar aint (LitU*^ Dict.). 
Auf dieser grundlage wage ich die behauptung aof^ustellen • 
mmre hat im nördlichen Gallien amhulare niclit völlig zu 
Verdrängen vermocht, sondern es enti^tand aus beiden die 
i^erschränkung ^annuhre. Vgl. oroge 4- temped^ > afrz, oreifte^ 



1 



th 



^) ich ciüere mch der 



ton FO0t«r ttnd Kogelivit» b Afnc. 
12* 




176 Otto Lagercrantz, 

fort + mesfait > afrz. torfait etc. bei Nyrop Gr. fr?. I 393. 
Zu bemerken ist nun, dass die endungsbetouten formen von 
dem fraglichen verbum gebildet werden, dass also die laut- 
gruppe 'n(u)l' stets vor dem tone ihren platz hat. Es ent- 
wickelten sich dann "^anmilare > *anlare > aUer auf genau 
dieselbe weise wie in ilhim comitetn > en h (le) comte > el 
comte, 

3. Ausserlat. verwandte. 
Die obige darstellung hat ergeben, dass lat andmare 
'circumcurrere' sich aus ambi und droitare zusammensetzt. 
Dies droiiare identificiere ich mit ai. dm- drävati ^laufen, eilen ; 
auf jemand losrennen; in fluss geraten, schmelzen'.^) Was 
die verschiedene konjugation betriffi, so dürfte es genügen, 
auf sonare : ai. svanati, plicare : gr. nlixetv etc. zu verweisen. 
In der Volkssprache muss übrigens die 1. konjugation sehr 
stark in die anderen übergegriffen haben, vgl. span. fiar, frz. 
fier < *fidare : lat. fidere (Lindsay Lat. Spr. 561). Femer 
begegnen vielleicht im Gr. verwandte Wörter, welche aber 
auf grund ihrer bedeutungen als solche nicht mit Sicherheit 
hingestellt werden können. Erstens iQvdaai • xavaxoXvfi- 
ßijaai; igverai ' x(>i;7iT€Tat Hesych, bei welchen Danielsson 
Gr. u. et. Stud. I 54, obschon zweifelnd, ai. dru- drävati bereits 
verglichen hat. Zweitens dfvSgval^etv • eig i^g xaraivtadui 
xvQicog, diio Tcov naXaiSv, ratg dgvai axintj XQ(o/Liiva}V ngiy vag 
oiXj^Geig svQS&fjvai, xai to xa^' iidarog övead'ai xai dnoxgvnTSiv 
eavTov Suidas*) ; vnodevSgvaaai ' vnodvvai nov xai nv^'^ai 

vno (Txinrjv Photius*); epidaur. Sevögvsiv (in diesem zusammen- 

^) Insofern ist diese ansieht nicht neu, als schon Kuhn KZ 7, 6l£[l lit 
rao ro8 can- in-gruere andruare antroare zu dem ai. wort steUte und selbst 
hierbei — nach seinen citaten zu urteilen — einen Vorgänger in Lindemann zu 
Festus hatte. Die Festusausgabe des letzteren habe ich leider nicht ein- 
sehen können. 

*) Ungefähr dasselbe im EM. 255, 55 und mit angäbe der quelle bei 
Eust. zu r 152: ort (ff ^x lov ^iy^QOv xai ^iy^Qväl^^iy , tig xai (y 
X)^vaaeftf (zu ,a 357) ytyQaTirai, ib J(}vai axiiita^ai, xai xb xa&' vdatog 
(futa&ai, TU ^fjTonixa itfjlovai Xi^ixtc, 6 (fi^ ^rj&eig Ji6yva6g ff^Ot xai Ott 
(fwytjy rtya xaXoCaiy ol quiPttaxot Jfy iJqv d Covaay. Nur die enie be- 
deutung bei Hesych: JfydoväCf^y ' tanetyoig vno ras ^Qvs nagatpiö^ 

') Anders Hesych vnoifeyif^väCf^y'io ^1 ettfayovg xai ai^fxidit^ 
i7H(fa£yio&ai. Vgl. iSjiof^viad^ai c. acc. ^untertauchen, schlüpfen 
c. gen. 'auftauchen, emporkonunen aus'. 




^ 

^Ah 



*) ii^ Tonop dfiHfto 'i^e^^ ete»), DanielssoQ a* a. o- 

blickt bierin redupHcierte bildnugen des genaniiteD ^nv-. 

^(>va^tip ' ^limaitv Hesych. Wmn auf die be- 

itang gewicht gelegt werden darf, tnöcbte ich für diese 

vergleichen aisL tni^r m. 'gaakler' ags* trttp m* 'bnffoon' 

ich auch 'trompeter'), womit Fick Wb. n* 157 ir. dnith 

^mrt' schon Terbtmden hat. 

Aber, vnrd vielleicht jemand znm schluss einwenden» 
Irmre enthält ja die Verbindung dr^ steht also in offenem 
Widerspruch mit der von Wharton Et, lat, 125, Thnrneysen 
32, äB2ff,, Lindsay Lat. Spr. 330 und Brugmann Gdr. 
67H vertretenen regel, dass dr im Lat. zu tr wird. Dem 
gegenüber mag vorläufig bemerkt werden^ dass keines von 
iefl beispielen j die man hierför ins feld gefiihrt hat, eine 
eingBhendere prflfung erträgt. Ich hoffe ^ bei anderer ge- 
legeoheit aof diese frage zurückkommen zu können und be- 
gnrißje mich heute damit, einen gegeufall geliefert zu haben. 
In bezug auf unsere wortgruppe sagt Tbumeysen: '*wenn 
r ?on dem unsicheren andruare drtui neben aHtruare trtm 
Ähseheu'* — ^ und Lindsay noch bestimmter und schärfer: 
^^mdmare und ärua sind sehr zweifelhafte Schreibungen von 
afitmwre und trtm'\ Es wäre doch sehr interessant zu wissen» 
mit welchen argumenten diese gelehrten ihre urteile begründen 
wollen, 

üpsala, Otto Lagererantz. 



Lateinische worterkläningeii. 

L hubtdcns suhidcu^. 

Für fm-biilem *ochsenknechtj ackerknecht' findet man bei 
Brngniann Grdr. P 514 die vergleichung ahd. pfiegan ^pflegen, 
ftr etwas sorgen', die von Slltterljn BB. 17, 166 zuerst auf- 
|>e«tellt worden i^t, Ihr liegt offenbar die Voraussetzung zu 
inmde, dass das 6 in -bulctm auf ein ig, h zurückgeht. Diese 
Voraussetzung ist indessen hinfällig* Wie Ascoli Sprachw, 

fe 80 ff. schon längst ausgeführt hat, weist nämlich Italien. 

') So viel ich sehpn kann, würden auch der lesimg (miia J* *V*ft^t/üjj' 
t*me bJQfleniiBse entgegenstehen. 



^bfefe 



178 OUo Lagercnnti, 

hifolco wegen des inlautenden /*, das sich nicht aus lat. h 
erklären lässt, auf eine osk.-umbr. form hufulco' hin. und 
lat. h = osk.-umbr. f zwischen vokalen kann nur aus ig. bh 
(vgl. lat. tibi umbr. tefe abg. tebe) oder wenn u unmittelbar 
vorausgeht, aus ig. dh (vgl. vielleicht lat. tibi umbr. pufe 
abg. kude) entstanden sein. Wegen der Vertretung des ig. b 
vgl. lat. trabs osk. trüb um *aediflcium' lit. trobä 'haus\ 

Gleichwie die soeben genannten gelehrten erblickt Ascoli 
in biibtdcus eine Zusammensetzung. Das zweite, ebenfalls in 
suAulctis ^Schweinehirt' erscheinende glied -bulctis oder, in der 
gestalt eines selbständigen Wortes angesetzt, -fulcus verbindet 
er mit f%ücio. Dieses verbum soll nach ihm 'unterhalten' nicht 
bloss im sinne von 'stützen', sondern auch in dem von 
'nähren, vollftUlen, vollstopfen' bedeuten.*) Zur bestätigung 
seiner ansieht beruft er sich unter den beispielen des klassi- 
schen gebrauches auf Lucr. IE 1146 und Hör. Sat. n 3, 154. 
Aber diese stellen machen mit Sicherheit keine andere Über- 
setzung als die durch 'stärken' nötig. Übrigens dürfte es 
von Seiten der bedeutung nicht ohne bedenklichkeiten sein, 
mit Ascoli für unseren fall überhaupt von dem begriffe 'mästen' 
auszugehen. 

Ich identificiere -fitlcus mit gr. (p%iXax6g 'Wächter'. Prell- 
witz EW 350 verbindet zweifelnd das letztere wort mit lit 
zwügäi 'sehen' iwalgyti 'wonach schauen, spähen' got. glaggwö 
'genau'. Aber das vor v stehende gr. 9, um von anderem 
zu schweigen, lässt sich gegenüber lit. zw got. g, die übrigens 
zu einander auch nicht stimmen, sicherlich niclit rechtfertigen. 
Neben qtvXaxoq begegnet nun im Gr. (pvXal und zwar mit 
ganz gleicher bedeutung. Es scheint gegenwärtig die ansieht 
ziemlich allgemein zu sein, dass der Wechsel zwischen 0- 
bezw. a-deklination und konsonantischer deklination, den das 
Gr. in diesem und einigen ähnlichen formenpaaren bietet, bis 
in die ig. urzeit hinaufreicht. Mit den übrigen fällen dieses 
wechseis habe ich keinen anlass mich hier zu beschäftigen. 
Aber bei (pvXaxog : (pvkal liegen nach meinem dafürhalten die 
Verhältnisse klar genug, um die eine form als eine im Gr. 

^) Maa vergleiche die bedeatnngsangabe bei Georges '': ftUcio 'durch 
streben, pfeiler usw. stützen; unterstützen, aufrecht erhalten, bestärken, nicht 
sinken lassen; befestigen, verwahren; fest treten; durch essen und trinken 
stärken. 



LataifUB^he worterklämngen. 



179 



entstandene neubÜduug: aussondern zu können. Das verbnm 
^vlmoftm *wachen5 bewachen^ Hom* etc, sieht auf den ersten 
bEck so aus, als ob es ein denoininativum von ffvXai und 

also auf dieselbe stufe wie ävdouü} : ayu^, Kt^gvuao) : Tirj^i*^ 

3m stellen wäre. Auf diese weise wurde es wohl auch von 
dem spraehgetuld der historischen gräcität aufgefasst. Aber 
fär ipvXiQfxm : q>üXax6^ kann man andererseits auf juakauoia : 
^ttJLuxo^, ^ttaaam : &(ßxog d^6mxQ<; verwelseu. Die letzter© 
bUdungsart macht schon an und für sich einen altertümlicheren 
eindmck. Zu gunsten ihrer urspriinglichkeit zeugt indessen 
t^vkun^ 'wache, bewacbung' Hom. etc. Denn ij^vlitjmo : fvlay^^ 

wie taguuam : ra^^uy^^ , X^^Q^ * ;f«««. Wegen q>vkdaam : 
lyuAa*^ : (pvXamq VgL Q^vaota : oqvx^ : ^q^v/q^ (in rot- 

z«e*';eoc -wvfißmgv/ög). Unter diesen nniständen dürfte wohl 
mnm annähme nicht zu kühn erscheinen, dass die Oriecheu — 
tmd zwar vor Homer, der sowohl q^vkuKog als (pvXa^ kennt, — 
von q^vXuoata aus nach dem muster dvduaca : offagj nti^vaam : 
*^p| die form tpvXui neu geschaflen haben. Andere post 
Terbaha im Gr* sind ^rra ysvva nlupf^ H^itwa (Wackernagel 
KZ 30, 299 f) ilujxüg (G- Meyer Alb. St. m 41), Zu dem 
fcötereu alter des rpvXaxnq stimmt es nun auch sehr schön, 
das» das Lat, in -fidtus eine so genaue entsprechung bietet. -— 
Ob die endung mit dem bekannten nominalen sufifix -ahos 
identisch ist^ wage ich nicht zu entscheiden ^ so lange keine 
anderen hierher gehörigen Wörter nachgewiesen sind, — Dass 
d«r specieUe gebrauch, der in bubulctw subulcus erscheint, 
auch dem Gr. nicht fremd ist, erhellt z. b. aus Hom. /^ 136 fiijXu 

^HuütJtfitroti narißtiiu xai sXtxag ßovg^ | 107 avQ — qwXdtJum. 

Für die ersten glieder der lat, Zusammensetzungen ist 
tunes u durch das versmass einsüinmig bezeugt: liftbiilms 
Lneil. 101. 418 L (= Non. 279, 26. 123, 26) etc. mhulcm 
Verg. EcL 10, 19 Hart. X 98, 10. Direkt auf lat. bübukm 
f^k itaUen. bobolvo. Dagegen ist italien. blfolco aus *bofolco 
Jareli dissimilation der vokalfolge o (im vorton) — 6 (unter 
km ton) entstanden, vgL italien. ritondo = lat. rotundus 
s^ Meyer-Lübke Eom. Gr. I 285. Zu gründe liegt also ein 
OHL^tmibi". *bnfuicns, Ascoli wollte in dem i von italien. 
Hd€u uud glnevro einen Vertreter des ü erblicken. Für das 
^^\tn wort kommt indessen die erwähnte dissimilation in 
*^triidit. Und mit dem letzteren hat es insofern eine ganz 



180 Ottio Lagercnnti, * 

andere bewandtnis, als es nicht direkt aus lat. iünipertis, 
sondern aus einem dazwischen liegenden *ieniperus hervor- 
gegangen ist vgl. Meyer -LUbke a. a. o. I 288. Solange 
keine widerstrebenden formen aus dem Boman. bekannt sind, 
thut man sicherlich am besten, bei der quantität des lat 
brdmlctis zu bleiben. 

Was nun sü-bulcus betrifft, so hat es genaue parallelen 
in sü'cerda gr. v-qfogß6g av-fpoQßoq av-ßoojfjg etc. J. Schmidt 
(s. Pluralb. 219 a) hat festgestellt, dass betontes a und un- 
betontes n ursprachlich wechselten z. b. gr. lg : v6g ai. stüpas : 
stüpäs. Hieraus lässt sich also schliessen, dass der ig. kompo- 
sitionstypus. dem stibulciis gehört, den accent auf dem zweiten 
glied einst trug. — Für hü-hdcus gestaltet sich die sache 
schwieriger. Mit seinem fl üitt es nämlich in offenen gegen- 
satz zu bfirhulus bü-cula hu-seqiui gr. ßov-ßoTfjg ßov-xoXog 
ai. go'k^iram g6-pati$ etc. So viel ich verstehe, giebt es 
keine möglichkeit, das ü aus ou als eine auf it. boden ge- 
schehene neuerung zu erklären. Hätte das wort einmal 
^bou'bulcus gelautet, so wäre es ohne zweifei mit den übrigen 
Zusammensetzungen und herleitungen von bos associiert ge- 
halten worden. Warum es später aus dieser Umgebung allein 
ausgetreten wäre, bliebe somit ganz und gar rätselhaft. Dann 
sehe ich keinen anderen ausweg als den, die kürze far vorit. 
zu halten und bü- mit dem als zweites kompositionsglied er- 
scheinenden ai. -gu? (von gaü^ = lat. bos) z. b. ä-gii? saptd- 
gt(^ m-giiß zu identificieren. Von haus aus ist ai. -gii$ die 
in unbetonter Stellung regelmässige form. Demnach ist 6tt- 
bulciis ganz so zu beurteilen wie oben sübxdciis. Im Lat. 
leben also die ursprünglichen formen des ersten kompositions- 
gliedes bau- : 6tt- neben einander fort wie die des zweiten 
im Gr. : ixarofi-ßoiog : exaTOfi-ßtj, 

Ausser buhulcus ist mir kein sicheres beispiel für un- 
bekannt. Zwar findet man bei Georges^ IMlle 'ochsenstall', 
aber bei Forcellini - de Vit bnbile. Entscheidende belege fehlen. 
Femer bustar ßovffxaaiov CGL n 31, 45; ßovaxaaiov bostar 
bouile bouilium n 259, 33 vgl. VI 150. Wegen span. bostar 
port. bostal setzt Gröber ALL I 254 büstar, dagegen Lindsay 
Lat. Spr. 288 bostar an. Auf grund des zusammenfallens von 
U und ö ist ja beides gleich möglich. 



LtteioiMh« worterMämiigen. 



181 



Lat. hos (- ai. gäfX? ahd* kuo lett. gmvs) muss wegen 
des bf statt dessen man n erwartete (vgK lat, uiuns ai, jiväs 
ahd. qtieck lit, gijwas)^ gleichwie das von Ascoli behandelte 
serofa %au' wegen des inlautenden / einem osk.umbr, dialekt 
entlehBt sein. Nun soll die mßglichkeit nicht bestritten 
werden, dass die Römer eine bei ihnen schon vorhandene 
bildnngj etwa der form "^ttöii-lnilctis nach dem entlehnten bos 
zu buhulais umgestaltet haben können. Weil aber das Lat. 
weder hu- in anderen zusammensetisutigen noch das zweite 
glied als selbständiges wort zu kennen scheint, was indessen 
beides auf der luckenhaftigkeit des uns zu geböte stehenden 
materials ebenso gut beruhen kann, wäre vielleicht zu er- 
w^en, ob nicht huhuhus — und in diesem falle wohl auch 
mibidcus — aus demselben dialekt und zu ungefähr derselben 
leit wie hos herübergenommen worden ist. Dann müsste die 
eEtlehnnng vor dem lat. Übergang des inlautenden /' in b 
Btattgefnnden haben. Dieser Übergang ist in der that ver- 
hältnismässig spät. Denn zu der zeit, als die Westgriechen 
Ut^a entlehnten^ hatt^ das it, Hipra die stufen Hifra Ubra 
noch nicht eneicht (s, Schulze KZ 33, 223 f.). 

2. calua- 

In calim f. ^himschale , schädel* erblicken Forcellini-de 

^it und Georges^ einen nahen verwandten zu dem adj. cahms 

'iahl, haarlos*. 8o viel ich weiss, sind andere ansichten 

bifilier nicht laut geworden. Wäre wirklich calua mit caluus 

^ T€rbindung zu bringen — es soüte in diesem falle das zu 

*feitt adj. gehörende abstractum darstellen — , so würde man 

^^^ am nächsten die bedeutung *glatze' erwarten. Vielleicht 

*^iinte jemand sich versucht fühlen , den bedeutungsübergang 

'platze' — *hims?chalej schadeF hier anzunehmen. Aber von 

öderem abgesehen, spricht dagegen entschieden der umstand, 

öass das adj, calutis im lebendigen gebrauch daneben steht. 

Der Sicherheit wegen dürfte es vielleicht geboten sein, 

Ömn blick auf die einschlägigen stellen zu werfen, Livius 

XXin 24 erzählt, wie die Gallier den römischen konsul Postumius 

tötete und seinen köpf abhieben; dann fährt er fort: purgato 

Wide capite, ut mos iis est, caluam auro caelauere, idqne 

*acnim uas lis erat, quo soleronibus libarent etc. Von der 

^^T klar zu tage tretenden bedeutung weicht auch Martial 



182 Otto Lagercranti, 

nicht ab, obgleich er bei seiner Verspottung der kahlköpfigkeit 
das wort verwendet. Die belege sind: Xu 45, 2 nadae . . , 
caluae X 83, 2 nitidae . . . calaae VI 72, 2 calaam trifilem 
VI 57, 2 sordida calua V 49, 3 caluae me numerus toae 
fefellit 'Aber die zahl der haare auf deinem köpfe täuschte ich 
mich' UI 74, 1 psUothro faciem leuas et dropace caluam 5 
miseram traducere caluam. 

Dieselbe bedeutung wie caltia hat das davon abgeleitete 
cäliiaria f. Plin. Cels. etc. caluarium Apul. Vgl. caluaria 
xguviov C6L oft; tota pars capitis ab auribus incipiens II 
570, 38. Zur rechten Würdigung der fraglichen Wörter müssen 
indessen zwei glossen in betracht gezogen werden, nämlich 
CGL n 522, 10 caluaria potherion und aüuariolaj womit 
das Juven. 5, 47 vorkommende calix in dem dazu gehörigen 
scholium übersetzt wird. In unserer sippe liegen also die 
bedeutungen 'schädeF und 'becher' neben einander. Welche 
von ihnen als die ursprünglichere zu gelten hat, dürfte keinem 
zweifei unterliegen. Ich brauche nur zu verweisen auf mhd. 
köpf 'becher, himschale, köpf mhd. topf 'topf, hirnschale' lat 
testa 'krug, topf, hirnschale' frz. tele etc. vgl. Kluge EW.* 209 
und V. Friesen Germ, mediagem. 35. 64.*) 

Das suffix -ar- von caluaria caliiariola erscheint auch in 
anderen gefässnamen z. b. calpar (vgl. gr. xdXntj) bacar mor- 
tarium tii7iarium mixtarms. 

Bei lat. cahia sind wir demnach berechtigt, auf eine 
ältere bedeutung 'becher' zu schliessen. Dann stimmt vor- 
züglich hierzu gr. xeXsßrj f. 'becher' Anacr. Antimach. etc. 
(vgl. besonders Ath. XI 475 d). Da man das eine der beiden 
€ aus Vokalassimilation, worüber s. J. Schmidt KZ 32, 321 ff., 
sehr leicht erklären kann, so lassen sich sowohl calua als 
xeXeß^ auf die gemeinsame grundform *kalegm zurückführen. 
Ein ähnliches Verhältnis waltet ob zwischen lat. ertium und 
gr. oQoßog vgl. igdßiv&og. Für xeUßrj ist mir keine irgendwie 
glaubliche Verknüpfung bekannt. 

3. grtmda suggrunda. 
Voigt Ber. d. Sachs. Ges. d. W. 1874 s. 199 lässt die 
seruitus proiciendi dreierlei umfassen: a. das maeni- 

1) Die amgekehrte bedeatungsentwicklong , von 'köpf zu *krag, topf 
lässt sich, so viol ich weiss, in keiner ig. spräche belegen. 



Lstoimicli« worterklfimBgen. 



183 



iBKim, insofern solches in seinem vorspringenden teile nicht 
gesttitzt war, vielmehr frei schwebte, b. die snggrunda 
öder grnndaj das Wetterdach, c. das proiectum tectum 
oder protectum tignum oder protectum, das vor- 
Bprmgende dach. Für snggrunda gntnda beruft er sich 
hierbei auf die folgenden litt^ratursteDen und glossen. Dig. 
L 16, 242 § 1 lauolenus libro secnndo er posterioribus 
Lftbeonis — proiectum esset id quod ita proneheretur. ut 
Msqiiam requiesceret, qualia maeniana et suggrundae essent. 
K 3, 5 § 6 Praetor alt: ne quis iu suggruuda protectoue 
snpra eum locnm, qua uolgo iter fiet inue quo consistetur, 
id positum habeat, cuins casus nocere cui possit, CGL II 

36^ 24 grün da UTdyrj aai to virig TOP nvlmiu i^i^ov n 
M, 6 SU grün da inditT^^ II 290, 18 ix^hrjQ i'^wax^^ pro- 
Ifictus suggi^unda II 467, 51 vnüanyov grunda snggrunda 
2 480^ 54 tfMküHd^afiüp snggrunda. Wenn die späteren 
jnristeu Paulus und Gaius Dig. VIII 2, 1—2 zwischen pro- 
iectum und protectum scheiden^ so soll nach Voigts* 190 n. 91 
J6De8 das maenianmn und die suggruuda , dieses aber das 
tignimj protectum umfasseu. 

Uater hinweis auf diese darstellnng und ohne irgend 
welche andern argumente anzuführen lehrt Voigt Höni. 
privatalt.' 314, dass über den beiden thüren des römischen 
küses (ianua maxima und ianua minor oder posticum) ein 
Wetterdach (s üb grün da) vorsprang. Aber soviel ich habe 
him können, lässt sich wenigstens gegenwärtig die annähme 
besonderer, von dem hausdache verschiedener dächer fiir die 
iliflreti weder durch die ausgrabungen in Pompeji und Hercu- 
la^Diuu noch durch fuiide anders wob er bestätigen, 

Labeo giebt unstreitig zwei verschiedene beispiele von 
Koiectum, Das maenianum ist ein erkerförmiger ausbau des 
oberen Stockwerkes, wie er in der danach benannten casa 
fei balcone pensüe in Pompeji vorkommt* Wenn aber Voigt 
aus dem prätoriscben edikt auf einen ähnlichen gegensatz 
2*isclien subgi'unda nud protectum schliesst^ so wird der auf 
jyriitisdie Vollständigkeit hinzielenden ausdrucksweise allzu 
poBges und ungebührendes gewicht beigelegt Das beweist zur 
g^üfl^e die Verwendung von snggrunda im Übrigen. 

Aus Varro R. R. IU 3, 5 apes enim subter suggrimdas ab 
toüo uillatico uaae tecto erhelltj dass das dach des laudhanses 



184 Otto Lagercrantz, 

mggrtuidae hatte, unter denen die bienen wohnten. Näheren 
aufschluss bekommen wir durch CGL V 246, 17 subgrunda 
inter tectum et parietes subgrunda dicitur uulgo uero subundra. 
Das wort bezeichnet mithin das auf den wänden des hanses 
liegende und die dachdeckung (Schilfrohr, schindel oder ziegel) 
tragende sparrwerk oder den dachstuhl. Bretter aus lerchen- 
holz empfiehlt Vitruv n 9, 16 für die dachstühle der miet- 
häuser: cuius materies (sc. larigneae) si esset facultas adpor- 
tationibus ad urbem, maximae haberentur in aedificüs utili- 
tates, et si non in omne, certe tabulae in subgrundis circum 
insulas si essent ex ea coUocatae, ab traiectionis incendiomm 
aedificia periculo liberarentur, quod eae neque flammam nee 
carbonem possunt recipere nee facere per se. Und X 15, 1 
beschreibt Vitruv eine testudo, quae habet ex tabulis supeme 
subgrundas proclinatas d. h. mit einem brettemen, in der 
linie von dachfirst bis dachfdss vorwärts neigenden dachstuhl. 
Wie in einem hause die stiggrunda oder suggrtmdatio (wegen 
der bildung vgl. materia : materiatio) unterstützt wurde, er- 
wähnt der letztgenannte Verfasser IV 2, 1: sub tectis, si 
maiora spatia sunt, et transtra et capreoli, si commoda 
columen et cantherii prominentes ad extremam suggrunda- 
tionem. Gleich darauf folgt: sub tegulis asseres ita promi- 
nentes, ut parietes proiecturis eorum tegantur. Diese asseres 
prominentes bilden die suggnmda und sie ist also identisch 
mit dem tignum protectum, von dem die Juristen sprechen. 

So die von Voigt herangezogenen glossen. Zwei gehen 
auf den allgemeinen begriff 'vorsprung' {ix&irfjg ildaTTjg), 
Ein bestimmteres gepräge zeigt dagegen vnoarsyov. Bei 
grün da arsyr] etc., womit nahe zusammenzuhalten ist CGL 
V 459, 13 grunda tectum super ostium, könnte man vielleicht 
auf die von Heibig Die Italiker in der Poebene 48 erörterte 
form des hausdaches verweisen. Aller Wahrscheinlichkeit 
nach bezieht sich xpiXoxdQujuov suggrunda auf die an den 
sparrenköpfen befestigten hohlziegel vgl. Paul, ex Fest. 8, 11 
antefixa quae ex opere figulino tectis affiguntur sub 
stillicidio. 

Aber es giebt noch ein paar glossen, die in diesem Zu- 
sammenhang unsere aufinerksamkeit verdienen. Auf den 
ersten blick eigentümlich erscheint CGL V 611, 48 sugru- 
dia fundamenta, indem eben von dem gegensatze des dachen. 



Ltffceuiisehe worterklfiningen. 



185 



uätuHcIi von dem gründe die rede ist. Aber ich meine, 
stigffrundia bezieht sieb hier auf die an sumpfigen orten not- 
wejQtlig vorzunehmende pfahlung des grundbanes. Hierzu 
hält Vitruv n 9, 10 die erle filr besonders geeignet und teilt 
bei dieser gelegenheit mitj dass in Raveiina alle üffentlichen 
und privaten gebände ptMile au^ diesem holz unter dem gi^unde 
hatten. Nach derselben richtung hin dürfte auch CGL 11 
594, 47 sngurundia uacule (= baculi) zeigen* Das Vor- 
handensein der präp, mh in dem zu erklärenden wort scheint 
uamlich die gleichstellung mit bacnlus überhaupt zu verhindern, 
Bezö^ich des interpretamentes ist mir nicht recht klar CGL 
V 246 j 16 s üb grün da quod gi^eci yposte conducuut. Für 
die dentung von yposte stehen nach meinem ermessen nur 
iwei answege zu geböte. Entweder = ypost<at>B gr, vnf^njuz^v 
'stütze', Odei^ = gr. vnwn^riv, das nach der analogie von giv 
iäaJffT^c - lat* proiectura etwa durch lat snbex -unterläge' 
wiederzugeben wäre- Ob in der that sich indo Tf^g mit dieser 
beäeutung irgendwo findet, weiss ich indessen nicht. Ob 
CGL II 594, 50 sugurnnda creatio in 8ug[u]ruDda 
materiatio zu verbessern ist? 

Fortgesetzt in den romanischen sprachen wird siiggrunda 
4iircli alrz* sevronde severonde *partie du toit Qui avance; la 
Partie inferieure d'une converture de maison, celle qni est en 
saillie pour jeter les eaux pluviales hors du mur' (Godefroy), 
miiida durch Italien* grmtda 'estremitä del tetto, ch' esce 
toora della parete deUa casa, perch^ da essa gronda 6 versa 
k pioggia, che cade in sul tetto ; una soita di tegola , che si 
oette neir estremitA della gronda'* 

Sowohl suffgrimdu als grunda werden von dem sparren- 
tirke des daches, jenes ausserdem von der pfahlung des 
pmdbaues verwendet. Das Vorhandensein der präp, sub in 
^*{fgmnda dürfte auf eine zeit hinweisen, wo grunda nicht 
*iif die beiden genannten fälle beschi'änkt war. Ferner mache 
icb daraui' aufmerksam, dass in den obigen litteraturbelegen 
l^ — suggrundas bei Varro und testudo — suggrundas 
^ Vitruv neben einem sg, der pL von suggrunda erscheint. 
Mäh ist vielleicht berechtigt, hieraus den schluss zu ziehen, 
das» der sg* den einzelnen sparren bezeichnete, und es dem- 
S^tnisa im prätorischen edikt zu übersetzen* 



186 Otto Ijagercrants, 

Ich stelle grunda sxig-gnmda zu aisl. grind *thür, gatter, 
pferch' ags. grindel *bar, holt' ahd. grintil *riegel, balken, 
deichser abg. gr§dU *balken' preuss. grandico *bohle'. Vgl. 
besonders lit. grändai 'die latten, reiser' u. s. w., welche auf 
den deckenbalken des Stalles liegen und auf welchen das heu 
liegt' grlndis 'der ausgedielte ftissboden, die decke eines 
Zimmers' (Bezzenberger Lit Forsch. 114. 115).*) 

Aus dieser ^Zusammenstellung erhellt, dass lat. grunda 
auf die grundform ^ghrondha zuräckgeffihrt werden muss. 
Dann erhebt sich aber die frage, warum es nicht *gronda 
heisst oder mit anderen werten, warum das o nicht wie in 
frondes tondeo respondeo u. s. w. geblieben ist Der regel 
nach scheiden die romanischen sprachen sehr genau zwischen 
lat. und lat. U (z. b. Italien, niuwo cgsta aber loto)^ aber 
für die lat. Verbindung -önd- zeigen alle ohne ausnähme den 
Vertreter des lat. tt z. b. Italien, tgnde, risponde. Das Sard., 
dessen u = lat. U, ü und dessen o = lat ö, ö, bietet in dem 
fraglichen falle auch u z. b. tundit respundit Vgl. Meyer-Lübke 
Rom. Gr. I 172. Im Volkslat war also das vor -nd- stehende 
in f^ übergegangen oder hatte wenigstens eine geschlossene 
d. h. nach u hin stark neigende ausspräche. Dass diese er- 
scheinung nicht eben späten datums ist, geht aus dem um- 
stände hervor, dass schon Ennius die formen frundes frundusai 
gebrauchte. Diese und andere beispiele aus dem Lat. bei 
Schuchardt Vok. n 116 f. vgl. Lindsay Lat Spr. 36 f. Nicht 
nur durch das fortleben im Roman., sondern auch durch den 
vokalismus im Lat selbst erweisen sich also grunda und 
suggrunda als echt volkstümliche Wörter. 

4. pemix. 
Georges "^ bietet : ^pemix pemlcis (*pernitor) durchstrebend-^ 
dah. 1. ausdauernd 2. behend, hurtig, flink (ggstz. graulst 
schwerfällig); pernlciter behend, hurtig; perntcitas behendi^eit^-^ 
hurtigkeit, flinkheit." 



Verwandtschaft zwischen lat. suggrunda und ungefähr denselben bali 

sUiv.-gorm. wertem, die im texte stehen, hat Persson Gerund, lat 89 n. 
schon angenommen. Dies ist mir leider entgangen, als vor drei jähren de^^ 
damals gedruckte teil seiner schrifb eine zeit lang mir gütigst zur YerfÜgnn-^^M 
gestellt war. Die bedeutungen und der vokalismus im Lat. sind indessef^^ 
bei ihm nicht zur spräche gekommen. 



Lateinificlie worterkllruDgen. 



187 



Bevor ich die etymologisclie lierkuaft erörtere, dürfte 
es Tielleicht nicht unangeiu essen sein, die einzige stelle 
etwas näher in betracht zu ziehen, die Georges für die be- 
deutung 'ausdauernd' anzuführen weiss, nämlich Verg. G. 3, 230. 
Es heisst hier von den sich zum künftigen kämpf bereiten- 
den stier 

ergo omni cura oins eiercet et inter 
dura iacet pemix imtrato saia cubili 
frondibu!^ biräutb et eadee piistua acuta 
et tomptat hübd attjue ira'sci in comua discit 
arbpiis <vbiuxLiü trunco ueiite^ue laeesiiit 
ktibiLs et fsparsa ad pa^aiu prolndit harena. 

Statt pemix las hier der schoL zu Juven. S, 10 pernox. 
Und hierfür ist kein geringerer kritUter als Scaliger ein- 
getreten. Philargyrius kennt beide lesarten, hält aber pernix 
(fir besser. Diese form wird von unseren handschriften ein- 
sümnüg bezeugt Mit ilinen gehen auch Servius und Nonius, 
Was also die äussere gewähr betrifft, so muss unstreitig der 
lesart peruijo der Vorzug eingeräumt werden, wie es auch die 
Herausgeber thun. Wie steht es aber mit der inneren gewähr 
^' h. oiit der bedeutung an dieser stelle? Semus zu G. 3, 
^3<) pernix modo perseuerans: Horatius pernicis uxor Apuli* 
Pemii autem perseuerans a pernitendo tractum est; zu Aen. 
^1,118 nam pernix interdum ueloXj interdum perseuerans 
^i^nificat ut ipse in georgicis: et inter etc- Nonius 368, 21 
^ «mix perseuerans. Vergilius Georg, lib. IH: et Inter etc.; 
"*-44, 8 peruicitatem et uelocitatem Cicero discreuit Tuscu* 
f^üarum Üb. V : praestans ualetudine, uiribus, foima, acerrimis 
*^tegerrimisque sensibiis, adde ttiam, si Inbet^ peruicitatem et 
uelocitatem et Vergüios Georg, lib. III hoc sensit: et inter etc., 
^*^t iUud Sit celeritatisj hoc patientissimae fortitudinis. Man 
^ieht ohne Schwierigkeit ein, dass unsere stelle j wenn nicht 
,^^.jt8 ein^e, so doch das bauptbeispiel ttlr peniix 'perseuerans^ 
^^ildet. Was aber gleich diese bedeutuug verdächtig macht, 
;t die beigegebene herleitung aus pernitor. Es kommen be- 
innüich nicht so selten fälle vor, wo sich die alten gramma- 
^^■-Äer einer etyuiologie zu liebe die widerstrebende bedeutung 
^^fcurechtgelegt haben. Und dies, meine ich, ist auch hier ge- 
iheten* Die sechs angeführten verse stellen eine an und 
_ sich geschlossene einheit dar. Denn im vorausgehenden 
^-^ft von der oiederlage des stieres ^ im folgenden von seinem 



188 Oito La^rcrantz, Lateinische worterklänmgen. 

auftreten mit erstarkten kräften zum kämpf die rede. Die 
werte ergo — exercet bilden gewissermassen die anfschrift 
des hübschen gemäldes, dessen einzelne zttge der dichter auf 
kunstvolle weise allmählich hervortreten lässt. Die steilen 
klippen und das harte lager ist der hintergrund, gegen welchen 
sich der taurus pemix abhebt. Dieser gegensatz kommt in 
der Wortstellung deutlich genug zum Vorschein. Was zuerst 
durch pernix angedeutet wird, wird des näheren durch et 
temptat — harena ausgeführt. Dazwischen schiebt sich der 
grund der in den gliedern des stieres und ihren bewegnngen 
hervortretenden pemicitas: die magere kost, die er zu sich 
genommen hat. Durch zu reichliche nahrung würde er nämlich 
grauis, schwerfällig geworden sein. Wir sahen ja oben, dass 
Georges grauis in gegensatz zu pemix stellt. Ich übersetze 
also iacet pernix durch ^liegt da in flinker, rühriger thätigkeit\ 
Sowohl bei der Übersetzung durch *perseuerans' als bei der 
lesart pentox wird nach meinem ermessen die anschaulichkeit 
der Schilderung beeinträchtigt. Hör. Ep. 2, 42 pemids uxor 
Apuli lässt sich pernix offenbar sehr gut durch ^flink, rührig^ 
wiedergeben vgl. Carm. III 16, 26 impiger Apulus. Wenn 
femer Nonius in der wortreichen ausdrucksweise Cicero's einen 
unterschied zwischen pemicitas und uelocitas statuiert, so ist 
das natürlich ganz müssig. Sie sind synonym gleichwie d. 
flinkheit und raschheit. 

IJber pernix handelt Wölfflin ALL Vm 452 f. vgl. IX 9 
und spricht sich dahin aus, dass die bedeutung 'persenerans^ 
von der herleitung aus pemitor abhängig ist. Wie er Verg. 
G. 3, 230 beurteilt, erfährt man dabei leider nicht Dass 
zwischen pernix und nitor — denn pernitor lässt sich nirgend- 
wo belegen — Verwandtschaft stattfindet, hält er wegen der 
verschiedenen bedeutungen auch für wenig wahrscheinlich. E2r 
scheint jedoch zugestehen zu wollen, dass pernix eine formale 
stütze in der perfektform nixtis sum haben könnte. Aber 
dies trifft nicht zu. Denn das nebeneinander von nixua und 
7iitor < *niuitor weist auf ein ig. g^ oder gvh hin. In diesem 
falle würde der gen. von pernix *perniuis lauten wie der 
gen. niuis von nix ^schnee\ Nach dem vorgange von Vanifiek 
EW 525, Wharton Et. Lat. 75 u. a. verbindet Wölfflin pernix 
mit perna 'Schenkel, Schinken' und vergleicht hinsichtlich der 
endung felix : *fela gr. ^^ki^. Die ursprüngliche bedeatnng 



JgieT Federeen, 



ssefien uficii 



mll Dach ihm *Tnit leistnnj^siahiger perna' gewesen sein. Aber 
so viel ich verstehe, hat er eigentlich keine neuen gründe 
aügefuhrt, am diese an sich recht unglanbliche etymologie 
plaoribler zu machen. 

Ich identificiere das -nie- von pernix mit lett, nuiks *ge- 
wandt, sclmeir vgL naiki *sehr, heftig, flink' üt. nikti 'heftig 
beginnen' niklmas 'das heftige heginnen' jii pilko l darhai 
ik haben sich in die arbeit gestürzt'. In dem per- erblicke 
ich die präp. per. Nach dem massstabe des historischen lat 
Sprachgebrauches wäre pernix im gründe genommen durch 
*sflhr flink^ zu tibersetzen. Weil aber das letztere glied kein 
»eBjstILndiges dasein hatte, war das Sprachgefühl nicht mehr 
im Staude, die präp* abzusondern. Die gmndform füi* pernix 
ist demnach *pmi'nQikös (*pert-noiks). 

Upsala. Otto Lagercrantz. 



Zu den lykischen inschriften, 

1. Die inschrift yon Arneai. 

Das Verständnis der lykischen Inschriften ist in der nenesten 

^®it namentlich durch die arbeiten von Alf Torp (Lykische 

**^iträge I— II Christiania 1898, III Chrisüania 1900, Viden- 

'^Jcabsselskabete Skrüter) und Vilh. Thomsen (Etudes lydennes I, 

'Kopenhagen 1899. versigt over det kongelige danske Viden- 

-^ kabern es Selskabs Forhandlinger) mächtig gefördert worden, 

ßine reihe von wichtigen grammatischen entdecknngen hat in 

^HreuUcher weise den Spielraum der subjektiven vermuthnngen 

^ingeschj^änkt, so dass wir jetzt eine bedeutende anzahl von 

'^icht ganz kurzen Inschriften mit ziemlicher Sicherheit fast 

^Vollständig zu übersetzen im st^inde smd. Auf dem schon 

eingeschlagenen wege muss weiter gearbeitet werden; auch 

•^tinflig muss die eiforschung der gi-ammatik das hauptziel 

^^in. Vielleicht wird der fortschritt künftig nicht so rapid 

^tiattfinden wie 1898-99; aber jedenfalls gibt es noch genug 

^^^laaufgeklärter punktej deren aufklärung auf grund des vor- 

^Ä^sndenen materials vielleicht gelingen kann. Einige infigirte 

^^l erneute harren noch ihrer erklärung, und vor allem scheint 

^ijie genaue untersuchimg der präpositionen frachtbar werden 

"^MM können. Schon durch die folgenden bemerkungen zu einer 



190 Holger Pedenen, 

von Torp in ausgezeichneter weise behandelten inschrift wird 
es sich herausstellen, wie oft die frage nach dem gebrauch der 
Präpositionen bei der deutung ausschlaggebend ist 

Die inschrift von Ameai ist von Torp I 15 ff., n 31 und 
in 6 ff. besprochen. Sie lautet mit den von Torp herrührenden 
ergänzungen : 

1. [eh§fin§ prfinavq meti prjflnav 

2. [atf alama . . , ]h : yohha 

3. [atli ehbi se ladt ejhhi : se : mu 

4. [neite ehbi se alqjma : asavq^a 

5. fla tideimi] : hrzzuhi : §n§ : peri 

6. [kUhe xl^^o^vata : meifltepi : ta 

7. [süti] : epfl pi pptivftitiygi 

8. [/upja : ebe[hi:] alqma : se ladas 

9. [ejptte : [tijbe : la&&i : ebttehi 

10. [8]esed§fi[nev]e : fltemeyepi : ta 

11. dt : tike [:tik]e : seiyenepi : m& 

12. [Juhqti : ebeila : epfixtipa : ppu 

13. ^I v^ti : tiy§i : ebehi : übe : ese 

14. deflneve : ebttehi : tibe la&9i 

15. ebttehi : mene : tubidi : trqqa 

16. s: seitlehi : trilimili : huvedri 

Im anfang von zeile 10 liest Torp allerdings jetzt (heft UT) 
nur esed§n[nev]e; aber ich werde im folgenden zu zeigen 
versuchen, dass seine ursprüngliche lesung (heft T) [sjeseäffi- 
[nev]e die richtige ist. Die inschrift übersetzte Torp im ersten 
hefte so: 

„Dieses grabgebäude baute N, N's Schwiegersohn für sich 
selbst und seine frau und seinen Schwager und ftlr Alama, 
seinen adoptirten söhn, ein [druckfehler für: einen] Erzzuber. 
Er war des Perikles krieger. Hier sollen sie daneben bestatten, 
denen Alama dieses grab gestattet und ihre frauen und ihre 
la&9i (verwandte der frau) und nachkommenschaft. Wenn hier 
jemand hineinlegt . . . denen er dieses grab nicht gestattet, sei 
es ihre nachkommenschaft, sei es ihre la&di, der sei schuldig 
den göttem und dem ... des lykischen Städteverbandes.'' 

Im dritten hefte lautet die Übersetzung: 

„Dieses grab baute Alama des X Schwiegersohn für nch 
selbst und seine frau und seinen Schwiegervater und den 
ausserehelichen söhn Alamas, Erzzubi. Er war des 



Za den lyMschen insctriften. 



191 



Perikles strateg. Hier sollen sie ausserdem hineinlegen die- 
jenigen, denen Alama in dem liier befindlichen 
grabe platz vergönnt, und ihre frauen oder verwandte 
ihrer frauen. Wenn jemand jemanden hineinleg:t und ihm 
eine derartige bewilligung (?) , , . ? nicht vor- 
handen ist, zu denjenigen, denen er (der grabherr) in dem 
iiier befindlichen grabe das beisetzen vergönnt, 
entweder die eigenen verwandten oder (die verwandten) der 
eigenen frau, so soll er das büssen den göttera und dem schatz- 
fiJeister (?) der lykiselien konföderation." 

Die wesentlichsten abweichnngen der beiden Übersetzungen 
iJotereinander habe ich durch gesperrten druck hervorgehoben, 
dieselben bestehen darin 1) dass Torp jetzt alqma als den 
öamen des grahherm erkannt hat, woraus er folgert, dass man 
^£nM als Personennamen und asavüBola als 'ausserehelich' 
(üicht ^adoptirt') fassen muss; alqma z. 4 mnss dann als genitiv 
(tllr *üi4mah) betrachtet w^erden; vielleicht ist alqma name 
^^s Vaters und des adoptivsohnes ; 2) dass aus dem zusammen- 
li«.ng unserer inschrift für muneita die bedeutung ^schwieger- 
^a^ter' erschlossen wird; 3) dass in ppu^lreti z, 12 f keine 
^^ation gesucht wird; die zweifelhaften zeichen liest Torp 
*ie früher -ne- (ppmievefi) ; ich möchte py lesen ; y wäre dann 
■^Ugeuau tlir i geschrieben (vgl. Lewissi pulenyda \4ntilli^vt^q)\ 
'^) rlass bei der Übersetzung von esedeMeve und mene z, 15 
^Uf die resultate von Thomsens Untersuchung rücksicht ge- 
glommen wird; vgl. Thomsen p. d9 — ^4 und p. 15 — 26, p, 37—49; 
^^ dass z. 9—10 Ja^d-i und eBedeflneve als adjektiv nnd Sub- 
stantiv mit einander verbunden werden, was nnbedingt. falsch 
*st, wie ich zu zeigen versuchen werde. 

Sonderbarerweise hat Torp nicht gesehen, dass seine Über- 
setzung von z. 13—14 unmöglich ist Allerdings ist kein 
grosses gewicht darauf zn legen, dass nach der Übersetzung 
^f*^ih>^n€ve als accusativ zu fassen warOj obgleich es nach der 
^brm Bominativ ist; denn auch in z, 10 steht esedeUfneuJe als 
Äceusativ statt esedefinevf'^ und nach Torps angaben muss man 
ajmehmen, dass das schliessende e vollkonimen deutlich ist 
X>ass das pluralische ebtiehi 'eoruni' z. 14 — 15 nach der ge- 
K^beneu Übersetzung sich auf das singularische tiJce 'aliquis^ 
C*. 11) hezielien niüsste (Torp p, 12), ist zwar auö^llig, aber 
^^^Mm als unmöglich zu bezeichnen. Aber der dnrch Torps 

13* 



192 Holger Pedereen, 

flbersetzong gewonnene sinn ist anpassend. Das verbot, man 
dürfe hier keinen fremden bestatten, ist vollkommen genflgend ; 
die specialisierung, dass der unbefugte weder die eigenen ver- 
wandten noch die verwandten seiner frau bestatten dürfe, ist 
nicht nur übei^flüssig, sondern durch ihre un Vollständigkeit 
geradezu irreleitend, da z. b. die frau des unberechtigten nicht 
genannt wird. Auch kommt eine derartige specialisirung in 
ähnlichen verboten sonst nicht vor. Ausserdem folgt lad&i 
und esedeüneve z. 14 — 15 in derselben weise nach dem relativen 
Satze . . . v§ti tiygi wie in z. 7 — 10; wie dort müssen sie also 
auch hier eine erweiterung des durch den relativen satz be- 
stimmten personenkreises bezeichnen. Also wäre, unter bei- 
behaltung von Torps auffassung des relativen satzes z. 12 — 13, 
das ganze so zu übersetzen : „zu denjenigen, denen er in dem 
hier befindlichen grabe das beisetzen vergönnt, und zu ihrer 
Verwandtschaft und frauen Verwandtschaft.^ Durch den paralle- 
lismus wird femer klar, dass in z. 10 [8je8edefi[nev]e zu lesen 
ist. Wenn das durch die österreichische kopie gänzlich aus- 
geschlossen sein sollte, was ich vorläufig bezweifle (Torp hat 
ja diese kopien auch für das erste heft benutzt, wo er 
[8]esedefi[nev]e liest), so liegt ein fehler des Steinmetzen vor. 

In der auffassung des relativen satzes z. 12—13 muss ich 
aber von Torp abweichen. Seine Übersetzung „zu demjenigen, 
denen er in dem hier befindlichen grabe das beisetzen ver- 
gönnt,^ beruht auf der annähme, dass epü hier ein vor dem 
relativen satze hinzuzudenkendes demonstratives pronomen 
regirt oder dass epfl^ wie Torp sich ausdrückt, den ganzen 
relativsatz regirt. Torp hat kein wort darüber verloren, die 
möglichkeit einer solchen konstruktion im Lykischen durch 
irgend welche argumentation zu erweisen. Das wäre aber 
keineswegs überfiüssig gewesen. 

Für die lykischen präpositionen sind etwa die folgenden 
arten der Verwendung in anspruch genommen worden: 1) als 
Verbalpräfixe: hrppi-tadi 'superimponit'; 2) als selbständige 
adverbia : fite ^drinnen' ; 3) als adverbia mit hinzuzudenkendem 
verbum substantivum : hri 'ist darauf vgl. gr. eni; 4) als 
Präpositionen vor einem betonten nomen oder pronomen : hrppi 
ladi ^für die frau'; 5) als präpositionen mit einem enklitischen 
pronomen: epflne 'nach ihm'; 6) als postpositionen : kbiyfti 
7) als präpositionen mit weggelassener rektion : epü . . . %fi 



7m den l^rkischen infchriften. 

'^11 (denjenigen), deren* j 8) als erstes glied eines kompositum : 
§lia'ia *grab\ epflnmi. Ich will keine von diesen arten der 
VOTwendung unbedingt in abrede stellen, wünsche aber die 
thatsache hervorzuheben, dass die Verwendungen 2 — 7 alle 
sehr schwach belegt sind. IHir 2 scheint fite beigebracht 
werden zu können: meiptipude thlte yahha ehbi va^^iye kbatra 
Myra 3 *die, welche er hier innen ausserdem begrub, sind 
sein Schwiegersohn und Vazziye die tochter' Torp, nach Thom- 
sen p. 74 jedoch Ici Ü a en outre admis ceux qui (sont d^ji) lä- 
dedanB, son gendre Vazziye et sa fille' (oder vielleicht 4equel 
& en entre admis lädedans son gendre Vazziye et sa Me'); 
Antiphellus 4 : ebidahhaditi ehei Me * ebenso wer dort innen 
änderung maeht^ Torp II 33. Ob es mehr beispiele gibt, ist 
zweifelhaft; bei Limyra 42: sene perepH itlehi qqüti tnnmiü 
*et en outre il(s) le payera (-ront) au tr6sor(ier) lycien' (Thom- 
sen p* 44) wäre es möglich p^r^>l ^u qqflti zu ziehen. Vielleicht 
ißt auch fite immer verbalpartikeL 

För die Verwendung 3 kommt in betracht Limyra 27 $ei 

rfcrifi Mipa 'et T^pitaphe qui est lä-dessus' (Thomsen p, 14), 
Wo Torp 11 5 allerdings trifiJltijM lesen will; in der inschrift 
von Ameai will Torp pi in ähnlicher Verwendung finden, was 
ich unten p* 198 f. zu widerlegen versuchen werde. 
Die Verwendung 4 ist zwar durch die Formel hrppi ladi 
«Afti Be tideime *fiir seine frau und kinder' vollkommen sicher 
belegt. Aber für andere pr^ositionen als hrppi gibt es nur 
sehr spärliches material. Man hat eine präposition eti ange- 
nommen, aber kaum mit recht; als verbalpräflx kommt sie 
jedenfalls nicht vor, denn meti aiyeni Limyra 9 ist nicht nie 
fii gii/eni (Thomsen 24), sondern einfach = meti siyeni. Über- 
haupt glaube ich, dass mfti nnd nifne mit fneti und mene 
etymologisch vollkommen identisch sind* Die occasionelle 
nasalirung ist von dem anlautenden m hervorgerufen (vgl 
prflHtivn Antiph* 3, dessen q von dem vorhergehenden n, 
keineswegs von dem vokal der folgenden silbe hervorgerufen 
ist; femer qmmqma und aMmqmu u, s, w,)- Für die Ver- 
wendung als präposition mit reküon ist Bhodiapoiis l b. z, 2—3 
zu erwägen: hrppßyemeijtadi tike kbi tike (zu lesen Übe) 
^badi eti prnnfezhjehi] khiyehi tike ist nach Torp III 32 
^wenn jemand einen fremden m^ ihm hier hineinlegt, oder 
sehadei, jemand der einem fremden hausstande angehörtV 




194 Holger Pedersen, 

Torps Übersetzung scheint unbedingt durch den Zusammenhang 
verlangt zu werden; er folgert daraus mit recht, dass pti 
nicht, wie er früher angenommen hatte, eine präposition ist. 
Torp zerlegt §ti in f, demonstratives pronomen + ^h relat. 
pron. Ein solches demonstratives pronomen § lässt sich aber 
sonst nicht überzeugend nachweisen. Ich trage kein bedenken, 
tebtirehi : yeti (Torp III 31) in teburehiy§ ü aufzulösen; dass 
sonst kein name auf -hiy^ endigt, ist ein nichtssagender ein- 
wand. Die von Torp aus der Xanthos-stele beigebrachten 
beispiele §ti maliyahi und §ti qlahibiyehi können von dem in 
der vorhergehenden zeile stehenden kbiy^ti nicht getrennt 
werden. In kbiyfti findet aber Torp JH 25 kein demonstratives 
und relatives pronomen. Ich sehe in §ti eine partikel *wie, 
als'. §ti prfhieziyehi kbiyehi Rhod. ist demnach *in der eigen- 
schaft eines fremden' 'qua ein fremder'. Die bedeutung passt 
auch flir das von Torp Hl 25 behandelte tes^ti trifimiliy§ti 
*so wie das lykische gesetz ist'. Vielleicht ist zuihm§ünet% 
Limyra 8 aus zufhm§ (nominativ) und ^ti zu erklären: ^so 
wie der schaden ist' (vgl. p. 196). Antiph. 5 findet sich, leider 
in dunklem zusammenhange, die wortgruppe §ti sbdimi siy^ni 
teil se lada. Nach Torp HE 33 bedeuten die dieser gruppe 
vorangehenden und folgenden werte etwa: „welche bestimmt 
... in dem grabgebäude niemand hinzuzulegen.^ Ich gebe 
zu erwägen, ob §ti hier nicht eine satzeinleitende konjonktion 
ist; also: „. . . so wie Sbelimi und seine frau hier ruhen . . ." 
(über siyeni unten). — Als präposition mit rektion konunt 
neben hrppi nur ese und epfl in betracht. Der schlus9 von 
Limyra 9 lautet nach Torp I 21 : fite : hriyeruvetiti : epnebtte : 
ebeiye : lavit§nti : munikleim§ : se / ldkunumes§ : seteni / 
ddezedu : tike. Die erste hälfte der inschrift enthält die ge- 
wöhnliche angäbe, für welche personen das grab bestimmt ist 
(nach Thomsen 25: „ici reposera Tele, et sa femme et ses 5 
fils, et 4 de leurs femmes^). Man erwartet also hier das 
gewöhnliche verbot gegen benutzung oder Veränderung des 
grabes seitens fremder leute und die androhung einer strafe. 
Die auffassung der werte hängt namentlich davon ab, ob man 
den relativsatz Ute : hriyeruvetiti zum vorhergehenden oder 
zum folgenden zieht; über die grammatische fiinction der 
folgenden Wörter scheint mir dagegen nicht viel zweifei herr- 
schen zu können. Die inschrift schliesst mit einem negirten 



Zu den Ijkisdieii insciirirton. 



195 



imperativ mit vorangeheiidem se 'und' (se-te-ni dde^edu tike); 
alBo muss im TorhergeheüdeE schon ein imperativ vorkommea ; 
da-s kann nur lavUenu sein, manikleimf nnd kikunumes§ 
kennen accusativej aber auch iiominative sein (vgl. die personen- 
uatneu auf -f). Wenn der relaüvsatz zum vorhergehenden 
gebort, muss hriyeruveti irgend eine wülensäusserung be- 
zeichnen; nach Torp I 21 wäre es 'verbietet'; in den Zu- 
sammenhang würde 'verordnet' jedoch besser passen. Man 
würde dann etwa den sinn gewinnen: „welcher verordnet 
nach diesen (d. h. nach dem tode der genannten personeu) 
fiiT dieses (grab) : mimikleime und kikimumez§ (etwa zwei 
synonyme begiüfe = 'die ganze familie') soll es schützen, und 
niemand soll hier beisetzen (? Torp II 35)/ Aber gegen die 
Verbindung des relativen satzes mit dem vorhergehenden lassen 
sich einwände erheben. Der relativsatz hat ein singnlarisehes 
Verb; y, welcher" müsste sich also auf Tele allein beziehen, 
obgleich im vorhergehenden mehrere Subjekte vorkommen. 
Der relativsatz müsste ausserdem einfach fortsetzend sein, so 
dasis ^welcher' mit einem demonstrativen pronomeu gleichwerthig 
wJre, was zwar in Ehod. 2 (Eeisen 11 p, 137) und Myra 
iBeisen 11 p. 33, Torp I 19 — 20) eine analogie hat, jedoch 
aker verhältnissmässig selten zu sein scheint; gewöhnlich findet 
Biaö einen mit nw oder se eingeleiteten hauptsatz. Auch weiss 
BMui nicht, was die partikel Me bei einem verbnm ^verordnet* 
bedeuten soll Gegen die Verbindung des relativen satzes mit 
dem folgenden spricht namentlich der umstand, dass man im 
folgenden kein den nachsatz einleitendes me findet Aber 
vielleicht fangt der nachsatz mit eheiye an; es liesse sieh, so 
i^'feii ich sehen kann, nichts gegen die annähme einwenden, 
ein mit einem betonten, auf den Vordersatz zurückweisenden 
*fe anfangender nachsatz müsse des me entbehren, so dass 
Dttiß also die wähl gehabt hätte zwischen eheiye und me-iye 
>!• IS. w. Dann wäre an unserer steüe den einzelnen Wörtern 
% anderer sinn beizulegen. Das ganze wäre dann etwa mit 
Umfth 5 n. s. w. analog: ti fite hrialakadi . , . meUleiti *wer 
dritmen etwas verändert, der soll zahlen . . .\ Auch an 
ööBerer stelle haben wir die Partikeln fite und hri; das verbnm 
^'^tt^i erinnert an das wubstanüv eruhUya^ urtibliya. Da im 
^Bdtsatz von den gewöhnlichen bussen keine rede ist^ so wäre 
man versucht, hier an irgend eine religiöse formel zu denken. 



196 Holger Pedersen, 

Aber auch bei dieser auffassung der inschrift (^wer hier irgend 
eine bestattung nach diesen unternimmt, dem . . .**) scheint 
epfl das folgende ebtte zu regiren. ebtte ist genitiv. — Sonst 
kommt epn niemals als präposition mit rektion vor. Xanthos 2 
lautet: d)§fln§ x^pq mene prfinavatf mede epfin§ni ehbi hihprqma 
seyatli. Hier kann man aber nicht epH n^i oder epfin fiti 
auflösen; denn in dieser Verbindung wird bekanntlich immer 
entweder hrppi oder gar keine präposition verwendet, epünfni 
ist also ein kompositum. Imbert M6m. de la soc. de lingu. 
Vm 463 gewinnt durch eine nicht zu billigende etymologie 
die bedeutung 'grossvater' {epfl soll mit dem gr. aipvnog ver- 
wandt sein). Da qpfi sonst *nach' bedeutet, so wäre epfln-fni 
vielleicht eher 'Stiefvater' (Torp in 32 setzt ein en^ti 'gross- 
vater' an). — Dagegen scheint epfite als präposition vorzu- 
kommen. Man findet dies wort Limyra 8: hribeuvelahadiU 
metava trbbdlahati seiztivhm^ )fiat% zxii/hm§ftneti Stirtta sefinaha 
epMe ladq §mi setideimis fmis (vgl. Torp ITE 29, I 22 — 24, 
I 11) 'wer etwa dieses ändert, der soll es wiederum ändern 
und den schaden ersetzen, so wie der schaden ist, den sämmt- 
lichen (?) genossen nach (dem tode) meiner frau und meiner 
kinder'. dnrtta sefinaha muss dat. plur. sein, vgl. den dativ 
mintaha Limyra 20. Diesen dativ verbinde ich mit /ioti. 
Der Schadenersatz ist zunächst an die frau und die leider 
des grabherrn zu zahlen, aber nach deren tode an sämmtliche 
durtta „membres de la minti, espfece de conseil de famiUe'^ 
(Thomsen 61). — Dasselbe epfite kommt auch Limyra 11 vor. 
Die inschrift lautet: eh^flnp x^ipq metiprflnavat^ / uvftni sdada 
ehbi seifltevg / tqti mtiv^if hrppiyemei tadi I tike Jcbi tibe mei 
martti tike / hrppibeiye tqtu epfite trppeme / metisetise prünavati 
mettlidi qlayeb pfttreflni (vgl. Torp I 39, 29, 37, ITE 28). Die 
von Torp I 39 gegebene deutung von muvft^ ('diese allein') 
ist heute aufeugeben; ein acc. plur. if. 'diese' ist ganz un- 
glaublich. Ich sehe in fnuv§t§ ein verwandtschaflswort im acc. 
sing. „Dieses grab baute Uvfmi und seine frau; und man 
soll dort auch (? vf, vgl. Torp I 24 über se-ve) hineinlegen 
ihren (ihre ?) muv§te. Wenn jemand ihnen einen fremden 
hinzulegt oder befiehlt, man solle ihnen hier jemanden hinzu- 
legen nach diesen dreien, so bezahle er . . . ." trppeme 'drei' 
wäre mit tupfhine 'zwei' und mupifiine 'eins' (Torp n 13, 25) 
zu vergleichen; es würde sich auf Uv^mi^ seine frau und 



Zu den lyHsheen inschnften. 



197 



mutete beziehen. — Wenn somit epHte 'nach' bedeutet, so ist 

mau versucht, das oben besprochene eptlehtte Limyra 9 'nach 

diesen' in epti-eh^fte za zerlegen; eUte wäre also hier von der 

gewöhnlichen genitivtbrm ebtte verschieden. Über das von 

Torp angenommene eptlne *nach ihm' werde ich unten p- '204 

txx sprechen haben. — Andere präpositionen mit rektion sind 

kaum belegt; in ^eve tuhidi pddf^ba Limyra 5 (vgL Torp I 23 

und Thomsen p, 1 1 über pdde) muss man wohl ein kompositum 

]p<hffi^ba *nach-ersatz' annehmen. Über mm^ Utdq Assar vgL 

unten p. 203, Über slüdqi Limyra 9 vgl, Thomsen p, 25. 

Ich kehre jetzt zur inschrift von Araeai zurück. Nach 
den obigen erörterungen, die uns zwar ein epMe 'nach^ mit 
nominaler rektion, nicht aber ein epfi wahrscheinlich gemacht 
haben^ wird man Torps erklärung von epfix^ipa ppu-py-v^ti 
frj^i ehehi wenig einleuchtend finden. Eine zweifelhaft belegte 
Präposition epü in so merkwürdiger koiistruktion rauss bedenken 
erregen. Mir acheint der parallelismus zu verlangen, dass 
man epn in ^. 12 ebenso anffasst wie in z, 7, d. h. als zum 
lerbam gehörig. Weshalb z, 7 epft^pi-ppti-veti^ z. 12—13 aber 
V^ppti-^-Vi'ti steht, ist mir allerdings nicht ganz klar. 
Vielleicht ist die infigirung von ;(Upa schuld daran, dass das 
fl^ichfalls infigirte ptpn vor die präposition pi/ trat. 

Torp leugnet aber III 29 und 33, dass ein nomen zwischen 
prtfli und verbum gestellt werden kann. Das scheint mir 
^ber sicher, nicht nur wegen mene pdd^ qla smmaii (Sura), 
Wflmit Torp sich viel zu begnem abfindet, sondern auch wegen 
fifewe piitine£i turnte M6m. VIII 456 („Tlos 5*^) verglichen mit 
w*)e Me tuvete Möm* X 28. Da auch nie sich eng an das 
verbam schJiesst, wie ich Nordisk tidsskrift. for filologi, 3* rsekke, 
TO 95 hervorgehoben habe, so erlaube ich mir hier die be- 
okclitung mitzutheilen , dass zwischen me und das verbum 
^ar häufig ein nomen gestellt wird, aber immer in der 
^m^y dass eine zu diesem nomen gehörige besümmung oder 
Weiterung nach dem verbum folgt. Als beispiele führe ich 
»B: mmip mqhqi tubeiti vedreüni Limyra 4 *er soll es 
Wssen dem städtischen senat' ; met- ^ n i qanHveÜ qlahi 
^U^fhi Lamyra 12 'er soll hier bezahlen dem herrn dieses 
Volkes'; mene itlehi inimti trmmili Limyra 20 u* s. w. 'er 
^U l>ü]^sen dem lykischen Schatzmeister'; niene qla qmstebi 
öQra (vgl, Thomsen p. 42) ; mene pdd{' qla smniati ebi sure^i 



198 Holger Pedereen, 

Sura (Thomsen p. 11); ^n^tie trqas Ud)idi semtüiqi Heisen II 
p. 33 'er soll es büssen den göttern und dem Senate'. Aus- 
nahmen giebt es kaum; in metava trbbälahati Limyra 8 (oben 
p. 196) wird man wohl mit Torp tava als adverbium fassen 
mttsseu. In meine Mavqtq pibiyeti tere eheh§ Bhod. I a ist 
ntavqtq wohl ein Substantiv, vgl. Eeisen I p. 128 se piyet§ 
minti ütavqtq. Die erklärung von Torp I 36 ist heute in 
vielen punkten zu ändern; jedenfalls ist daran festzuhalten, 
dass die worte mei . . . ebeh^ einen satz für sich bilden; das 
infigirte fitavqtq muss irgend wie mit dem unerklärten tere 
ebehe eine einheit bilden. Das hier nachgewiesene Stellungs- 
gesetz hat auch auf den von Thomsen p. 36 besprochenen 
fall Verwendung: ebpfl7i§ yu^q meti prfmavat§ zahama 
Limyra 4 ist nach Thomsens scharfsinniger beobachtung gleich 
zahama-ti prnnavat§ eb^flne x^ipq. Torp III 30 sträubt sich 
mit unrecht gegen Thomsens auffassung, welche durch die 
regeln über nie und das praeteritum consecutivum vollkommen 
gesichert wird. Eine ähnliche Wortstellung beobachten wir 
femer Pinara 2: urelillaha irrTimisfl x^tevete terffi] se 
[ajrttmfipara, Bugge Lyk. Studien I 70 übersetzt: „der be- 
sitzer des grabmales und Arttumpara befehligten das termessische 
heer." Über tirebillaha ist allerdings noch nicht das letzte wort 
gesprochen (vgl. Torp 11 14) und es würde mir noch mOglich 
erscheinen, dass es als dativ zum vorhergehenden satze gehörte. 
Das oben mehrfach nachgewiesene Stellungsgesetz beob- 
achten wir auch in unserer inschrift ; ^nipa ist zwischen Präpo- 
sition und verbum gestellt, das dazu gehörige ebehi folgt nach 
dem verbum. epfl — ebttehi z. 12—15 („diejenigen, deren be- 
stattung in diesem grabe er ausserdem erlaubt, oder ihre 
verwandten oder die verwandten ihrer frauen") scheint nun 
nur in der weise mit dem vorhergehenden verbunden werden 
zu können, dass man hierin das Subjekt zu einem vorher- 
gehenden verbum sieht. Um dies verbum zu finden, müssen 
wir die wortgruppe seiyenepi m&dxüiqti ebeüa z. 11—12 be- 
trachten. Nach Torp ist das prädikat in dem -jpi zu suchen; 
pi soll 'ist vorhanden' bedeuten. Das würde nicht zu dem 
von mir angenommenen Subjekt passen. Aber Torps annähme 
ist wenig wahrscheinlich ; pi- ist sonst nur als ein verbalprifix 
bekannt, dessen eigentliche bedeutung nicht feststeht Als 
selbständiges adverbium oder als präposition mit rektion ist 



Qen Ifk 



fteti inscli 



es nicht belegt, $e niyepi £alatu Limyra 36 wurde allerdings 
von Torp I 26 durch *und dies gilt nicht ftir den veräüdernden' 
übersetzt. Aber diese Übersetzung kommt heute iu Wegfall. 
Dean nach einer beobachtung von Vilh. Tbomsen, die ich 
Deutsche Litteraturzeitiing 1899, 1 101 nach Thomsens mittheilung 
angedeutet habe, und die nach Torp III 21 auch von Bugge 
gemacht worden ist, steht ni *nicht' nur vor einem imperativ. 
idktu muös also den verbalbegi^iff enthalten und als imperativ 
gefasst werden; -ejn (nebenform zu pi, auch Arneai z* 10) ist 
iann jedenfalls als verbalprafix mit zalatu zu verbinden. Torps 
annähme, dass -pl in unserer inschrift 'ist vorhanden^ bedeutet 
(was einem betonten *ist' gleichkommt) ist also anderweitig 
w wenig gestützt, dass man sie nur billigen könnte, wenn sie 
TO dem Zusammenhang zwingend verlangt würde, Das ist 
iiber keineswegs der fall, da Torp ein paar Wörter der be- 
trachteten wortgruppe tmerklärt lässt. Unter diesen umstanden 
wird man als verbum das einzige wort anffassen müssen, das 
als mit verbaler endnng versehen aussieht^ und zwar -hqiL 
ffierio stimme ich mit Bugge bei Torp III 19 überein. 
Nach den in miserer inschrift vorkommenden worttheilungen 
^*uiUq^ : iastlti (z, G) und ütemeyepi : tüM (z, 10} kann man 
*a z. 11 das -pi zu md^s^u-Juiti ziehen. Bugge's Übersetzung 
^m miymepi : m&&uhqti eieUa 'und wenn sie ihnen das 
^^$11 (unrecht) hier gar nicht wieder ändern^ passt aber nicht 
^ den von mir erschlossenen Zusammenhang. Der Inhalt von 
5* 10—16 kann verkürzt so ausgedrückt werden: *wenn hier 
Jemand jemanden bestattet, und wenn die berechtigten ihm 
^icht • . ., so büsse er es den göttern und dem Schatzmeister 
J^-^r Ijkischen konföderation*. Es will mir scheinen, dass die 
er offen gelassene lakune nur etwa mit den Wörtern ^erlaubniss 
tben^ ausgefilUt werden kann. Diesen oder einen damit 
irwandten specieUeren sinn muss man also in pi m^&uhqti 
mla suchen, Bugge wUl -hqti mit -la verbinden. Ein zweites 
ispiel für eine derartige auflösnug von ala-bqü (dessen be- 
fetttung übrigens noch nicht genau festgestellt ist, vgl. Thom- 
en 10 — 11) kommt nicht vor; ich wtole jedenfalls Bugge's 
ermuthung nur unter der Voraussetzung billigen können, dass 
W<|fi mit pi md-d-ti verbunden den sinn 'erlaubniss geben^ 
m.^tta: Mieses verbot {f^hei mäS-u) ändern'] ergeben kann. (Wenn 
von Bugges vermuthung abgeht und in pi m^duhqti 



200 Hol^r Pedenen, 

allein den verbalbegriff sucht, bleibt ebeila räthselhaft. Jeden- 
falls ist ebei der lokativ des pronomens e(e. Neben diesem 
ebei stellt ebeli (vgl. Thomsen 24). Es entsteht daher die 
frage, ob ebeila mit ebeli verwandt sein kann. Vielleicht gab 
es neben dem einfachen ebe ein komponirtes *ebe'la 'dieses* 
(substantivisch, neutrum); mit flexion des letzten gliedes ent- 
stand ebeli (vgl. teli 'liier' neben te 'hier'; vielleicht auch 
aladeha-li Thomsen 69). Vielleicht konnte aber auch das erste 
glied die flexion annehmen (acc. *ebf'la etwa in dem von 
Torp III 10 behandelten sebfla) ; der lokativ wäre dann ebeila. 
Ich muss die entscheidung dieser frage der kfinftigen forschung 
überlassen, neige aber selbst mehr Bugges erklärung zu). 

Zum schluss möchte ich noch ein paar werte über tiyfi 
z. 7 und 13 sagen. Das Verständnis der form üy^i und der 
damit jedenfalls identischen form tiyqi wurde von Torp I 10, 
14, 15 angebahnt. Er fasste die formen als dative des plur. 
von dem relativen pronomen. Nach Thomsen 62 wäre tiyqi 
vielmehr gen. plur. Das würde in unserer inschrift auch passen, 
da der genitiv von dem infigirten dement ppii (nach Torp 
ein Substantiv) abhängig sein könnte. Eine ähnliche au&ssung 
wäre wohl auch an den übrigen stellen (die bei Torp nach- 
zusehen sind) nicht ausgeschlossen. Jedenfalls aber übersetze 
ich tiyqi mit *quorum', nicht, wie Thomsen 62 und bei Torp 
ni 9 will, 'eorum qui' oder 'iis qui'. Dann muss aber un- 
bedingt die frage beantwortet werden, wie man sich dem von 
Bugge, Lyk. Studien I 66 und Torp I 37 angenommenen 
accusativus genitivi plur. tisfl-ke gegenüber zu verhalten hat. 
Thomsen 34 lehnt die auffassung der norwegischen gelehrten 
ab, was mich Nordisk tidsskrift for filologi 3. raekke, VHI p. 24 
dazu veranlasst hat, die existenz der genitive plur. auf -s als 
vorläufig zweifelhaft zu bezeichnen. Ich muss gestehen, dass 
ich jetzt nach den erörterungen Torps HE 26 von der Skepsis 
zurückkomme. Sonderbar ist jedoch, weshalb in den parallelen 
formein adi tike tihe zurhm^. Myra 7 und adimeye tike x^^ 
tishke Myra 5 im einen falle der einfache genitiv, im andern 
der accusativus genitivi steht. Dagegen vermag ich nicht, in 
dem vielbesprochenen tisetise Limyra 11, 12, 13 (Bugge Lyk. 
Studien 58, Torp I 37, Thomsen p. 35, Torp in 28) einen 
genitiv zu sehen; ich deute es als ti-se tise, worin se 'und' 
steckt, und übersetze es mit Thomsen ,quidquid\ Diese auf- 



ög scheint mir wegen Limjra 13 geboten; mettUdi tisetise 
pümvaii sedetti epiriyeti. Hier ist meiner ansieht nach 
Be-de-tti ao^nlösen: se mit dem häufig vorkoinnienden, nicht 
gedeuteten element de und tti = ti^ relatiTpronomen ; ob das 
rerbmn epiriyeti in epihieli zu korrigiren sein konnte, weiss 
ich nicht* Jedenfalls aber wii^d tisetise denselben kasus wie 
öi, nom. oder acc,, darstellen. -- tisFike und tiyqi gelten mir 
als Zeugnisse dafür, dass das prouomen indeönituni und das 
proaomen relativnni verschiedene tlexion gehabt haben. Dies 
erklärt sich vieileicht daraus, dass das relative Ü in einer 
älteren periode indeklinabel gewesen ist und dann durch Ver- 
bindung mit einem demonstrativen prouomen (ähnlich wie das 
litauische kurs aus dem indeklinabelu kiir) wieder eine äexion 
gewönnen hat. Die genitive plur. auf -s wären demnach bis 
jetzt nur in dem pronoraen ti-ke und in eigeunameu nach- 
gewiesen und für andere Wörter nicht ohne zwingende gründe 
auzmehmen* Übrig bleibt noch das mit den eigennamen 
ÄHaloge wort trqqas^ das scheinbar *den göttem' bedeutet, 
jedenfalls mit dativen koordinirt auftritt. Soll man hieraus 
folgsrn, dass die genitive auf s zugleich dativische function 
liÄtten, während dies von den genitiven auf *qi nicht anzu- 
Äeimen ist? 

2. Streitfragen (lati^ p^^Ph siy^ni). 

In dem schwierigen Worte ebeilu in der Inschrift von 
nieai will Torp ein Substantiv la 'wiile' finden. Die wahr- 
^clieinlichkeit dieser annähme beruht natürlich darauf, ob es 
verbum Mi *er will* gibt oder nicht. Thomsen übersetzt 
dut'ch *stirbt\ Diese Übersetzung versucht Torp durch 
ihrliche erörterung zu widerlegen, aber, wie mir 
^Äliiit wenig glücklich. In betracht kommt zunächst Myra 4 : 
^ fke lati ddaqasa mene fitepitqü ritipa tesi se hdq ehhL 
Iliööisen übersetzt: *et quand Dd. mourra, ils l'enseveliront 
im le sarcophage ä sculpture et sa femme (de möme)\ Torp; 
%i dieses will Dd*: sie sollen ihn hineinlegen in das mit 
tolirifl vei^ehene grab und seine frau-* Hier scheitert Torps 
ftbersetxung daran, dass sie das nie in mene nicht berücksichtigt» 
^^T me hat Thomsen bekanntlich drei arten der Verwendung 
L nachgewiesen: 1) wie hebr, vav consecntivnm; 2) den nachsatz 

vvenn andere betonte Wörter 



202 Hol^r Pedenen, 

als das snbjekt an der spitze des satzes vor dem yerbnm 
stehen. Der kürze wegen werde ich die drei gebranchsweisen 
als me consecutivnm, nachsatz-ma und inversions-me bezeichnen. 
Nach Thomsens Übersetzung haben wir in unserem falle das 
nachsatz-me. Nach Torps Übersetzung wäre dagegen kein me 
möglich; vgl. Limyra 11: tibe mei martti tike hrppibeiffetqtu 
'oder wenn jemand befiehlt: hier sollen sie ihnen jemanden 
hinzulegen' (Torp I 29, Thomsen 56); vgl. femer Antiphellos 4: 
8eipiy§t§ piyatu minti 'und sie bestimmten dort: die Mindis 
soll festsetzen' (Torp U 24, Thomsen 71). Falsch ist dagegen 
Torps auffassung von Bhod. la 3 — 5 me pibiyeti / prüneei 
setteri : adaiy§ meine fltavqtq / pibiyeii : tere ä)eh§ : meiyene 
hrppitqti u. s. w. Zeile 5 wird von Torp I 36, 11 3 übersetzt: 
'und er bestimmt ausserhalb derselben : hier sollen sie n. s. w.' 
Aber pibiyeti ist mit dem schluss von zeile 4 zu verbinden, 
und ineiyene hrppitqti ist von pibiyeti nicht abhängig; vgl. die 
oben p. 198 beigebrachte parallelstelle : se piyetf minti fliavqtqj 
wo ntavqtq gleichfalls von piyet§ regirt wird. — Wegen der 
regeln über me muss ich auch bei Limyra 14 Torps Über- 
setzung ablehnen, me FiJce qrtti (? lati ?) mfimäie menefitepitqti 
kann unmöglich bedeuten *und dieses verordnet M.: sie 
sollen . . .', weil dabei das me in mene unberücksichtigt bleibt. 
Ob übrigens hier qrtti (Torp) oder lati (Thomsen) zu lesen 
ist, beruht darauf, ob die unedirten österreichischen kopien 
wirklich immer genauer sind als die reproduktionen in den 
österreichischen reisewerken, was für mich noch eine offene 
frage ist — In der Inschrift Assar 1 will Torp aber lati in 
einer Verbindung finden, wo die bedeutung 'stirbt' ganz aus- 
geschlossen ist. Die stelle lautet (vgl. Torp ni 13, Reisen 11 
p. 54) : eb§fl}i§ yupq m^ne prtlnavatf^ tettihpe / hfitihqmah tideimi 
seneüte tqtitdi / isbaH meiye nihrppitqtu tike fhm^ ladq tike / 
hrppi eat* hrppiyemeitadi u. s. w. Für tike hrppi eat liest 
Thomsen tiye [ejs[e]ri ta[di]; das kann aber meiner ansieht 
nach nicht richtig sein, erstens weil die asyndetische Ver- 
bindung von eseritadi mit dem folgenden hrppiyemeitadi mir 
unglaublich ist, und femer weil nach der Wortstellung offenbar 
bei hrppiyemeitadi ein bedinguiigssatz anfängt, was ich unten 
nachzuweisen versuchen werde. Torp ändert hrppi eat* in. 
hrppi lati, nimmt an, dass der vorhergehende verbietende satc 
mit dem zweiten tike schliesst, und übersetzt hrppi lati 'ef 



Zu diu l^^elien infichnften. 



203 



verlang dnzi\\ Aber hrppi kommt sonst niemals als ein 

selbständiges adverbium vor; auch bedeutet es nicht ,zu', 

hrppi lad wäre, wenn es dastünde, gänzlich unverstäudÜGh. 

Es steht aber nicht da. sondern ist durch konjektur gewonnen. 

Das e braucht aber kein l zu sein; es kann ebenso gut etwa 

ein missratbenes t sein (vgl Tbomsens lesung ta . .). Dann 

wäre hrppitatu zu lesen (vgl hrppitatu Limyra 20). tlimf 

hdq Üke hrppitatu müsste dann ein nebensatz sein ; ftmie (nach 

Thomseu *solam\ nach Torp 'praeter') müsste etwa ,anssei* 

dass- bedeuten, meitße nihrj^itqtu tike mme ladq tike hrppitatu 

wlre demnach *sie sollen ihm niemanden hinztilegen, ausser 

daas man die frau hinzulegen soll (darf)\ — In Limyra 14 

folgt nach der oben besprochenen stelle : setenepe ahhadi tike 

fcW fkepi münuke las (sie ?) alute mei * * * kadi u. s* w* Dies 

wäre nach Thorasen: 'et nul autre nV portera atteinte, qnand 

M- gera mort'; nach Torp dagegen: ^ferner will iL: wenn 

hier . . .' In diesem falle hängt die entscheidung davon ab, 

ob ekqn wirklich ^ferner' bedeuten kann. Dies scheint mir 

aber durch Limyra 13 ausgeschlossen zu sein. Die inschrift 

laiUet (vgl Thomsen 56, 43, 23, Torp III 28, I 23, 37) : ehefinf 

)^ipa midi prilnavatf erzes'mube kumaza trzzulalh me MepiJ f 

HÜ ehflne ehei iiye hupitqfi tike ehei etlehe [s]e pdnyehi] / 

^t^äfUdi kf/mHqta iimmt{m[a] qlebi — /^— 7 / settlidi tr^z%äfi 

^fimama khisütqta uva [—] j ebei f kepi Mepimyeni hri hluditi 

inettlidiyefn]i i tisetise p7'flnavati sedetti epiri j yeti Zeüe 5 

Bbereetzt Thomsen: 'celui qni, apres qn'il sera enseveli 

lÄ'äedans, y porte atteinte'. Torp will dagegen ebei fÄrgsi 

iitffinyeni zum vorhergehenden ziehen, wo gesagt wird, dass 

im tmuhi so und so viel qmmqnm gezahlt werden sollen: 

B^nier an den eigen thümer dieses grabes." Dann wäre es 

iber doch gewiss nöthig gewesen, die an den eigenthümer zu 

zahlende summe ausdrücklich anzugeben. Auch kommt tltepi 

sieht als eine präposition mit rektion vor. Torp führt aller- 

iiiigs eine stelle ans der Xanthos^stele an {seM^i kueaprnnq 

ÖK [dl mfl ; tj^fpi] tideimi ehhi u. s. w,). Aber da der zu- 

*ÄTMnenhang nicht klar ist, beweist die stelle wenig; Mepi vor 

Mnmi beruht ausschliesslich auf konjektur und ist jedenfalls 

41» Präposition nnmöglicbj denn aus der häufigen formel hij^'^l 

Wt efcii se iideime ersehen wir, dass die Wiederholung der 

P^position vor dem zweiten substanÜT nicht üblicli war. fdepi 



204 Holger Pedenen, 

vor kizzaprflnq kann zu ttlidi gehören. Aber selbst wenn 
fUepi in derartiger Verwendung vorkäme, wäre es an unserer 
stelle als fortsetzung eines dativs ohne präposition nicht zu- 
lässig. Dazu kommt noch, dass hri hladiti bei Torps anffassung 
ganz ohne rektion stehen würde, was sonderbar wäre; bei 
Thomsens auffassung verbindet es sich dagegen mit e&ei, was 
mit der sonstigen lokativischen konstruktion von cdahadi vor- 
züglich stimmt. Torps auffassung ist also ausgeschlossen. 

Damit scheint mir auch der streit über siy§ni entschieden 
zu sein. Es bedeutet 'repose(ra)\ wie Thomsen annimmt^ 
nicht aber *besitzer' (Torp). Torp beruft sich allerdings p. 16 
auf die Inschrift von Tüssa, von der er eine sinnlose Über- 
setzung gibt, die sich angeblich aus Thomsens auffassung von 
siygni ergeben würde. Die sinnlose Übersetzung ergibt sich 
aber nicht aus der auffassung von siyeni^ sondern beruht darauf^ 
dass Torp esedeüneve als accusativ fasst, während Thomsen 
p. 73 es ausdrücklich als nominativ bezeichnet hat, femer 
darauf, dass Torp zu ptirihimeiqa willkürlich das verbum 
prniiavate supplirt. Die Inschrift lautet: eb§nne tezi mene 
prfinavat§ x^priya / 8ei7iepn7ie[:]iyetf esedeüneve ma^ah / seüi- 
siy§m purihimeiqa uvataseh / iicni seinepflniyet^' esedfflneve 
niaxdh / seipflpud^ idqxre ma/ah yahbu xili (so nach Torp HE 16; 
I 6 hatte er etwas abweichend gelesen), epün-lyet^ zeigt 
dieselbe Verdoppelung des n wie das oben p. 196 besprochene 
epfin-gni. In z. 2 findet Torp ein epflne 'nach ihm' ; man kann 
aber ebenso gut epnn-e^pjiyet^ lesen. Die konstruktion bei 
piyete ist (vgl. z. b. Xanthos 1) accusativ des grabes, dativ 
der Personen, für die das grab bestimmt ist. Das verhältniss 
zwischen dem dativ und dem lokativ von Substantiven ist 
unklar; wir wissen zwar, dass lada im dativ ladij ;^u|m» im 
lokativ x^ipa heisst; ob aber lada im lokativ *lada und x^pa 
im dativ *xupi heissen würde, wissen wir nicht. Der lokativ 
pränavi Antiph. 4 sieht ebenso aus wie der dativ ladi. Ich 
halte es daher für möglich, dass der lokativ und der dativ 
bei den Substantiven gleich waren, so dass nur bei dem enkli- 
tischen anaphorischen pronomen ein unterschied bestand. Es 
wäre dann möglich, dass der scheinbare dativ bei piyet§ 
eigentlich als lokativ zu fassen wäre. Dann würde ich unsere 
inschrift in der folgenden weise übersetzen : „Dieses grab baute 
Chapriya; und Machas verwandte und Purihimeiqa, ü.s 



Zu den ijkbeben inecbnft«D. 



206 



Schwester, welche hier ruht, haben es {-ne-) nachher für ihn 
(-t) bestimmt; und Machas Terwandte haben es (nochmals) 
för sie (Chaprija und PuriMmeiqa) bestimmt und haben (bei 
dieser gelegenheit) ausserdem (die bestattung von) Idjchre, 
M.S Schwiegersohn, hier erlaubt**^ Chapriya hätte demnach 
das grab gebaut, wäre aber vor der einweihung desselben 
gestorben; diese wäre dann von der familie (er ist wohl selbst 
ein söhn von Macha) mit seiner wittwe an der spitze ausge- 
Mrt worden. Nach dem tode der wittwe hätte man be- 
BchloBsen, auch den Schwiegersohn Machas ins grab aufzunehmen. 
Rhod. la (oben pp. 198, 202) ist meim Mavqtq pibiyeti tere 
ebeh§ etwa *er bestimmt es (das grab) für sie als fitavqtq 
tw& ebeh§\ 

3. Die bedingungssätze. 

Die bedingungssätze werden im Lykischen ohne konjunk- 
tion eingeleitet; häufig sind sie aber durch eine besondere 
Wortstellung kenntlich gemacht: mei, das sonst wie alle er- 
weiterungen von me vor dem verbum steht, wird infigirtp 
Beispiele: hrppiyemeitadi tike kbi tihe mei martti , . . mettlidi 
'wenn jemand ihnen Mer einen fremden hinzulegt oder wenn 
jemand befiehlt , . * so büsse er es' Limyra 11. Also nur 
iler erste bedingungssatz ist durch die Stellung von mei kenntlich 
gemacht, eptmemeitadi Limyra 12; ahite mei < . . hadi tike 
ttie mei martti Limyra 14 (Torp II 26); krise mei alahadi 
Limyra 20 (Torp III 29); hrinti meilahadi tike Limyra 42 
(Torp n 33); nipe hlmmi tiwetu (verbot;) hlnkmi mei tuveti 
tifee tibei Mepitadi tike mene u* 8. w, Myra 4 ; hrppiyemeitadi 
We tike mene u* s. w. Sura; hrppiyemei tqti Antiph. 5 
(Torp n 28); h-ppiyemeitadi tike mefie n» s. w. Antiph» 4; 
^mey^tadi tike Ameai (nach Torp IH 10 ist mey- als mei 
8H &as€n ; auch mir ist es wahrscheinlich, dass man es als mei 
ßtitt des regelmässigen meiy- fassen soll; die bestimmung 
'Wer' scheint nicht fehlen zu können); nipe hlihmi ttw€[tu 
MÄ»*i mjei tuveti tike , . mpie Eeisen II p, 33 nr, 43 (Imbert 
^im. de la soc» de Ungu. IX 216) ; hrppiyemei tadi tike mene 
^ I* w- Reisen II p, 33 nr, 44 (Torp I 30) ; hrppiyemei tqti 
»»«nett, i, w. Eeisen II p. 137 (Torp I 30), Zu bemerken 
^ noch die Stellung von mei nach dem nicht komponirten 
^«rijum im bedingungssatz adi mey^ Myra 5, 6. Jedoch scheint 



206 Holger Pedefsen, Zu den IjkiBchen insduifteiL 

in diesem falle mei auch vor dem verbum stehen zu können: 
meiyadi „Antiphellos 6*^ (Torp in 26). Auch kann mei fehlen: 
adi tike Myra 7 und Reisen n p. 34 (Torp in 26). 

Torp m 22 vermuthet, dass mei 'wenn' bedeuten kann. 
Das ist jedenfalls irrig. Die inschrift, die ihm zu dieser yer* 
muthung anlass gibt, beweist in der that das gegentheQ. Es 
ist Limyra 17 b: esedepl^meye meyad§ tesi mifiH avahai /i^pa 
ehbi seine epfl pufltf mei avahia (zu lesen avahai) tesi alador 
hali — ). Der anfang bedeutet nach Thomson: ^En faveur 
d' Esedepleme on a 6tabli une amende k la mindis k la Charge 
de quiconque p^n^trera dans son tombeau." Das folgende 
bedeutet offenbar, was sowohl Thomson wie Torp verkannt 
haben: „und sie haben nicht erlaubt nachher dort (jemand zu 
bestatten).^ Der schluss wäre etwa: „wenn man hier hinein- 
dringt, eine busse u. s. w.'^ avahai wird hier mit /upa ehbi 
und in dem parallelen text Limyra 17 a mit x^pa Äehi ver- 
bunden. ;(Ujpa ebehi ist sonst immer lokativ, also auch hier; 
demnach ist mei vor avahai wie gewöhnlich lokativisch ('hier') 
zu fassen. 

Ich möchte an die besprechung von Limjrra 17 noch ein 
paar worte als antwort auf Torps erörterungen über ebehi und 
e6eij/a (HE 9 f.) knüpfen, ehehi kommt sechsmal vor, fflnfinal in 
unbestritten lokativischer function, das sechste mal so, dass 
man es wenigstens lokaüvisch fassen kann. Das ist alles, 
was wir faktisch über dies wort wissen. Torps annähme, dass 
es eigentlich 'zu diesem gehörig' bedeutet, ist eine theorie, 
die richtig oder falsch sein kann, worauf man aber jedenfalls 
nichts bauen darf. Wenn also Torp an einer stelle efeeÄi mit 
einem accusativ {Mat({) verbinden wUl, so muss er beweisen, 
dass dies richtig ist. Die blosse behauptung: „Unrichtig trennt 
Thomsen hier elehi von ütatq^ genügt keineswegs. AfSrmanti 
incumbit probatio. Wenn Torp glaubt, dass der blosse vergleich 
zwischen Thomsens und seiner Übersetzung von Limjrra 27 
jeden leser auf seine seite bringen wird, täuscht er sich jeden- 
falls. Gegen Torps Übersetzung (11 6) ist einzuwenden 1) dass 
er se ohne irgend eine anderweitige stütze als 'auch' übersetzt; 

2) dass er das accusativische eheies kMmis als dativ behandelt; 

3) dass er ein sonst überall lokativisches wort mit einem 
accusativ verbindet; 4) dass der gewonnene „sinn" anbe- 
friedigend ist: „die dortige grabkammer machte er auch für 



dward 



a» TM, 



S07 



diese bestimmten personen: die frau Itea und seine söhne," — 
Über d^eiya bemerkt Torp^ dass es 'hiesig' bedeutet Das ist 
kein empirisch gewonnenes resultat. Nach dem zusamnienliang 
bedeutet ebeiya genau dasselbe wie ebe, eheHnf^ ebeiyeu. 9. w.; 
der unterschied muss in der fiinction, nicht in der bedeutnng 
gesacht werden. — Limyra 3 steht: ebe pn^^pa metibeiifa. Das 
söU nach Torp bedeuten: „dies ist ein grab, das hier befindlich 
Bt* Das ist doch einfach unsinn. Wenn die inschrift über- 
haupt als vollständig und deutbar angesehen werden soll, 
würde ich als Übersetzung vorschlagen: „Dies grab ist für 
Meübei*^; metibeiya wäre ein dativ auf -ya itatt des ^ er- 
wirtenden -ye. 

Kopenhagen, den 30, juli 1900. 

Holger Pedersen, 



ßigveda vii 33. 

In VediscJw Sttidien üj pp. 129, 130, Professor G e 1 d n e r 
üscusses the date of this hymn as follows: — 

„Kß moderne testkritik, welche sich einseitig von einem 
mtehamscheu anordnungsprincip, das doch nicht strikte durch- 
ftJirbar ist, leiten liisst, schliesst beide Ueder {L e. this and 
iÜ» 63) als spätere anhängsei und epigonenarbeit von der mr- 
^prflnglichen liedersammlung aus. Nicht mit ausreichenden 
gnlndeu, wie ich meine. Zwingende innere kriterien für den 
späten Ursprung unseres liedes sind nicht vorhanden. Die 
Sprache ist durchweg edel, gewählt und fliessend, das gedieht 
iea besten des siebenten buches an die seite zu stellen. Auf 
«in» in V. 7 darf kein zu grosses gewicht gelegt werden, 
km die bedeutung 'vollständig' ist altvedisch. An dem 'selt- 
samen mythus' aber, oder dem 'überschwänglichen* wird nur 
4*;rjenige anstoss nehmen, welcher noch an das dogma von 
kr einfachheit und natürlichkeit des Veda glaubt." 

The representatives of the 'modern textual criticism' to 
whoru Professor Geldner finds himself in Opposition are named 
ui a note, namely Grassmann, Bergaigne, Oldenberg* 
'Tteir View as to the late date of this hymn is also shared 
^ Lanman (Noun-Inflection ^ p. 151), Hopkins (JAOS, 
^vü. 51), and by myself (KZ, NF, xiv. 3 p, 303 and JAOS. 



208 



Edward V. Arnold, 



xviiL 2 p, 212.) I propose in the present paper to examine 
in detail the groiiDds upon which lata date has been assigned 
to this hymn, For if Professor Geldner is right in his vieWj 
it is clear that the commiBi^ of madem criticism wMch has 
marked certain parts of the ^ligveda as later additions is not 
to be trusted, and that all the hymns must be considered for 
critieal purposes as contamporary. This indeed is the position 
practically assumed throughout tlie Vedische Studimi, and I 
venture to think that it is a cause of the lamentable mis- 
nnderstanding of the character of the Vedic hymns in geueral 
which is apparent in those papers. 

It is unfortnnately necessary to observe that Professor 
Geldner has not very closely studied the view to which he 
is opposed. For he states that the „modern criticism*^ rests 
solely OD the aiTangement of the hymns , and immediately 
proceeds to combat other supposed arguments, which whether 
valid er not are at any rate independant. It will be wdl 
therefore to let Grassmann and Oldeoberg at least 
speak for themselves* 

Grassmann {Rigveda i pp. 552, 553) writes as to this 
particular hymo: — 

^Die Stellung des liedes am schluss der Indra-lieder, die 
über alles mass gehende vargottlichung des Vasischtha und 
der seltsame mythus über seine geburt (vers 7—14}^ das zmn 
thefl sehr gesuchte und übei*schwängliche in der spräche, 
modernere ausdrucksweise wie särvän statt des altern v^i^ati 
(vers 7) bekunden späteres alter, wenigstens für den abschnitt 
von vers 7 an, und zeigen, dass das lied erst nach abschluss 
der ursprünglichen Sammlung gedichtet und eingeschoben ist. 
In vers 1 und 4 wird Indra als die Vasischtha's anredend 
eingeführt," 

Oldenberg (Prolegomena, pp. 196, 197) writes more ge- 
nerally; — 

„Für die wirklichen anhänge chai^acteristisch ist ein 
umfang der stücke imd ein Zusammenhang der emzelnen verse, 
welcher den durch das anordnungsgesetz gebotenen zahlen- 
Verhältnissen widersteht: sodann vielfach ein häufiger wachse! 
das metrums und vornehmlich der moderne character der 
Sprache, des metrums (Anushtubh der Übergangsperiode) und 
des inhalts (Akhyäna-hymnenj Zaubersprüche und dergL)." 



I 




Bi^ef^a yü. 33. 



209 



These writers therefore regard the violation of the order 
of Ätrangeuient as one reason oiüy tbr regarding certain hymns 
as of 3ate date : and they so regard it because it is usually 
accompanied by differences of language metre style and subject 
ffhich seem to them to mark a later age. In this particnlar 
hymn Professor Geldner finds no internal evidence' that is 
conräcrng to himself, We have however the interesting 
aiimissioii that one point causes liim at least some hesitation. 
In Verse 7 the word siirva occurs; and in order to determine 
itfi maaning I qnote Geldner's translation of the verse : 

„Drei wirken den samen in den geschöpfen, drei arische 
ivesen sind lichtentsprungen; drei glnten begleiten die morgen- 
rote; alle diese verstehen die Vasist has vollständig/ 

The ward särva then refers to a total of 3 + 3 + 3; 
it might naturally be interpreted *all nine.' But (if we may 
iaterpret Professor Geldner's thonght) sdrva 'all' wanld be an 
eiidence of late date, whilst sdrva 'complete' is found in the 
üUer {ligveda* I can hardly think that Professor Geldner is 
^tistied with this distinction. The special meaning assigned 
by Grassmanu for sdrva in the ^Y. is *gan2, nngetheilt, un- 
vemehrt, (saJvns, integer)* and it seeras justified by snch pass- 
sfes as drishtalt sm^va edkate i 4L 2, On the other hand the 
m of the plnral särve to express a numerical whole is at 
Ifiast extremely rare in the ^igveda, whilst it is very common 
in the Atharvaveda and all later Sanskrit. I can hardly think 
iit any Single piece of internal evidence of a more decisive 
ciÄr&cter can be produced for any late hymn in the ^dgreda. 
hi in fact there is not and canuot in any case be evidence 
Öat will compel conviction, Professor Bloomfleld appears to 
k of opinion that the Atharvaveda as a whole is no later in 
late than the ßigveda, but is written in a "populär** instead 
of a „hieratic*^ dialect, K this view is tenable (and I think 
tt eontains at least an element of truth) no internal evidence 
tised npon the comparison of the p-igveda with the Atharva- 
veda and classical Sanskrit can go fnrther than to shew the 
{ffeienee of the populär dialeet in a particular hymn* But 
tke daim for a separate treatment of the "liieratic" and 
^popalar'* elements in the pig^eda will not be affected« 

I proceed to a closer examination of this hymn, with the 
view of shewing what evidence exists on this point. 



210 



Edward V. Amold. 



To take flrst the qaestion of arrangeraent. Geldner states 
that the "raechanical prüiciple of arrangement*^ cännot be 
strictly insisted lipon. By this I understand him to mean that 
we cannot at once infer that, because a hymn is out of place 
in any coUection, it is of later date. With this view I ima- 
gine that the advocates of the '^modern textnal criticism" will 
not disagree. Nevertheless it is the ease that the great 
majority of the hymns of the JtigT^öda are arranged within the 
Maijidlalas upon the mechanical prmciples explained by Bergatgue 
and Oldenherg, and that where those principles are vlolated, 
we must naturally infer that the arrangement has been tarn- 
pered with at a later date. The addition of a recently composed 
poem is the simplest explanation, and it is supported by the 
fact that the majority of Öie hymES that stand out of their 
Order are of the „populär" or Atharvavedic type. Bat 
the "modern critic" does not insist on tMs ezplanatioB in 
every case: that sorae "hieratic" or oMer hymns have been 
placed in the collectiona out of order is sufficienüy dear to 
me by such examples as i. 104, 139, v. 87, and vüi. L The 
Position of üi. 53 and vii. 33 does not prove them to be 
later additions, bat it is at least an indlcation that such may 
be the ease. 

Further indications may be sought in the graramatical 
forms, Tocabulary, and metre of the hymns» These tests have 
the advantage of being more definite and better capable of 
matheraatieal measurement than questions of style and subject- 
matter, upon which an individual critic may perhaps be influ- 
enced by the prepossessions of general tbeories* Ä list of 
such indications or "notes" has been giyen by me in KZ* (as 
quoted above), and I will now give the details for the hymn 
vü. 33j together mth an explanation of any dirergencies from 
my previous standpoint, 

The list giyen on the next page includes the grammaücal 
forms and the words which now seem to me to have valne as 
evidence» Accordlng to it the hymn contains one word which 
belonp by its grammatical form to the „hieratic" language; 
it contains 20 words (with 23 occurrences), which iUustrate 17 
distinct points characteristic of the ^popular'^ language: so that 
in form it is in general agreement with the populär or Atharva- 
vedic hymns* 




JQtigredft vii. 33. 



211 





Rigreda 


¥ii 33 


. Hotes of Grammar and Tocatiiüarf 












Total no. of occnr- 


Dih 


Wa+Ti TA 


Verse 




rences in 






f 






proper 


BT. 


AV. 


m 




4 


j^hf^ instr. fem. s. in l i 


127 


6 


2 


u« 


Gfsmmar 


1 


dakshit^tähf adverb in *tc4 


65 


51 


284 




m 


2 




2 


6 


33 




m 


2 


€c^i^'e£»fiii (the s^ne) 










Tocabnkij 


2 


pä^adyiimnasya, (opd. of) js^fa 


9 


5 


51 




=, 


4 


pifrijj^tttt fro^ plural jsitaVai^ 


44 


49 


1^ 




GiÄffiunar 


4 


^tla^ eontainiiig letter l 


149 


225 


1090 




a 


5 


natkitäaai^t from stem näih- 


1 


5 


17 




A 


6 


da^4ähi cöntaiäing^ letters ^4 


10 


15 


54 




Vocabolary 


6 


pärichinnä!^^ fmm verb chid- 


5 


4 


36 




GfSQUtiär 


7 


särvänf from sdrva *aU' 


Ifi 


25 


447 




it 


9 


hfidayasytif from item Aftf^ya 


2 


16 


42 




n 


9 


Ba/^ovr^fToi^f^, containingletterf 


(sea above) 






Voeabnlaiy 


9, 12 


;/aitM*n^ from yama (pr n,) 


9 


44 


78 




9 


9, 12 


dj^MrdJäJ^, from apsaräs 


2 


ä 


37 






11 


brahmarij tTomhrahmdnj "priest' 


31 


36 


142 






11 ' 


Ekamiäffif from verb skand- 


6 


7 


24 






13 


kumhlt^j from kumhhd 


2 ! 3 


18 




Octtnumi 


13(biBj 


tdtah} ad verb in 4(i]y 


(see above) 








14 


emm from pronoun ena 


55 


35 


202 




ToeaibQlftfj 


14 


sumanaiyäm a»(7 ?t, 














from Terb sumanasy- 





5 


12 



ExplaBatiön. Hie liit just grren bas been drawn ap on the following 
Priii€ip]eB. Tbe amomit of matter in the Bigreda preper is nearlj double 
^ great as tbat contained in the ßV. hjmns generally recogriised as later 
(of whicb a complete Hst ia given by me in JAOS. XTÜi pp. 212, 218} and 
% tbe AtbarraTeda together. A form or word is reckoned a^ ^early^ if it 
^^ternxM 40 tünes in tbe ^^Igreda preper, belng 10 times as often as in the 
Ci'^äbar two gronpi^ or relatiTeJy ab out 6 timoB as often. Those that occur 
*mm fr^quently are a^mitted to tbe list if the proportion is greater: iJiat ia» 
Irorda or forma occurring" at Seast 35 timeö in the earlier group» and not 
^■lore tban tbree ümos in the later^ er 30 times as compared with two occur- 
tt^^AOii 25 üm^ with one, or 20 times if tbe word is not feand at all later. 
^^Qima Böd words that occnr in daseical S^tskrit are exclnded, 

Tb^ lift of 'läie' form» and words includos oaly Euch aa occor in claHätcal 
San^iit, and in proporticnß wMch are the refeisd of tbose named abore: 



212 Edward V. Arnold, 

given more precisely, a fonn or word most ocenr at least 21 timas in ihe 
later igiigveda and the AV., being three and a half times aa oftan aa m 
the earlier Qigyeda: or 16 times, if there only tiiree occurrences eariior; 15 
timoB, if two ; 13 tunoB if one ; or at least 12 times if there are no eadier 
occurrences at all. 

Prononns and adveihs, as part of the fonnal element in langnage, are 
inclnded nnder grammatical forma : and with words are indnded aU com- 
ponnds, except in the few cases in which the IQIV. makea a distinction between 
the nse of the simple and compoond forms. 

These lisis of early and late notes differ in many points from tfaoae giren 
in KZ. NF. xiv. pp. 305—310. I proceed to note Ihe points of diffisrence 
which occnr in hymn m 83. 

The foUowing addiiional notes of eady date occnr, according to the 
former list: 

1) The mascnline plnral -Osah 6 times, in verses 1, 5 (bis), 6 (bis), and 7. 

2) The word ulokd, verse 5. 

The foUowing additional notes of late date according to the foimer 
list occnr: 

1) the adverb evd three timea in verse 3. 

2) the nonn prajä, in verse 7. 

3) the form agdstycH^ in verse 10, containing consonantal j^ in the snffiz 
-ya after a heavy syllable. 

The following are not inclnded as notes of late date: adveibs in -ta^ 
(except tdtai), nonns with snffiz -anta, tiie plnral pitäräl^, and the words 
skand and sumanaay. 

ConsequenÜy the hymn has according to the older Ust three notee of 
early date, with 8 occurrences, and 16 notes of late date with 22 occurrences. 
The late date was therefore to be inferred from the earlier Ust (and waa so 
inferred by me), althongh not so clearly as from the corrected list. 

Sevend of these notes present points of interest: 

1) It is remarkable that we find in this hymn the mascnline plnral -äsai 
six times, as against -Qi thirteen times : that is, the 'early' form -asai numben 
32 per cent of the occurrences, which is equal to the average of the Qigveda 
as a whole, and compares with 4 per cent only in the Atharvaveda. On this 
point there is (according to my shewing KZ. NF. xiv. p. 335) an important 
difference between period Gl of the Sig^eda, in which the forms in -naa^ 
are still 25 per cent of the whole, and the period G2, in which they faU to 
11 per cent. The occurrences in this hymn are fedrly in agreement with the 
earUer of these periods. Consequentiy there is no need to resort to tilie 
theoiy that the archaic or hieratic form in -aadf^ conld easily have been 
imitated by later writers. Of any such deUberate nse of artificial forms we 
have, according to my view. no trace in the Qigveda. 

2) The word ülokd was inserted in error in the earUer list, in the 
beUef that it did not occnr in the AV. I have since leamt that there are 
three such occurrences, aU in book xviii., viz. 3. 71, 4. 11, and 4. 44, and 
the word should therefore be stmck ont. 



BigTtaä tM. 38. 



218 



3) Tbe ftdrerbs in -f^i^, the nouns in -anta, and the words nkand and 
mmanimy were orerlooked in drawing iip tho pre?ious listf and ebonld be 
idded to it 

4) Tbe Word pAntam^ ff it wete a form of tbe verb pä *drink* from a 
pittint or aorist stcm i^a woald indicato earlj date. Bnt aa eiplained by 
Professor Geldner it indieates lato date, The former intorpretatioD^ iccepted 
b| Grtggmami, b plainly untenabb. 

5) Tbo adverb satrÄ is a note of early date. If it is to be a<^cepted in 
tb» teit for Mtrc it must be added to tbc Ust: bat her© again the interprc* 
tition given in the Vrdkche Studiefi is plainly to be preferred. 

I pass 011 to consider detaOs of metra. In this particular 
äI least the hymn is not unworthy of the praise wMch 
Professor Geldner awards it. It contains 56 Trishtubh verses, 
öone of which either fall short of the Standard number of 
deven syllables or exceed it, The caesura occurs regularly 
after the fourth or fifth syllable. The four final syllables are 

in every case of the standaid type ^, The second 

sjllable is long, except in 4b, 6c, lOa^ 12a, in which its short 
qiwntity is corapeosated by a long third syllable, and in the 
opemng word apsaräsah of 9d and 1 2d in which the occurrence 
of a proper noun may excuse the breach of the rnle which 
forbids two consecntire short syllables at this point* The 
fourth syllable is long throughout, except where the caesura 
föllows, and in the expression yamena tatdni which occnrs in 
9c and 12c and in the proper nonn mürävärufia in 10b, 
A caesura after the fifth syllable is followed by two consecntive 
ikort syllables in each case except in 2c, where wa find the 
proper noun vayatmya with iambic rliythm, Only after an early 
caesura we find slightly more variety. In twelve verses out 

of äl we find the typical sequence ^ and in as many 

u aleyen the cretic — ^ -: but in every case the sixth syllable 
is Short. In short, we bave a pure Trishtubh hymn of the 
type which I have prevlously described as the Cretic Trishtubh. 
This form of verse points in itself neither to very early 
to very late date. It is free from the frequent iambic 
Aythms and decasyllabic verses which mark the earliest Vedic 
period^ and equally so from the intermixture of hypersyllabic 
or Jagati verses and stanzas which characterize so many 
hymns of the late ^igveda and Atharvaveda, But at the 
ä^me time it separates the hymn sharply from its neighbours 
iB the seventh book, The group of Indra hymns which imme- 



214 



Edward V, Amold, 



diately precedes (vii. 18 to 30) has the eighth syllable short 
in 16 Verses out of 400, or 4 per cent; the Mitra-Vam5a 
hymns vü 60 to 65 have 4 instances in 149 verses, or 3 per 
Cent; our hymn lias no example. The Indra hymns have 
iambic rhythm following tlie caesura in 80 instances, or 20 
per Cent, the Mitra-Varupa hyinns in 29 inetances, wMch is 
again 20 per cent: onr hymn contains only one instance, or 
2 per cent. The Indra hymns have the cretic rhythm in 
32 verseg out of 192 wMch have early caesura, or 17 per 
cent: the Mitra-Varmia hymns in 8 verses out of 53, or 15 
per cent: our hymn gives 35 per cent, These alterations ol 
Standard are not accideutal; they are due to a growing 
tendency to develope the Trishtubh in a direetion opposed to 
a uniform iambic rhythm, and they are eiactly parallel to the 
tendency whieh has produced in the later pigveda the Varia- 
tion of the Anushtubh verse which Professor Oldenberg has 
described as the „later Anushtubh.'^ The observed facts of 
the P^igveda do not justify us in regarding the Cretic Trishtubh 
as a distinctive note of the later tligveda. It is common in 
both of the periods which I have denoted previonsly by B2 
and Cl, that is, in the latest sub-period of the ^igveda proper, 
and in the earlier snb-period of the late jpigveda. 

The remaining points to be noticed in connesion with 
this hjrmn are less definite in character. It has, in part at 
least, the form of a conversation between the priest and Üie 
deity (Indra). Nearest in character in this point are the 
hymns yii, 88 (Vasishtha and Varuna), yüi. 89 1—6, x 27 
1 — 10, 52, 53, 98 and 167. Of these seven hymns the last six 
appear to me to belong to the later P^igveda, and five out of 
the seven are in the tenth book* The hymn vii. 88 however 
has every sign of early date. Whether the language of 
vii. 33 is, as Grassmann thinks, 'artificial and exaggerated', or 
as Geldner holds 'choice, elevated and fluent' I -wiü not attempt 
to deeide. But it is at least worthy of note that this hymn 
alone in a coOection of over 100 hymns of the Vasishtha 
family assigns to its priestly fonnder ahnest divine rank, and 
that the hymn viL 18 appears to give an almost contemporary 
account of a battle which to the writer of vü. 33 ifi dearly 
in the remote past. 

There remains the 'curious myth' of the divine birth of 




rarishtha from Ihe Joint fatherhood of Mitra and Varuiia and 
wiihmi mother, The authors of the Veduche Studien have 
performed distinguislied Service to Vedic exegesiB in explaining 
the references to this and similar myths in tlie ^igyeda in 
accordance mth the foller relations of the Brähtna^as, That 
these myths are in their origin far older than any Vedic 
hymns is in the abstract highly probable: the analogons tales 
of the birth of Pallas and Aphrodite indicate that they were 
not Strange to the Indo-European period. But that we have 
to do with such traditional tales common to „the whole 
lügreda^ is in no way made probable. The Vasishtha collec- 
tion contains seven hymns addressed to Mitra and Varu]ja, 
foiü- to Indra and Varu^a, and four to Varuna alone, thereby 
pYing a marked prominence to the god Varu^ia as corapared 
With other collections, and indicating a special predilection on 
the part of the Vasishtha family for his worship. But neither 
in these hymns nor elsewhere in the pigveda does a further 
mference to this myth oecur. It is true that we have myths of 
a soHiewhat simüar character in i. 179 (Lopämudrä), iv. 18 
(Indra), z. 10 (Yama and Yami), 28 (Indra and Vasukrä) 
X- 86 (Vjishäkapi), 95 (Purüravas and Urvagi), 102 (Mudgala) 
and 108 (Saramä) : but all these hymns belong to the later 
Sigreda- There is one important exception* The opening 
Verses of x, 61 (vv. 1 to 7) contain a fragment of a myth 
rekting (as I understand them) to Dyaus and his danghter 
üsbas, The hymn has every internal mark of high antiquity, 
lad is connected both by tradition and by a reference in r. 18 
with the Iranian hero Nabhänedishtha. Bnt the myth referred 
to was lost in the tüne of the Brälunai:ias, and a continuity 
tf tradition between the ^igveda proper and the Brähma^as 
k Uus department remains an unproven hypothesis. 

Od tbe whole there is to my mind a great preponderance 
of evidence tending to shew that this hymn should be placed 
tmongst the late hymns^ though not amongst the very latest 
of tie S'Jgvßda. There is no point in the evidence which can 
compel the conviction of any person who is unwiUiug to accept 
this resolt: bat at the least the hymn is singnlarly ill chosen 
80 far as it is made by Professors Pischel and Geldner to 
serve as the text for their more general Programme of the 
Interpretation of the ^igyeda accordlng to „Indian" methods* 



216 Edward V. Arnold, 

The more cleajrly they indicate the points of contact between 
thia hymn and the ideas of the Brähma^as, the more ftaUy 
wül the openminded reader realize the distance between tfais 
hymn and the great body of Bigvedic poetry. 

I have already indicated in tliis artide, and somewhat 
more folly elsewhere,^) that the position and character of the 
gods ACtra and Vara^a in the minds of the bards of the 
Qigveda is in no way to be jndged from the reference to them 
in Ulis hymn, and that there is no jnstification for the comment 
of Professor Geldner in his note to page 292 of vol ii. of the 
Vedische Studien.*) A few words seem fdrther necessaiy on 
the Position iUnstrated by his remark npon this myth, that 
„only those will be offended by it, who still believe in llie 
dogma of the simplicity and natnralness of this ^igveda.^ 

No modern stndent has any occasion to be offended by 
a myth, which the stndy of folk-lore has shewn to be character* 
istic of an early stage in the development of the human 
imagination the whole world over, and which disarms critidsm 
by a simplicity and natnralness of its own. For all that, the 
bard Vasishtha, in whose honour the myth is here recited, 
wonld undoubtedly have been offended by finding it dothed 
in the undeserved honours of Trishtubh verse, and inserted 
in the collection of sacred hymns belonging to his family. 
For the Vasishthas and their colleagues in other conrts were 
men of refinement, religious thinkers and political leaders, and 
by the principles they held this myth stood condemned as 
indecent and unscientific, exacüy as it wonld be condemned 
by the priest or policeman of any modern European society. 

What Geldner here calls the 'dogma' of the simplicity and 
natnralness of the ^igveda he has better described (Vedische 
Studien vol. i) as the 'illusions' of European commentators, 
who have imagined that they found in the !^igyeda the sponta- 
neous outpourings of the feelings and desiies of a primitive 
and innocent pastoral people, the progenitors of the Indo- 
European nations. These Ulusions had at least the merit ot 
recognising in the l^veda a collection of works of beauty 
and skill, wortby to rank with the classical literature of the 

») Classical Review ^ Febraary 1900. *) The history of the Varana 
worship seems to me correctly stated bj Fischöl and Geldner in the Ein- 
leitang to vol. i, pa^ XXVIl. 



Itig^eds TB. 39^ 



217 



fforld. Certainly Pischel and Geldner haye done well to 
point out that these poems are DOt the productions of Ignorant 
pea^ants, but of a higlily cultnred professional class^ encouragfed 
by the gifts of kings and the applause of courts (Einleitung 
p- XXIT), Just the same may be said of the Homeric bards 
aad of those of Ärthur's court, and in this very point the 
Mo-European character of the pigyeda is most clearly shewn, 
as opposed ta the exaggerated ^Indian^ theory of the Studwii. 

The language of the early Vedic hymns is also essentially 
tkt of the Avesta: thus it appears that the bardic schools 
were at least Aryan in character- The metre in its funda- 
mental principles is that of Homer: and in this simple fact 
there lies much reason to mistrust tlie new dogma of a 
pürely Indian ^igveda* But the Standard of taste, the authors 
of the Sixidien keep asauring us, is purely Indian : it is adapted 
tfl amuse kings who had aJready adopted every yice of the 
modern Hindu, and liyed onJy to drink^ gamble, and eonsort 
with courtezans, This yiew is, it may be hoped, only a 
nightmare which oppre&ses for the moment our commentators : 
*fld a Short coraparison with the literatures of other Indo- 
Eoropean peoples should sufflce to dispel it. 

For it is presumably to the prehistoric professional schools 
"f bards that we owe it that for all Indo-Enropean peoples 
tiere exists hut one Standard of taste as regards the subject- 
ttatter of literar^^ art, and that that Standard forbids any 
iteBing npon the sensual details of the passions of eating, 
tiaking, and sexual intercourse. This prohibition is of course 
aot uatnral or instinctive : it is the product of refinement, law, 
Äiid religious feeling : and it is indissolubly associated with the 
f'QÜtical and social welfare of the peoples who have accepted 
ft* For the Hellenes the poems of Homer and the tragedians, 
fte histories of Thncydides, and the philosophical works of Plato 
demonstrate this law* Kit is not observed by Herodotus, Aristo- 
phanee, or the Alexandrian writers we do not say that these 
writars have a different or „Hellenic" Standard: we say that they 
ttaasgress the law, Herodotus frora historical zeal, Aristophanes 
for the amusemeut of the populace, the Alexandrians in foUow- 
i^l the literary taste of an age of decadence, For the 
fi^^m&us the law is proved for us by the writings of Cicero, 
Vergü and äeneca: the examples of its vlolation ai'e more 



218 Edward V. Arnold, JBigvedft ni. 88. 

numeroas, and pass from the lawlessness of the nndisciplined 
man to the scarcely sane imaginings of the indiyidual who 18 
in rebellion with the whole of his social snrroondings. Every- 
where in modern literatore the same prindple has been 
accepted by the comensxis of sane literary jndgment 

On the qnestion of the taste of the Vedic poets Grass- 
mann, with all his limitations, speaks with better antfaority 
than Pischel or Geldner. For the method of his work forced 
him to know the ßigveda as a whole, and in its dne pro- 
portions. The artifice by which he has separated certain parts 
of the Veda from the rest and consigned them to an Appendix 
of small tjrpe may be sdentifically absurd, bat it is tme to the 
literary feeling of the Vedic poets. These passages are not 
all later in their subject-matter, which is primitive in the 
strictest sense, nor in their literary form, which is sometimes 
(thongh not perhaps very often) archaic. Bat their position 
as part of the collection of hymns is an anomaly and may be 
rightly regarded as an offence: it is precisely paralleled by 
the indecent or grotesque carvings which idle monks have 
introduced into Christian cathedrals, and which we now pre- 
serve for their historic interest, but without deluding ourselyes 
by deducing from them a „Christian'' Standard of taste, or 
asing them to explain the principles of Gothic architectnre. 

There is therefore no mere detail of „textual criticism** 
involved in the qnestion of the date of the verses which 
embody either the rüde myths of the ürvaQl type, or the 
refined decadence of the Vrishäkapi „hymn." The moralily 
of king Sadäs was probably no more peifect than that of king 
David or that of Agamemnon king of men. But at least the 
Society which they represent, bloodthirsty, lawless and greedy 
of gain as it clearly was, contained some Clements of respect 
for the higher side of human nature, and its poets stood in 
the main for that higher side. It was not otherwise with the 
Vedic poets. It may be an 'illusion' to regard them as simple 
and natural: but it is no gain to regard them as venal and 
decadent, to find a corrupt ideal in the picture of ''rosy-fingered 
Dawn,'' and to emphasize unduly the few scraps of sensuous 
description, which are found in the !^igyeda. Such passages 
mark the beginnings of corruption of taste, and as surely point 
to the Coming downfall of literary skill, as to the absorp* 



HolgtT Pedersen, Zur iSrowndenHSoiMarten. 

tion of the lofty religious ideal whieh culminated in the worship 
tf Mitra Varn(^a and Aryaman, the guardiaBS of the immove- 
able physical and moral order of the ueiverse, iü the seoÜe 
ihsordities whieh fill the yolumes of the Brähmanas. 

It is ujihappÜy the case that criticism must oecupy more 
spaee than expressions of agreetnent. No one has raore adour- 
atioa than myself for the skiU and learning displayed by 
Professor Geldner and his colleagne throughout the Studien^ 
ihi not least in the exegesis of this very hymn : and no one 
wül reeognise more readily, I beliere, than these writers that 
their „new method" can only gain in the end hy haviiig every 
prittdple it sets forth snbmitted to the severest cross-examina- 
tioü by those who cannot follow them in every point» 

Bangor, Wales, August 1900. 

Edward V- Arnold. 



Zur lehre von den aktionsartea 

§ 1. Durch die neuesten entdecikungen auf dem gebiete 
ier altiriachen grammatik ist die frage nach der rolle der 
perfektiyität in den indogermanischeD spraclien wieder brennend 
gevoirden. Ehe ich zur prüfiing der keltischen Verhältnisse 
icireite, möchte ich daher ganz kurz skizziren, was mir das 
erBebniBS der bisherigen diskussion für die übrigen sprachen 
sn sein scheint. 

§ 2. Zunächst ist es als eine glänzende hypothese zu 
bezeichnen ^ dass daß nrindogermanische tempussystem zum 
theil aus einem noch älteren System verschiedener aktionsarteu 
entatanden ist. Für eine vorperiode unserer Ursprache wird 
ilsö die folgende aufstell ung richtig sein: 



Ktcbt-p^oktaeU 
(kanir, itemÜT, ttiminativ) 



BTli,| nil$it> riBqßt ai* iMnaämi 



Panktaen 



Ttiiotiß ^dhsmi *$Ükidö 



Perfektifch 



Ftft I in f i^or ii i^n^ fli. üdiinadam inntfa &i . a-dkäm m . achidam in tn o l^i i ¥ 

Kau sieht aber sofort^ dass man dies Schema weder mit 
fomeu der einzelsprachen noch mit formen der Ursprache im 
gevüholichen sinne des wortes ausfüllen kann« Formen wie 



220 Holger Plenen« 

*8Jchidö and *dheini sind rein glottogonisch vermnihet; glotto- 
gonisch ist anch die vermathong, das fatomm habe orsprfinglich 
ponktaellen sinn gehabt. 

§ 3. Für die idg. nrsprache haben wir also nicht ein 
System von aktionsarten, sondern ein System von tempora an- 
zusetzen. Die frage, ob sich nicht etwa ein neues dem alten 
analoges System entwickelt haben könnte, so dass in der Ur- 
sprache jedes yerbum durch sein ganzes tempussystem eine 
bestimmte aktionsart (punktuell oder nicht-punktuell) fest- 
hielte, lässt sich Oberhaupt nicht stellen. Ein punktuelles 
yerbum mit einem präsens und einem Imperfektum, oder ein 
nicht-punktuelles yerbum mit einem aorist, ist einfach unsinn. 
Empirisch hat sich denn auch derartiges nicht nachweisen 
lassen. Im Slayischen gibt es allerdings ein System yon 
punktuellen und nicht-punktuellen yerben (was den yer&ll 
des alten tempussystems bewirkt hat). Die yersuche, ähnliches 
in anderen idg. sprachzweigen nachzuweisen, sind aber ge- 
scheitert. Klar und nüchtern hat Delbrück, Vergleichende 
syntax n 126 und 161 ausgesprochen, dass die gotischen yer- 
hältnisse mit den slayischen nicht übereinstimmen. 

§ 4. Vermuthlich um die früheren Untersuchungen (yon 
Streitberg u. s. w.) nicht zu sehr zu desayouiren hat dann 
Delbrück die kategorie der terminatiyen yerba (die nach Del- 
brück das yorsichgehen der handlung mit dem nebenbegriff eines 
terminus, der yollendung bezeichnen) aufgestellt und für die 
fälle, wo die terminatiye bedeutung durch komposition mit 
einer präposition entsteht, den ausdruck perfektiy yorge- 
schlagen. Darin kann man ihm aber nicht folgen; es kann 
nur yerwirrung anrichten, wenn man einen der slayisdien 
grammatik entlehnten ausdruck in einem yon der quelle ganz 
abweichenden sinne yerwenden will. Es ist ganz unmöglich, 
yon der slayischen grammatik zu yerlangen, dass sie sich nach 
einem derartigen einfall richten soll. Hoffentlich wird Delbrücks 
yorschlag bald in yergessenheit gerathen, aber yorläufig bleibt 
nur der ausweg, die ausdrücke perfektiy und imperfektiy 
gänzlich zu yermeiden. 

§ 5. Die terminative bedeutung eines yerbums entsteht 
zunächst fast mit innerer nothwendigkeit in bestimmten yer- 
bindungen. Die yerbindung des yerbums mit einem das ziel 
bezeichnenden adyerbium („präposition^) hat naturgemäss diese 



Zur lehre T<m den iMionsa 



221 



wirkangj ebenso aber auch oft die hiiiziifllgung eines bestimmten 
objekteä. Ich trinke ist cursiv, ich trinke ans oder ich trinke 
das ivasser ist terminativ. Dies wird mehr oder weniger liir 
lUla sprachen gelten; ich gebe beispiele ans meiner matter- 
sprftehe, Je^ drikker vandet *ich trinke das wasser' oder jeg 
$knver brevet *ich schreibe den briet' wird nur äusserst selten 
kursive bedentnng haben ; die kursive aktion wird in der regel 
durch jeg drikker af vandet ^trinke vom wasser', jeg skriuer 
fä brevet 'schreibe an dem briefe* oder jeg er ved at drikke 
mmAd^ jeg er ved at skrive brevet 4ch bin daran, das wasser 
zu trinken, den brief zu schreiben' oder noch andere Um- 
schreibungen ausgedrückt werden. Jeg drikker vandet^ jeg 
^river brevet ist in der regel entweder futurum oder iteratives 
präsaoB (etwa im folgenden Zusammenhang: „wenn ich die 
waW zwischen niüch und wasser habe, trinke ich das wasser," 
„so oft geschrieben werden muss, schreibe ich den brief"). 

§ 6. Eine weitere entwicklung findet dadurcli statt, dass 
die Präpositionen ihr gebiet melir und mehr erweitern^ wobei 
ihre konkrete bedentnng natürlich mehr und mehr verwischt 
wird. Die kulminätion dieser entwicklung muss darin be- 
stehen , dass jedes terminativ verwendete verbum mit einer 
pfiposition zusammengesetzt wird^ wenn nicht etwa der begiiff 
des verbums überhaupt derartig ist, dass es naturgemäss 
bäufiger punktuell als kursiv verwendet werden nmss (wie 
etwa *fallen\ %eben'). Vei^schiedene stufen dieser entwicklung 
finden sich etwa im Lateinischen^ Gotischen, Litauisch-lettischen. 
Aber auch^ wenn die kursive bedeutung von den vorzugsweise 
tenninativen verben gänzlich ausgeschlossen iat (was wohl im 
Gotischen noch nicht der fall ist, vgl. ausona gahmtsjandona, 
mgmm habandans ni gasaihip Delbrück 11 160—161), können 
die tenrnnativen verba noch immer präsentiseh verwendet 
i^erden and zwar m iterativer bedeutung. 

§ 7, Die slavische entwicklung lässt sich auf gimud des 
litauisch-lettischen zustandes leicht verstehen. Durch die weiter- 
wichernde entwicklung eines Systems von iterativen verba 
wurde den terminativen verben die iterative bedeutung ge- 
nommen und nur die punktuelle bedeutung blieb ihnen noch« 
Von diesem augenblick an war eine präsentische Verwendung 
di€i*er verba ausgeschlossen, das präsens ransste entweder 
iwi|ebräuchlich werden oder die bedeutung eines anderen tempus 



222 Holger Pedenen, 

annehmen. Diese letzte stufe der entwicklang scheint nicht 
besonders alt zu sein ; denn das dadurch überflOssig gewordene 
futurum scheint erst kurz vor dem anfang der litteratur ver- 
loren zu sein. Auch kann zur zeit der neubildnng eines 
slavischen Imperfekts natürlich noch kein ausgebildetes System 
iterativer verba bestanden haben. 

§ 8. Es ist ganz falsch, von punktuellen idg. wurzeln 
zu sprechen, und zwar schon aus dem einfachen gründe, weil 
im Idg. keine wurzeln, sondern nur verba mit vollentwickeltem 
tempussystem vorkamen. Es gab aber im Idg. keine punktuellen 
verba, sondern jedes verbum konnte kursiv, punktuell und 
iterativ verwendet werden, wenn auch einige verba ihrem 
begriffe nach natui'gemäss häufiger kursiv, andere häufiger 
punktuell vorkamen, eßrj hatte in der indogermanischen Ur- 
sprache ganz einfach deshalb punktuelle bedeutung, weil es 
ein aorist war. Ob die wurzel in einer entfernten vorperiode 
der Ursprache die bedeutung 'den fuss aufsetzen^ gehabt hat 
(Delbrück n 77, Brugmanu Griech. gramm.^ 471), ist eine 
rein glottogonische frage. Es ist weiter ganz falsch mit Del- 
brück n 128 anzunehmen, dass die punktuellen simplida im 
Slavischen an punktuelle präsentia oder an aoriste der urzeit 
anknüpfen. An punktuelle präseutia knüpfen sie nicht an, 
weil solche nicht vorhanden waren, und mit den aoristen der 
urzeit haben slavische präsensformen nichts zu thun. dati 
,geben', pasti 'fallen' u. s. w. haben nur deshalb punktuelle 
bedeutung bekommen, weil der begriff solcher verba, in welcher 
spräche der ganzen weit sie auch vorkommen mögen, der 
punktuellen oder iterativen bedeutung günstiger ist als der 
kursiven; sobald ihnen die iterative Verwendung entzogen 
wurde, mussten sie also punktuell werden. Wohl aber gab 
es im Idg. terminative verba, aber nur in dem sinne wie etwa 
im Gotischen, d. h. verba, die kursiv, punktuell und iterativ, 
am häufigsten aber punktuell oder iterativ fungirten. (Die 
terminativen verba lassen sich überhaupt nur so definiren, dass 
es verba sind, die zur punktuellen Verwendung neigen; wenn 
sie die kursive Verwendung nicht zulassen, kann man sie rein 
terminativ nennen; sie unterscheiden sich dann von den 
punktuellen verben nur dadurch, dass sie iterativ fungiren 
können. Delbrück's annähme, dass die terminativen verba die 
handlung in ihrer entwickluug und ausserdem den punkt der 



Zur lekre ron dtn 



otisarten. 



223 



Vollendung andeuten, während die ijunktuellen verVa die hand- 
Inng lediglich im punkte der voUeodung erfassen (11 151), 
hat mit empirischer forschnng und Sprachbeobachtung nichts 
zu tbnn. Tburneysen KZ 87, 60 unterscheidet zwischen 
einem terminativen lat. convenef^unt *sie strömten zusammen* 
und einem punktuellen *sie trafen zusammen'; es wäre schön, 
wenn er citate aus lateinischen Schriftstellern geben würde; 
ich kann ihm aber auch diese forderung erlassen, da das er- 
blassen der konkreten bedentung von veniö jedenfalls mit der 
aktionsart nichts zu thun hat- Oder soll ein russisches 
mjechalisb, soslisb nicht punktuell seüi? Es bedeutet aber 
nicht *sie trafen zusammen'.) Da die terminative kategorie 
im Idg* jedenfalls nicht so ausgeprägt wie im Gotischen war, 
so bleibt der langen rede kurzer sinn der, dass die aktions- 
arten in der idg. Ursprache überhaupt keine grammatische rolle 
spielten. Es ist zeit, dass die bis jetzt statt findende 
Vermischung von glottogonie und Sprachgeschichte 
aufhöre. 

§ 9. Es ist schon längst behauptet worden, dass es im 
Keltischen ^perfektive" verba gebe oder gegeben habe. Mit 
fjperfektiv" war ursprünglich y^punktuell^ gemeint, und es 
flcheint, dass man noch daran festhält (Thurneysen KZ 37, ül), 
Wfl] man statt „punktuell'^ „terminativ'* einsetzen (was ent- 
weder „kursiv-pnnktuell-iterativ*^ oder „punktuell-iterativ" be- 
deuten muss), so ändert dtis an der sache sehr wenig, da man 
jedenfalls nur mit der punktuellen fiinction operirt, denu die 
iterative Verwendung haben die terminativen verba mit den 
nicht- terminativen gemeinsam. Ich werde daher bei der 
Erörterung der frage für „perfektiv*^ immer den ausdmck 
fipunktuell^ einsetzen. 

§ 10. Punktueüe verba wurden für das Keltische zum 
ersten mal von Ebel (Kuhn und Schleicher's Beiträge 11 
192— 1!)4) angenommen. Er schreibt der partikel ro die kraft 
xHf verbalfonnen punktuell zu machen, und nimmt an, dass ro 
prEsensfonneu perfektisch oder futurisch machen kann, während 
«r i^ präteritalformen ohne ro und mit ro keinen unterschied 
ttJich weist, höchstens einen solchen behauptet. Thurneysen 
Bevue c^ltique VI 321 billigt Ebers hypothese, nimmt aber 
4ti, daÄS der unterschied zwischen präterita mit und ohne ro 
^ronologisch ist. In der älteren zeit sei tö vor präterital- 

15* 



224 Hol^r Pedenen, 

formen obligatorisch, später könne es fehlen. Solange dief 
nicht als eine falsche annähme erwiesen war, fehlte eigentlicl; 
jede berechtigang, an die punktualisirende kraft von ro zi 
glauben. Strachan ist in seiner abhandlang über die partike 
ro (Trans. Phil. Soc. 1895—98 p. 77—193) nur an vollständig 
keit des materials ttber Ebel hinausgekommen. Ifit der vox 
Thumeysen übernommenen annähme, „whether ro be presenl 
or absent (bei einer präteritalform), the force of the tense ic 
the same,^ bezeichnet er eher einen rückschritt Ebel gegen- 
über. Gefördert wurde die frage ei*st durch die abhandlong 
von Zimmer KZ 36, 463—556. Er weist hier nach, dass 
die präteritalformen mit ro das perfektum und Plusquam- 
perfektum bezeichnen, während die formen ohne ro ein rein 
erzählendes tempus darstellen. Folgerichtig hat er nach dieser 
entdeckung die Ebel'sche theorie gänzlich abgelehnt Bald 
aber wurde die basis der diskussion wieder geändert. Thurn- 
eysen EZ 37, 52—92 und Chr. Sarauw, Irske studier, 
Kopenhagen 1900, wiesen nach; 1) dass mehrere andere Präpo- 
sitionen {com-, od-; ess') dieselbe Wirkung wie ro haben ; 2) dass 
die ro", com-, ad-, es^-formen dem präsens die bedeutung 
'kann-' geben ; 3) dass gewisse verba an und für sich dieselbe 
funktion haben, wie die mit ro u. s. w. zusammengesetzten 
(dies ist namentlich von Sarauw nachgewiesen worden). 

§ 11. Es lässt sich nicht ableugnen, dass diese ganze 
Sachlage mit den slavischen Verhältnissen eine grosse ähnlich- 
keit hat; und sowohl Sarauw wie Thurneysen nehmen an, 
dass die grundlage in der that ähnlich wie im Slavischen ge- 
wesen ist. Sarauw beschäftigt sich mit der sprachgeschichtlichen 
frage nur kurz, Thumeysen sehr eingehend. Viele bemerkungen 
von Thumeysen scheinen mir sehr zutreffend zu sein; sie 
werden im folgenden benutzt werden, obgleich ich sein haupt- 
ergebniss als falsch betrachte. Die darstellung der faktischen 
Verhältnisse findet man am besten bei Sarauw. 

§ 12. Zunächst ist hervorzuheben, dass schon in formalei 
hinsieht ein grosser unterschied zwischen Keltisch und Slaviscli 
besteht. Im Slavischen haben alle präpositionen punktualisirende 
(terminirende) kraft; wo ein kompositum im Slavischen nicht 
punktuell ist, beruht das auf dem verbum, nicht auf der prä- 
Präposition (z. b. russ. zavisetb, soderzdtb, podlezdtb, nastojdtb), 
Und dies ist nicht zufällig, sondern naturgemäss. Es lässt 



^nr lehre Ton den aktiotigärten^ 



225 



sich gar nicht begreifen, weshalb die eüie präposition mehr 
als die andere termiüireiide kraft haben sollte. Im Irischen 
aber hat nur eine geringe anzahl von präpositionen auf die 
aktionsart einflnss. Neben ro-^ com-, ad-, esa-, ist vielleicht 
noch od' zu erwähnen^ wie Thumeysen p. 57 ans con oitech- 
idiar Wh. 8 a 14 folgern will ; vgl. do omimilgg Saranw p. 41. 
Hier ist schon die sache nicht ganz klar. Ich wenigstens 
komme über den zweifei nicht hinaus, ob nrsprönglich od- und 
od- in dieser funktion nebeneinander lagen oder ob die doppel- 
heit anf späterer phonetischer oder an alogischer entwickelung 
beruht; do ommalgg könnte sogar Schreibfehler flir docomma%J7 
^m. Wenn aber Thurneysen p. 63^ annimmt^ dass in docoid 
die Präposition di zur perfektbedeutung beigetragen hat, so 
wird dies durch Sarauw^s nachweis (p. 112), dass incjiaid 
perfekt zu infStj adetmid perfekt zu adfSt ist, vollkomuien 
widerlegt. Ebenso wenig kann in tue die perfektbedeutung 
auf der präposition do beruhen, vgL Sarauw p. 117, Dagegen 
will Sarauw p. 46 in tesarbae ein perfektisches ar finden. In 
der Grammatica Celtica 881 b wird hier ar als lautliche eut- 
Wicklung von ro aufgefasst. Allerdings wäre aus do-\-es-\- 
fo-\-bae zunächst *t^bae entstanden; nach den daneben 
Beenden formen doesta Ml, 35 d 20. du-d-esta Wb. 1 a 9 u. s* w,, 
t^anat Wb. lldH, Inf. teshuiih konnte Herhae aber zu 
HmB-ro-hae verdeutlicht werden. Der einwand, ein sekundär 
eingetretenes ro hätte bleiben müssen^ ist nicht entscheidend. 
Erstens ist es überhaupt nicht so sicher, dass ein solches ro 
bitte bleiben miissen. Dieselbe accentuationsweise , die das 
ro in ar (z. b. in immarmiis) verwandelt hat, ist ja bis anf 
den beutigen tag geblieben. Zweitens besteht die möglichkeit, 
d&ss bei der Verdeutlichung die präposition ro sofort in der 
üu» anderen komposita abstrahirten form ar eingetreten ist; 
an interkonsonantisches posttonisches ro kam sonst kaum vor 
(iosser etwa in letzter silbe : imroU), Auch würde eine derartig 
verdeutlichte form (tessarhae) weniger von dem ursprünglichen 
*Wö€ abweichen als ein ^iessrohae^ Dass eine Verdeutlichung 
ii diesem falle eingetreten ist, wahrend sie in anderen fallen 
ÄUBgeblieben ist, erklärt sich unschwer daraus, dass die präpo- 
ritiou esB in diesem falle für die bedeutung des komplexes 
»ehr wesentlich war, wesentlicher als die verbalform selbst. 
Ich gkube daher unter keinen umständen^ dass man aas 



226 Holger Pedereen, 

diesem kompositnm eine perfektpartikel ofr erscUiessen darf. — 
Saraaw gibt ferner p. 46 eine anzahl von fällen, wo seiner 
ansieht nach zwei perfektpartikeln kombinirt sind : Ao ammalgg 
gl. mubd, dessid 'hat sich gesetzt', ducutig *hat geschworen". 
Dass zwei präpositionen yorliegen, ist allerdings unleugbar; 
dass sie aber beide dem perfektischen sinne dienen, lässt fänk 
nicht erweisen. In dem ersten nnd dritten beispiele kann die 
erste präposition deshalb angetreten sein, weil die perfekt- 
partikeln od" und con- nicht an der spitze des verbums xu 
stehen pflegen; deshalb hat man ro ort neben ascomort; und 
vielleicht ist in dessid die präposition di aus Ähnlichen grOnden 
angetreten, wenn aach ess in assibsein an der spitze der verbal- 
form stehen geblieben ist. 

§ 13. Wenn also die zahl der faktisch belegten perfiekt- 
Partikeln ziemlich gering ist, so könntejman ja vieUeicht ve^ 
muihen, dass sie Mher grösser gewesen sei. In vorsichtigen 
Wendungen deutet Sarauw p. 132 dies an. Nach seiner ansieht 
steht das Altirische nahe am ende einer langen entwickeinng, 
welche der partikel ro mehr und mehr das Übergewicht, und 
schliesslich die alleinherrschaft verschafit hat Wenn eine 
solche entwickeinng überhaupt stattgeftinden^ hat , so steht 
jedenfalls auch das Britannische schon am ziele. Wenn man 
nicht eine parallele entwicklung in den beiden zweigen an- 
nehmen will, war also schon das Ur-insel-keltische diesem ziele 
nahe gekommen. Dass aber die zahl der perfektpartikeln je 
erheblich grösser gewesen ist, will mir zweifelhaft erscheinen. 
Es scheint mir, dass ro-, con-, ess-, od-, ad-, sich von den 
terminirenden oder punktualisirenden präpositionen des Sla- 
vischen dadurch unterscheiden, dass sie schon durch ihren 
konkreten sinn die Vollendung bezeichnen, ro- deutet nach 
Thumeysen p. 60 auf den endpunkt, die Vollendung; in fiUlen 
wie immarmtis (Sarauw 71, wohl besser als Windisch 
IF in 73) und imroU 'fehlwurf' bedeutet es wohl wie im 
Slavischen ^durch, vorbei, über etwas hinaus'; damit stimmt 
die Verwendung im nominalkompositum : neuir. ro-mJiaüh *ot 
gut', con- deutet auf die Vollständigkeit; ess- (und od, siehe 
Stokes Sprachschatz 54) ist wohl *bis zum letzten reste\ vgl. 
d. aus-toheti, aus-trinken u. s. w.; ad, dessen konstantes auf- 
treten neben con (vgl. § 40 schluss) vielleicht auf etwas mehr 
als einer mechanischen regel (Sarauw 132) beruht, erinnert 



mfTmri^rm d«B drtiönsaften . 



227 



m das in der nominalkompositioo auftretende ad: ir. accael, 
ätnmg etwa *ganz magert ^ganz elend' (Stokea Sprachschatz 
327 und 10). Für die eigentliche terminirüng oder pimktua- 
tkining ist eine derartige bedeutung der präposition durchaus 
iiiclit nöthig; für die irischen perfektpartikeln scheint sie aber 
DÖthig gewesen zu sein, und schon deshalb darf man nicht 
ohne besondere veranlassung annehmen^ ihre zahl sei früher 
grösser gewesen. 

§ 14, Sarauw p. 131 bezeichnet es selbst als einen 
radikalen gegensatz zwischen dem Irischen und dem Slavischen, 
daisg im Irischen eine kleine zahl von perfektpartikeln unter- 
äcMedslos an zusammengesetzte und nicht zusammengesetzte 
7erba treten, während ira Slavischen jedes kursive verbum 
durch komposition punktuell wird. Er sucht aber die kluft 
dadurch zu überbrücken, daas er auf die reihenfolge der 
imclien Partikeln hinweist. Die perfektpartikeln stehen immer 
a&mittelbar vor dem verbum; in einem kompositum wie ess- 

i-m-e- sei daher die synthese com-orc älter als ess-orc, 
1|1, d. an-sdien^ an-gesehen. Zunächst trifft die regel flir ad 
mdit zu ; ad- steht nicht unmittelbar vor dem verbum, sondern 
nunittelbar nach can-^ wie Sarauw selbst hervorhebt {eom-ad- 
^5 ctündffid}. Dann gilt die steUungsregel auch für 

ienlge ro^ das nicht perfektpartikel ist* Und schliesslich gilt 
die regel nicht nur für ir. ro, sondern auch, wie Strachan 
KZ 35j 612 und Jackson KZ 36, 149 nachgewiesen haben, 
ftr gr. ngo, altind, und awest. pra. Es handelt sieh also, wie 
diese gelehrten angenommen haben, um ein idg. wortstellungs- 
feaetz, nicht aber nm ältere und jüngere komposition. 

§ 15. In formaler beziehung ist also der parallelismus 
ziriscben dem Irischen und dem Slavischen nicht sehr gross; 
und auch die syntaktische Verwendung der formen schemt mir 
lehr auseinanderzugehen. 

§ 16. Zunächst ist es nicht ganz leicht, das irische 
perfekttsche und plusquamperfektische Präteritum aus einem 
punktuellen Präteritum narrativum zu erklären. Allerdings ist 
dk ansieht sehr verbreitet, dass das punktuelle Präteritum 
im Griechischen und der slavischen sprachen zugleich das 
plusquampertektum und perfektum vertrete. Diese ansieht 
Met sich sogar bei Zimmer KZ 36, 467, obgleich sie für 
^en Standpunkt nicht gllnsüg sein würde« Sie ist aber falsch. 



228 



flf»r 



Nicht das pankttielle Präteritum allein, sondern etenso gut 
dm nicht-punktuelle Präteritum kann in sprachen, in denen 
der ausdruck der relativen zeit unbekannt oder nicht obliga- 
torisch ist, das perfektum und plusquamperfektum mit vertreten. 
Für das Griechisclie eriimere ich an a 430—432: 

*er hatte sie gekauft', 'er hatte sie geehrt\ Vgl Krüger, 
Griech. gramm, § 53, 2, 8, dialektg^^amm. § 53, 2, 6, zu 
Thukydid 2, 23, seine register zu Thukj^did und zu Xenophons 
Anabasis, ferner Nägelsbach, anmerknngen zur Hias, Nilmherg 
1854 p, 254 (worauf mich herr dr, 0, Siesbye verweist; fehlt 
in der zweiten ausgäbe). VgL noch den gebrauch von imperf, 
und aorist nach inu. In den schulgrammatiken der slavischeii 
sprachen findet man fast regelmässig die bemerkung, dass das 
punktuelle Präteritum das plusquamperfektum und perfektum 
ersetzt. Ich schäme mich fast, beispiele fiir die gleiche Ver- 
wendung des nicht- punktuellen prät, ausdrücklich anzuführen; 
denn diese erscheinung ist so gewöhnlich, dass man ilir auf 
100 teztseiten wenigstens 100-mal begegnet. VgL mss, skamjnal 
'hat gesagt' Äsboth, Euss. Isb, p. 54; poln. slyssala *8ie hat 
gehört', mowila 'sie hatte gesagt' Pisma Henryka Sienkiewicza, 
Warschau, Gebethner und Wolff, Bd. V (1886) p. 301 und 89. 
In filllen wie humägi na svöjSm vekü strasib skohko i£maräl 
Potapenko, Povesti i razskazy I 5 *in meinem leben habe ich 
eine ungeheure menge papier überschmiert' ist der aorist keines- 
wegs gewählt um den peifektischen sinn auszudrücken, sondern 
weil das verbum durch das bestimmte objekt terminirt worden 
ist (ein verbum *ä terme fixe' geworden ist, vgL Hevue critique 
1899, (i. aug,, p, 112). Wenn auch das punktuelle Präteritum, 
wo es syntaktisch in relaticn zu einer anderen handlung gesetzt 
wird (wie z, b* im participium), nothwendigerweiae mit einem 
perf. oder plusquamperf. übersetzt werden muss (ausge- 
nommen, wo die haupthandlung selbst aoristisch ist : d enmfjfruQ 

avafivr^tra^ ^ifl, SO daSB ^sftia^mtih'ot UUd ^unBmdti^ifvai mit 

einander wechseln können (Thurneysen p. <>1), so kann daraus 
für das selbständige finite verbum des hauptsatzes nichts 
folgen, — In dieser beziehung steht also das nicht-punktueUe 
Präteritum dem perfektum und plusquamperfektum ebenso nahe 
wie das punktuelle Präteritum, 




2iiT ]«1iTe TCTi ^en aktioniirten. 



229 



§ 17* Thurneysen p. 61 nimmt an, dass man tohi ^konsta- 
tireüden" aorist zur perfektbedeutnug gelangt ist. Aber auch 
dieser weg ist gesperrt; denn die ^konstatirende" Verwendung 
der ro- formen ist allem anschein nach eine irische nenbildiing, 
die im weiteren verlauf (mittel- und neuirisch) den zusanimenfaU 

rdes perfekts und des uarrativs bewirkt hat; im Britannischen 
lommt sie kaum vor (Thurneysen 87), Nur die echt perfektische 
und plusquamperfektisehe Verwendung der ro-präterita kann 
als alt gelten. Und dabei ist noch hervorzuheben, dass die 
formen ohne ro ebenso häufig wie die formen mit ro punktuell 
tongireUj und umgekehrt kommen die formen mit ra anch 
tiicht-punktuell vor (ro-höi); das einzige eigenthümUche der 
fo-formen ist und bleibt ihre perfektische und plusquamperfek- 
tische Verwendung. 

§ 18. Die ro*formen haben nun ausserhalb des Präteritums 
auch die bedeutung *posse\ Sarauw p* 134 und Thurneysen 
p. 68 verweisen dazu auf das Slavische, wo ein punktuelles 
präsens gelegentlich mit *kann' übersetzt werden muss» Ein 
solches präsens bezeichnet „ein geschehen, das nach den ge- 
gebenen umständen sich leicht etwa ereignen kann oder wirklich 
erwartet wird, das daher fiir die vorliegende Situation typisch 
M*^ (Thurneysen). Hiervon weicht der irische gebrauch schon 
dadurch radikal ab, „dass hier in der regel nicht die Situation, 
Bondem die qnalität des Subjekts die grundlage für die aus- 
gesprochene erwartung bildet" (Thurneysen), Man kann sich 
leicht überzeugen, dass nicht nur das von Thurneysen benutzte 
bäspiel, sondern gleichfalls z. h. ni ruguigter gnimai dm Ml 
51 c 14, rodassed im na heochu eonnä dif^htim seccu Sarauw 1 12, 
hmmaecti nacharochlat 'welche sich nicht selbst hüten können' 
(so von mir KZ 35» 349 übersetzt; Sarauw 33)^ tuicim Ich 
verstehe' d. h. 4ch kann herausbringen' Sarauw 122, näi 
u. 8. w» Sarauw 30 f. von dem slavischen gebrauche ganz und 
far abweichen. Das wird noch klarer, wenn man nicht ein 
paar slavische beispiele willkürlich herausgreift, sondern die 
paze erscheinung der scheinbar präsentischen Verwendung 
äer üm^ punktuellen präsensformen im Zusammenhang ins 
aofe fasst, 

§ 19. Es kann nicht zweifelhaft sein, dass die bedentnng 
^lümi* keineswegs etwa ein rest der alten präsensbedeutung 
äfir punktuellen verbalst; sie ist einfach die Weiterentwicklung 



230 



Holder PedftrQen, 



des fiiturischen Sinnes, Dies ist schon von Delbrtck n 
:>34 ff. mit guten gründen behauptet worden. Thurneysen 
p. 68 scheint aber mit der verfehlten ansieht von Miklosicb 
bis zu einem gewissen grade zu kokettiren und nimmt eine 
„an die futurisehe nur angrenzende bedeutuug" an. Für die 
von Delbrück unter 1) besprocheneu fälle eines erzalilenden 
futurums wird wohl auch Thurneysen die reine futurbedeutung 
anerkennen; der Mnweis auf die gleiche Verwendung des er- 
erbten indogermanischen futurums im Litauisch-Lettischen und 
des umschriebenen futuruiBs innerhalb des Slavischen selbst 
ist ganz entscheidend. Die erscheinmig beruht darauf, dass 
der erzählende sich sehr lebhaft auf einen bestimmten ver- 
gangenen Zeitpunkt versetzt, von wo aus die noch folgenden 
ereignisae futurisch sind* Das gegenstück ist also der grie- 
chische aoristus pro futnro (Delbrück II 286). Es kann sich 
also nur um die von Delbrück unter 2) besprocheneu fäUe 
handeln^ wo das futurum nicht mit emem erzählenden tempus, 
sondern mit einem das gewohnheitsmassige bezeichnenden 
präsens wechselt. Zunächst ist zu betonen, dass es fälle gibt, 
die eine deutliche brücke zwischen 1) und 2) bilden. Wenn 
man in pop prichodü so molüvöjitj imja dast Kmisfantinom 
(Miklosich, Vgl. gramm» IV 778) ein futurum anerkennt (was 
wegen der parallelen aus dem Litauisch-Lettischen u. s, w. 
nothwendig ist), so muss man z. b. in der folgenden stelle 
ans Tolstoj (vgl. Berneker, Euss. Isb. p. 42—43) gleichfalls 
ein tuturum anerkennen: ty opjätb zas^ijSh^ govorit mne 
fnaman, ja ne choöü spatb^ otvetisb jej. i son smykajet 
vjeki % deree minutu £abudesbsja i spisb do tech por^ pohd 
ne rasbüdjat. öüvstmijeEj byvälo^ v prosonhach, (!to ^bßi'to 
neinaja nika trogajet t^jä; po oänonm prikomovefiiju 
u£:näj€8b (Berneker kaum richtig lumajost) jejo i jesäo vo 
sne nevolbno schvätisb etu rühi i krepko priimjosb k 
guham^ ^du wirst wieder einschlafen, hat meine mutter (oft, 
gewöhnlich) zu mir gesagt. Ich bin nicht schläfrig, antwortest 
du (d. h. antwortet man, d. h. antworte ich, antwortete ich 
gewöhnlich). Aber der schlaf schloss die angenlider, und 
nadi einer rainute vergase ich mich gewöhnlich und schlief, 
bis man mich weckte. Im halbsclüafe habe ich gewöhnlich 
gemerkt, dass irgend wessen liebkosende band mich berülirte; 
an der berührung allein erkannte ich sie, und noch im schlafe 
ergriff ich diese band und drückte sie fest an meine lippen*^ 




Zur lehre fon den aküonsarteii. 



231 



Aach hier bezeichnet das futunim dasjenige, das von etnem 
Tirgangenen Zeitpunkt aus futurisch ist; der unterschied be- 
stellt nur darin, dass die geschilderte Situation typisch ist, 
aeh oft wiederholt hat. Einen weiteren schritt bezeichnet das 
Algende dem trefflichen ^Echo der russischen spräche** von 
Morawsky (p- 3) entnommene beispiel; pode tretbjago zvonkä 
ikr-kondüktor duj6t svistok, jeniu otvetit masinist $ pßTö- 
toiüf poiom oni obmenjdjutsja jes^o odnim svistköm i tolbko 
%d(i p6jezd fron eis ja ^nach der dritten glocke gibt (immer) 
fer Oberschaffner ein pfeifensignal; ihm antwortet der 
Msehinenmeiäter TOn der lokomotive; darauf wechseln sie 
n&ch ein signal, und erst dann setzt der zug sich in beweguug.^ 
Hier handelt es sich um eine Situation^ die sich nicht nur oft 
liederholt hat, sondern sich auch künftig wiederholen wird, 
Ktn könnte ein solches auf einen anderen als den jetzigen 
leitpunkt sich beziehendes futurum als ein präsens und 
ITtteritum consecutivum bezeichnen » was um so passender 
lire, weÜ es gelegentlieh ganz klar einen nebensatz ersetzt, 
i bi sidU na kozlach i ne mvehnjotsja 'er sitzt auf dem 
htscberbock ohne sich zu rühren' Cechov, Pjostryje razskazy 
m (im anfang der erzählung Tosk4) ; stojäla takäja spokojiiajaf 
M^om ne mor^njot^ i po prSiuemu s uumUnijem smotrelu na 
tgm *sie stand so ruhig ohne auch nur zu bliuzeln und sah 
Äi^n söhn verwundert an* Mamin Sibirjak, Dikoje scastbje 
I» 243. [Mit umgekehrter reihenfolge: daie hrtwbju ne pam- 
tdbnjöt i siflit neimdviinö TurgeneT Gesammelte werke V 45 
(Dym VIT)], Ein gegenstück bietet der griechische gnomische 
aorist, der in gewissen fallen als ein präsens praecedens be- 
laichnet werden könnte: xitim d' *V i^aXdfi^, noUtq tb fnv 

U3~144 'obgleich viele ritter es zu ü^agen hegehrt haben, 
bleibt e^ liegen*' So wohl auch in der von Delbrück II 287 
_aüder8 benrtheilten Herodot- stelle (I 194): imav w unmQVjm 
in^rf^ ig Tijv BußvXmva uai 6ia&dmvtai tiw fpogrov, yQ^iuq 
rot? nkotüv xai t^v xaAuf^tjv nuüav «V mv ixi^^v^ay, tag 
**' Stff'di^ag iTTifjaiuvtfq int tqvc QVOVQ dnfkccvpovfji ig Tüvg 

d^^tvtovQ ^nachdem sie die seitenhöker des Schiffes verkauft 
liÄbeti. ziehen sie nach Armenien'. Dieser gesichtspunkt ist 
^on Delbriick p* 290, 292 hervorgehoben. Ich habe die be- 
Q^QUüg ^praesens praecedens" gebrauch t^ um den in einigen 
Ölien atattfindenden paralleUsmus mit dem Slavischen zu 



232 Hol^r Pedenen, 

yerattschaulichen ; der parallelismas ist in der that yoUständig : 
dem slay. praesens consecutiynm (in der schildenmg des 
gewohnheitsmässigen) entspricht das gr. praesens praecedens, 
dem sl. praeteritam consecatiynm (in der erz&hlnng) der gr. 
aoristns pro fnturo, das „Murum praecedens*^ (el ^h v' oA^ 
/aevmv Tgdtov niikiv uiiqufjiaxtafjiaif äX$TO fiiv /loi yoaro^y arap 
xXiog aqfdiTov eajui I 412). Meinetwegen kann man für das 
Griechische die benennnngen praesens consaetudinale perfectnm 
nnd fatomm exactum gebrauchen. Zu bemerken ist, dass dem 
griechischen aorist nnd dem slayischen futurum nur dann der 
begriff der relativen zeit innewohnt, wenn sie ausserhalb ihrer 
eigenen tempussphären auftreten. Punktuelles praeteritnm als 
ein praesens praecedens findet sich auch im Slayischen : vsjalAj 
kak V komnaty zaSolj sejdas i vidit väsu neobraeovannostb ICamin, 
Dikoje scasttje 98 (= fut. [exact.]: )uüoHt Thumeysen p. 68). 
§ 20. Aber mit dem begriff der relativen zeit kommt 
man weder fftr das slayische „gnomische^ futurum nodi für 
den griech. gnomischen aorist aus. Delbrück nimmt yielfieudi 
für das Griechische an, der aorist bezeichne, dass die handlnng 
schneU, im nn eintritt. Das ist meines erachtens ein Irrweg. 
Diese erklärung scheint nur deshalb zu passen, weil der aorist 
natürlich hier wie sonst punktuell ist; das dauernde kann 
durch den aorist nicht bezeichnet werden. Daraus erklärt 
sich der Wechsel zwischen dem aorist und dem präsens O 
624 ff. : (og OTC xv/na &ofj iv vrfi ndfJtjinv I . , . ^ de Tf nana / 
a/Vfi vn€XQv<pd'9j, avifxoio 6s Seivog di^Jfjg / ictt/co i/ußgcfiivai, 

TQOfiiovai 6i tb q>Qeva vavxai. Ganz ebenso kann im Slayischen 
das futurum nur das punktuelle bezeichnen; das dauernde 
muss mit dem präsens gegeben werden; deshalb zabüdeibsja 
i spisb in dem oben angeführten beispiel aus Tolstoj. Aber 
auch das punktuelle kann ja an und fßr sich durch ein präsens 
ausgedrückt werden, wenn von einer Wiederholung die rede 
ist; weshalb zieht man also den aorist oder (im Slayischen) 
das futurum vor? Die antwort scheint mir nicht zweifelhaft 
zu sein. Da das präsens das allgemeingültige bezeichnet, so 
würde das präsens eine ausnahmslose regel bezeichnen; um 
eine solche nicht aufisustellen gibt man nur einen einzelfall an, 
wobei hinzugedacht wird, dass dieser fall sich gelegentlich 
wiederholen wird. Das ist eine stillschweigende folgemng ab 
esse ad posse. Dass das präsens die (ausnahmslose) regel, 



Zvr lehft fOD den iktioniftTten. 



233 



der aorist das gelegentlich eintreffende bezeicbnet, ist ganss 
klar aus der von Delbrück II 297 wenig glücklich besprocheuen 

stelle X 490 ff. * ^ivoiaevog 64 %' ärnui natg i^ nat^OQ irö/- 
jgfflfa ^iv r' iM$iV^i vniftirjv d' qvh iSirjviv ' / tüv Ü xai 

a^^i^aAj^c ^x 6uiTvo^ iarvipeXtliv. Das Ycrwaidte kind wendet 

sich ganz naturgemäss immer an die freunde seines yaters; 

dann aber kann der erfolg verschieden sein, vielleicht giebt 

ihm jemand was, vielleicht wird es weggejagt. Sehr richtig 

iit daher die uote von Ämeis zu 496: ^demselben knaben 

kann es aber auch begegnen, dase , . .^* Die rapldität 

(Delbrück) wird nicht durch den aorist angedeutet. Instruktiv 

igt auch das folgende beispiel aus Piaton, das ich nach Madvig*s 

iEjntäX antulirei o r^(»civ]'&g rottg ^hv njimiatq ^^igaig n^oayiXa 

ff nai udnat^&TtJti navra^ vTna^viVrai ff 7ioJ.Aa nai lit^ xui 

dfißQaiUf X^nBv le ijXevd^eptode xm yfji^ dtiVttfK JjJ^h^. Der 

iyrann versucht immer die Stimmung des Volkes für sich zu 

gewinnen; die gewälilten mittel sind aber nicht immer gleich; 

ee ist vorgekammen, dass er die schulden aufgehoben hat u< s. w. 

Ebenso: ^f/ß^^ ^^ ^^ vi^mo^ iyptß *wenn etwas geschehen ist, 

so hat es manchmal (lücht immer) auch ein thor erkannt^ (von 

einem ^schnellen" erkennen, Delbrück 301, ist nicht die rede). 

Hiei^t stimmt das Slavische ganz genau: polu. (Miklosich IV 

171) kan ma c£tery riogi a potknie si^ ^das pferd hat vier füsse 

uid stolpert trot2dem gelegentlich'; Morawsky p. 2: sovefmtb 

khkija putesestvija v taJilch vaginach cistaja müka : tak izmd- 

jdtsja t? kakich-mbüdb dve-tri noCi tJto pötom ^wstviijesb sä^jä 

prostö bölbmjm ^man wird bisweilen so müde, man kann so 

müde werden', Em solches gelegentliches geschehen wird in 

anderen sprachen durch eine Umschreibung mit ^kann' aus- 

gedrflckt (mit einer stillschweigenden folgerung a posse ad 

^ M8ie^ nicht sehr logisch), 

1 21. Anm. Die ne^tion verwischt zum theil den untenchled zwischen 
4im donuLLigen and dem wiederholten. Das zei^ sich gehen darin, dass die 
lUfii^ben iprachen nach einer ne^tien oft nicht-punktnelle verba aach^^da 
»iiweöden, wo in der that nur etwa« piuiktueiles nogirt oder verboten wird. 
Ukm den iiii]>erativ vgl, unten § 3L Für das Präteritum vgl. t. b, Tor^^enev, 
(iiiimmelte Werke, St. Ptb. 1883, V 129 (Dym XVI) : vi/ poMlU durnoje 
^^hj^? nikakdgü durnögo im^?^t^a ja ne poludäl ^haben Sie eine schlechte 
Mifkht belommeQ ? (aritwort:) ich habe keine schlechte nftchiicbt bekommen^ 
i'ü DSfirU periektum anderer sprachen wird ru^iäch überhaupt ueiat niebt- 



234 Holger Pedenan, 

pviiktaell aasgedrflckt: ja niiegö ne predskdgyval ich habe niehte foflnsgesagf 
Potapanko I 18 (Syjatoje iskasstTo; berieht rioh auf eben einxelfiill); <mi tu 
oHddli taJcdjj rizkosii ot Fedöta Potapraiko I 20 'de hatten einen solchen 
scharfen aosdrack von F. nicht erwartet' n. s. w. Das negirte fatamm bum 
daher im Bossischen nicht nnr die gelegentlich gflltige, sondern anch die 
allgemein gültige negation bezeichnen: pösU 8m6rti ne pokc^jdt^ja 'nach 
dem tode kann man nicht bosse thon' ; veegö ne pereüiüajd^ *waf allea, was 
die lente sagen, kann man nicht achten' Mamin, Dikoje siastije 106 und 134 
{ne uderüt Thnmeysen 68 'keines kann es aashalten'). Die negirte 
*kann-'bedentang der slav. sprachen stunmt daher besser als die poritiTe mit 
dem Irischen. Aber einerseits hat rie auf den poritiven aosdrack keinm 
einflnss aasgeflbt, andererseits ist rie ebenso deutlich wie die positive 'kami'- 
bedeotong von einem reinen futorom aasgegangen. Anch hier stimmt daa 
Griechische mit dem Slavischen: tidvfiovyjt^ ay^Qig oiSnia rgdnaioy iat^ar 
Erdger 63, 10, 2; od yaQ mS n^ ^ö»" y^yoy adrbg dyiyyat Odyss. a 216. 

§ 21. Zar erkläning des irischen robi 'kann sein' darf 
man sieh daher nicht auf das Slavische berafen. Denn im 
Slayischen ist die bedentung „kann*' aus einem futorum ent- 
wickelt. Dass aber das irische präsens mit ro je ftator- 
bedentung gehabt hätte, lässt sich nicht annehmen. Im 
Irischen besteht bis auf den heutigen tag ein wirkliches 
futurum, das zwar in seiner bildung nicht ganz klar, 
jedenfalls aber alt ist Sarauw p. 134 zieht den griechischen 
gnomischen aorist heran, der natürlich auch bisweilen mit 
'kann' übersetzt werden darf. Aber die präsensformen mit 
ro sind doch keine präterita. 

§ 22. Ausserdem findet Sarauw eine parallele im Dänischen; 

oaaov TB navrijusgitj yXaipvgrj Vfjvq / ijvvasv J 356 f. läSSt sich 
dänisch mit sä langt som et skih fär tübagelagt übersetzen, 
was einem kan tilbagelcBgge gleichkommt. Aber fär tübagelagt 
ist kein punktuelles präsens ; es kann (1) ein futuram exactum 
sein; so wie es von Sarauw benutzt wird, ist es (2) ein 
praesens consuetudinale perfectum; es kann übrigens auch 
(3) ein kursives präsens mit eigenthümlicher an das perfektnm 
grenzenden nüancesein: fär (nu) tilbagelagt ^ist jetzt im begriff 
die Vollendung des zurücklegens zu erleben' 'ist im begriff 
das resultat des zurückgelegthabens zu erreichen' (wobei 
allerdings meist an fremde hülfe gedacht wird; nothwendig 
ist das aber kaum). Das Präteritum fik tilbagelugt ist 

1) punktuell, 'erreichte die Vollendung des zurücklegens'; 

2) iterativ; 3) kursiv. Wenn also durch den verweis auf 
fär tilbagelagt irgend etwas bewiesen wird, so ist es nur, 



TOti den 



dass die bedeutnng ^kann* sich ans einem praesens cottsnetu- 
dioale perfectum entwickeln kann. Und diese *kann'-bedentung 
hat, wie die irische, „nicht die situatian, sondern die qualitat 
d^ Subjekts*^ zur grundlage, 

§ 23. Die irischen praesensformen mit ro haben ausser 
der hier zu erklärenden bedeutimg' ^kann' auch die funktion 
eines praesens eonsaetndinale perfectum. Schon diese einfache 
thatsache ist für Thurneysen nnd Sarauw wenig günstig. 
Wenn man die bedeutung ^kann^ aus einem punktuellen 
praesens erklären will, so ist es kein gutes omen, dass das 
thatsächlich yorkommende praesens gerade ein praesens con- 
suetudinale ist. Thurneysen und Sarauw sind genöthigt, den 
Zusammenhang der thatsächlich zusammen auftretenden funk- 
üonen absuleaguen um die künstlich geschaffene lücke durch 
eine künstliche konstruktion ausznfliUen. Nach den vorher- 
gehenden erörterungen liegt es aber viel näher die frage 
aufauwerfen, ob sieh die *kann'-bedeutung nicht einfach aus 
dem praesens consuetudinale perfectum erklären lasst. Diese 
frage hat übrigens schon Thurneysen p. 67 aufgeworfen; er 
glaubt sie aber verneinend beantworten zu müssen. Ich muss 
gestehen, daas ich m einem anderen ergebniss komme. Aller- 
dings ist auf die parallele der dänischen Umschreibung mit 
plr kein allzu gi^osses gewicht 2U legen. Diese Umschreibung 
stimmt allerdings in der bedeutung znm theil auffallend gut 
mit den irischen formen (ho rogaibther ciall Wb. 13 b 13, 
praesens consuetudinale perfectum, dänisch *nÄr man fär sig 
bdavet pft , /; nad rucat diriug MI. 87 c 3, *kann'-form, dän. 
^fir de ikke fär gennemf^rt*; nad chon ridhar Ml, 33 d 10, 
tann'-form, dän. *som man ikke f&r helbredet*, u. s. w-)* Aber 
einerseits ist die entatehung des Irischen und des dänischen 
aosdrueks in etymologischer beziehung so sehr verschieden, 
andererseits kommt in betracht, dass das Irische praesens 
consuetudinale perfectum nur im nebensatze vorkommt. Trotz* 
dem lasst sich die sache wahrscheinlich machen. Einerseits 
wire es ja möglich, dass die 'kann'-bedeutung sich im neben- 
•atz entwickelt hätte und von da aus auf den hauptsatz 
liHertragen worden wäre (vgL z. h. den satz cia n<6e een ni 
diii, ni nthai cenaib huli Ml. 20d 4). Andererseits aber darf 
^tn eventuell auf die etymologische bedeutnng der präposition 
^ürtckgreü'eu. Diese bedeutung ist, wie oben erörtert, etwa 



236 fiolger Ped«iMii, 

'zu ende*. Ein (die ausnahmslose regel, nicht das gelegentliche 
geschehen bezeichnendes) praesens consuetudinale mit einem 
solchen adverbiellen zusatz erhält ganz natorgemäss die be- 
deutong 'kann*. 'Er thut es immer zu ende* (d. h. 'wenn er 
es versucht') ist = 'er kann es thun*. 

§ 24. Statt diese behauptung mit abstrakten beispielen 
zu erhärten, verweise ich darauf, dass thatsächlich in einer 
anderen idg. spräche die bedeutung 'kann' in dieser weise 
entstanden ist Im Albanesischen wird 'kann' oft mit hfllfe 
einer partikel dot ausgedrückt Ich habe darfiber BB XX 
233—236 und in meinen ,,Alb. texten*' im glossar unter dot 
ausführlich gehandelt. Ich habe angenommen, dass dot einen 
idg. acc. *dhetim 'in der that' darstelle. Diese etymologie 
muss jedenfalls im wesentlichen richtig sein, denn eine prflfnng 
des materials scheint mir immer wieder dazu führen zu müssen, 
in dot ein adverbium etwa mit der bedeutung 'wirklich' zu 
sehen. Dass die Albanesen, wie aus Hahn und aus meinem 
glossar ersichtlich, es gelegentlich mit 'leicht' {ixovoiwg, eixoka) 
erklären, darf nicht täuschen; 'leicht' ist in diesem falle nur 
ein Surrogat für 'thunlich, möglich'; man hat einen populäreren 
ausdruck für den abstrakteren gewählt (vgl. ir. anse 'unmög- 
lich': is ansa dam, or ind ingen, ni roldim mü toraib isind 
fid LU 58 a 6 'es ist mir unmöglich, ich kann euch im walde 
nicht überblicken'; is inse andimiccem Wb. 4c 2 'es ist un- 
möglich , sie zu verurtheilen' u. s. w. ; vgl. ni asse aran 
imfognad intansid frissin brethir as sum Per. 58 b 2 ^sum 
kann nicht den acc. regiren' ; mad asse dorn Wb. 20 a 1 'wenn 
es mir möglich ist' gl. velim autem esse apud vos; vgl. noch 
russ. nelbsja, cech. Ize, nelze zu asl. ItgsJcs). me tirats mJa 
roj dot 'von dem väterlichen segen kann ich nicht leben' 
ist also eigentlich 'ich lebe nicht wirklich' ('es gelingt nicht, 
wenn ich es versuche'). Nun habe ich aber BB XX 235 dot 
als eine „perfectivirende", also, nach heutiger terminologie, 
punktualisirende partikel aufgefasst, was um so näher liegen 
würde, weil es im Albanesischen eine durativ-partikel gibt 
(2>o, verf., Alb. texte, glossar po 4 ; Meyer, Alb. gramm. § 106, 
Christoforidis , FgaiLi^iaTixr} r^j dXßavtxijg yXdaa fjg, p. 120 f., 
WO kerkoj als ivsartog dogiaiog, po ksrkoj als iveatiog toQiafjthfog 
wenig glücklich bezeichnet wird). Und in der that müssen 
die ausdrücke mit dot oft durch ein slavisches punktuelles 
Präteritum übersetzt werden. Mit e ndok'a k't t a zf, po s 



Zur kbr« von den akttc^nsaiten. 



237 



^ra dot *ich bin ihr nachgelaufen, uui sie zu fangen, aber 

ich konnte nicht' u. s* w. ist zu vergleichen: russ. söbirdjusbj 

dotma sobirajiisbj da vot vsjo kak-to ne mogü sobrdtbsja Mamin 

Sibürjak, Dikoje scastKje 186; on semh lei v Moskvü sahirä- 

jetsja^ da vsjo ne soherjotftja Dal, wtb. unter shiratb ('ich bin 

schon lange im begiiä' zu Ihnen zu kommen, aber immer kanu 

ich ii'gendwie mich nicht dazu aufraffen', *seit 7 jähren ist er 

im hegriff nach Moskau zu reisen, aber immer kanu er dazu 

nicht fertig werden'); i^ohiräjush vyjechatb, da ne moyfi sohrd- 

tbsja 'je yeux, je dois partir et je n'en finis pas' ; dolgo sobi- 

rdlsja ja strojitb nmyj dorn, no nakonec sobrälsja Mackaroff^ 

Dietionnaii*8 russe*fran(;ais ; koiorym on vprudoUenije t^etverti 

irffca simkival i, nakmiec^ miskal sehe, hlagosostojamje ; pfidtim^ual 

ijiiiet , . , nakonec on pridmnal tema Potapenko I 6G, 31 

Iber aus dieser Übersetzung folgt nicht, dass der inhalt des 

albanesischen und des slavischen ausdruekea der gleiche wäre. 

Man kann zugeben ^ dass in ^ e et^ra dot der verbalbegrifl 

punktualisirt ist, aber es ist dann eine punktualisirnng des 

((iräteritaleii) perfektbegriffes (des Plusquamperfekts) ; und 

öicht die punktualisirung^ sondeni der perfektbegriff ist durch 

'Ut ausgedrückt (die punktualisirung ist dagegen durch den 

aorist ausgedrückt). Am besten wird der alb, ausdruck mit 

^kt durch die oben erwähnte dänische Umschreibung mit fär, 

fik übersetzt: s e ^ura dot jeg fik hende ikke fange t^ 

§ 25, Ich will mich hier noch ausdrücklich gegen einen 
ev^eatuellen einwand wehreu. Es könnte der gedanke auf- 
kommen, dass s e bij dot *ich kann es nicht ausführen' mit 
k i bij {do U hij) 'ich werde ausfuhren' zu kombinireu wäre. 
Kau könnte sich etwa auf das folgende beispiel berufen 
wollen: kur e vijm ne zjaf hajdutc kazaneni, do e nfjrijm k'e 
U di zet^ se m^ pak .? e titndnm dot, 'wenn die rauber den 
kasel aufs feuer setzten, erhoben sie ihn alle 40 ; denn weniger 
teate konnten ihn nicht hewegen\ do e ngrijm ist futurum 
in praeterito und bezeichnet die gewohnheit, wie ich Alb. 
t^ite, glossar 119—120 ausgeführt habe; man könnte 
4ilier ^ e tundmn dot als ein umgestelltes *s do t e tundnm 
Ui demnach gleichfalls als futurum in praeterito auflassen 
*oUen; fiir die bedeutung müsste man dann an die oben be- 
sprochenen slavischen futuia mit *kann'-bedeutung anzuknüpfen 
^«tftiieheu. Die Umstellung wäre sonderbar, hätte aber an 



r **fgl. ÜDmchf. N. F. XVII. «. 



16 



238 Holger Pederaai, 

dem sogenannten admirativ (Meyer, gramm. § 122) eine stfttze: 
pase kam 'ich habe unvermuthet' statt kam pase ^ch habe 
gehabt'. Aber eine derartige yermathong halte ich nicht f&i 
richtig; sie wfirde die annähme einer erstaunenden zahl von 
Umgestaltungen und neubildungen nothwendig machen: 1) In 
der Umschreibung des futurum steckt der konjunktiv, im dot- 
ausdruck der indikativ : do U mwidtS 'du wirst können' ; mund 
dot 'kannst du wirklich', vjen dot 'kannst du kommen'. 2) dot 
kann an einen konjunktiv mit ts treten: te mos t e beüc dct 
'lass ihn nicht ernst daraus machen, es zu thun'; hier wäre 
nicht eine Wiederholung des tt, sondern eine unerhörte 
konjunktivisirung des fertigen futurums anzunehmen. 3) dot 
tritt an den optativ : ns spdoßa dot 'wenn ich gerettet werden 
kann'. 4) dot tritt nicht nur an die in der futur-umschreibung 
vorkommenden tempora (präsens und Imperfektum), sondern 
zugleich an den aorist: s e eura dot Ich konnte sie nicht 
erwischen'. 5) dot tritt an das futurum : nukB do Udm dot 
Alb. texte p. 43 z. 25. 6) dot wird an einen mit s negirten 
ausdruck gefügt: s e ^sn dot Alb. texte 40 z. 19 'du kannst 
sie nicht finden' ; dagegen darf das futurum nicht mit s negirt 
werden, sondern wird nach s durch das präsens ersetzt (Alb. 
texte 163). 7) Für die anzunehmende Umstellung genügt es 
nicht, sich auf den sogenannten admirativ zu berufen, denn 
dot kann von dem verbum getrennt werden: s bfri (fast a 
stats tSape dot eSe u-mbüt 'es gelang ihm nicht 6—7 schritte 
zu thun, bevor es eilrank' Meyer, gramm. p. 60, 14. Wenn 
so viele formale bedenken der kombination mit dem futurum 
entgegenstehen, darf diese der bedeutung nach unwahrschein- 
liche kombination als ganz ausgeschlossen gelten, und es bleibt 
bei meiner BB XX, 236 ausgesprochenen vermuthung, dass 
dot ein adverbium 'in der that, wirklich, vollständig' ist. und 
dann ist der alb. do^ausdruck eine parallele zum irischen 
'kann'-sinn neben einem praesens consuetudinale perfectum. 

§ 26. Die 'kann'-bedeutung wird von Thurneysen p. 87 
als gemeininselkeltisch aufgefasst, weil ro im Britannischen 
wie im Irischen in Wunschsätzen (Sarauw p. 38) üblich ist 
Das ro in Wunschsätzen soll nämlich nach Thurneysen p. 71 
auf der bedeutung 'kann' beruhen. Das ist aber eine ganz 
unbeweisbare annähme, ro bezeichnet zwar das narrative 
'kann', nicht aber ein wünschendes 'könne'. Der wünsch ist 



7Mt lehre von den aktiongarten. 



2S9 



gewiss nicht durch ro^ soiidem durch den konjanktiv allein 
^zeichnet. Und es leuchtet wohl ohne weiteres ein, dass tq 
m der ursprünglichen konkreten bedeutung ^zu ende, voU- 
rtindig' in einem wünsch nicht unpassend ist. Und auch ein 
Tollstaudig^ ausgebildetes perfektum wäre sehr am platze. Es 
ff&re mit gr. n^navaü, 7ien(itri<Tfi u. s, w, (Klüger, Gr. granim, 
§ 55, 3, 5) paralleL Man wünscht also im Keltischen ^es sei 
geschehen^ nicht ^es geschehe'. 

§ 27, Thurneysen hat nun aber angenommen, dass ro 
mem prfts. konjimktiv futurischen sinn gibt. Damit hängt 
es zusammen, dass Thurneysen den perfektischen sinn des 
_rü-konjunktivs in gi'ossem umfang ableugnet. Er gibt den per- 
^Kktiscben sinn nur für das konjunktivische praesens cousuetn- 
^Hj^lte au. Demgegenüber hat Sarauw unbedingt recht, wenn er 
^tftdl in manchen anderen fällen den perfektisehen sinn anerkennt. 
§ 28. So vor allem nach acht 'so bald als': ad mroil- 
^ither indepidilse düibsi herthir tmib laodicensibns Wb. 
'ili 13 'when this epistle has been read out to you . *'; 
bidfmitk momenme^e aet rodoor forcäinsceil si Wb. 23 d 2 
gl. cognitis his quae circa vos sunt, ich werde froh werden, 
10 bald ich gute nachrichten von euch bekommen habe'; 
desiderans te yidere ut gaudio implear .i. act 
mnianärladmar Wb* 29 d 10 *so bald wir mit einander 
gesprochen haben' (da die glosse die fbrtsetznng des lateinischen 
textes sein soll, so passt hier kein 'provided', wie Stokes 
fibenetzt). Die bedeutung *so bald als' bewirkt natm-gemäss, 
i$m ro nach dieser konjunktion nicht fehlen kann» Aus 'so 
bald als' entwickelt sich von selbst die bedeutung *vorau8- 
fesetzt, dÄSs\ Dass man nach diesem bedentnugswandel nicht 
im ganze Satzgefüge aualysirend revidirt hat, um zu pillfen, 
*rt) die gewohnte konstruktion auch für die neue bedeutung 
der konjunktion passte, darf nicht wunder nehmen; denn 
Irisch ist doch kein volapük, sondern eine historisch entwickelte 
spräche, Ks versteht sich also von selbst, dass ro auch da 
bleibt, wo von keinem temporalen prini^^j sondern nur von 
«inem bedingenden prius die rede sein kann. Was (Strachan 
iin*l) Thurneysen (p. 74) darüber äussern, beruht darauf; dass 
^ die annähme von ZE 703 f, , die konditionale Verwendung 
TOB acht sei älter als die temporale, ohne prüfung übernommen 
bibea. Aber das umgekehrte ist doch schon a priori viel 

16* 



240 Holger Pedenen, 

wahrscheinlicher; von dem konkreten 'quando' zu dem ab 
strakten 'si' führt die entwickelung häufig genug (fr. gvcmt 
[meme], d. wenn, dän. när\ femer, worauf mich Sarauw aui 
merksam macht, engl, o^ long as)^ von 'si' zu 'quando' geh 
der weg nach meiner beobachtung nur selten. 

§ 29. Noch sonderbarer ist es, dass Thumeysen p. 7i 
mit Strachan die perfektische bedeutung von ro nach resii 
*bevor' verkannt hat. Nach der entsprechenden konjunktioi 
steht in den verschiedensten sprachen (z. b. im Deutschen 
das Plusquamperfektum, und zwar ganz logisch; 'bevor icl 
den brief gelesen hatte' bedeutet 'vor dem Zeitpunkt, wo di( 
handlung des lesens abgeschlossen war'. Hiermit stinunen di( 
meisten irischen beispiele, und danach haben die falle sid 
gerichtet, wo das perfektische weniger am platze ist (z. b 
cid risiu robeimmis Wb. 29 d 23); ein hin weis auf den griech 
aorist infin. nach n^iv hilft natürlich gar nichts denn dei 
aorist wird im Griech. eben nur von dem punktuellen ge- 
braucht. Will man resiu robeimmis mit n^iv yeviadai ^fia{ 
übersetzen, so könnte man mit demselben rechte 'bevor wii 
entstanden waren' einsetzen, und vielleicht ist das sogar die 
richtige Übersetzung (vgl. unten § 33). 

§ 30. Das material, woraus Thumeysen p. 76—78 die 
Überzeugung gewinnt, dass ro dem konjunktiv fiiturbedeutung 
geben kann, sieht sonderbar aus. Es besteht aus 5 mit diati 
eingeleiteten Sätzen und einem satz mit mani^ worin das 
verbum {roima) jedenfalls, wie Sarauw p. 35 annimmt, ein 
(reduplicirtes) futurum ist. In vier von den fünf Sätzen mit 
dian gibt Thumeysen zu, dass die ro-form ein futurum 
exactum ist (wobei also nur eine natürliche entwickelung der 
perfektischen bedeutung anzunehmen ist). Es bleibt ein fall: 
tuum habens adjutorium formidare non potero i. 
dia roib to fortacht sii lixim Ml. 45 c 7. Sarauw nimmt audi 
hier ein futurum exactum an : 'wenn ich deine hülfe bekommen 
habe'; da das in den Zusammenhang gut passt, so darf man 
es wegen des lateinischen habens jedenfalls nicht verwerfen. 
Es hilft auch hier nicht, von einem hypothetischen punktuellen 
sinn auszugehen, denn habens ist doch durchaus durativ, 
und ein punktuelles futurum müsste im nebensatze noth- 
wendigerweise die bedeutung des fut. exactum annehmen 
(über die aktionsart des verbums vgl. § 33). — Dass die ro- 



Zur lehr© tod am ^WQT\mrUn. 



241 



fomen nach cou ein futurum exactum vertreten, gibt Tliur- 
Dejsen p. 78 selbst zu; also kommen wir auch hier mit dem 
perfekÜBchen sinne aus. 

§ 31. Thurneysen will aber ein futurisches ro auch in 
negativen befehlssätzen finden* Sein hauptbeleg ist LU 62 a 
95: nim ihrsaiffe fri uathadj nom dnism immorro fri söchaide, 
IHes beispiel sseigt deutlich einen unterschied zwischen dem 
positiven und dem negativen satze, und Strachan (Trans, Phil, 
Soc. 1895—98 p- 355), dem Thurneysen folgte glaubt daher 
das griech, ft^ mit dem aor. konjunkt. zum vergleich heran- 
ziehen Z]x können. Sehr mit unrecht; denn der griechische 
aoHst hat mit der uegation nichts zu thun; er bezeichnet wie 
sonst das punktuelle (im konjunktiv wie im imperativ zugleich 
die Wiederholung des punktuellen); und der entsprechende 
cisitjve ausdruck ist gleichfalls aorisüsch (aor, imperativ, nicht 
m präs, konjunktiv). Noch ungünstiger für die "perfektiv- ** 
theorie ist ein vergleich mit dem Slavischen* Denn die sla- 
Tischen sprachen bevorzugen gerade im negativen befehl die 
niclit'punktuellen verbalformen, worüber man sich schon aus 
der ersten besten schulgrammatik belehren kann (v, Mamitz, 
Bussische Granmi* § 69, 1 ; Sörensen, Polnische Gramm. § 191 
Bern. 2; Masarik, Böhmische Schulgi'ammatik ^ S. 149 fiiss- 
aote). Indessen wOl ich hierauf kein besonderes gewicht 
legen. Aber Thunieyseu muss, um die Strachan'sche er- 
klÄning durchzuführen, die bedenklichsten Sachen annehmen. 
Nachdem er hervorgehoben hat, dass der ausdruck des nega* 
tivt^n befehls durch den imperativ mit na{€h) sich sowohl im 
Irischen vrie im Britannischen findet und daher Verhältnisse 
mäsgig alt sein muss, spricht er trotzdem p, 80 von „der zeit, 
im mit dem imperativ noch nicht bestand/ Er hätte doch 
nächst wahrscheinlich machen müssen ^ dass es überhaupt 
^e solche zeit gegeben hat. 

Wenn man sich nur dazu entschliessen wollte, einen 
Ichen Sprachgebrauch zunächst aus dem Irischen selbst zu 
erklären^ ^o wäre das ro im verbot nicht rätliselhaft. Man 
wird es dann natürlich mit Sarauw p, 39 zum ro in wünsch- 
«Ätzen stellen. Der konjunktiv des befehls findet sich nach 
Thumeysen p. 80 j,da, wo ein befehl nicht sofort^ sondern 
^PÄ bei einer gewissen gelegenheit oder, wie in lebensregeln, 
^Ug^nein in der zukunft ausgeführt werden soU/ Nach dieser 



242 Holger Pedereen, 

deflnitioii ist es ganz klar, dass das im wünsche auftretende, 
eigentlich das perfektum bezeichnende ro im befehl ausbleiben 
musste. Im negativen wünsche war das perfektische ro 
eigentlich überhaupt unpassend, und Thurneysen p. 87 nimmt 
selbst an, dass es hier ursprünglich nicht vorkam, weil es in 
den britannischen sprachen fehlt. Im negativen wünsche ist 
ro also nur durch die analogie des positiven Wunsches ein- 
getreten. Während es nun aber im positiven satz leicht wais 
den ursprünglichen unterschied zwischen dem wünsch, dessen 
sofortige erfilUung gewünscht wird, und dem für die Zukunft 
geltenden befehl festzuhalten, so bestand im negativen satz 
keine bestimmte grenze. Nur der einfluss des positiven satzes 
hat bewirkt, dass ro im befehl nicht ebenso fest wie im 
wünsche geworden ist. 

§ 32. Thurneysen legt p. 89 ein besonderes gewicht auf 
das beim futurum bia auftretende ro. bia sei ein koqjunktiv, 
der durch ro futurisch geworden sei. Das ist unbedingt 
falsch; denn hiaf Meid ist auch ohne ro futurisch. Thurneysen 
referirt nur einen theil der thatsachen, die von Strachan 
(Substantive Verb in Old Irish Glosses) und von Sarauw p. 56 
klargelegt sind, ro tritt beim futurum und beim selbständigen 
konditionalis (futurum in praeterito) nur dann auf, wenn ein 
persönliches pronomen infigirt ist; in anderen fallen tritt im 
konditionalis no ein, wenn keine konjunkt-partikel voraus geht 
Hieraus erklärt sich der gebrauch bei der kopula; da die 
verbalform hier lautgesetzlich mit der entsprechenden form 
des praesens secundarium zusammenfallen musste, so zog 
man die mit ro komponirte form vor, weil sie im praesens 
secundarium ausgeschlossen war. Da der grund der Ver- 
allgemeinerung von ro in der copula demnach klar ist, so 
hätte Thurneysen von den formen des selbständigen verbum 
substantivum ausgehen sollen. Wenn man dies thut, stellt 
sich die sache etwa in der folgenden weise dar: Zur zeit, wo 
die jedenfalls nicht uralte verbalpartikel fw noch nicht auf- 
gekommen war, wurde es ungewöhnlich, beim futurum bieid 
die gewöhnlichen pronomina zu suffigiren. Um die sufligirung 
zu vermeiden verband man dies futurum auch ohne zwingende 
syntaktische gründe mit der partikel ro. Da diese partikel 
sonst nur als perfektisch vorkommt, so muss man sie auch 
hier als perfektisch auffassen. Dies macht aber wenig 



Zur lebre imti den aktiansaiten. 



243 



Schwierigkeit. Da bieid ohne futurische form futurisch ist, 
so neigte wohl dies verbiim (abweichend von Uidj dessen sinn 
konsuetudiüal ist) zur punktuellen oder terminativen bedeutung 
('werden\ nicht *sein'), rambia hmid Wb. 11 a 10 muss, 
teöQ es ein perfektisches fnturnm enthält, eigentlich bedeuten ; 
*ich werde im zustande des gesiegt-habens sein\ *ich werde 
Sieger sein\ Ich werde sieg haben'; rothiu log 6a 11 'du 
ffirst den lohn haben'. Das eigentlich von dem Zusammenhang 
erforderte wäre: 4ch werde sieg bekommen', 'du mrst den 
lohn erhalten'. Hier war also das perfektum jedenfalls er- 
träghch; in anderen fällen wai- es geradezu sehr passend. 
rmiSiad fäilte Wb. 16 b 19 miiss, wenn es ein perfektum 
enthält, etwa bedeuten: *er würde sich in dem zustand des 
froli-geworden-seins befinden' d, h. ^er würde froh sein' (nicht 
Verden'), *er würde freude haben'. Während Ich werde 
gewesen sein' natürlich von Ich werde sein' ganz ver- 
schieden ist, so ist ein 'ich werde geworden sein' von Hch 
werde sein' manchmal wenig verschieden. 

§ 33. Anm, Ob bieid ursprünglich ein konjunktiv ge- 
wesen i«t( mag unsicher sein. Sarauw nimmt p, 96 auj dasa 
nga *ich werde gehen', doreg Ich werde kommen^ ein in der 
Beiion umgestaltetes präsens indik* - gr, iQ^^ft^im ist (vgl. 
dazu noch alb, erda). Dasselbe nehme ich für bieid an; in 
beiden föllen war die terminative bedeutung des verbs (über 
k^ofiai vgL Delbriic!k H 61) schuld an der entwickelung der 
fitUirischen fuuktion. Mit bieid wird cymr. byddaf lat. fiö 
Iwwandt sein^ und alle diese formen werden wie das Prä- 
teritum bot zur wnrzel *hhM- gehören* Ich finde nichts, das 
d^egen sprechen w*ürde, auch den irischen imperativ und 
sammtliche mit b anlautenden formen des britannischen verbum 
siibstantimm aus derselben wnrzel zu erklären* Vielleicht 
wird auch noch der konjunktiv be ebenso zu erklären sein. 
D&gegen könnte ich mir sehr wohl denken i dass der indikativ 
bk Ich bin gewöhnlich' ursprünglich etwa *vivo' bedeutete 
l^gl Stokes, Sprachschatz 165), Die beiden sekundären 
l^iDpora nohiad konditionalis , nobed imperf, konj. mtissten 
tfthl beide zur wnrzel *bhn gehören (ob man formell cymr* 
hfUwn neben beum vergleichen darf, wage ich nicht zu ent- 
scheiden); das imperf* indik. 7iobith muss dagegen jedenfalls 
lü tili gehören* 



244 Uol^r Pedenen, 

§ 34. Die sonstige Verwendung von ro beim koqjnnktiy 
hat fflr die uns beschäftigende frage keine bedeutong. Nach 
Thurneysen 71 und 79 ist ro in finalsätzen aus den wünschen- 
den und verbietenden hauptsätzen eingedrungen. Dies wird 
richtig sein, und ebenso Thurneysens bemerkung über bai ni 
ro glante and p. 70 ('kann-'bedeutung). Nach Thurneysen 
p. 81 ff. ist ro in generalisirenden relativsätzen (na maith ro 
he 'was es irgend gutes gibt') aus der bedeutung 'kann' ent- 
wickelt. Das kann richtig sein, nur darf man das deutsche 
mögen nicht heranziehen, da ro nur die bedeutung 'kann', 
nicht 'mag' hervorbringen kann. Ich möchte aber zum thdl 
von dem praesens consuetudinale perfectum ausgehen; der 
perfektische sinn ist in der that in manchen beispielen sdir 
passend (Wb. 5 b 18 sechi chrtdh dondron), weil die handlung 
als abgeschlossenes resultat vorliegen muss, ehe man darüber 
ein urtheil fällen kann oder eine Wirkung konstatiren kann. 
Ebenso fasse ich ro in Sätzen mit da : is huisse ce ru samaUar 
fri crist Wb. 34 a 4 wäre also ursprünglich 'wenn er auch 
Christo gleichgestellt worden ist, muss man es als angemessen 
bezeichnen'; is toich da dorattid Wb. 16c 11 'wenn ihr ge- 
geben haben werdet, ist es als natürlich zu bezeichnen'. Aber 
hier ist der etymologische sinn sehr verblasst. 

§ 35. In der gebrauchsweise der ro- {com-, ad- u. s. w.) 
verba bin ich also nicht im stände gewesen irgend ein zeichen 
der punktualität zu entdecken ;0 alles erklärt sich aus der 
perfektischen bedeutung. Und nur von diesem ausgangspunkt 
erklärt sich das konstante ro in rofetar. Wie auch diese 
verbalform zu erklären sein mag, jedenfalls hat Zimmer EZ 
36, 525 fussnote darin recht, dass die bedeutung eines wirk- 
lichen perfekts die grundlage für den präsensgebrauch ist. 

§ 36. Die übrigen tempora dieses verbums müssen sich 
also nach dem perfekt gerichtet haben. Ähnliches dürfte 
auch sonst der fjdl gewesen sein. Die bedeutung von docoid 
(perfekt) neben luid (narrativ) ist davon bedingt, dass docoid 
ein idg. perfektum, luid ein aorist (gr. ijkv&e Sarauw 97) ist 



1) Bis in die allerletzten muthmasslichen schlapfwinkel habe ich meine 
etwaigen gegner allerdings nicht verfolgt, was nar langweilig w&re. Ich 
bin mir sehr wohl bewusst, dass im nebensatz oft dasselbe resultat mit dem 
perfektom and mit der ponktnalität als ausgangspunkt gewonnen werden 
kann. Für die totalität der erscheinungen hat das aber keine bedeutung. 



Zur lehre von den aktionBaTteTi. 



245 



Wenn nun der perfektische sinn auch dem präsens ni dkhtim 

eignet, so kann das nur auf Übertragung beruhen. VieUeicbt 
ist diese form überhaupt als (uralte) oeubildiing aufzufassen. 
Eiü faU, wo das Präteritum perfektum die form des perfek- 
tBchen präsens beeinäusst hat, ist wohl die von Sarauw p. 29 
aichgemesene erscheinuug, dass neben forfenim ein perfektisches 
iudik- höbnrorhaither ^ neben ocn-ben- ein perfektisches 
conroemi vorliegt. (Mit der perfektiv-tbeorie würden diese 
bmen schlecht stimmen; denn wo die ?i-präsentia im Sla- 
rischen neben gleichbedeutenden Verben ohne n steheu, sind 
sie gerade punktuell, z. b. russ. dminutb neben dmgatb %b- 

§ 37- Gegen meine erkläruBg des perfektischen sinnes 
wn döcoid wird mau vielleicht einw^enden, dass auch fnic 
perfektiv ist, obgleich es ein s-präteritum ist. Aber dies ^- 
Präteritum ist ganz gewiss eine Umgestaltung eines alten 
perfekte vgl* cymr, thfg. In der beurtlieihmg dieses verbums 
scUjease ich mich ganz an Sarauw p. 118 und nehme demnach 
an, dass man lantgesetzlich einen ir. präsensstauim tucc- (mit 
T'-erweiterung ; er ist heute g) und einen dem cymr, dug 
entsprechenden perfektstamm haben sollte. Jedoch ist unklar, 
ob nicht schon im Cymrischen eine entgleisung vorliegt; der 
cymr. wnrzelauslaut g würde auf idg. k weisen, aus hi kann 
aber nach Zupitza KZ 36, 234 kein irisches gg entstehe«. 
Also ist die würze! w^ohl '^ng(h)\ aus gn wurde im Irischen 
(geschrieben ce), im Cymrischen kh (woraus später cJi), 
Nich diesem kk trat in den ausserpräsentischen formen statt 
fl«a ursprünglichen g ein k ein (woraus durch lenirung das 
Ustomche g entstand). Jedenfalls abei* war ein 5-präteritum 
diesem wurzelverbum nicht ursprünglich. 

§ 38. Mit Thumeysen p, 63 nehme ich (mutatis mutandis) 
"ia, dass die verba, deren Präteritum sowohl perfektisch wie 
Barrativ verwendet wird, ursprünglich mit den rem perfektischen 
t€rben wie docoid analog waren. Aber alle diese verba 
(SÄTauw p. 47 f.) haben als Präteritum ein altes perfektum* 
Bas gilt auch von ad-co-iade trotz 1. sing, ad-co-tadus, 4ade 
^ eine reduplidrte form, im nachton aus *tede entstanden ; 

Wurzel mag etwa Hu- (skr. tamii) sein. Wer mit Brug* 
ann daran glaubt, einem griech. xt skr. ks entspreclie ein 
^' t, kann au xruQfiai u. s« w« anknüpfen; aber ein idg, p ist 



246 Holger Pedenen, 

mir noch nicht wahrscheinlich geworden. Nnr in tellaim, 
taUaim findet sich ein 5-präteritnm , aber schon der Vokal- 
wechsel könnte darauf deuten, dass wir auch hier ursprfinglidi 
ein wurzelverbum gehabt hätten (in dem das ^-Präteritum 
dann natürlich nicht altererbt war). Während also die meisten 
idg. perfekta im Irischen nur in der komposition mit einer 
perfektpartikel wirklich perfektisch sind, gibt es andere, die 
auch ohne perfektpartikel perfektische funktion haben, und 
zwar entweder ausschliesslich, wenn daneben ein aorist steht 
(dobert, luid), oder neben narrativer funktion. 

§ 39. Bei den verben, die mit nicht-perfektischem ro 
zusammengesetzt sind, fehlt die perfektpartikel aus äussern 
grttnden, ohne rficksicht darauf, ob das Präteritum ein idg« 
perfekt oder ein idg. aorist war. Die perfektpartikel tritt 
aber ein, wenn sie von dem nicht-perfektischen ro getrennt 
werden kann, wie Thumeysen p. 62* nachweist: m ru 
derchoin, diand rerchoil Sarauw, der dies fibersehen hatte, 
macht mich darauf aufmerksam, dass die regel nicht aus- 
nahmslos ist; es heisst 7ii dermenmami gl. obliti non sumns 
AQ. 64 a 3. Dazu füge ich Ml. 105 a 1 ^i imcaissin inna 
loc son innimruimdetar riam 'd. h. durch den anblick der 
orte, wo sie früher gesündigt hatten'. Es fällt auf, dass es 
sich in den beiden ersten fallen um ein ^-Präteritum, in den 
beiden letzten fällen um ein idg. perfekt handelt. 

§ 40. Anm. Wenn das nicht zufall ist, so muss die 
einführung von ro in ni ru derchoin in eine zeit zurückgehen, 
wo der unterschied zwischen dem aorist und dem idg. per- 
fektum noch nicht verwischt war. Die ursprüngliche regel 
über die Stellung von ro unmittelbar vor dem verbum ist also 
nach der negation schon früh durchbrochen worden. Fälle 
wie ho resarta Ml. 34 b 13 (Sarauw 40, Thumeysen 58 0, 
/m racacha sa Ml. 47 a 8, do recachtar 53 b 11 (Thumeysen 
58'), wo ro gleichfalls in verba gedrungen ist, die es ur- 
sprünglich verschmähten, brauchen also auch nicht ganz jung 
zu sein. — Hierher noch forrochongart Wb, 20 c 9. Die mit 
con-od' zusammengesetzten verba nehmen als perfektpartikel 
nicht ad, sondern ro : ni rochumscigther Wb. 30 b 15, nad 
rtichumgah Ml. 20 a 7. 

§ 41. Nach Thumeysen p. 89 ist ro in rocluinethar *hört' 
und rolaumur ^wage' eine analogiebildung nach roßir. Eine 



Zur Ifhre von den nktionB arten. 



solche aiialogiebildimg sclieint mir nur unter der Voraussetzung 
löblich zu sein, dass diese beiden yerba ursprlinglich über- 
kaupt kein ro kannten ; dann wären sie also ursprünglich niit 
cmiccim n. 8, w* parallel gewesen; und sie theilen in der 
tbftt mit diesen verben die eigeuthümlicbkeit , dass sie ein 
Idg. perfekt bilden. Dass gerade diese beiden verba, nicht 
aber con-ic- u. s, w. von der analogiebildung ergriffen wurden, 
kann daraus zu erklären sein, dass sie nicht komponirt waren* 

§ 42. Thurneysen hat scharfsinnig nachgewiesen» dass 
der unterschied zwischen ro ßtir und m ßir alt sein muss, 
weil die britannischen sprachen darauf deuten, dass ro nach 
der negation fehlte. Wenn man dies überhaupt annimmt^ 
Diass man es gewiss fUr alle fälle annehmen, also ebenso gut 
fSr komponirte wie fllr nicht komponirte verba* Mit dem 
jtageren alter von ro nach der negation könnte es zusammen- 
bmgeu, dass seine Stellung eme unregehuässige ist: ni rit- 
ih-rhuresiar neben dorochttrestar. Nach der negation haben 
lieh die übrigen kanjnnktpartikeln gerichtet, was ich mit 
Thurneysen p* 90^ als eine neuerung betrachte, ro wird erst 
lUm&hlich nach der negation eingeführt worden sein; am 
IKesten sind vielleicht die fälle, wo ro von ni durch ein 
Pronomen inflxum getrennt ist, jünger die fälle wie ni ro Uic^ 
fcei denen der accent nicht gewirkt hat. Falsch ist aber die 
behanptung Thumeysen's, ro wäre in diesen fallen nicht be- 
tom gewesen; ni ro leic weicht darin von ro Uir ab, dass es 
m lenirtes l enthält (beweismaterial bei verf. KZ 35, 353), 
D&g mitteiirische tiir in nir leic ist eine Verallgemeinerung der 
ani^vokalischen form : ni roiiea Wb. 5 a 3 u. s, w. Die fälle, 
wo ro im Innern eines kompositums nach der negation steht, 
könnten dadurch zu erklären seiu, dass die negation sich hier 
Daeh den anderen konjunktpartikeln , nicht umgekehrt^ ge- 
richtet haL 

§ 43. Dass ro im wünsche nach der negation ui-sprüngUch 
fehlen musste, haben wir oben verrauthet. In diesem falle 
wire das perfektum überhaupt unpassend gewesen. Anders 
na Präteritum. Hier muss das perfektum von allem anfang 
ÄD vorhanden gewesen sein. Dagegen kann man annehmen, 
^ die den perfektischen begriff gleichsam wiederholenden 
Q&d bestätigenden perfektpartikeln nach der negation fehlen 
inysten. 



248 Holger Pedersen, 

§ 44. Das perfektische Präteritum und das wünschende 
perfektum sind die hauptvertreter des urinselkeltischen per- 
fektnms. Dabei mag es unentschieden bleiben, ob im wünsche 
eine form stand, die nur durch die perfektpartikel perfektisch 
geworden war, oder ob man ursprünglich einen wirklichen 
konj. perf. gehabt hat. Mir ist letzteres wahrsdieinlicher, und 
ich fasse docoi als rest dieser bildung. Jedenfalls wurde aber 
das perf. konj. später durch ein praesens konj. verdrängt 
Dies kann zur bildung eines indikativischen praesens consuetu- 
dinale perfectum den anstoss gegeben haben. Ob die ^kann*- 
bedeutung alt ist, kann sehr zweifelhaft sein. Wahrscheinlich 
wäre es, wenn die letzte der beiden in § 23 angedeuteten 
auffassungen die richtige wäre, d. h. wenn man die ^kann'- 
bedeutung nicht aus einem ausgebildeten perfektum, sondern 
aus der etymologischen bedeutung der perfektpartikeln erklären 
soll. Indessen ist die erste auffassung ebenso gut möglich, 
und sie würde noch an Wahrscheinlichkeit gewinnen, wenn 
man annehmen dürfte, dass das 'kann'-präsens ebenso wie 
das praesens consuetudinale perfectum an stelle eines formell 
präteritalen perfektums getreten wäre, robo, rodho 'oder' 
(verf. KZ 35, 404) würde sich unter dieser Voraussetzung als 
*was sein kann' erklären (was Thumeysen IF Anz. IX 193 
über robo äussert, ist gar nicht zwingend). In der auffälligen 
Schreibung der enklitischen form ni nibai, ni ruba (Sarauw 
p. 30, 31) eine erinnerung an das aus der orthotonen form 
(riibi) ganz verdrängte Präteritum zu suchen, wäre etwas 
kühn, kaum aber gänzlich ausgeschlossen. Ich wähle diese 
auflfassung und halte die 'kann'-bedeutung für eine irische 
neuerung. Neuerung ist dann gleichfalls das perfektische 
futurum und das 'kann'-futurum. 

§ 45. Sarauw stellt (p. 28, p. 47) das gesetz auf, dass 
die „punktuellen" bildungen vom imperativ und von den^ 
nominalformen ausgeschlossen sind. Wie man eigentlich dies 
mit der „perfektiv'^-theorie in Übereinstimmung bringen kann, 
ist mir unklar. Von meinem Standpunkte aus erklärt es sich 
ohne weiteres. Das urinselkeltische perfektum war weiter 
nichts als das urindogermanische perfektum. Nur wurde es 
häufig mit gewissen partikeln zusammengesetzt, welche den 
perfektbegriff gleichsam bestätigten. Durch irische neuerung 
drangen diese partikeln ins präseus (konj. und ind.) und ins 



Zar khr« fon den aktionsart^n. 



249 



ftitiirum. Es g^ab aber keinen weg, auf dem sie in den imperativ 
hätten dringen können. Desbalb heisst es ßinad und cbänte, 
Dass aber verba, deren perfekt eine partikel verschmälite, von 
der bildung eines imperativs und eines inflnitivs ausgescMossen 
sein sollten, lässt sich nicht annehmen* >m tiüc nySHclü Wb. 
10 a 30 braucht also keine entgleisung zu sein (Sarauw 118), 
Auch wüsste ich nicht, waitim man nicht docJmm als Infinitiv 
m docoid fassen sollte ; o ist für e eingetreten, weil das ganze 
Wort unbetont war, vgl. das spätere nochou aus nimn. 

§ 46. finnofi und clmnte bilden also keinen einwand 
gegen Thumeysen's erklärung von nißtir neben roßtir. Da 
die frageparükel in möglicherweise von allem anfang an, 
ebenso wie die negation, die „bestätigenden" parfcikeln ver- 
scliDiäht hat, sind also nur fälle wie eo fessiä^ dia fessar u, s, w, 
ak entgleisung zu betrachten, Dass aber nicht nur ro, sondeni 
auch rom- nach der negation ursprünglich fehlte, möchte ich 
ans ho remrta (oben § 40) folgern; hier ist zwar ro eine 
neaerung, aber das fehlen von com mag eine alteitliünilichkeit 
«ein. In ail-co74-ilarc und ad-cö4mh wird con ebenso wie ro 
k raßtr perfektpartikel sein. In ad-ro-darcm* *man kann 
sehen' (Thurneysen p. 71) ist die eine perfektpartikel durcli 
öiae andere ersetzt; dass nicht einfach ndeithpr verwendet 
irrrrl, mag ein weiteres zeugniss für ursprünglich präteritales 
tempus im ^kann^*sinne sein. 

g 47, Die vorhergehenden erörterungen haben natürlich 
nicht den zweck, das verdienst \^on Sarauw und Thuruejseii 
iü schmälern. Die danstellutig der thatsachen ist bei Sarauw 
in der that ausgezeichnet (ich verweise z. b. auf seine be- 
sciireibung des auftretens vom perfektum und vom narrativ 
nach hft p. 109). Ein paar einzelheiten sind aus Thurneysen's 
Aüfmtz nachzutragen (oben von mir hervorgehoben); ich 
glatibe auch selbst ein paar einzelbeiten beigesteuert zu haben* 
Was noch für die beschreibung der thatsachen fehlt, sind 
Weinigkeiten, Über das Präteritum von Uhid vgl* Thurneysen 
P* 62. Die von Thurneysen p. 73 angezweifelte ausdrucks- 
weiae camlfiir dmigne vgl (ifM roji t^rist pfidi-bes Wb. 23 b 24 
irt jedenfalls altej als comip liir ro^ comallathar und acht 
'f^^fp reforciunn robbe Sg, 169 a K Ferner ist zu untersuchen, 
iB welchem umfange formen ohne perfektpartikel gleichwerthig 
öiit den perfektischen auftreten können (di na con U moin 



250 Whitiey Stokes, 

'woraus nicht entstehen kann' Ml. 85 b 7; tarataissed [Wb.] 
33 d 10 = daradochtaised ML 78 a 4 n. s. w.). Schliesslich 
wäre die mittelirische entwickelung detaillirter zu skizziren. 
Auch eine neue Untersuchung der britannischen sprachen 
könnte vielleicht frucht tragen. — Für Thumeysen war die 
sprachgeschichtliche erklärung der thatsachen die hauptsache. 
Nun habe ich allerdings die von ihm verthddigte EbePsche 
hypothese verwerfen müssen; seine zahlreichen zutreffenden 
und scharfsinnigen einzelbemerkungen habe ich aber im vor- 
hergehenden nach gebühr geschätzt und benutzt. 

§ 48. Wenn ich mit meiner erklärung der thatsachen 
das richtige treffe, so haben wir ein neues zeugniss für die 
sonderbare eigenart der irischen spräche gefunden. Neben 
zäher festhaltung des ererbten (in diesem falle des idg. per- 
fekts) gehen die überraschendsten immer weiterwuchemden 
neubildungen. 

Für die existenz punktueller verba im Indogermanischen 
hat sich dagegen keine neue stütze gefunden; hoffentlich wird 
man bald aufhören, diesem phantom nachzulaufen. 

Kopenhagen, d. 3. Oktober 1900. 

Holger Pedersen. 



Hibemica. 

[Fortsetzung von KZ. XXXVI, 273—276]. 

XXIV. The passive pres. indic. sg. 3 in -thiar. 

Of this curious and (by me) inexplicable form, I have 
found six examples. Three are in the foUowing verses, said 
to have been addressed by S. Columba to King Aed at the 
Convention of Druim Cetta, A. D. 575 : 

Cormac cain buich neöit, 
nua a^ molta, crina a^) seoit, 
iss ed ro legus roth cr[a]eth*) 
c6inmair*) molthia^^^) mairg aerthiar, Aed. 

LU. 5^ omits. *) craed LU. craeth LH. •) ceinmair LU. e«B miir 
LH. genmair K. *) sie LU. molthlar LH. moltair B. 



Hibemioft. 



251 



Cain siäg*) a^) saer[s]aigtMb mgthiar, 
mairg in iath ecnaircc aerthiary^) 
&rad clod*) cain reim, radit bii,^) 
öofuairthM molta mainiJ') 

RawL B. 502, fo. 54' 2. 

An attempt to translate these verses will be found in 
tUe Revue celtique XX 45. Here it wäl be enougb U> say 
that nwUhiur mmm *laudatur\ dsrthiar 'is satirised\ sugthiar 
•siigilflr\ 

Three other sucb forma are found in Üie AmraCholaimb chille, 
t eomposition, probably, of the ninth Century,^) viz, MgtJtiar 
is waüed^ § 3, driHgthiar *is cliinbed' § (i><, and rigihiar % 
crowned' § TL For dringthiar (the reading of R. and BL.) 
LH. and LU. have dringthim\ For rigthier^ tbe reading of 
R. and LH,, tbe Yellow Book of Lecan and Eg. have rigthiar, 
wliile Land 615 has rigtiair, 

That these forms are not only genuine, but of great 
aaüquity, is probable from tbeir apparent identity witb 
%iüric forms in 'tiaar, -tior, such as gwemgdiaim^ *is piereed', 
Ikmityor 4s tranipled\ Rev Celt. XX 34. 

The 4hi' (-ti-) cannot correspond with the Gr* primary 
K:tive ending -rr, skr» -Ü in io-n, tis-Ü: althongh in tbe 
Iriüb active absolute form» berid = tpdgttat, berait - q^i^oyiai^ 
*e have a trace of the primary niiddle-endlugs. The -te 
ft^?) of tlmbr. herter^ herte may be snggested, I have no 
tiplanation to offer of the -ar (Cyuir* -aür, urkelt* -är . .). 
3i reminds one of tbe Avestan aofikair^ = Ved. "^usar^ and 
fra-mramir^ = Ved. *prabravare cited by Windiscb, Ueber 
die verbalformen mit dem Charakter E^ 12, He 
woald (ibid, 61) apparently analyse tbe Irish ending in question 
ttüs; 'tim-r, and regard thä -thia as = skr, te. But perhaps 
te had not then cousidered the Cymric forms above cited. 

XXV. Two glosses in the Milan codex* 
HL 60^ 1 : cultns idnlomm nihil rommodantes supersti- 
i* itidalih nidat forhanda. 



<}m Bog LH. 1) ftsa LU. assä LH, ^) airthlar LU. srtbi» LH. «) eloth 
l»ll. I^, u^ eäln in r^lm riadait bi LU, cain in räim riardt bi IjH. 
*) 4of|iryiirt mäiiii molthaidi LU. 

T 19» Stmchan. Ee?. Cell XVri 4L 




252 Whitley Stokee, 

Here I think the old copyist has joined two separate 
glosses, and inverted their order. ßead coltüs idulomm nihil 
commodantes [.i.] nidat forbanda snperstitiosis .i. iudälib. 

The flrst gloss means 'they (seil, cultüs idnlornm) are 
not advantageoas\ The second means 'to idolaters\ 

forbanda is an adj. derived from forbann A. iomarcaidh 
O'Cl. (= iomarcadh *abundance', *superfluity', O'Br.).^) Forbann 
is a componnd of the prepositional prefix for and -bann, root 
*gvan, gven\ so that in root as well as meaning forbanda is 
i^in to Lat. ad-veniens, Fr. a-venantj Grerm. bequem y Lat. 
con-venire. 

iudalib dat. pl. of iudal, borrowed from Hibemo- 
Lat iudühim, idölum, pl. hidtila Ml. 42* 12, but here 
meaning 4dolater\ So in Amra Cholnimb chille § 94: 
oll nia^ ni idal 'a great Champion, not an idolater', 
and frequently in Middle-Irish. Thns in the preface to 
the Irish Marco Polo (Celt. Zeitschr. I 24^): Is omun 
leamsa, ol se, saethar na menmanradh do chaithimh fria 
gnimhradh idhul 7 ainchreitmech 'I am afraid\ saith he, 'to 
spend mental labonr on the works of idolaters and unbelie- 
vers'. Impoidhid 'na hWila na longa cona seola a n-agaidli 
ghaeithi la a ngeinntleacht , *by their heathenism (magic) the 
idolaters tum ships ander sail against the wind', ibid. 422. 
Later, and in modern Irish, idhal means 'Jew': mar advbairt 
se cn,rV e fein ri na n-idhal, 'as he said that he himself was 
king of the Jews', Maundeville § 2. Bennachmid duit, a ri 
na 7i-idhal 'we salute thee, king of the Jews', ibid. 14, and 
this is often corrupted into mbhal, as for example ac a thoc- 
bau i crand na eroiche dona hiiibälaib 'lifting Him up on 
the tree of the cross by the Jews', LB. 280^ 40, dh becoming 
bh (i. e. v), as in Bniden Da B(li)prga for Br. Da D(Ii)ergay. 
and suburmunt (Cymr. snddivrnwot) ^ borrowed from Eng- 
soiithernwood. 

Ml. 96® 1 : dundumtär .i. dufuargahsat huisci moro robtih^ 
ijitan romboi popul dce foramidr (gl. cum ad oram rubri mari^ 
populus consedisse^). 



*) The Word is speit forband in the Annais of Ulster HI 554: af 
forband t6 rädha *it is no exaggeration to say': cona forbannaib *with their 
auxiliaries', YBL. 92^ 29. 



Hibemic^a. 



253 



fore dundumnir should probably be dund ammuir aiid 
foramnir should be for ammuir, The gloss would then mean 
*to the seashore (ad oram), L e. the waters of the Red Sea 
arose when God's people were ou the sea-shore/ Ammuir is 
compoimded of ad and nmir, as its synonym Cymr, arfor is 
y CO mpimüded of ar and mor: cL nagakiUj naQu^akutiuta. 

^m XXVI. Etymologies. 

^V L adfmiar Ha paid'; k ß nie adfmar olc *evil is repaid 
with evil*, LL. 294* 23. adfenar maith maithtnainih , adfemr 
ak anmdmib, 'good is paid for well-spent treasures , evil is 
paid for Ül-spent treasures', Laws IV* 386. In the future 
[^ Strachan suggests) this yerb loses the nasal: qni antem 
eoitnrbat uos portabit iudicium .i. digaü i, adfdher do *ven- 
feauce, i. e, it will be paid to hini\ or *there will be retri- 
boiiou to him\ ^Vb, 20^ 7, dam adßher LL. 278* 30, Eoot 
te, m ablant-relatioD tQ vB^ m, whenca Lat. vBn-do (from 
mium do)j Gr. wyog^ Hence also Ir, coibche ^morgengabe', 
ironi ^con-ve-kiä. 

2. adratm do *I cleave to', *I trust to' ; ni adraim do 
§oihaib en 'l do not trust to birds' voices', YBL. coL 320. 
imperat* sg. 2 adhair dot triath da mbe i tres, H. 3* 18j p. 37 
'eleave to thy Idng if he be in battle*. pret. sg* 3. mairg 
fi' adhair dm^ hiinff *woe Üiat it clave to the ship\ Ac, na 
Sen6rach 3852: pL 3 ro adhratlur do bharamhlaib examklaib, 
F, M. 15^)7: verbal noun 'adharadh^ O'Br,, who regards it as 
a loan from Lat» adh(a)erere; but the right spelling is 
fiähradhf Ac. na Senörach, 1. 2597, and the root seems ar 
*%en'j whence the Irish adverb ar used for %quit' (see 
iiifra no, 37), and the nonn and adj, arm^ armacJL 

3. ahek *the sea', aihheis .1 muir, O'Cl., cognate with 
Cymr. affivys, Br. ervoas^ which Lotb, Rev, Celt. XX. 205, 
refers to the root bendh in ßhd^og, The preflx a- is from 
'Mp)o^ the 'bSis from *bemij *bent4i', bendh-ti' : cf. Strachan's 
tstymologies of bess^ cSsmimf gressj less, seiSf Bezz. Beitr* XX, 
^ 36j and see infra no. s?8. 

4. alach 'quick\ in the Compound coss-alaeh '8cknellfi^sßig\ 
IjU. 96* 22 , occurs as a woman's name (dat. AUck) in the 
B<K»k of Armagh, 17^ 1 (Trip. Life, 349). The Lat. alacer 
*fteiijs cognate. 



^^«liiiii tut T«fgl. Spn^hf. N, F. XVII. S. 



17 



254 Whitley Stokes. 

5. ap^ir .i. a puero, O'Mulc. 50. (Archiv f. celt Lexicogr. 
I 237, 238), an-apar A. non pueriliß, ibid. 89. From *ad'bary 
a Compound of the prep. prefix ad- and *bar cogn. wiih Goth. 
baür *8ohn', Icel. bur-r, alb. bir, Brugmann, Grundr.* § 512. 

6. arbor 'com', in its oblique cases follows the nenter 
n-declension. Thus sg. gen. arbe, Wb. 10^ 6, dat arbaimmj 
Laws IV. 396, pl. n. acc. *arbann^ dat. arbannaibh. Strachan 
compares the declension of Gr. ^nag, !jnatog, Skr. yäkrt, 
yaknas. Still closer parallels are Lat tfer, itin-er-is, jectw^ 
jecin-or-is, where the -er-, -or- are intnusions jörom the nom. 
sg. (Brugmann, Grundr.^ §§ 114, 397). The gen. sg. arbe 
may descend from an Urkelt. *arve8, *arvens, 

Cognate are agovga and arvum, but not, I think, Ir. 
orbaind 'grains' LB. 219* 22, which seems related to ogoßog 
and ertmm. 

7. am-. This prefix occurs, compounded with to- in Ir. 
t-am-gerim Ich verspreche' and, with n changed to b before 
a labial, in t-arm-naigim 'ich nütze', ftt)m Ho-ärn-ben-aiffim. 
It is found as a prep. in Cymr. am-un 'together' (cf. Ir. 
ar-oen), and in Breton (Vannetais) arn-ugmty Archiv f. celt 
Lexicogr. I. 404, 405. See KZ. XXXVL 275. 

8. bebais F61. Oeng. Prol. 95, Feb. 18, '(he) went', i. e. 
(he) died. This is not, as I once thought, a Middle-Irish 
misformation from the perfect beba 'mortuus est', Fiacc h. 12. 
It is a regulär Old-Irish 5-preterite from a reduplicated verb = 
Gr. ßißfj/Lit or ßißacoy Skr. jigäti. For similar euphemisms in 
Latin, see 0. Hey, Archiv f. lat. Lexicographie XI, 522. 

9. bochna 'sea'. Cognates of this rare word will be 
found in Bezz. Beitr. XXI 130, and in KZ. XXXVI 358. 
Here are two belegstellen : dochiatar amach iarum for drum- 
chla na bochna, H. 2. 5, p. 373**. ro bo chian do iarsin 
for [sjechran na hard-bochna 7 for imarchor an oicein, ibid. 
p. 262*. In modern Munster Irish the o is long (Strachan). 

10. brinn 'vision', Celt. Zeitschr. III 40, may come from 
*mrinn, cognate with Ir. mairnim 'verrathe', mrath, brath 
'fraudatio', Gr. a-fiaoTia, as Germ, träum with trügen. 

11. caech 'blind of an eye', caech 'squinting', in the Com- 
pound leth'caech (Rev. Celt. XX. 252) 'with one eye asquint' 
(Henebry). Of these two homonyms, the former is = Cymr. 



Eibemica. 



255 



' ۟eg^ JLat. f^aeais^ Gotla. haUis : tlie latter cognate with Skr. 

rrors ^schielend', Bezz. Beitr. XXIV 274. 
12* cäifi ^tribute^ cdin 4a w\ Here ag^ain we have two 
lionioiijrms , the former coaiing from ^käpni-, vorkelt. *kopn% 
cognate mth Lat. capto ^ Gn xdnri^ Lit küpo ^pfamdgeld'; 
the latter from *qäsnif cogn* with Skr. 0^j anweisen, zurecht- 
weisen, Lat cmiigare. Zimmer's attempt (KZ* XXXVI 440) 
to bring cäin (with its long n) from Lat- canön (with its 
stört ä)^ by raeans of a non-esistent Cymric *reäi, does not 
deserye serions refiitation* The Irish loan from canon is 
^bantHn^ Corm,, ML 24^^ 24 - Cymr< camn, 
^B 13* cir *jet', gen* sg, cera : duiUgthir [rectius dmhithir] 
^PfeuarA cera a gnuis ^black as a cup of jet was bis face\ 
^ Stowe ms. 992, cited by K. Meyer, B. of Ventry, p, 101. 
acc. sg. batir dubidir cir ^they were as black as jet\ LL. 252*' 20. 
This Word constantly occurs in Compounds, such as cir-bach- 
^bii LL. 248*' 3, ew-chorcra, cir-dvhy (nr-gal^ where the i 
\^^ Position', is lengthened, OC*^ 26. 

L Zimmer's explanation (KZ. XXXVI 434) of cirdiih as 

^P compoand of ^dr borrowed from Lat, punm *durch britan- 
tiischen mund' is macceptable, first, because Irish i never 
correnponds with British u^ and, secondly, because the Msh 
loin from pmns is puTj^) Cymr. pitr^ just as the Irish loan 
from Lat. müTiis is miir, Cymr. miir, 

kThe etyraology of elr (stem hiri-) seems clear, As 
j min come from the diphthongal roots guei^ mei^ so dr 
|B from the diphthongal root ^keir^ whence also Ir. ciav 
keP, Ags. Mr, 0. Bnlg. mr^ 'glaucusV and other words 
I cited by Zupitza, Die germ. Gutturale 185. The Ir. cam 
fetor*flanima, prnna' (grundf. kaira^ cogn, with Goth. skeirs 
llar, deutlich?), is not related to dr. The article klro-s in 
Brkelt. Spraehsch. t>4, should be corrected accordingly. 
r 14. cmdhigis 'fortnight' must^ like Fr, qnhizaine, have 
Wfinally meant "a Space of fifleen (= 5 + 10) days or nights, 
tte half of a month of thirty days or nighta, for the first 
demeat of this Compound is obviously the numeral com 'five\ 
^at then is t^is? It seems to me a derivative of Hig 

*) Pdr i- ginn o nj is parus. undc est Inti caraa crabadh ngiir is 
^iglm^ [leg, dtdiinadhj läis nisce pär, *Jie that lovcs aastere devfition d<?ems 
ttrewiter n «okcc\ IL 3. 18, p. 13, cyl, S, 

17* 



256 Whitiey Stokeß, 

meaning 'ten', and cognate with Ir. tiagu 'gehe', just as the 
Crimean Gothic stega 'twenty' and ihe German stiege (dial. 
steig) 'zwanzig stück' are cognate with steigan. 

It is clear that ihe corresponding Cymric word, pythefnos 
means 'flfteen nights'; but the etymology of the first two 
syllables is obscore to me. 

15. devfiess 'scheere'. In this word the mess, from *met'Ui^ 
is obviously cognate with Ir. methel *a party of mowers\ 
0. Cymr. metetic 'messus', Lat. meto, and the de- (for de = 
*dvei) is the form which the numeral 'two' assomes in com- 
position. 

16. deoin 'pleasnre', 'will', 'consent' from ^de-voni, root ven, 
'sich frenen, lieben', Urkelt. Spr. 270. From the same root 
comes fonn 1. delight 2. a melody. Cf. ahd. wunnja 'wonne'. 
A Compound of fonn is adbonn, 

17. do-riuth 'accurro', urkelt. Uo-reto, perf. pl. 3 dorer- 
tatar (leg. dororthatar?), Urkelt. Spr. 231. In the cognate 
Cymr. imperative sg. 2, tyred 'come!' (from Ho-rete) the accent 
has preserved the original tenuis of the prefix. 

18. drebraing. This verb (perf. act. sg. 3) occurs thrice 
in the F61ire Oengusso: Ap. 2 drebraing iar cath ccdad / mn 
sid söer subach] Ap. 17 drebraing martra mhmde: Aug. 26 
for nem co sluag roreil / ro drebraing iar ndrobeil Windisch 
(KZ. 23, 204) tries to bring it from brang {vrang?\ and 
I onee thought the root was a nasalised form of Skr. vraj, 
But I now See that the idg. root is *rengh = Skr. rank, 
ranhate 'eilen', and that in dreb- we have two prefixes, dru 
and eb, The prefix dm was discovered by Thumeysen (KZ. 
32, 563): its vowel is elided also in drindrosc or drindntsc 
(= dru-ind-ro'sq-) = lanfocull, Ir. Texte 11 217. For the 
prefix eb- see KZ. XXXVI, 275—276. 

19. ecMach 'messenger', pl. n. echlacha, LL. 109* 14 
is connected by native etymologists with eck 'horse'; but 
nothing in the literature supports this connexion. I suggest 
that initial i has been lost, and compare Lat. iacio. For 
the e in eck- cf ega gen. sg. of aig = cymr. iä eis, and eirin 
hühnchen, cymr. iar, KZ. 31, 76, CZ. n 191. The -lach is 
doubtless the second (and posttonic) dement of a Compound, 
as in 6c-lach from 6c-]-laech, teg-lach from teg-\-sluagy äslach 
from äd'sleg, indlach from ind-dlug, But what that element 



HibemJca. 



257 



is remains obscnre* It mtist have been a fem, dr-stenij for 
the nom* sg. of echlach occurs with tbe fem. article ind m 
Ac. na senörach 3000, its acc. sg. is echlaig^ ibid, 5689, and 
its nom. pL is echlacha, LL. 109^ 14. 

20- echta .* aircet ßchta . . . in crand büi ^na forioros/) 
Acallam na Senörach, L 789, 'pure silver (was) the beam 
that was its liiitel\ Here echta is - O'Ciery's eacMa i. glan, 
&nd geems cognate with Lat. aequum^ 0hg. eJmft^ eow ecAi- 

2L enecland^ einiedand 'bouour-price/ literallj^ 'face-plateV 
Zimmer (KZ. XXXVI 426) ingeDiously suggests that 
%ecli]ann" (as he misspeUs this common legal term) is a 
Compound of enech and lamh Demnacb konnte enechlann — 
80 liest handschrift A von Cormac — eneclann die das an- 
gBsieht (enech) bedeckende goldplatte (lamt) bezeichnen, ün- 
fortimately for this etymology, ^enechhnn'' doea not exist, 
Äithough it is so speit in my edition of Cormac A. London 
IB62. The mannscript has endäd — see LB. 266^ 65 — 
l Bp ene^la^id. Cormac B has enedaü — see YBL. 266* 14 — 
i- e. eneclan«, This is a Compound of enech and *cland a 
loan from the low-Latin phnta 'tabula plana, asser, nostris 
aBas p1ateau\ Dncange, Enech-dand became enecdmid, ene- 
^hidj just as €hdi-mnn became doeeennj docetm, Bezz. Beitr. 
XSIU 46. The declension and gender of enedmid are un- 
certain. The gen. sg. enedainnij LawB IH öS**» points to the 
fem, ff-declension, while the dat* einiedand^ Bk of Rights 98, and 
the acc* emcland^ LU. 75^ 4, point to the masc. or neut 
o-declension. The declension and gender of the Compound 
«bid (ex aith + cland) 'plate' are equally nucertain : der 
^knnu mr, LU. 90*' 7, edanda, YBL, 98'' 52, edanniu, 
Egerton 1782, fo. 109* L 

22. erc *cow', ^cc X b6, Rawl B. 502, fo, 57'' 1, emc .1 
bo O'CL, gen. ercce Ir. Texte in 247, pl. n. ercm EawL B. 
50S, fo. 57* 1, acc. dian-adit na hercca Celt, Zt III 41. actatar 
«*ßa, ib. 43. The grundf. (p)erkä may be in ablaut-relation to 

23. forngaire *befehl\ ftlr for-con-gairej says Windisch, 
Wörtarb, 570, and see Zimmer, Celt. Studien L 123 n, But 
for-cm- could not become foni: cf. forcongur *befehr, Ir, 

^1 Cf. tha düyvQi^p öneQ&v^totf in the palace of Alclnons^ Od. 7, ßr. 



258 Whitiey Stokes, 

Texte I. 46 {la forcongur mBrigte)^ where the accent is 
on the flrst syllable. The forn- of foni-gaire^ also in fom- 
Aecht 'uiolentia' Ml. 96° 7, and forn-gabaü, Rawl. B. 512, fo. 
112** 1, is a simple preflx = Com. tuani- (in w;ar/Mi/' *super me', 
Warnas, wamozo, warnan, warnotigh, wameze\ MBr. oarn-, 
now 'tvam-, GG.* 677. All from a pre-celtic *upern-j cognate 
with Lat. (s)iipernu8. 

24. ide 'torch', Arch. f. celt. Lexicographie I, 267, .L 
caindell ibid. 309, 479, idg. root idh *to burn', whence Skr. 
idhmas 'flrewood', i-n-dhate *burns' and Gr. l&agog, i&alvead^ar 
9'SQfiaivBad'ai, 

25. The disyllabic lae, loa, la 'day', and läithe 'day' are 
correnüy supposed to be of the same origin, the th (= h) 
disappearing between vowels, Zimmer, Kelt Studien I, 51 n., 
while Thnrneysen, Eev. celt. VI 108, regards läithe as a 
Weiterbildung of läe. It seems to me that these two Synonyms 
come from different roots : läe, dat. loho SR. 8100, from *lä(p)io-, 
cogn. with Lett läpa 'kienfacker, Pruss. lopis ^amme\ root 
Zop, while läithe is from *lätio' cogn. with Lat. later$ia. 
A nasalised cognate of Ide is Gr. kifina: a nasalised cognate 
of läthe is Lat. lanterna. The mark of length is generally 
omitted in these Irish words; but it is found in sain-läa Wb. 
6^ 16, 17, cach oen lau SP. 11 15, hi cach läo Wb. 4^ 21. loti 
6* 30. Idithi Ml. 21« 3. The rhymes — läithe, fläithe — 
lathib, ächid in F61. Oeng. prol. 288, epil. 48, March 26. 
lathe — Mäche, LL. 58* 3, point to a sister-form läthe. 

26. laime .i. biail 'axe', O'Mulc. Gloss. 798, and H. 3. 18, 
pp. 7P, 6ü6, läime Egerton 1782, fo. 15*» 1, seems cognate 
with Aslov. lomljq (lomiti) 'to break' (root lam), Russ. lom6t(t 
gliederreissen : see Kluge *^ s. v. lahm. 

27. ledm Ich lasse los', root (p)lank, cogn. with Eng. 
fling, ON. flengja. Hence also Gallo-Latin lancea, Fr. lancer. 
For Celtic k in auslaut = Teut. g cf. tenc in trethenc Wb. 
29'* 5 = Ags. ping. So Ir. serc, Cymr. serch 'love' cogn. with Gr. 
ajsQyoo, axoQyrj (KZ. XXXV 596), and see Brugmann, Gmndr.* 
§ 701. A trace of the p seems in the double l of do-Uecim 
ich werfe. So in do-lluid, remi-lliiid Ml. 132*^ 13, root plud, 
and fo-lluur, at-rii-llui, root plu. 

28. Us *bladder', gen. lesa, acc. les Rev. celt. XX 437, 
COmes from *le7ld'tu, cognate with Gr. nXadagog, nXaSog 



be^niicji. 



269 



(Bezzenberger) j as les *liglit' fiom *pleml-iu^ cognate witli 
Lat. splendor (Straclian). lesan j. les [leg. les] emh hole i 
mhi linn ^every bag wherein is liquid', H< 3, 18, p. 72*. 

29. luchtar ,L eoiti bis for usque *a skiff which is OE 
water', O^Mulc. GL 807, and H. 3. 18, pp. 71^ 63^ From 
Huptro-, cognate with Lith* Ittpü *to fiay, to shell', Ahd. louß 
^atshell', *bark\ 

30. mbriatkar 'word', pl. nam, mbriathra SD, 44^ 9. lOj gen. 
mbriatkur 59* 15, 71'^ o, points to a root mm, the aolaut of 
which remiods one of Av. nirü ^sprechen', Skr. bravUi 'sagen'. 
The contexts — indat mbriathra 'are they the words?' 
ihaic mhiathar *to repay words^ — shew that the m is not 
'transported' from the preceding word. 

3L meis J. olc ^T)ad', O'CL, compar. mesmj comes from 
^med-ti, and is eogiiate witb the Compound verb im-rui-md- 
etlmr 'peccat', imme-ni-mediar (leg. -air?) 'peccavit'. Cognate 
also is the nonn roimsi i. pecad H, 3, 18, p. 626 .i. peacadb» 
0*C1,, from *ro-med4io'. Bezzenberger corapares Serb, omediti 
se verderben, Windiscli Skr* pra-madati. 

32. ^Moen, id est a moenia miirornm aedificia", H, 3. 18, 
p, 82*. This m the namej auglicised Moone, of St Columba's 
monastery in Kildare. Cf, the Gaulish Moenus^ vicus, quoted by 
Holder. Botli words seem cognate with Lat, moeuia, skr. minoti 
Compounded with gal, we geem to have onr moen in Moengalf 
the name of an Irish pilgrim at St. Gallen from about 850 
to 865, Zimmer, Kelt Beitr. III 113 n. Cf, also the Ganlish 
men's names Moenenns and Moenhis, 

33. molc *flre' was connected by Pictet with Lith. 
malba 'wood\ So Hirt connects Ör. xam and itäXoy, Bezz. 
Beitr. 24, 265. 

34. mugart 'hog\ j. mucc ard no mucc meth, Hy, 5, 59. 
It LS hard to separate this word from muce Schwein', which 
may come from an oxyton ^mug-nä, cogn. with Lat. mungo. 
The -art may be, as the glossator supposes, the adj. ard 
*liigh\ with the d provected by the preceding r. 

35. muirbdl 'giddiness' : re mnirbell 7 rc nwraidecht in 
mithapaid 'through the giddiness and irabecility of his halln- 
cination', m O'Donovan translates, Battle of Moira, p, 234, 
Ba moidi a mnirbell 7 a merugud mitJiapaid 'his giddiness 
and hallucinatioo of imbecüity became [the] greater', ibid. 



260 Whitley Stokes, Hibemica. 

p. 236. This seems a loan from Old-Norse hvirfeU *wirbel\ 
as moü from Lat. vöti. 

36. obid, boi obid 'he was an Ovid', i. e. a master in the 
poetic art, Amra Gholoimb chille § 80. So righüy speit in 
the Liber Hymnorum. Boe obeid in Sawl. B. 502, fo. 58* 2, 
where this is glossed by ara heolcha hi ßidecht 'becanse of 
his science in poetry.' Borrowed, like Cymr. ofydd^ from Lat 
Ovidius: see Loth, Revue celtique IX 276, Les moU latins 
dam les langues brittoniques, p. 191. 

37. ol Inqoif ZK 504, seems to be properly an adverb » 
the ul in Lat tUterj ultra, nitro. The pl. oldat Inquinnt* 
LU. HO» may be imitated from fordüt, ordat, LU. 85^ 89^ 
forda[d]^) diberga, LU. 84^ cognate with Gk)th. vaürd^ Lat. 
verbum, Umbr. verfäle. Another adverb ar is also nsed to 
ezpress 4nqait' (ar Orist, Ml. 44^ 11, ar se)^ and, like Gr. 
aga, ag 'nun, folglich', Lith. ir 'und' (ans r, Prellwitz), may 
be referred to the root ar 'vereinigen'. 

38. plae, blai 'a green', Arch. f. celt lex. L 34, seems 
borrowed from Low-Latin plaia, plagia. 

39. riasc 'a marsh' Corm. Tr. 147, O'Dav. 111, nrkelt 
*rei-sko', root rei 'fliessen', ürkelt. Sprachsch. 227. From 
the same root comes rim 'bad weather', and imrim^ Amra 
Chol. § 78. 

40. sifis .1 selfa, Lü. 125*», 27: sifis do fuü fland 'thy 
red blood will pour'. Here the gloss means 'will drop', 
stiUabit, with which Latin verb it is cognate. But the lemma 
sifis is the redupl. ^-fut. sg. 3 of the intransitive sennim = 
*spe}id6, cogn. with the transitive Gr. aniviw, oneioo/iiai, just as 
sifuis, O'Dav. 116, comes from sennim = *svend6, cogn. with 
Skr. svanati, Lat. sono. 

The perfect act. sg. 3 of sennim *I pour' is in LU. 74* 23 : 
gabaid iarum eter a di Idim 7 cot-meil 7 fochrothu [leg. -a] con 
[leg. co] sephaind a channebor ass combo buadertJia in t-äth 
dia chacc 'then he, Cüchulainn takes him between his two arms, 
and crushes him and shakes him, so that his ezcrement pou- 
red out of him ; and the ford became turbid from his düng.' 



For the change of the final t to d m fordad see EZ. 36, 878, and 
add conatechfd] dig, LU. 97». For the loss of final d in the atonic sg. for 
*inqiiit\ cf. olämor i* ON. kldmor^. 



Elof Nüssen, Wackemagel's gescfe im SlaTiechijn. 261 

41, mibiil *a Walking, mardiing\ may reg^ularly come 
from *st€bulo', and be cognate with Ags, stejiet Eng. .?%), 
Nhd. stapfe j 0. Slov, stopa 'foot-track', This seeuis a more 
probable combmation than that proposed in Urkelt Spracbsch, 
323, Yiz. ßinhd from *sve7nuU^ cognate with Cymr, chwyf 
'moim* and Ähd., Ags, stüimman. 

42, umal 'enkel', geo, umail, YBL, 127'' 35» Assuming 
the regulär loss of initial p^ we have here the Irish cognate 
of Lat pUmilus (Statins, S, L 6. 64), or pümÜK^, where ii 
represents an older om, as we see from pater pöumilmmms 
Epli. Epigr, I 20, a quotatioü due to Strachan. 

Cowes, Isle of Wight, Deeember 11, 1899. 

Whitley Stokes. 



Wacbernagers gesetz im Slayischen. 

Jakob Wackemagel hat in den Indogernianischen Forschungen 
1 1 333—436 zu zeigen versucht, dass enklitische Wörter in 
äen indogermanischen sprachen anfangs an zweiter stelle 
iiB satze standen, nnd stützt diese anschanung durch eine 
fliehe Sammlung von belspielen aus dem Griechischen, Latei- 
nischen und Arischen. Er deutet auch an^ dass dasselbe 
?es€tz sich im Germanischen und Keltischen findet, erwähnt 
rter nicht, dass es im Slavischen gilt, und doch giebt es ein 
SiiutKche-s zengniss dafür j dass die slavischen sprachen mit 
den angeführten übereinstimmen. 

Die Wörter, welche diese eigenthümlichkeit am deutlichsten 
^en, sind nü ^mir' und ti 'dir\ welche den altindischen 
enklitischen formen mB und tf^ genau entsprechen; daneben 
hm man sich auch auf die Partikeln ho und ^e, welche be- 
btiBtlich an zweiter stelle stehen, und auf mehrere andere 
Wörter berufen. 

Da die Sachlage durch die altbulgarischen denkmäler 
genügend klargestellt wird, werde ich mich auf diese spräche 
beschränken j obgleich das woitstellungsgesetz auch durch 
mehrere moderne sprachen bezeugt wird. 

Zunächst kann man eine reihe von beispielen anführen, 
wo mi und ti ein reflexives verbnra von dem zu diesem ge- 
hö?Biiden s^ trennen. Solcher beispiele lassen sich schon mit 



262 Elof Nilsson, 

hülfe des yorzttglicheu glossars von Jagi6 iu seiner ausgäbe 
des Codex Marianns genug auffinden, und die parallelstellen 
in den anderen handschriften zeigen zur genflge, da^ dies 
Stellungsgesetz nicht auf den Codex Marianus beschränkt ist. 

drevle Se povdi otüresti mi 8§ ize sqtü vU domu moeml, Luk. 
IX 61, Cod. Mar. 240 : 7 'aber erlaube mir zuvor, dass ich 
abschied nehme von denen, die in meinem hause sind'. Dass 
hier kein griechischer einfluss vorliegt, geht schon daraus 
hervor, dass otUreHi 8§ im Griechischen durch ein ein- 
faches verb {anoxalaa&ai) ausgedrückt wird. (Der inflnitiv 
bildet gewissermassen einen satz ffir sich, in welchem das 
pronomen an zweiter stelle steht), ispovedajq ti s§ otüde 
gospodi nebu i zemi, Matth. XI 25, Cod. Mar. 36 : 11 'Ich 
preise dich, vater und herr des himmels und der erde' (IBgo^o- 
koyov/iial aoi). Ebenso Luk. X 21, Cod. Mar. 242 : 21. 
U mlnitU ti sg eko ne mogq nyne timolüi otüca moegOj Matth. 
XXVI 53, Cod. Mar. 102 : 11. 'Oder meinest du, dass ich 
nicht könnte meinen vater bitten' (*'ff Soxitg ort). otUpustajqtn 
ti 8§ gresi, Mark. 11 9, Cod. Mar. 121 : 4. 'Dir sind deine- 
Sünden vergeben' (l^tpiwvxal aov). Ebenso Luk. V 20, Cod^ 
Mar. 212 : 18, 27. Luk. VH 48, Cod. Mar. 225 : 20. molj(^ 
ti s§ ne mqöi mene, Luk. VIII 28, Cod. Mar. 229 : 27. 'Ich. 
bitte dich, quäle mich nicht {SeofiaL aov). uditelju moljq ti s^ 
prizüri iia synU mojx, Luk. IX 38, Cod. Mar. 237 : 19. 'Meister* 
ich bitte dich, besiehe doch meinen söhn', vüedastü ho ti sff 
vo vlskresenie pravedUnychU, Luk. XTV 14, Cod. Mar. 264 : 24= 
'es wird dir aber vergolten in der auferstehung der gerechten'. 

Man wird bemerken, dass in diesen beispielen das verbunx 
an ei'Ster stelle im satze oder wenigstens im betreffendea 
satztheile {otüresti mi s§, Luk. IX 61) steht ; nur das fragende 
wort li war in einem beispiele noch dem verbum vorangestellt. 
Wenn dagegen ein betontes woit vor dem verbum steht, wird 
m% und ti unmittelbar nach diesem betonten werte und also 
vor das s§ gestellt. 

Man kann also nicht etwa annehmen, dass mi und ti 
immer zwischen dem verbum und se stehen müssen. 

Olagola emii petrii, aste mi sf. kljiiditU sü tobojq umT- 
reti, Matth. XXVI 35, Cod. Mar. 100 : 13. 'Petrus sprach zu 
ihm: und wenn ich mit dir sterben müsste\ (Im Griechischen 
steht das pronomen hier nach dem verbum: xav öeti (xt aiv 



Waekeniagers g'esefe im ßlaviMhon. 



263 



nnt anQßuvtty). Ebeiiso Mark. XIY 31, Cod. Mar. 174 : 23. 
Ha ti s§ minitü Simone, Matth. XVII 25, Cod. Mar. 60 : 15. 
Was dünkt dicb, Simon?' {Ti aoi ^oTc^t); Matth. XXII 17» 
Cod. Mar. 80 ; L kako ti sf otvrmte ot^if Job. IX 10, Cod. 
Mar, 353 : 20 *Wie sind deiue äugen aufgethan?* rimg dv£- 

Damit man niclit etwa annebme, es handele sich um ein 
Ersetz, wonach mi und ti immer vor einem s^ stehen müsste, 
ffihre ich noch ein paar beispiele an, wo ti und mi in ähn- 
Mer weise zusammengehöriges trennen, ohne dass s^ mit 
im spiele wäre : 

i vtfj^Vi'sti imT, eliko ti gospodü sUtvori i pömilova te^ 
Mark. V 19, Cod. Mar. 132 ; 12 'und verkündige ihnen, wie 
grosse wohlthat dir der herr gethan, und sich deiner erbannet 
kt\ (AUerdiuga auch im Griech. ona am o Kv^mg uEnfiirjx^py 
äo ti ini^ estn, Luk. VIII 30, Cod. Mar. 230 : 8 ^wie heissest 
i^V {Ti nfu ioTtP ovof.tu). 

Wenn wir uns jetzt zu den modernen sprachen wenden, 
so wird man aus dem Russischen nichts für die Stellung der 
Pronomina beibringen können, weil die formen mi und ti 
?erloren gegangen sind. Dagegen findet man z- b. im Pol- 
itischen, wo diese formen noch vorhanden sind, das alte 
ttellnngsgesetz noch immer bewahrt. Man kann z. b. an das 
wort wifUiemisie 'bedtinken' (^ ^es seh eint mir') erinnern. Die 
i» dieser erstarrten redensart zu beobachtende Wortstellung 
ißt noch immer die übliche, z. b. ehm d si^ wojmj *du ver- 
Unggt nach dem kriege' (Sienkiewicz). Wenn das pronomen 
m einem infinitiv gehört, kann das pronomen sogar vor 
im. verbum stehen, von welchem der infinitiv abhängt, 
1 b. io mi proste napisac (nachsatz) *dann bitte ich Sie 
Alf zu schreiben^ (brief eines polnischen arbeiters, dessen 
Orthographie ich verbessert, habe). In ähnlicher weise wie 
«i und ti wird im Polnischen auch das pronomen si^ be- 
isndelt z. b. äe irzcha sie bt/lo stawir Vlass man sich ein- 
finden müsse' (Sinkiewicz); w bHivie jest sie wa co gapir In 
^iuer Schlacht giebt es was zn begaffen' (Sinkiewicz; sie ge- 
hört 211 fjapif, wie im vorigen satze zu stamic) ; iytko ci takie 
^if^zniutfcie ie ai si^ siemi^ chce calo^oae 'das getreide ist 
^ niedlich, dass man Inst hat die erde zn küssen' (Sinkiewicz; 
^^ gehört zu chce)'^ Icaie sii' kaMemu po sto razy zapfmnloQf 



264 F. Lorents, 

iie . . . ^sie befiehlt einem jeden, dass er sie hundert mal 
versichere' (Sinkiewicz ; sif ist Objekt zu zapewnia6)\ pytam 
jeäeli si^ tarn krolotvi mog§ pokazaS 4ch frage, ob ich mich 
dort dem könig zeigen kann' (Erinnerungen des Pasek); kazal 
sip nam oUap%6 'er befahl uns, uns zu umarmen' (Pasek); 
ktory to narod hardzo jest mnoiny i tak sif tolaSnie jako 
pszezoly w ülu roi 'welches volk sehr zahlreich ist und fast 
wie bienen in einem bienenstock schwärmt' (Sinkiewicz). 

Es bleibt weiterer forschung flberlassen, die genaueren 
regeln ttber die polnische Wortstellung zu ermitteln und das 
alte Stellungsgesetz noch in anderen slavischen sprachen zu 
verfolgen (hierbei wird namentlich das Serbische in betracht 
kommen). 

Lund, mai 1900. Elof Nilsson. 



Slavische miscellen. 

1. Abg. ifUH. 

Über das abg. tUsi sagt Leskien Handbuch' § 80: „Die 
flexion von iftsl omnis bildet ein gemisch aus i-stamm (v%^')y 
0-, ff-stamm (msc. ntr. viso-, f. vTsa-), jo-(f. ja-)stamm, bei 
dem aber das j-element nicht auf das vorangehende s wirkt 
(ifisjo-y vXsja), und einem stamme auf -e-, von dem gen. sg. 
msc. ntr. vHsego, dat. iftsemu, loc. vlsemX, ntr. vlse, gen. sg. f. 
iflsej^., dat.-loc. vlseß, instr. vlsejq wie bei sT, ähnlich auch 
acc. pl. tfts^.^ 

Diese mischung von verschiedenen stammen, wobei noch 
dazu die Unregelmässigkeit kommt, dass das suffixale j nicht 
auf das vorhergehende s wirkt, ist zu sonderbar, als dass 
man sich dabei beruhigen kann. Es fragt sich, ob es nicht 
eine möglichkeit giebt, die zahl der stamme etwas zu be- 
schränken. 

Bekanntlich wird t^ gewöhnlich zu dem ai. viSvctö ge- 
stellt und auf idg. *viJc- zurückgeführt. Hierbei macht aber 
das s des lit. visas, wofür man *viszas erwarten sollte, 
Schwierigkeit und hat man deshalb schon zu dem ausweg 
gegriffen, dies als slavisches lehnwort zu erklären. Hierbei 
hat man aber ganz übersehen, dass das Slavische selbst den 



SlaTisclie mi^eOen. 



265 



ansatz eines .*? aus idg. f , wenn auch nicht gerade verbietet, 
go dodi zum mindesten als nichi wahrscheinlich erscheinen lässt. 
Die westslavischen sprachen haben nämlich fiir das b der 
trtr und südslavischen s : gen, t. vseho ob. wseho ns. sogö 
p. u'sz^o slovinz. ßievit Wäre nun der stamm unseres wertes 
als mJc' anzusetzen, so müsste man den westslavischen formen 
«du ursiav, ^v^e- ans vlsjo* zu gründe legen: wir hätten also 
ausser dem jo-stamm, bei dem das j nicht auf das voran- 
gehende s gewirkt hat, einen andern, wo diese Wirkung ein- 
getreten ist, Pas sind aber Voraussetzungen, die schlechthin 
iraimiebmhar sind. 

Nun ist aber bekannt, dass dem durch die zweite pala- 
(iljs^ation aus eh entstandenen s der ost- und sUdslavischen 
sprachen die westslavischen s gegentibers teilen j z. b, abg. fnuse: 
t in&me os. ns. tnme p. mm£e slovinz. müsä. Die urslavische 
km dieses lautes war ein erweichtes s.^) Nehmen wir dies 
i auch für das urslav. *vX^ an, so ist wenigstens die differenz 
zwischen dem Ost- und Südslavischen und dem Westslavischen 
beseitigt. Da nun aber, soweit bisher bekannt ist, das urslav. 
i nur aus älterem ch , aber nicht aus g = idg, ^ entstanden 
iiti mass die Zusammenstellung des abg. tfisl mit ai, viwas 
t^riigegeben werden, dagegen ist es mit lit. vlsas auf ein idg, 
*tiio« zurllckzufüliren. 

Jetzt ist aber auch die erklärung der sonderbaren flexion 
wuseres wortes nicht mehr schwierig. Ich gehe hierzu von 
«iüem gi^undsprachlichen tJ-stamin viso* aus, dessen flexion 
wf gmnd der des abg. tn für das Urslavische in folgender 
anzusetzen wäre: 



Sing, 



Mask. 


Neutr. 


Fem, 


*vl€hÜ 


*VJ€hö 


*iMchä 


*üXch6go 




*f]tXchöjp 


^vXchomu 




*nJchöji 


*mcm 


*vlch6 


*Vl€hq 


*m€h€mi 




"^mchojq 


*tflch6nil 




*vich6ji 



') Es ma^ bior erwähnt sein, dass dies i Euich Im anlaat in zwei wGrterD 
aKshwriabtr ist: abg. sidü : c, hedy p. szadan^tj slovinz. iadi urslav. *ükiü^ 
■%' *H : c. iery iw. i€ry p. szary 8]o\in2< äari uralav, *arü. Dia kaseb, 
•^ («lofiitt. Äirf), welche« Miklosicb EW^ a. v, sirii m abg, niru stellt, 
••^ lalt deren. Bitri balg, rntti serb. mir ein urslay. *mrii ioit. 



266 



F. Lorontz, 



Plur. 



Mask. 


Neutr. 


Fem. 


*vtchi 


*vichä 


*vlch6ti8 


*vtchechU 






*vlchemU 






*iflch6ns 


*vXchä 


*vtch6n8 


*v1chemi 






*if[chechü 







Die umwandlang des idg. s in slav. ch nach l ist laut- 
gesetzlich, vgl. Pedersen IF. V 40 ff., der accent ist auf 
grund der modernen slavischen sprachen angesetzt, vgl. z. b. 
russ. vesi vsja vse) gen. vsego u. s. w. 

Die formen unseres paradigmas zerfallen in zwei gruppen : 
solche, in denen auf das ch ein palataler vokal, und solche, 
in denen ein nicht palataler vokal folgte. Der palatale vokal, 
im uom. plur. mask. i, sonst e^ entspricht in unserm falle 
überall einem idg. oi: das vorangehende ch musste also der 
zweiten palatalisation erliegen und zu § werden: es ent- 
standen also die formen *m§Smt *iflH *vUichU *vlSSfnü *vt§emi, 
dies sind aber die Vorgänger der in den slavischen einzel- 
sprachen vorhandenen formen. 

Nun wissen wir durch Baudouin de Courtenay IF. IV 48, 
dass die zweite palatalisation von k und g nicht allein durch 
folgende, sondern, auch durch vorangehende palatale vokale 
bewirkt wurde, sobald der accent dem guttural unmittelbar 
folgte. Soweit mir bekannt ist, ist dies gesetz bisher noch 
nicht auf das urslav. ch ausgedehnt; nehmen wir an, es habe 
auch hier gewirkt, so würden die formen unserer zweiten 
gruppe folgende gestalt angenommen haben : *viM *vl§6 *viSä, 
*vls6go *v%§6j^, *vU6mii *vU6ji, *vUq, *vU6ml, *ini6jqf *vX§ä 
*vlS6)is, *vis67is. Nach vorhergehenden weichen konsonanten 
wurden nun U zu i, o zn e und -ons über -eiis zu -f. Dass 
dies auch nach den durch Baudouins gesetz entstandenen 
weichen konsonanten geschehen ist, zeigen abg. ottct ans 
*ot1kÜ, otXcerm aus *otlk6nit, ot1c§ aus *oUk6ns, Die oben 
genannten formen gingen hiernach über in *v'l§l *vl§e, ^vXSego 
*vlseje, *v1§emu *vl§eß, ^vlSemT, *vlSejq, *iil§e und diese 
stimmen genau mit den formen überein, auf welche die slavi- 
vischen einzelsprachen schliessen lassen. Hiemach ist die 
anscheinend so unregelmässige flexion von abg. ffUH nichts 



tn^Tieen« HU» 



miL 



ft^nderes als die yoUständig lautgesetzlich eDtwickelte flexion 
■es o-stamms vw6-. 

Weitere sichere beispiele für den Übergang eines vor- 
'tt^onigen ch nach palatalen vokalen in s sind mir nicht bekannt 
"^^alirsch einlieh gehört hierher abg. uasnimdi se neben smecliUj 
^och fehlt das wort im Westslavischen ^ so dass das I nicht 
mnit Sicherheit festgestellt werden kann. Dach genügt üM 
vollständig, um dies gesetz sicher zn stellen. 



2. Cech. krhetj poln. grdnet* 
Für das urslav. *chrihjtn bieten das Öechische und 
I*oh)ische formen, welche scheinbar auf ein urslav. "^grjhltu 
zurückgehen, nämlich c. hrbet p. grgbleL Da aber ein "^^grXlMU 
Sonst nicht nachzuweisen ist, das polab. grihjat gribai I, P. 
B^ibjät S, ist trot^ der konstanten Schreibung mit g doch ein 
^n unsicherer zeuge, niuss der versuch gemacht werden, ob 
nicht besondere bedingungen in diesem wort vorhanden sind, 
Welche den Übergang des ui^lav. c/t in c. h p, g veranlasst 
haben können. 

Was musste aus urslav. ^chMitü im Öecluschen und 

Polnischen lantgesetzlich werden? Zunächst c. ehrhet p, 

^chrrhipf, Da nun aber in beiden sprachen das allgemeine 

gesetz gilt, dass stimmlose konsonanten vor stimmhaften 

stitnmbaft werden, musste dies vor dem stimmhaften rb auch 

dem stimmlosen fh widerfahren: es entstand also c, *yrbet 

p. *fr£bieL Im Cechischen, wo das nrslav. g durch die mittel- 

Rlafe y zu h geworden ist, machte dies aus eh entstandene y 

im letztern lautwandel mit: aus *frhet wurde hrbet. Dem 

Polnischen ist y ein fremder laut. Dass dies jedoch immer 

5?f» gewesen ist, ist mir fraglich. 

Wie nämlich aus dem vergleich des Slovinzischen und 
Kabatkisi?Jien Pommerns mit den kaschubischen mundarten 
Westpreussens hervorgeht, hat das g deutscher lehn Wörter 
hier ursprünglich den lautwerth eiues spirantischen y gehabt 
wid ist erst später zum verschlusslaut geworden z. b. slovinz* 
kabatk, morx kasch. Eam. morg, slovinz, kabatk. vauyä kasch, 
*^%a, slovinz, kabatk, reyä kasch. Heist. rega. Das ursprttng- 
Eck y hat noch deutliche spuren hinterlassen in dem gen* 
I*Itir, Heist. rty^ (vgL slovinz. r^j^) und dem nom. Heist. 
';; 'schürze' gen. ^^rtngiii/. Sonst ist es zu g geworden. 






268 



F. Lorenü, 



Dasselbe ist m. e. auch im Polnisclien vor sich gegangen 
Es fehlt allerdings j soweit ich sehe, sin spuren eines ehe- 
maligen y, da die lehnwörter wie morg waga vielleicht von 
aufang an den yerschlusslaut gehabt haben, da aber gerade 
in dem dem Polnischen benachbarten theil des Kaschnbischen 
der Übergang von y zn g un2weifelhaft nachzuweisen ist, värü 
man ihn auch für das Polnische voraussetzen und grzbiet als 
lautgesetzlichen nachkommen eines altern *yr^biet annehmen 
dürfen. 

Ich habe bisher die frage nach dem Vorhandensein eines 
urslav, f nicht berührt. Mikkola Betonung und Quantität in 
den westslavischen Sprachen I s, 28 f, meint , das v h der 
slovinziseh-kaschubischen genitivendnng der pronomina slovinz- 
'vä kasch. -w(B -ho und das t^ von slovinz* vurnpSdör aus 
einem urslav. y erklären zu können. Was zunächst i}mßip0döT 
betrifft j so ist dies augenscheinlich eine volksetymologische 
Umbildung des daneben vorkommenden gußsp&dör nach dem 
praefix vu^-^ wahrscheinlich unter beeinflussung des be- 
deutungsverwandten vH^wadör. Aber auch die genitivendung 
-vä -w€ß -ho kann nebst dem russ. -vo neben sonstigem -go 
nicht alö klassischer zeuge flir ein urslav. -go gelten. Denn 
es ist zu bedenken» einmalj dass dies -go seiner herkunft nach 
bisher vollständig dunkel ist, dass daneben also ganz gut ein 
urslav* -VQ vorhanden gewesen sein kann, und dann, dass die 
form -ho, auf die hier alles^ ankommt, nur aus dem in einer 
deu heutigen anforderungen nicht genügenden weise be- 
handelten dialekt der Zarne witzer Kämpe bekannt ist,*) 
Unter diesen umständen kann man hierauf die annähme eines 
urslav. y nicht gründen. 

Nun giebt es aber im Slovinzischen und Kabatkischen 
ein wort, welches für das Vorhandensein eines ui^slav, f 
spricht, nämlich slovinz. kabatk. parx gen, päryü neben abg. 
pragü p. prog. Da sonst der libergang von g zu y nicht zu 
konstatieren ißt (auch rg bleibt unverändert z. b. tUrk abg. I 
fmgrt)^ ist für dies wort vielleicht von einem urslav* *poryp 
auszugehen. So lange aber sonst das y hier nicht uachzn* 
weisen istj kann dies natürlich nicht für sicher gelten, 

i) Dieser dialekt bt bisher hauptsächlich nar durch die schrifteu CejniN 
was beltannt, denen raftii aber in lautUchen frag-eti kein unbedingtes ?vrtnui6ii 
schenken darf. Eben&o steht es mit Hilferding. 



3. Sloyinz, läbfic. 

In der bedeutun^ ^brechen' haben die slavischen spradien 
eine wurzel lern- : abg. lomiti p. iomi^ polab, Inmit kasch. 
Heist. läniic. Abweichend weist das Slovinzische daftir läfijic 
praes. J^^hjq auf Über den Ursprung dieses Wortes kann 
man in zweifei sein, es kann nämlich möglicherweise eine 
Umbildung von * lomiti nach dem bedeutungsverwandten räbßc 
praes. röubjtl %auen' sein. Andererseits findet aber ein slav* 
kb- eine ankniipfung in lat* lambef'at der Festusglosse tamberat. 
sdndit ac laniat. 

4. SloYinz. tpiei kasch, vjkt 

Das slovinz, }f)id kasch, kabatk. vpht *kelle' ist auf urslav. 
^luyütn ziirückzufiiliren. Dies gehört zu dem abg, Meiea 

Ausser der form lt}iet besitzt das Slovinzische noch Ifiet 
Und (tVjleL Beide sind entstanden ^ um die schwer sprech- 
bare gruppe Z5 i^* i* phonetisch Id'f) leichter zu machen. Die 
form d'l^ß^t ist auch noch dadurch interessant, weil es das 
Einzige wort des Slovinzischen ist, in dem das „weiche** t 
auftritt. 

5. Sloviüz, mS^s, 

Schon Hilferding hat in seinen ai-heiten über das Slovin- 
%ische darauf hingewiesen, dass hier neben den vollen praesens- 
formen der wurzel nwff- verkürzte stehen; nu/ neben moie, 
:^om6' neben pomoie, mo^ce neben moiece. Er nimmt offenbar 
msk^ dass die ersteren aus letzteren entstanden sind, eine an- 
%Lalime, der ich nicht folgen kann- 

An ^verkürzten" formen sind vorhanden: sing. 2 wt^jp, 

S. mö^, plur. 2. mötici, dual 2* 3. ^nö^tä. Die daneben 

«lebenden „voUen" formen lauten: mö^i^ mSi^M mömecä 

^mndi^etä^ Die übrigen formen sind nur in ihrer „vollen*^ 

Sestalt erhalten: sing* L r¥iUffg^f plm\ 1. moiilemäj^.nm^gö^f 



1) Der ns&alvokal in den von mir aufgezeichneten formen findet iieh 
nur im Klüc kener dialekt^ sonst ist äborall f>i^ lautgesetzlieh zu öi$ geworden. 
Hilf^gTdiiip formen wenleu demnach nicht aus dem Eluckener dialekt« der 
uierin au^enscheinLkh altertümlicher ist als aUe übrigen direkte, ge- 
***öHiien Bern. 

t^i*t\ätm mr TijfuL Spruch f. K. F. 3EVII. r lg 



270 F. Lorentz, 

Nicht allein die verkürzten, sondern auch die yoUen 
formen sind eigentümlich. Hier ist es der nasalvokal, welcher 
Schwierigkeiten macht, zumal da er sich nur in einem teil 
der formen findet. Ausserhalb des praesens sind dies noch 
das praet sing. mask. möjik und der endungslose imp. pn^mögs 
in der grussformel pu^möjii bSuk. Es sind dies dieselben 
formen, in denen das Easchubische geschlossenes o aufweist 
z. b. Heist. möees möee mök, während dem offenen o bzw. oe, ue 
desselben im Slovinzischen uff gegenübersteht 

Kann nun ein slovinz. öu aus älterem geschlossenen o 
entstanden sein? LautgesetzÜch jedenfalls nicht, denn es 
wäre absolut keine ratio für einen derartigen lautwandel auf- 
zufinden. Gleichwohl giebt es einige Wörter, welche zu den ent- 
sprechenden kaschubischen in demselben Verhältnis stehen wie 
slovinz. möjizis zu kasch. mdzes. Es sind dies slovinz. ^Ötid&i 
kasch. söden, slovinz. vöji kasch. Ö, slovinz. pö^ kasch. pöt, 
slovinz. zöjiö eöfß kasch. Bam. ^^äy ferner slovinz. pdji nö^ 
nöat zöji, wofür ich allerdings keine kaschubischen ent- 
sprechungen mit d nachweisen kann. In diesen Wörtern- 
scheint aber die neuerung auf selten des Kaschubischen zu^ 
liegen. 

Was zunächst zöjidm betriflPb, so ist hier der nasalvokaL 
von altersher berechtigt, da es zu abg. 2:§dati p. zqda6 gehörte 
und auch im Altpolnischen als zadny vorhanden war. Das 
heutige poln. zaden stammt aus dem Cechischen und ist als 
zoden (Ramult) auch ins Kaschubische gedrungen. Das kasch. 
zdden wird wohl am richtigsten als kompromissform von zoden 
und -\-zQden aufzufassen sein, wozu bemerkt sein mag, dass das 
kasch. g ein nasaliertes ^, aber kein nasaliertes o ist 

Die übrigen mit öji für ö auftretenden Wörter sind sämt- 
lich praepositionen : urslav. *o ^yodn *po *na *nadü *zay 
auch in zöfid steckt die praeposition za^ als urslav. ist *^a-6*l 
anzusetzen. Hier eine ganz unmotivierte nasalierung anzu- 
nehmen, sind wir nicht berechtigt, um so weniger als auch 
sonst im auslaut der praepositionen ein nasal eine ziemlich 
bedeutende rolle spielt. Ich will hier nur hinweisen auf die 
composita vokalisch anlautender verba z. b. urslav. *iti: kasch. 
viric, vMc, seile, prlnc, pr^rlc slovinz. nädeAc, pedeAc, ruffze^c, 
vetenc, vugheYWy vüinCy urslav. *^U *imaU slovinz. ve'dütc, 
päntmäc u. a. Hieraus geht hervor, dass das „bewegliche w" 



BlftTi^hß niiBcellen. 



271 



im Slovinzisclien und Kaschubisehen eine weit grössere ver- 
breitTiiig bekommen hat, als ihm "ursprünglich zukam. Dies 
bewegliche n ist m, e. auch die Ursache der nasalierten formen 
des Slovinzischen, indem es auch vor konsonantischem anlaut 
gebraucht wurde* Diese annähme findet eine gewisse be- 
stÄtignng dann, dass die nasalierten formen nur vor prono- 
minen erscheinen: auch bei vokalischem anlaut ist das beweg- 
liche n nur vor pronominen nachweisbar. Das im Kaschu- 
bischen dafür auftretende d wird ebenso wie das von ioden 
als kompromissbÜdung der nasalierten und nicht nasalierten 
formen zu erklären sein. 

Nicht anwendbar ist diese erklärung auf pSgi und nS0. 
Dass hier einmal ein *pöndn *namln vermittels des beweg- 
lichen n entstanden ist, ist nicht anzunehmen. Als proporüa- 
iiale ueubildungen nach dem Verhältnis von pu& : pöu^ nä : 
«% sind sie dagegen leicht verständlich, das? kasch, pot ist 
ährigens vielleicht eine direkte fortsetzung des urslav. *podtl.^) 

Kehren wir jetzt zu mS^J^s u, s. w, zurück. Da die 
sonst für geschlossenes o auftretenden öii ohne die zuhlüfe- 
aahme einer slovinzischen nasalierung zu erklären sind, wird 
ttian auch hier a priori annehmen müssen, das der nasalvokal 
schon voiislovinzisch ist. Wir kämen demnach auf ein urslav. 
%qiesit das allerdings sonst im Slawischen nicht nachweisbar 
bt Wohl aber ausserhalb des Slavischen, nämlich in dem ai. 
^ate^ der mit nasalintix gebihleten thematischen praesens- 
ferm der wz. nwgk'. Auch sonst ist unsere wurzel mit 
liiÄaliiiflx vorhanden : got. manaßR abg. mnnö0. Ich glaube 
äemaach, dass wir dies auch unbedenklich zur erklärung des 
^lo\inz. mötie^s u. s, w* in anspnich nehmen dürfen, wenn 
ittch das Slavische ausser mtinogU nichts vergleichbares bietet* 

Jetzt ist aber auch die erklärung von m80 u. a. w, nicht 
löekr schwierig. Nach allgemeiner annähme hatten die mit 
rfnem nasaUnßx gebildeten praesentia ursprünglich eine athe- 
mitische flexion. Die den „verkürzten" formen des Sloviu- 
sachen entsprechenden gmndsprachlichen sind demnach an- 

') Wenn man ein urslav. *pmidH *nandü an^etecn dürfte , m wäre viel- 

wiciit mch p. mkdzy Elovinz. mjizd aus merlji zu ©rklMren. Ea müs&te dann 

•Wwani©!! werden, dais */?«//« *n^ü achon im ürelmschen neben *pödü 

"•• g«lrolen sind und dass hiema^^h auch m *meAji (ap, mied^ C. mm) 

. * *^l gtbUd^t wurde. 

18* 



272 



F, Lorenta, 




zusetzen; sing* 2. ^momigh-si 3. *monegh-t(i) plur* 2. *m(mgh'te 
duaL 2. *movgh4a, Dass die stammabstufting im Slavischen 
lange gebUeben ist, ist nicht anziinehmen, die ausgleicimng 
wird auaiog der von daml zu gunsteii der pluralformen 
erfolgt sein: wir erhalten demnach ^mot^gh-si *m<}vgh-f(i)^ 
oder nach Wirkung der in betracht kommenden slavischen 
lautgesetze *i«q^ *ma(tn) *mqte "^mqta. Diese formen ent- 
sprechen aber laut flir laut den slovinzischen. Ich kann mich 
deshalb nicht entsehliessen , diese dnrch eine sonst nirgends 
nachweisbare Verkürzung aus den längeren herzuleiten, und 
halte sie für die direkten nachkommen der gnindsprachlichen 
athematischen. 

Die Übrigen athematischen formen sind nicht erhalten, 
was auch wegen der ganz ungewöhnlichen gestalte die sie 
hätten annehmen müssen, nicht wunderbar ist,^) Hier werden 
nur die thematischen gebraucht. Von diesen wei^den aber 
die 1. sing, und 3. plur. nicht mit nasaünüx gebildet, sondern 
es sind einfache wurzelpraesensformeu : mu^gU müffgöQ. Wie 
diese sonderbare formenmischnng zu erklären ist» entgeht mir. 

Von den nichtpraesentischen formen haben wie schon 
gesagt mdiik und pH§mb%s den nasalvokal. Ich halte ihn 
bei beiden für un ursprünglich und glaube, dass er hier an 
die stelle eines geschlossenen o getreten ist. Denn ein solches 
scheint unserm verbum in bestimmten formen zuzukommen. 

Es besteht nämlich eine merkwürdige übereinstimninng 
in der praesensflexion unseres verbums zwischen dem Kaschu- 
bischen und Cechischen, welches ebenso wie das Easchubische 
als wurzelvokal offenes und geschlossenes o als solchen o und 
Ä aufweist: moJiu mohoii : müles mttie u, s* w. Wir werden 
demnach anzunehmen haben, dass im Westslavischen das o 
der 2. sing, bis 2. plur* gedehnt worden ist, dass also auch ftr 
das Sloviuzische hier formen mit geschlossenem o voraus- 
zusetzen sind* Zwar würde kasch. imi^s aus *mg^^ ebenso 
wie ioimi erklärt werden können, doch ist dies wegen des 
Cechischen nicht th unlieb, Waren nun solche formen auch 
im Slovinzischen vorhanden, so müssen diese durch die tbrmen 
mit nasalinfix verdrängt sein* Wie dem aber auch sein mag, 

1) TTrelBT, "^mqgnä, *mqgml^ *»n^f^iy *mqgvi würden im Slovinzischeii 
lintgeseftilicb ^mö^^em oder *mnpem *mf>^gmä *mf}jiSöti Mer *fn{tiö^ 
^mdf^ma ergeben habeo, deren erhaltEixg" wunderbarer wäre als ihr uutergaag'. 




vlaTisfne ims«; eilen. 



ich bepifige mich hier mit der feststellung, dass sich im 
praesens von sloyinz, nm^c formen folgender herkuiift findea: 

a) Tbenmtische praesensformen ohne besonderes stamm- 
WUüngssnfBs: mu^gq mußgö^. 

b) Thematische praesensformen mit nasalinfix: m5uB^ 
nhi}äm5uimn(i möuiecä m5uimiä möuietä^ 

c) Äthematische praesensformen mit nasalinfix : mög^ mö^ 
mij^ mStitä. 

6. Slovinz, vu0stöufn. 

Zn PH08tac and den übrigen kompositen von dac besitzt 
das Slovjmdsche neben dem dem p. östan§ entsprechenden 
üasalpraesens vu^stanq vuestöunq (es kommen beide ablauts- 
^tujen des wurzelvokals vor) folgende hildung: 

Sing, vH^dömn Tim, vKffstöufnS Dual, mestou^iä 
vk^stös vu^stäm vüffstätä 

im ff st ä mt^stö^ vü^stätä 

Die 3. plur. ist in dieser form nur bei den mehrsilbigen 
^^^mpositen vorhanden, bei den einsilbigen ist hier nur das 
^^alpraesens in gebrauch z. b, fstäM^ fstSui^lö^, 

Dies praesens kann nur als athematisches praesens urslav, 

»tmmi aulgefasst werden. Von einem j-praesens nrslav* "^stajq 

Btajest auszugehen^ verbietet das öu der 1. sing., plur. und 

^liaL, da nach ausweis von formen wie gü%dämä grawnä das 

^Us (ije kontrahierte a (heute au^ ti) erst entstanden ist, 

Nachdem das alte ä vor nasalen schon zu öu geworden war. 

^^'eifel können nur über die 3. plur. entstehen, ob hier von 

Einern urslav, *stq(tü) oder *stajq(tü) auszugehen ist, da 

beides slovinz. *stä^ ergeben hätte, und dieselbe form für 

d»s gleichflektierende mSum mäjd^ (enklitisch auch «lög) 

lautet. Doch ist ersteres das wahrscheinlichere, da sonst 

nath der analogie von gäMü aus "^t/adajqftn) ein *vmtS§ zu 

Ciiwarten wäre. 



Stolp in Pommern, 



F. Lorentz, 



274 



Paul Kretachmer, 



Zum lateinischen wandel von ov in m, 

Solmsen hat in dieser Zeitschrift 37, s. 1 ff. das 
von Thurneysen und Havet aufgestellte lautgesetz, wonach 
altes ov im Lateinischeu iu «u überging, dahin modifiziert, 
dass dieser wandel nur m silben vor dem ton erfolgt sei. 
In einer anmerkung weist er darauf hin, dass er iu diesem 
gedanken mit Hirt, Idg, Ablaut (Strassburg 1900) s. 17 zu- 
sammeogetroffeu sei. Beiden gelehrten ist entgangen, dass 
ich dieselbe ansieht bereits vor fünf Jahren in einer anzeige 
von Lindsays Latin Language^ Wochenschrift tiir klassische 
Philologie 1895 sp. 923 f*, veröffentlicht habe, und zwar (nach 
ablehnung der Thurneysenschen fassung des gesetzes wegen 
omSy bovis) mit denselben beweisstückeu : ovis: avülus, favea: 
faviBmü% foveo: favilla^ Favonim^ lavo nach Hv&muBj caviis 
neben cöits, cohum nach mverna, caväre% foveo: favm durch 
Spaltung eines verbums foveo: favhmis. Ich fügte Mnzu: I 
Jedoch bleiben auch bei dieser fassung der Thurneysenschen 
lautregel noch Schwierigkeiten, auf die ich hier nicht näher 
eingehen kaun.^ Ich dachte dabei namentlich an mvfis neben 
couSf xom, das in der that eine eniste Schwierigkeit für das 
von mir formulierte gesetz bildet. Dass cavos^ vavea sich nach 
dem gen, pL, der den ton auf der nichtersten sÜbe trug, 
und nach den ableitungeu caverna, eavAre gerichtet haben 
sollen, kann bedenklich erscheinen. Was Solmsen jetzt (oben 
s, 11) zur rechtferiigung dieser ausnähme sagt, lässt sich 
hören, wird aber vielleicht manchen noch nicht beruhigen. 
Ich möchte daher noch einen anderen gesichtspunkt geltend 
macheu. 

Aus port. covo 'hohr, cova *höhle*, span. cuepa, eovacha 
^höhle' folgt, dass im gesprochenen Latein mindestens bis in 
die zeit der beginnenden romanisierang Hispaniens, d. h, ca, 
200 V. Chr.j tovöSf cova neben (wie wir annehmen dürfen) 
cavär€j cavSrna bestand* G. Meyer, Alban. Wb. 203, hat 

1) Jordan, Tapo^rapMe der Stadt Eom I l, e. ^u anm. SS beetrtit<et 
diese ittiKammenstellung Fr^hdes (K, Z. 18, 100) aUerdixigs und siebt fävmme 
wegen des aiilatemiachen «nffiies mit rergleiehung von etr. tuantissa als 
etrtis1di«h an, 

*) caviUar mifiUor^ dfnn kh damals hinzufQgte, wird eher zu gr. x6ßala^ 
gehören. 



neu 



Hl von ov 



275 



ftii^^li alban. kooi 'stihapfgefass, eimer\ Schuchardt, Vok. d* 
^^^gärlat. I 178, auch ital, cova^ mvaccio^ covo^ covolo *hÖhle, 
^'ildJager' hierher gezogen; diese Wörter werden kaum vom 
^^^, substantivum couni ausgegangen sein, da dieses das v 
verloren hatte, erweisen dann also auch volksspracldiches 
<^oifus. Wir gemnnen damit das recht zu der Vermutung, 
dass die form mvus spezifisch litteratursprachlicb , dass die 
anffaUeode richtnug in der ausgleichung auf rechnung der 
litterarischen orthograplue oder Orthoepie zu setzen ist. In 
der natürlichen Sprachentwicklung wären die derivate cavare. 
CQvetvia im vokaüsmus an das Stammwort covos angeglichen 
worden* nicht umgekehrt dieses an jene. Aber in der litteratur- 
Sprache kann die uniformirung nach rein äusserlichen gesichts- 
punkten erfolgt sein: die hier massgebenden autoren sagten 
sich etwa, dass von den in der gesprochenen spräche wech- 
selnden formen ov und av, deren lautliche ratio sie kaum 
durchschauten, nur eine richtig sein küune, und wählten 
durchweg av, wie in caveo so auch in cavuSf eavea^). Dass 
äub der litteraturspi'ache caviis später auch in das gesprochene 
Latein überging (vgh itaL cavo 'hohr), ist nicht wunderbar. 
Adch die regelung foveo c* acc.: fumo c. dat entstammt 
vielleicht der litterarischen spräche, wie die von Büchelei- 
beigebrachten thatsachen (Rhein. Mus. 51, 32(3) vennuten 
lÄsien*) 

Thurneysen hat in dieser zeitschr. 28, s. 161 auch üöcerr^, 
**«^WTi^ u. s, w. aus vocarej vocim^ hergeleitet: ich meine, mit 
^*iclit; nur dass war auch hier die stelhmg vor dem ton und 
ä^Ufiaerdem das ä der folgenden silbe als bedingungen ftlr den 
öiölritt der entlabialisierung anzusehen haben. Wie Mommsen 
CH, I p, 71 betont hat, scheinen die inschriftlich vielfach 
'^^aeugten formen mit ö, vocare, vocuus, vomtiOf sowie das 
^i Plautus und Terenz überlieferte voclvos (belege bei Georges, 
L*öiHlat. Wortf, 717) älter als die formen mit a. vacuae bietet 
*^*r die Lex Ägraiia vom jähre 111 v* Chr. (Schneider n* 
^5, 28)j aber vocatio hat die Lex Acilia Bepetundarum vom 

^) Äuf der riberlicferim^r von cmmi bei Pkutus kanii nicht folgen, dasa 
***■' Äu meiner zeit iiicht mehr *cavea Epiach; denn die aiigefiihrt4jn 
^uianiiciieii formen t»ewekei dan gegenteil, 

'1 1^ xkbe es vor von Utioriitnrsprnche statt von ücbnfbprache tu 
^***<* mit Mübljck Äiif Tlmmeyaenü aaisiiüirungen K. Z. 30, ii. 49? ff* 



276 P<^ul KretBchmer, Zum lateinischen wandel von ou in av. 

jähre 12322 v. Chr. (Schneider n. 293, 77), wie die Lex 
Julia Municipalis vom jähre 45 v. Chr. (Schneider n. 312, 93. 
103). Auf ein Wortspiel zwischen vocare leer sein' und vocare 
'rufen' bei Plautus Cas. 527 weist Lindsay, Lat Spr. 8. 19, 
hin. Thumeysens etymologie, vocare eig. ,, willig sein, räum 
geben, räum haben, leer sein^ mit ablaut zu ftxdy 'willig*, 
skr. vag- 'wollen', ist freilich nicht sehr überzeugend, aber 
die herleitung von mc- aus voc- erscheint schon deshalb 
unvermeidlich, weil die umgekehrte annähme, dass vac-^ etwa 
in der silbe vor dem ton, zu voc- labialisiert worden sei, 
ausgeschlossen ist; denn es bliebe bei ihr unbegreiflielii 
warum sich in ganz gleichartigen fällen wie valere, vagari, 
vaciüare keine nebenformen mit o finden. Ich nehme also 
an, dass lautgesetzlich einerseits vaco, vocas, vocat, vocant^ 
voctios, vocivos, andererseits vcicdmiis, vacdtis, vacare^ vacäbam 
u. s. w., vacätio waren. Die Schriftsprache hatte bereits im 
II. Jahrhundert diese beiden formengruppen durcheinander 
geworfen und brauchte sowohl vocäiio wie väcuiM. Die 
litteratursprache ftthrte voc- überall durdi, um das wort von 
vocare 'rufen' zu diflFerenzieren. In volare, vordre^ wo ein 
solcher grund fehlte, siegte das o. Die Umgangssprache be- 
wahrte in dem aus ital. vxioto „leer'' zu erschliessenden 
*vocitii8, — Wegen umbr. vakaze, vacose und vag et um, 
vasetom müssen wir dieselbe enüabialisierung auch dem Unu 
brischen zuschreiben. 

Wien, Dezember 1900. Paul Kretschmer. 



1 11 h tt i l 



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Im \ h f:. Ili«il4'|^ii«t4iiii ui (JH(|tf%tii|| « 

ni\ U. Hinwarft 

du* dmiHvlip' ^HtiiHiulidii 

Kleinasiatisclien GalaterJ 









Die Christenverfolgurigen der Cäsaren 

Ins zniii ;i Jahrlmndrrt 

l^'»'" ■-!€!* V,**l Ml *-'■ '■■ 



Ott0 MfirriiiisiiowitK I» l^elitKln« 

SpedaitßHiiUuimfi^iHff für UmjiiisHA'. 

ÜiMM« llst)fliid«tj(i!rii mit tli^tf 4^f«f«4t* tt»m,»*\^i*r^ il«i«i!Mi|» Cnlftllft» EttJni 



Mi-nr^t»- fi-WUltVl*** ^nti»r «^ Wi»rk-M 



*-|imf'^*«ll«w|^ 



Ankauf yanzer Bibliotheken 



Anlautstudien. 



In den indogermanischen sprachen zeigen sehr Tiele 
wortformen^ an deren Zusammengehörigkeit gestalt und be- 
deatung nicht zweifeln lassen, die wurzel bald mit an- 
lautendem $, bald ohne solches; man pflegt daher von einem 
„beweglichen s** zu sprechen. Wohl alle benrteüer sind 
darin einig, dass diese doppelheit im prinzip bereits der indo- 



Litteratur. A, Pott. Etymologische Forschungen II' 293 ff,; 

0. Cur t ins, Gnmdzüge ^ 69B fi. SIC; K. Brag^mann, Grandri&a d«r 
¥gL Gramm. 1' 725 tt; M « ringe r, Beiträge zur Getchichte der lüg. 
D^kÜDAtioii, 8it2iiiigsbenchte der k, Akad. der Wissensch, in Wien, phil.- 
Wstör Klasse Bd. CXXV. II, i. 26 E; Wackernagel. J,, Altiodkche 
Giamiaatik I, 264 ff. und pMsim; Bartholomae, Grnndriss der iranischen 
Fliilokgie I, ^; derselbe, Studien z. idg. gprachgesch. 11 ; derselbe , 
Ansehe Forsch osgen UI, 36; deraelbe, Bez^enberger» Beitr. X^ 290; 
derB^tbe, Knhns Zeitechr XXVII, 196. 368, anm. 1, V. Henry, Prdcis de 
gnunm&ire etc. 9. 77; Job. Schmidt^ Zur Gesch. d. indogerm, Vokalismui 

1, 97. ü, 339; der&elbe, Kulms Zeit&chr. XXVII, 333; t. Fierlinger, 
Kulms ZeitBcbr XXVII, 196, anra. 1^ v. Sabler, Kuhns Zeitachr. XXXI, 280; 
Bloom field, American Journal of PhUolagy XVI, 411; King aud Cook- 
»OD, The piinciples of soond IS^I, s. 162. 201; A. Noreen, Abrisa der 
argenn, Lantlebre a. 186, &. 201 ff.; Pb. Colinet, Essai lur la formatioD 
de <|iielquea groupes de racineif indoeurop^eunes Lonvam 1892; Schrijnen, 
Jo«., itade 9ur le phdnooi^ne de Ps mobile dana lei langnes clasiiques etc. 
PiMu inaog. LouTftin 1891; Osthoff, H., Morphologiische Untersuchungen 
WW^SSB; derselbe, Gesck des Perfekts s. 219; K. Brugmaun, Griechische 
Giaiiimatik '§ 59| a. 44; Gustav Meyer, Grieehiäche Grammatik > s. 246 fr; 
Sfttiorliti, lodogerm.' Forschungen IV, 101 ff.; Weise, Beti. Beiti'üge Vt, 
I0bfi.i F. Kluge, Euhni Zeitachr. XXYI, 89; derselbe» Etymologisches 
Wörtffburh, passtm; Hjalmar Falk, Paul mid Braunes Beitr. XXV, 12 E; 
K. F. Johansion, ebenda XIV. 269 ff.; derselbe, Kuhnfi Zeitschr. XXX, 
42S ff; derselbe, Indog. ForvchungeD 111,218; Laistner, Über den Butzeu- 

Zeitsdlr. fUr dentschea Altert. XXXII, 174(1.; W. Scherer. Pflegen, 
dft XXH, 322; R Persüon, Zur Lehre von der Wurzelerweitening, 
derselbe. Kuhns Zeitschr. XXXHl, 285 f., 289 fl.; Zupitza, E., 
PU germanischen Gutturale, Berlin 1S96, p«s&im; Hellkrist, Arkiv f. nord. 
iL m, 4^ 7. 30; Brate, Bez^enb. Beitr. XHI, 50 ff.} Lidän, Faul und 
Bmasu^ Beitr. XV, 516. 521; Kretsebmer, Kuhns Zeitechr. XXXI. 419. 
4Sfl; A. Kock, Kubus Zeitschn XXXI V, 581; S. Bugge, Nyare bidr. t 
klBDiKL om de svenska landsm&lon IV, 72 Ej W. Wilmanna, Deutsche 
Ofsmsiatik l ' 125 

£«|la«larm tüM T«rBl. tjptmcbf. N. F. XVII. S. 19 



278 



Theodor Slflii« 



germanischen Ursprache zuzuweisen sei uud sich nicht erst 
getrennt in den einzelnen spracUzweigen ausgebildet habe* 
Sie gilt als erwiesen bei anlautendem idg* u (w), r, l, m, n, 
sowie vor deu tenues bezw, teoues aspiratae. Daraus er- 
geben sich doppelformen mit anhiutendem ind* m und % 
BT und r u. s. w., und diese spiegeln sich in den einzelnen 
sprachzweigen folgendermassen wieder: 
idg. SU aind. sv^ irau, Jm {af bezw. f), arm. k% griech, / 
bezw* Spiritus asper (unsicher ist anl a; vor nach- 
folgender aspirata erscheint anstatt des Spiritus asper 
der Spiritus leuis ^% alban. Vf ital. sv (vor ä g T, oskisch 
auch vor s?; lat m^ vor konsonant wird so^ auch umbr, ; 
lat, suo wird so; lat. suu wii*d i'it?), kelt sv (ir. s 
gaJl. SV kymr. chw)^ germ. ^ lit, sv (bezw. s)^ slaw. sv 
(bezw, s): idg. y aiud. i?^ avest ?;, apers* v, armen, g 
(aus ^; auch t^^ ä)j griech, / bezw* schwund, alban. r, 
ital, f^ (aber vor ur^ r, i seh wund), kelL v (gall.-britann, v, 
späteres britt. gU' ?'^i altir. /), germ. w (it), lit. v (im 
lit. und lett. vor ü schwund), slaw, v- Beispiele für 
diese doppelheit sind selten uud begreiflicherweise, wie 
auch in den später zu erwähnenden parallelßLllen, immer 
nur durch einzelne sprachzweige zu belegen, z. b. m in 
ahd. mveibon, an. mifa: u in ahd, weibon „schwajiken*^. 
aind, v^atB^ lat. vihrare. Auch sind die scheinbar hieher- 
gehörigen fälle mit vorsieht aufzunehmen, da mo ebenfalls 
auf labialisierten guttural zurückweisen kann, z, b. ahd, 
stverban „Iiiu und her fahren*^: ahd, hwef'ban goL hvairban 
„sich wenden" j idg, wurzel *§**erp {xagniki^o^); wiU 
man ahd» werban nicht durch vertust des anlaut* h er- 
klären, sondern als alte parallelforni auffassen > so niiiss 
mau es als eine aus siverban abstrahierte jüngere ^lose 
form erklären, vgl. unten s, 288 u. 315 ff. 
idg. ST aind. sr (sl), iran. Ar, das zu r mrd, bezw, ^\ sr, 
armen, f (?), giuech. ^, urital, /»r (das zu fr wird), kelt. 
sf'j germ, str^ lit, sr (dialektisch sfr), slaw, str: idg. r 
aind* r^ If Iran, r, armen, r, giiech. (!, alban, r, itaJ. r, 
kelt. Vj germ. r, lit. r, slaw, r. Z, b. idg, ^srlgos^ griech* 
^fyos, neuslow, 6^& „frost", lat, frigus^ lit. stregiu stregti 
„erstarren, zu eis frieren**: lat rigea „starren**; ähnlich 
wohl idg, *sMß in ahd, strfcken^ ae. stre^t^ean ans "^s^trakjan 



ilautstudien. 



279 



(vgl. litp pri-^reigü? Zup. 168); idg, *reg in lat rego 
(griecli* opfVw?), göt. -rakjan „recken" u. a. m, 

^S- sL aind. sTj sl, iran, /rr, das zu r wird» bezw. &r, sr^ 
armen, l, griech. i, alban. l^ urital. sl (wird lat. I), kelt. 
8lf gfirm. s/, Mt. si, slaw. s^: idg. i, aind. r, i, Iran, r, 
arm. l^ griech. i, alban. l (V)^ ital. ^ keltt ^j germ, l, 
Jit. Z, slaw. L Z* b, aind. r^ftwi, Uhmij armen, Iwum, 
lit ie^iM, slaw. liiq^ lat li??//^, air, ligim, got. 4aigoH 
vgl. ahd_ ?€t'fcöw ae* fifre^i^H (hierzn oder zum folgenden 
griech, Xai/m Xi/veim „belecken*^, U/mg „lecker, nasch- 
haft '^): an. sleikja flecken ^, mhd, siechen „schlecken, 
naschen". Auch hier muls man sich hüten, falle des 
nebeneinander von l: sl zn vermischen mit parallelfonnen, 
die idg, kl neben d (aus skl) und eventuell auch l zeigen : 
so ist lat. hevus^ griech. kaioQ direkt mit ahd. sleo anord. 
sljor slfir zu vergleichen und auf *slmuo- tUr ^s-klaiuo- 
zurückzuführen^ und hieizu ist die alte s-lose parallelform 
^klmuOj vgl, air, d^^ kymr. eledd „link", got hleiduma 
„öfiffiTf^oc"; abg. leüE „liuk" widerspricht dem nicht, da 
es eine speziell im Slavischen entwickelte ^f-lose neben- 
form mi ^devs sein kann (anders .Johansson, Paul und 
Braune's Beitr, XIV, 301), vgl. unten s. 300. 

P^g^, snij aind, s»*, avest, »», apers, km, armen, m, griech. tr^t 
hexw. /(, alban. »», ital. sm (wird lat, m), kelt, sm^ germ. 
sn^ lit. sm^ slav. sm: idg. m, aind, rn, iran, m, armen. 
m, griecb, ju (/« vor ^, A wird zu ß)^ alban, m, ital m 
{mr wird zu /r), kelt. m (im jüngeren ir,, gaU^ britt, 
wird mty ml zu hr, hl), gernu ^n (wir wird br\ lit. m, 
slaw. m. Beispiele sind nicht selten; aind, mrdii^ „weich", 
griech. ßlada^og locker {^mhdsiros)^ vgl, fiiX^itv „schmelzen" 
{ifjiaXdvpa})^ lat, moUis aus ^molduis^ ae, meltan^ vgl, got. 
gamaüeins „auflösung" : idg. *s^neld in ahd. smelzmt 
iBtrans* sm^hen trans. (aus ^smaltjan)^ vgl. auch schwed, 
diaL smuUer „erdbeere" (gegenüber mnlter ^reife molte- 
l)eere") Noreen, Abriss s. 207, 
^dg.^^i^ aind, m, iran. sn, armen. ?i, griech, f, alban. n, 
iiaL sn (wird lat. ii), kelt. sfi, germ. sw, lit ^ij slaw. mr. 
idg. H, aind. w, iran. ?«, arm, «, griech. i' {v vor ^ wird 



2U iJ), ital. 11, kelt. n^ germ. 



Ut. 



slaw n. Z. b. lit. 



«ti$|Kis, ahd. snaiiil „Schnabel", ndL mieb^ afrs< miahha 



1%^ 



280 



Thecrdot 8iebi, 



„mimd'': wanger. saterL nib^ nordfrs« neh (das awfrs. 
miavel ist wohl ndl lehnwort), ae. neh(b). Auch bei 
beurteilung der hiehergehörigen fälle ist vorsieht geboten, 
insofern idg* sn aus älterem s + guttural + n entstanden 
sein kann; so kann ahd, nagan sehr wohl eine neubüdung 
nach *snagan sein, das aus älterem ^sknagh (für ^s-ghnagh) 
entwickelt ist, vgl unten s, 296, 300, 320* 

idg. sp^ aind. sp, iran. sp^ arm, p\ griech. ajr, alban. p^ 
ital* sp, altir, s tritt f^ genn. sp^ lit sp^ slaw* sp: idg, p, 
aind. |?, iran. j?, armen, h bezw, Schwund, griech, ?r, 
alban, j?, ital. j?, kelt, Schwund, germ. f, lit. j?, slaw. p* 
Beispiele sind sehr zahlreich; aind. spaS- „späher", avest. 
spasy^ti „sieht", lat. speeio u. s, w-, ahd. spelion (vgl, 
as. i^a/ti ^Idug, spähe adj.*^, griech. ü^imn^m „ich spähe^ 
(fnonico „ich betrachte" (axf^r tfjfon aus ffTTfx ff Trox), [alban. 
jjßtöf „ich sah'* kann auf sp oder p des anlauts zurück- 
weisen]: aind, pä§gati „sieht", avest» pa^tmn „augenlid", 
abg. pctziti (media statt tenuis im wurzelauslaut) „acht- 
geben" Brugmann Grundriss I* 725. Ähnlich liegt die 
Sache bei der tenuis aspirata, für die leider im 
Armenischen und Älbanesischen beispiele fehlen; im Kel- 
tischen, Germanischen, Litauischen und Slawischen ist sie 
völlig mit der tenuis zusammen gefallen. Idg. sph^ 
aind. spk^ uriran. sp, urgriech. *tä' (d, h. a^, ^bezw; an\ 
urital. spf air. s britt f^ germ. lit. slaw. sp: idg. ph^ 
aind. ph, uriran. f, nrgriech. n {tp, bezw. ?f), ital. f (lat 
vereinzelte dialektische nebenformen mit fe?), kelt. seh wund, 
germ. f^ lit. slaw. j?, z. b. ai, pkenas „schäum"^ abg. petui 
(ahd, feim^ ae. fäm^ afrs. ^fäm vgl. ßni Sylt; lat pumex?): 
lit. späin^ „das schäumen des meeres in streifen" (lat. 
spwtm), vgl unten s, 295. 

idg. st^ aind, st^ iran. 5^, armen, st^ griech. «rr, alban. Ä^, 
ital. st {stl wird lat. teils sei, teils über si zu l), urkelt. 
teils st (wird air. s) teils ^, germ, rf, lit. rt, slaw. sf: 
idg. t, aind. ^, iran. t^ armen, t bezw, f, griech, t» 
alban. ^, ital. t {tl mrd lat* Q, kelt. t, germ. ^ (neben pl 
auch ^, lit. ^, slaw. t Z. h. griech, rav^oq, gall. tarvos, 
an. ^ioVr „stier", preuss, fawri^ „wisent", abg. fürs aner- 
ochs, vgl. aind- tümras „strotzend": avest. staora „EUg- 
vieli", ahd, stior ae. ^(eor „stier". Ähnlich ist es mit 



Uftutstadien. 



281 



4 



der tenuis aspirata, flir die im Armemschen und 
Albanesischen die beispiele fehlen, während sie im Kel- 
tischen, Germanischen, Litauischen und Slawischen mit 
der tennis znsammengefallen ist. Idg. sth^ aind« sth^ 
ariran. st^ f riech, (tt' (wohl eigentlich nS-^ z. b. a^dvng? 
dann ot), ital. st^ kelt, st (= air* s) bezw* t, germ* lit 
slaw. $t: idg* th, aind. th^ nriran. i'?^, urgriech. t (später 
^ bezw* r, bei folgender aspiration), nritaL p (wird lat. f)^ 
kelt, t, germ. />, lit slaw, t In vielen fällen ist nicht 
sicher, ob die tenuis aspirata ursprünglich war, oder ob 
sie erst im Aind. gesondert entwickelt ist, z. b. aind. 
stlm- „stehen" gegenüber griech, arä; vgL auch aind. 
$ttiagana-m „verbergen" gegenüber griech, ctt^Vo^ „dach" 
(lit. stogas „dach", abg: ostegs „toga"): lat. tego^ an. pdk^ 
ahd. dah Das einzige griech. q& in adevog macht gegen- 
über den sonst erscheinenden trr keinen ursprünglichen 
dndrnck und ist somit schwerlich mit aind* sthäman- 
ztL vergleichen, sondern vielleicht als junge griech. neu- 

bildung mit a zu d^fv- in evld^cvsm evl&^v^g (vgl. &ffvo^) 
anzusehen, oder es hat mindestens das ad^ statt irr in 
anlehuung an diese ^*y- formen eingeführt, wozu etwa 
bildungen wie aadivi^g (statt *ce>Tei')7??) nach €v;&€v4q 
anlass geben mochten. Wahrscheinlich sind zahlreiche 
fäUe, in denen die tenuis aspii^ata eine altindische neue- 
rang ist, von denjenigen zu scheiden, in denen sie bereits 
als uridg. betrachtet werden muss; zu den letzteren sind 
die zu rechnen, in denen idg. s -\- tenuis aspirata aus 
älterem & 4- media aspirata entwickelt zu sein scheint 
und daher eine 5-lose parallele form mit anlautender idg, 
media aspirata zeigte vgL unten s, 294 ff, 
S. sk, aind. ch^ Iran« s^ armen, g (?), griech. ax, alban. /i, 
itaL s€^ kelt. $k, germ. sä, lit, ss, slaw. s: idg. ^ in 
aind, I, avest s altpers. & bezw* 5, arm. s^ griech. x 
(bes^. TT aus ^), alban. s bezw. ^, lat e, kelt. c, germ. 
fi, lit. $^J slaw. s. Z. b. nnd. schuß schucht ^Widerrist", 
nhd. schliß Deutsches Wörterb. IX, 1837, ndl. schoß 
mhocht flSchulter": aind* Supti- „Schulter", alban. mp 
ftSchulter** (hiezu auch wohl avest, eaptUy Ähnlich ist 
m mit der tenuis aspirata, von der allerdings aus 
dem Albanesischen keine beispiele vorliegen ; im Keltischen^ 



282 Theodor Siebs, 

Germanischen, Litauischen und Slawischen ist sie mit der 
tenuis yöUig zusammengefallen. Idg. sichj aind. ch, 
iran. «, arm. c bezw. sx?, griech. ax^ (später ax^ bezw. ax 
besonders bei einfluss benachbarter aspiraten?), ital. scj 
kelt. skj germ. sk, lit. sZj slaw. s: lAg. Jch^ aind. S^ iran. 
s^ urgriech. x' (wird x\ ^ unter einfluss benachbarter 
aspiraten), urital. x (^^ Lateinischen erscheint es in den 
meisten fällen als /, vor r und l aber als g; vor vokalen 
ist bereits im Uritalischen das / zu A geworden, das im 
Lateinischen oft verloren gegangen ist), kelt. c, germ. A, 
lit. sz, slaw. 8. — Über sU sJchl, shi sJchn vgl. unten s. 296 flf. 
idg. sq, aind. sk bezw. fc, iran. sk bezw. avest. sö^ apers. sdy 
armen, x oder s (?), alban. /i, lit. ^äp, abg. «äc (abg. St 
vor Palatalen vokalen; abg. st vor e); ohne labialisiemng 
in den centum-sprachen, also griech. ax, ital. ^, kelt. sk^ 
germ. ^äc: idg. g, aind. k bezw. ^ (vor ursprünglichen 
Palatalen vokalen), iran. k (vor konsonanten x) bezw. ^ 
(vor ursprünglichen palatalen ; vor i entsteht S)^ armen, k 
bezw. d (vor ursprünglichen palatalen vokalen oder i), 
alban. /f (bezw. k' vor ursprünglichen palatalen vokalen), 
lit. Ä, abg. Ä (abg. ö vor palatalen vokalen; c vor e; 
man beachte auch östl.-südl.-slav. cv aus At; vor palatalen 
vokalen); ohne labialisiemng, in den centum-sprachen, 
griech. x, ital. c {v aus qu), kelt. c, germ. h. Beispiele 
sind sehr zahlreich, z. b. idg. *8qeu u. s. w. in aind. 
skunäti „bedeckf*, griech. axvroQ „haut, leder", axvXov^ 
lat. scütum obscürus, germ. in as. ahd. skwr „Schutzdach*^, 
frs. skul „schütz, versteck^ ndd. schüly an. skiol „obdach^ 
skauder plur. „scheide" (vgl. mhd. schote „schote*', vgl.? 
nordfiies. socuas sxiues „scheide**, Amrum-Föhr, Pauls Grdr. 
I^ 1216) skaunn „Schild", got. skaudaraip „lederriemen**, 
ahd. skura skiura „scheuer" u. s. w., lett. skaujti skawu 
skaut „umarmen** (iterat. skawet): aind. kuhdkor „be- 
trüger**, avest. ocao6o (freilich k zu erwarten) „heün**, 
vgl. Zupitza s. 127, griech. xvjoq xbv^j lat cuHsj air. 
cuil (kymr. ysffil, eil) „versteck**, ebenda s. 153, Igrmr. 
aiddio „verbergen**, Ut. kiaütas „hülse**, germ. in an. hud 
ae. hydy afrs. hed ahd. hüt haut; weiterhin got hued^ 
lat ciistosy griech. xia&og und ae. hydan, ne. to hide, afirs. 
Äerfa, nordfrs. hyts Sylt aus ^hüzdjan ? u. a. m. — Ähnlich 



AniiutBtiidien. 



283 



es mit der tenuis aspirata, die freilich für da^s 
Albariesische nicht bezeugt ist; im Keltischen, Germa- 
nischem, Litauischeii und Slawischen ist sie völlig mit 
der tenuis zusammengefallen. Idg. sqh^ aind. skh^ iran. 
sk^ bezw, sd (mit palataüsiening), armen, sx^ lit sk, abg, 
sk (st vor Palatalen vokalen, st vor jüngerem e); ohne 
labialisieruug, in den centum-sprachen, giiech, an (später 
cTjf, bezw, Qx), ItaL sc^ kelt. sk^ germ, sk: idg, qh, aind, 
kh^ iran, x bezw- ^ (bei palatalisierung), armen, x; ohne 
labialisieriing, in den centum-sprachen, giiech. x* (später x^ 
bezw. X unter einüuss benachbarter aspiraten), uiital. x 
(im Lateinischen erscheint es in den meisten fällen als f, 
vor r nnd l aber als g; vor vokalen ist es schon uritaL 
zü h geworden, das im Lateinischen vielfach geschwunden 
ist), kelt. c, germ* K So wahrscheinlich mit tenuis aspi- 
rata, wegen des aind,, an. skakkr „hinkend^ [vgL auch 
J^8chtmkeln^^ das sich zu j^hinken^ etwa verhalten könnte 
wie das gleichbedeutende ^schumjwln^^ zu Jinmpeln*^ ; 
„sehumpeln" bedeutet sowohl „schaukeln*^ als auch „die 
Asse nachschleppen, lahmen**, vgl Deutsches Wörterb. 
IX, 1999. 2004], griech. a^a^oj „hinken" (aus *sqhngi6?): 
aind. khanjaü ^Idnkt", ahd. hinkan (zweifelhaft ist mir 
lit. kengras „mager" in dieser Verbindung, vgl. Zupitza 
s, 23); entfernter stehen, mit anderer Stammbildung 
griech, axa^ßvg „knunmbeimg" üxiptßüq, „Mnkend** ava^- 
ß^m ,, hinken^, deutsch schumpeln sckampebi: xijm/5?«?üj 
„zaudern**, deutsch humpeln hampeln u, s. w. — Über 
sql sqhl, sqm^ sqn sqhn vgl. unten s, 290 ff. 
* d g, s^ ist in den satem-sprachen, ohne labiaiisierung, völlig 
mit sq smsammengefallen, also aind. sk bezw- h (vor 
Palatalen vokalen), avest. sk bezw. sä^ apers, sk bezw, sä^ 
arm* x (oder s?)^ alban. /i, lit. sk, urslaw. sk bezw, sts* 
(vor Palatalen vokalen; ergiebt abg, M) bezw. sts (vor 
jflngerem e; ergiebt abg, sQ- mit labialisiernng, in den 
centum-sprachen, griech. an (vor nicht palatalen vokalen, 
ausser ii) tri (vor palatalen vokalen; aber im Äolischen 
auch hier cn) ex (vor u) bezw* schwund vor konsonanten 
(sieh unten s^l sq*in u* s. w.)^ itah vermutlich sqti (unibr, 
oskisch sp; lat, sco aus squa^ sc vor r) bezw. sm (statt 
squu) oder schwund (vor konsonanten ausser r, vgl 



284 Theodor fittebi, 

unten), air. sc kymr. chw körn, wh (aas su) [vor kon- 
sonanten vielleicht « aus ^ vgl. nntenj, germ. vielleicht 
vor vokalen sw und vor konsonanten s (vgl. unten): 
idg. g*"; es ist in den satem-sprachen völlig mit q 
zusammengefallen, also aind. k bezw. c (palatalisiert), 
iran. k bezw. ä (palatalisiert) , armen, k bezw. if (pala- 
talisiert), alban. k bezw. k' (palatalisiert), lit. k^ abg. k 
{d vor Palatalen vokalen, c vor e; cv aus kv vor palatalen 
vokalen in der sfidlich-ösüichen gruppe); mit labialisienmg, 
in den centum-sprachen, griech. n (vor nicht palatalen 
vokalen ausser u; vor konsonanten; vor griech. i) bezw. r 
(vor palatalen vokalen; aber im Äolischen auch hier n) 
bezw. k (vor u), ital. qu (osk.-umbr. p; lat. c in co aus 
que vor l c qu m oder aus qtw) bezw. c (vor konsonanten 
oder u)j air. c britt.-gall. p, germ. xUr = kw bezw. ;t = ^ 
vor ft und vor idg. ö. — Ähnlich liegt die sache bei der 
tenuis aspirata, die freilich für das Albanesisdie 
sich nicht erschliessen lässt; im Keltischen, Germanischen, 
Litauischen und Slawischen ist sie völlig mit der tenuis 
zusammengefallen. Man hätte also anzunehmen idg. sq^h 
aind. ekh^ iran. sk bezw. sd (palatalisiert), armen, sx^ lit. 
sk, abg. sk (st vor palatalen vokalen, st vor jüngerem e); 
mit labialisierung, in den centum-sprachen, griech. an 
(später a<p bezw. an\ vor nicht palatalen vokalen ausser u; 
vor urgriech. *) bezw. ar (später aS bezw. ar; vor 
palatalen vokalen; aber auch hier im Äolischen aq> an) 
bezw. OK (später ax bezw. ax; vor u) und wahrscheinlich 
Schwund vor konsonanten vgl. unten, ital. vermutlich squ 
(umbr. osk. sp; lat sco aus squo, sc vor r) bezw. sc (vor u) 
bezw. Schwund vor konsonanten (ausser r), vgl. unten 
s. 285, air. sc kymr. cAu; (aus su) bezw. vor konsonanten 
s, germ. vielleicht vor vokalen sw und vor konsonanten $: 
idg. q^'h, aind. ä(%, iran. x bezw. ^ (palatalisiert), arm. x\ 
mit labialisierung, in den centum-sprachen, griech. n 
(später 9 bezw. n; vor nicht palatalen vokalen ausser u; 
vor urgriech. j^; vor konsonanten) bezw. r' (später & 
bezw. r; vor palatalen vokalen, aber im Äolischen auch 
hier 9 bezw. n) bezw. x (später x bezw. x; vor u), 
urital. /»• (wird lat. und osk. umbr. /), air. c britt- 
gall. p, germ. xi^ >= hw bezw. ;f = fc (vor ft oder vor 
idg. g). 



AnlmtstodiAii, 



28ö 



Diese ansetzungen sind wegen mangels an voU- 
ständigeiL beispielen zu einem teil nur erschlossen und 
deswegen nicht sicher, nnd das gut nannentlich flir die s- 
gruppen, die einen labialisierten guttural enthalten. Diese 
lautgestaltungen^ die zu einem späterhin ersichtlichen prak- 
tiscben zwecke (der vergleichung der s-gruppen, in denen 
ursprüngliche media oder media aspirata enthalten ist) er- 
schlossen werden mussteni sind aber auch deswegen zum 
teil noch besondei-s unsicher, weil wir über die entwieklung 
gewisser konsonantgruppen des anlants im unklaren sind. 
Als erwiesen gilt, dass anstatt eines zu erwaitenden skl skn 
sql sqn im germanischen d und sti erscheinen (vgL Johansson, 
Paul und Braunes Beitr. XIV, 289 ff,, Noreeu, Abriss s, 172, 
Brugmann, Grundriss I*, 703), z. b, lat elaudo: afrs. slnta 
ahd. sliosan ^schliessen" (afrs, scUda kann nicht als ^4- 
nebenform in betracht kommen, da es rein phonetisch zu 
beurteilen ist, vgl jetzt Grundriss der gerra. Phil* I* 1285), 
an. hniösa: mengl. sneseUf nengL to sneesej got. hniu' 
pan „rdssen** aschwed, niiipa ^jkneifen" ae, äkneapan „ab- 
pflücken**: an, sn&ypa „kastrieren'^. Diesen schwund dürfen 
wir als vorgermanisch betrachten. Ob er als gemeinidg. zu 
gelten bat, vermag ich nicht zu erweisen. Vereinzelte fälle, 
in denen anlautend kn neben gn ghn u. s, w. erscheint, lassen 
sich dagegen anfUhren (vgl. s, 299 und idg, *gneih s. 314); 
aber mindestens sprechen einzelne beispiele dafür, dass der- 
gleichen lautwandel in verschiedenen sprachzweigen, wenn 
auch getrennt, eingetreten ist, und er wird gestützt durch 
das fast gänzliche fehlen der andernfalls zu erwartenden 
Vollen gruppen. So ist schon oben griech. Xaio^, lat, lueviis 
ans *s(k}laivö' gedeutet worden; sehr ansprechend vergleicht 
Johansson — unter vielem anderen weniger einleuchtenden 
material — lit slepiu sUpiaü depti „verbergen", slaptä „heim- 
liclikeit*^, slapinti „verstecken" mit got, hlifan „stehlen**, 
griech, irÄfTTroü, lat depo (wenn statt sl lit, skl in manchen 
vnneln erscheint, so dürfte das dialektisch sein); ganz 
zweifellos ist die Zusammenstellung von ir, sned „lauseei, niss**, 
kyiur, neddeti mit ae, hnitu „niss" alb, ^«y*, aus idg, '^s(k)mdä' 
öeb^n *friiirfä-; beweisend aber sind in erster linie die später- 
'^ zu nennenden paraUelformen von anlautendem idg, s(g)l 
önd gi^ ^(gjiß Tin^j ghi (XfinQ: yioiog, XmQog „lau, mild**; 



286 Theodor SmIm, 

jjfXiapoc „lau, warm'*; ähnlich X9^^^^ „bestreiche, f&rbe, be- 
sudele^: gaivw „besprenge, bespritze^, vgl. s. 322) o. a. nu, 
die man doch nicht voneinander trennen darf^ und die nun— 
mehr ihre erklärung finden (s. 296). Dass diese erscheinongeEB. 
alt sind, ist darum sehr wahrscheinlich, weil die durch den 
Schwund des verschlusslautes entstandenen neuen gruppen d^ 
m u. s. w. in den einzelsprachen die Schicksale der alten 
idg. sl, m u. s. w. durchgemacht haben, s. oben s. 278 ff. FOr 
die verschiedenen sprachzweige ergeben sich daraus eine 
menge neuer parallelen: z. b. für das Griechische xk: X, 
jcy: V, nX: Xj nv: 9, SO dass also gegen einen Zusammenhang 
von nXvp(o „wasche, spttle'* mit Xvfia „spülicht^ (= lat cluo 
„reinige^: luo „reinige, spüle'') oder von nvBv/na: {vbwo) vevfia 
(vgl. lat gnävus „eilig, rtthrig^ mit ^n aus cn: nüere nümen 
mit n aus sn; zur bedeutung wäre einerseits irommo „schnaufe, 
eile, bin rührig, geschäftig^, anderseits got. sniuxin „eflen^ 
an. snüa „wenden^ zu vergleichen) aus formellen gründen 
innerhalb der einzelsprachen nichts einzuwenden wäre. Nun 
wird man zunächst fragen, ob nicht auch griechische an- 
lautende gruppen axX axv anX anv vorhanden sind, die da- 
gegen sprechen könnten, (tttv kommt nicht vor. Ein anX 

erscheint in anXi^v {anXayxvov, anXijvlov) „milz^ und anXtjiog 
„asche" und ist in beiden fallen idg. spl (vgl. für ersteres 
aind. pllhän-, für letzteres lat. splendeo)^ femer in anXexoa 
neben nXexooD „beilager halten^, das — zumal in anbetracht 
von (freilich viel jüngerem) anexXoco — unsicher ist; übrigens 
könnte in vereinzelten fällen ein a, in anlehnung an das 
Vorhandensein anderer parallelformen mit und ohne s, sehr 
wohl neu entwickelt sein. axX erscheint nur in axXrjq^goq 
und axXfjQog {anoaxX^vai)y deren axX in rücksicht auf axs- 
XefpQog oKsXsTog {dnoaxiXXcai) u. a. mit Sicherheit auf noch 
älteres axsX zurückgeführt wird (lat. sei nur in sclopptis 
für stloppus). axv endlich (im Lateinischen nicht vorhanden) 
liegt nur in aKvi\(/ (eine ameisenart; auch axvinjo} „kneifen^) 
sowie in oxvKpoq „dunkel, finster^ vor; diese formen als 
kontaminationen von parallelformen wie *5nip und *t«ip zu 
erklären (Johansson, Paul und Braune, Beiträge XIV, 360 ff.; 
so auch axvriqtti für xvri(firi Juckeu^), ist etwas gekünstelt. 
Ich meine, dass wir für diese vereinzelten falle getrost mit 
einem neuen vorschlage des s (nach analogie sonstiger doppel- 
formen) rechnen dürfen, wozu bei axylnjm das verbum (*«)- 



Anl^Btitadion. 



287 



üui 
Mini 
rfbri 



axfjvinTw beigetragen haben mag. Auch ist zu beachteo^ dass 
beide der genannten wortgruppen ihre besonderen Schwierig- 
keiten durch nebenformen mit anlautendem f bieten: zu 
nyijittxi vgL yvifpmv ^knicker, knauser"; zu a^viijfd^ vgL uvi^ag 
pfiff tu; (dfoi^uc) „finsterniss, dunkeP, s. unten s. 315, vgl 
Curtius, Grundzüge ^ 704 ff. {vdffog „wölke" trenne ich wegen 
d* näbhas vollkommen ab)* Hier erscheint also die wurzel- 
form *gneg'*h {gnog^Kj neben *kneg**h und *kmg''h, was mit 
grosser Wahrscheinlichkeit, wie unten s. 25)9 gezeigt werden 
wird^ ein dereinstiges 8kn yoraussetzt. Leider gieht lat. nXger 
^dunkelfarbig", das ich zum vergleich heranziehe, keine ent- 
scheidung, da es sowohl aus *s(k)m^hro- als auch aus 
*hnff**hro' {kn wird zu gn^ dieses zu n) erklärt werden kann; 
eine s-form mit anderem wurzeldeterminativ scheint vorzuliegen 
in esthländ. schwed. snip^ian ^unheimlich, düster'* (Johansson, 
a. a, 0* 367); zu einem germ, sulp aber kann aengL (^e)nip 
^dunkel subst.^, nipan ^dunkel werden^ eine jüngere s-Iqbb 
{larallelform sein. 

Aus diesen ganz seltenen formen mit axk mv^ die ja 
der ganzen regulären lautgebung der griechischen spräche 
zuwiderlaufen, ist nicht nur keine erhaltung der ursprüng- 
lichen skl skn zu erweisen, sondern sie sind gerade in 
ihrer vei'sch windenden zahl ein beweis daflir, dass die 
alten — doch sicherlich dereinst in ziemlichem umfange vor- 
handenen — s-parallelformen zu den mit kl ku anlautenden 
H^nrzeln sich in einer ganz anderen richtung entwickelt haben. 
Und diese entwicklung, die im schwund des verschlusslautes 
besteht, scheint auch noch andere gruppen getroffen zu haben. 
Ein einziges beispiel nur giebt es für idg. $m aus skm: ktn 
im Griechischen, nämlich KfieXid^gov „dach, haus, stubendecke" : 
f44kaB^Qfiy aus ^auiXti^^öv (freilich ist hier * auch mit der 
m5glichkeit zu rechnen, dass x im anlaute vor fi geschwunden 
ißt}; die erklärung des e von a6fiu aus sk in der gnippe skm 
ijmßajo;) ach eint mir gesucht, vgL Johansson a. a, o* 327. 
Speziell fiir das Griechische ist wohl in den gruppen skr sg*^ 
der Verlust des verschlusslantes anzunehmen, so dass einem 
anlautenden hq n^ ein ^ (aus ar) entsprechen kann; die 
Wahrscheinlichkeit wird sich bei der behandlung von an* 
laEttendem s 4 media bezw. media aspirata ergeben* Und 
^betii da werden wir im besonderen für das Germanische 
J^wiunen, dass in der gruppe § + labialisiertem guttural 



388 Theodor Siebt, 

der verschlasslaat geschwanden und das sich ergebende su 
somit die parallelform zu germanischem /t^ &)^ ist; [fDr germ. 
sC*) liegen keine beispiele vor] z. b. ae. hwearfan, an. huerfa, 
got hvairban, ahd. hwerhan ans vorgerm. *^erp bezw. huerp: 
ahd. swerhan aas vorgerm. *8(q)^erp bezw. 8(Jc)uerp (vgL an. 
hvirfeU, ahd. unr&iZ: ahd. ^urir^; wie nan za altem sw 
anlaat zahlreiche parallelformen mit t^ (sw: tv, vgl. oben s. 278) 
vorliegen, so konnten natfirlich za werten wie swffrban aach 
^-lose parallelformen (tverban) gebildet werden. Ebenso ist die 
möglichkeit der parallele von germ. sw: kw (bezw. h vor u- 
laaten, z. b. ae. cuman „kommen^) gegeben, vgl. anten s. 315 £ 

Man ist also darin einig, dass das bewegliche s vor 
indogerm. u^ liqniden, nasalen and tenaes bezw. 
tenaes aspiratae gilt, and für diese thatsache steht ein 
reichhaltiges material zu geböte. Wie aber erklärt sich 
dieses s? Darin weichen die ansichten sehr stark von- 
einander ab. In einer kleinen anzahl von fällen scheinen 
freilich die gründe klar zu sein: z. b. da, wo dissimilation 
des anlautenden s + konsonant gegen ein « + konsonant 
des Inlautes eintreten konnte (vermutlich lat twrdus aus 
Hurzdos statt *sturedo8, vgl. lit. sträedas, an. prQstr; auch 
die reduplikation wird stark davon betroffen), oder wo an- 
gleichung an begrif&verwandte wurzeln stattfinden mochte (so 
wird engl, to squench aus der einwirkung des s von sqtielch 
auf quench erklärt); es liegt aber in der natur der sache 
und ist aus diesen beispielen ersichtlich, dass solche er- 
scheinungen selten, zeitlich nicht begrenzt und daher fOr die 
erklärung des massenweise auftretenden idg. beweglichen s 
ziemlich belanglos sind. 

Sehen wir nun von derartigen anomalien ab, so nimmt 
die überwiegende meinung an, dass die 5-formen die ur- 
sprünglichen und die ^-losen formen durch Schwund des s 
unter satzphonetischen einflüssen entstanden seien. Diese 
sollen entweder darin bestehen, dass anlautendes s vor kon- 
sonanten verloren gegangen sei nach auslautendem s\ ein 
*nebhos styjeti sei zu *nebhos tyjeti geworden unter reduktion 
des SS zu einfachem s, wie sie in idg. *m aus *essi vorliegt, 
vgl. V. Fierlinger, Zs. f. vgl. Spr. XXVII, 196, anm. 1 ; oder 
aber darin, dass Zischlaute zwischen konsonanten geschwunden 
seien: so habe sich gegenüber ^spekjö ein *vd'pekjö bezw. 



Amliittitadi«!!, 



289 



ut'pekjö entwickelt^ wie ja auch im inlaute des Wortes z. b. 
k$t zu kt geworden ist (z. b* idg. "^seksto- wird *s€kto-, vgl. 
grieclL ijfToci ahd. sehtoj an. settif neuwestfrs. swchd^y Diese 
letztere anschauung beruht bekanntlich auf der altindischeji 
erscheinung, dass die §-lose form gewisser wurzeln ganz 
besonders hinter bestimmten konsonanten des auslantes vor- 
kommt (vor allem nach iid, z. b, sphululga „funken^, aber 
ui-phulinga- ^funken sprühend**), die s~form anderer wurzeln 
wiederum ganz besonders nach vokalischem aiislaut. Aber 
gegen die annähme bloss phonetischer gründe für das Alt- 
indische kann angeführt werden, dass sich formen mit an- 
lautendem s und ohne s bei manchen wurzeln ohne rückßicht 
auf den vorausgehenden auslaut finden, ferner dass bei ge- 
wissen wurzeln mit dem anlautenden s eine bestimmte be- 
dentung verbunden ist, endlich dass die verwandten indogerm. 
sprachen auch nicht den leisesten reflex solcher lautregeln 
zeigen (vgh Jakob Wackemagel, Altind, Gramm* I, 264 ff.). 
Um so weniger empfiehlt es sich, diese nicht einmal in der 
einzelsp räche klaren Verhältnisse tlir die indogermanische 
gern einspräche zu behaupten. 

GTegen die genannten satzphonetischen auffassnngen des 
beweglichen s ist a priori geltend zu machen, dass änderungen 
des anlautes durch den auslaut des vorhergehenden wortes 
m der satzphonetik gar nicht so sehr bedeutsam sind, viel* 
mehr die tendenz der satzphonetischen Veränderungen im 
wesentlichen regressiv ist; fenier dass diese satzphonetischen 
Ißderungen in ihrer Wirkung auf *die gestalt des einzelwortes 
nicht Überschätzt werden dürfen, weil rückbildungen durch 
analogie sehr hoch anzuschlagen sind. Und was im be- 
sonderen die indogermanische Ursprache anlangt, so sind 
^tzphonetische Veränderungen, die den konsonantischen an- 
laut oder auslaut des einzelwortes betroffen hätten, überhaupt 
üicht zu erweisen. Beti*achten wir einmal die wenigen fäüe 
^ satzphonetischen konsonantenwandels , die Brugmann 
(Grundriss I*, 883 ff.) als zweifellos hinstellt: stimmlose 
gerluschlaute im wortauslaut werden vor stimmhaften ge- 
räoschlauten stimmhaft, stimmhafte geräuschlaute aber werden 
^w sdmmlosen stimmlos, z, b, *edöd hhratraif aind. adad 
bhf/ktTBf Hot pekiif aind. tat päSu; s entsteht aus ss im sat«- 
atialante und vor konsonanten, z, b. aind. 2. pers. sing, äghas. 




290 Theodor Siebs, 

Aus allen diesen f&llen ist kaum irgend etwas ffir unsere 
zwecke zu entnehmen, denn einmal sind diese erscheinungen 
physiologisch so selbstverständlich und so aUgemeiner art, 
dass sie ebensowohl in verschiedenen einzelsprachen sich 
wiederholt haben als ursprachlich sein können; sodann aber: 
von einem einfiusse auf das aus dem satze losgelöste wort 
wissen wir gar nichts. Es ist ein ganz verkehrtes streben, 
das manchmal angewandt wird: die gesetze des lautwandels 
im wortinneren auf den satz ausdehnen zu wollen. Auch 
muss man sich sehr hfiten, die bedeutung einer schriftlich 
normierten satzphonetik, wie sie in der Orthographie gewisser 
sprachen, z. b. im Altindischen oder im Althochdeutschen der 
Nötkßrschen Schriften, peinlich reguliert und zum gesetz er- 
hoben vorliegt, für die beurteilung der gesprochenen spräche 
zu fiberschätzen. Dass z. b. die gegenseitige beeinflussung 
stimmhafter und stimmloser konsonanten in der wortfuge bei 
weitem nicht so stark ist, wie manche sie zu hören geglaubt 
haben, hat Abbä Rousselot in seinen „Modifications phonätiques 
du langage** durch experimente nachgewiesen. Und eine durch- 
aus einheitliche satzphonetische Wirkung der uns in der schrift 
als gleichartig erscheinenden Wortverbindungen ist schon 
wegen der verschiedenartigen abteilung der Sprechtakte un- 
denkbar: in das nufi I that er nicht (mit stark betontem und 
einen neuen Sprechtakt beginnenden „that^) wird das an- 
lautende t zumeist weniger durch den stimmton des vorher- 
gehenden n beeinflusst werden als in das nun that er I nicht 
Also in einem und demselben Wortkomplexe kann der satz- 
phonetische einflnss auf das einzelne wort ganz verschieden 
sein, je nach tempo und akzent; wie viel mehr wird er in 
der mannichfaltigen rede variieren! Von einer einheitlichen 
Wirkung der satzphonetik auf die gestaltung des einzelwortes 
ist darum gar nicht zu sprechen; es sei denn, dass es 
sich um die stets wiederkehrende Verbindung bestimmter 
Worte, wie encliticae, artikel u. dgl. handelt, die allmählich 
zu einer neuen worteinheit führen und dann nach den für 
das wortinnere geltenden gesetzen beurteilt werden müssen. 
Ist es doch beachtenswert, dass gerade diejenige indogerman. 
Sprachgruppe, welche die gegenseitige beeinflussung der werte 
im satze am stärksten zeigt, die keltische, diese satz- 
phonetischen änderungen nur bei den worten zur geltung 



Äiüintrtadien. 



291 



kommen lässt, die Ihrer konstruktioa nach eng zusammen- 
gehören und eine ^i grammatische formel^ bilden (artikel und 
sabstantiT, Substantiv und adjektiy, präposition und verbal- 
form u. 8, w-j Vgl Windisch, Paul und Braunes Beiträge 
IV^ 204 ff.), bezeichnender weise also da, wo im Ältirischen 
die gruppe als ein wort geschrieben wird- 

Die thatsächUch für das einzelwort erweisbaren Ver- 
änderungen des anlautes durch vorhergehenden auslaut be- 
schränken sich denn auch auf jene wenigen falle, die auf 
irrtümlicher Verschiebung der satzfuge beruhen, Brugmann 
(P, 882) will sie überhaupt aus der satzphonetik streichen; 
doch man kann sie mit dem gleichen rechte dort einreihen 
wie 2. b* die eischeinung, dass ^silbische nasale und liquiden 
im wortauslaute vor sonantischem anlaut mit konsonantischem 
flbergangslaut gesprochen" werden {I*, 883). Solcher Ver- 
schiebung der satzfuge ist es zu danken, wenn heute in 
germamsohen mnndarten für „arSj arsch^ auch formen mit 
. anlautendem m (mars, marsch) oder mit n (ndl. naars, wanger, 
6:8. m-^s) erscheinen, je nachdem das m von der dativ- oder 
das n- von der akkusativform des vorausgehenden artikels 
fibeltragen ist; so beantwortet man auf Sylt ein gud inj 
f^^ten abend^ mit dinj gitf, als ob „abend" nicht inj (aus 
afis. evend), sondern dinj Messe ; umgekehrt erscheint ndl, aak 
ftr fmuk „nachen" u* a. m. So auch gegenüber alttr* ingen 
TiOiädchen'' erscheint neuir. (auch neugäl.) nighen: es wird 
gesprochen nlnnon und ist der artikel n + ^nnen^) Ver* 
schiedene der uns bekannten fölle (Brugmann a. a, o. s. 882 
fllhrt material aus mehreren sprachen an) sind gar nicht ein- 
ttial so sicher wie man gewöhnlieh annimmt: z. b, ist bei 
^iigl adder^ ndd, adder „natter" schwer festzustellen, inwieweit 
»Otter" einflnss geübt hat;^) wenn hochd. nast häufig für ast 
erscheint und das n kurzweg als auslaut des unbestimmten 
(<>der bestimmten) artikels erklärt wird, so bleibt aufiallig, 
dass ein n ebenfalls gerade in der ablautenden form saterländ- 
'•S^ff „stelle, wo ein ast gesessen hat", ndl, rwest = oest vor- 

■) So mch EL&oir. asTf Deubretoti. aer ^^chlajige^ aus *an 7i4izrj Tgl. air, 
J^**^ir, ibreton, n4itrüliori; begreiflich sind soJche ertcheintingen vor allem 
*** fnmdworten, daher breton, nouefi ^letzte öIuDg" aus *an micti («— nn- 
K'^^iitam). Dieie hinweise sowie TerBcMedene andere aufld&mngeii danke 
*^ te gute prot Zimmers. 




292 Theodor Siotw, 

liegt. Aber, ganz abgesehen von dieser nnsicherheit^ sind 
solche erscheinongen auch viel zn selten, als dass man ihnen 
eine so weitgehende bedeutung für die sprachbildong zu- 
schreiben dürfte, wie z. b. v. Fierlinger es gethan hat 

Wir lehnen darum aus aUgemeinen gründen die satz- 
phonetische erklärung ab und geben einer anderen den Vor- 
zug, die sich nicht nur aus allgemeinen, sondern vor 
allem auch aus formellen grfinden empfiehlt: es ist die 
ansieht, dass in dem beweglichen s ein praefix 
steckt. Prinzipiell ist gegen die annähme eines solchen 
für das Indog. nichts einzuwenden. Natürlich soll nicht 
gesagt sein, dass dieses element als praefix noch empfunden 
sein müsse, etwa im sinne unserer heutigen verbalpraefixe; 
möglicherweise lag die komposition weit zurück und wurden 
die wurzeln mit s und die ohne s in spätidg. zeit gar nicht 
mehr als zusammengehörig gefühlt. Jedenfalls sind derartige 
mit praefix versehene wurzeln der Sprachwissenschaft nicht 
neu: im Ägyptischen bekommen die wurzehi durch eine verbale 
8-praefigierung, die „geben^ bedeutet, einen kausativen sinn; 
auch den indogermanischen sprachen sind manche fäUe be- 
kannt, in denen praefigierung mit Sicherheit anzunehmen ist> 
aber gar nicht oder kaum mehr gefühlt wird, z. b. italien. 
scorciare, scusare, scurare, spuntare, sclusa aus excurtiare, 
exeusare, excurarej expunctare, exdusa wird in den deutschen 
lehnwörtem schürz (: kurz), scheitern, spunt (: punt), schleuse 
vollkommen als simplex empfunden; auch braucht man nur 
an nhd. worte wie fressen ('got. fra-itan), glauben ^ glied^ 
gleichj barmherzig, bange, block, bleuen zu erinnern [vielleicht 
auch gehen, das auf altes ga4fn(i) zurückgeführt wird]. Um 
die gewaltige Verbreitung und Produktivität solcher praefixe 
zu erhärten, genügt ein hinweis lauf die bedeutung des germ. 
ga-, des lat. con-, des slaw. vdz-, po- u. s. w. Selbstverständlich 
erweisen solche beispiele aus anderen oder jüngeren sprachen 
nicht das mindeste fär urindogermanische Verhältnisse; sie 
sollen hier nur sagen, dass solche praefigierungen der sprach- 
bildung überhaupt nichts neues sind, vielmehr eine bedeutende 
rolle spielen können. Und ganz besonders sei betont, dass 
es mir vollkommen fem liegt, über den ursprünglichen sinn 
dieses anlautenden s irgend eine yermutung aufstellen zu 
wollen. Wahrscheinlich war dieses s in spätindogerm. zeit 



liwitetiKKtiL 



293 



bereits verblasstj und ob es ursprünglich ein praepositioaaJes 
praefijc war oder ein verbales element oder ein nominales 
(etwa dem nominativ -s vergleichbar?), oder ob gar für 
verschiedene fälle verschiedene berknnft auziinehmen ist, 
darüber wird sich wolü nie etwas sicheres gewinnen lassen, 
BeltanntJich hatte die Sprachwissenschaft schon vor langen 
Jahren eine theorie der praefijce aufgestellt. August Pott 
' (EtymoL Forschungen n^ 293 ff,) wollte in dem verschieden- 
artigen anlaute der wurzeln raste oder Verstümmelungen von 
' verschiedenen praefixen, vor allem von praepositionen er- 
kennen. Eim gegenüber hatte danji Georg Curtius (vgl. 
ßmndzüge^ 31 ff.) mit recht die Voraussetzung bestritten, 
dass die im Altindischen üblichen praefixe schon vor der 
sprachtrennuug als praefixe vorhanden gewesen seien , und 
dass die Verbindung der praepositionen mit verbalwurzeln 
innig genug gewesen sei, um inr bildung neuer stamme zu 
fähren. Die Pottsche praefix theorie ist dadurch berechtigter- 
weise so sehr in miBskredit gekommen, dass man sich nicht 
stark genug gegen den anschein verwahren kann^ als w^olle 
ii man ähnliche ideen wieder ans licht ziehen. Es f^llt uns so 
wenig ein, der bedeutnng dieses s im wnrzelanlaute nach- 
zuforschen, wie wir es etwa bei den wurzeldeterminativen 
ikn. Vielmehr wollen wir ganz auf dem festen boden der 
UiÄtsachen bleiben und wollen, nachdem wir durch allgemeine 
^ude gezeigt haben ^ dass das s nicht durch satzphonetik 
erklärt werden kann, an der hand genügenden materials 
l^weisen, dass das s aus formellen (lautlichen) 
gründen als praefix aufzufassen ist 

Der hauptfehler der bisherigen beurteüer liegt in der 
üiuiülime, dass das bewegliche s sich bloss vor gewissen 
Konsonanten, nicht aber bei vokalisch anlautenden wurzeln 
z*;ige. Wäre das richtig, so wäre darin freilich eine stütze 
i^r satzphonetlschen theorie sehen. Aber auch vokalisch 
anlautende wurzeln bieten bisweilen parallelformen mts; 
wenn diese falle selten sind, so erklärt sich das eben durch 
^ geringe zalil der vokalisch anlautenden wurzeln, und ver- 
einzelten beispielen muss um so grösseres gewicht beigemessen 
^^f^m. So ist meines erachtens neben einer idg, wurzel *elp 
^^^ wnrzelform "^sdp anzunehmen: ersteres erscheint in lit, 
^Hu alpaü älpti ^schwach werden", älpnas „schwach" 

^ ^«lUtktm fir vtrirl. Spr«olif, N. F. XVil. 3, 20 



294 "n^eodor SMw, 

(aind. a/por- äLfaka' „klein, gering^; dazu grieoh. iXanaMq 
„schwach^?); letzteres in lit. »Hpsta 9llpau süpti „schwadi 
werden^, »üfnas „schwach^ {Mpinu^ ffUnfwgju n. s. w.)- 
Bd primären wurzeln (ohne determinative) sind die formen 
freilich oft zu wenig charakteristisch, als dass mit siclle^ 
heit ein Zusammenhang behauptet werden könnte, z. b. idg. 
Wurzel ^ i „gehen^ (t/ucv, got. iddjo, lit. eimi, aind. im&d): 
*8ei *si „vordringen, sich ausdehnen, senden^ (aind. pra-si-ii 
„andrangt u. a. m.), vgl. Persson s. 11; wurzel *er „fliessen^ 
aind. ö/r^ati „fliesst, strömt^: wurzel ^ser „fliessen*^, aind. 
sarma- „strömen^ u. a. m. Als weniger zweifelhaft aber 
seien genannt wurzel *aq „scharf sein^ (griech. anfionf) lat 
acus acuo u. s. w., lit. akm& „stein^ (gegenfiber *alc in aind. 
aSman-j vgl. lit. oaemA „schneide^): wurzel *sSq «09 u. s. w. 
in lat. saxum sacena secare u. a., ahd. sahs messer (heute 
neufrs. säks Saterland), abg. sekq „hauen, spalten^, vgL Bmg- 
mann, Grdr. I*, 504; so wurzel *eu8 {cms^ ausj ttö) „sengen, 
brennen, dörren^, lat. uro ustuSj aind. o^ti „brennt^: ^seus 
u. s. w., lit saüsas „trocken, dttrr^, ahd. soren „verdorren^ 
(gegen Brugmann, Grdr. I* 746, 748, der «&» aus *cvA«o, 
avog aber aus *havhog erklärt, ergiebt sich jetzt also eine 
viel einfachere deutung; auch sei auf die frage nach l^6g: l^og, 
iBfiog: ieQog hingewiesen, vgl. W. Schulze, Quaest. ep. 207 ff. 
Gr. Meyer, Griech. Gr.* 159); vielleicht auch wurzel *em 
„nehmen, holen ^ in lat. emo ex-em-p-lum^ lit. imü ^iauj 
abg. imq: ich stelle es zu einer idg. wurzel *8em „schöpfen^ 
(zur bedeutung „schöpfen = holen ** vgl. atiso Fick Wb.* 1, 348), 
lit. semiü sßmiau semti „schöpfen'*, samtis Schöpflöffel, samstyH 
iterativ, lat. sim-p-lum simpulum^ umbr. seples, vgl. Brugmann, 
Grundriss I«, 122. 370. 

Nachdem nun also das erscheinen des s auch vor 
vokaUschem anlaute gezeigt worden ist, ist die frage ge- 
boten, inwieweit es auch vor anlautender media oder media 
aspirata nachweisbar ist. Als antwort darauf stellen wir 
nunmehr das gesetz auf: lautet die wurzel mit idg. 
media an, so beginnt die parallele ^-form mit 
idg. 8 + entsprechender tenuis; lautet die wurzel 
mit idg. media aspirata an, so beginnt die parallele 
Ä-form mit idg. 8 + tenuis oder tenuis aspirata. 
Ob im letzteren falle tenuis oder tenuis aspirata, ist nicht 
mit Sicherheit zu ermitteln, da in den — naturgemäss nicht 






295 



atku bäuiigeii — fällen nur die arischen sprachen oder das 
Griechische aufechluss geben können; im Aind, ist nnn aber 
das Verhältnis voa tenuis zn tenuis aspirata überhaupt uicht 
völlig geklärtj im Griechischen ist immer mit der möglichkeit 
2u rechnen, dass in der grnppe s -j- tenuis die tennis durch 
die tenuis aspirata der s-losen parallelform verdrängt woi^en 
sei (z. b. anL üf- statt an- nach anl. q^- ans idg. bh). £s 
ergeben sieh somit folgende parallelen: 

1. idg. spi aind. sp, iran. sp^ arm. p\ griech. aw, alban. p^ 
itaL sp^ altir. s, britt /, germ, lit. slaw* ^p: idg. b, aind. 6, iran. 6, 
arm. p, griech. ß^ alban, h^ ital« i, kelt. bj germ. p, lit. bj slaw. b. 

2. idg. sp (bezw. f^h)^ aind. sp (bezw. sph\ uriran. sp^ 
amip j?' (bezw.?), griech. an (bezw. an\ das später zu of 
oder am wird), alban. p (bezw,?), ital, sp, altir, ^ britt. f, 
genn, lit. slaw, sp: idg. &/i, aind. 6/i, iran. b, arm* &, 
griech. n (später rp bezw. n\ alban. ^, ital. /", kelt. b, germ. 
& (&), lit. by slaw. ^. 

3. idg. st, aind, ^f, iran. st^ arm. 5i, griech. ot, alban. 
st, ital. ^ (sti > sd, Q, urkelt. teils st (air. s), teils f, germ, 
lit slaw. st^): idg. d, aind, d, iran, i, arm. i, griech. cJ, 
alban, d (vereinzelt 6% ital. d (anl, di wird i; lat. l aus dZ, 
i aus du), kelt. <i, germ. i, lit, d^ slaw. d. 

4. idg. st (bezw. sih), aind. st (bezw, sth), iran, si, 
arm, st (bezw.?), griech. ar (bezw, ar\ woraus ffd? und cir), 
alban, ^i (bezw.?), ital, st, kelt. s£ (- air. s) oder ^, germ. 
Ht, slaw, st: idg. dfe, aind. dfi^ iran. d, arm. d^ griech. t 
(später ^ bezw. t)» alban, d (vereinzelt J), urital. P lat. /i 
kelt d, germ, (f (d), Ht. d, slaw. d. 

5. idg, sk^ aind. (?/i, iran. 5, armen, f; (?), griech, ti«, 
alban, h, ital. 5c, kelt. sk, germ. 5&, lit 5^, slaw. s: idg. ^, 
aind. i, avest -r, apers. ^ d, arm. c (vor konsonanten s), 
griech. y {gdh wird ;f^), alban. z $ d, ital. g, germ. ft, Ht. i, 
slaw. ^, Es kommen betreffs des sk vor konsonanten natürlich 
dieselben gesetze zur geltong, die oben für das Griechisohe, 
Germanischej Lateinische u. s. w. besprochen sind, ao dass 
also germanische parallelen von sl m (aus shl skn): kl, kn 
moglieh sind; griech, parallelen von k (aus aX): yX^ p (aus aw): 
yi', 4 (aus fff): yi> u. s, w. 

^) YieUeicht itt die gni|»pe ^^ in #j| entwickelt worden, vgL onter 

20* 




296 TlMödor Skbi, 

6. idg. 8^ bezw. sZh^ aind. cA, iran. «, arm. (? (bezw. fy 
Bx?)j griech. ax (bezw. ax\ das später als a;^ oder ax erach6iiit)| 
alban. h (bezw.?), ital. sc^ kelt. sk^ germ. skj lit. 61?, slaw. s: 
idg. ^A, aind. A (aus *jTi)y avest. ^, apers. g d, arm. i, 
griech. x* (später / oder x; ghu wird 9, vor palatalen 
vokalen ^), alban. «^ ^ d, ital. / (wird lat. A, das manchmal 
schwindet; lat. ghu ghu wird f; ghr ghl wird jfr gj)^ kelt jf, 
germ. j, Ut i, slaw. ^. In anbetracht der besonderen ent- 
wicklung des sk vor konsonanten ergeben sich griech. paral- 
lelen wie X (aus aX): x^> ^ (&^ ^)' ;P^» ^ (^^^ ^o)- X9'i 
germ. doppelformen wie sZ: j, «n; j, lateinische wie {; gl^ 
n: gn (n) u. s. w. 

7. idg. sq (oder idg. ^ in den satem- sprachen), aind. 
sk bezw. ic (vor palat. vokalen), avest. ak bezw. ^^, apers« «& 
bezw. söy arm. « (oder ^?), alban. A, lit. sft, abg. sk bezw. «f 
(vor palatalen vokalen; st vor jüngerem e): idg. j^ (oder idg. 
^ in den satem-sprachen), aind. g bezw. j, iran. ^ bezw. j, 
arm. ä^, alban. jf bezw. g\ lit. jf, abg. g bezw. d^ i (vor 
palatalen vokalen ; iz z vor jüngerem e; gv in der sttdL-östl. 
gruppe wird vor palatalen vokalen zu dzv^ zv). 

idg. sq (in den centum-sprachen), griech. ax, ital. sc^ 
kelt. sh^ germ. 6^: idg. ^, griech. y, ital. gr, kelt jf, germ. ft. 
sg vor konsonanten ergiebt die gleichen parallelen wie sh^ s. 0. 6. 

idg. sg** (in den centum-sprachen), griech. an (vor 
nicht palatalen vokalen, ausser u) ax (vor palatalen vokalen; 
aber im Äolischen auch hier (in) ax (vor u\ ital. vermutlich 
squ (umbr.-osk. sp-^ lat. sco aus sgteo, sc vor r), altir. «c, 
kjrmr. chw, germ. wahrscheinlich ^u; vor vokalen {s vor kon- 
sonanten): idg. gUj griech. ß (vor nicht palatalen vokalen 
ausser ti ; vor i) bezw. 6 (vor palatalen vokalen ; aber äol. ß) 
bezw. }' (vor u), urital. ^rj^ (lat. v osk.-umbr. b; aber vor 
ü u urital. 17; vor konsonanten lat. g), urkelt. b (aber vor u 
erscheint ^r?), germ. ku d- h. qu (vor m und idg. ö erscheint 
k). — sqi^ hat vor konsonanten die durch den Schwund des 
verschlusslautes bedingten Veränderungen erfahren. Daher 
ergeben sich zu den bisher erwähnten griechischen paraUelen 
noch k (aus aX bezw. a/X) : /JA, z. b. Xaadij „spott, Schmähung** 
Xuaxa) „schmähe** etwa zu ßXaaq)fHLi€tv „Schmähungen reden**, 
Xvl^o}: ßkv^io u. ä. ; q (aus ag bezw. o/g)'- ßg, z. b. giyxo» 
„schnarchen** gf.y/og: ßgay/im „heiser sein** ßgoy/oQ ßgolai 



Aiil»iit»tndien. 297 

u. s. w. Übtif die germ, parallelen sl: kl^ sn: kn, sw: kw (k) 
s. oben s. 285 und untar den später zu nennenden beispielen* 

8. idg, $q (oder idg* squ in den satem -sprachen) bezw.^) 
idg* sqh (oder idg. s^i^k in den satem-sprachen), aind. sk 
(oder fc vor palatalen vokalen) bezw. skh^ iran. ai oder 
(palatalisiert) sä^ arm. 3: (oder s?) bezw. ^^o?, aJban. h (be2W,?), 
lit. .*rfr, abg, sk {st vor palatalen vokalen, st vor jüngerem ^ : 
idg. gh (oder idg. g^*/t in den satem-sprachen), aind, gh oder 
(palatalisLert) h (aus *j7i), iran, g oder (palatalisiert) J, arm, gr, 
alban. j oder (palatalisiert) g\ lit. j, abg, g oder di i (vor 
palatalen vokalen; d^ z vor jüngerem e; ^ vor palatalen 
vokalen wird rf^ ^ü in der südl^-östl, gruppe). 

idg. sq bezw. idg. 5g/i in den centum- sprachen, griech. 
«TK bezw* CF«' (dieses erscheint als g^ oder ux), ital. sc, kelt. 
5Ä, germ. Bk\ idg. ^Ä, griech. ^ (erscheint später als x «der 
x)^ itat / (wird lat. \ das manchmal schwindet; ghr ghl wird 
^'i 9^ 9^i kelt <?, germ. ^* sg vor konsonaut ergiebt die 
gleichen parallelen wie sL 

idg. sq}^ bezw, idg. squh in den centum-sprachen, 
griech. an at cfx bezw. an [später atp oder ^n] a/ [später 
o^? oder ar] üx [später o;f oder qx] — und zwar erscheinen 
die labiale vor nicht palatalen vokalen ausser », die dentale 
vor palatalen vokalen (im ÄoUschen aber auch hier labiale), 
die gutturale vor u; itaL vermutlich squ (umbr.^osk. sp; lat. 
SCO aus squo^ sc vor r), air. sc kymr* chw^ germ. vielleicht 
vor vokalen sw: idg. g^h^ griech. n (später ^ oder ^; vor 
nicht palatalen vokalen, ausser u uud vor i) oder t (später 
^ oder T ; vor palatalen vokalen, aber im Äolischen tp) oder x' 
(später 9 oder «; vor u)^ urital. ;f«i, tat. osk. umbr, f {^w = 
lat. fr\ vor ftif schwindet urital. das ü^), urkelt ^, germ. j 
{für anL jif keine beispiele erhalten). Auch hier ist in ver- 
schiedenen sprachen der verschlusslaut der gruppen sq^ sqith 
geschwunden, und zwar giebt es im Germanischen beispiele 
dafür vor J, «, sowie vor vokalen (also parallelen wie sl: gl, 
mi: gn, bw: g); im Griechischen vor konsonanten, daher sind 
parsdlelen wie X (aus al bezw, a/X): /l fpX, p (aus a^ bezw. 
^/^)' XQ 99t ^ (aus 0y bezw, tijp): x^ 9^ denkbar; näheres 
bei den beispielen. 

>) DoTch b0£W. ist hier lü« rertretimg der tenoia aepirata angefahrt. 




298 



Tbeodor BMs. 



I 



Die gestaJtuugen ^ welche wir für die auf s -f media 
oder 3 + media aspirata im letzten gründe zurückweisenden 
anlautsgTuppeu in den einzelnen sprachzweigen angegeben 
haben^ sind selbstverständlich nicht alle durch beispisle zu 1 
belegen, sondern zu einem teü nur erschlossen. Dennoch 
scheinen mir die beispiele genügend, um jenen lautwandel sb 
zu sp^ sbh zu sp bezw. $ph n. s. w. zum gesetz zu erheben. 
Und damit ist denn auch die dentung jenes beweg* 
liehen ^s als praefix aus formellen gründen er- 
wiesen und die satzphonetische theorie zurückgewiesen. 
Denn gesetzt den fall, es habe idg. "^spreiidö (ae. spreotmi) 
neben idg. "^bhreudö (ae* breotan) bestanden (vgl. unten s. 303), 
so lässt sich schlechterdings nur dieses letztere als die ur- 
sprüngliche gestalt ansehen, denn aus s -f- bh konnte aehr 
wohl sp hervorgehen^ niemals aber hätte aus älterem sp ein 
bh entwickelt werden können. Nach dem satzphonetischen 
typus *spr€udö: lid-pretidö bezw. tä-prmidö (s, oben s, 289), 
hätte höchstens ein p sich aus dem sp ergeben können. Auch 
mit V. Elerlingers iheorie lässt sich hier nicht anakommen, 
man mnsste sie denn — in sehr gekünstelter weise — um- 
drehen und sagen: auslautendes s ist auf den folgenden 
anlaut übertragen worden und hat hier mit anlautender 
tenuis, media oder media aspirata gleichraässig #? + tenuis 
ergeben, also ^bhlos hkreudsH „die blume spriesst^ wird *b}ü6s 
spreiidetL Diese erklärung wäre äusserst gesucht, käme 
übrigens schliesslich formell auf unsere praefixtheorie heraus, 
die vor jener den vorzng hat, sachlich plausibler zu sein. — 
Gegen die oben behauptete entwicklung der grnppen anl. s 
-j- 6, du, s. w. zu sp st u. s, w. wird vielleicht eingewandt - 
werden, dass ^d inlautend zu ^r^ geworden sei, z, b. *nirda- | 
^ozdo-. Wie schon bemerkt (s. 290), ist aber die lautentwicklung 
im inlaute fllr den anlaut keineswegs entscheidend; auch ist 
die (alleinstehende und unsichere) erscheinung des griech. eß 
in üßepvvfti (vgl. Cf/vÄjuci') für uns nicht massgebend, denn 
es ist mehr als zweifelhaft, ob das trß hier auf eine wurzel- 
form sg^es zurückweist, und ob es nicht vielmehr auf einfluss 
einer wurzelform "^segu (acß^ vgl* lat s^nis) zurückzuführen ist 

Zum schluss ist noch auf ein ganz besonderes ergebnis 
dieses lautwandels hinzuweisen, den anlautendes s + media 
oder media aspirata erfahren hat: er erklärt uns den 



Aniftntitadieii. 



299 



Wechsel der verschiedenen artikulationsarten im 
anlaute von wurzeln, die man der bedeutung halber nicht 
voneinander zn trennen wagt. Dieses schwanken im anlaute 
ist bisher niissverstanden worden. Zupitza (s. 24) ist gelegent- 
lich des Wortes ae* pc^d^ ahd. pfad „pfad**, das er zu lat, 
^atintn stellt^ mit kurzem worte auf das bewegliche ^ ein* 
gegangen und nimmt an, dass die germanischen konsonanten 
bei .^-losera anlaute meist verschoben worden seien, bisweilen 
aber auch nicht. Daher kommt ihm die Variation des an* 
lautes in spink: ßnk: pink „fink**, daher auch (nach verlust 
der 5~form) die dom>elheit hnoll: knoü j^gipfeP, daher auch 
idg. ^at' (spatium): ae. fmdm „nmarmnng" u. s. w. aus 
*pat: pmi „pfad^ aus germ. *(s)pa]}. Diese auffassung aber 
trägt den idg. mediae aspiratae keine rechnuDg; es können 
nämlich idg, bh — sp ^ p miteinander wechseln, also germ, 
5 «_ ^ _ ^ — p^ j)ie auffassung Zupitzas ist der meinigen 
gerade entgegengesetzt. Er sagt, hnoll neben knoll setzt 
idg. kn neben skn voraus, aus diesem skn nämlich ist nach 
der germ> lautverschiebung das Ar» entwickelt; ich sage: 
a priori ist anzunehmen, dass idg. jn neben skti vorlag, und 
vor der lautverschiebung ist aus skn eine nebenform ohne s 
estwickelt, die im Germanischen anl hn ergeben musste. 
Und so lässt sich auch der mannichfaltige Wechsel des an- 
lautenden konsonanten in den werten hallen, Sf^^allen, geümi 
und ahd. kalUn erklären: er fährt im letzten gninde auf 
aölautende media ajpirata zurück. Wir haben hier ein 
ausserordentlich charakteristisches beispiel flir die umgestalten- 
den Wirkungen, die das s-praefis hervorgebracht hat. Man 
kennt heute scheinbar vier wurzelformen: 

L idg, ^ghel ^gJwly germ, gel galj ahd, gellan ^schreien, 
Uüt tönen, gellen", ae, gUlan, vgl, ahd, galan „singen", vgl. 
4iich uachtigaL Man stellt hierzu giiech. x^^^^^^i vgl* ^t^^ 

mdi ;(ffAvyj? flippe"; Vgl, abg. glagolati aus *golgolatii ir. gol 

*4aa weinend 

2. idg. *sk(k)eli germ* skel^ ahd. skällaUj mhd, schelimt, 

4a. Bkjalla „rasseln*^, vgl, ahd. scella „schelle", nhd. v^sckollen 

flT«iklungen"j schallen u. 8, w. Hierzu vielleicht griech. a^f- 

Witii - ifiivcM^t^ Hesych.^) 

*) Dieum hinwojB und Tcrechieden© aodere boBierungen danke ich Prof. 




300 Theodor Siebs, 

3. [idg. *gel] „reden, sprechen*', ahd. kallon, an. hüla 
„rufen", nengl. to call 

4. idg. ÄreZ, griech. xilaSog „geschrei, lärm", xalim „rufen", 
lat. calare^ ahd. hellan „ertönen", mhd. hei „laut, ttoend", 
lett. kalilt „schwatzen" u. s. w. 

Diese vier wurzelformen erklären sich nur dadurch, dass 
zu der s-parallele der wurzel *ghel, also zu *sk(h)el bereits in 
indogermanischer zeit eine neue ^-lose nebenform gebildet 
ward, und dass sich diese selbe neubildung nach der germa- 
nischen lautverschiebung noch einmal wiederholte. Folgendes 
Schema giebt das übersichtlich: 

idg. ghel 8k(h)el 

vorgerm. ghel skel hei 

germ. ^el skel hd 

später gel skel kel hd 

Dieser Wechsel zwischen idg. tenuis und media aspirata 
ist nicht nui* in den germanischen sprachen, sondern über- 
haupt in den indogermanischen sprachen bedeutsam, er ist 
viel wichtiger und umfassender als bis jetzt angenommen 
wird. Manche bisher nicht begriffenen anlauterscheinungen 
werden sich nun durch seine erklärung lösen: ich erinnere 
nur an aind. Äyd, avest. zdr(d)d „herz" (§h): griech. xuQSia, 
lat. cord-, lit. szirdis^ got. hairto, in denen das Je eine alte 
parallelform mit sJcfJi) voraussetzt. Ist es doch bezeichnend, 
dass bei den meisten dieser fälle, in denen der anlaut 
zwischen idg. tenuis und media bezw. media aspirata schwankt, 
auch eine form mit beweglichem s vorliegt, z. b. neuschwed. 
spraka : nhd. hregeln : nhd. fregeln ( Joh. Schmidt, Vok. IE, 339) 
mhd. sprilehen: lat. fretum: griech. 7iiung?jfii, vgl. u. s. 307 
an. sprekla „fleck": nengl. freckle, vgl. neuschwed. frehie 
neuschwed. hräkne, s. Noreen, Abriss s. 186. 

Nunmehr soll das wichtigste material gegeben werden. 

1. idg. sp: b. 

Idg. *brengh (bezw. *bregh) wird vorausgesetzt durch got 
(anajpraggan „bedrängen", mhd. pfrengen „pressen, drängen, 
bediücken", vgl. bayr. pfreng „eng, drang" (SchmÄÜer, bayr. 
Wb. I, 454), ndd. prang „eng", ne. prong „gabel", ndl. prang 
*druck, bedrängnis'. ndd. (dann auch hochd.) pranger „hals- 



Anl&iitffttidiett. 



301 



IL s, w. Ich stelle es ohne bedenken zu griech. ß^^y^^q 
ire*' ißQuyx^fi^\ sowie vielleicht ß^a^vQ (das in der regel 
mit got ffamaürgjan verbunden wird), vgl, ßgi^ai ^^chlürfen", 
ß^o^Sog „kehle*^, ßQ^x^Q „schlinge, strick'^; die bedeutnng 
^enge" ist massgebend gewesen, man vergleiche ae. ptötu,, 
ae, throat, nhd. drossel „kehle" mit germ. prüt (an. prjStüj nhd. 
verdriessen), Tat. trtido j^dränge*^, idg. Hrud; vgl. ir. braqa „ge- 
fangener", hraig ^kette", l^rage „cervix^ -kymn brenant „gnttiir 
ingolnm" und nasaliert aar. bronqidi „raucae", lett, adv- hrmikii 
flfest anliegen djgedrang" : idg. *sprengh in ]iL springsta spruigfi 
„würgen*^ intr, (beim schlucken), sprengHi desgl., sprangüs 
„wQjgend*^ (beim schlucken), spranglnU causat. "beim schlucken 
ergticken, würgen machen'^, lett. sprangat „einschnüren, ein- 
sperren"; dazu BhA. spriuga „pedica, schlinge zum Vogelfang", 
ihd, ^fm'lgelj spriegel vgl Kluge'* 373, bajnr* sprugel ^schnell- 
bogen, Sprenkel beim Vogelfang', Schmeüer IT, 701 und weiter- 
hin mnd. sprinkel „fangschlinge'', mhd, sprinke {in der mmne 
fprinken gefangen, 14. jahrh.), plattd. sprenkel 'klemmholz', 
ohd. Sprenkel „vogelstrick", hess. sprenj^, sprime „bügel zum 
vogelfangen j vogelschlinge". Wenn man hierzu formen wie 
Ä% pT§§(\s presti „anspannen", prqg^ Jöch^ u* a. m. ver- 
gleichen wül, so kann sich deren p erst ans ffp-formen ent- 
wickelt haben (vgl Zupitza, Gutturale, s. 26), 

Idg, *hlek (bl^h?) wird vorausgesetzt durch germ, 
*jjfc'(?aii ^pflegen, sorgen für, liebevoll mit oder für jemand 
tiaBdeln*', as. plegan^ ahd. pftegan (auch „sich verbürgen fÖr*^) 
vgl ae. plegiän „sich schnell bewegen, spielen", ne. play\ 
dazu ndL plirht^ ahd. pfiiht „sorge, pflege, dienst", mhd. p flicht 
«verkehr, gemeinschaffc, Verbindung, Umgang", nhd. pflieht^ vgl. 
^^ pWit „gefahr" [weiterhin vergleiche afrs, pli, ple „gefahr", 
*e*pfoö/i]; an- pUgr^ mnd. j?%, ahd* mhd. p^iio^ „betreibung, 
^erbsthätigkeit, gemeinsamkeit der Interessen" (das selbst- 
^Bretändlich mit piiug = aratrum nichts zu thnn hat), vgL 
»uch Scherer, Zs. f. d. A, XXII, 325 und Siebs bei Heck, 
^» Gerichtsverfassung, Weimar 1894, s. 430; setzt man ae. 
Mk in direkte Verbindung mit plegan , so muss man mit k 
^h- *hl€k annehmen (hierzu hat man liihnlms suhulctis ver- 
glichen, dagegen Zupitza a. a. o. s. 25); nimmt man aber 
ueben ^blek ein idg. ^blegh an, so Messe sich abg, Mags „gut" 
vei|:l#chen, femer poln. bfagaf"^ ^besänftigen", obersorb, blahovac 



302 Theodor Siibt, 

„lieben^, rass. poblaHti „nachsichtig sein^ : zweifellos hierzu 
idg. *8plk (splgh?) in ahd. mhd. spulgen ^'pflegen» gewohnt 
sein*^, henneberg. sich sptdgen „sich pflegen, gfitlich thon*^, vgl. 
Schmeller, bayr. Wb. ü, 667; lit. spyliü spuMij das von 
Zupitza verglichen wird, scheint mir der bedentnng nach nicht 
zu passen, denn es heisst in erster linie nicht „schonen^, 
sondern „kargen, sehr sparen^, vgl. spulüs „karg, übermässig 
sparsam*^ (auch wird man spuliü nicht gern von dem gleich- 
bedeutenden peldü, peldäti trennen ; freilich könnte hier p ja 
erst aus sp entwid^elt sein, vgl. oben s. 299). 

Idg. *beld (?) ist vorauszusetzen nach mnd. paUe 
„läppen, stack^, Schiller-Lttbben III, 295, und. paUe „läppen^, 
vgl. wang. paU^ ostfrs. plattd. paUe, palt „läppen, fetzen, 
lumpen, splittert, päUer „abgespaltenes sVlck, kloben^, paUerig 
„zerfetzt, rissig^, brem. puUe „läppe, lumpe^, puUrigj ostfrs. 
plattd. puUe, puU, Brem. Wb. m, 287. 375, Doomk. m, 
698, 771 (aussergerm. anknttpfungen habe ich nicht gefunden) : 
idg. *8peldin ndd. spalte, spaU „gespaltenes, rissiges*^, spaUer 
„abgespaltenes sttlck, scheit, kloben^, spaüerig „spaltig, rissig^, 
Doomkaat n, 263, ahd. spaUan. Zu einer wurzel *8p€l 
„spalten" (vgl. Persson, Kuhns Zeitschr. XXTTT, 285 ff.) lassen 
sidi stellen lett. spilwines „feine flatternde birkenrinde**, lit 
spalysy plur. spälei „schaben" (abfall beim flachs), auch aeol. 
onaklg „scheere" = y/aXlg (inwieweit diese griech. tp ^ an = 
anlautendem s -f media oder media aspirata erscheinen, mag 
einer besonderen Untersuchung vorbehalten sein). Indessen ist 
auch möglich, dass alle diese worte auf ursprüngliches an- 
lautendes bh : sp zurückgeführt und mit dem unter *bhelg 
zu besprechenden (s. folg. beisp.) zusammengestellt werden 
müssen. In diesem falle müsste paUe u. s. w. erst in germa- 
nischer zeit, nach Wirkung der lautverschiebung, aus spalte etc. 
entwickelt sein , wozu seine beschränkung auf germ. sprachen 
stimmen würde. 

2. idg. spß) :bh, 
Idg. *bhelg ist vorauszusetzen nach an. baJJcr „Scheide- 
linie", ae. bolca sw. m. „schmaler schifOsgang", ahd. baUco (da- 
neben aisl. bialke „balken"), ae. baica „balken", aber auch 
„streifen, furche auf dem acker, riss", vgl. auch baUce DWb. 
I, 1089; möglicherweise erklärt sich diese letztere doppelheiU 



AtÜKottifll^iill. 



ans 



dadurch, dass die ui*sprüugliclie bedeutung ^sehrtddent HpalU^ii^ 
war und „balken^ ^trabs" zu deuten ist wi« etwa f^ticbeit^ (vgl 
scheiden), „kloben" (kliebeii); ausseigermaiiische bexiebiiiigt^ii 
sind nicht sicher, mau vergleiche gr. q>tiXayi „stamm, bftlkon", 
lett balfens „pflugBtütze", Prellwitz 33K, vnm. holoino „dinken 
brett**, Zupitza 196 : idg» '^sp(h)elg in ndd. ^mlh'f Hpilk 
„abgespaltenes stück, Splitter, scheit, kloben'^ ndl* f^iolk^ vlaem. 
i^elke. vgL ndL spalken „spleissen, bersten'*, aisl* »plalk „ddtineit 
gtück holz"* Lit pa-8pU0s ,^dünn im «troh (vom körn), lin 
Wachstum zurückgeblieben^ vermag ich der bedeuttjiig wogen 
hiermit nicht zu vereinen. Weiterhin bt vielleicht m ver 
gleichen an, spjald ^brett", goL spilda ^gchreibtulel*', ndl. npdd^ 
ndd. spelle „nadel, stedtnadel'* aus germ» ^Bpiildo (in dnr be- 
deutungsentwicklung genau entsprechend dem oberd. if^bwäb. 
Müf „Stecknadel'^), vgl öech, spik „stecknailel*^ ti. a. m., Mikb* 
dck, s. 317, lit, spilgä (?) „Stecknadel"; vgK aiich die unter 
„spalten" gegebenen bemerk oogen s. 302, Am der ^-fcmn 
kann dann nieder aind. pfialakam „brett, latte*^ benror- 
gegangen sein. 

Idg. *bhTeud wird Yommgßmtal durch me. brS^tm 
pbrechen^, an. briSta (aa bromto, alid. brdmtm nbrtckebeii'*; tM. 
fcvydb „zarbrechUdi'^, frs, brm (Sylt Sateri. wg. f^r^»)^ oML 
kriigm ßrSg ffdro^en) ^b^irortrreclien , anfiM^weilen^ (von 
falospen IL ^ w.X WefterMn vielleiebt nevmktw, ifrri ^hiMpi'' 
Ififdi ^offpeii«, UräfMi. Wmt (ifwfai «.ipraMli^) Ittdoileh 
1. 23 mti Mt. hwmmB ^fujiriii", Ilefc II, U»; ttn tm- 

SABdbr I, 36& : idg. ^Mp(itreu4, m. ifHkm 
(w/rtOmm, tfr^ide .^xmwm, ifWl»*, i»rÄ( UNTW«*** «I^ 

11,706; «»t 




304 Theodor Siebs, 

einigen, z. b. lit. spriiidiUcts „knebel**, lett. sprüstu, sprüdu, aprat 
^eingeklemmt werden*^, sprüstis ,,gedr&nge*^, lit. spräudi^u, spräu- 
iUiauj sprätisti ^zwängen^, lett. spraude ^zäpfchen^, spraustis 
^sperrrute des leinewebers^ : alle diese aber lassen sich dem 
sinn nach wieder vortreflFlich mit lit. bnäujürs, brioviau-s, 
briduti'8 ,,sich andrängen, zwängen^ vergleichen (lett brauna 
„abgestreifter schlangenbalg"), Lesk. s. 293, 309. — Weiterhin 
scheint mit den erwähnten germanischen Wörtern verwandt 
zn sein ahd. Wodi^ mhd. brode, brcede „gebrechlich, schwach" 
(vgl. oben ahd. brosmo, ndl. broosch, broos) : nhd. spröde 
„dürftig, schwächlich", mengl. spr^, vgl. Kluge, etym. Wb.* 
373, Schmeller, bayr. Wb. I, 349; n, 701. 

Idg. *bhrSg wird vorausgesetzt durch lat. fregi (frango), 
ir. combrugad „confringere", vielleicht zu vergleichen aind. giri- 
hhrdjas n. pl. „berge durchbrechend", got. brikan, brakj bre- 
kunif bmkansj vgl. ndd. brok^ hochd. bnich „feuchte wiese, 
bruch, sumpf* ae. broc^ nengl. brook aus idg. *bhr6g (der von 
Zupitza s. 196 mitgeteilten etymologie schliesse ich mich nicht 
an) : idg. *sp(h)rSg in griech. ag>Qäyig „Siegel, das be- 
siegelte", eigentlich die „aufbruchstelle", Prellwitz 310, lett 
spregstu, sprsgt (neben sprägt) „bersten, platzen", iter. sprsgat, 
sprBgains „rissig, geborsten", lit. spragü, sprag^i "prasseln, 
platzen", spragä „Zaunlücke", sprogstu, sprogti „einen sprung 
bekommen, prasseln, spriessen (hervorbrechen)", lett sproga 
„spalte", spragste „spalte im holz", sprogalä "ausgespmngenes 
stück", ndd. sprikke, sprik „leicht zerbrechliches reis", ae. sproec 
(sprec?)^ an. sprek „reis, reisig", ahd. sprahhula (siUqua), ndl. 
mnd. sprokkel^ mdd. sprok „brüchig, zerbrechlich", vgl. mhd. 
sproky sproken. Lexer IT, 1120. Mit vorsieht sind die meistens zu 
diesen werten gestellten weiteren aussergermanischen verwandten 
aufzunehmen, zumal eine andere wurzel idg. *bherg / bhreg 
hiermit vielfach zusammengeworfen wird, vgl. ai. bhargas 
„glänz", bhräjate „leuchtet", alb. bar& „weiss" (bardi mit S = g')j 
ah\ Flaith-bertach^ neukymr. berth „nitidus", got. bairhts, ahd. 
ber(a)ht (mhd. breiten „leuchten, glänzen, funkeln", vgl. got 
brahv?) : idg. *sp(IO^'^ff möglicherweise in ae. spearca 
mnd. sparke „ftmke", lett. sproga „fliegender funke", mnd. 
spranken „funkeln"; in formen wie sphürjcUi "bricht hervor, 
tritt zu tage" bleibt es unsicher, ob „hervorbrechen" oder „auf- 
leuchten" zu gründe liegt. — Zu einem *bherg „glänzen" vgl. 



Anlaatstadteii. 



ai. bhürjm „birkeoart", osset harse^ abg* hreza, lit, berias^ 
aengl. birde^ ahd. birihha „birke". 

Eine i dg. würze! *hhräg liegt ebenfalls wie es scheint, 
einem anegl. (^eßrec „lärm^ zu gründe, sowie den Weiter- 
bildungen as» braht ^lärm*^, ae. breahtm^ abd. btaJit praJit^ 
mhd. praht^ mhd, brehten „rufen, schreien » lärmen'*, vgl, mhd. 
breht „Wortwechsel", lutbrehe „ruhmredig" ; bajr, brächteuj 
Weckten ist geradezu „sprecheUj reden", Weehteln „zankend 
fiele Worte machen", Schm eller, bayr. Wb. I, 345 : idg. 
* sp(Ji)r^g in aengL sprecan^ ahJ. sprehkan^ mhd. sprechefi 
(vgl. ahd. sprähha „spräche" u« s, w*); und hierzu bayr» ge- 
sprächig gsprarht ^das sprechen, geplauder", sprächten „sprechen, 
Tid sprechen" ; wie aber neben den r- formen auch aegl. specan 
{spwfü „spräche"), ne, to ^^eak^ speech^ ahd. spehhan erscheint, 
80 ist auch heute noch bajrr, subst spaeM „singen, lärmen, 
sprechen" (mhd, spehten}^ spächten „sprechen", vgl. gespädii^ 
fjspacht. Man pflegt sprechen mit an* sprafta „prasseln**, lit. 
spragil^ti u* s. w. (s. oben) zu verbinden, und in solchem falle 
könnte man die bedeutang von fragor „lärm** (zu frango) 
vergleichen (vgL Zupitza s. 168); indessen ist diese zusammen- 
Btellimg mir zweifelhaft. 

Idg* *bhel bezw. "^bhels ist vorauszusetzen nach Ut. 
^ilstü (inf. biüi) „fange an zu reden", lett, bilfchu^ bildu, bilft 
ftreden**, preuss. biUhvei „reden", lit bylä „rede", byliis „rede- 
fertig", hähas „stimme"; dazu vergleicht man ai. bhäsafi aus 
*%^aH „er bellt", ahd. bellan^ ae, heJlan („schreien, bellen"), 
Wahrscheinlich ans idg. "^bhSlso (idg. Is wurde unter gramma- 
tischem Wechsel zu germ. i>, dieses zu II und auf die formen, 
üe keinen grammatischen Wechsel hatten, übertragen, dazu 
toU ndd, bulle „stier", vgl bullen (ae. billan) Schmeller I, 233, 
frs^ saterländ. iöi^ (l-ll) „sprechen, reden" : idg. *sp(h)eL 
got ffpill „sage, fabel" ae. spetl „erzählung", got. spillon 
Ts^en, erzählen", ahd. spellon^ ae. spelUan, ne. to spell; ausser- 
S^Rnanische beziehungen sind mir nicht bekannt. Dass ein 
f*tgleich mit air. scSl unhaltbar ist, bedarf wohl kaum der 
*fwilmung; aber auch die von Edw. Schröder (Zeitschr. fBr 
•l^tttsches Altertum XXXVII, 241 ff.) gegebenen anknilpfnngen 
^^m zum teil hinfällig. — Falls man ndd. palleti^ pillertif 
V&päkn (pähn) „schwatzen" (Doornkaat Et, 697) heranziehen 
'Tll, muss es ans der sp-form entstanden sein. 




a06 TlModor Siebt, 

Idg. *bhödh (bhedh) ist voraosziisetzea nach IsA. födio 
födi „grabe, steche, haue^, abg. bodq „steche^, fit baddu, badyti 
„mit spitzen dingen stossen*^, dazu dann auch (nach der IH 
ablantsreihe) hedü „grabe^, lett. befchu, bedu, bell „schütten, 
begraben^, bedre „grube^, bedit „graben*^ (griech. jSo^foc 
ßadvvog „grube^ sind also hiervon zn trennen), vgl kymr. 
bedd „sepnlcnim^; vielleicht ist hier (Franck, etjrm. Wb. 
s. 61, Kluge ^ 41) got badi st. badja-^ ae. beddj ahd. bdi 
betti aus *bhodh%0' heranzuziehen« woftr einerseits die 
bedeutnng „flussbett^, andererseits die bedeutung „beet^ 
geltend gemacht werden kann (nach Kluge wflrde es vcm 
dem gegrabenen tierlager, vgl. aschwed. boedhü „nest, tier- 
lager*^, auf das lager des menschen Übertragen sein; freilich 
widerspricht an. betr „polster*' und das germanische lehnwort 
finnisch patjcij esthnisch padi „polster*^, aber auch fBr die zeit 
dieser entlehnung könnte die Übertragene bedeutung ange- 
nommen werden) : idg. *spödh (wohl schon idg. nicht mehr 
*8phödh^ vgl. die griechische form), as. spado^ mnd. spode, 
ahd. spato „spaten, grabscheit*^, auch fem. in ae. spadu (mnd. 
und. spaden „graben^), afrs. spada (sÜ. spädß), vgl. nhd. spaten 
„grabscheit", Schmeller, bayr. Wb. n, 690; dazu griech. anad^ 
„Spatel (breites flaches holz), das untere breitere ruderende, 
Schwert"; ital. spada wird meist aus letzterem abgeleitet; das 
von Kurschat verzeichnete lit. [spoda, stpoda „stossdegen, 
rappier", szpada desgl. ist wohl ebenfalls lehnwort, vgl. auch 
lit. sepogas, poln. szpag „degen". 

Eine grosse zahl von weiteren, weniger sicheren Zu- 
sammenstellungen könnte noch gegeben werden; zu ihnen 
lassen sich namentlich solche rechnen, die in einer der beiden 
wurzelformen nur ffir einzelne sprachzweige zu erschliessen 
sind. So z. b. got. braips, an. ftreflSr, as. afrs. hred, ae. brädj 
germ. stamm ^braida- „breit, ausgedehnt", idg. *bhroidho- 
(oder *bhroit6'?\ für dh könnte sprechen die — freilich 
der bedeutung halber zweifelhafte — vergleichung von lit 
brydau brydoti „hineingewatet dastehen", brpdis "spur des 
watens im grase", braidaii, braidyti „fortgesetzt waten", brydtus 
„der im gras die grenzspur austritt", etwa „breit einhergehen, 
mit gespreiteten beinen gehen"?) : idg. *sproidh (wohl 
nicht *sphr(ndh) in germ. *spraxdjan^ ae. sprddan, ne. to 
spreadj ahd. spreiten^ mnld. spreiden, afrs. *spreda (stl. spreda^ 



Anltatskidieii, 



307 



Bwfrs. sprmldBf sprbdai) „aasbreiten", nhd, spreideln „sich aus- 
breiten, zerstreuen", Schraeller, hayr, Wb. II, 701 , TgL mhd* 
sprtten; dazu ir* as'Sr&dim „streue aus^ für *spreidhö^ s, u. 32 L — 
Feme? idg* *bhöff in ae. Imcan ne. hake „dörren, backen**, ahd. 
bahlian (neben geminierten formen wie ahd, bctckan, ne. batch) 
praat ae. ioc, vgl. griecb. tpdyio röste : idg, '^spfhjög in 
mnd» spak j^dUrr, trocken", nnd. späh „dürr, trocken, brüchig 
Ton hitze oder trockenheif*, späkm „vor hitaje oder dürre 
springen **, mnd* spakeren „sprühen'^, bayr. ftpachen „durch ans- 
trocknung bersten", spmhmi „funken", Schmeller 11, 654 ff., 
TieUeicbt lett, spilgalas „glänz**; besonders sei darauf hinge- 
wiesen, dass n^.hakereti (vlaem. hakeren und bakelen „dörren, 
»engen**) genau dieselbe bedeutung hat wie ndL vlaem. spakereti^ 
so dass z, b. de Bo (westvl. Idiot, hakerachügf spakerachtig 
s* 66 und 920) die beiden begriffe durch emander erklärt. — 
Temer brodeln bändeln „qualmen, dunsten, sieden** wird in 
der regel mit ahd. brädam „brodem" (wurzelform idg. *bhrSt, 
germ. *Ar^^, vgl lat. fr&tiitn? ^wallendes wasser", fretale 
^bratgeschirr" u. s. w.) verbunden, wozu dann in fernerer Ver- 
wandtschaft ahd. bräian^ ae. brddan (idg. ^bhr^dh), sowie 
ahd, brtiol^ got *brödjan „brüten** von germ *brö (mhd, brUejm 
^brühen**) zu vergleichen sind, u. a. m*, vgl. Persson s. 20, 
Fiek* I, 496, II, 172 u. s. w. : nhd, sprudeln „aufwallen, 
aaden**, hB.yv:^üd€ln „quirlen" Sehmeller, bajrr. Wb, 11, 701 ; 
etwa ^sprMh in spradern „spritzen** ? spmden „beschmutzen" 
a. 8* w., s, ebenda; aussergermanische beziehungen ergeben 
ach in griech. n^^^ aus *sprBdh (vgl. ni^m^fjftt) vgl» 
^Tühen^ mhd. sprüejen (: brüejert); über hierhergehörige formen 
äait idg. p a,m sp siehe oben s, 300. 

3- idg. st : d. 

Idg. ^del wird vorausgesetzt durch grieek iilog „falle, 
tta'* {^öXisig, ^oXoüi), laL dolus „absieht, list** u. b. w., auch wohl 
Herzu iFjXdoßtJti, lat. delere^ an. täl „betrug, gefährdung"^ ae. 
^ftül) „Verleumdung", ahd. säia „nachstellung, gefahr" ; idg, 
*>tel, got. düari, ahd* stelan „stehlen" ; hierzu air* siät „raub** ? 
4c»ch wohl nicht mit Stokes (s. 314) lat stlatUf das vielmehr 
flbreit" ist; vgL anders Persson 63. 

Idg, *deiin ist zu erschliessen aus as. tiunian, afrs. 
*iw«a, tiona „schädigen", nwfrs. tsjoenje ^verzaubern, behexen" 



308 Theodor Siebt, 

Grdr. 1272, Zs. i V. f. Vkde 1893, s. 380, ae. teona „schade", 
tynan; in der regel wird es verglichen mit ai. du-nSti ^quSlt'', 
dünds ^gebrannt, gequält", Svrj „Unglück, elend", Sva» „bringe 
ins unglttck", iaüo aus *Ja/fco {S^mg etc.) : idg. steun? vgl 
mnld. slunen „feindlich andringen", mhd. stunen (stünen?) 
„losgehen, angreifen, schlagen" Mhd. Wb. 11, 713\ Einzig 
auf dieses letztere yerbum hin die «<-wurzel gegenüber 
dem anlaut d zu behaupten, wäre freilich sehr gewagt; man 
würde vergleichen können das Verhältnis von Sivaiiai (6vaai)y 
Svvafiig „kraft", lat. durusj air. dür „hart" (dun „feste Stadt", 
ae. tun) : ai. sthürds „stark", ahd. stiuriy lett stürs vgl. griech. 
arwo, arevrai u. s. w., wenn hier nicht anknüpfang an die 
Wurzel 8ta (vgl. st&u, steu, stau, sta u. s. w.) vorzuziehen 
wäre, vgl. Brugmann, Grdr. 175. 499. 

Mit den letztgenannten formen bringt Franck (etym. Wb.) 
ndl. sturen „sturen, leiden, richten" neben stieren in Verbindung; 
indessen ist zu beachten, dass dem ndl. sturen ein ndl. turen 
parallel geht, das ihm in der bedeutung sehr nahe kommt 
So vergleiche man zu ndd. sturen das ostfrs.-plattd. tiiren 
(wang. t^) „angestrengt und aufmerksam wohin sehen, seinen 
blick angestrengt aufmerksam oder suchend und wählend 
wohin richten, zielen, trachten, wählen", auch tür-ogefi, türig; 
und tursk, türsk „sauertöpfisch, unfreundlich, störrisch", in der 
bedeutung genau stimmend zu stursk, stürsk Doomkaat IQ, 
448. 357, vgl. an. tyreygtr „with peering eyes". — Unser 
nhd. stieren kann hiermit nicht verglichen werden; vielmehr 
pflegt man es mit starr zu verbinden : plattd. stir^ stir (germ. 
ster : star : stir), vgl. griech. areQeog, ai. sthiräs „fest", weiterhin 
(TTsiQtt „hauptbalken des schiflFsbodens", lit. styrstü, styrti „steif 
oder starr" werden (styräi) u. a. m.; wozu allerdings wieder 
dyrü, dyräi „gaffen, lauern" (dyraii, dyroti), vgl. dairyti-s 
*umhergaffen." 

Idg. *debhj griech. äiqxo „kneten, walken" (eigentlich 
treten?), an. tifa „to trip, to move the feet quickly", ahd. 
zahalm, nhd. zahelen „zappeln", mit nasaler Weiterbildung 
ndd. tappen „tappen, unsicher gehen", vgl. bayr. zappen (ver- 
ächtlicher ausdruck für ein schleppendes, langsames gehen 
von pferden u. dgl.) zappelen, zeppelen „mit kleinen schritten 
oder auf den zehen trippeln" (vgl. auch griech. cffVco, lat 
deps'^ M. stafen (dh. staven) „unsicher und tappend 



Änlautetuditn. 



I^ten", stafem desgl., Doornkaat III, 295 (wohl aus vorgerm. 
•sfoi/i), weiterhin a^e.deppan^ mnd. stäupen ^stapfen, sehreiteD^ 
itdl, stappen (hier ist nicht sicherzustellen , welche ursprüng- 
lidje gualität des labials der gemination zu gründe liegt); 
licli wurzeltbrmen wie idg. stah^ stap sind bezeugt, z. b. 
ßfijiißaf „stampfen^ u, s. w*, abg< siopa ^fnssspur'^, st^eni 
'tr&b* u. a. m. 

Auf idg. *demb (bezw. *d€b) weist zurück mnd, timpe 
„aipfei, ende", und. timpe „spitze, ecke'^j Brenmehes Wb. V. 70, 
TgL bayr. iittnpfefif ztimpfy Eumpfel^ mhd. zumpfe „das mann- 
Me glied% mhd. Wb, m, 949, SchmeUer U, 1126; ohne 
iiasaJ, vgL ndd. ndl. tepel aus *tJpel, vgl. ndl* engl, tip, ndl, 
iippel bochd. aipfei „eode^ spitze" und, ablautend dazu, das in 
der gleichen bedeutung gebrauchte ae. nengL top ^gipfel", ndL 
fldd. top „ende, zipfel", an. tojipr^ afrs. top „haarbüschel, spitze, 
lopf*, hochd. ropf [warum Kluge, etym. Wb. unter „zipfel" ^436 
diese Worte von einander trennen will, sehe ich nicht ein], 
wahrscheinlich auch rand. und, mnld. tappe „zapfen" (spitze, 
ende als keil oder kegel zum abschlusse); ausserhalb des 
Öennanischen vergleiche ich neuslow. serb. dehlo ^ stamm ^ 
MM» 40 (zur bedeutung vergleiche die folgenden s^formen) : 
idg. *stemb bezw. *steb in ndd* stemp Schüler-Lübben 
IT, 384 ^radix^, ndl* sfömp „stamm, Strunk", ndd. stump^ hochd. 
^tmpf^ bayr. stumpf j stumpfen „das männliche glied^; viel- 
leiett hierzu auch unnasalierte formen wie ndd* ndl. stip^ 
Hippel „spitzchenj pauktchen*' sowie, mit gemination, auch 
odl. nddp Stoppel^ ahd. stupfaUi „stoppel", bei dem entlelmung 
aus vulgär-lat> stUp(n)la durchaus nicht notwendig anzimehmeu 
ist, namentlich in anbetracht der folgenden aussergermanlschen 
spradifonnen ; neuslow. steblo „krautpflanze" Juki. s. 320, cech. 
*rt(o „halm", abg* sibblo „candex caules", stbblije „stoppel", lit* 
«temkas pStengeP, dlmbras siimberf/s „stummel« schwänz", 
Mmbrm „stengel" (l^tt. .ftitbrs „halm", Leskien ;>47 [stobrps 
Tigipfel", Kni^chat s. 406, scheint mir unzuverlässig].') 

Auf idg* *dreb n. K. m, scheinen zurückzuführen poln. 
drahiita „leiter'*, drah „grosse wageuleiter" MikL s. 49 [das 
iwt verzeichnete Ht. drobina weiss ich nicht unterzubringen; 

') Alig. U^ ^gtompf' läaat nt\k , wenn es überhaupt mit den eben ge- 
ilMBt i n fomien verelolgt werden soU, nur auf ebe idg. wurzel *itmp mxA 
^(ü^ lurtckfühi^a, d. o. a. 299. 



310 



Theodor Sfobi, 



ich keane air ableitungea von drobä „lemwand^J; dazu 
g^leiche mnld. mnd. trappe^ mnd. mlid* treppe „treppe*^^ ndd. 
trappen „trappeiij treten**, ndd. trippen^ hochd. trippeln {uiid 
trappeln% ferner mit nasal got. trimpan j,treten", mhd. nhd. 
trampeln (engl to tramp , trample)^ rahd. trumpfen „laufen**; J 
es hängt zusammen mit as. tredan^ ahd. tretan^ got. trttdan, ' 
an. troda (idg. ^dret?), vgl, trudeln „sich viel zu schaffen 
machen^ ahd. trottan, nhd. trotten imd weiterhin trotteln^ bayr, i 
trotten „treten, tanzen^, trotteln „hausieren'*, wozu im letzten 
gründe idg* *dra u, s, w, (ß^avai, ai. äpadrät% M^aaMoj 6q6- 
pLQ^) zu y ergleichen ist : hierzu mit an]. iA%, st weiterhin 
wahrscheinlich lit. stripimjs „leitersprosse", strypiü^ strypti 
„heftig treten j trampeln, trippeln**, str^miSf straipstm **leiter- 
sprosse'^; ferner mnd. sirampefi „heftig auftreten", hochd, 
strampeln „heftig treten" (vgl. stni^mpeln)^ bayr. strodeln 
„strampen mit den füssen" (kann der hedeutung nach nicht 
mit stredefi ^fervere" vereinigt werden), strotten „eilen, Über- 
eilt verfahren**, Schmeller II, 810. 820, — Auch in diesem 
falle muss ein lit* trepstüj trepti „stampfen (mit den flissen)", 
wenn es hierzu gehörtj erst ans *strep entwickelt sein. 

Die zahl dieser beispiele lässt sich noch bedeutend ver- 
mehren^ wenn man einerseits (wie es bei dem letztgenannten 
dreh ~ streb neben strip geschehen ist) worte mit ver- 
schiedenen wurzeldeterminativen hinzuziehen will, z. b. lat 
daps (damnum), griech, ^«71«^;;, ^dnrw „zerteile, zerreisse** 
(zu tffiTTivoi' vgl. Persson 54), aind. däpay- Persson 53, an. tufn 
„zuerteüung , opfer** (vgl. Tanfaiia?)^ ae. tifer „opfertier**, 
ahd. eebar^ vgl. mhd* ungezihere „Ungeziefer" : idg, ^stäb 
in afrs, ieldstöpa „geldabgabe", ahd. oster-stuopha „osterab* 
gäbe** (vgl. deutsche Rechtsaltertllmer, 298 alte ausg.), wohl 
auch mhd. stüefen, stnofmx „hervorbringen, anstiften**, vgl. 
R. His, Strafrecht d, Friesen s, 55; andererseits, wenn die 
sehr vielen mundartlichen doppelformen, wie z. b. iroUen — 
stroüen (- Btrolehen) zusammengestellt werden sollen. 

4. idg. stß):dh 
Idg. ^dhümo' „rauch "*, ai. dhümaSf griech- 5§^©g, lat 
fümuSy abg. dyms, lit dütnai^ vgl* auch mndl, doom^ ahd. 
töum „dampf*, (idg, *dIioumo-) und weiterhin di-o^ „räucher- 
werk", 3ii^m „stürme einher'*, Sv^lXa ^Windsbraut", ai* dküpü- 




Anlftiitstudieji. 



311 



^ami „räucheru", got. datitis „dunst", abg, dmmti „spkare" etc. 
vgl Persson b. M. 59. 81 : idg, *st{h)oti7nö-^ germ, *stauma- 
ae» steam ne, steam „dampf", afrs, "^stäm^ nfrs* Btoam(e)^ Edl^ 
^oom^ nndd, 5föm, 

Mit obigen rf/t-formeii hat Persaon die worte got. dumbs 
mid duuß (stamm danba-} in Verbindung gebraucht, die ihrer 
bedeutung nach einander ebenfalls sehr nahe stehen, insofern 
got> dumhf? „stumm" und ahd, tumb sowohl j,taub** als „stumm '^ 
bezeichnen kann (vgl, noch im älteren nhcL dumm = taul^f 
wie denn ähnlich auch obd. törisch für Jauh'^ gebraucht wird, 
vgL auch ndl dof^ ndd- duff ^glanzlos, matt", mhd, tob „toU, 
nicht bei verstände'*); zu der idg, wurzel ""dheuhh hat 
man dann griech. rv^pkig „blind" gestellt und dessen beziehung 
zu *dhfimo' durch rmpac „rauch" erhärtet; beachtenswert ist 
die bedeutung tv^oQ „albernheitj dummheit*^ (vgl iv^^davog 
fv^oytpco*'), ai. dnHdhüpita- „aufgeblasen, hochmütig*^, air* dtib 
,jdunkel, schwarz**, JJubis als flussname; vgL Prellwitz s. 331, 
Persson s, 56* Dass alle diese adjektiva eigentlich „empfin* 
dimplos, stumpfsinnig*^ bedeuteten, ist hiermit gegeben; auch 
mftg auf bedeutungen wie got* däufs „verstockt", mhd. imihen, 
Ehd. betäuben hingewiesen w^erden. Zu diesen worten nun 
erscheinen (genau wie ndl» stoom : d4}om „rauch") auch st- 
formen wie mhd. simnp, dum „stumm", stiimbe „ein stummer*^, 
ndl stompj dorn (es ist durch idchts gerechtfertigt, die formen 
nül h bezw. p von „stumm^ zu trennen und sie durch Über- 
tragung von „stumpf" zu erklären, vgh auch nordfrs. dum 
Sylt ans "^strtmh, Grdr. P 14lD3; weniger notwendig ist die 
direkte ankntipfuiig an „stammeln^, vgh Kluge" 386, Franck 
912); vgl ndd. stnf „stumpf, gefühllos" (das allerdings aucli 
4uf eme idg. wurzel ^stemp zurückgeführt werden kann) u. a, m. 
Weiterhin vgL lat* stupere, stupidus (zu oben genanntem idg- 

*iheup), 

Idg. ^dherbh wird vorausgesetzt durch lit dirbu^ dtrbti 
(iter, dirbin^ti) „arbeiten", därbas „arbeit", darf im ^arbeitsam' : 
li?* wurzel ^sterbh (wohl nicht dherbh)^ vgl. an. starf 
frharte arbeit, mühe", darfa „hart arbeiten"; möglicherweise 
Mmu abg. stsbl^i fortis, drähiti u. s. w. , vgL Miklosich 322; 
*diwerlich (Persson 22L 224), gilech. (TTE^qtPtagt vgl. ati^fog 
'%o; tergus Brugmann I^ COl, oT^tfPii; (Gust Meyer^ Griech. 
^ramm* V s. 69 *stj^h}m6s?)i mhti dreben „sich abmühen, 

21* 




312 Theodor Siebt, 

ringen^. Wenn ich schon diese letztgenannten Zusammen- 
stellungen nur als Vermutungen gebe, so möchte ich mit 
Sicherheit got. stairban ^sterben*^, lit. sterptis „sidi starr 
machen, auf seinem rechte bestehen^ u. s. w. völlig hiervon 
abtrennen und zu idg. sterp : terp ziehen, vgl. lat. tarpercj 
lit flrpti „erstarren^; die übliche erklärnng des Sterbens als 
des „sich mühens^ ist sehr gesucht und iBndet durch griech. ol 
xafiovTeg, das gewöhnlich herangezogen wird, nur eine schledite 
stfitze. 

Idg. *dheig}i „stechen, stecken^, vgl. griech. diyari^iy- 
yavto) „anrühren^, lit. dygstu, dygti „hervorstechen, keimen^, 
dygas „dorn", dyg^s plur. „Stachelbeeren**, dyglis „Stachel**, 
dygsnis „stich**, dygüs „stachlicht**, Lesk. 271, dS^i „stechen**, 
d^gas „keim**, deiginis „lanze**, daigis „das keimen**, daigyti 
„stechen**, daiginti „keimen machen**, lat ftvo figo „stecken, 
heften** (ßbula u. s. w.), wozu Persson (190) auch di^ym dor. 
&aya} „wetze, schärfe** stellt: idg. *8t(h)eig^, lat insHgare 
„anspornen** {stlmtUw „Stachel**, stihis „Stichel, grabstichel, 
griffeP), griech. ar/C» „steche**, GTlyfia „brandmal**, russ. stegatb 
„steppen**, cech. steh „stich im nähen**, an. (nach der ei-reihe) 
steikia „braten, mit dem bratspiess durchstechen** (nordfrs. stika 
Sylt „rösten**), stika der „stecken**; vgl. got. stiks „Zeitpunkt**, 
ahd. stih „punkt" neben as. stekan, ahd. stehhan u. a. ; mit nasa- 
lierung got. stigqan „stossen, stechen** (über die enge berührung 
dieser bedeutungen vgl. das Friesische, Grdr. I*, 1164) stagq- 
Jan und vielleicht hierzu lit. stiugü, stlgti „ruhig werden, ver- 
weilen (eig. stecken)**, vgl. stygau, stygoti „verharren**, lett. 
sügu stigt „einsinken** [das dann von lett. stiga „pfad** staigytis 
„eilen** u. s. w., die auf idg. *steigh zurückweisen, getrennt 
werden mtisste], vgl. Lesk. 285. Wenn hierzu ai. t^te „ist 
scharf**, tigmä- „scharf*, av. üjra „spitz** gestellt wird, so muss 
es aus der sUform erst späterhin entwickelt sein. Es ist 
möglich, wenngleich nicht erweisbar, dass von einem ahd. 
sticchen aus germ. *stikjan „stechen, sticken** ganz zu trennen 
ist das mnd. verb stikkm „in brand geraten, anzünden** Schiller- 
Lttbben IV, 399, stl. stika „brennen**; es könnte vielmehr mit 
idg. *dhegh, vgl. lit. degti „brennen**, got dagsj in Verbindung 
gebracht werden [germ. kk aus ghn\ aber das i macht 
Schwierigkeiten]. 




AulftQtatiidieiL. 



313 



P Auf i dg. *dhul führt zurück ae, as. ndl. d^l „töricht"; 

I ablautend dazu (*dhu€lf *dhuöl)j vgl. afrs, *dwela^ stL dweh 
Grdr. I* 1315, ae. dwellaft (schwaches verb), got. dwäls 
„töricht", air. dall ^blind" aus *dualnos^ griech. ^hXbqo^ n^er- 
wirrt, betört" (S^ aus dha)^ ai. dhvarati ^bt bringt durch 
tauschung ins verderben" : idg, *st(h)ul in lat sUdttts. 
Den idg. formen, die mit dhu anlauten = germ. dw, in ndd. 
dtmlm, hochd. tmihn, spatmhd, qualm „betaubung, qualm", 
eBtsprecheu wahrscheinlich formen mit mv (aus stu>)j vgl 
ostfrs.-plattd. dweUn „irren, umhersch wärmen" {dwalm, dolen 
Doomk. , ostfrs. Wb, I, 369) : swelen (swälen) „saufend und 
lärmend um herschwärmen" (ebenda III, 375); vgl. auch über 
ßehtmlm „qualm, dunst", schivalmen Schmeller bayr. Wb. 
n, 632, DVVb. IX, 2194 u. a. m., sieh aber auch unter würze! 
*gvel 8- 316). 

5. idg. sk sq, s^ : §, g, g^. 
Got. kalkjom dat plun Luc. 15, 30, nom* (*fca?ti oder) 
Vmikß, vgl, kalkinassus „hurerei^ : aBugh scylcen „dienerin, 
Sklavin, schlechte person", vgl mhd. schetkin. Ob zu ersterem 
sieh das neuslow- ialiklme stellt, das Miklosich Wb. s* 406 
verzeichnet, kann ich nicbt entscheiden. 

Idg, Wurzel *5f;rjo, mhd. k&rben (wahrscheinlich ahd. 

"kerfan) „kerben", ae. ceorfan „schneiden", mnd* kerven (y^mtpmj 

got. graban, abg, ffrebq ist abzutrennen) : idg* ^skerp in 

ae. sceorfafiy vgl, mnd* schorfj mhd, nhd» scherbe^ mhd* scherf 

(nhd. Scher flein), vgL mhd, schrufferi „spalten", ahd, serevmt 

^einschneiden", nhd* sf^hrofff ae. scrwf „höhle" ; hierzu griech. 

fittttfnio^ „Skorpion", lett schkirpta „scharte**, schkerpw „rasen- 

pflugmeaser**, sehkerpEt „mit dem rasenpflug schneiden", schker- 

ptk „bolzsplitter", Leskien Ablaut s* 343, vielleicht auch lat» 

mipulum „kleinster teü", scrfiptißurjs „spitzer stein", f^crupetis 

uichroff", — Daneben eine wurzel idg. *kerp, lit. kerpü „schee- 

m^ schneiden**, vgL lat carpo^ aind, krpatja „Schwert", krpäj^i 

i8cheere", griech. t^aQuiCf germ. ^karbista' „herbst"; vgl. 

«leb die einfachen wurzeln *ker und ^sker in griech. ttUgm, 

ähi sceran „scheeren", air, scaraim, ht> sktriü sowie er- 

'''^•«rteg (s)keru, (s)kerdh, (sjkers, (s)kerk C^)kerbOO u, s. w. 

i 127 (107, 86, 57). In allen iälleu können die 

■zel skerp gehörigen formen kßrp und gerp in 



314 Theodor Siobs, 

ihrem uebeneinander am besten dadurch erklärt werden, dass 
das 8 4- 9^^ sich zu skerp entwickelte, nnd dass daraus 
schon in idg. zeit ein kerp sich abspaltete. 

Idg. *gerb, lit. gerMu „ehren**, apsigerbti „sich an- 
kleiden", lett. gerbt „kleiden" (schmücken), lit. garbS »obre", 
gdrbinti „rfihmen" u. s. w., Leskien 362, an. karpa „prahlen, 
rühmen", mengl. curpen „?" : ae. sceorp „schmuck, kleid", 
Zup. 154 (namentlich in kompositis wie sigesceorp n. s. w.), 
8ci(e)rpan „bekleiden", gescerpan „vestire, omare", vielleicht 
auch lit. sJcdrbasy poln. skarb „schätz", russ. skarbs „möbel". 

Idg. Wurzel *glei, lit. gUm^s „zäher schleim", lett. gUhnesis 
„Schnecke", lett. glews „zäh", gllwe „schleim", vgl. ahd. 
kleimen, afrs. klema „aus lehm schmieren", vgl. kliuoa „kleie" 
(vgl. kleister, kleiben u. s. w.), yXotog „klebrige feuchtigkeit", 
yUa yXivri „leim", abg. gUm^ lat. glüten „leim" (Persson 171, 
Leskien, Ablaut 327, Zupitza s. 147, Brugmann P 576), air. 
glenim : idg. '^$(k)lei in mhd. ae. slvm „schleim", vgl. Utixal 
„Schnecke" (abg. jrZemy^di, cech. hlemyH gegenüber poln. ^'ZiiNoft); 
ahd. slvo^ ae. sliw „schleim", vgl. air. slemain^ vielleicht \»L 
llmus. Johansson PBB. XIV, 318 ff. erklärt diese fälle, in 
denen lat. gl — i, griech. y\ — X, germ. kl — sl einander 
gegenüberstehen, auf andere weise, indem er zglei (nebea 
glei) sich zu slei entwickeln lässt; ich nehme vielmehr an, 
dass Sgl zu skl und dieses zu sl geworden ist. Inwieweit 
hiermit nhd. klamm ^ engl, clam „feucht, klebrig, schleimig*' 
zusammenhängt ist unsicher, vgl. griech. yXafia<o : mhd. slam 
„schlämm". 

Idg. Wurzel *gleud in ahd. klog „klotz, klumpen, 
kugel", ndl. kloot, ae. cleat (vgl. klotz), germ. *klautar, vg^ 
ai. guias aus *grudas „kugel, ball", vielleicht auch vgl. lit. 
gludüs „dicht sich anschmiegend", glaudJiu und glätishfti 
(iterativ), Leskien 296 [weiterhin griech. yXovrog u. a.] : idg. 
'^sß)leud in mhd. slog m. (neutr.?) „hagelkom, schlösse** 
(auch sloge fem.), ae. sUate aus germ. ^slautor ^slauto- 
„hagelschlosse", wohl ursprünglich „kugel, ball". Die Ver- 
bindung mit schwed. slotter, dän. slud u. s. w. (Johansson, 
Paul und Braunes Beitr. XIV, 306 ff.) braucht nicht au^pegeben 
zu werden, während die Zusammenstellung mit griech. j^oAa^o, 
die dort mitgeteilt wird, mir nicht plausibel ist. 



AnlftQt^dien. 



315 



Idg. *gleiihh m lat glüho „schäle ab**, griech. yliipoi 
„schnitze*^, ahd. klioban „klieben, spalten**, vgL nhd, kliift,klaben 
n. a. m. : idg. *$(k)leubh in nbd. svhlauhB „schale** (nicht aus 
slü(w)e „gehlaue" direkt, vgL mhd, sloufe „erbsenschote"), viel- 
leicht auch Schluß, srkhicht (das sich als Muß, vgl. felsen- 
schlaube „felsenspalte'*, weit besser erklärt, denn als schlupfe 
[winket]^ vgl ndl* sleuf^ slovefi^ ostfrs^-plattd. slöfe „kerbCj 
rinne, spalte"). 

Idg. "^gneib in lit gmjhm „kneifen^ (gnaibyti iterativ), 
Leskien 273, ffnybis „kniff", ndd. knij^en (hochd. kneifen)^ 
griech. yvifoiv „knicker** vgL oben s. 287 : idg: *s(k)neib 
in engl» to snip „schneiden", vgl. hochd. ffSehnippeln^^ an. snipa 
„Schnepfe** engl, snipe^ plattd. snipel „frackj abgeschnittener 
rock". Man vgl. auch inybiü „beisse" (für '^sHybm?^ oder 
steht i für s£n? vgl, sjmamü und inairiü „scheel sehen**?) 
Vielleicht erklärt sich aus idg. wurzel shwih lett, knebjti 
fikneifen", engl, ta nip aus ^hniparh 

Idg. Wurzel g^ely lit geliü „steche", (HUint „todes- 
fSttin^i abg. äah „schmerz", air. afhaü ^sürbt", ahd. quelan 
«schmerzen haben**, ae, cwalu „tod" cwelan „sterben", griech. 
iilXtg ^4XXi&üg (?) „wespe" ; idg. ^s(q)uel in as. ae. stmltan 
|ol ntiltan „hinsterben". Sichere anknüpfungen in ver- 
wandten sprachen fehlen. — Verbindung mit sivelan^ lit svüii 
uschwelen" ist der bedeutung halber kaum wahrscheinlich. ^ 
Aber zu diesem letzteren m?el aus s-gwl "brennen, schwelen" 
phört nhd. schtmlm „qualm" Schmeller 632, „erstickende luft" 
Deutsches Wörterb. IX 2195, mnd. stmlm (zu sivelm) Schiller- 
Lfibben IV, 484 : nhd, qnalm^ ndd, hoalm, ahd, kol kolo 
«kohle**, kymr. glo „kohle" air. gtial „kohle", vielleicht auch 
iind. jvalati „brennt, glüht" ; inwieweit ein anderes ahd. qualm 
aiif twalm (ndd. dwalm) zarückweisen kann, kommt hier nicht 
ia betracht; vgl. oben s. 312. 

Idg. *gueiti m ai. ßmÜ „altert", jyäni- „schwund, 
gtbrechlichkeit", lat. "^vi&re meseo „schrumpfe", griech. ^tiX*! 
abend UitXüg abendlich (? air. be nacht), ae. cuifian „hin- 
ichwmden", mhd. mnd. und. qimien ^schwinden (in der 
krankbeit) abnehmen", vgl. lett. ginstii ginin gint '*zu gründe 
{^bea, abnehmen" (z. b* vom monde) nach der HI. ablauts- 
Uttse; aber frs. kwinda und kmna vgl. Pauls Grdr. P 1312 ; 
'<l|* •ffg^t^ei» in ahd. swinan „schwinden, abnehmen", mhd. 



316 



Theodor Siebg, 



suineii^ iihd. obd. schumnen ^ohnmächtig werden", an« svtna 
^nachlassen", vgl. ae. svtma „Schwindel, ohnmacht", an, sfdm% 
ndd, snmn^ ndL zmjm^ ae, simndan^ hochd. schwinden, 
^chuindehi; der Verbindung mit mVoc „schaden", mvnftm I 
„schädige" steht lautlich nichts entgegen (a aus a/ in a/Aag s. o., 
vgl* ütyaw^ ahd, smgan)^ Vielleicht dazu auch lit. sk§stü 
skendan skfsti „ertrinken"* — Inmeweit hier ae, dminan^ 
nfrs, dmn Pauls Grdr* I- 1313, nid, verdmijnm heranzuziehen 
ist, bleibt unsicher. . 

Idg. guem in "^gy^emtö „gehe", lat vmio^ vgL griech. | 
ßaivm, Vgl ai. gamyam ^ovi wohin man geht", got. qiman^ 
ahd. qtieman (ae* cuman) „kommen, gehen", verb der be- 
wegung, vgl, kymr, chwyf chun/ßs „motns movere", Bick, Wb. 
n 323 : i d g. w u r z e 1 *s f'j^ iii e m in ahd. simmma7i (praet. stmm) i 
aus '^8ti}emnö, an* Rymia „schwimmen". Da in den übrigen 
indogermanischen sprachen andere wurzeln gebraucht werden 
(griech. y^/m^ sir. mmim^ lat. imre^ ai. snäm „ schwimme "), mag 
im Germanischen dieses verb allein auf die bewegung im w£^ser 
bezogen sein; mit ähnlicher Spezialisierung wird in gewissen 
friesischen dialekten (saterländisch) das wort „fahren" ledig- 
lich für die schifFfahrt gebraucht, vgl. no^tvoftat „gehen", 

Idg. ^guetf got. qipan, ae* ctvSan^ afrs. kwetha (neufirs. 
wang* kim^; stl kwSda) ^ sprechen", mit vielen Weiterbildungen 
wie ndd. kwatteln kwattern ktmttem ködern köddern; die 
Wurzel liegt wahrscheinlich in air. bei „lippe" aus Hefh- 
vor : idg. *s(q}u€(t)i mhd. stvatermi swat£^€7i stveUen^ vergl. 
auch schwadern schwcdem schwidem schwitdem^ Deutsches 
Wörterb. IX, 2173, ebenda 2349 ff. Bchwatim schwefzen. Bis* 
her Würden diese worte stets als unbekannten Ursprunges 
bezeichnet, zumal lat. sttadere Italien, mada natürlich nur zur 
deutung vereinzelter fälle herangezogen werden könnte (wie 
wir sagen: „der mensch hat eine furchtbare schwade!" vgl. 
schwadronieren)^ vgl. Kluge*' sub v, schwätzen. Wir haben 
nunmehr neben germ. wurzel qe^ eine solche *s\mp anzusetzen. 

Auch andere doppelformen mögen ähnlich zu beurteilen 
sein, die wir hier bei seite lassen, weil auf onomatopoettscbe 
Worte kein zu grosses gewicht gelegt werden darf, %, b. qrmbbeln ; 
schwabbeln (Schmeller, bayr. Wörterb. giebt bezeichnender 
weise öfters eines von solchen worten zur erklärung des 
anderen an, z. b, I, 1391 qitcAeln „schwappeln vor fati**); 



I 




Anlftotitadieii, 



317 



ddi aucb teil Doomkaat-Koolmanti, ostfrs, plattd. Wb. HI, 368 
n. a. m. 

lAgr *guelk in SiB. (for)c7voHan p(ver)schlucken"j Sievers, 
ags» Gr, § 389 anm. 5 vgl as. geqttalkit (qtmlhjan)^ ndL kwahier 
ndd. kwalster für ^kwälhsteTj gerni. wurzel qitelh „schlucken*', 
vgl, koUtern kohtern : idg. "^sfqju^lk in ahd. simlhan 
awdffun „ schlucken '^^ ae. stvelgan „schlingen**. Weitere ver- 
wandt« dürften sich in der iinirzel idg. gi^l ergeben (die von 
Brugmann verzeichnete Verbindung mit r-fonnen, z, b* lat, vorarey 
griech. ßö^d sind mir nicht wahrscheinlich), vgl ahd» qmllan, 
lat ff^da, air. gelim^ al galati ^träufeln**, griech. ffXvo} {ß^Xw 
Sikkat?) : ahd. sti^elJunj mr. silim „lasse tröpfeln*^ (kelt su wird 
im Irischen zu s). Vielleicht stellt sich auch so die Weiter- 
bildung ßlij^to „quelle hervor" {"^gulugiö) : Xvi^ta aus *4g\^)lugio) 
pSchlncke**^ Xvyi^v u. a. m., vgl. nhochd, schlauch, ndd. stach 
„schlandj kehle "^^ 

Idg, *g^er in lett, gurstu gitru giirt „ermatten, sich 
legen" (vom hnnd), gurdens „ermüdet, matt" {gtirus „bröcke- 
lig"), dazu wohl got qairriis „ruhigj sanft**, an. kyrr kvirr^ 
mhd. kiirre^ md. kurre, nhd. kirre, mnd. qiiärre : wahrschein- 
lich idg. *s(q)u^^ wegen der Weiterbildung lit skurstu 
shirdmi sknrsti „im Wachstum zurückbleiben, verkümmern*^, 
wozu auch an. skorta mangeln, ae* shori, ahd. skurs Zupitza 
157, Johannsson, Kuhns Zeitschr. 32, 486. 

Tiefstufe idg. *gi!T- in ßa^vg, got kaünis^ ai, gitrn^ 
„schwer"; vielleicht hierzu idg, g^er, ir. herran „last^ über- 
tragen: kummer" (ist neuirisch, nicht etwa altinscb)» ahd. 
qimran „seufzen** : idg. ^s(q)ue^^ germ. ^Sfvera- „schwer", 
vgl. got siuersy an. svdrr, ae. sivier u. s. w.; auch kann 
eine stufe germ. sti)^ aus ndl. zweren „weh thun", ahd. 
nn^ nhd* „schwären" erschlossen werden; eine stufe idg* 
Ff liegt vielleicht vor in naaunnvq „breite füsse habend" 
(etwa „schwerflissig"). Die Verknüpfung von „schwer" u. s. w- 
mit lit. sveriii „aufheben" muss allerdings fallen gelassen und 
lit svarm als deutsches lebnwort erklärt werden; man wird 
sich aber in anbetracht der übereinstimmenden bedeutung von 
ßm^h nnd „schwer" dazu verstehen. 

Idg. wurzel ^greii in idg. *graidos „kreis", alban. 
fp* (G. Meyer, Bezz. Beitr. XIV, 55) „reif", ahd. kreis, got. 
•ftrait«, Kluge, etym. Wb.« 225, vgl ndl. krijt, got ^f^eüs : 



I eine 



318 Theodor Siebt, 

idg. *8qreid in lit. skrindü skriduü skrlsti „fliegen, kreisen'^, 
skridinys „kniescheibe", skrydauti „im kreise gehen**, skry- 
dineU „kreisen**, skraidyti „im kreise henuntreiben** (vgl. lett 
skrgmens „mnde Scheibe"), skrytis „radfelge**, shriJtutga „kreis** 
Persson 106, Leskien 283, Zopitza 158. 

Idg. Wurzel *gremb in lit. grumbu „holperig werden**, 
lett grumbu praet. grumbu inf. grumbt „runzeln bekommen**, 
grumba „runzel**, Tgl. neuslov. grbanec „runzel** abg. gnbs 
„rücken** u. s. w., ae. crtmpaw, afrs. *krimpa wangerog. krimp, 
Pauls Grdr. P 1312, ndl. krimpen „sich zusammenziehen**, 
ahd. krimpfan : idg. *8qremb in afrs. *5Ärimpa, wg. sxrimp, 
ndl. schrimpelenj mhd. schrimpfen „runzeln**, nhd. vergl. 
schrumpfen, vgl. Schmeller, bayr. Wb. I, 1369, lit. skrebiü 
„trocken werden**, änt-skr^ai „krampe** (am hut), apreuss. 
senskrempüsnan „runzel**. Daneben scheint eine wurzel idg. 
*qreinb vorgelegen zu haben, vgl. xgafißog **trocken, ein- 
geschrumpft**, vgl. ae. hrympde „runzel**; auf anlautendes r 
weist ae. rimpan „sich in runzeln legen**, vgl. lit rumbas 
„narbe**? (griech. gifAßo) Qafifpog-, die Eluge^ 323 heranzieht, 
sind ganz unsicher und haben vielleicht anlautendes / ver- 
loren) — inwieweit hier Zusammenhang herrscht, ist unklar, 
vielleicht ist germ. anlaut r als neue s-lose bildung zu einem 
*8rimp' neben *8krimp' zu erkläi'en. — Man vergleiche zu 
krimpfen : schrimpfen auch ae. crincan „schrumpfen** hochd. 
krank, ndd. krunkeln, vgl. abg. sdgrdöiti : ae. scrifican 
„schrumpfen**, an. skrukka „runzel**, mnd. runke „runzel**, 
abg. szkrzöiti Znp. 157; auch hier anl. h : an. hrokkua „sich 
kräuseln**. 

Idg. *^rem in lit. gremzdtc gremszti „schaben**, Lesk. 
362, lett. gremschu gremst „nagen, beissen**, pagramdis „nach- 
schrapsel**, gramdyti „schaben**, lett. gramstlt (iterativ) „zu- 
sammenraflfen** (das vorletzte stellt Brugmann, Grdr. I* 522 
zu xQ^hf^^ u- s. w., wozu die bedeutung meines erachtens 
keinen anla^ giebt, vgl. u. s. 322); femer verwandt ist wohl 
y^nw u. 8. w.; ahd. krimman „kratzen** (an. krumma „kralle**), 
vgl. bayr. krimmen stv. in „drücken, kneipen, kratzen**, ndd. 
krimig „scharf, kratzend** (vom wein) Br. Wb. n 874 : idg. 
*8qrem, mnld. schrämen „krabben, schraven**, vgl. Franck, 
etym. Wb. 864, mhd. schräm schräm, nhd. schramme, vgl. 
an. skräma „wunde**. [Schwerlich ist hierzu griech. go/uog 



Änlautifnidifiii. 



319 



„holzwurni'^ 2U vergleicbea, aus *s(q)u^omöSj denn Mervon 
möchte ich wieder skr* krmi^ lit, kirm^U^ air, cruim aus 
^hu^^'^i' kymr, pryf^ alb, krimp nicht trennen; es sei denn, 
dass q^ ans squ nnter jüngerem verlust des ^ entstanden sei, 
wie wir es ja in mehreren fallen gesehen haben]. 

Idg- ^grei(d) in ndl. krijten „schreien'^, mhd. krl^efi 
stL krtta^ Pauls Grdr. I=* 1308, ühd, kreifsm^ vgl nd» krijsctmi 
(eine ^Ä'-bildung dazu) „kreischen" ; die annähme einer germ> 
Wurzel *krl wird gestützt durch formen wie schweizer, krai 
^deutlich*', vgl Stanb-Tobler III, 778 und durch lat. ,91«!- 
grire „schnattern**, giitjgrUus u* s. w-, Brgm., Grdr. 11 848, 
Persson 195 (mhd. krien stv. I kann aus dem Eomanischen 
entlehnt sein, vgL frz. crier) : idg. wurzel ^ s kr ei in ahd. 
scrian^ afrs. skria und ablautendes mnld. mhd. schreien, vgL 
me, screnmn, ne. to scream ^kreischen**» — Freilich haben 
solche fälle von onomatopoeticis nicht die gleiche beweis- 
ki'ätt wie andere wurzeln; so habe ich auch auf werte wie 
quabbeln : schwabbeln u. a. kein gewicht gelegt (ygL oben s* 316). 

6. idg. slc{k)j sqß}t sq^(h) : §h^ gh, g^k 

Idg. wurzel *gheid^ lit, gedrm „klar, heiter" , gatärits 
desgl., lett. gldrs „klar", dtidrufm „klarheif*, gaischs „klar", 
gaistm „licht" LesL 273, vgL griech. fpaiigoQ „klar, glänzend" : 
idg. *s(q)eid^ vgL lit skaidrü^ ji^^^h klar", skaistas und skai- 
gtm «hell", lett. skaidrs „hell", schk'ists „klar, rein", abg. 
äists „rein" (fH^titi „reinigen") Miklosich s. 36, vgL got. skeirSy 
griech. iiuta, ai. chayä \l s. w. Daneben steht eine weitere, 
auf idg. anläutendes k zurückzuführende form, z. b. ai. ketü- 
glicht, glänz", an. IwSk „klarer himmel", ae, hddor^ ahd* heiiar 
„heiter", ai. ffürä- „strahlend". 

Itlg- *gheiid(h)j lit. gat^dJ^ü ia£. gaüsti Jammern, 
heulen" n. s. w,, gnduriilü Jammern", gflsti „beklagen", 
lett. gmifdm gauR „klagen", gmtda „klage, geheul", vgl. an. 
qmä^ „schelten", ganta „schwatzen" n. a, m. : idg. s(q)eud(h) 
in griech. ai^v&oit; „zornig", lett. skaufchu skauft „neiden", 
Bkundu skiindM „missgönnen, murren", ifkmidä „anklage", 
skundiu „sich beklagen" u, s, w. Inwieweit die sonst von 
Leskien s, 308, sowie von Zupitza s. 153 hinzugebrachten 
Worte (lett. skaudrs „scharf* etc.) hierher gehören, scheint mir 





320 Tb«odor Stabt, 

ansicher. Vielleicht ist weiterhin got. gäurs „betrübt^ (ahd. 
gorag) zn vergleichen. 

Idg. Wurzel *ghel(dh)^ got fragüdan „vergelten^ 
güd güstr „Steuer^, ae. giddan „bezahlen*^ afrs. idda^ vgl. air. 
geU ^pfand^, geUaim „verspreche^, abg. ^ledq „zahle^ (weder 
griech. tix^g noch otpBiXm lässt sich vergleichen); man vgl. 
auch für gM die bedentnng „schuld, schuldiger zdns'^, z. b. 
der mann hat viel gelder^ d. h. schulden, sowie guü „schuld*' 
Schmeller, bayr. Wb. I, 905. 909 : idg. wurzel *8k(h)el 
in skylu sküaü skiUi „in schulden geraten^, skdiü skdßH 
„schuldig sein^, skolä „schuld^, preuss. skaüisnan akk. „pflicht 
(Schuldigkeit)*', ae. scyld^ afrs. 8keld(e)j as. sctüd „schuld*' 
(lit. kaUas „sdiuldig infolge eines vergebens*', katti „schuld, 
vergehen*', vermutlich mit lat. sceltia^ aind. kaUcO' „betrug'^ etc. 
zu verbinden, ist entweder vollkommen von den vorher ge- 
nannten Worten zu trennen, oder es ist spätere entwicklung 
aus ^Mormen; vgl. Johansson, PBB. XIV, 296 flf.). 

Idg. Wurzel ^ghleidh, ae. glidanj afrs. gUda^ ahd. 
glUan „gleiten" (sonst keine entsprechungen; weiter ab steht 
griech. x^^f^ ;rXi*aa) /Xirfcov, Vgl. ahd. gli^an) : idg. *8qleidh 
(wohl nicht *8q(]i)leidh) in lit. sklydus „glatt", lett sklaids 
„glatt", vgl. auch lett. slidas „Schlittschuhe", slids „glatt, 
schräg", lit. slidüs^ slysti „gleiten", lett. siede „geleise", slaids 
„abschüssig), abg. sleds „spur", mir. släet „schleifbahn" 
gael. slaod aus *sloidd(h (Alex. Macbain, Etymological dictio- 
nary of the gaelic language, Invemess 1896, s. 295), vgl. 
ae. slidan nengl. to slide „gleiten", ahd. sleita „abschfissiges 
terrain = fiti. wang. sxleda, Siebs, germ. Abhandlungen XII, 173, 
helg. sklid „gleiten" Joh. Schmidt, Kritik der Sonantentheorie, 
s. 39 flF., ahd. slita slito „schütten" nhd. schlittern = glitschen ; 
es ist schwer zu entscheiden, inwieweit formen wie griech. Xfg 
„glatt", Xirog „glatt", Xi&og „stein", femer Xetog Xet/Adv hier 
heranzuziehen sind, denn auch andere wurzeln werden ver- 
glichen, s. Prellwitz 178. 184; air. ll, nkymr. llitv „glänz, 
färbe", lat. livor, Brgm. Grdr. I« 103, Persson 170 ff., vgl. 
oben s. 297, vgl. auch mit l anlautende wurzeln im Litau- 
ischen, Leskien, Ablaut 276 ff. Man sehe auch die nasalierten 
formen wie got. fraslindan gegenüber mhd. glinden u. a. m., 
Johansson a. a. o. 325 ff. 



ISSSS' 



321 



Idg. anl. ghn wird vorausgesetzt in an. gnaga „nagen, 
beissen^, ags, as. ahd. gnagan^ ostfrs. plattd. gtiagea (knagen 
ahd. knugan)^ an, gneggia^ scliwed* gnägga ^wiehern" (vgl 
ae. hndgart)^ sÜ. j*wj|^ „lachend verspotten, aufziehen", 
Schweiz, gnagge „weiüerlicb bitten, klagen^; gnäggi auch „ein 
tadelsüchtiger" und „ein kiiauser", Stanb-Tobler II, 665, 
weiterhin vgl, lett, gtu^ga (nach Fick, vgl. Persson 136) 
„nagend, unlustig essend", auch griech, ^vavta u, a. : an. 
snagga „zanken, keifen", magger „zornig , zanksüchtig^; 
Tgl. Johansson s. 345. Auf solche, den onomatopoetiachen 
bfldungen sich näherude fälle ist im einzelnen nicht allzu 
grosses gewicht zu legen, man vgl. aber naheliegende fäOe 
wie gtmnen ostfrs. plattd. j,nagen, beissen" : anauen „schnappen, 
beissen** Doornkaat-Koolnian, sub verbo> gnurtm : murren 
Q. a. m. — EbenfaUs bloss aus den germanischen sprachen 
sidier zu belegen ist afrs. gnitha, vgl, ae. /"orj^alS, nordfrs, gnis 
Pauls Grdr. I*, 1308, gegenüber ae. gnidan „reihen, verkleinem", 
alid. gnUan (knitan) Persson 136, ostfrs.-plattd, gnulen, subst. 
gnid „allerlei kleines zeug"^ in der bedeutung von „schrot** 
(air. gnod „spitze, Stachel"?) : afrs* mitha^ ae. sni^an 
„schneiden" (air. maidim lehnwort?)- — Während diese auf 
ghn zurückführenden beispiele weniger sicher sind» haben wir 
einige mit ghr^ die keinen zweifei aufkommen lassen: 

Zu idg* *ghreidh stellt sieh got grids (st gridi-) 
j, gehritt "j vgL abg. grfdq „komme", lat. gradior^ griech. tca(ß- 
9^ni (ifiy/Jofig) itaQ^fiog (ö novg) aus *;r«p^^oCj aif- ingten- 
nim „ verfolge" j greim „progressus" aus ""grendmm-, ai. gtdhyaü 
j,er schreitet auf etwas loß'^, vgl auch bayr* gritt (graiieln) 
„«chritt*', Schmeller I 1017 ^ griUen „die beine spreizen" 
Staub -Tobler II, 827 : idg* "^sfqjreidh bezw. *sqreit, ae. 
dtrrtBaii „schreiten", an. skrVta „gleiten" u. s. w., as* skrUayi, 
ahd. ^crttan „schreiten", ahd. scrit „schritt" ; vielleicht sind 
hiermit einige litauische formen su verbinden, die zum teil 
zn ^graidos etc. (s. o. s, 317) gestellt werden können, z. h. lett. 
^kndinüt „laufen lassen", skredinät dasselbe, skrGJens skrB- 
jams „lauf*, slcraidinai „laufen lassen" caus. Leskien 283. 
Hier kann auch air. sridim „werfe" verglichen werden, das 
tonst meistens zu '^sptBiä gestellt wird, vgL o. s, 306. 

Zu idg. Wurzel *ghrendh stellt sich ae. grindel „riegel" 
ihi grintü „riegele balken", ndl* gteridel^ an. grind „ein- 



322 Theodor Siobi, 

zännung, (Iatt6ii)yer8chlas8, pforte", nhd. grendel grindd 
„riegel, balken, pflagbalken'' (Staub-Tobler ü, 759), lit grindis 
,,dieleiibrett^, pagrindai ^bohlenlage^, grändai „latten auf 
den deckbalken des Stalles*', lett. grAdes {ü aus an) „holz 
zum einfassen*', abg. grfda balken*' u. a. m.; yielleicht ist 
die orsprOngliche bedeutung die des scheidens, abspaltens, 
Tgl. an. bäUcr „Scheidelinie*' : bjälke „balken*' (vgl. auch 
grinden „sich öffiien, klaffen*' ? Lexer, 1, 1086) : iig.* skr endh 
„sich spalten, scheiden**, ahd. skrintan, mhd. achrinden „risse 
bekommen, bersten*', schrande = schranne, vgl. schwftb. 
schrand „getreidemarkt bank, gerichtslokal'', Schmeller 11, 608 
ahd. scrunta^ mhd. schrunde „spalt, riss, felsh&hle*', vergL 
Lexer n, 800. Bmgmann vergleicht hier lit skerdiu „spalten*' 
n. s. w., Leskien 342. Weiter ab steht, falls überhaupt hier 
zu vergleichen, genn. ^gnmpu- (an. grunnr\ *grundu' „gmnd*' 
(got. grundmvaddjiis) ans *ghpitü'^ das sich hinsichtlich der 
bedeutung hiermit vereinigen Uesse; vgl. aber auch lit grimstu 
„sinken**, gramedus „tief, sinkend*' Lesk. 328 (also ^ghpntü-T). 
Persson s. 73 zieht hierzu griech. x^alvfo heran, doch ist die 
bedeutung nicht mit „reiben, mahlen*' u. s. w. zu vereinigen; 
indessen scheint dieses wort mir doch unter unser gesetz 
zu fallen, in sofern X9^^^^ „bestreichen, besudeln" be- 
deutet, ^aiv(o „besprengen, bestreuen", z. b. fiiXiri xQ^^^^f^^og, 

uifiati QuivofiivovQ\ Übertragen q>6vtf xXijuaxag Qaivnv, nidov 
(fovtf /pa/y«iy. Vgl. oben s. 286. — Auf Wechsel von idg. gh 
und sq weist auch hin ahd. grint, nhd. grind „schorf, aus- 
schlag** vgl. Lexer I, 1087, denn man wird es nicht trennen 
wollen von lit. skrentu skretmi skresti „mit einer trockenen 
(schmutz)kruste fiberziehen, mit schorfartigem schmutz be- 
decken*', Leskien 369, Kurschat 383, apskrentü „verharschen*' 
(von ehier wunde). — - Mit ae. grindan „mahlen, reiben, 
knirschen*' (vgl. ndl. grinden\ frs. *grlnda, nhd. grand u. s. w., 
das wohl mit lat. frendo *'knirsche*', lit. grendu „reibe" zu- 
sammengehört, ist es nicht direkt zu vereinigen. 

Idg. Wurzel *ghrem liegt vor in griech. X9^l^^^^ 
„brummen**, jfpo^oJo^ „geknirsch", ahd. gramiggon „fremere 
mgire", as. gristgrimmo „Zähneknirschen", vgl. ae. grimman 
„toben", an. gramr^ got gramjan „reizen" u. s. w., lat fremo 
„brause, murre", abg. gromö „donner", vgl. auch. lit. grunisti 
„drohen", grum^na „es donnert leise und dumpf in der 



AnlBiiMadien. 



323 



ferne*^, so auch stL *t ^mmlt „es doimerf^ (vgL mhL grummen 

„fremere*')j [vielleicht mit vorigem zusammenziistelleii : frendo 
ans *fr€mdö}: eine ,?'form idg. ^sq(h)rem m nhd. svhriimmehi 
„dottoem", vgl nordfrs- skrummel ^getöse, geräusch, gedieht** 
a&. skrtim „geschwätz", skruma verb. 

Idg* Wurzel *gkeud erscheint in lat. fundo (fud aus 
^ghitd), göt, gmtan^ ahd* giog^mif aind. jiihoti „er opfert, giesst"» 
^av. saoBra „opferspende" u, s. w.j arm. gaunern „ich opfere ''^ 
alb. diih diu „das gegossene ^ wachs", Brugmann P 552, 
TgL griech. ^yäfiv adv. „ausgegossen", /vdotfo?, XWa? flussname 
in Sizilien, weiterhin ^^m^u „Weihwasser^ zu jftM „giessen, 
schleudern" : idg. ^8li(h)eud^ an. afdota „schleudern, 
schiessen" (für die bedeutungsverwaadtschaft mit „giessen" 
mag, ausser griech, ^it^^ noch das entferntere „schütten** 
aus germ. YbUM genannt werden), ahd. skiogan^ vgL abg. 
sttjfij Ut sBauju „scMessen", alb* he^ „werfe" aus ^sketidö, 

Idg* Wurzel "^ghrel ist vorauszusetzen nach mhd. 
grellen „laut schreien vor zorn"j grel „rauh, grell, zornig" 
(vgl, subst. grel grelle Leier I, 1077), ndd. vergreUt^ vgL 
verb. grillen; mhd. grüUen „höhnen, spotten", ae. Spilan 
ff'ieüan „knirschen, grell tönen", vgL nhd. grille „laune", 
groÜ; hierzu vergleicht Persson s- 41 ai, gharghara- „ge- 
knister" ; idg, *sq(h)rel^ ndd. schrelL nhd* schrill, ne- to shrill 
„schrill tönen", vgl, ae, scrallettaii, ndL .schrollen „schmälen 
(grollen)", nhd. schroll, Deutsches Wörterb. IX, 1766 ff,, rand, 
schrul „anfall von unsinn, toller oder übler laune, heimlicher 
gralJ" (darnach nhd. srhrid „Wunderlichkeit, grille"). Natürlich 
darf auch hierauf nicht zu viel gewicht gelegt werden, da 
mit onomatopoetischen elementen zu rechnen ist. — Ähnlich 
bei ndd, grahheln (ndl. grahhelen, engl, grabble^ vgL nhd. 
grapRm u. s* w.) zu idg. Wurzel *ghrabh, got. graban, abg. 
grd^q u. s. w, : idg, *skrabh mdl. ndL sehrabben, nhd. 
nchrappenf vgL lit. skreb^i „rascheln", lett. skrabt „schaben", 
skrtMnät „benagen", skrabstu „schabein", lit ätskrabai „abfall" 
(vgl. griech. üM€i^iipo^ „Splitter**?) u. s. w, — 

Ausserdem könnte ich aus einzelspraehen noch reichliches 
weiteres material geben, das freilieh um so unsicherer wird, 
It mehr und je verschiedenere formen des 5-losen anlautes 
ien s-formen gegenübergestellt werden können. 




324 F. Lorants, 

Aber ich wollte mich darauf beschränkea, ans einer 
reichen zahl von parallelformen nur die mit annähernder 
Sicherheit zusammengehörenden mitzuteilen; und ich glaube 
gezeigt zu haben, dass die fälle, in denen das bewegliche s 
dereinst vor anlautende idg. media oder media aspirata ge- 
treten ist, an klarheit hinter dem bisher bekannten material, 
wo das s vor anderen konsonanten erscheint, nicht zurftck- 
stehen. 

Greifswald, im märz 1901. Theodor Siebs. 



Slavische miscellen. 

7. Zu Mithofs polabischen sprachproben. 

Das älteste der uns erhaltenen polabischen Sprach- 
denkmäler sind die aufiseichnungen Mitho& aus dem jähre 
1691, welche in Leibnitz' Gollectanea etymologica abgedruckt 
sind. In manchen punkten bietet Mitiiof hierin von dem 
sonst fiberlieferten abweichendes, und es ist nicht uninter- 
essant festzustellen, ob dies nur dem aufeeichner oder der 
spräche zuzuschreiben ist. 

1. Für „thttr" giebt Mithof ditmr. Bei den übrigen 
aufiseichnem ist nur der plural überliefert und zwar in der 
form dwaray J. P. dwarrey S. twaray Pf., was von Schleicher 
durch dväräi wiedergegeben wird. Wie ist M. hier dazu 
gekommen, diwar zu schreiben? Eine einschaltung von 
vokalen ist bei ihm öfters zu bemerken: wackenow urslav. 
*olcnOy dubere dän, dufera defka, urslav. *dohrtij serize wohl 
in serive (Schleicher nach den übrigen quellen mvf) zu ver- 
bessern urslav. *öervif dazu noch greihynarim, wo man 
*greichnarim erwartet. In allen diesen fällen ist aber eine 
liquida oder ein nasal im spiel, in deren nachbarschaft sich 
öfters dergleichen einschubvokale finden. Wäre der vokal in 
diwar ebenso aufzufassen, so sollte man *dewar oder *dau}ar 
erwarten, das i scheint mir auf etwas anderes hinzudeuten. 

Wie nämlich aus den Schreibungen tgenangs J. tjenangs 
J. P. tschenangs Pf. D. tjinangs J. P. tyenafigsäy J. (= abg. 
kün§£:X), tgenangtgeinia J. (= abg. kün§gyni), ggeniosda gginU 
josda J. P. (= abg. gnezda), gogenang J. P. gojenang J. P. 
goyenang J. jogiiang S. (= abg. jagn§), chimU J. P. schenügl 



Bltrlsohe miflcollen. 



325 



Pt (- abg. chmeti) hervorgeht, hat ein palatater vocal auch 
über eineu dazwischenstehenden nasal auf einen vorher- 
gehenden giittiiral eingewiitt und muss diese erweichung 
deo eindmck gemacht haben, als ob hinter dein erweichten 
konsonanten ein palataler vokal stände. Ich glaube, dass 
man hiemach auch dhvar in d'vär 211 tranBskribieren bat. 
Entstanden ist dies tVvär aus dem nrslav. *dmn über die 
iDittelstnfen *dvär *d:v^r *d:väf. 

Sonst ist solche wii^kung nicht nachweisbar» Die einzigen 
sonst in betracht kommenden Wörter, nrslav. *dvifjnqti und 
HvlrdUj sind als tweiggenuut J, P. und tjorda J, P. überliefert^ 
bei M. findet sich mit dem anlaut dental + v nur dvvarrwiz, 
welches wegen slov. dii^TtücU nicht mit Schleicher auf ^dnlrl* 
wira, sondern auf ^dvonnica zErückÄufiUoen ist- 

2- Die urslavischen nasalvokale sind im Polabisehen im 

aUgemeinen als solche geblieben, nur im auslaut ist q öfters 

durch einen nicht nasalierten vokal bezeichnet, was darauf 

scUiessen lässt, dass hier die nasalierung nur schwach war. 

Im inlaut fehlt die nasalierung nur in folgenden wörtem: 

uieroAr M<, mooke M., saceodel M. saccodle D,, prodka M,, 

^oSssat (auch vuan phossat „er tantzet^) M. phisat Pf D., 

mmtiSieia Pf, wuessaneUa J*, jaznnn M, Es ist aufiTällig, 

dan H., dessen Wörtersammlung die kleinste ist» die meisten 

beispiele für diese entnasalierung bietet« Dass wir es hier 

nicht überall mit blossen sclireibfehlem zu thnn haben, wird 

Üar, sobald wir die übrigen ein ^ enthaltenden Wörter M.s 

und ihre äquivalente in den verwandten dialekten, dem Slo- 

viazischenj Kaschubischen und Polnischen, heranziehen, 

a) Wörter mit erhaltenem nasalvokal: dmnp: slov* dö^p 
p, di^b d^hiy gtmis: slov, gas p, gf&, rotika ronkaweii 

^nkd: slov. rqkä räkeicä kasch. rqka rqkavica p, rfka 
^kü^lncaf sionda: slov. svjqtt p, Swi^^ty, rosgung: slov. rÖüzgä 
t'fmgff techung vgl* B^p, poklinachf , dreiiü wottong: slov. 
ir9^n^vät^|i P' 'Vatq^ wuüni^ka „weissbrot" ist mir nicht klar. 

b) Wörter mit entnasaliertem vokal: mooke: slov. möukä 
p. mqka^ saccodel: slov. köug^l p. kqdziel^ prodka: p. przqdka^ 
p'oasmi: p* phime^ tihm^ak: slov* vqbörk p* w§bortk. 

Mit zwei ausnahmen finden wir hier das Verhältnis: wo 
^ÄÄ Slovinzisch- Kasch ubische qr das Polnische f bietet, hat 
^ Polahische q bezw. 1^ wo dort o^ bezw. q steht, steht 




326 



F. Lorentej 



hier annasalierteB o. Hiernach scheint das Polabische die- 
selben quantitätsverschiedeEheiten g^ehabt zu haben wie die 
öatUcben dialekte des Lechischen und ist im Lüchower dialekt, 
aus dem M,8 aufzeichnungen stammen, ^ geblieben, d aber zn 
geworden. 

Die beiden ausnahmen sind drenü wottong^ also der akt. 
sing. fem. der adjektiva, und uherak. Für ersteres kann 
angenommen werden, dass unser gesetz nicht im auslaut 
gewirkt hat (-^ kann schon früher zu -^ geworden sein), oder 
es hat eine anlehnung an den akk* der substantiva statt- 
gefunden. In uberakj das aucli wegen seines le auÄUUt^ liegt 
entweder ein Schreibfehler für wumherah yor oder es verhält 
sich zu Ufhm^ek wie p. wqmmica zu kasch, vqsepnica slov, 
vqslevnicäf im letzt ern falle wäre vortoniges o zu u geworden 
vgl. tmimberak Pf. 

In den übrigen quellen finden wii* saccodle D., das augen- 
scheinlich M*s smcoilel ist, neben ktmdeglia D., phisat Pf, D., 
vielleicht Schreibfehler für das daneben stehende plungsat Pf. 
phmgBa D. oder aus einem andern dialekt, und nmsammu Pf. 
xmiessanewü J. neben wungsaneitz S. In letzterem ist ausser- 
halb ÄLs das fehlen des nasalvokals am sichersten bezeugt, 
doch mache ich auf slov. väslehlicä aufmerksam, das ich 
allerdings zunächst noch für eine speziell slovinzische anleh- 
nung von mdevilicä an vü^s^l halten möchte. Sonst kennen 
diese quellen auch für $ nur den nasalvokal, z. b. mmtka 
X P. Pf, munkaa S. : p, muka^ pijiinie J. P. : p. piujy, u^jimgöxit 
S. : p. wiqeaCf skumpe 3. P. Pt skonAe^ scumbe D, : p. skqpy n, s. w. 

Das einzige beispiel, wo a fiir einen nasal vokal steht^ 
mzmin, halte ich für einen Schreibfehler für janzmmi vgl. 
gansmtn J. jänsmin Pf. 

3. Für das von Schleicher mit l'än transskribierte Ijm 
J. P* hjan J. Hon Pf. Hon D. schreibt M. tminff^ ebenso 
schreibt er für sonstiges dän J. P. dän Pf, neben daan auch 
daang. Mikkola Bet. und Quant, i. d, westslav, Spr, I, 13 
fussn. meint^ dass dies vielleicht lav dan zu lesen sei. Ich 
gehe noch einen scliritt weiter und lese Iq du. 

Im Polabischen sind nämlich die ausgänge -UnU -Infi nicht 
2u -an -an geworden, sondern zu -(J -q. Dies beweisen die 
formen des nom, sing, mask, der pronomina tuug J. P. S, M., 
mjig J, P., wozu auch noch das als 3. sing, des hiUfsverbs 




Bl&viBche laikc eilen. 



32? 



gebrauchte jang J. P, S. M. ffang J. jan ja ia Pt tan M, zu 
stellen ist, vgl. Kalina Rozprawy 1894 s, 176. Als grund- 
forrnen sind aufzustellen Hmm (slov. thn kasch* p. ten)^ *s%nn, 
*ßnri (slov. ji§ny Dass die überlieferten formen in t^ sg 
bezw. t\i m ja und nicht wie Kalina es thut, in tmi jan zu 
traBssbribieren sind, zeigt die sclireibung mit -ng im gegen- 
satz zu ivan J. P- S. M. ivatm J. P. d. i. viTn, urslav. *onö 
und Pfeffingers ja m. Dass es ttmg aber jang beisst, kommt 
daher, dass nach einem polabischen lautgesetz ein auslautender 
nasalvokal als -^ bezw. -\i erscheint, sofern ihm ein harter, 
als -q aber, sofern ihm ein weicher konsonant vorangeht, 
z. b, akk* sing, der a-stämme: fnunJmng J.^ nihmg J.^ dalirung 
S. dd-nrng J., glawung J. P. ^ plochtong J., tschörtmg Pf.j 
defong M. u. a. w. (über die ausnahmen s. Schleicher s. 21:5 f); 
akk* sing, der ./a-stämme : simang J., sonidelang Pf, sonidela J,, 
tauBsang J. P., kopang J. (jäuseinnung S. gehört nicht zum 
nom. goMsehiga J. d. i. jeujsiihktj sondern zu einem *jeti^aina); 
instr. sing, der ja-stämme: simang J,, prütnidela X, pit tunsa 
J,, Saskia willü J. P. ; nom* sing, der neutr, *;-stärame: weimang 
J. P., ramang rafnatm J. P.; nom, sing, der f^stämme: tUang 
Pf. tielang S, tilang J. M. ielang J., stinang J. P., porsang 
J. P. S, porssang M. ; die 1. sing, und 3, plur. praes* haben 
überall den erweichten stammauslaut der übrigen formen 
angeuommeu, daher eidang X, pitzang H., rietzang S,, -q 
findet sieh im verbum nur in der 3. plur. impf techung M. 
Hiernach sind tung und jang regelmässig, statt smig aber ist 
*süng zu erwarten: ich halte aung für eine Umbildung nach 
tufig. 

Für urslav* *Unü ist demnach auch Iq vorauszusetzen 
und dies sehe ich in M.s laang. Das sonst vorkommende rätt 
ist ueubildung nach den übrigen kasus (gen. ^l'äno oder 
*T&na u, 8, w.). Da nun M. auch daang bietet, muss dieselbe 
ent Wicklung auch flir uralav. -im angenommen werden. Das 
danebenstehende dän ist wie l*än zu erklären. 

M. hat keine weitem Wörter, wo das auftreten eines -q 
zu erwarten wäre, und da auch die übrigen quellen keine 
isoliert stehenden Wörter mehr bieten, wäre es zwecklos, die 
w0rtar aufzuzähren. bei denen man das auftreten dieses laut* 
geselzes voraussetzen müsate, 

22* 




328 P. Lorenfa, 

4. Zum schloss möchte ich hier noch auf ein bei M. 
überliefertes wort hinweisen, ohne dass ich ihm ein allzn 
grosses gewicht beilegen könnte. Es ist dies das wort sonang 
„Schlitten^, nrslav. *8anj§. Der nom. plor. der ja-stämme, 
welcher im Urslayischen anf -§ ausging, hat bekanntlich in 
allen lechischen sprachen die nasalität verloren und die 
endung -e erhalten. So auch im Polabischen, z. b. tüntee J., 
tvise J., wise J. P., kope J., nüsaitee Pf. n. a. Bei M. findet 
sich, soweit ich sehe, diese form nur in sonang nnd dies geht 
anf -q ans. Sollte sich hier vielleicht das nrslav. -f erhalten 
haben? 

Ich hoffe in den obigen Zeilen gezeigt zu haben, dass 
sich bei Mithof manche eigentümlichkeiten finden, welche die 
übrigen quellen nicht oder nur in geringem masse zeigen. 
Wie weit dies auf eine besondere Stellung des Mitho&chen 
dialekts, d. h. des Lttchower, schliessen lässt, muss eine 
spätere Untersuchung lehren. Diese kann aber erst unter- 
nommen werden, wenn die sämtlichen polabischen sprach- 
quellen in bequemer weise zugänglich sind. 

8. Polabisches. 

1. vaß'äl (tvangjohl S.). Schleicher s. 37 meint, dass in 
diesem werte, welches aus urslav. *vedl5 herzuleiten sei, 
nicht wie sonst ä, sondern 'ä eingeschoben sei. Da ein ein- 
Schub von 'ä sonst nirgends vorkommt (man könnte ihn nach 
gutturalen erwarten, doch ist er hier nicht nachzuweisen), ist 
mir Schleichers annähme unwahrscheinlich. Vielleicht ist für 
vad'äl ein *v§del8j zu einem sonst nicht nachzuweisenden 
*v§deti gehörig, vorauszusetzen: dann wäre vqd'ol zu lesen. 
HinweLsen möchte ich hier noch darauf, dass das Slovinzische 
neben vjqdnöj^c auch ein vjägnöjj;C besitzt; wenn dies schon 
vorslovinzisch ist, könnte man daran denken, vad'äl oder vq^äl 
aus *v§gl5 herzuleiten. 

2. Ijdtja J. P. Igätga J. Schleicher umschreibt dies ge- 
wöhnlich durch Väk'^, meint aber s. 41, dass es vielleicht 
genauer durch l'ägk'y (zu sprechen VUkk'y) wiederzugeben sei, 
da es aus urslav. *t[gükü entstanden ist. Diese ansieht ist 
sicher unrichtig. Der von Schleicher durch k' wiedergegebene 
polabische laut war wahrscheinlich derselbe (ausser vielleicht 
in dem dialekt PfeflBngers, welcher meistens tsch — etwa ^? — 



BlflTisclis imsc«llen. 



329 



schreibt), den wir im slov, h ä. l t'j antrefleti. Wäre VSJck'y 
gesprochea, würden wir wohl *IjaMja oder etwas ähnliches 
antreffeiL Die überlieferten formen können nur rffk'jß oder 
höchstens Vätk*^ gelesen werden. Auf die Vermutung, dass 
rätirp zu lesen sei, bringl mich das Slovinzisch-Kasclmbische, 
wo urslav* *tigUkii *meknkü als sIot, leftit mjitMf kasch. htdi 
mitci erscheinen. Dieselbe dissimilatian von kk zn tk (vgl. 
slov* lietkä mßtkä, kasch. ktkw mitk<^) kann nach den über- 
lieferten formen auch dem Polabischen bekannt gewesen sein* 
3. pjemi S, tejammi S, Im allgemeinen gilt im Polabischen 
das lautgesetz^ dass das urslav. l vor harten konsonanten als 
%t vor weichen als ä erscheint, vgl. Mikkola, Bet. n. Quant. 
i, d. westslaw. Spr, I, 10 f. (das daneben auftretende i küm- 
mert UBs hier nicht)* So heisst bei J, der phir. zu pth 
regelrecht passäy d* i, päsai urslav* *|>T,?h Interessant ist 
I luer das bei S. gegebene pjesd^ welches durch einfiihrung des 
B^ an stelle des 3 aus ^j/dsi entstanden ist. Es zeigt uns, 
1 dass — wenigstens in dem Sühtensdien heimatsdialekt des 
I Parum Schnitze — ein sekundär vor ein i der folgenden silbe 
I gekommenes V? zu 'e geworden ist Ein zweites beispiel 
I dieses lantwandels ist tejammi^ das unzweifelhaft richtig von 
^^alina Rozprawy 1894 s, 150 als tjenii (t*emi) gedeutet und 
'Äefm p. hni gleichgesetzt wird. Beide Wörter sind auch des- 
halb noch hervorzuheben, weil es die einzigen uns überlieferten 
sind, die ein weiches 'e enthalten. 

4* Das sufiix des komparativs der adjektiva. 

Die adjektivischen komparative haben in den polabischen 

sprachquellen mit wenigen ausnahmen {löp^e J. P., nawoisse J. 

nawoifsse P. nawei^saJ. nmveisse P. naweisifne J, P., natvatisa J,) 

die endung -essa -ha -esse : nasfare^^ie J. F., senmessa J., csar- 

pim J,, menesm J, P. namenhsa J., nadebresa 3. nadehrhsa 

J. P,, tjördessa J. P. Schleicher s. 192 meint, dass dies durch 

•^'M wieder zu geben sei^ da das den aufzeichnem ungewohnte 

*3 leicht durch blosses e e bezeichnet werden konnte« Dass 

fi^ auffassung möglich ist, ^nll ich nicht bestreiten, da mir 

aus eigener erfahrung bekannt ist, wie schwer es ist, den 

%hthong geschlossenes langes e + i von blossem gesclilos- 

»eoeii langen e zu unterscheiden. Ich glanbe aber nicht, dass 

^ uns gestattet ist, in einer uns nur durch schriftliche denk- 

iMer bekannten spräche allein durch etymologische erwägungen 



330 F. Lorenta, 

geleitet laute anzusetzen, zu denen das überlieferte keinen 
anhält bietet. 

Nach der Überlieferung dürfen wir für das komparativ- 
Suffix nur die form -SA ansetzen, dessen e als langes ge- 
schlossenes betontes, e aufzufassen ist. Dass dies aus ei ent- 
standen ist, ist ziemlich wahrscheinlich, da die übrigen Slavinen 
ein urslayisches komparativsuffix -ejfSi voraussetzen, und wird 
durch den imperativ wasdyessa J. aus ^vszdeji 8§ gestützt, der 
ebenfalls nicht mit Schleicher in väzd'ej-sq transskribiert werden 
darf. Jedoch befriedigt auch eine transskription väzd'e-sq nicht 
recht, da vor palatalen vokalen keine erweichung zu stehen 
pflegt. Ich möchte daher lieber v&sdi-sct schreiben, wobei ich 
allerdings nicht verkenne, dass ye für i sonst nicht erscheint. 
Andererseits würde ein väzdUsq (oder auch väedij-sq^ gut zu 
dem gleichgebauten imperativ gri-sq oder grij-sq {tau grijssa S.) 
stimmen, der auf *greji-s§ zurückgeht. Jedenfalls steht dies 
wasdyessa in scharfem gegensatz zu den nichtreflexiven im- 
perativen wäsedag J. ssadäy J. P. zaday P., die ihrerseits 
wieder sich an die komparativadverbien manach J. namanah J. 
Ijeibach J. dolech J. P. nädolech J. anschliessen. 

Fassen wir diese verschiedenen punkte zusammen, so 
müssen wir über die ent\^icklung von urslav. ejb (eji) im 
Polabischen folgendes feststellen: 

1. Im auslaut ist ein diphthong entstanden, dessen sonant 
wohl als ä-ähnlicher laut anzusehen ist, da er teils durch a, 
teils durch e wiedergegeben ist, dessen konsonant aber wie 
auslautendes j im Kaschubischen (vgl. Bronisch, Kasch. Dialekt- 
studien I s. 5) bisweilen in einen stimmlosen palatalen Spiranten 
(geschrieben ch h g?) übergegangen ist, bisweilen stimmhaft 
geblieben ist (geschrieben y g7), 

2. Im inlaut ist nach grijssa i oder ii entstanden. Auch 
das ye in wasdyessa wird als i aufzufassen sein, da vor pala- 
talen vokalen keine erweichung vorhanden zu sein pflegt 
Daneben deutet das -essa -esa -esse der komparative auf 
geschlossenes e hin, was mit dem i in Widerspruch stehen 
würde. 

Es ist aber durchaus nicht sicher, dass das Polabische 
ein komparativsuffix -eflsl voraussetzt. Das Slovinzische näm- 
lich hat als komparativsuffix -lesi, was auf keine weise 
mit einem urslav. -ejisi zu vereinigen ist. Dies hätte im 



7 

r 




81aTi5Cht Miicellmi. 



SJovinzischen nur zu ^-eim (vgi sln^^äikä aus ^jtühdeßka) 
oder *-ii^ (vgl. zlSfiistv^ aus *zrdödrjMvü) führen können* 
Das slov. -i#i" muss auf ein urslav. -est zurückgehen. Mit 
diesem -e^ würden sich auch die aus dem Polabischen über- 
lieferten formen ohne Schwierigkeit vereinigen lassen. Übei 
den Ursprung des -^^^l weiss ich nichts zu sagen. 

9. Die otti-verba im Slovinzischen. 
Im Kaschubischen haben die verba auf -oim.ti praes, -uja 
dieselbe Verbreitung und dieselbe flexion wie in den übrigen 
slavischen sprachen. Anders im Slovinzischen. Hier haben 
diese verba folgende flexion: 

Praes. dämjq darüj^s u. s. w. 
Imp* därä'^ dänf^ipnä dänrut^ däro'umä där0'ucä, 
Part, praes. daraß^eij daröucL 
Gerund. darAjöjicä. 
Inf. ilaräc und daru^väc. 

Praet* dar^ül -rä -raVi und dam§vä*^l -rävä -rit^valü 
Part, praet» daröuni und darävÖuiü^ 
Vbsbst, darä)k^ und darämM, 

Die längeren formen im inf., praet,, part. praet. und 
vbsbst* kommen nur in den Klucken und in Virchenzin vor, 
doch sind die kürzeren auch hier die häufigeren. 

Im allgemeinen baut sich die flexion dieser verba auf 
2Wei Stämmen auf, einem stamm auf n (slov. *?), welcher nur 
^ praes. und im gerund, erscheint und einem stamm auf a, 
Welcher den übrigen formen zu gründe liegt. In den formen 
des praesensstammes ist dieser stamm durch -je- erweitert, 
^e das part, darajö^ei zeigt, der imp. därä'ü ist ebenso aus 
*dürüji herzuleiten wie ^ßd^^ aus "^chadaß. In den formen 
Aes infinitivstammes muss eine erweiterung durch -ja- vor- 
handen gewesen sein. Zwar ist diese selbst nicht mehr deut- 
lich erkennbar, doch zeigt sich ihr ehemaliges Vorhandensein 
iß der beton nng daräCf welche nur aus einem früheren 
^iüfajac zu erklären ist. Wir haben hier demnach^ abgesehen 
Tflii den «-formen, verba vor uns, deren verbalstamm auf a 
^ufigelit und welche den praesensstamm mittels -je-, den 
infiüitivstamm mittels -ja- bilden. 

Wie sind nun diese verba an die stelle der li- verba getreten ? 
Zu l^e^ ^t*verben und ebenso zu uusern averben gehören; 




332 F. Lorente, 

1. Denominativa, z. b. daräc,väjäCj rnjüäc. 

2. Iterativa zu verben, deren infinitivstamm auf a aus- 
geht, z. b. 'tfämäc: tfämäc, -pßsäc: pßsäc, -gadäc: gädäc. 

3. Entlehnte verba, z. b. bäryäc, niäc, zäyäc. 

Als ausgangsponkt unserer yerba können nnr die beiden 
ersten klassen in betracht kommen. Dass die denominativa 
den anstoss gegeben haben, ist aber ziemlich unwahrscheinlich. 
Die verba auf -ati mit dem praesens -ajq sind zwar zum 
grossen teil denominativa, bei diesen ist aber der infinitiv- 
stamm gleich dem verbalstamm. Allerdings liebt es das 
Slovinzische (und ebenso das Easchubische) bei den verben 
auf -eti praes. -ejq den inf. durch -ja- zu erweitem, z. b. 
slov. pUsMüc tqpßüc zdreUCüc, kasch. sevtfc topstfc dredeeiSc 
(hier sogar zu e-/i- verben: skletWc guef^ Seniöc u. a.), doch 
ist diese erweiterung auf den inf. beschränkt wie das praet 
plur. mask., z. b. zdruffvjeVi und das vbsbst. z. b. zdrävfi§M 
zeigen. Das ist aber bei unsem verben nicht der fall, wie 
aus der betonung dari'^ daralt hervorgeht. Es liegt danach 
gar keine berechtigung vor, von einem ursprünglichen *darati 
*darajq auszugehen. 

Somit bleiben nur die iterativa. Als stammbildende 
Suffixe besass das Urslavische bei den iterativen -a-, -jd- 
und -va-. Ursprünglich war nur -a- vorhanden, -jor wurde 
aus bildungen wie bijati, -va- aus byvati abstrahiert. Zur 
iterativbildung wurde bei verben mit vokalisch auslautendem 
verbalstamm in der regel -va- gebraucht, was auch im Slovin- 
ziscben geblieben ist, z. b. späväc: späc, yräväc: gräCj -tfä- 
mäväc: trämäc, -pjisäräc: pßsäc, -grmjieväc: gfmjieCj -zdre- 
Üeväc: zdrelMüCj nur neben -stäväc kommt auch -stäjäc vor, 
während sonst -ja- auf die verba wie -bjijäc -pfijäc beschränkt 
ist. Dieses -ja- möchte ich nun auch in den formen -tfämac 
aus Hrämäjac^ -pjisäc aus *pjisdjac wiederfinden, ein beweis 
dafür ist natürlich nicht zu führen. 

Bei dieser annähme begegnet allerdings eine Schwierigkeit: 
zu dem inf. Hrimajati muss das praesens ursprünglich -trima- 
jajq geheissen haben, es wäre also als imp. *'tfäfnaje^, als 
pari, praes. ^-tfämajajbuci zu erwarten. Diese Schwierigkeit 
zu beseitigen, giebt es zwei möglichkeiten : nämlich entweder 
die annähme, dass "^^trimajajq schon früh durch silbendissimi- 
lation zu Hrimajq geworden ist, oder dass im sonderleben 



Slanscne mitf eilen. 



des Slovinzischen hier eine der häuflgen kontraktionen ein- 
getreten ist. Welche der beiden annahmen den vorzug ver- 
dient ^ wage ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls halte ich 
aber daran fest, dass m nraprünglieh iterativa von «^-verben 
auf -ajati^ praes. -(tjajq gegeben hat und dass diese den 
anstoss zum Untergang der verben auf 'Ovati im Slovinzischen 
gegeben haben. 

Wie nämlich aus den übrigen Slavinen hervorgeht, haben 
die a-verba schon früh iterativa auf -ovati gebildet, z- b. 
L 'küEovaii zu kazati^ kasch. -pslstm^c: pst'säe. Da nun das 
Slovinzische daneben auch die -a^-iterativa besass, dehnte 
sich diese äexion auch auf die denominativa und entlehnten 
verba aus. 

Erhalten blieben von der alten flerion, abgesehen von 
den formen des infinitivstammes in den südlichen dörfem, 
welche sich wohl durch den einfluss des benachbarten 
Kaschubischen gehalten haben, der ind. praes* auf -lätjq und 
das genmd. auf -^jö^cä^ während die entsprechenden formen 
des a-stanimes verloren gegangen sind. Einen grund fftr 
diese sonderbare Stammmischung vermag ich nicht aufzufinden. 
Ausserhalb des Slovinztechen sind -q^-verba nur noch im 
Polabischen vorhanden. Worauf Schleicher Laut- und Formen- 
lehre 8. 264 aufmerksam macht, sind hier wenigstens die ent- 
lehnten verba auf -övaii -iijq durch solche auf -ati -aja und 
-jati -jajq ersetzt. Doch scheint es mir, dass man für den 
inf. von formen auf -ajatt auszugehen hat. Soweit nämlich 
von solchen verben, wo man - ovati erwarten mUsste, der inf. 
überliefert ist^ geht er auf -6t aus: rosot^ komStj dpkot^ 
slacfitof, ^erof, spaeitof^ während die echten a-verba mit 
ansnalime von pHtSt -at haben: jeimat^ vosat, nechat Mit 
Mikkola, Betonung und Quantität in den west^la vischen 
Sprachen I, 76 f. in den formen auf -6t supina und nur in 
denen auf -at Infinitive zu sehen, kann ich mich nicht ent- 
selUiessen. Denn es wäre zu sonderbar^ dass bei jenen 
ferben, wo das Slovinzische deutlich auf einen inf. auf -ajati 
anweist, wozu auch die durchgehende endbetonung des 
Polabischen gut. stimmen würde, nur supina überliefert sind, 
wä-kend die verba, bei denen -ati vorauszusetzen ist, mit 
Ausnahme von plitot nur -af, also die inflnitivform, aufweisen, 
Leider ist von dem einzigen, hier vielleicht in betracht 




334 F. Lorants, 

kommenden iterativ Votojq (falls es dem p. -lahfwaö kasch. 
'liäovac^ nicht dem p. Jataö kasch. latac entspricht) der inf. 
nicht überliefert und ist überhaupt das material zu gering, 
um sichere Schlüsse zuzulassen. Jedenfalls aber bleibt die 
thatsache bestehen, dass das Polabische bei den verben, wo 
man 'ovaii erwarten sollte, einen inf. auf -of, bei den verben 
auf -ati dagegen — ausser bei plüoty das sup. sein kann — 
einen auf -at besitzt, und dass das Slovinzische in jenem 
falle ein ursprüngliches -ajatij in diesem ein ursprüngliches 
-ati voraussetzt. Es besteht demnach die höchste Wahrschein- 
lichkeit, dass das polab. -ot auf ursprüngliches -ajati, -at 
dagegen auf ursprüngliches -ati zurückgeht. 

Über die übrigen formen, flir welche im Slovinzischen 
'aja- vorauszusetzen ist, ist im Polabischen zu keiner ent- 
Scheidung zu kommen. Denn da auch bei den o-verben die 
betonung des stammauslautenden a vorkommt, z. b. plokol 
värony, ist nicht zu entscheiden, ob das o in brigol vachtol 
komony trmv&ny aus a oder aja herzuleiten ist. 

Es ist zu beachten, dass unter allen slavischen sprachen 
ausser dem Polabischen nur das diesem auch sonst am 
nächsten stehende Slovinzisch die sonst so stark vertretene 
klasse der ova-verba hat untergehen lassen. Der unterschied 
beider sprachen beruht darin, dass das Slovdnzische von den 
ova-verben den ind. praes. und das gerund, erhalten hat, 
während das Polabische auch diese formen vom a-stamm 
büdet 

10. Die endung des instr. sing, und neutr. im 
Slovinzischen und Kaschubischen. 
Als endung des instr. sing, der mask. und neutr. hat 
das Slovinzische -q, z. b. rüffkq, ^^ffffi, '^^ß^X^i kü^tq^ hfädä^ 
VHßzq^ dqbq,^ dü^^nq, vetcq, ksäzq, vufflq, kußinq^ vußkq^ 
vüx4, lätq, sqnq, pßurq u. s. w. Dieselbe endung hat auch 
der kabatkische dialekt des Kaschubischen, z. b. räokq, huwgq^ 
hrätq, tfie^4) J^4) U^SUci. kuieAq^ U^kq, uü/q, lätq u. s. w. 
Ebenso hat auch der von Cejnowa beschriebene dialekt der 
Zarnowitzer kämpe -q (geschr. ^), z. b. kr6l§, kmpf, pjä^k^, 
z§b^j kdl§, slov§, zgl§, und — um von den übrigen von 
Bronisch behandelten dialekten abzusehen — der Heistemester 
dialekt hat -o, welches auf älteres -q zurückgeht, z, b. rokö^ 



SlftTiecbe miBcellen. 



335 



Ouägö^ bräto^ wüej^ö, domö^ imHcÖ^ ks^fJUÖ^ wüelöy küe'AÖ^ 
wueko^ tmiy^ß^ jS^oro^ simöAo u* s. w. Dagegen sagt Kamutt 
Slownik s. XXIII, XXXJT, dass die instruraentalenduDg der 
mask. imd neutx, -f sei, z. b. panf^ hmg^^ beerp^ knop^ Be€k§^ 
dönyske^ mrer^, Dass Hamult mit diesem -^ recht hat, ist 
mir etwas zweifelhaft* Wie er selbst s, XXIII angiebt, wird 
das f w niekt^rych gwarach wie a ansgeeprochen : zu diesen 
dialekten gehören aber ausser dem SloviDzischen die kaschu- 
bischen dialekte Pommerns, ferner die des Patziger und des 
grössten teils des Neustädter kreises, soweit nicht das aus- 
lautende -q Veränderungen erlitten bat, die aber sämtlich bei 
unserer endung wiederkehren. Da nun die dialekte südlieh 
von Karthaas, wie mii^ aus eigener anschauung bekannt ist, 
nur die endung -em haben, bleibt für Ramults -f nur der 
südwestliche teil des Neustädter und der nördliche teil des 
Karthäuser kreises* Die hier gesprochenen dialekte sind aber 
bisher nur aus Ramults Sfownik bekannt und dies ist in 
phonetischen dingen nicht gerade zuverlässig. Ich will hier 
nur darauf hinweisen, dass Ramult ffir das gekürzte n immer 
€ giebt, während man nach allen sonst bekannten dialekten e 
erwarten mdsste^ und dass er das lange a vor nasalen im 
Sfownik durch o, in der Statystyka aber durch (das lichtige) g 
wiedergiebt. Daher kann auch nicht behauptet werden, dass 
Ramults -e grosses vertrauen vei'dient, und glaube ich, ao 
lange es nicht durch ein unverdächtiges zeugnis gestutzt 
wird, annehmen ^u dürfen, dass die instrumentalendung ur- 
sprünglich im Slovinzisehen und Nordkaschubischen -a- ge- 
wesen ist. 

Betreffs der herkunft dieses *q ist Eamult s. XXXIV der 
ansieht, dass es mit dem p, sildkasch. -em identisch, demnach 
also aus nrslav* -Umi entstanden sei. Für den Übergang von 
Tokal -f nasal in einen nasalvokal bringt Bamult ausserdem 
noch folgende fölle: 

X. P. an mi = kascb. q: Aton^ tq€OV€Lc^ hqdel^ tq (p. tarn) u, a. 
Es heisst aber in Heistemest tapicoväc^ haindd^ tarn. 

2. Lat.-p. em - kasch. q: tmtamai^ istramqt. Aus Heister- 
nest sind mir diese Wörter nicht bekannt, 

3* P. an d. an - kasch. q: tgc^ strod. Aber Heist, hiinc. 

4. P, und fremd in = kasch* f.- flita, istalacejo. Aber 
Heißt, ßtnia. 



336 ^' Lorenti, 

5. P. und fremd un = kasch. u; btfty hfst. Aber Heist 



Mit ausnähme von tqj welches unten noch genauer zu 
besprechen ist, handelt es sich hier nur um fremdwörter, 
welche häufig ihre eigenen wege gegangen sind, und ausser- 
dem ist der fibergang zum nasalyokal nicht einmal auf dem 
ganzen gebiete verbreitet, wo wir -4 ffir -etn antreffen. Als 
parallelen für diesen lautwandel haben die angeführten Wörter 
demnach gar keinen wert. 

Leider ist nun der instr. sing, der einzige fall, welcha* 
den ausgang -fltnT aufweist, es darf daher nicht ohne weiteres 
bestritten werden, dass dies im Slovinzisch-Nordkaschubischen 
als -q zu erscheinen hat. Doch macht folgende erwägung 
dies ziemlich unwahrscheinlich. 

Das urslay. ü erscheint 

1. als a bezw. ä, 6 vor ursprfinglich tautosyllabischem r 
z. b. slov. ÜCrk kasch. tork p. targ urslav. *türgn, slov. kasch. 
kärämä p. karc2ma urslay. ^kiXrölma^ slov. gUfc kasch. gofc 
p. gar6c urslav. *gür8t\\ 

2. als slov. 0^ kasch. el 61 fßr urslav. tautosyllabisches 
?fZ, z. b. slov. mer^tläü kasch. meblo molnti urslav. *mTdnlja, 
slov. kb'üp kasch. kelp urslav. *küljijl^ slov. kb'uhe'^sä kasch. 
kelhosa p. kielbasa urslav. *külba$a; 

3. als bi: le für urslav. tautosyllabisches ül nach dentalen 
z. b. slov. tläc tWc4^ kasch. tlec tlüc tlekö p. Üuc urslav. 
HUlktij slov. dUt^i kasch. dlu$i dlMzl p. dixigi urslav. *dülgTi^ 
slov. slüp kasch. slup slüp p. ship urslav. *stnlpn;^) 

4. als 'e in den fibrigen fällen nach gutturalen z. b. slov- 
Äi^r kasch. cef p. kierz urslav. *ifirT, slov. fueriXä kasch. 
cernö p. kierznia urslav. *kürXüa, slov. %iep p. kiep urslav. 
*küpü. 

5. als e in allen fibrigen fallen z. b. slov. beis kasch. bes 
p. bez urslv. *bnzü, slov. p^stka kasch. |?^5f/ca p. pestka 
urslav. *püstüka, slov. de^sö kasch. des^ dp^^ p. deszcz urslav. 
*dUzdzl, slov. %n kasch. ten p. fe?i urslav. Hnnü^ slov. Zepfcff 
urslav. HüzXka. 



Daneben erscheint aber auch eu als vortreter des urslavischen td nach 
dentalen in den slovinzischen Ortsnamen Ddü^e ji^^rä^ Ddüpe brü^dä, 
Stä'upshi. 



ßtaräche miaceUen. 



337 



> 



Sehen wir von der unter 3. genannten wahrscheinlich 
Rieht echt einhejinischen Vertretung des ü ah, so ist für die 
sonstige entwicklung folgende Chronologie aufzuBteUen: 

L Ürslav: ü geht vor tactosyllabischem l und r in einen 
überall harten vokal über, welcher vor r a-farbig, vor I 
wahrscheinlich t>-farbig war (letzteres ist wegen der gleichen 
entwicklung von älterem öl in slov- peutärä pä^M kasch. 
,§ef4e pölfiö anzunehmen). 

2* Das ui'slav, ff, l schwindet in offenen silben, bleibt 
aber erhalten in geschlossenen (auch in den durch den 
Schwund von li, i zu geschlossenen gewordenen) silben. 
Auslautende postkonsonantische -r 4 -n -m werden zu -Ur 
-ttl -ün -um. 

3. Nach den gutturaleu geht ß in l über. 

4. fl und T werden zu e und 'e. 

Doch ist wegen der lehnwörter (slov. teräc kasch. öerovac 
p. kieroimc aus d, kehren ^ kasch. /^eli/^ p. kielich aus kelch) 
vielleicht anzunehmen, dass n zunächst zu e geworden und 
dies dann nach gutturalen in 'e übergegangen ist. Dann 
küanen auch die auslautenden postkonsonantischen -r -l -n 
-m direkt zu -er -el -m -em geworden sein, Der Schwund 
des n jedoch musa nach L und vor 3. 4. eingetreten sein, weil 

a) urslav. ürh ulU nicht zu ar är 6r bezw. &^ el ol^ 
sondern zu er el {'er Vf) geworden sind, z, b, slov. v^rvUc 
Irslav. ^'iMrnimti^ slov. slelgac urslav* '^säMgati; 

b) die gutturale vor geschwundenem U unberührt gehlieben 
^iixd, z. b. slov. ru^k urslav. *rökfi, slov. böuk urslav. ^bogü 
sloy, mßex nrslav. "^mechü; 

c) die gutturale vor den aus -r -l -n entwickelten -er -el 
"^« zu A ^ ^^ d S ^} ^ ^' geworden sind^ z. b. slov. stiier 
kasch. Sf'er s^Ör urslav. Mrß, slov. je^ld kaech. jesel jSdi^öl 
iw^slav. ^jtgitij slov. vßx^ kasch. vi'S^ör urslav. ^vichrn. 

Kehren wir nun zu unserer instrnmentalendung zurück* 
ßei ungestörter entwicklung hätte das urslav* -fimi nach 
Wturalen über -Um -Im (bezw. -em) zu -'em, sonst über -um 
m -mt führen müssen. Dies finden wir nun im Polnischen 
und Südkaschubischen : p. rokiem bogiem voeem dömem süd- 
kaech. roceni ba^^em wwsem domefu. Da nun vor dem slov. 
flördkasch. -q die gutturale unverändert geblieben, müsste 
genommen werden, dass der Übergang von -em zu q erfolgt 



338 P. liorenfa, 

sei, bevor e nach gattnralen zu 'e wurde, falls er nicht sogar 
schon eingetreten sein mfisste, so lange es noch -Um hiess. 
Jedenfalls kann dies erst eingetreten sein, nachdem das aus- 
lautende i geschwunden war. 

Leider ist nun, wie oben schon gesagt, nicht zu be- 
stimmen, ob auslautendes postkonsonantisches -m fiber -Um 
oder direkt zu -em geworden ist. Im ersteren falle würde 
damit nämlich bewiesen sein, dass, falls -c^ dem urslay. -ümT 
entspricht, dies nur die Zwischenstufe -iltn durchgemacht habe: 
sonst müsste es slov. "^s^tv^ ^vuffsq statt sksm vuffs&n heissen. 
So aber sind diese nicht beweisla*äftig. Es würde also — immer 
vorausgesetzt, dass -q aus urslav. -üml, entstanden ist — fol- 
gende Zeitfolge anzusetzen sein: 

1. Schwund von il i in offener silbe. 

2. 'Um wird zu -q. 

3. Postkons, -r -l -m -n wird zu -ilr -ttZ -ttm -ön 

4. il wird nach gutturalen zu T. 

5. il wird zu e, T zu 'e. 
Oder: 

4. ü wird zu T. 

5. e wird nach gutturalen zu 'e, 
Oder: 

3. Ti wird zu e. 

4. Postkons, -r -l -m -n wird zu -er -el -em -en. 

5. e wird nach gutturalen zu 'e, 
Oder: 

2. ü wird zu e. 

3. -em wird zu -tj. 

4. Postkons, -r -Z -w -» wird zu -er -rf -em -e?>. 

5. e wird nach gutturalen zu 'e. 

Von Seiten der Chronologie würde also kein stichhaltiger 
einwand gegen die herleitung von -q aus -ÄmT erhoben werden 
können. Denn es liesse sich, wie gezeigt, ein Zeitpunkt be- 
stimmen, wo nur in der instrumentalform der ausgang -nm 
oder -em vorhanden war (formen wie käröem aus *hür(nmü 
kommen nicht in betracht, da hier eine neubildung *kar{Hn 
fftr *karäq angenommen werden könnte). Sonderbar aber ist 
es, dass das schwinden des auslautenden nasals unter nasa- 
lierung des vorangehenden vokals nur bei -m und nur nach 




[»riBcbe rnJiceHeST 



dem kürzen ?! bezw, e auftritt. Sehen wir auch von dem 
ersten punkte ab — die in betracht kommenden Wörter slov. 
Vten men jleii kasch. ten 7wn aus *tUnU ^nUnU "^jlnii könnten 
ihr -n Wörtern wie slo\% vu^n jädSti kasch. wwn wuen jeden 
jödmi verdanken — , der zweite einwand bleibt bestehen* 
Beobachten wir doch sonst, wo mr ähnliche erscheinungen 
haben, dass der schwund auslautender nas^e entweder nur 
üder zuerst nach langen vokalen eintritt^ hier aber wäre der 
nasal nach kurzem vokal geschwunden und nach langem 
gebliehen. Formen wie die endung des dat. pliir- slov. -dum 

rkasch. -rm aus urslav, -omU -cmhUj der insti\-lok. sing, thn n, a., 
welche genau so isolieit waren wie die instmmentalendung, 
baben das auslautende -m erhalten; ist da der Übergang von 
-Rin oder -efn zu -q wahrscheinlich ? Dazu komnjt, dass dieser 
lantwandel in eine sehr fiiihe periode gesetzt werden nitisste, 
da die entwicklung des postkons, -m zu -mn und der wandel 
v'on € nach gutturalen zu 'e erst später eingetreten sein 
konnten. Ich mui^s daher die annähme^ dass -q dem urslav. 
-ftmT entspricht, ablehnen, m. e. kann es nur aus urslav. -q 
entstanden sein. Wie ist aber dies -q zu erklären? 

Wie Hirt I. F. I, 18 ff. wahrscheinlich gemacht hat^ 

bitten die idg. o-stämme im instr. sing, die endnng -öm. 

E^agegen da^s idg* -öm im Slavischen als -q erseheint, spricht 

^tir kamy, welches nach allgemeiner annähme aus "^kamön 

^»itstanden ist. Abgelehnt ist diese annähme, soweit mir 

^^skannt ist, bisher nur von Streitberg L F* I, 293 ff., dessen 

^ üsammenstellung von kamy mit lit. akmä jedoch unannehmbar 

*^*1:, Dagegen ist kamy lautgesetzlich aus *kmnöns herzuleiten. 

Äelit ausnähme des von Hirt I. F. II, 360 angenommenen (aber 

'iixrcbaus nicht sicheren) urslav, *hratör und der mask. a- 

^t-4inme, waren die f? -stamme die einzigen maskulina des 

^la^ischen, welche im noni. sing, nicht auf *^ ausgingen, 

-andererseits fand sich der ausgang -s im nom. sing, nui* bei 

^^Äflkolinen (bei den neutr, s-stämmen ging das s durch die 

^Hnze flexion); ist es da zu kühn, anzunehmen, dass auch die 

"^^enigeu maskulina, denen ein üominativ*^ nicht rukam^ ein 

*^lches annahmen? Hindernisse von lautlicher seite stehen 

^«m nicht entgegen, denn bei den mask, «-stammen kann 

iaa -ü ebensogut auf -as wie auf -a zurückgehen, ferner kann 

^ *mtr^ die richtigkeit von Hirts annähme vorausgesetzt, auch 



V 



340 P- Lorenia^, 

ans bratärs entstanden sein, dass endlich kamy aus *kamöns 
herzuleiten ist, bedarf keines beweises. 

Wir sehen also, dass die ansieht, -ön habe im Slayischen 
zu -y gefbhrt, durchaus nicht als gesichert zu betrachten ist, 
wenn es auch nicht möglich ist, sie direkt zu widerlegen. 
Dass es aber viel wahmcheinlicher ist, dass -ön -am im 
Slayischen als -q au&utreten haben, kann nicht bestritten 
werden. Ausser der slov.-nordkasch. instrumentalendung -q 
ist es die 1. sing, praes., welche dies nahe legt Dass hierin 
eine konjunktivform auf -am steckt, bezweifelt auch Streiiberg 
L F. I, 292 f., eine indikativform auf -öm hat mehr fOr sich. 
Ein strikter beweis dafür, dass -öm im Slayischen als -q 
erscheint und dass die instrumentalendung -q und die endung 
der 1. sing, praes. -q auf idg. -öm zurückgehen, kann aller- 
dings, wie ich nicht verkenne, nicht gefUirt werden. 

Es bleibt noch tq an stelle des p. tarn. Die beiden 
Wörter flir identisch zu halten, ist möglich, da tq nur im 
Slovinzischen und dem teU des Easchubischen vorzukonmien 
scheint, wo auch das an am deutscher lehnwörter als q 
erscheint, z. b. hqdely Iqpa. Jedenfalls ist dieser lautwandel 
recht jung und kann für die herkunfb von -q aus -üml nichts 
beweisen. 

11. Urslav. iti im Slovinzischen und Easchubischen. 

An stelle von urslav. *iti *idq oder vielmehr *jiti bezw. 
Hti *jldq (wegen cech. jiti jdu obersorb. hi6 jdu niedersorb. 
hy§ jdu) finden wir im Slovinzischen und Easchubischen eine 
grosse mannigfaltigkeit von formen, welche sich nur zum teil 
aus den durch die übrigen slavischen sprachen für das Ur- 
slavische sichergestellten erklären lassen. 

Was zunächst die formen des unkomponierten verbums 
praes. slov. jidq fi^es kasch. jidq jiges inf. slov. jic kascb. 
jlc betrifft, so ist hier von einem urslav. *jidq *jiti aus- 
zugehen, das i des infinitivs ist hier also auch in das praesens 
eingedrungen. Denn urslav. *jldq würde in ungestörter ent- 
wicklung zu slov. *fiedq kasch. kabatk. *jiedq Heist. *jödd 
geworden sein, wie slov. fieglä kasch. kabatk. jieguä Heist 
jögla „nadel" aus urslav. "^figla (vgl. cech. jehla obersorb. 
jehla johla niedersorb. gla) zeigen. Formen, welche sich von 



S] ansehe misc eilen. 



341 



diesen Voraussetzungen slub nicht erklären lassen, sind mir 
beim unkomyonierten verbum nicht begegnet. 

Bei dem gi'össten teil der komposita ist das umgekehrte 
eingetreten: das l des praesens ist auch in den infinitiv ein- 
gedrungen. Hiemach sind folgende verba zu erklären: 

Slov* ve%nc vHndä kasch. kabatk, ve^nc vefnäq Eam, venc 
vendq Heist. vHc v^tldö ^hineingehen" aus Hüfätt *vrinTdq. 

Slov. seine sdpidq kasch. kabatk- seine sPindq Rain, mnc 
^etidq Heistp sMc sendö „herabkommen, zusammenkommen** 
aus *sUnltl *sünldq. 

Von diesen beiden verben, wo das h berechtigt war, ist 
es weiter verschleppt bei folgenden : 

Slov. dSilnc dÖÜndq kasch, Ram. dotic dmdq „erreichen". 
Slov. phlpy: preindq kaseh* kabatk. pri^fnc pfHndq Ram* 
prmc prendq Heist. prenc pHädö „durch-, vorübergehen'*. 

Kasch. kabatk. pHnc pHnd4 Ram, princ piindii Heist, 
pritle prlndö „kommen'*. 

Slov, vüinc vmndq kasch, Ram* immc wimda „entweichen"* 
Slov. 2^pi€ ^3'f?id/| kasch. Ram. zonc zmd-q „hinter etw* 
gehen''. 

Kasch. Ram> vync vynd^ Heist vltXc vhiM „hinausgehen". 
Slov, rußzeiic rkßzendq räz(!in^^ kasch. Ram, rozenc 
fQzeniq Heist, röz^flc^) rozHdd „auseinandergehen", 

Slov. nädeiic nädendq nadeht^^s kasch. Ram. nadenc 
fiaisftdq Heist, nadStlc nädendo „überfallen**, 

Slov. pÄde?k pkdeiidq pädepis;&s kasch. Ram, pcedenc 
p^ndq Heist, pnedine püedsndö ^heimlich herankommen", 

Slov, vitenc vätend^ vfft^pi^Ss kasch. Ram. wuid^nc 
y^ämdq Heist, waet^ilc wüetMdö „abgehen", 

Slov. ^^heüc vu$hmldq väheni^^ kasch. Ram, woebmc 
^ocAendq Heist, wuebi^^e wuehMdö „herumgehen". 

Daneben hat das Slavinzische auch die formen ohne das 
*i erlialtenj welche, soweit mir bekannt ^ im Kaschubischen 
iiicht vorkommen: 

SIoVp dÖJc döidq „erreichen". 

Slov. pr$ic pflidq „durch-, vorübergehen". 

Slov. vütc vüidq „entweichen". 



^j Nflch G. Bromseh Easch Dialektstudien I, ä3 f . 47 f. müsste man 
*^f^ «rvartoü. Es haben aber üä^mtUcbe mebrailbigo kompoiita von jlc 
^cn tki^nt mof der endfilbe. 

2rt|«bitft föt v*rgL SprMhf. K. F. XVII. S. 23 



342 F- Lorentz, 

SloY. si-^c zi'iä4 n^tor etw. gehen^. 

Slov. nädeJK? nädcidq nadiig^ „überfalleii". 

SloT. ped^c pirdeid4 p^dtj^Ss „heimlich anracken^. 

Slov. ruffssic ritffzeidq räzii^Ss „auseinandergehen'^. 

Slov. vift^ vHiidq vätHzsS „abgehen**. 

Slov. ^fii€}c vuffbsid4 väbtigSs „hernmgehen^. 

Slov. pHc pHdq „kommen" kann direkt aus nrslav. *pn'iH 
*pri'ldq entstanden sein. 

Danach auch: 

Slov. 8€$c 8€id4 „herab-, zusammenkommen". 

Slov. V€%c vHd4 „hineingehen". 

Allgemein fehlt das n nur in slov. pAdq kasch. kabatk. 
püdq Bam. pud4 Heist. püdö „werde hingehen", das ans 
*pojxdq herzuleiten ist, wobei allerdings das slov. ü kasch. ü 
aus oj unklar bleibt.^) Einen Infinitiv besitzt dieses wort nicht 

Die umgekehrte ausgleichung, die einfOhrung des % des 
Infinitivs in das praesens, ist mir nur aus dem Slovinzischen 
bekannt geworden. Es finden sich hier folgende fälle: 

Slov. ditfffic ditffjidq „erreichen". 

Slov. näj'ic näjidq „hinaufgehen". 

Slov. nädj'ic 7iädjidq „überfallen". 

Slov. pkdj'ic pedjidq „heimlich anrücken". 

Slov. pfiejic pfiejidq „durch-, vorübergehen". 

Slov. ruffzj'ic ruffzjidq „auseinandergehen". 

Slov. vjic vjidq „hineingehen". 

Slov. vff'djic vä-djidq „abgehen". 

Slov. vuffVjic vitffVjidq „herumgehen". 

Slov. vüjic vüjidä „entweichen". 

Slov. zäj'ic zäjidq „hinter etw. gehen". 

Slov. zjtc zßdq „herab-, zusammenkommen". 

Besonders zu merken sind: 

Slov. väü'ic vätlidq „hinausgehen". 

Slov. z^tlic zqAidq „hinter etw. gehen". 



>) Slov. ü kasch. ü findet sich für arslav. o noch in zwei wOitem: 
slov. müsk kasch. kabatk. inüsk Ram. muzg Heist müsk ,hini" p. mözg 
und slov. miä kasch. kabatk. mül Barn, mul „motte" p. möl. Die übrigen 
von Bronisch s. 14 angefahrten Wörter sind diesen nicht gleichzosteUen : 
plüsk entspricht auch p. plmk^ ebenso mrüidc p. mrulyc; für gSchltlifen' 
habe ich in Heistemest nur sllrbäc aiörbaiö gehört, Bronisch* sUrbäc ist also 
wohl nur individuell 



Blariscbe miBctUen. 



343 



Waren die bisher angeflihrten formen aus einer ur- 
släTischen flexion *jiti *jTrffj zu erklären, so ist dies bei den 
jetzt noch zu nennenden nicht inög:lich. Es kommen hier in 
betracht : 

L Formen des praesens, nur im Slovinzischen vorhanden. 

a) Zum inf. pHc: sing, -prim (nur io kompositen wie 
präim^ „komme hinzn" gebräuchlich) prU prt plur. pftmä 
prtcä dual. pHmä prttä; die 3. pliir, kommt nnr in der form 
pridd^ vor, 

b) Zu püiiq: sing, päs pü plur. pümä päcä dual, pümä 
pMU; die L sing, und 3. plur. sind nur in den formen püdä 
jmJö^ vorhanden. 

c) Zum inf, ru^zjic: sing, rm^zjtm -jw -jt plnr. -ßmä 
-ncä dual -ßmä -jüä; die 3. plur, heisst immer r0zjtdö%, 

d) Zum inf. vü^b'jic: sing, vüeb^ßm -jü -;i plur, -nmä 
'}vc& dual. ')%mä -jitä; die 3. plur- nur väh'jldo^, 

2. Formen des imperativs zu slov. pAdq kasch. pudq: 
dov, p^'i p0'imä p0'icä pkimä pä'iiä^) kasch. kabatk. pu^ 
p^imd pubica puümä pufM Ram. püej Heist piM pueime 
fuSici pu&ima puBita. 

Auf eine behandlung der formen pü§ pü u. s. w. verzichte 
kh, da wir es hier mit zu singulären lautverhältnissen zu 
^thim haben ^ als dass man hoffen könnte, irgendwie sichere 
iltate m gewinnen. Doch werden auch diese wenigstens 
rer bildung nach aufgeklärt sein, wenn es gelingt, für die 
fl fangen formen das richtige zu finden. 

Das nächstliegende ist, in den angeführten formen ver- 

kOrzungen der daneben stehenden foimen mit d bezw. s zu 

Sehen. Empfohlen wird dieser gedanke dadurch, dass die 

Eitrigen slavischen sprachen nur auf ein urslav. *ßdq oder 

^Jidq hinweisen, von einem nrslav. *;imT *jiMj worauf ja die 

slovinzischen formen anstandslos zurückzuführen waren, keine 

*tur vorhanden ist. Bei näherer prütung werden wir aber 

^^ diesen gedanken abweisen müssen« Der Schwund des d 

"«sw. ^ würde allerdings wohl keine unüberwindliche schwierig- 

V^ machen — leistet doch das Slovinzische im ausfall von 

VoBsonanten ziemlich bedeutendes: v und j sind häufig, y in 

^) ffiejTon ist bIot. pä*ikä „katze"" gebildet. Danach wird mich du 
wh Baut pHj (wozQ pt^^ pi^ka .^kat^e" gehurt) als aebeaform in paj 



9q* 



344 F- Loreniz, 

hrüc neben hräyäc „kriegen, bekommen^, n in pjöjigä „geld** 
aus urslav. *pen§d£§ geschwunden*) — , wenn er auch sonst 
nur in dem ebenfalls eigenartigen hö^m hdfis neben böfm 
bSijg^ anzunehmen wäre, die Schwierigkeit liegt in der 
bildung der 1. sing, mit dem -m der athematischen verben. 
An solchen themavokallosen verben besitzt das Sloyinzische 
ausser den fünf auch aus den übrigen Slavinen bekannten 
fiem, ddüm, j^, vjSm und möüm noch -stöüm, bö^m und das 
defektive möjis. Da zu letzteren keine 1. sing, existiert, kann 
es hier ausser betracht bleiben. Dass -stöürn ein echtes 
athematisches verbum ist, zeigt wie E. Z. 37, 273 ausgeführt, 
die 1. plur. -stdumä und die 1. dual, -stöufna; dass auch 
böjim ein solches ist, werde ich unten nachzuweisen suchen. 
Dazu kommt hier noch unser -ßm. In dieser form eine zn 
den übrigen -jiS -ji u. s. w. geschaffene slovinzische neu- 
bildung zu sehen, ist nicht angängig, da für eine solche kein 
muster vorhanden ist. Wäre zu einem auf irgend eine weise 
aus der längeren form entstandenen vitffVjts vugVji u. s. w. 
eine 1. sing, innerhalb des Slovinzischen neugesdiaffen, so 
würde diese wohl als *vuffVjq auftreten, da die flexion sö^ 
sö^fis, rit^bjq ru^bfis die einzige analogie geboten hätte. Das 
auftreten von -j'nn ist nur dann zu verstehen, wenn es schon 
im Urslavischen ein praesens ♦jiiwT *jisl gegeben hat. Es 
ist dies aber nichts anderes als das idg. *eimi. Das Slovin- 
zische beweist also, dass auch das Slavische ebenso wie das 
Litauische die athematische flexion der wurzel ei- bewahrt 
hat. Es zeigt weiter durch das t der plural- und dualformen^ 
dass im Slavischen in Übereinstimmung mit dem Litauischere 
das ei- des Singulars das i- des plurals und duals ver^ — 
drängt hat. 

Der imperativ slov. pe-^ kasch. kabatk. pu^ Kam. pcerjß 
Heist. puei ist auf *po-l zurückzuführen. In dem H werder:» 

>) Slov. pjÖjis4 ^r^ zunächst aus *pjejgsä oder *pjejq$ä (im SüA.^" 
kaschnbischen habe ich pjiq^i und pjdjqsE gehört) entstanden sein, di^^ 
seinerseits sein n wohl durch dissimilation gegen den nasalvokal eingebüs»^"^ 
hat. Dass ein nasal gegen einen nasalvokal dissimilation erleiden kann, zei^^ 
slov. bqbU »tronmiel" neben kasch. kabatk. bqb^hi p. b^en. — Zum koi»^ 
sonantenausfall mag hier noch erwähnt sein, dass der von J. J. Mikkola Kl ^ 
izuceniju kaiubskichs govorovs I. s. 26 erwähnte schwnnd eines x nic^^'^ 
nachzuweisen ist, da slov. flül „fuhr" wegen des plur. ß^i auf urslav. *j&^t^^ 
nicht auf *jachalü oder *jichalü zurückzuführen ist. 



Slafiiche zuisc eilen. 



345 



wir anschwer idg. *ei, die alte iraperativform, wiedererkennen. 
Zum lautlichen vgl slov. v^^c^) kasch. kabatk* w^c Eam, wwjc 
Heist. lüueic aus *t?0K, slov. V0'inä kasch. kabatk. U'Sp^ä Harn, 
rrap/wa Heist. tfit^ina aus voina. 

12, Slov, 65j|w. 
Neben der aucli in den übrigen slavischen sprachen 

vorhandenen flerion hö^dq Mi^s^s (^ urslav* %qiq ^^bqdesl) 
besitzt das Sloyinzische eine kürzere form: sing. 6Ägm Mgs 
Mig plur. böjimä hS%cä dual M%mU h6%iä; für die 3. plur- 
ist nur die zu h6i^ßu gehörige form hd^dö^ vorhanden* Diese 
formenreihe als eine neubildnng des Slovinzischen anzusehen, 
ist nicht angängig, da das aufkommen eines bS^m neben 
bigdq sich jedem erklärungsversuch entzieht. Wir müssen 
als grundlage dafUr unweigerlich ein ui'slav. *bqml "^bqM an- 
nahmen, und es tritt nur die frage an uns heran, ob dies das 
praesensbDdende d von bqdq besessen hat oder nicht. Das 
Slonnzische kann hier keine entscheidung treffen, da die allein 
in betracht kommenden formen, in denen ein stammäuslantendes 
i seine spuren hinterlassen hat, die 2. plur* und 2. 3, dual, 
auch bei dem unzweifelhaften rf-stamm urslav* *dafn% im 
Slovinzischen ohne solche spuren sind, vgl. 2. plur. dUCu^, 
2* 3* dual i^iiiä, und die 3. plur., die auch als hÖus^U vor- 
kommt, in dieser form auf gleiche linie mit fie^öf} statt jädö^, 
im$jö^ statt büffdö^ zu stellen ist, das j also nur den übrigen 
fomen verdankt. 

Nun besitzt bekanntlich das Slovenische ebenfalls kürzere 
formen. Hier lauten die betreffenden formen boste und bosta^ 
'tfese weisen demnach auf urslav. ^bqste *bqsta ans *bqd4e 
*M*^a hin. Dass diese formen es aber unwiderleglich be- 
zeigen, dass *bqmi aus *bqdmi hervorgegangen ist, kann ich 
öicht zugeben* Da nämlich zwischen den flexionen dam und 
^ ein vollständiger paraUelismns besteht, braucht dieser 
■ ^t alt zu sein. Ausser in den genannten formen mnsste 
er, auch wenn ursprünglich ^bqml kein d gehabt hat, von 



9 Blo¥. vä'lc ift nicht die ecbt einheijnbche form: äiem lautet vätc. 
BloT. Hjc ist daa p. oje (so in Pontanas* katet^hismaB und Krofeya ^esangbiich), 
^ vitvrunser hehsi c*s stets vä iM näk. Daneben giebt et noch V]^^Cf daa 
«wbbistfJiei lehn wort ist. Auch dae kaBcbnb. wa^c u. s* w. acheint pol- 
Qfspnmgs zu aeb, vgl. Kam. wmt^tnöi mid Hebt wu^t^^ p, ojezym. 



346 P- Lorentz, 

selbst entstehen, dazu kam dann noch die 3. plor. bodo, die 
bei bodem dnrch die nenbildong bodejo verdrängt war, und es 
war nnr noch ein schritt, auch *bote *bota ans orslay. *bqte 
Hqta nach doste dasta in boste bosta umzuwandebi. Es kann 
also auch das Sloyenische nicht entscheiden, ob das orslay. 
*bqnil jemals ein d besessen hat oder nicht Diese ent- 
scheidung kann nur durch die beantwortung der frage ge- 
troffen werden, welche der beiden bildungen ^bqdml oder 
*bqna, von der wurzel bheu- ausgegangen sein kann. 

' Über die form bqdq ist bekanntlich schon sehr yiel ge- 
schrieben, weil eben so ziemlich alles bei dem worte unklar 
ist. Sicher ist nur das eine, dass bqdq zu der wurzel bheu^ 
gehört, wie es damit zusammenzubringen ist, ist aber noch 
nicht festgestellt. Die geäusserten ansichten hier einzeln Tor- 
zuführen, hat keinen zweck, da sie alle von vom herein 
unwahrscheinlich sind, ich wende mich daher sofort zur fest- 
stellung des thatsächlichen. 

Wie das serb. bMem beweist, hat das (| in urslav. bqd(i 
steigenden ton gehabt. Steigender ton findet sich aber im 
Slavischen nur bei den vokalen, welche auf eine idg. länge 
zurückgehen, z. b. ^aba (serb. zdba) aus *gßbaj oder zwei 
süben in sich vereinigen, z. b. *vlhia (serb. viina) aus VfonÄ. 
Für das zur wurzel bheu- gehörige *bqdq könnten demnach 
nur zwei grundformen in betracht kommen: *bhündö oder 
"^bhimddö. Von diesen ist bhimsdö morphologisch nicht zu 
erklären, bhündö hätte aber im Slavischen zu bydq geftthrti 
vgl. Verf. AfslPh. XVin, 95 ff. 

Hier hilft uns nun das aus slovinz. böürn sloven. bom %^ 
erschliessende urslav. bqml weiter. Dieses kann anstandslos 
auf ein älteres Hhundmi zurückgeführt werden, denn un^ 
ergab, wie dqti lit. dümti aus ^dtinwti für idg. *dh^m9ti zäg^ 
im Slavischen q. Dies Hhunami ist nun eine Umbildung ein^ 
*bhunäini nach dem plur. *bhufi9mes, *bhunäini aber ist d3^ 
regelrechte, sonst leider nicht nachzuweisende n-praesens i^* 
wurzel bheuG-, die durch aind. bhävitum bhutäs u. s. w. sich^^ 
gestellt ist. 

Lässt sich nun aber auch ein *bhu7i9dmi begründen? E^^ 
glaube nicht, dass sich jemand dazu verstehen würde. DÄ-^ 
wäre aber die einzige form, von der man zu einem sl^* 



Slivische mlscelJQn. 



*bqdmi gelangeD könnte. Es bleibt demnacli nur die möglich- 
keit, *bqfnl auf *hhiümni zurückzufLiliren. 

Nim ist auch die erklär ung von bad^ nicht mehr schwierig. 
Es sind bekanntlich drei verba, welche ein praesenssuflii -d- 
haben: *ßdq, "^jMq und nnser hadq. Neben allen dreien liegen 
athematische bildungen: aind. emij yätif slav. *6qmL Es liegt 
daher der gedanke nahe, dass das Slavische ihm irgendwie 
unbequem gewordene athematische praesentia durch ein d- 
sufiix erweiterte. Woher dies stammt, ist allerdings nicht zu 
bestimmen, vielleicht ist die imperativendung -dhi mit im 
spiel, vieUeicht ist auch der einfluss eines aus *dedmi um- 
gebildeten *dedq thätig gewesen; dass ein solches vorhanden 
war, wird durch das polabische väzdedq-sq (das allerdings auch 
urslav, *defiftU^ die regelrechte 3. plur. von dedm&, sein könnte) 
nahegelegt, welches auf ein ^dedq ^dede^l hindeutet, mit abg. 
deidq aber nicht zu vereinigen ist Wie dem aber auch sein 
mag, folgende punkte scheinen mir gesichert zn sein: 

L das tJrslavische besass ein praesens *iqmT, welches 
aus dem idg, li-praesens *bhundmi hervorgegangen ist. 

2, Athematische praesentia wurden im Slavischen gern 
zu thematischen rf-praesentien, 

3< Slav* hqdq ist eine solche Umbildung von *&qml. 

13* Kasch. Hei st rega. 

Kasch, Dialektstudien I, 18 fijhrt Bronisch die fleiion von 
Heist r^ga an, die sich durch einen eigentümlichen Wechsel 
?on ^, i und x auszeichnet. Dei-selbe Wechsel ist mir sonst 
nur nodi in MrtU/ ^schürze" begegnet, wozu ich folgende 
fleiion erhielt: sing, sertüj^ s^rtnga sertüguevi serttigö sertägiii/f 
plur, §§riüii eertügdf MHügifm sertügaml ^eriügäx- 

Wie einerseits der gen. plur. rex^ andereraeits der nom- 
9^tüx beweist, sind diese Wörter in den formen ^rEya (nicht 
*feja wie Bronisch will) und *$ertüy aufgenommen. Diese 
sind demnach als grundlagen der flexion anzusehen. 

Bronisch sucht a. a. o, die Schwierigkeiten der flexion 
von r^ga einmal in dem -b des lok. sing, re^e^ wofilr er ^rei^ö 
erwartet und dann in dem g vor a o o, M. e* sind gerade 
'öese formen am leichtesten zu erklären, die Schwierigkeit 
Ü^gt vielmehr, wie wir unten sehen werden, in den formen 
^^i und i^iii'h 



348 P- Lorentz, 

Was zunächst den lok. sing, betrifft, so verstehe ich nicht, 
wie Bronisch hier überhaupt auf eine form *r^i*ö kommen 
kann. Da er dabei auf mar^öf (aus *marjlef) verweist, so 
vermute ich, dass er als grundlage für r^ee ein *r^/g annimmt. 
Diese form hat sicher niemals existiert, vielmehr wird gleich 
bei der enüehnung von *reya nach dem muster von muysB 
(müsste man nicht, falls *re^^ö' das lautlich berechtigte wäre, 
dafür auch muys^ö erwarten?) zu tnuy^a der lok. r&ie ge- 
bildet sein. Ein *reß wäre, da eine endung -'s bei den 
gutturalstämmen nicht mehr vorhanden war, völlig unver- 
ständlich und würde auch, wie wir unten sehen werden, 
zu *reiö\ aber nicht zu *rSi^ö gef&hrt haben. 

Die zweite gruppe von formen, die an stelle des / ein ^ 
aufweisen, beruht auf dem lautgesetz. dass y vor nichtpalatalen. 
vokalen zu g geworden ist. Hierfür bietet der Heistemester 
djalekt ausser den in betracht kommenden formen von rSga^ 
und sertüxj soweit mir bekannt ist, nur noch ein beispiel, 
nämlich z^gärk neben z^iör. 

Aus zHör lernen wir auch, wie y bezw. f vor e behandelt 
worden ist: es ist zu i geworden. Hiermit stehen rSii und 
sSrtüii im Widerspruch, wofiir wir nach der analogie von 
märs^öf und muysi auch *rdii *sSHüii erwarten sollten. Zur 
aufklärung dieses Widerspruchs giebt es, soviel ich sehe, nur 
einen weg, dass nämlich reii zu *rSya r^ze neugebildet ist 
nach dem muster von muysi zu muyxct muysB und ebenso 
sSriüzi zu *sertüy ^sertüya nach hueiesi zu kuiSzex fcmi^yfl- 
Ich will hier nicht behaupten, dass sofort r^zi s^üzi gebildet 
wurden: zunächst werden *re^ ^sertüfi entstanden sein. Die 
entwicklung wird folgende gewesen sein: 

1. f wird zu i; "^z^er *r^f% *sertüf% zu z^iör *rii% 

"^sertüii, 

2. Da sonst die ganzen paradigmen übereinstimmten, 
wurden nach dem Verhältnis von *muyj^ zu muyxch *hjbSiefi 
zu kue'ze'x zu *rSya *sertüy die formen *rS^i *9Sriüfi neu- 
gebUdet 

3. i wird zu s, f zu z: ^rnuy^i ^kueze'ii *r^f% *iSrtüf% 
zu muysi küezesi rSzi sSHüzL 



SläTisetie mj&ed]eii. 



349 



14. Auslautendes u im Kaschubischen und Slovin- 

zischen. 

Die auslautenden vokale haben im KaschubiBchen und 
Slovinzischen im grossen ganzen die gleiche behandlung er- 
fahren. Wo sich abweichungen finden, wie z. b, beim % wo 
Bronisch für den Heistemester dialekt nar 'i ansetzt, liegt 
spätere entwicklnug vor oder es ist, wie in dem genannten 
fall, ein intum des aufzeichners untergelaufen. 

Eine grössere Verschiedenheit findet sich nur bei der 
behandlung des auslautenden u. Das urslav, u ist in unsem 
dialekten, wo es lang geblieben ist, durch ü (kasch. Heist. u 
byl, ü kabatk. ü slov. «), wo es verkürzt ist, nach gutturalen 
and labialen durch f^ (kasch. byl, uy kabatk. u slov. «), sonst 
durch e (kasch. byl, e kabatk. ä slov. ä^ d"), nach weichen 
konsonanten durch u (kasch. Heist. ti byl. ü kabatk. u slov. «)* 
Im anslaut finden wir nun folgendes bild: 

1. Im gen. sing. mask. ist das urslav. -u durch kasch. 
Heist. -e -tiy -u kabatk. -ü slov. « vertreten: kasch. Heist. 
hräde snSguy räiü kabatk. bfädü mi^^ü Ifwjit slov. bräd& 

2. Im dat. sing. mask. und neutr. ist die Sachlage die- 
selbe : kasch. Heist. toiieice gr^x^iy pdb\ü kabatk. brädu gfhx^ 
§äßi slov. bfädü gfbx^ gäj^. 

3. Im lok. sing. mask. und neutr. ist das urslav. -u in 
Heisternest nach gutturalen und labialen in unbetonter Stellung 
durch -mjf sonst durch -u vertreten, kabatk. ist es -«, slov. -ü: 
k$ksch. Heist. fvitesü hiiegfi hni& witehratü imvebUkny kabatk. 
U?^ hregÜ uöjü ksq^äcii jäpkü slov. väßü hregü Ujä ksq^äcü 

Jupkk, 

4. Der vok. sing, der mask. jb-stämme hat nach Bronisch 
im Heisternester dialekt die endung -e bezw, -n nach guttu- 
i^en. Ich habe hier jedoch nur -uy gehört: täikuy wüyikuy; 
-n nur in kuenu. Kabatk. ist -w, slov, -ü: kabatk. krSulü 
hraikii kuleMi slov. krSui^ brätkk ku^ilü. 

b. Die endung des gen. dual, -u ist nur in den formen 
Icasch, Heist. r({kü wmöü umys^'i kabatk, rqk^ u^f^ nusä slov, 
r'^cä nägü väöü vueA j& erhalten, welche auf urslav. ^rqköjii 
^^ogojn "^oBjii ^u§lfu "^jeju zurückgehen, also sämtlich einen 
koatraktionsvokal enthalten. Mit nichtkontrahieitem vokal 



350 F* Lorentz, SlaTische miscell«!!. 

finden sich nur kasch. Heist. riAiü väiü kabatk. näjü väjü 
slov. näjA väßt. 

Während wir so im Slovinzischen und einem teil des 
Easchnbischen, wozu das Eabatkische nnd anch die sfid- 
kaschnbischen dialekte gehören, als vertx^ter des nrslay. -u 
nur langes a antreffen, weist der Heistemester dialekt and 
ebenso der grOsste teil des Nordkaschnbischen dafür neben 
dem langen ü anch die nachkommen des gekürzten ü auf. 
Am eigentümlichsten liegen die Verhältnisse im lok. sing, 
mask. nnd nentr., wo der Heistemester dialekt kürze nnd 
länge neben einander hat 

Dass in dieser form die länge berechtigt ist, geht aus 
der betonnng hervor. Endbetonung bezw. in mehrsilbigen 
Wörtern betonnng der vorletzten silbe nämlich findet sich nur 
da, wo die letzte silbe eine nrsprüngliche länge enthält Da 
nun auch wwebUkuy tvaroguy slonSSkuy diese betonnng haben, 
muss das uy hier eine ^emalige länge vertreten. Um dies 
zu erklären, wird anznnehmen sein, dass im Heistemester 
dialekt unbetontes auslautendes -ü zu -ü geworden und dies 
dann nach gutturalen (und labialen) zu -uy, sonst aber wieder 
zu 'ü geworden ist. Zu dieser annähme stimmt nun aber 
auch die erscheinung, dass nach weichen konsonanten, selbst 
wo es mit sonstigem e uy korrespondiert, nur u nachzuweisen 
ist. Hiemach nahm die entwicklung der t*-laute im Heister- 
nester dialekt folgenden verlauf: 

1. Ursprünglich waren vorhanden: ü nach allen kon- 
sonanten, ü nach gutturalen, labialen und weichen konsonanten. 

2. Auslautendes unbetontes -fi wurde zu -tt. 

3. Nach gutturalen und labialen ging ü (also anch das - 
aus ü entstandene n) in uy über. 

4. Alle sonst noch vorhandenen U wurden zu ü. Dies^ 
waren die nach weichen konsonanten und die im auslaut=r 
ausser nach gutturalen stehenden ü. 

Hier könnte man nun einwerfen, dass es einen fall gäbe^ 
in dem das ursprüngliche lange -ü zu -e geworden sei, näm — 
lieh im lok. sing, der neutra auf -isöe -es^e: hatozesöe wiie-^ 
giüsöe. Wenn dies -e wirklich aus -ü entstanden wäre, könnte 
die entwicklung der w-vokale nicht so verlaufen sein wie oberiÄ 
angenommen. Dagegen erheben sich aber mannigfache be--^ 
denken, Einmal nämlich widerspricht der akzent, der be^ 



R LorentZp Bemerkungen über die ikzentqnalitlten n. s. w. 



351 



den formen auf -e stets auf der drittletzten sübe liegt. Und 
dann giebt es daneben auch die formen auf -ü: iatoM^ 
wuegMsöü. Unter diesen mDStänden wird man in dem -# 
nicht das -u der i«- stamme, sondern das -i der jo-stämme, 
das sich nur hier erhalten hat, zu sehen haben. 

Anders ist die Sachlage bei den übrigen endungen. Hier 
steht der länge des Slovinzischen und Kabatkischeu in Heister- 
^nest und andern kasehnbischen dialekten die kürafe gegenüber 
• (ausser nach j. wo il zu ü geworden ist). Dass wir es hier 
nicht mit einer sekundären Verkürzung zu thun haben können 
wie beim Heist- -ny im lok., geht aus dem auftreten des e 
hervor. Eine Vereinigung der slov.*kabatk. länge mit der 
Heist. kürze ist auf zwei wegen möglich: entweder ist das 
slov.-käbatk, -ü lautgesetzlich aus dem nach gutturalen, 
labialen uad j erhaltenen -ü entstanden und hat den nach 
andern konsonanten auftretenden e-laut vei^irängt, oder das 
verkürzte i^ ist im auslaut im Slovmzisch-Kabatkischen wieder 
zu vi geworden, noch ehe es den wandel zu e erfuhr. Die 
letztere annähme scheint mir die wahrscheinlichere zu sein. 

F, Lorentz. 

^Bemerkangen über die akzentqualitäten des 
w Kasehnbischen nnd Slovinziscben, 

^^ Wie J, J. Mikkola Ei» izuceniju kasubskichb govorovi> 
^ I 8. 7 zuerst beobachtet hat, besitzt das Slovinziscbe zwei 

akzentqualitäten, welche er mit den ausdrücken „scharfer" 
und „leichter" ton bezeichnet und von denen er den ersteren 
mit dem gestossenen ton des Litauischen , den anderen mit 
dem im Deut'schen bei langen vokalen üblichen vergleicht. 
In seiner neuen Schrift „Betonung und Quantität in den west* 

tilavischen Sprachen" konstatiert er s. 44 f ebenfalls das Vor- 
handensein der beiden akzentqualitäten, lehnt es aber aus- 
drücklich ab, eine beschreibung derselben zu geben, da es 
erwiesenermassen äusserst schwierig sei, verschiedene be- 
tfluungsarten akustisch zu beurteilen. Ich halte es für prinzi- 
piell unrichtig, eine derartige Stellung einer wissenschaftlichen 

l frage gegenüber einzunehmen, denn bei gleicher Zurückhaltung 
aller derer, die sich in dieser oder ähnlichen fragen nur auf 



352 F. Lorantz, 

gnind ihrer subjektiven beobachtangen, ohne sich auf ex- 
perimente stfltzen zu können, ein urteil gebildet haben, 
würden wir sehr häufig nie Aber das blosse konstatieren 
hinauskommen. Man muss eben auch hier wie so häufig den 
„mut des fehlens^ haben, dabei jedoch immer im äuge be- 
halten, dass man nur subjektive ansichten vorträgt, welche 
jederzeit durch ezperimente modifiziert, ja als ganz unrichtig 
erwiesen werden können. Unter diesem gesichtspunkte bitte 
ich auch die folgenden zeilen aufzunehmen. 

Es ist zunächst nötig, die von mir angewandte termino- 
logie festzulegen, da ich hierin von Mikkola abweichen muss. 

Wie Mikkola a. a o. auseinandersetzt, hat jeder ursla- 
vische vokal im Slovinzisch-Easchubischen zwei ablautsstnfen. 
Diese Spaltung der urslavischen vokale beruht, wie sich er- 
weisen lässt, auf einer quantitätsverschiebung, indem die ur- 
sprOnglichen kfirzen unter gewissen allerdings bisher noch 
unbekannten bedingungen gedehnt, die ursprilnglichen längen 
gekürzt (und vielleicht auch noch wieder gedehnt) wurden. 
Ich bezeichne nun die ablautsstufe, welche auf den kurzen 
vokalen beruht, als kurzstufe (M.: „indifferente vokale"), die 
andere, aus den langen vokalen hervorgegangen, als langstufe 
(M.: „gesteigerte vokale"). Beide ausdrücke besagen nichts 
weiter, als dass die kurzstufigen vokale als ehemalige kürzen, 
die langstufigen als ehemalige längen anzusehen sind, für die 
weiter zurück liegende entwicklung machen sie keine Voraus- 
setzung.^) 

Ein anderer punkt, worin ich von Mikkola abweichen 
muss, ist der ausdruck „leichter" ton. Wie wir unten sehen 
werden, haben die mit diesem akzent versehenen silben fast 
sämmtlich eine quantitätsmehrung erfahren, es liegt daher nahe, 
denselben als „dehnenden" ton zu bezeichnen. Ich verwende 
daher im folgenden f&r die akzentqualitäten die ausdrücke 
„scharfer" und „dehnender" ton, bitte aber dieselben nicht 
mit Hilferdings „scharfem" und „gedehntem" ton zu ver- 
wechseln, da letztere sich nur auf die quantität beziehen. 



Man könnte versucht sein, die kürzstnfenvokale einfach als kürzen, die 
langstufenvokale als längen zu bezeichnen. Dies würde aber zu nuss- 
▼erständnissen anlass geben, da in der heutigen spräche die kürzstnfen- 
vokale häufig als längen, die langstufenvokale (allerdings nur selten) als 
kürzen auftreten. 



Smen^n^ti über die aJc^entqniilitäten n, », w. 



363 



Bei der folgenden darstelkng gehe ich aus vom Slovin- 
" zischen, flir welches niir das umfangreichste material zui" 
Verfügung steht. Innerhalb desselben sind zwei diaJektgruppen 
2U unterscheiden : die östliche , deren hauptvertreter der 
Huckener dialekt ist, und die westliche mit dem hauptort 
Gross Garde. Von den unterschieden beider dialektgi-uppen 
sind für uns hier nur zwei von Wichtigkeit: 1. Die ursprüng- 
lichen küi'zen i, u, ä sind in den westlichen dialekten als 
kürzen geblieben, doch sind die folgenden konsonanten ge- 
dehnt, in den östlichen dialekten sind sie dagegen selbst 
gedehnt. — 2, Die diphthouge ie und «^ sind in den west- 
lichen dialekten vor nasaleu monophthongisiert, wobei die 
Uäsale gedehnt sind, in den Östlichen dialekten sind sie als 
] diphthouge erhalten. Über weitere unterschiede der beiden 
I dialekt^nppen und der einzelnen untermundarten s. verf. bei 
F. Tetzner, Die Sloviuzen und Lebakaschuben, s. 265 ff. 

Am leichtesten ist der scharfe ton zu hesümraen. Es 

bt dies ein eingipfliger, stetig fallender, schwach gesclmitteuer 

^_ tun, er gleicht also, wie auch Mikkola angieht, dem ge- 

^^fbtoBsenen ton des Litauischen, Dieser ton findet sich nur 

bei den langstufenvokalen. 
I Schwieriger ist die bestimmung des dehnenden tons» 

Nach Ibükkolas ursprünglicher ansieht gleicht dieser dem auf 
I langen vokalen ruhenden akzent des Deutschen, In dieser 
; aUgemeinheit ausgesprochen kann dies unmöglich richtig sein, 
j wie eine einfache erwägung lehrt Der akzent langer vokale 
d.es Deutschen (wenigstens des Hochdeutschen im munde 
g-ebildeter) ist ebenfalls ein eingipfliger, exspiratorisch fallen- 
der, schwach geschnittener akzent, dem der bescbreibung 
nach der stosston des Litauischen entsprechen muss. Wäre 
i^un dieser akzent mit unserm dehnenden ton identisch, so 
^wrürde kaum ein unterschied zwischen dem scharfen und dem 
fiehnenden ton zu bemerken sein. Ich glaube aber, dass 
Hdikkola an diesen akzent gar nicht gedacht bat, sondern an 
Am auf langen vokalen, hinter denen eine silbe geschwunden 
ist, rahenden akzent des Norddentsclien z. b. ndd. gos *gänse' 
(aber go^'s 'gaus')^ müs *mäuse' (aber müs 'maus'), hd. Uä 
*lie.*it\ dr^t 'dreht'. Dieser akzent ist nach meinem empfinden 
alkrdißgs auch eingipflig und exspiratorisch fallend, er unter- 
scheidet sich aber von dem zuerst genannten dadurch, dass 



354 P- Lontitx, 

der Tokal Iftnger ist und bei diphthongen der zweite kompo- 
nent stärker hervortritt.^) Das gleiche verhftltnis könnte sich 
auch im Slovinzischen finden, und dies ist m. e. auch Ifikkolas 
meinung. 

Ich habe von dem dehnenden ton einen anderen eindmck 
empfangen, für dessen richtigkeit, wie mir scheint, anch 
einige unten zn erwähnende lautliche Verhältnisse sprechen. 
Ifir erscheint nämlich der dehnende ton als zweigipfliger 
akzent mit zweitem schwächeren gipfel. Dieser akzent erscheint 
nur bei korzstofenvokalen. 

Ich wende mich jetzt zur besprechung der einzelnen 
vokale und ihres Verhältnisses zu den akzentqualitäten. 

Die langstufenvokale lassen bezüglich ihrer quantität 
folgende gesetze erkennen: 

1. In offenen binnensilben treten sie heute als dreimorige 
vokale oder diphthonge auf, bei den diphthongen überwiegt 
teils der erste, teils der zweite komponent Bei ersteren 
entfallen auf den ersten komponenten zwei, auf den letzten 
eine more, bei den diphthongen der zweiten art ist das um- 
gekehrte der fall. Zu letzteren gehören nur die diphthonge 
ei und e^, alle anderen haben den längeren als ersten 
komponenten. 

2. In geschlossenen silben und im auslaut treten die 
langstufenvokale als zweimorige vokale und diphthonge auf. 
Die gegenseitigen Verhältnisse der diphthongkomponenten sind 
dieselben wie in offenen silben.*) 

Ohne weitere auseinandersetzung dürften die bei den 
einfachen vokalen und den diphthongen mit langem ersten 
komponenten zu beobachtenden Verhältnisse klar sein. Drei- 
morige vokale bezw. diphthonge haben z. b. rhkä, ghrUy vimjqj 
pj'isq, jAxä, $Arä, xV^ulä, prUueä, bämäf x^rnä, göurä, vrdybä, 
skörkä, löjika, rndjikä, vj^mt, glincä, girkä, zweimorige z. b. 
yUpy gSr, täj rip, hü, brät, brüCjltt, ßH^t, vUrf, kröjß, gröfip, 
görkj döüp, vöjis, rSj^', vj^Xf **'*; dtn^, kärk, läx^, ceAlS, 



1) Vgl. hierzQ Leskiens beschreibimg des schleiftons im LÜMUBcheii in 
Abhandlungen der kgl. sfichs. Ges. d. Wiss. phil.-hist. EL XHI 8. 552. 

*) Ich will gern zugestehen, dass es vielleicht richtiger wfire, statt von 
drei- und zweimorigen vokalen und diphthongen von überlangen und langen 
zu sprechen, da das ohr sich über feinere quantitfitsverhfiltnisse leicht täuscht. 
VoUe sicheiheit kann nur durch ezperimente gewonnen werden. 



Bemerkungen über Hb akzentqnalitSten d. s. w. 



365 



lä^if dravij dM, tüM^t fäer&fi, dM^^ rqkö^. Dagegen be- 
dürfen die diphthonge, bei deiieo der zweite komponent länger 
ist als der erste, einer kurzen besprecliung. 

Bekanntlich beruht nach Leskien Abhandlungen der KgL 
ßächs, Ges, d. Wiss. phil.-hist. El, XIII s. 552 f der unterschied 
des litauischen geBtosseuen und schleifenden tons dai^auf, dass 
bei diesem der zweite schwächere teil der sübe ebenso lange 
aasgehalten wird als der erste, bei jenem dagegen der erste 
»tärkere teil länger ist als der zweite, während der eigent- 
liche akzeat in beiden fällen derselbe ist* Ob Leskien recht 
hat, ist eine frage j die uns hier nicht weiter angeht Da 
nun bei den diphthongen ^i und 0^ der zweite koinpünent 
ebenfalls länger ausgehalten wird, so könnte man meinen^ 
dass deshalb auch hier eine von der sonst bei den langstufen- 
vokalen anzutreffende verschiedene akjzenU|ualität vorhanden 
sei. Hiergegen ist aber zu bemerken, dass, wenn Ijenkien 
recht hat, wir auch in der litauischen grammatik nicht mehr 
von verschiedenen akzentqualitäten sprechen dürfen, sondern 
hier nur eine verschiedeuheit in der art der vokale und dipb* 
thonge zu konstatieren haben. Denn der ^üticent an sich int 
in beiden fällen derselbe, dass er auf unser obr einen ver- 
schiedenen eindruck machte ist nur durch die Verschiedenheit 
der vokale bewirkt. 

Genau so liegt die saehe im Slovinrisehen. Audi hier 
ist der akzent bei Wörtern wie pr^udä, ätum, !crk^', vk^l, 
nSrimjq, ^i-^mja^ ^^i^^ä genau derselbe wie bei (ßuräf krS^f 
dass er auf den hörer einen andern eindruck macht , kommt 
daher, dass wir dort die gruppe ^, hi<^r die gruppe ^-^^ y^f 
uns haben. Dadurch sind wir aber nicht berechtigt, fer* 
achiedene akzeniqualitaten anzunehmen. Hiu^u kouimt noch« 
dass Wörtern, wie k^^i* v^0f »p^¥^i dartgl in Or. Garde 
solche mit <f|^ gegenüberstehen: kXfil, väfflf fp^^ da/rä$i, 
deren akzent sich in nicbüi von deni mmt bd äu anzu^ 
ti^ffenden unterscheidet. 

Ich wende mich zur beiumdlmig im dehnenden ton«, den 
wir, wie oben benietkt, nur bei den kuns^titfeu vokalen an- 
treffen. Da hier die vetUUtii^ce auf den beiden dialdkt^ 
gebieten teilwei«»e reelit rctvcfaiadiii «iad| mümmn wir di«ie 
gesondert betraditeiL 




356 F- Lorentz, 

Auf dem östlichen dialektgebiet hat die entwicklnng zu 
einem ziemlich einheitlichen resultat geführt. Bezflglich der 
Quantität finden wir hier folgendes bild: 

1. Die kurzstufenvokale a e i u q sind fiberall zweimorig. 

2. Die diphthonge i^ und u^ sind zweimorig,') die beiden 
komponenten haben ungefähr die gleiche Quantität. 

3. Die sonst auftretenden diphthonge und diphthongartigen 
Verbindungen sind in offenen silben dreimorig, in geschlossenen 
Silben und im auslaut zweimorig, teils ist der erste, teils der 
zweite komponent länger, das Verhältnis der beiden kompo- 
nenten zu einander ist dasselbe wie bei den langstofen- 
diphthongen. 

Bei den nicht in diphthongischen Verbindungen stehenden 
vokalen fallen die beiden gipfel des dehnenden tons in den 
vokal selbst. Am sichersten ist dies in offenen silben fest- 
zustellen z. b. bäbä, tätä, rabä, lapä, bfijq, ÖtiMc, mSxä, kurä, 
gqbä, grqdä, ha, Jcrä, krä. Weniger sicher bin ich, dass dies 
auch in geschlossener silbe der fall ist wie z. b. bei mätkä, 
laskäf mäskä, laskä, bßtvä, mßtkä, muSkä, pSscSc, l^kä. Hier 
schien es mir nämlich zuweilen, als ob auch der die silbe 
schliessende konsonant an der akzentbewegung partizipiere, 
indem der verschluss bezw. die enge gebildet wurde, ehe der 
zweite gipfel seine grösste höhe erreichte. Doch bin ich, wie 
gesagt, in diesem falle meiner sache nicht ganz sicher. 

Wo dagegen die silbe durch einen Sonorlaut ge- 
schlossen ist, der vokal also in diphthongischer Verbindung 
steht, war die mitbeteiligung des silbeschliessenden konsonanten 
an der akzentbewegung zweifellos festzustellen. Hier fällt 
der stark einsetzende akzent fast die ganze dauer des vokals 
hindurch, erst im letzten teil des vokals setzt die Steigung 
ein, welche während der dauer des Sonorlauts gleichmässig 
anhält, so dass der zweite gipfel erst beim ende des Sonor- 
lauts erreicht wird. So z. b. drtstäicä, rqkäicö^^ kliidä, 
bäryujq, värvjq, vSrvjq, Slävßncä, pägänmt^ vürvjq. Folgt 
aber ein weiterer tautosyllabischer konsonant, so liegen die 
Verhältnisse ähnlich wie bei dem falle vokal -f konsonant 
Auch bei Wörtern wie strikäXc, rqkäXdköfi, vilc, slävjtndü, 
pägqnshi u. a. war es mir nicht möglich, mit voller sicheriieit 

1) In wOrtem wie pji^Üf PJ^T^ ist das ter sweimorig, das ie abo 
kürzer. Ich beachte dies im folgenden nicht weiter. 



Bemerktui^^ über die akzentqnalitfiten n. s. w. 



357 



fei^izustellen, ob die akzentbewegung beim eiasetzeE des kon- 
soiia&ten schon ihren abschluss erreicht hatte oder nicht. 
Doch schien mir auch hier das letztere der fall zu sein. 

Bei den diphthongen mit langem zweiten kompouenten 
ist die Sachlage iusofem eine andere, als hier der akzent auch 
noch während des ersten teils des zweiten komponenten fiillt, 
die Steigung also hier ganz dem zweiten komponenten an- 
gehört. Diphthonge dieser art sind nur ^i und 0U^) z. b. 
vB'inäj V0'icä^ v0-miäj pe-ukäc, 7n0'Uf^&c. Folgt ein tautosylla- 
bischer konsonant, so partizipiert dieser am akzent, falls es 
ein Sonorlaut ist z. b. ke'jncä^ kß'^ndtc, während ich dies hei 
geräuschlauten wie z. b. bei jaiff^iekä, vs-pkäj vä'ueM nicht 
sicher feststellen konnte. 

Bei den beiden diphthongen ie und Mf tritt die Steigung 
erst innerhalb des zweiten komponenten ein, in offener silbe 
lallt natürlich auch der zweite gipfel in diesen z. b. sirh/ß^ 
rlekäj mfväf vü^göüu] ist die silbe durch einen Sonorlaut 
geschlossen, trägt dieser den zweiten gipfel z. b. ce^hln% 
slerväCj sipnkndßc^ pu0lknö^i\ pu^rväCf pHfmknb%c. Bei den 
durch einen geräuschlaut geschlossenen silben wie bei slesj^Vi^ 
vkfskä^ vk^hdac war mir die beteiligung des konsonanten am 
akzent nicht sicher. 

In den westlichen dialekteu finden sich bei den kurz- 
stufen vokalen folgende quantitätsverhältnisse : 

L Die vokale a, e^ q sind wie in den östlichen dialekteu 
flberall zweimorig. 

2. Die vokale ä, ä^ i^ «, ii sind Überall einmorig, nur im 
auslant zweimorig. Der folgende konsonant ist in allen fällen, 
mag er tautosyllabisch oder heterosyllabisch sein, gedehnt,*) 
so dass die silben sämtlich zweimorig sind. 

3. Die diphthonge ie und h^ gleichen denen der {jstlichen 
dialekte. 



') ej und eu sind die einzigen l&ate des Slomzischei], bei denen beid^ 

ak^entquaLltäten vorkooinieD. 

-) Im aoslant habe ich eine dehnimg der konsonanten nicht bemerkt, 
es beisst hier s^t ^^K PJ^- ^^^' ~~ ^^ Inlaut begegriet vor j ein langes t 
^* b. hfijq. Dies ist aber nur eine schembaTe ausnabme: et ist ala nr- 
fptüng^licb ^bjijq anausetzen (vgl. §äjä)f d. i. phonetiäcb f^ßiiti, doch iet 
hente (wenigstens für mem ohr] ein qualitatiTer antef^hi^ iwifichen dim 
i und dem i nicht mehr bemerkbar. 




358 F. Lorentz, 

4. Die äbrigen diphthonge haben dieselben qnantit&ts- 
Verhältnisse wie in den östlichen dialekten. Jedoch sind hier 
nnr die aus a q e s -\- Sonorlaut bestehenden diphthonge und 
das aus eü entstandene in solche mit langem ersten kompo- 
nenten, bei allen äbrigen ist der zweite komponent lang. 

Die am meisten auffallende abweichung von den östlichen 
dialekten bietet die ausspräche der vokale in ursprünglich 
offener silbe z. b. cä-eä, cä-gäc, rä'bä, läpä, pji'säc, ^'bäc, 
mü'xäy kurräy se^-n^, Avmjsc, dü'mä, öeHrni. Hier setzt der 
akzent stark ein, fällt dann während der dauer des vokals 
und beginnt erst, nachdem die sprach Werkzeuge für den 
folgenden konsonanten eingestellt sind, wieder zu steigen. 
Natürlich ist dies steigen nicht bei allen konsonanten gleich 
deutlich zu hören. Am besten eignen sich dazu die sonor- 
laute, so ist z. b. bei äerü-nt deutlich zu hören, dass das 
gedehnte n schwach einsetzt und dann stärker wird, bis mit 
dem silbenschluss die grösste stärke erreicht ist, im zweiten 
zur nächsten silbe gehörigen teil wird es dann wieder 
schwächer. Ebenfalls gut zu hören ist das stärker- und 
schwächerwerden der exspiration bei den Spiranten und 
stimmhaften verschlusslauten, wo das reibungsgeräusch bezw. 
der blählaut an stärke zu- und abnimmt. Bei den stimmlosen 
verschlusslauten ist dies stärker- und schwächerwerden natür- 
lich nicht zu hören, hier ist es die lösung des verschlusses^ 
welche das zunehmen des exspirationsdrucks innerhalb des^ 
verschlusses beweist. Denn während bei Wörtern wie Äcop^ 
pjätä der verschlusslaut fast als lösungslenis gesprochen wird^ 
erfolgt bei grä-pä, bä't'i, söu'kä die lösung des verschlussem- 
unter hohem exspiration sdruck, so dass hier eine deutliche 
lösuugsfortis zu hören ist.*) 

Auch wenn die silbe geschlossen ist, wird der dem vokaB^ 
folgende konsonant gedehnt. Etwas ähnliches haben wir obei^- 
schon bei ei und eu kennen gelernt, hier finden wir es auch^ 
bei allen ä-, i-, u- und w-diphthongen z. b. räkä'icöü, vä-rvjq-j^ 
cvmnä, jü-picä, kü'ncä, rqkäiäköü, d'^ikst, und bei der ver — - 
bindung dieser vokale mit folgendem geräuschlaut z. b. cäJk^^ 

Auch in den Östlichen dialekten giebt es einige Wörter, welche eine "^ 
einmorigen vokal in der tonsilbe haben, worauf der folgende einfacli^B- 
konsonant gedehnt erscheint. Doch sind dies fast nur fremdwörter i. t r""^ 
li'tä, prh'säj rö'lä. 



Bemerkimg^en über die akzentqualitäteii u. b. w. 



läpkäf mjHköj muskä. Auch hier setzt die exspiration zu- 
DächBt stark ein, fällt dann innerhalb des yokalB und wird 
innerhalb des konsotianteu wieder stärker. 

In den übrigen fällen sind die Verhältnisse in den west- 
lichen dialekten denen in den östlichen gleich, brauchen also 
nicht besonders besprochen zu werden. 

Ich bemerkte oben, dass mir tUr meine ansieht, der 
dehnende ton sei ein zweigipfliger akzent^ einige lautliche 
Verhältnisse zu sprechen schienen. Ich wende mich nunmehr 
zur behau dlung derselben, 

1. Die diphthonge i§ und uß sind in den westlichen 
dialekten vor nasalen monophthongisiert z. b, fhnä aus rinnä, 
ä^^niä aus du^mä. Auch sonst finden sich falle von monoph- 
thangisierung bei diesen diphthongen z. b. in &t. Garde 
ffA^rsi aus gu^rst^ in Virchenzin sHgäc aus melgUc^ pü'lknöüc 
ans pu§lknöücy doch gehe ich hierauf nicht weiter ein.^) Diese 
monophthongisierung wäre bei einem faUenden ton gar nicht 
zu verstehen, denn wenn auch fallend betonte diphthonge 
bisweüen ihren zweiten komponenten einbüssen ~ darauf, 
dass dies bisher nur bei langdiphthongen nachgewiesen ist^ 
will ich gar kein gewicht legen — so bliebe doch die mit 
dieser monophthongisierung in Verbindung stehende konso- 
nantendelmung unerklärlich. Wollte man aber von einem 
steigenden ton ausgehen, so würde allerdings letztere ver- 
gtändiich werden, dagegen die ursprüngliche diphthongisierung 
von e und o unerklärlich bleiben. Beide erscheinungen können 
nur beim Vorhandensein eines zweigipfligen akzents erklärt 
werden. Dass der akzent von uranfaug an zweigipflicb ge- 
uresen ist^ soll damit aber nicht behauptet werden, 

2, Die in den westlichen dialekten nach a, ä^ % u ein- 
getretene konsonantendelmung Im gegensatz zur dehnung der 
vokale in den östlichen dialekten Ist nur durch einen zwei- 
gipfligen akzent (oder durch einen steigenden, der aber sicher 
nieht vorhanden ist) zu erklären. 



^) Beiläuflg fliag hier erwähnt ^tiD, da§s sacb der (wi« mir mit^teÜt 
woMe, achon liugst) auMgestorbene dialekt von Wendisch Silkow (ca. 6 km, 
•SdneBÜich vod Vir eben xin) die nionopbthoDgiaiemiig von i$ vor tautosfUa- 
i^isühem I gekonnt hat. Bilkow heiist nämlich eIov. Zllkk§väj Am d. SUkma 
teiBt ib«r »or ^^lUci^^vä hin , dies wird ako die einheimiBche form g^- 
•^eseti a<jm, 

24* 



360 F- Lorentz, 

3. Unbetontes o ist nach tonsilben nur dann durch ^e 
vertreten, wenn die tonsilbe dehnenden ton hat z. b. kärömär- 
iv^ä, rzäsö^fä, cäx^ä, ci^mä, vji'g^ä. Da sich dies bei Wörtern 
wie vUuknä, plöütnä nie findet, muss man es dem vorher- 
gehenden zweigipfligen akzent zuschreiben. Der ttbergangslant 
hat sich hier entwickelt, da der Übergang von dem mit hohem 
exspirationsdruck eingesetzten konsonanten zu dem völlig un- 
betonten vokal sehr schroff war. Dass er sich besonders 
h&ufig in den westlichen dialekten findet, ist leicht ver- 
ständlich.O 

Dies ist alles was ich über die akzentqualitäten des 
Slovinzischen mitteilen kann. Kurz zusammengefasst ist es 
folgendes : 

Das Slovinzische besitzt zwei qualitativ verschiedene 
akzente, den scharfen ton und den dehnenden ton. 

Der sdiarfe ton ist ein einglpfliger, fallender, schwach 
geschnittener akzent; er findet sich nur bei den langstufen* 
vokalen. 

Der dehnende ton ist ein zweigipfliger akzent mit zweitem 
schwächeren gipfel; er findet sich nur bei den kurzstufen- 
vokalen. 

Ich wende mich jetzt zur betrachtung der akzentquali- 
täten im Kaschubischen und zwar im Heistemester dialekt. 
Es läge allerdings am nächsten, an das Slovinzische das 
benachbarte Kabatkische anzuschliessen, da aber hier die Ver- 
hältnisse ausser in einem punkte dieselben sind wie im Slo- 
vinzischen, können wir auf die behandlung dieses dialekts 
verzichten. Von den übrigen nordkaschubischen dialekten ist 
mir aber nur der Heisternester aus eigener anschauung be- 
kannt. Doch muss ich bemerken, dass ich hierüber nicht 
mit derselben Sicherheit sprechen kann wie über das Slovin- 
zische, da ich kein solch umfangreiches raateiial dafür besitze, 
und zur ergänzung desselben noch keine gelegenheit gefunden 
habe. Ich muss daher um nachsieht bitten, wenn die folgende 
darstellung etwas lückenhaft ausfällt. 



Mikkola Betonung and Quantität s. 81 meint, das ^e von vji'gi^e sei 
eine spur der früheren entbetonung. Bei diesem wort ist eine solche aof- 
fassung möglich, da der Eluckener dialekt vjigü^ und das kabatkische ßg^Mi 
bietet, im allgemeinen halte ich sie aber für unmöglich. 



Bemi^rlrangcm Aber die alreentqnalitäten a. s. ir. 



361 



Über den Heisteniester tlialekt hat Brouiseli AfslPh. XVIII 
347 ff. ausführlich gehandelt, ohne jedoch den sübenakzent zu 
erwähnen* Und doch unterscheidet dieser dialekt ebenso wie 
das Slovinzische zwei akzentqualitäten , welche auch iu der- 
selben Terteilung auftreten.*) 

Der scharfe ton des Heistern ester dialekts gleicht dem 
des Slovinzischen und findet sich wie dieser nur bei lang- 
itufenvokalen z. b. gMolj hitip^ Wrk, Mka, ylipf vßrm^ pstM, 
ledn^ ßCf vrdeäf gldfküf krdl^ Mikol, tltt,€^ d^dray mgka, dgpF) 

Anders liegt die sache beim dehnenden ton. Dass dieser 
auch hier zweigipflig ist» ist mir nicht zweifelhaft, jedoch 
scheint mir nicht der erste ^ sondern der zweite gipfel der 
höhere zu sem. Sollte ich mich nun auch liierin täusclien, 
was ja immerhin möglich ist, so kann ich doch mit Sicherheit 
behaupten, dass der zweite gipfel hier viel kräftiger hervor- 
tritt als im Slovinzischen. Im einzelnen ist folgendes zu 
bemerken : 

1. Die vokale a, e, ö^ o, q sind gedehnt z, b. gädäc^ 
pl^^Sf vßödff Jcrova, vqda, ein tautosyllabischer Sonorlaut 
oimmt auch hier am akzent teil z. b. b'älkaj knäna^ vSldltf 
Sf^drka^ nur wo er bezw. ör auf urslav. tr beruhen, ist der 
vokal kurz gebliebeUj ob das folgende r eine dehnung erfahren 
hat, habe ich leider nicht angemerkt z, b, cerps^öc, sertcef 
ps^dm, vdrba. 

2* Die vokale e and i sind selbst kurz, der folgende 
konsonant ist gedehnt und nimmt am akzent teil z. b. clgHe-nat 
^^% s^-lüj B'tt, ^tiOf cHa^ eHl, b'l'Ia^ b'i% röh'rla. Lang 
ist i vor i z, b. b*lio vgl. slov. bitj^. 

3. Am schwierigsten ist die aulfassung der diphthonge 
^ und mj. Bronisch sieht in ue einen fallenden, in uy einen 
steigenden diphthong, m. e, sind beides fallende diphthonge. 
ß^a das ohr in beiden föUen geneigt ist, u als konsonanten, 
J^ and e als vokale aufeufassen, ist leicht erklärlich, da in 
"^den Mleu die zunge sich senken mnss, vgl. Sievers Pho- 
^^tik^ 8* 14T anm, 6. 



•} Teil beieicbtie den scharfen ton mit ', den dehnenden mit * . 
y ^) Bfheinbare lang^stnfenvolrale hüben (lohnenden ton z, b. wi^, t&üiinm 
^^; bei wOrtem mit ö^ ftlr bl ^l wie p6lnl d6lnö habe ich leider die 
**«tit^tiiütät nicht bezeichnet. 



362 F. Lorentz, 

An der betonung dieser diphthonge im gegensatz zn der 
des Uff im Slovinzischen ist die Verschiedenheit des dehnenden 
tons in beiden dialekten am deutlichsten zn erkennen. Denn 
während dort das den stärkeren akzentgipfel tragende u Ober 
das dominiert, tritt hier das u dem e y gegenüber stark 
znrttck. Mag dies nun auch z. t dadurch bewirkt sein, dass 
e y an sich schallkräftiger sind als u, die hauptverschiedenheit 
stammt doch daher, dass hier der zweite komponent den 
stärkeren akzentgipfel trägt. Beispiele: buegOy umeda, pakue- 
vac, bue% kuyra, müyxa, umyxtie, puyscec, küypc. 

Ist noch etwas Aber die geschichte der idovinzisch-kaschu- 
bischen akzentqualitäten zu ermitteln? 

Über den scharfen ton wird kaum etwas besonderes auf- 
zufinden sein. Da derselbe sowohl im Heistemestischen als 
im Slovinzischen, also an den beiden äussersten enden des in 
rede stehenden gebiets, der gleiche ist, darf dies auch ftlr die 
dazwischen liegenden dialekte vermutet werden und wird 
dieser akzent wohl von anfang an ein eingipfliger fiedlender 
ton gewesen sein. 

Anders ist es mit dem dehnenden ton. Hier weist eine 
erscheinung des Eabatkischen darauf hin , dass dieser akzent 
wohl ursprünglich etwas anders ausgesehen hat wie heute. 

Das Kabatkische kennt nämlich ebenso wie die übrigen 
kaschubischen dialekte dem Slovinzischen gegenüber die diph- 
thongierung des o nach gutturalen und labialen. In dieser 
Stellung ist es durch ui^ vertreten z. b. kuiepä, gulesc, x^ie- 
räsc, puier^y bui$gä, uiedä, mutest. Der akzent dieses ui§ 
gleicht genau dem von slovinz. kabatk. x^^^^ stfiel^c, er ist 
ebenfalls zweigipflig mit schwächerem zweiten gipfel. Da ist 
es nun höchst auffällig, dass nicht die ganze aus urslav. o 
hervorgegangene lautgruppe an dem akzent partizipiert, 
sondern nur der zweite teil derselben. Dies kann m. e. nur 
darauf beruhen, dass der dehnende ton ursprünglich ein- 
glpflich und steigend war und dass sich der zweite gipfel 
erst zu entwickeln begann, nachdem das urslavische o im 
Eabatkischen schon zu i^^) geworden war. Denn wenn 
schon von anfang an der erste komponent des diphthongs 

1) Welches die arsprOngliche gestalt des kabatk. ^i(i gewesen ist, winl> 
kaum zn bestimmen sein. )^ij^ selbst weist auf tfe, das j^ der unbetontetB 
Silben (z. b. iiif^}^öy ^i(^i^6) anf tfo bin. 



emertamg^n tb 



eil n. i. w. 



irgend einen etwas stäikeren akzent besessen bätte, hätte er 
doch schwerlich diesen so weit reduzieren können» dass er 
heut ganz ansserhalh der akzeDtbewegung der silbe steht 
Wir werden daher liier von einem steigenden akzent ans- 
zugehen haben. \) 

Aach das 8Iovinzische besitzt einige Wörter, welche viel- 
leicht auf einen ursprünglich eingipfligen steigenden ^zent 
hindeuten. Es sind dies vktc^ vkci^ vfftj petd^ kbc (= p, choS) 
rnid einige stammverwandte wie vh-iMm, vb-t^tnä^ ve^ctoitkäf 
kk'cdk Merkwürdigerweise entspi*echeii diesen auch in meh- 
reren kaschubischen dialekten (Kussfeld -Ceynowa, Putzig- 
Polzin^ Oxhöfter Kämpe) solche mit „unregelmässiger" Ver- 
tretung des urslav. o. Auch das dort zu diesen Wörtern ge- 
hörige urslav. mis heisst im Slovinzischen ven^ doch kann 
dies auch die betont gebrauchte unbetonte nebenfonn von 
üÄ^n sein.*) Wie gesagt, ist auch diese erscheinung, wenig- 
stens soweit sie das Slovinzische betrifft, vielleicht aus einem 
ursprünglich steigenden ton zu erklären, da sie aber nicht 
wohl von der analogen erscheinung in den kaschubischen 
dialekten getrennt werden kann, die akzentverhältnisse in 
diesen dialekten mir aber unbekannt sind, gehe ich nicht 
weiter darauf ein. 

Das ist alles, was ich über die akzentqualitäten das 
Slovinzischen und Kaschubischen^) raitt-eilen kann. Ich steUe 
hier zum sclüuss das thatsachliche kurz zusammen. 

Das Slovinzische und Kaschubiscbe besitzen zwei akzent- 
qtjalitäten, den scharfen und den dehnenden tou. Der scharfe 
ton findet sich nur bei den langstufen vokalen , der dehnende 
nur bei den kurzstufenvokalen. 

Der scharfe ton ist ein eingipfliger, fallender » schwach 
{geschnittener akzent. 



') Schemaii&ch dargi^steUt würde dies aein: «^ zu ^-^ iq ^" ^a ^i/C* 
U\ *iin*ni nraprünglich zweigipfligen akzent: ^ m ^^ m ^^' za v6J, 
*v Hiebt anzunehmen i^t. 

*) Djdfi wird wahrsclienilich 4as richtige sein. Auch vifud ühi& vänl 
neben m{fnä usw. Tor. ebenso nä td neben Belteaerem nn^ i*t^. 

*) Ich habe nur vom Nordkusctiubisf hen gesp rechen. Aach dos Std- 
■ttchutyieche hat die beiden akz eutqu alitäten , doch kann ich sichte ein- 
t'beinlerea darüber mitteilen. 



364 Erich Beraeker, 

Der dehnende ton ist ein zweigipfliger akzent Im Slo- 
vinzischen und Kabatkischen ist der erste gipfel der stärkere, 
im Heistemester dialekt der zweite. 

Es muss noch bemerkt werden, dass sich die obigen be- 
merkungen nur auf die exspiratorische seite der slovinzisch- 
kaschubischen betonung beziehen. In musikalischer hinsieht 
scheint mir der scharfe ton fallend, der dehnende steigend zu 
sein, doch habe ich hierfiber kein urteil. 

F. Lorentz. 



Der genetiv-accusativ bei belebten wesen im 

Slavischen. 

Die merkwürdige erscheinung, dass bei Wörtern, die 
belebte wesen bedeuten, der gen. für den acc. eintritt, hat 
in den modernen slavischen sprachen eine sehr verschiedene 
ausdehnung. Am weitesten geht das Russische, wo nur der 
Singular der feminina die alte acc.-form erhalten hat, während 
sonst bei allen belebten wesen, menschen wie tieren, im . 
Singular. und im plural der acc. durch den gen. ersetzt wird. 
Anders das Serbische, wo sich dieser prozess nur auf den 
acc. sg. der bezeichnungen für menschen und tiere masc. 
gen. beschränkt; noch anders z. b. das Polnische, wo die 
Verhältnisse etwas verwickelter sind: der gen. ersetzt den 
acc. bei personen männlichen geschlechts in beiden numeri; 
bei tierbezeichnungen nur im Singular; die feminina werdea 
gamicht betroffen. 

Den ältesten erreichbaren sprachzustand des Slavischen. 
bieten natürlich auch bezüglich des genetiv-accusativs di^ 
altkirchenslavischen texte. Hier steht es so, dass der gen^ 
für den acc. fungiert im singular der o-stämme, die männ^ 
liehe personen bezeichnen; doch ist auch hier noch in einer' 
nicht geringen anzahl von fallen der alte acc. bewahrte 
Tierbezeichnungen zeigen noch weit häufiger den alten acc^ 
als den gen. Der plural und alle feminina kennen den gen.— 
acc. nicht. 

Über die triebfeder, die bei dieser kategorie von Wörtern 
einen ersatz des alten accusativs durch einen andern kasus 
bewirkte, ist man sich ziemlich einig: sie liegt in dem laut- 



Der geii«4iT-accii&&tiT bei belebten weeen im Slaidschen. 



365 



Uchen zusammenfall von nom. und acc. bei den o-stämmeE 
im Slavischeiu Das hat Leskien ausgesprochen (deklination 62): 
„was für gründe nun auch zusammengewirkt haben mögen, 
um gerade bei den belebten mageulinis die Vertretung des 
acft. durch den gen. zu bewirken ^ als einen hauptgächliehen 
wird man sich vorstellen müssen, dass gerade bei der im 
Slavischen gan« freien Wortstellung im satze eine neue Schei- 
dung von subjects- und objectscasus (die ja lautlich zusammen- 
gefallen waren) bei jener kategorie von worten am meisten 
bedürfnis war." 

Doch wie kam es, dass gerade der gen* zum ersatz des 
acc. gewählt wurde? Diese frage hat ztüetzt A. Meillet zu 
beantworten gesucht in seinem inhaltsvollen und geistreichen 
werk „Recherches sur Temploi du G^nitif-Accusatif en vieux- 
giave*^ (= 115. band der |,Biblioth6que de T^cole des hautes 
Ätndes/ Paris 1897). Er sucht den ausgangspunkt des gen*- 
acc. bei den pronomina. Geseldechtige wie ungeschlechtige 
Pronomina^ so führt er aus, brachten in das Slavische einen 
betonten acc. sg, mit, der formell dem gen. glf^ich lautete. 
Von hier aus pflanzte sich der gebrauch des gen. für den 
acc. auf die oben erwähnte kategorie von nomina fort. Ohne 
Meillets schrift zu kennen (die er nur noch in einem nach- 
trag bespricht), kommt Mühlenbach zu der gleichen aufiassimg 
in einem aufsatz in den Izvestija otdelenija russk. jaz. i 
ßlovesn. Imp. ak. nauk IV (1899), p. 1192 flf. Der einzige 
unterschied — bei nicht sehr wesentlichen abweichungen im 
einzelnen*) — liegt darin, dass Mühlenbach nur die personal- 
pronomina verantwortlich machen wUl, die demonstrativa und 
interrogativa erst von diesen beeinflusst sein lässt. 

Schon fi^üher hatte Delbrück eine erklärung des gen.- 
Äcc. ausgesprochen (Vgl. Syntax I, 320), Was sich gegen 
seine aufi'assung einwenden lässt, haben Meillet (p. 81) und 
üüMenbach (p. 1198) — ersterer treffender als letzterer — 
lervorgehoben* 

Prüfen wir nun, ob MeiUets beweisführung stichhaltig ist, 
und betrachten wir zunächst die personalpronomina. Ihr gen, 
sg, lautet im Slavischen mene tebe sä^e, ihr acc. sg. m^ tp sf. 



>) Daher triül daa im foLg^ndett gegen Memet bemerkte auch Mühlen- 
ymk tnit, ahne dms ein emg^hen atif die geringfügigen difetetiseti im ein- 
QdÜg Ist. 




366 Erich Bemeker, 

Nun kommen fälle in den altksl. texten vor, wo der gen. f&r 
den acc. steht, wenn dieser besonders betont ist, doch sind 
sie ungemein selten. Für mens giebt es überhaupt kein be- 
spiel, für tebe nur eines (Job. 17, 3 da ^najqtU tebe jedinogo 
istinünaago boga, wo aber z. b. Assem. t§ hat!); nur .Ar 
sehe giebt es sechs beispiele. So muss Meillet selbst zugeben: 
„der Übersetzer hat eine ausgesprochene Vorliebe f&r die 
tonlosen acc. mf t§ 8§ und gebraucht Mbe, sehe nur im fall 
der notwendigkeit.^ Ja, man muss hinzufügen, nicht einmal 
dann. So heisst es Matth. 22, 39: vüzljtibm iskrüyiego tvojego 
eko samü sf, wo doch sicher ein starker ton auf dem pro- 
nomen liegt, und Vondr&k ftthrt (in seiner ausführlichen 
besprechung des MeiUetschen werks, ASPh. 20, 327) ebenfalls 
ein sehr schwerwiegendes beispiel an: Matth. 10, 40 (cod. 
Mar.) ize vy priemletü, mp priemletU, i ize prienUetü mf, 
priemletü poslavüsaago m§: 6 iexo/nevog vfjLcig ifie Sixerai^ 
xai o ifis i$x6fi$vog Six^xai tov anoarelXavTa fiB. und 
solcher beispiele, yfo m§ t§ s§ trotz starker betonung stehen, 
Hessen sich noch mehr anführen. Schon allein diese that- 
Sache, dass die dem gen. gleichen acc. mene tebe sebe in den 
alten texten so äusserst selten vorkommen, stimmt sehr 
schlecht zu der annähme, dass von ihnen her eine analogie- 
wirkung in grossem Stil erfolgt sein sollte. Es fragt sich 
überhaupt sehr, ob die acc. mf te sf von haus aus tonlos 
waren, wie sie es jetzt, wo überhaupt noch vorhanden, in 
den slav. sprachen sind. Dagegen sprechen 1. beispiele, wie 
die oben angefahrten, 2. die thatsache, dass diese acc. mit 
Präpositionen verbunden werden. Meillet behauptet freilich, 
dass in diesen Verbindungen die präposition den ton getragen 
habe. Das lässt sich aber nicht beweisen, sondern ist sehr 
unwahrscheinlich, wenn man sieht, wie im Altrussischen diese 
angeblich tonlosen acc. mit vü verbunden werden, das doch 
schon ganz vocallos war; vgl. in der Hypatiushss. 180 
zane nvergü jed noH v ny „weil du das Schwert gegen uns 
gezogen hast^. Gegen die tonlosigkeit spricht aber noch ein 
dritter gewichtiger umstand. Die acc. m^ t^ sg sind nach 
Meillet dunkler entstehung, denn die entsprechenden ai. ton- 
losen acc. mä tva haben keinen nasal. Genau entspricht nun 
aber die betonte ai. form mäm aus *mem dem slav. mp, und 
so wird auch t^ dem ai. tväm entsprechen, nur dass es sein v 



Der geneti^-wcnitttiv bei bdebteji was^n im Sla?i8chen. 



367 



eingebüsst hat, wohl unter dem emfluss der übrigert casus, 
die keiü v hatten: gen* tehe (aus *teve = aL tava umgebildet) 
und dat ti = ai, te. So sind also auch ihrer entstehung nach 
die acc. m§ i§ sf keine von haus aus toulosen formen. Den 
ai. tonlosen acc, nm tvä ohne nasal würden im Slayischen 
*fiw *te *ge entsprechen. 

Nun scheint es bisher unbemerkt geblieben zn sein^ dass 
diese formen im Slayischen thatsächlich existieren, und zwai^ 
im Altpolnischen, Hier finden sich nämlich in den alten 
quellen bis in daa 16te Jahrhundert hinein acc. mie de sie 
ohne nasal. Keineswegs darf mau sich bei der erklärung 
dieser formen etwa darauf berufen, dass in der heutigen 
polnischen spräche, iu der gemeinsprache wie in dialekten, 
bei auslautendem e das nasalelement schwindet, und diese 
formen als aus twi^ dg sig entstanden auffassen. In den 
ältesten quellen erscheinen mit cousequenz nur diese acc, 
ohne nasalyocal geschrieben» während er sonst im anslaut 
mit grösster regelmässigkeit gesetzt wii'd. Neben diesen acc- 
ohne nasalvocal finden sich aber nun auch solche mit nasal- 
vocal, die den urslav.-altkirehenBl. ni§ i§ Äf entsprechen. 
Nahring bemerkt darüber ASPh. 2, 429 in bezug auf den 
Florianer psalter: „die accusativformen nie czb in Verbindung 
mit verbis trausitivis und m bei verbis refiexivis treten so 
consequent ohne den nasalvocal auf im gegensatz zu den 
äccusativformen, die in Verbindung mit präpositionen stehen 
{w me^ w cEfff prze cao u< s. w,), dass sie sicher nm^ cie^ m 
gelesen werden mttssen» wie sie denn auch im II tbeile so 
g;esehrieben werden,** 

Man hat also im Florianer psalter accusativformen ohne 
nasal beim verbum (wo sie offenbar unbetont sind) und solche 
mit nasal in Verbindung mit präpositionen (wo sie offenbar 
betont sind). Hiefür ein paar beispiele (die zahlen bezeichnen 
psalm und vers): vchmvay c£e yms hoga iacoh 19^ 1 es schütze 
dich der name des gottes Jakobs; zbawmia me vc^in hoste 
mHf 3, 7 errette mich mein gott; ebenda ne heds se hacz 
ti99€^a luda ich werde mich nicht fürchten vor tausenden von 
menschen. Andererseits mit präpositionen: ho iesmpwal w c^e 
deim auf dich habe ich vertraut; wem^y na me 21, 1 blicke 
auf mich. Lehrreich sind falle wie 17» 43: i przepasal jes me 
nocte fti* hojom; y podbil ies wstaiffcze na m0 pod me un4 




368 Erich Bemeker, 

hast mich mit macht gegfttrtet zum kämpf and hast die wider 
mich anfstebenden unter mich geworfen. Beispiele, wo dieser 
unterschied streng festgehalten ist, Hessen sich noch zn 
dntzenden anfBhren. Nur gegen das ende des psalters 
(dieses stfick ist auch von anderer hand geschrieben) er- 
scheinen diese Verhältnisse etwas verwischt, dergestalt, dass 
sich die nasalformen auch beim verbum finden: wwedz me 
w drodze wekvgey 138, 23 fAhre mich auf ewigem wege; 
doch nicht die formen ohne nasal bei Präpositionen. 

Aller Wahrscheinlichkeit nach entsprechen diese alt- 
polnischen acc. miß de sie (aus ursl. *me He *8S) den ai 
tonlosen acc. ma tva, während me cee 80 (= ursl. mf tp sf) 
den ai. orthotonierten mam tväm zu vergleichen sind. Der 
gebrauchsunterschied im Florianer psalter stimmt hervor- 
ragend zu dieser annähme. In den andern slavischen sprachen 
sind die nasallosen, unbetonten acc. durch fn§ t§ sf verdrängt 
worden. 

So werden im Slavischen die formen m^ t§ 8§ von hause 
aus nicht tonlos gewesen sein. Sie sind es in den einzelnen 
sprachen erst allmählich geworden, wie z. b. im Serbischen 
c'u c'es u. 8. w. als hilfszeitwort enklitisch geworden ist, im 
Slovenischen die verkürzten futurformen bom, hosy bo u. a. 
(vgl. vf. „Wortfolge in den slavischen Sprachen," 60 ff.). 

Schon aus diesem gründe wird man aber der aufstellung 
uralter betonter accusative mene tebe sebe mit raisstrauen 
begegnen müssen. In der that ist die existenz derselben 
ausserordentlich schwach gestützt. Meillet selbst erklärt s. 94 
offen genug: „ebenso wenig wie die acc. *tewe *8etve^) hat 
der acc. *niene eine entsprechung ausserhalb des Balt.-Slav." 
Das einzige mittel, mit dem er das bestehen solcher alten 
acc. mene tebe sebe beweisen will, bildet die anfdhrung einer 
griechischen parallele: die acc. r/d V^' ine und i/nd, die er- 
halten sind, seien ursprünglich auch gen. gewesen: in dieser 
funktion sind sie dann mit je nach den dialekten verschie- 
denen genetivendungen versehen worden und haben so die 
vorhandenen genetivformen geliefert. Zugegeben, dass sich 
dies wirklich so verhält, so wohnt doch trotzdem dieser 
parallele sehr wenig beweiskraft inne, weil die slavischen 

») Das b von tebe sebe erklärt Meillot ansprecheod durch eine Über- 
tragung von den dativen tebi sebl^ in denen es von jeher heimisch war. 



[)er ^nmv-Btfs 



Wesen im 



imh 



farmeE ihrem gauzeu habitus Dach von deu gilechiacheu 
grundverschieden slud. Ausserdem zeigt gerade doch das 
beispiel des Griechischen, das die acc-formen mit gen.- 
endungen versah, deutlich, dass die einzelsprache die gleieh- 
Ueit des gen* mit dem acc. als niisslich empfand und an stalten 
traf, dieses Danaergeschenk der Ursprache wieder los zu 
werden. Die einzigen dem slav. mmie und tebe (wenn, wie 
wahi-scheinlich, aus *teve entstanden) wirklich entsprechenden 
ansserhalt.-älav. formen sind av* mana ai* täva av, tava. 
Diese formen sind aber ausschliesslich genetive. Diese 
thatsache fallt mit der centnerschwere des historisch ge- 
gebenen in die wagschale, so dass daneben Melllets geist- 
reiche, aber luftige kombinaüoneu für zu leicht befunden 
werden müssen. 

In mene tebe sehe darf man sicher nur ursprüngUcha 
genetive sehen; die entsprechenden accnsative sind nif f^ se 
(bezw. die im Altpolnischen erhaltenen me te sv). Wenn 
mene tebe sebe im Altkirchensh gelegentlich auch als acc. 
auftreten, so ist da,s nur ein Sonderfall Jener aUgemeinen 
erscheinung, dass der gen. bei belebten weseu für den acc, 
eintreten kann, deren gründe im folgenden erörtert werden 
sollen. 

Noch weniger überzeugend ist Meillets beweisflihrung bei 

den pluralformen der personalpronomina. Die alten echten 

ICC, sind hier ny und vy. Auch hier treten die genetivformen 

nasU und vasü im Altksl. so ungemein selten für die acc. ny 

lad vy ein, dasa wieder (s. 91) Meillet den Übersetzer einer 

unerlaubten Vorliebe für die letzteren zeilien muss. Er nimmt 

Rü, dass im Urslaviscben *ms und *vös, entsprechend den ai* 

nu und vm zugleich dat. gen. und acc. waren, und dass 

Bi&n diese mit der gen.-endung -sU (vgL prenss* noitson iouson) 

fersehen habe. Das mag richtig sein; doch warum geschah 

im? Oifenbar doch nur, weil die Schaffung einer besonderen 

genetivibrm als bedüiliiis empfunden wurde. Und nun soll 

m&n diesen eigens charakterisierten genetiv wieder als accu- 

SÄÜT verwandt haben, trotzdem ein deutlicher accusativ {ny^ 

^) vorhanden war? Das ist doch wohl eine these, zu der 

ilttlben gehört; wenn man nun noch gar von der grossen 

Mitenlieit dieser acc, na^t vasü hört so ist das nicht geeignet, 

^^ glauben zu mehren. 



370 Brich Benieker. 

So hat Meillet den beweis nicht erbringen können, daas 
die genetive der personalpronomina von haus ans zngleieh 
alte accnsative waren. 

Doch vielleicht ist er bei den geschlechtigen pronomina 
glücklicher? Sehen wir zn! 

Meillet analysiert hier die formen jego neben ^, togo 
neben tu (nnd hogo)^ die in den altksl. texten in accnsa- 
tivischer fanktion anftreten, wenn sie sich anf personen 
beziehen, und sncht sie als alte accnsative zn erklären. In 
-go sieht er nach dem Vorgang Miklosidis (Sitz.-Ber. der 
Wiener Ak., phil.-hist. Klasse, 62, 48) die hervorhebende 
Partikel go = ai. gha n. s. w. Die demente je- tch ko- soUai 
entstanden sein ans betontem *i6fn *t6m *k6m, den alten 
acc. Meillet bekennt sich also zu der von Hirt (JF. 2, 344) 
aufgestellten regel, dass im slavischen anslaut betontes o 
erhalten blieb, unbetontes in ü überging und dass der nasal 
keinen einfluss auf die gestaltung des auslautenden o hatte. 

Steht nun aber diese regel so sicher, dass man auf ihr 
weiter bauen kann? Vielleicht ist eine genaue nachprttftang 
doch nicht fiberflüssig. Zunächst o im absoluten auslant. Das 
einzige beispiel, das Hirt hier anfuhren kann, ist die endung 
der 3. p. sg. und pl. im abg. -tü^ in der er die mediale 
secundärendung -to sucht. Gewiss wird man die „partikel u^, 
die früher zur erklärung benutzt wurde, mit freuden fallen 
lassen, aber der ausweg, fttr den Indikativ präsentis eine 
mediale sekundärendung anzunehmen, die die im Altruss. 
erhaltene ursprüngliche endung -tl verdrängt habe, ist auch 
keineswegs verlockend und erscheint auch Meillet wenig wahr- 
scheinlich. Sehr treffend formuliert Jagic' seinen einwand 
dagegen (ASPh. 15, 428) : „soll denn wirklich beretü in Moskau 
eine medialform und beretl in Kursk eine aktivform vor- 
stellen?** Ebenso wie in den heutigen russischen dialekten 
liegen beide formen neben einander in den von Brückner 
entdeckten heilig-kreuzpredigten, dem ältesten denkmal der 
polnischen spräche, wo sich jes'c' neben jest findet (Prace 
filol. 3, 697). So wird man in der endung -tu wohl nichts 
anders sehen dürfen, als eine unter gewissen, freilich schwer 
noch eruierbaren sandhiverhältnissen entstandene Umformung 
von -ti^): in der einen spräche gelangte die eine form, in 

Natürlich fragt sich, warum nicht alle auslautenden 4 einer solchen 



l>#r g^iietäv-accuflfflTDei belebten wesen 



[laviteftfrö. 



371 



I 



der andeni die andere zur alleinherrschaft. Auf russischem 
sprachbodea wiederbolt sich in manchen dialekteu später noch 
einmal der Übergang von 41 zu -tu. 

Die von Jagic' gegen Hirt ins feld geführten vocative 
der fem. a -stamme auf -0, die nahezu durchgehende aufangs- 
betonung im Cakavischen wie im Kleinrussischea zeigen^ 
schaltet mau besser aus, da es sich hier ja um ursprüngliches 
-ä handelt. 

Doch nun zu -6s. A¥enn wirklich auslautendes -6s zu -0 
wurde, so ist doch sehr auffällig, dass nicht *fro aus *k68 
„wer" arscheint, das doch in den meisten fallen betont war; 
es erscheint aber kn-to ^wer^ und kU-ildo ^eder**. Um diese 
gestalt zu rechtfertigen, müsste man erst wieder analogische 
einwirkung annehmen. Die hauptstütze Hirts für diesen laut- 
wandel ist die endung der L p. pL -mo im Serb., Slov. und 
Kleinruss, Doch lässt sich durchaus nicht mit Sicherheit 
beweisen, dass diese form auf -mos zurückgeführt werden 
muss. Vielmehr kann -mo auf eine form ohne § zurückgehen^ 
die der ai* perfectendung -ma entspricht. Und ist dies nicht 
um so wahrscheinlicher, als sich unter den verben, die auch 
Hirt als den verbreitungsherd der endung -mo ansieht, ein 
altes perfect befindetj nämlich abg. vede {venu) „ich weiss"? 
Cak, mmo slov. vemo „wir wissen", klr. po-v^imo „wir er- 
zählen" entsprechen bis auf die durchgefü Jurte singularisehe 
Itammesgestalt ganz genau einem ai. vid^nä „wir wissen". 
Von hier aus kann sich diese volle charakteristische endung 
auf die in ihrer flexion so ähnlichen athematischen verba 
^ jeaniT, dami, jeniX — ausgedehnt haben, und hat dann auch, 
namentlich im Serb. und Slov,, thematische verba ergriffen. 

Bemerkt sei noch, dass die ortsadverbia kamo tamoj die 
Hirt nach Kozlovskij mit gr. trj^o^ ij^oc vergleicht, nicht zu 
seinen gunsten sprechen, denn das serb* kamo tlimo zeigt, 
dass auch im Slavischen hier nicht endbetonung vorlag. 

Dafür dass -oni zu -o geführt habe, kann sich Hirt nur 
wd die endung der nautra berufen, die nur bei den ursprüng- 

omfbnDQng^ rertiebn. Die antwort darauf ist deshiilb nicht »o ich wer, weil 
^ohl kein juidereB -1 so isoliert statid, wie da» iü der 3. p. In fUien wie 
SWiK tmd konfi war \ durch die obUquen ^asus ^edthütit; bei je»m\ daml 
**- B* w, hielt sich i, um den zusamoieufall tuit der 1* p. pL jemnuj tUtmü 

^ vtimeiden- im iuütr. gg. -nti verhinderte jedear&Uj die plurftÜsebe gestalt 

mr mAmgf -»*», die unübnimiig zu -mi*. 




372 ^ch Benieker, 

lieh endbetonten neatra heimisch gewesen und von dort aof 
die wurzelbetonten fibertragen sei. Doch hat diese erklftning 
nichts voraus vor der älteren, die das -o der neutra als eine 
Übertragung vom pronomen her ansieht: to entstand aus *tod, 
und -0 dehnte sich auf die adjectiva und dann auf die snb* 
stantiva aus. Der grund dieser Übertragung war derselbe, 
den Hirt flür die durchführung der betonten form annimmt: 
„das -0 wurde dem -n der masculina gegenüber als günstiges 
Unterscheidungsmerkmal verwertet.^ Hat man so schon keine 
zwingende veranlassung, einen Übergang vom -om zu -o an- 
zunehmen, so giebt es ein wort, das direkt dagegen spricht 
Das ist abg. asü „ich^, wo ai. ahdm auf endbetonung weist; 
es sei denn, dass man triftige gründe f&r eine Zurückziehung 
des accents im Slav. anführen könnte. 

Doch noch eine stütze für Hirts auffassung bleibt übrig. 
„Gestützt wird diese lautregel durch die genau gleichen Ver- 
hältnisse, die der indogermanische diphthong -oi im slavischen 
auslaut aufweist Bekanntlich wird derselbe bald durch -^ 
bald durch -i vertreten, ohne dass der grund dieses Wechsels 
aufgeklärt wäre. . . Diesen unterschied . . . kann die accent- ' 
Stellung bewirkt haben. Nehmen wir einmal an, dass zur 
zeit, als unser gesetz wirkte, oi noch als solches vorhanden 
war, so musste daraus -oi und -üi werden ; aus jenem ent- 
stand dann e, aus diesem i.^ Lassen wir es einmal gelten, 
dass bei diesem Wechsel von e und i die accentstelle eine 
rolle spielt, so lässt sich doch nie und nimmer erweisen, dass 
dieser Wechsel aus einer zeit stammt, als noch -oi bestand. 
Sicherlich kann doch i unter gewissen bedingungen, etwa, wie 
Hirt meint, der betonung, auch aus e entstanden sein (man 
denke an mati aus *matef). Dies letztere ist um so wahr- 
sclieinlicher , als jedenfalls Fortunatov recht hat, wenn er 
als lautwert von e in der der auflösung der slavischen Ur- 
sprache unmittelbar voraufgehenden zeit eine diphthongische 
Verbindung %e (ähnlich dem litauischen e) ansetzt (vgl. zuletzt 
Bezzenbergers Beitr. 22, 156 anm.). Auch stehen doch der 
annähme, dass ein -üi zu -i geführt habe, nicht geringe laut- 
physiologische bedenken entgegen. 

Aus allen diesen gründen ist es unwahrscheinUch, dass 
die betonung auf die Vertretung von auslautendem -o, -os, -otn 
einen einfluss ausgeübt habe. Sehr viel ansprechender und 



I>ef genetiT»aceuBfttiv bei bekbtatk wegen im Sl&vischen, 



373 



wahrscheinlicher ist die aufiassung Fortunatovs, die er schon 
seit vielen jahi*en gelehrt hat, dass „o im Gemeinslavisclien 
in auslautender geschlossener silbe (d. h. zu einer zeit, ak 
am ursprünglichen wortende gewisse consonanten noch vor- 
handen waren) in u lihergegangen und daraus wie aus jedem 
u ein seiner quantitüt nach irrationales u (ü) entstanden sei*^ 
fBezzenbergers Beitr, 22, 104 anm,); am angeführten ort 
fpridit er auch eiuleuditend über to und den ausgang der 
Beutra. 

So baut also Meillet, wenn er nach Hirts regel -ko aus 
*k6fn u. s> w. erklärt, auf unsicherem gründe. Doch selbst 
wenn man einmal annimmt, dass Hirts regel wirklich zutrifft, 
so ergeben sich doch lür Meillet Schwierigkeiten über Schwierig- 
keiten. Kr selbst erkennt schon die eine, dass nämlich, da 
doch nur ein element betont sein kann, je-^ to-, ko- und -ffo 
streng genommen sich gegenseitig ausschliessen ; daher muss 
er Hirts regel auf -6$ und -otn beschränken, absolut aus* 
lautendes -o aber in jedem fall erhalten sein lassen. 

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die betonten 
ace* töffo und jego sich nur auf personen beziehen, nie aui' 
Sachen, So heisst es Mar* Mattb. IT, 27: obr§ste^i statirü tu 
vU^emü daidü inttil ityi^iTfig arartj^a' itteivov Xttßmv Sog 
vtvToCgt WO doch tu fraglos stark betont ist. 

Noch weit mehr aber fallt eine dritte Schwierigkeit ins 
gewicht, dass nämlich der acc. tä auch dann auftritt^ wenn 
' er betont ist und sich auf personen bezieht, wie in dem fall 
Job. Ö, 29: da vertijete t^fl tU jegoie posüla onTu Meillet 
nimmt freilich an, dass in solchen fällen der accent auf der 
prÄposition lag* Doch mit welchem recht? Fälle wie cech, 
^ t'as aus Pä tU ^asU beweisen das nicht: denn sie konnten 
und mussteu auch entstehen, wenn die betonung, wie an- 
zunehmen, vü tu i^dsU war*^) Ausserdem bemerkt Vondräk 
0- c. 327) ti'eifend, dass man dann ja nach dei^selben regel 
die Präpositionen in der gestalt *v6 (aus *6n% ^s6 aus "^sam 
(TgL sq4ogü^ sq-sedu) erwarten solltCj die aber nie vorkommt. 
Eine letzte Schwierigkeit endlich birgt die frage in sich. 
Warum sich die betonten formen to- je- ko- nur im accusativ 

") TfL mseerdeiD, dms, wie oben bemerkt, das ÄltmsB. und Altpoln. 
t^^^^ eine betonung' der prüpoBitLoii In der Verbindung mit dem aec. der 
^'^'^^i^iuipranomina äp rechen. 
Ä^tocbiin flu T#tgi, 8pi»«iif. N. r. xviL ä. 25 



374 



Erich Berti eler, 



erhalten haben soUteiL und nicht auch im nominatiT* Meillet 
meint, dass die nominaüve tu, ku-to analogische formen nach 
den nominalen i>-stämmea seien. Doch ist das keine er- 
klärung^ denn man fra^ dann doch sofort, warum sich denn 
die angeblichen acc. kogOf togo trotz der ganz gleich geföhi- 
liehen nachbarschaft erhalten haben, 

Angesichts dieser fülle von widerstreitenden tbatsacheo 
scheint es rein nnmöglich, in den formen togo kogo jego ihrer 
bildung nach ursprüngliche accusative zu sehen. Es bleibt 
nnr übrig, sie als genetive zu fassen, die ebenso wie mmef 
tebej sehe in accnsativischer Verwendung unter bestimmten 
bediugungen auftreten. Freilich sind ja, wie bekannt, die 
slavischen pronommalen genetive auf -go ibrer eutstehung 
nach höchst dunkel. Meillet schliesst sich der erklärung von 
Maretic' (Rad jugoslavenske akademije 112^ 41 ff.) an: go 
sei, wie MUdosich schon bemerkt, eine hervorhebungspartikel 
gleich ai, gha u* s. w., die an den gen. *ta (lit. io) angeftgt 
sei. Dieses *tagö sei dann unter dem einfluss des dat. tömu 
und des loc. tömX zu togo umgestaltet worden. Gegen die 
möglichkeit einer solchen entstehungsweise wird sich kaum 
viel einwenden lassen. Etwas auffällig erscheint freilich 
immerhin diese Umformung des deutlich cliarakterisierten 
genetivs *tatjo zu togOf da sein a doch durch die euduiig der 
nominalen o-stämme {raba zu rahü) gestützt war. Auch giebt 
der russische und kaschubiscbe genetiv auf -vo doch zu denken, 
wie Fortunatov (Bezzenbergers Beitr. 20, 182) ausflihrt, dazu 
das fricative y dieser formen in manchen grossruss. dialekt^n. 
Wenn man sich auch schwerlich wird entschliessen können^ 
mit Fortunatov ein gemeiuslav. Hoyo aus *toio anzunehmen, 
so deuten die von ihm angeführten thatsachen doch vielleicht 
darauf hin, dass die erklärung von go als Partikel gleich ai. 
fjha auch ihre bedenken hat. 

Doch wie man auch die formen auf -go ihrer herkunft. 
nach deuten mag, hier genügt die thatsache, dass sie vom 
ältesterreichbaren zustand des Slavischen ab in genetivisciier I 
geltung auftreten. Wenn sie nebenher als accusative gebraucht 
werden (wenn sie sich auf belebte wesen beziehen), so ist das _ 
ebenso aufzufassen wie vorher bei mmie^ tebe, sAe; nusU tuidl 
vasU. Diese, sowie jego^ togo^ kogo sind als aJte accusative ■ 
^nicht zu vers^tehen : sie können daher auch nicht den a" ^ 



Der genetiv'accußativ bei belebten wesen im Slavischen. 



375 



pimkt Mr die erklärang des genetiv-accusativs abgeben; 
dieses problem fordert eine andere lösung. 

Eine solche schlägt Vondrak vor (ASPh. 20, ^28 und 
Aksl. Gramm. 153). Er sagt an der ersteren stelle: „es war 
eüi guter einfall, beim forschen nach dem ursprnng des 
genetiv-accusativ sich vor allem bei den pronominalformen 
umzusehen. Auch ich bin der ansieht, dass hier seine heimat 
zu suchen ist. Aber ich gehe nicht vom pronomen personale 
m% sondern vom fragepronomen kuto. Hier war es vor 
allem notwendig, dass der fi^agende von vorneherein genau 
angebe, ob er nach dem subjecte oder objecte frage, virozu 
eben der ursprüngliche nom- acc. sg* *ku (küto) nicht ge- 
schaffen war." Nun lautet thatsächlich der acc. von kUto nie 
anders als kogo^ dem gen, gleich, und Vondrak meint daher, 
dass bei diesem wort der ausgangspunkt des gen.-acc, zu 
suchen sei. Für die wähl des gen, macht er nicht, wie 
Meillet, morphologische, sondern syntaktische gründe ver- 
antwortlich. Er erinnert daran, dass sich der gen. mit dem 
acc. im Sla vischen vielfach syntaktisch berühre. „Wir brauchen 
hier nur an den gen*, der in negativen Sätzen statt des acc, 
steht, zu erinnern, ferner an den partitiven gen. bei vielen 
verben, der vom aec. mitunter ersetzt wurde u. s. w*^ Die 
zweite thatsache ist nur sehr gering einzuschätzen, desto 
gewichtiger ist aber m. e. die ei*ste. 

Wie ich schon in meiner russischen gi^ammatik (Leipzig 
1897, s. 48) kurz ausgeführt habe, suche ich den ausgangs- 
punkt flir den gen. als acc. bei belebten wesen in dem ge* 
brauch des genedvs als objectscasus im negativen satz (freilich 
habe ich dort in dem werkchen , wo ich keinerlei Voraus- 
setzungen machen durfte, meine erklärnng gewissermassen auf 
russischen boden projicieren müssen). Dass das object im 
negativen satz in den genetiv tritt, ist eine uralte erscheinnng, 
die über das Slavische hinaus im Baltischen, ja im ältesten 
Grermanischen verbreitet ist (vgl. Delbrück, VgL Syntax J,338, 
341), Es hiess im Slavischen ursprünglich — es sei gestattet, 
ganz primitive beispiele zu wählen — synä vkUtU oUct^ synU 
viditü tfradüj aber im negativen satz syftU ne viditü otU% 
mfnU ne viditü gtada^ So bildeten sich für das Sprachgefühl 
zwei object^typen heraus: der eine im andere im 

gen. Der alte acc, der auf lautlichem » meisten 



376 Brich Bemeker, 

stammklassen — hauptsächlich kommen die -o- und io-stämme, 
als die zahlreichsten^ in betracht — im sg. mit dem nom. 
identisch geworden war, bot gerade bei den Wörtern, die 
Personen bedeuten, einen missstand, der allmäMich unangenehm 
fühlbar werden musste: bei der sehr freien Wortstellung des 
Slavischen (vgl. z. b. die skizze der altrussischen Wortfolge 
bei verf. „die Wortfolge in den slavischen Sprachen", s. 1—16) 
konnten vielfach Zweideutigkeiten in der auffiassung entstehen, 
wer der handelnde, wer der leidende teil, wer das subject, 
wer das object sei. Ein satz wie synü viditu otl(ft ist doppel- 
deutig: er kann heissen „fllius videt patrem", aber auch 
„filium videt pater*^. Man musste also, um einen solchen satz 
nur eindeutig zu machen, die objectsbeziehung klarer be- 
zeichnen. Und wenn man dazu einen andern casus als den 
acc. wählte, so ist es klar, dass die wähl doch auf keinen 
andern als den gen. fallen konnte, der doch von jeher in 
einer ausserordentlich grossen anzahl von fällen — nämlich 
in allen negativen Sätzen — schon als object fungierte. Bei 
Wörtern, die keine belebte wesen bedeuten, konnte der alte 
acc. erhalten bleiben, da ein missverständnis kaum zu be- 
fürchten war. 

Dass der gen.-acc. kogo bei dem process eine hauptroUe 
gespielt habe, kann ich Vondräk nicht zugeben. Gewiss war 
gerade bei küto ein dringendes bedürfnis vorhanden, einen 
vom nom. deutlich unterschiedenen acc. zu haben. Doch wird 
man zu kogo erst dann gegriffen haben, nachdem schon andere 
beispiele für den gen.-acc. bei belebten wesen in positiven 
Sätzen vorlagen, denn gerade das fragepronomen kann in 
negativen Sätzen doch nur eine sehr bescheidene anwendung 
gefunden haben. Wenn Vondräk daraus, dass man im Aksl. 
„bei den o-stämmen und selbst auch beim pronomen" noch 
sehr viele ursprüngliche accusative findet, schliesst, dass ab- 
gesehen von küto — kogo „das bedürfnis gamicht so gross 
war, einen vom nom. verschiedenen acc. zu erhalten", so ist 
darauf zu erwidern 1. dass zur zeit unserer aksl. quellen der 
gen.-acc. offenbar erst zu beginn seiner ausbreitung steht. 
2. dass die pronomina doch zumeist vom nom. verschiedene 
acc. hatten: m^ (nom. aeü), t^ (nom. ty), jl (nom. onü\ das 
bedürfnis bei ihnen also auch nicht gross sein konnte. Auf 
die neutra, wo Ja auch seit jeher der acc. gleich dem nom. 



Der genetiv-accusativ bei belebten wesen im SlaviBchen. 



377 



war**, darf er vollends nicht verweisen, da neutra auf -o 
überhaupt keine personen bezeichnen, und hier also gamicht 
in frage kommen können. Aus einem andern gründe leugnet 
Mühlenbach (s. 1200) das bedürfnis eines vom nom. ver- 
schiedenen acc. „Auch in andern verwandten sprachen fällt 
mitunter der nom, mit dem acc. zusammen, z, b, im Deutschen 
bei den femininen: ^die mutter" — nom. und acc.» und doch 
findet sich im Deutschen durchaus kein ersatz des acc* durch 
den gen. oder einen andern casus." Diese bemerkung ist 
nicht sehr glücklich. Denn ganz abgesehen davon, dass was 
für die eine spräche gilt, doch nicht ohne weiteres fiir die 
andere spräche gelten muss (wofür beispiele anzufahren 
trivial wäre), besitzt das Deutsche doch ein mittel (wa« 
Mtihlenbach entgangen ist) in solchen fllllen den subjectscasns 
vom objectscasus zn scheiden* Dieses ndtte! ist die feste 
Wortstellung, die allmählich zur voransteUung des subjects im 
Satz gelangt ist; über die motive dazu hat Wnndt, Völker- 
psychologie I. 2, 372 ff gehandelt. Ein normales Sprach- 
gefühl kann im allgemeinen einen satz wie „die mutter liebt 
die tochter" nur als „mater amat filiam^, nicht als „matrem 
amat filia" auffassen. 

Solche gründe können also nicht die annähme erschüttern, 
dass sich im S! avischen wirklich ein bedürftiis fiihlbar machte, 
bei belebten wesen eine vom nom, verschiedene accusatlvform 
besitzen, filr die aus den oben erörterten gründen der 
etiv emtrat. Ausser bei den masc. o-st, kam der gen,- 
acc. aus dem gleichen anlass auf bei den geschlechtigen 
pronominen, wenn sie sich auf belebte wesen bezogen, endlich 
auch bei den personalpronominen, wenn es galt, besonders 
betonte accusative auszudrücken. Dass mene febe sehe so 
angemein spärlich im ältesten Slavischen für me t^ sp auf- 
treten, erklärt sich daraus, dass hier einerseits wegen der 
Verschiedenheit des acc, vom nom. kein dringendes bedürftiis 
vorlag, und andererseits mf ff sf von haus aus nicht tonlos 
^aren, sondeni erst allmählich dazu herabsanken. Der gen.- 
acc. ei"s treckt sich im AltksL niu^ auf den Singular, weil im 
p'nral noch kein bedürfnis vorlag, nom. und acc. geschieden 
^aren : nihi nom. und raby acc. Der einzige fall, wo der 
^11- für den acc. im plural eintreten kann, liegt, beim personal- 
PJ^ouomen vor: nmU und vasn. treten j wenn auch selten, an 






378 Brich Berneker, 

stelle von ny und vy auf. Das ist kein zofall, denn aach 
hier galt es, wenigstens beim pron. der 2. pers. eine aswei- 
deutigkeit zu vermeiden, da nom. und acc. vy gleichlautend 
waren. 

Interessant ist, dass auch auf baltischem Sprachgebiet 
sich ein ersatz des acc. durch den gen. findet und zwar 
ebenfalls, um eine durch den lautlichen zusammenfall zweier 
casus entstandene Zweideutigkeit zu beheben. Mählenbadi 
fUhrt dies in seiner abhandluug aus dem Lettischen des 
kreises Talsen an. Hier ist bei dem pron. der 3. pers. 
wiVsch fem. win'a der acc. sg. masc. und fem. lautlich in die 
form lüinu zusammengefallen, so dass z. b. es satiku tcin'u 
doppeldeutig sein würde. Wie hilft sich dieser dialekt aus 
der Verlegenheit? Er gebraucht als acc. fem. den gen. fem.: 
es satiku win'u ist „ich traf ihn^, es satiku win'as „ich traf 
sie^. Als grund fttr diese wähl führt schon Mühlenbach neben 
anderem jedenfalls treffend den gen. als object im negativen 
satz an. 

Auch im Litauischen scheint beim pronomen — hier aber 
beim Personalpronomen — einmal der gen. für den acc ver- 
wendet worden zu sein; wenigstens leistet eine solche annähme 
bei der erklärung der mannigfaltigen genetiv- und accusativ- 
formen des lit. pron. pers. die besten dienste. Die litauische 
Schriftsprache hat heute als acc. die formen mayi^ tav^ sav^. 
Ob diese aber in Wirklichkeit je einen nasal gehabt haben, ist 
zweifelhaft. Fortunatov bemerkt hierüber bei Mühlenbach 
s. 1207: „Ich mache anlässlich dieser mittellitauischen formen 
(also auch der preuss.-lit. Schriftsprache) darauf aufmerksam, 
dass man sie fälschlich mit § statt mit e schreibt. In der 
gesprochenen spräche können die mitteUit. formen mane tave 
save niemals die endung § gehabt haben, weil sie sonst aus 
betontem f die endung ö zeigen müssten und nicht ?, das 
man thatsächlich überall in diesem dialekt findet, obschon in 
anderen lit. dialekten bildungen des acc. sg. der personal- 
pronomina mit altem nasalvocal bekannt sind (zemaitische und 
ostlitauische dialekte mit -i aus -p)." Diese acc. mune tave 
save ohne nasalvocal (wie sie z. b. auch die üniversitas lin- 
guarum Lituaniae 1737, neu herausgegeben von Rozwadowski, 
Krakau 1896, bietet) sind nichts anderes als die alten gene- 
tive, entsprechend — Umbildungen auf beiden selten ab- 



Der genetiv^aecnsatiT bei belebten weaeu im Slavischen. 



379 



gerechnet — den slav. mene tebe sf'be. Diese genetive haben 
die alten vorauszusetzenden acc. *mf Hf *sf, die doch wohl 
irgendwie den preuss* mien tien sien (vgL verf. Preuss. Sprache 
207) 2U grimde liegen, verdrängt und werden als acc, ver- 
wandt: den aiisgangspunkt ftir diese erscheinung bildeten eben 
wieder die negativen sätze. Als genetive erhalten sind diese 
formen noch im Altlitauischen und vielleicht noch dialektisch 
um Tilsit: ans Witszen fiibrt Kurschat mani^ (doch wohl 
nutne) als gen, an. Spater wurde dann der gen. durch ein -s 
charakterisiert, und es entstanden die formen maves taves 
mves (m in der Universitas: mänee, täwes^ säwes oder saweSf 
und z. b, in Oodlewa). 

In einem andern ieU des titauischen Sprachgebiet« (und 

im Lettischen: maui tewi sewi) kamen die accusati\^ormen 

maii^ tavf save auf, indem an die accusativisch fungierenden 

geuetivformen mane tave save ein nasal gefügt wurde; möglieh, 

d&Bs hier, wie Brngmann, Grundriss II, 812 annimmt, eine 

nach Wirkung der alten acc- *mf H§ *sf vorliegt, doch kann 

man auch an beeindu8snng von selten des nomens denken.*) 

Offenbar haben diese neuentstandenen formen mit nasal durch 

veruiisehung eine Zeitlang auch als genetive dienen müssen: 

mani lautet nach Kurschat der gen, noch in manchen ostli- 

tamischen dialekten (Kupiszki, Onikszty, Merecz). Doch auch 

in dieser gruppe (und im Lettischen) trat dann dasselbe ein, 

wie in der ersteren: der gen. erhielt sein charakteristisches -s, 

und so entstanden manfs tav^s mups (lett. nmnis tewis seivis). 

So sind die formen mmi^'s tavps savf^'i ofienbar verhältnis- 

iQässi^ recht späte bildungen und man darf mit ihnen keines- 

w^ (wie Znbaty, ASPh. 15, 513) die heutigen gi'ossruss. 

formen mena teVa bA'ü ftlr altes mmm tebe mbe vergleichen. 

Tom slavischen Standpunkt bemerkt Jagie' dagegen mit recht 

t ebenda 521): „diese Zusammenstellung . . . kann mir un- 

inöp;lich imponieren, da ich ja weiss, dass die russischen 

formen auf -a ein verhältnismäseig junges produkt sind nnd 

Jass der endang -'a eine ältere -e {lebe s€^e) vorausging, 

Welche zwischen mene nnd mena in der mitte steht, ganz so 

*ie $^nove zwischen sytwve und synov'a vermittelt (Kriticeskija 

^) Es wär^ dann hier diiaselbe eingetreten, was gewisse griechiscbe, 
''We\te zeigfen, wo iu£t^ und ttf^' f^v ^uf tmd jut erscheintj vgl Meyer 
*^>4«o4 Granmi.^ 50?/ 



380 Ench Bemeker, 

zametki 51).^ Diese russischen fonnen sind in der tiiat 
schwierig za erklären. Jedenfalls darf man nicht sagen, dass 
hier die seltene genetivendnng -e der „gewöhnlichen^ -a an- 
geglichen sei (Mühlenbach, a. a. o. 1208 anm. nach Brandt 
in der russischen Übersetzung von Miklosichs Vgl. Wortbildnngs- 
lehre 436): hätte eine solche angleichung stattgeftinden, so 
hätte sie bei der eminent femininischen deklinationsweise der 
Pronomina (dat. loc. nUne tebe sehe instr. münojq tobojq sohqjq 
ganz wie vode, vodojq) nur vom femininum ausgehen können. 
Die gen.-acc.-formen auf -a sind nicht fiberall im Russischen 
verbreitet: sie sind unbekannt im Eleinruss., in den meisten 
Weissrussischen und südgrossrussischen , sowie in einigen 
(wenigen) nordgrossrussischen dialekten. Man könnte sie 
wohl durch die annähme einer Umbildung nach den accusativen 
m'a t'a s'a (aus mf tf s§) erklären wollen. Doch wird man 
wohl die möglichkeit eines rein lautlichen entstehens dieser 
formen unter bestimmten bedingungen nach Schachmatovs 
tiefeindringenden Untersuchungen (Izsl6dovanija v oblasti mss- 
koj fonetiki 212 ff., speciell 219) nicht mehr leicht bezweifehi 
können.. Es ist dies ein kapitel aus der geschichte des e- 
lauts im Russischen, die sehr einfach erscheint, sobald man 
nur die Schriftsprache berücksichtigt, deren compliziertheit 
aber ins grenzenlose wächst, wenn man die alten sprach- 
quellen und die modernen dialekte, wie schuldig, mit be- 
rücksichtigt. 

Doch kehren wir nach diesem excurs zum gen.-acc. im 
Altksl. zurück und sagen wir noch einiges über seine Ver- 
breitung. Leskien drückt sich hierüber (Handbuch' 56) so 
aus: „nach einer syntaktischen eigentümlichkeit des Slavischen, 
die im Altbulgarischen nicht völlig ausgebildet ist, kann bei 
bezeichnungen belebter wesen masc. gen. der acc. sg. durch 
den gen. sg. vertreten werden.** Meillet ist anderer ansieht; 
er meint die fälle, wo der alte acc. sich noch mehr oder 
weniger häufig bei belebten wesen erhalten hat, in bestimmte 
kategorien zusammenschliessen zu können. „Die regel ist ein 
wenig enger im ältesten Altslavischen, als in den späteren 
dialekten, doch sie ist, wenn sie sich auch auf weniger Wörter 
bezieht, ebenso präcis und ebenso rigoros in den kategorien, 
für die sie gilt." Die kategorien, für die nach Meillet die 
regel des gen.-acc. noch nicht gilt, sind 1. solche substantiva, 



Der ^cnetiT-'acciisatiT b«t belebten wesen im Slaviichen. 



38 i 



die ursprÜBglich nicht o-si. waren. 2. Wörter, die weseu 
bezeichnen, die nicht für personen gehalten wurden. 3, Namen 
für geister. 4* Unbestimmte stibstantiva. Doch ist es nicht 
schwer, zu zeigen, dass nicht alle fälle ffir bewahrung^ des 
alten acc. in diesen kategorien aufgehen, denn 1* bringt 
Meillet unter seine erste kategorie fälle, die sich dadurch 
nicht erklären lassen j 2. besteht seine vierte kategorie nicht 
die prüfiing. 

Unbestreitbar ist, dass der acc* synfl ^sohn" sehr häufig 
in den ahg, texten vorkommt* Meillet sagt: „der acc. ^nU 
ist keine ansnahme von der regel , . ., weil sywtt ein alter 
II -stamm ist/ Diese bemerkung wird man als richtig an- 
erkennen dürfen, freilich mit dem zusatz, dass der alte acc. 
I wytiU nur deshalb bewahrt ist, weil ein gen. -acc, syniir zu 
' isoliert in der spräche gestanden hätte, m^nft ist der einzige 
f4-stamm, der eine person bedeutet, und die tiben^aegende 
mehrzahl der gen.-acc. gehörte den o- und i^s-stämmen an 
und ging daher auf -a und -ja aus. Da bewahrte man offen- 
bar den alten acc. j^f/nTi noch eine Zeitlang gewissermassen 
als das kleinere tibel, und der ersatz durch den gen. trat 
erst dann ein, als durch die verquickung der w-st. mit den 
o-st, ein gen, sy^ia fttr das sprachgeflihl möglich wurde- 
Ähnlich erklärt sich, dass sich kein gen. acc. von den i- 
Stämmen auf -i findet Die zahl der personen bedeutenden 
i-st, war so gering (gostl z^ti tatf), dass auch ein solcher 
gen.-acc. auf 4 zu isoliert gewesen wäre, und so tritt auch 
bei ihnen der gen.-acc. erst ein, als in den späteren perioden 
der einzelnen Slavinen die masc. i-st. in die fo-st. aufgegangen 
sind, und gen, auf -V möglich werden^ wie russ. göd^a^ z*ai*ü. 
Sicher im unrecht ist aber Meület, wenn er meint, dass 
auch ursprünglich konsonantische stamme die neigung hatten, 
den alten acc. zu bewahren. So will er den acc* hratrU brattl 
erklären. Doch bedenke man, dass hraträ hfatu auch nicht 
mehr die spur einer konsonantischen flexionsweise bewahrt 
hat, dass es ganz zum o-stamm geworden ist und als solcher 
empftmden wird, und man sieht, dass diese erklärung fallen 
muss* Etwas anderes wäre es schon, wenn der acc, Hratrt 
lautete, das man direkt lat. fratr-em gleichsetzen könnte; 
doch eine solche form existiert nicht* Auch der acc. mqii 
soll erhalten sein, weil mqii ursprünglich ein konsonantischer 




382 Ericli Berneker, 

stamm war. Die io-flexion soll aus dem acc. *m<mg'^ der 
zu mqix f&hrte, hervorgegangen sein. Doch lässt sidh ein 
stamm *inang' nicht erweisen. Dass der io-stamm in diesem 
wort alt ist, beweist das Lettische. Fortonatoy vergleicht 
(Bezzenbergers Beiträge 22, 160 anm. 1) mqH ^mann'^ nit 
lett mu'hfchs, -a (d. i. fnu^s) ^lebenszeit^. Zur bedentmigs* 
entwicklang bringt er preoss. amsin „volk*^ zu lit dmiis 
amJtias „I&nge zeit, lebenszeit^ bei; ich möchte noch erinnern 
an lit. vaXkas „knabe, söhn, pl. kinder^ zu slav. veku „lebens- 
zeit, lange zeit"; dieses wort steckt auch in ölhvekü ^^mensch", 
dessen erstes element zu slav. Mjcuti ^£ämilie'^, lit. kiltis y^ab- 
stammung, geschlecht", le. zVÜs „gesdüecht, stamm^ gehört 
Endlich sollen sich die beiden beispiele für den alten aoc. hä 
Wörtern auf -telji im Clozianus aus der ursprünglich con- 
sonantischen natur dieser stamme erklären, was ebenfalls 
hödist unwahrscheinlich ist, da der sg. dieser Wörter rein 
zum io-st. geworden ist. Meillet geht sogar so weit, aas der 
existenz der alten acc. bei den Wörtern auf -tdß und -arfi 
den voc. -telju und -arju zu erklären, der nach der proportion 
acc. sjfnü zu voc. ajpiu gebildet sei. Den voc. auf -u haben 
doch nun aber alle substantivischen -io-st. (mit ausnähme 
derer auf -cT und -del, die aber sicher erst zu io-stämmen 
geworden sind): eine einleuchtende erklärung dieses casus 
giebt Leskien, Bildung der Nomina 3j?8. 

Wahrscheinlich ist Meillet auf seine ansieht, dass ur- 
sprünglich konsonantische stamme den alten acc. bewahren, 
mit geführt worden durch die beobachtung, dass das pari, 
präs. und prät. act. so häufig den alten acc. zeigt, obschon 
es sich auf eine person bezieht. „Das adjectivum, das als 
prädicat zum anaphorischen pronomen jl, wenn es eine per- 
son bezeichnet, oder einem tonlosen Personalpronomen gehört, 
steht im gen.-acc, wenn das prädicat hingegen ein particip 
ist, findet man häufig den echten acc." Das ist eine durchaus 
richtige beobachtung, deren erklärung freilich nicht in der 
consonantischen flexion des particips liegt. ^) Es ist durchaus 

Meillet brauchte nicht lit. sdldif anzuführen, am wahrscheinlich zu 
machen, dass ein ursprünglich konson. acc. *nesqü im Slav. existierte, der 
unter dem einfluss des gen. nesqita u. s. w. zu nesqSH umgebildet wurde. 
Näher liegt doch der hinweis auf den lit. acc. part. n&zanfj, der mit der 
postulierten slav, form genau übereinstimmt. 



Der genetiv-occiiBfttiv bei belebten weien im Slsriscben^ 



383 



begreiflich, dass iß einem satz wie Zogr, Luc, 15, 27 Mdrava 
jt prijgtU das adj. im geu.-acc. steht, denn ein ^ndravU ß 
prij^tü wäre zweideutig gewesen ; es konnte sanus eum recepit 
oder ^num eum recepit heisren. Diese gefahr lag aber nicht 
vor beim particip, da dieses einen vom nom, TerscMedenen 
acc. besass. Man kannte ruhig sagen, etwa iizlre ß sed§st% 
weil dieses nur bedeuten konnte conspexit eum sedentem; 
sedens eum conspexit hätte ja sed^ ß uifire geheissen! So 
erklärt sich ganz einfach, warum beim part. der alte acc. 
sich länger halten konnte, als beim adj. 

Doch wie steht es mit Meillets kategorie der Unbestimmt- 
heit? „Wörter, die einen mann auf unbestimmte weise be- 
deuten, haben den alten acc. bewahrt," doch giebt er selbst 
zn, dass von dieser regel in den texten nur recht spärliche 
spuren vorhanden sind. Sein musterbeispiel ist ra&ft, worüber 
er sagt: j^rahü ist die unbestimmte form und bedeutet 
,^e i n e n knecht"^ ; raba ist die bestimmte form und bedeutet 
„den knechf^. In der that kann er einige beispiele an- 
führen, die fär einen solchen gebrauch zu sprechen scheinen, 
Ooeb es giebt auch ausnahmen. Eine führt er selbst an: 
Mar, Luc. 14, 17 posüla rabu svoß: aniainX^v tav Sovkow 
nvtfy{'*; eine andere hat er übersehen Zogr, Luc. 7, 3 da 
prisedfl »Up€Lseth j^abU jego: ontag iÄduiv ituueia^ tov 6ovIop 
(ivTov. Ausserdem erklärt er selbst, dass diese regel (ab- 
gesehen von den obigen ausnahmen) nur in den evangelien 
befolgt werde, dass im Supr, und Euch, aber beispiele vor- 
kommen, wo der echte acc. auch bei rabu in bestimmter 
bedeutung erscheint. Es ist klar, dass ausnahmen in dieser 
richtung ungleich schwerer wiegen, als wenn der gen.^acc. 
auch in unbestimmter bedeutung auftreten wurde. Das könnte 
man wohl aus der allmählichen ausbreitung desselben erklären, 
während die begegnenden ausnahmen, wenn wirklich der 
unterschied „bestimmt*' und „unbestimmt" in der spräche 
bestand, schlechterdings unerklärlich sind. So kann ich einen 
beweis dafür nicht erbracht sehen und kann daraus das 
sehwanken von ra^jü und raha nicht erklären, noch weniger 
die gelegentliche bewahrung des alten acc. bei dovilM oder 
gar bei den Wörtern auf -iku und -ict.^) 

*) Lange erhaltting des alten acc. bei dieser und der vorigen kategorie 
irird narh Meillet Indirekt l^ewieBcn durch die Übertragung <ier datiTendung 




384 Erich Bemeker, 

Es lassen sich also durchaus nicht alle bei belebten 
wesen im Aliksl. begegnenden echten acc. unter bestimmte 
kategorien unterbringen. Vielmehr ist ihr yorhandensein so 
aufenfassen, dass die erscheinnng des gen.- acc. hier erst in 
den anfangen ihrer ansbreitnng steht, die in den einzelnen 
sprachen verschieden weit ftthrte. Sehr schnell ist der ans- 
breitnngsprozess anfänglich offenbar nicht vor sich gegangen 
(wie auch Vondr&k a. a. o. 330 bemerkt), wenigstens nicht 
überall. Während z. b. das heutige Russische ganz radikal 
den gen.-acc. bei allen belebten wesen (menschen und tieren) 
im sg. wie im pl. (mit einziger ausnähme des acc. sg. fem.) 
und bei allen pronominen durchgeführt zeigt, steht der Sprach- 
gebrauch der altrussischen Chroniken dem Altkirchenslay. noch 
sehr nahe, wofOr hier an der band der HTpatiushandschrift 
(Ausgabe der archäogr. Kommission, Petersburg 1871) ein paar 
beispiele. So haben das anaphorische pronomen und die 
personalpronomina noch die alten acc, z. b. udari % vi gortata 
noieml 103 stiess ihm das messer in die kehle; chotjatn tja 
pogtdnti 92 sie wollen dich zu gründe richten. Der plur. der 
subst. ist vom gen.-acc. noch fest unergriffien: posla (Megü 
muH svoji 19 Oleg schickte seine mannen; vydajte vragi 
nasa 175 liefert unsere feinde aus; i privoeachu k nhna 
sestry svoja i m^iteri i zeny svoja 123 und führten ihnen 
ihre Schwestern, mütter und frauen zu; ganz vereinzelt sind 
fälle wie pohedi Vjatidl (gen.) Svjatosluvü 42 Sw. besiegte die 
Wjatitschen. Bezeichnungen für tiere stehen noch häufiger 
im acc. als im gen.: Olebü ze vsedTi na konX 94 G. stieg zu 
pferd; povoroti korä Mlstislavtl podtl soboju 327 M. wandte 
das pferd unter sich, d. h. ritt zurück ; nalezosa volfl sil^nn 84 
sie trieben einen starken stier auf. Der gen. ist selten: 



der U'St auf o- and jo-st. So sagt er s. 61 «der dativ rabavi ist hier wie 
anderswo ein resoltat des gebraachs dos echten acc. rabu*", ja s. 56 erklärt 
er sogar: „der dativ sü{i7iikovi Sav. ist ein indirektes zeugnis fUr die ezistenz 
des acc. stiünikü trotz der Übereinstimmung der handschriften in sütinika 
Mc. 15, 44!" Dieser schlnss ist nicht zwingend. Die Vermischung der w- 
st. mit den o-st. ist offenbar eine so alte erscheinnng, dass sie wohl aus 
einer zeit stammen kann, als der gen.-acc. bei belebten wosen überhaupt 
noch nicht im gebrauch war. Ja, sie könnte sogar — wenigstens ihre 
anfange — aus einer zeit herrühren, als auslautendes -o« und -om mit -U5 
und -um in -ti« und -ün zusammengefallen war, als also noch der acc. 
Yom Bom. geschieden war. 



Der geneftiT-aeciiaatb bei b&lebten wesen fm Slavischen. 385 

pochvati vola nikoju ia boM 89 er ergriff den stier bei der 
flanke. Dagegen ist der gen*-acc. bei den nmscul. Substan- 
tiven im sg, so gut wie durcligefWirt, für den alten acc, 
fliessen die beii^piele nur sehr sparlicb. Man kann etwa an- 
fuhren Olgil posadi t7U itemU miiil svoj 13 0, setzte dort 
seinen mann ein; Jm^opolkü posadi posadniku svoj vu Novi^- 
gorode 49 J, setzte seinen Statthalter in Nowgorod ein, Hüer 
dürfte sich der alte acc. bei pasaditi erhalten haben» weil bei 
dem begriff „eijüsetzen** in Verbindung mit einem ausdruck tilr 
untertban ein zweifei über Subjekt und Objekt nicht stattfinden 
konnte; in aUen sonstigen fällen steht bei nmJl der gen.-acc.^ 
80 z. b. miiia tvojego nHvhomü 35 wir haben deinen mann 
erschlagen. 

Öfters steht der alte acc, noch bei der präposition za im 
ausdruck für „ heiraten '^. So idi za noM knjas^ za MalH 35 
i kairate nnsern fürsten Mal; poimemU knjaginju jego Olgn m 
^jazl svoj Main 35 verheiraten wir seine fürstin Olga mit 
unserm forsten Mal! Doch findet sich daneben auch schon 
der gen^-acc. wie ehostesi U ta Völodimiraf ÖU willst du Wl. 
heiraten ? 

Der grund, warum hier der alte acc. bewahrt ist, ist 
jedeafallB in seiner Verbindung mit der präposition zu suchen. 
Gewiss blieb nach präpositionen der alte acc* länger besteben* 
weil hier kein zwingender gi^und für seine ersetzung durch 
den gen. vorlag, und dieser drang erst später ein, als er der 
ausschliessliche objectscasus bei belebten wesen geworden w^ar. 
In formelhafter erstarrung haben sich dann nach präpositionen 
bis auf den heutigen tag alte acc. bei belebten wesen erhalten: 
so im Kuss. vyjti ^a mtu „heiraten" (slov. za moi dati); zvat' 
r gosti ^einladen", vyjH v Ijtidi „unter menschen gehen", und 
eine ganze anzabl von Wendungen, wie prin'af v studenty 
^unter die Studenten aufnehmen"^ pröizveMi v oficery „zum 
ofßcier machen" u, a.; im Poln. tvydac' za mqJ^ ^verheiraten", 
siadar na hon zu pferd steigen, hyc ia pan hrat „auf du 
und du stehen", na sm^ty Michal „zu michaeUs'^, przehog 
„bei gott" (vgl Kryn'ski, Gramatyka jezyka polskiego 54). 

Es wäre eine interessante arbeit, den gang der ans- 
breitung des gen,-acc. von den ältesten phasen seiner an- 
wendun^ im Ältkirchenslavischen an bis in die modernen 



386 Srich Bemeker, Der genetiv-Acciisttiv bei belebtMi weeen a. & w. ^ 

davischen sprachen hinein zn verfolgen, doch geht dies fiber ^ 
den rahmen dieses anfisatzes hinaus. 

Nur möchte ich noch zum schluss anf eine ersdieinnng 
im modernen Rassischen verweisen, die eng mit dem gen.-acc 
zusammenzuhängen scheint. Das object im negierten säte 
steht noch heute im Russ., wie seit urzeiten, im genetiv. Doch 
begegnen hin und wieder ausnahmen; ungemein selten im 
masc, wie etwa Tolstoj einmal schreibt: dtoby ofia sad ne 
portila „damit sie (die hfitte) den garten nicht verdürbe^; 
aber sehr viel häufiger beim fem. So sagt z. b. Gk)n£arov: 
a Hob vas syn ne smiiSM bednuju devicu Ihr söhn sollte 
nicht das arme mädchen bethören; on ne uznal hahuSkti er 
erkannte die grossmutter nicht; ne razhudit' li barynju? soD 
man die herrin nicht wecken? 

Wie geht das zu? Sagen, dass hier der gebrauch der 
positiven Sätze eingewirkt habe, wäre keine erklärung, denn 
man fragt doch sogleich, warum sich dann dieser acc. gerade 
so häufig beim fem., und nicht auch im masc. und im plur. 
findet. Die erklärung dflrfte wohl die folgende sein: der acc 
sg. der fem. o-st. auf -u war der einzige acc., der überhaupt 
noch in der spräche bei belebten wesen existiert, sonst war 
überall der gen. durchgedrungen. So war man gewöhnt zu 
verbinden etwa: mtiza i zenu, barhia i barynju, knjazja i 
knjaginjii^ maVöika i devodku, gebrauchte also den acc. auf 
'tt in Verbindung mit einer genetivischen form. So konnte 
man versucht sein, diesen acc. auf -w gelegentlich auch da 
zu gebrauchen, wo der genetiv hingehörte, etwa in jenen 
negierten Sätzen, und sagte auch einmal: ja ne videl ni mxua 
ni zeniL Von hier aus wurde dann der gebrauch etwas 
weiter und ging auch auf nicht belebte wesen über, wie ja 
ne odobrjajti etu stat'ju (Dostojevskij) oder odtidko ne poterjal 
nadezdu (Goncarov). Besonders bemerkt sei noch, dass die 
strenge grammatik diese ausdrucksweise verpönt und im 
negativen satz auch beim fem. den genetiv als objectscasus 
verlangt. 

Berlin, Januar 1901. 

Erich Berneker. 



E. ZüpHii. Miscellen, 387 

Miscellen, 

L Zar Ursprache. 

Die gleicbung lat habeo: got. hahanj ahd. hahm gehört 
zu denen, die, häufig totgesagt, iinmer wieder zu neuem 
leben erstehen. Mau kann sieh uichi entsclüieäseu, sie end- 
giltig fallen zu lassen^ dazu ist ihre innere evidenz zu gross. 
Unsere Wissenschaft kommt ja aus einem kreislauf nicht 
heraus: sie geht von evidenten gleichungen aus, entnimmt 
diesen ihre geset^e und prüft an diesen gesetzen jene 
gleicbungen, die ihre grundlage bilden. Es ist keineswegs 
leicht, dieser rückwirkenden kraft der gesetze immer das 
rechte mass zuzuweisen; ein zu wenig ist hier ebenso vom 
Übel wie ein zu viel, das dann gleichungen beseitigt^ die ein 
höheres recht haben. In diesen letztereu fehler muss unsere 
Wissenschaft bei einseitiger und schem atischer handhab ung 
der lautgesetze unvermeidlich verfallen. Es muss daher von 
zeit zu zeit immer wieder darauf hingewiesen werden, dass 
die laut Wandelgesetze für unser denken ausnahmslos sind, 
die uns zugänglichen laut e n t s p r e c h u n g s gesetze aber keines- 
wegs, weder theoretisch noch empirisch, und dass fem er unsere 
Wissenschaft eben ausschliesslich auf evidenten gleichungen auf- 
gebaut ist, Dass diese evidenz zum guten teil sache des sub- 
jektiven nrteÜs ist, kann beklagt, aber nicht geändert werden ; 
die Sicherheit, die eine starre an wen düng der lautgesetze 
giebtj ist ja auch nur trügerisch. 

Es muss ohne weiteres zugestanden werden, dass die 
gleichung habeo: haban lautgesetzlich nicht zu rechtfertigen 
ist. Der weg, den einst Kluge eingeschlagen hat^ ist für uns 
lucht gangbar, denn das lautgesetz idg. kh = lat. h stützt sich 
eigentlich nur auf den einen fall: haheo haban. Dass habeo 
reguläres gh enthält, beweist got. gahei 'reichtum'; anderes 
hei Thui'neysen, Festgr. für Osthofi'. Zwischen habeo und haban 
besteht sonach dasselbe verhältni^s wie zwischen ai. hjd- 
%%rz\ aw« ifm'^d- und ai* groil-^ gr, x«^d/«, lat. <?ar, got. hairtö 
u. 8, w,, also ein Wechsel von media aspirata und tenuis. 
Ein solcher Wechsel ist längst beobachtet, litteratur bei Noreen, 
lautl- 186. 187. Sichere fälle sind ausser habeo h^d-: 

altir. yabim *nehme*, k, ffafaelj apr. dylapagapün *werk- 
zeug' (des weiteren habeo n. s. w.); lat. capio^ goL liafjan^ 
kymn €ml\ 



388 ^ ZapittA, 

gr. xnQ^^ 'verwaist', xn^^ 'wittwe', lat. heres 'erbe' (aL 
hä" 'verlassen'): abg. sirs 'verwaist', lit. seeirps 'wittwer'; 
ai. gadh' etwa 'halten': kymr. cadw 'halten' (^ghadh-: 

lit. iefigti, got. gaggan: mir. cingim 'gehe', kymr. rhygyngu] 

ae. dryge 'trocken', aisl. draugr 'trockenes holz' : gr. x^vyii 
'trockenheit'; 

gr. &€fieQcinig 'emst, finster blickend', ae. difn(fn), aisl. 
dimmr 'dunkel', ahd. timber, mir. deime 'dunkelheit' (vgL BB. 
XIX, 65): ai. tamo^ 'finstemiss', ahd. demar, altii*. temd, abg. 
tbmbns; 

lit. davJ^iü 'stosse', mhd. tue 'schlag': ai. tuüjdti 'stösst'; 

lit. bi^igus 'stattlich', gr. na/yq, ai. hahü-: lat. pinguis 
(doch vgl. Brugmann IF. IX, 346 flF.) ; 

lat. hamiis 'angelhaken': ahd. hamo\ 

gr. TBvdQfiifov 'wespe', avdQrjidv 'waldbiene', ^goopoi. 
xtfipi^v. AdxcDveg, ahd. treno , ae. dran 'dröhne': lit. tränaSf 
abg. trqts 'crabro'; 

ai. gh&r^ati 'reibt': ka^ati dss., abg. hrasta 'kratze'; 

lit. girdMi 'hören', gr. q>Qat,m: apr. kirdttwei; 

lit. griüti 'fallen', gr. sxQaovy lat. ingruo: apr. krül 
'fallen', lett. kravlis 'absturz', ae. hreosan 'fallen'; 

lat. ftiscus, ae. dox 'dunkel': g^uxad 'dunkel' (bei. Engl. 
Stud. XXVn, 271). 

aisl. draga, ae. dragan 'ziehen', aisl. drog 'streifen', aschw. 
dregh 'schütten', lett. dragat 'reissen' (ai. dhräji- 'zug', aisl. 
drak 'streifen'): lat. traho\ 

mhd. gupf 'gipfel': aw. kaofö 'berg', ahd. houf hüfo u. s. w.; 

arm. durgn 'töpferrad', bulg. trskalo 'kreis, rad' (gr. 
T(>o/o5 'rad' ist mehrdeutig). 

lit. dtrbti 'arbeiten', ae. gedeorfan 'sich mühen': mhd. 
verderben, vgl. ahd. sterban, aisl. starf 'mühe' ; 

air. dedaim 'tabesco, fatisco', lat. fatisco: lat. tä-bes, abg. 
tajati, aial.p0yia 'tauen', kymr. toddi 'schmelzen', ir. tcUh.Lsearg, 
mir. etath 'frische'; 

air. fordingim 'unterdrücke', mhd. tutw 'unterirdisches 
gemach', lit. deflgti 'bedecken': aisl. pungr 'schwer', pyngia 
'beschweren', abg. t§ibks 'schwer', t§gota 'last', tqga 'kummer' 
(die germ. Wörter können auch zu dem im letzten gründe 



MiüCfllleiL 



3S9 



vieliefelit verwandten ahd. dahjan 'drticken'j äwuigan 'be- 
zwingen' gehören), 

lat fiavuSf ae, de